Nr. 15 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefienf
Dienstag, (9. Januar 1932
Reichsgründungstag in Gießen.
Die Wiederkehr des Tage» der Reichsgründung wurde gestern in unserer Stadt von der Garnison, der Universität und der Studentenschast in würdiger Weise gefeiert Am Samstagabend hatte die Gießener Ortsgruppe des Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten au» dem gleichen Anlaß eine eindrucksvolle Feier im Lase Leib veranstaltet.
Oie Feier der Garnison.
Gestern vormittag sand im Hose der Neuen Äafernc eine Parade deS Bataillons statt, die von dem Bataillonskommandeur Oberstleutnant Ä I e b t e abgenommen wurde. Bor dem Vorbeimarsch vor dem Kommandeur hatten die Kompanien im offenen Viereck Aufstellung genommen. Oberstleutnant K l e p k e wie» in einer kurzen Ansprache an die Truppen auf die große Bedeutung der Reichsgründung auch für die heutige Zeit hin, erinnerte sodann an den Weltkrieg und betonte dabei, daß keine Truppe sich so tapser und würdig geschlagen habe, wie die deutsche. Es dürse auch nie vergessen werden, daß die Sicherheit und Zukunft des Volles von den wafsentragenden Mannschaften obhänge. Mit dem Wunsche, daß dem deutschen Vaterland bald wieder bessere Zeiten beschieden sein möchten, schloß er die Ansprache. Dem Vaterland galten drei begeisterte Hurra-Ruse der Garnison, anschließend spielte die Kapelle das Deutschlandlied. Hierauf folgte der Vorbeimarsch der Kompanien
Oie Feier der Llniversität
Die Hessische L^ndesuniversität beging ihre ReichsgründungSfeier in den traditionell-festlichen Formen in der mit Grün geschmückten, durch di« Zahnen der Korporationen wirkungsvoll belebten Reuen Aula.
Rach dem Einzug deS Senat» und einem vom akademischen Thor unter Leitung von Univer- sitätsmusikdirektor Dr. Temesvarh klangschön vorgetragenen Thorgesang begrüßte
Seine Magnifizenz der Rektor Professor Or. Vanselow
die Festversammlung mit einer Ansprache, in der er il a. sagte:
Der 18. Januar 1871 ist einer der wichtigsten Marksteine der Deutschen Geschichte. An diesem Tage ist der Traum der staatlichen Einigung durch die Proklamation deS neuen Deutschen Reiches Wirklichkeit geworden. Seit dem Untergang des Hohenstouscnreiches ging das einst so mächtige und glorreiche heilige römische Reich Deutscher Ration schrittweise, aber stetig und unaufhaltsam seiner Auslösung entgegen, bis im Frieden von Tilsit die Vernichtung Deutschlands besiegelt wurde und der Wiener Kongreß der nationalen Einheit des Reiche- den Totenschein ausstellte.
3rn Bewußtsein deS Volkes schlummerte freilich der deutsche Rationalgeist, der in den Befreiungskriegen mächtig erwachte, aber daS Ziel der deutschen Einigung nicht erreichte. Das Jahr 1834 brachte wenigstens die wirtschastliche Einheit im Deutschen Zollverein. Wirkungslos blieb auch die deutsche Rationalversammlung in der Paulskirche. Anspornender war die Volksbewegung von 1848, die vom ersten Tage an daS Ziel der nationalen Einheit anstrebte, ober der Erfolg blieb doch aus: die Fürsten wollten die Einheit nicht und die Ration konnte die Einheit nicht schassen.
Da hatte endlich dos Schicksal ein Einsehen und schickte dem geplagten deutschen Volke den Genius Bismarcks, der die nationale Einheit dem deutschen Volke brachte. Am 18. Januar 1871 durste das deutsche Volk zum ersten Male wieder sich seiner Zusammengehörigkeit in feierlicher Stunde bewußt werden. Politisch, wirtschastlich. wifsen- fchastlich und kulturell folgte ein machtvoller Auf- stieg, der freilich durch den Ausgang des Weltkrieges ein vorläufiges schreckliches Ende fand. Aber das Reich ist — Gott sei es gedankt — geblieben. Der 18. Januar ist uns zum Symbol dafür
geworden, was deutsche Einigkeit und Krast ver- mag. Sr ist ein Tag der Vollendung in der Deutschen Geschichte, wie wir nur ganz wenige und keinen von gleicher volksbildender und die Ration zu- sammenfchweißender Bedeutung besitzen, ein Tag. der uns an unsere Einheit und Krast mahnt und wie ein leuchtendes Fanal in der Finsternis unserer furchtbaren Zeit steht, an dem wir uns aus- richten und erbauen müssen, um den Mut zur Pslichtersüllung. zu neuer Tat zu sinden. Die Deutschen Hochschulen haben die Bedcutung des 18. Januar erkannt und diesen Tag feit Kriegsende der Erinnerung und dem Gedächtnis deutscher Größe geweiht.
Rach dem gemeinsamen Gesang des Deutschlandliedes hielt
Professor Dr. Vietor
die Festrede zum Gedächtnis von Goethes 100. Todestag über das Thema ..Goethe und die Gegenwart". Er sührte u. a. aus
Goethe ist nicht nur als Gestalt der größte Dichter der Reuzeit: sein Werk stellt ein Menschenbild aus, das höchster Inbegriff der Forderungen ist, die der moderne Mensch, und der Deutsche besonders, an sich gestellt sieht. Sein Werk enthält diese Rorm, nicht sein Leben. Goethes Dasein ist zwar selber ein Kunstwerk, aber eben darum einmalig. Man kann es nicht nachahmen. Es ist nur eine unter den vielen möglichen Verwirklichungen von Goethes Lebensweisheit und seiner Lehre von menschlicher Vollendung. Diese Weisheit, diese Lehre ist am großartigsten enthalten in Goethes Alterswerk. Hier erfährt die im Geistesleben der Gegenwart vielerörterte Frage nach dem Wesen des Menschen und seiner Stellung im Weltganzen eine Antwort, die uns Zeitgenossen einer höchst kritischen Epoche besonders angeht. Goethe faßt den ganzen Problemkomplex zusammen in der moralischen Frage, waS der Mensch tätig, handelnd sein kann und was er fein soll. Durch eine Auslegung des Faustfchlusses führte der Redner in Goethes Lehre vom Menschen ein. Wieweit die Humanitätsidee der deutschen Klassik heute noch Gültigkeit hot, darüber wird viel gestritten. Die letzte Weisheit und Lehre, die Goethe am Ende seines achtzigjährigen Lebens im Faustschluh gestaltet, gibt dem klassischen Menschenideal eine besondere, realistische und zugleich idealistische Prägung. Dieser Menschentypus, den Faust hier verkörpert, ist entschlossen eingestellt aus die irdische Existenz und ihre Forderungen. Er steht sest auf der Erde und lebt aus der rastlos schaffenden Kraft, die sich in keinem Werk beruhigen will. Romantischen Träumen und Sehnsüchten, die den Menschen seiner gegenwärtigen Aufgabe entfremden, muß er entsagen, um so mit aller Entschiedenheit tätig- tüchtig sein zu können. Darin ist Faust Verkörperung der welterobemden Aktivität, die den modernen Abendländer auszeichnet. Aber die moderne Betriebsamkeