ihrer ganzen Bedeutung würdigte. Der Redner ging dann auf die gegenwärtigen Verhältnisse ein, sprach von der Bedeutung, di« heute Versailles für uns habe, schilderte das Zustandekommen des Versailler Vertrages, die damit für uns verbundenen Demütigungen, die Auswirkungen in völkischer und machtpolitischer Hinsicht unb die Aussichten für die Zukunft des deutschen Volkes. Rach einem kurzen Rückblick auf die politische Entwicklung in Deutschland und das Werden des Stahlhelms, sowie nach Darlegung des Wollens und der Ziele des Bundes schloß der Redner mit dem Wunsche, daß es in Deutschland wieder anders werden möge, daß die Kraft Wiederkehre und die Macht, die Lebensinteressen des deutschen Volkes zu wahren und zu verteidigen: er forderte die Pflege des Geistes der Wehrhaftigkeit in der Jugend und wünschte weiter, daß der 18. Januar ein Feier-
* Bergmann - Elektrizitätswerke AG., Berlin. Die Verwaltung der Bergmann-Elektrizitätswerke AG., Berlin, teilt dem WTB.-Handelsdienst mit: Anfang Dezember 1931 gaben wir bekannt, daß geplant sei, einen unserer Betriebe mit gleichartigen Betrieben dritter zu vereinigen. Der Plan betrifft unser Glühlampenwerk. Die Verhandlungen sind mit den Firmen Osram und Pintsch geführt worden und jetzt zu Ende gekommen. Unser Glühlampenwerk geht später in den Glühlampenwerken von Osram und Pintsch auf. Wir beteiligen uns bei Osram, ferner fällt uns ein größerer Barbetrag zu. Außerdem behalten wir in dem Bestreben, die Fabrikation und den Vertrieb anderer elektrotechnischer Massenartikel weiter zu entwickeln, den Vertrieb von Glühlampen bei und haben uns dafür den Bezug von Osram- und Pintsch-Lam- pen gesichert.
Jtinfrertnarff in Gießen.
Auf dem heutigen Rinder-sRuhvieh)Markt standen 696 Stück Großvieh, 59 Fresser und 150 Kälber zum Verkauf. Es kosteten Milchkühe oder hochtragende Kühe: 1. Qualität 300 bis 400 Mark, 2. Qualität 200 bis 275 Mark, 3. Qualität 100 bis 180 Mark: Schlachtkühe 50 bis 250 Mark: Rinder 1/l* bis r/ijährig 60 bis 130 Mark, 3/t» bis 2jährig 80 bis 200 Mark, tragend 180 bis 300 Mark. Kälber das Pfund Lebendgewicht 20 bis 23 Pf. Marktverlauf schleppend: kleiner Lieberstand.
Frankfurt schwächer.
Frankfurt a. M., 18. Jan. Der Frankfurter Effektenfreiverkehr eröffnete die neue Woche in ruhiger Haltung, da Anregungen nicht Vorlagen. Die Tendenz neigte nach den vorausgegangenen Steigerungen zur Schwäche wobei die Unge- wihheit über die Frage, ob die Lausanner Konferenz am 25. Januar zusammentritt oder nicht, eine besondere Rolle spielte. Daneben verstimmte der schwache Schluß der Reuyorker Sam^-tagsbörle. Die Spekulation bekundete starkeZurück- haltung so daß das Geschäft nur sehr gering war. Es machte sich auf den meisten Märkten gewisses Realisationsbedür nis bemerkbar, und das Kursniveau erfuhr gegen den Wochenschluß eine Abschwächung um 1 bis 2 Prozent. Relativ gut gehalten blieb der Montanmarkt. Einen verstimmenden Einfluß bere tete auch ter heute erschienene Reichsbantausweis, der, obwohl die Deckungsziffer eine leichte Besserung zeigt, einen Gold- und Devisenverlust von über 20 Millionen Mark ausweist.
Auch am Rentenmarkt gab die Mehrzahl der Kurse bei st i l l e m G e f ch ä f t auf kleine Verkäufe des Publikums und der berufsmäßigen Spekulation meist um 0.5 bis 1 Prozent nach. Stärker gedrückt waren am Markt der Industrie-Obligationen Iprozentige Mainlraft, die 2 Prozent niedri-
und ein Ehrentag des ganzen Volkes werden möge, wie. er es dem Stahlhelm schon ist. Im Anschluß an die sehr beifällig ausgenommen«: Ansprache wurden zwei Verse des Deutschlandliedes gesungen. 2m weiteren Verlauf des Abends nahm der Bauführer Dr. Dehner die feierliche Verpflichtung der neuaufgenommenen Stahl- Helmer vor. Mit großer Aufmerksamkeit und lebhaftem Beifall wurden die von den Jungstahlhelmern unter der Leitung von Herrn Wei- nandy dargestellten lebenden.Bilder (mit begleitenden Rezitationen) ausgenommen. Die Beförderung von Jungstahlhelmkameraden, einige Pyramiden-Vorführungen der Jungstahlhelmer und eine kurze Ansprache des Ortsgruppenführers, der allen, die zum Gelingen der Feier beitrugen, dankte, beschlossen den offiziellen Teil des Programms. Das anschließende Konzert hielt die Besucher noch einige Zeit beisammen.
ger bewertet wurden. Bemerkenswert widerstandsfähig tendierten Liquidations-Pfandbriefe.
Tagesgeld war wiederum etwas leichter, doch blieb der Satz 6 Prozent.
Berlin ziemlich matt.
B e r l i n, 19. Jan. (WTB. Funkspruch.) Nachdem schon gestern abend auf Grund der Ausland- Meldungen und im Zusammenhang mit der nachgebenden Haltung der Mart weitere Kursabschwächungen eingetreten waren, blieb die Grundstimmung auch im heutigen Freiverkehr ziemlich matt. Mit besonderem Interesse verfolgte man die aus dem Auslande vorliegenden Pressestimmen zu der Frage einer eventuellen Verschiebung der ReParationskonferenz. Während in Frankreich anscheinend weiter die Absicht besteht, am 2. Februar die Abrüstungskonferenz abzuhalten und auf dieser Konferenz das Reparationsproblem unter Hinzuziehung von Finanzsachverständigen nur durchzusprechen, will die übrige Welt wohl an Lausanne festhalten und strebt nur eine Vertagung der endgültigen Besprechungen bis zum Herbst an. Ferner tauchten in der heutigen Morgenpresse Gerüchte von einer beabsichtigten Währungskonferenz auf, wobei der Grundgedanke der ist, durch eine internationale W ä h r u n g s r e g e l u n g das Valutadumping am Weltmarkt auszuschalten, um das Risiko für die noch am Goldstandard festhaltenden Länder zu verringern. In diesem Zusammenhang kann vielleicht auch davon gesprochen werden, daß trotz der fühlbaren Konkurrenz Englands und der nordischen
Berlin, 19. Jan. (WTB. Funkspruch.) Im Dezember 19 31 hat die deutsche Einfuhr von 482 auf 488 Millionen Reichsmark zugenommen. Die Ausfuhr wird mit 712 Millionen Reichsmark ausgewiesen, gegen 734 Millionen Reichsmark im Vormonat. Die Reparationssachlieferungen, die im November 14 Millionen Reichsmark betrugen, erscheinen im Dezember mit einem Betrage von 26 Millionen Reichsmark. Die Gesamtausfuhr beträgt 738 (749) Millionen Reichsmark. Die Handelsbilanz zeigt im Dezember eine Aktivität von 224 Millionen Reichsmark: einschließlich der Repara^orssachli«ferun>gen beläuft sich der A u s f u h r üb r s ch u h a u f 2 50M il- Honen Reichsmark, gegen 267 Millionen Reichsmark im November.
Länder Deutschland immer noch einen Ausfuhrüberschuß von 224 Millionen und mit Reparationssachlieferungen einen solchen von 250 Millionen aufweist. Das ganze Jahr 1931 schließt mit einem Gesamtausfuhrüberschuß von 2967 Millionen gegen 1800 Millionen im Vorjahr immer noch recht zufriedenstellend ab.
Trotzdem bestand im heutigen Freiverkehr überwiegend Abgabeneigung, so daß die Kurse, ohne daß das Angebot besonders groß war, weiter uni 1 bis 2 Prozent nachgaben. Es ist interessant, festzustellen, daß die Umsatz- t ä t i g k e i t bei schwächerer Grundstimmung verhältnismäßig größer ist, als bei steigenden Kursen. Gegen gestern mittag büßten Bankaktien durchschnittlich 0,5 Prozent ein, Schiffahrtswerte waren bis zu 2 Prozent gedrückt, Aku verloren etwa 4 Prozent und Bemberg etwa 2 Prozent, so daß sich beide Kurse einander angeglichen haben. Auch Elektropapiere und Kaliwerte waren bis zu 3 Prozent gedrückt, während Montanaktien, mit Ausnahme von Mannesmann, Rheinstahl und Rheinischen Braunkohlen relativ gut gehalten waren. Farben büßten etwa 3 Prozent ein. Schultheis lagen behauptet, während die übrigen Spezialwerte, wie Dessauer Gas, Deutsche Erdöl, Orenstein, Charlottenburger Wasser usw. sich der Allgemeintendenz nicht entziehen konnten. Pfandbriefe gaben bis zu 1 Prozent nach, Altbesih- anleihe war im gleichen Ausmaße gedrückt. Reichsbahnvorzugsaktien und Farbenbonds verloren sogar bis 2 Prozent.
Devisenmarkt Berlin — Frankfurt a. 2H.
18. Januar
19.Januar
Amtliche Notierung
Weif' | Briet
Amtliche Notierung
Geld | Bries
Helsingfoi» Wien. .
Prag . . Budapeft. Sofia . . Holland . Oslo. . . Kopenhagen Stockholm London. . Buenos Aires Neu r>ort . Brüssel. . Italien. . Paris . . Schweiz . Spanien . Danzig . Japan . . Rio ve Ian. Jugoslawien Lissabon
O
6,094
49,95
12,465
58.94
3,057
169,43
79,12
80,42
80,92
14,60
1,048
4,209
58,59
21,15
16,54
82,12
35,66
81,87
1,568 0,259
7,433
13,34
e gestrig
6,106
50,05
12,485
59,06
3,063
169,77
79,28 80,58
81,08 14,64
1,052 4,217
58,71
21,19 16,58
82,28 35,74 82,03 1,572
0,261 7,447
13,36
en Oev
6,194
49,95
12,465
57,94
3,057
169,53
78,67
79,72
81,02
14,46
1,043
4,209
58,64
20,98
16,56
82,12
35,66
82,07
1,548
0,259
7,443
13,24
isenmär
6,206
50,05
12,485
58,06
3,063
169,87
78,83
79,88
81,18
14,50
1,047
4,217
58,76
21,02
16,60
82,28
35,74
82,23
1,552 0,261
7,457
13,26
kie.
Berlin, 18. Jan. (WTB.) An den internationalen Devisenmärkten lag die Reichsmark schwächer, wofür in der Hauptsache die Unsicherheit über Lau-
Im ganzen Jahre 19 31 betrug die tatsächliche Einfuhr 6632 (im Jahre 1930: 10 200) Millionen Reichsmark, die Ausfuhr 9206 (11 329) Millionen Reichsmark. Die Reparationssachlieferungen haben sich von 707 auf 395 Millionen Reichsmark vermindert. Die Handelsbilanz im Jahre 1931 (unter Berücksichtigung der Lagerabrechnungen) schließt mit einem Ausfuhrüberschuß von rund 257 4 Millionen Reichsmark und bei Einrechnung der Reparationssachlieferungen mit einem solchen von 2967 Millionen Reichsmark ab. Gegenüber dem Vorjahre, das eine tatsächliche Aktivität von rund 1800 Millionen Reichsmark auf» wies, hat der Ausfuhrüberschuß um nicht ganz 1 2 0 0 Millionen Reichsmark zugenommen.
Wirtschaft.
Deutsche Außenhandelsbilanz 1931.
2574 Millionen Ausfuhrüberschuß ohne die Reparationssachlieferungen.
sänne verantwortlich war. 3n Amsterdam ging sie auf 58,55 zurück und lag fast 50 Cents unter Samstag, in Zürich war sie mit 120,65 etwa 80 Cents niedriger als am Samstag, in Reuyork stellte sie sich auf 23,65 nach 23,75. Das englische Pfund tendierte ebenfalls leichter, gegen den Dollar notierte es 3,4778. gegen den Gulden 8,62, gegen Paris 88,12, Zürich 17,76 und gegen die Reichsmark 14,717s- Der Dollar schwächte sich nach vorübergehender Erholung wieder stärker ab, dagegen lag der holländische Gulden international sehr fest. Die Rord- devisen waren leicht gebessert, der französische Frank gut ge 'L-t.
" " Banknoten.
gerlin, 18.JoWn_______
Amerikanische Noten . ...... Belgilcke Noten ...... Dänische Noten ......... Englische Noten . ........ Französische Noten ......... Holländische Noten........ Italienische Noten........
Norwegische Noten........
Deutsch. L esterreich, » 100 Schilling Rumänische Noten........
Schwedische Noten ....... Schweizer Noten. ........ Spanische Noten. ........ Ungarische Noten ........
Weit»
4,20
58,43
80,24
14.56
16,50
169,06
21,06
73,94
2,48 80,74 81,94 35,53
Zrlcf
4,22
58,67
80,56
14,62
16,56
169 74 21.14
79.26
2,50 81,06 82,26 35.67
Reichsbankdiskont 7 v. £)., Lombardzinsfuh 8 o. h.
Oderheffen." ---
Landkreis Gießen.
:/: Beuern, 18. Jan. Gestern abend veranstaltete der hiesige Kirchenchor unter Leitung seines Dirigenten Schomber im Gemeindesaal sein diesjähriges Familienfest. Der Abend bewies, daß es auch ohne pekuniäre Auslagen möglich ist, Veranstaltungen dieser Art abzuhalten. Nach einem Eingangslied des Kirchengesangvereins begrüßte Pfarrer Schmidt die Freunde und Mitglieder und hob in seiner Ansprache über. Wesen und Ziel des Chores u. a. zwei langjährige Mitglieder als treue Stützen des Chores lobend hervor, Frau Konrad Ww., die seit 40 Jahren, und Frau K. L i n d e n st r u t h , die seit 25 Jahren dem Chor angehörten. Zwei Theaterstücke, Rezitationen und Liedervorträge von Mitgliedern des Kirchengesangvereins wechselten in bunter Folge und unterhielten die Zuhörer recht gut. Mit herzlichem Dank an den Chorleiter Echomber und alle Mithelfer für das Zustandekommen dieses Abends sowie einem dreifachen Hoch auf das Wachsen und Gedeihen des Kirchengesang» vereins schloß Pfarrer Schmidt das Familienfest.
(p Hattenrod, 18. Jan. In einer gut besuchten Versammlung im hiesigen Rathaussaal sprach Obstbauminspektor E n k l e r (Gießen) über das Thema „Obstbaurnschüdlinge und ihre Bekämpfung". Der lehrreiche Vortrag wurde sehr beifällig ausgenommen, und die Versammlung beschloß, den darin gegebenen Anregungen zu folgen. In der nächsten Zeit sollen alle untauglichen Bäume in der Gemarkung ent'ernt, die übrigen Bäume einer gründlichen Reinigung un-. terzogen und außerdem eine Spritzung durchgeführt werden.
D Q i dj, 18. Jan. Zu der zweiten städtischen Brennholzversteigerung, bei der 1000 Raummeter Duchenscheiter zum Ausgebot kamen, hatte sich eine unübersehbare Käuferschar eingefunden. Es wurden bezahlt für Duchenscheiter 17 Mk., Eichenscheiter 8 Mk., Duchenknüppel 10 Mark, Eichenknüppel 7 Mk, Duchenstöcke 8 MV je 2 Raummeter. Buchenreisig kostete 7 Mk. und Eichendurchforstungsreisig ebenfalls 7 Mk. je 50 Stück Wellen.
Sprechstunden der Redaktion.
11.30 bis 12.30 U.)r, 16 bis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschloffen.
Zch hab dir verzieh»!
Vornan von Elotilde von Stegmann-Stein.
Copyright by Martin Feuchtwange r. Halle.
20 ForNetzung Nachdruck verboten.
Cs war am Nachmittag. Dolores, die am Abend wieder zu einer Verabredung mutzte, hatte sich nach einem erfrischenden, lavendelparfümierten Bad in ihr Schlafzimmer zurückgezogen: vorher jedoch hatte sie noch einmal jenen kleinen Raum betreten, in dem Paolo gepackt hatte und zu welchem außer Dolores nur er den Schlüssel besaß.
Als Paolo eine Viertelstunde später, mit einem Pelz über dem Arm, in dieses Zimmer trat, um den Mantel noch zu verpacken, muhte er zu seiner Verwunderung feststellen, daß die flache geheimnisvolle Holzkiste vom Tisch verschwunden war.
„Aha", dachte er, „Madame wünscht ein Geheimnis zu hüten. Paolo aber wünscht das Geheimnis zu kennen."
Mit lautlosen Schritten ging er auf feinen Gummisohlen durch die Räume, bis er in das Ankleidezimmer der Tänzerin gelangte. Es war mit eingebauten Schränken ausgestattet und nur durch dieses dünne Holz von dem Schlafgemach getrennt.
Vorsichtig trat Paolo in einen der jetzt aufgeräumten Schränke und spähte durch eine winzige Spalte mit angehaltenem Atem in das Schlafzimmer.
Dort kniete Dolores auf dem weichen Dmhrna- teppich. Die geheimnisvolle Kiste war geöffnet, er sah — und er konnte nur schwer einen Ruf des Erstaunens unterdrücken —, wie Dolores mit schnellen Händen, als wäre sie ein geübter Handwerker, mehrere Papierrollen in dem Gegenstand verbarg, so datz kein Auge die Veränderung bemerken konnte.
Dann schloß die Tänzerin den Deckel der Kiste, die ein Schloß besah, mit einem kleinen kunstvollen Schlüssel, den sie einer Schmuckkassette entnahm. Sie reckte die Arme, ein triumphierendes Lächeln erschien auf ihrem schönen Gesicht — sie ahnte nicht, daß das gleiche triumphierende Lächeln auf dem dunklen Kreolengesicht des lauschenden Dieners lag, den sie so treu ergeben glaubte.
*
In dem großen Patrizierhause der Familie Sibelius war eine Unruhe eingekehrt, die hier ganz ungewohnt war.
In den Kontoren steckten die jungen 'Leute die Köpfe zusammen, einer fragte den anderen. Ungewisses Flüstern hörte man überall.
Was konnte geschehen sein, seit jenem Morgen, an dem der Prokurist mit bleicher Miene von
einem Ferngespräch zurückgekommen war, das er geheim und dringend aus dem Chefkontor des Konsuls geführt hatte. Diesem Gespräch waren noch mehr dringende Anrufe von Stockholm gefolgt. Vielleicht war damit auch die plötzliche, unerwartete Heimkehr des Chefs in Zusammenhang zu bringen.
Konsul Sibelius war an einem Abend spät mit dem staubbedeckten Auto unerwartet eingetroffen, ganz ohne sich angemeldet zu haben. Niemand auher dem Prokuristen Claassen hatte etwas von seiner vorzeitigen Rückkehr gewuht. Das Hauspersonal war in Verzweiflung geraten, als es den Herrn mitten in die Grotzreinemacherei» Cßorberei hingen hereinkommen sah: aber der Konsul, der sonst die kleinste Unordnung im Hause bemerkte und scharf zu rügen pflegte, hatte keinen Blick gehabt für die abgenommenen Gardinen und Vorhänge, die teppichlosen Fußboden, die zusammengerollten Decken und Läufer, die auf dem Dorsaal zufammengestellten Möbel. Er war wortlos, nur mit einem knappen Grutz an den erschreckten Leuten vorübergegangen.
„Ein Bad", hatte er nur gesagt, „hinterher einen extra starken Kaffee ins Kontor." Bald war er im Badezimmer verschwunden, und kurze Zeit darauf hörte man ihn schon die Treppe hinunter in das Privatkontor gehen.
Claassen hatte schon den ganzen Abend seit Stunden auf seinen Herrn gewartet. Der alte Mann hatte ein überwachtes und verzweifeltes Gesicht.
Wit müden, schweren Schritten trat der Konsul ein. Wortlos reichte er dem treuen Mitarbeiter die Hand. Erschüttert sah Claassen in das Gesicht des verehrten Chefs. Was war aus diesem Manne geworden, der vor wenigen Wochen in so jugendlicher, froher Stimmung abgereist war? Bleich und eingefallen waren die früher so straffen Züge, die Augen lagen tief in ihren Höhlen und hatten einen Schleier der Müdigkeit und Sorge.
Schweigend setzte sich der Konsul und winkte Claassen, den Stuhl gegenüber dem Schreibtisch einzunehmen.
„Wie konnte das geschehen? Erzählen Sie mir alles der Reihe nach: aber beschönigen Sie nichts. Steht es wirklich so schlimm um Lund und Co.?"
Claassen senkte den Kopf. „Es muh wohl so sein, Herr Konsul, denn vor einer Stunde erhielt ich die Nachricht aus Stockholm, datz sich" — feine Stimme wurde leiser — „Herr Axel Lund erschossen hat."
Der Konsul stöhnte auf und bedeckte sein Gesicht mit den Händen:
„Der alte, ehrliche Name Lund, der mit dem Damen Sibelius so eng verknüpft war, durch drei Generationen hindurch!"
„Diese Verknüpfung ist heute unser Unglück", dachte der Prokurist Claassen: aber er hätte es nie auszusprechen gewagt, jetzt weniger denn je,
angesichts des tiefen Kummers, der sich rück- ] haltlos in den Zügen des Konsuls malte.
Mit einer fast hilflosen Bewegung lieh Sibelius die Hände fallen:
„Lind die Gründe, Claassen? Die Gründe dieses unerklärlichen Zusammenbruchs — kennt man die?"
Claassen schüttelte den Kopf: „Man ist hier zu weit fort, Herr Konsul, und nur auf Vermutungen angewiesen: aber fast sieht es aus, als wären Lund und Co. durch eine ausländische Firma ins Llnglück gerissen worden. Freilich, wäre man selbst in Stockholm, man könnte vielleicht noch etwas retten.“
Die Gestalt des Konsuls, die bisher zusammengesunken gesessen hatte, straffte sich wie in plötzlicher Energie:
„Ich werde sofort abreifen und in Stockholm sehen, was aus diesem Unglück zu retten ist. Packen Sie alle Akten, die unser Interesse am Hause Lund betreffen, zusammen. Wenn ich mich beeile, kann ich den Schwedenzug um Mitternacht • noch erreichen."
Claassen warf einen besorgten Blick auf die übermüdeten Züge des Chefs.
„Wird es nicht zu viel für Ihre Kräfte, Herr Konsul? Sie haben eine so lange und anstrengende Fahrt hinter sich und nun sogleich wieder eine Nacht und einen Tag unterwegs? Herr Konsul brauchen doch jetzt alle Frische, um in biefetf* Katastrophe gegenüber dem zusammengebrochenen Hause klar zu sehen; Herr Konsul dürfen jetzt nicht krank werden."
„Auf mich, lieber Claassen, kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen: es handelt sich auch um die Sicherheit des Hauses Sibelius. Da muh jeder das letzte hergeben, was er hat. Tun Die, wie ich Ihnen sagte: aber kein Wort an das Personal. Je weniger Menschen von dem Zusammenbruch des Hauses Lund erfahren, um so besser auch für uns und die Hoffnung auf eine günstige Lösung."
Der Konsul vertiefte sich mit ernstem Gesicht in die Papiere, die vor ihm auf dem Schreibtisch angehäuft lagen.
Als kurz nach Mitternacht der Schwedenzug in die Bahnhofshalle der alten Hafenstadt hereingebraust kam, stieg Konsul Sibelius in das Schlafwagenabteil, das man glücklich noch bekommen hatte. Lächelnd grüßte er ein paar alte Geschäftsfreunde, die jemanden auf dem Bahnhof erwarteten. Niemand hätte seiner heiteren Miene ansehen können, welche schwere Fahrt er anzutreten im Begriff war.
Als er am kommenden Abend spät in Stockholm ankam, ging der Konsul zuerst in das Hotel, um sich von dem Reisestaub zu befreien. Die Abendzeitung, die er sich gekauft hatte und die er beim flüchtigen Imbiß durchblätterte, brachte bereits als Lleberschrift in großen Lettern die Nachricht:
„Der Zusammenbruch des Hauses Lund. — Schwere Erschütterungen, des Geschäftslebens. — Kurseinbrüche, Insolvenzen im In- und Ausland als Folge des Zusammenbruchs."
Dem Konsul flimmerten die Zeilen vor den ermüdeten Augen. So weit also war es schon gekommen. So weit war die Hiobsnachricht schon in aller Leute Mund. Ein Glück nur, datz man von der Bürgschaft, die er geleistet hatte, in Geschäftskreisen außerhalb der Landesbank nicht unterrichtet war, datz sein Haus ohne Wanken dastand. Wie lange freilich würde das -sein? Wenn es nicht gelang, die Gläubiger zum Warten zu bewegen, wenn man auf seine Bürgschaft Aurücf- greifen würde, dann allerdings — der Konsul faßte sich an die Brust, ein heftiger Stich in der Herzgegend lieh feinen Atem stocken —, dann war der Untergang auch seirtes Hauses besiegelt.
Wieder dieser jähe Stich im Herzen — schon manchmal in den letzten Monaten hatte er diesen eigentümlichen Schmerz gefühlt, ohne ihm aber irgendwelche Beachtung zu schenken.
Und plötzlich, als sollten alle schmerzlichen Ereignisse der letzten Monate in diesem Augenblick quälend in ihm lebendig werden, erinnerte er sich, datz er zum ersten Male diesen Schmerz gespürt hatte, als CBitgit ohnmächtig mit jenem unseligen anontjnhen Briefe vor sich hatte liegen sehen.
Etwas schwankend stand er auf, ließ sich einen Wagen kommen und fuhr vom Hotel aus durch die erhellten Straßen zu dem großen Backstein- Hause der Gebrüder Lund & Co.
Trotz der späten Abendstunde war in diesem riesigen Hause noch emsiges Leben. Depeschenboten eilten durch die Korridore. In den Kontoren arbeiteten Angestellte, mit Augen, denen man Schlaflosigkeit und durchgearbeitete Nächte ansah. Unaufhörlich schrillten die Telephone, öffneten und schlossen sich Türen, schallten erregte Stimmen aus den verschiedenen QTbteilungen.
Der Konsul, der, so schnell es sein schwer schlagendes Herz vermochte, die Treppen zum Chefkabinett hinauf stieg, sah, datz sich hier alles in einem Zustand der fieberhaftesten Erregung befand. Hätte er gewußt, wie es am gleichen Morgen dieses Tages gewesen war, als die aufgeregte Menge der Kunden einen Sturm auf das Bankhaus unternommen hatte, um an den Kassen ihre Gelder zu retten, als nun, da wenigstens der Schein erfolgreicher Arbeit aufrechterhalten wurde — fein Herz hätte noch schwerer geschlagen. Und doch war es nur die Totengräberarbeit für das zusammengebrochene Unternehmen.
Als ein Diener aus der Anmeldung an dem Konsul vorbeilief, stutzte der Mann einen Augenblick. Er hatte sofort den alten Geschäftsfreund und angesehenen Ratgeber des Hauses Gunb erkannt.
(Fortsetzung folgt.)


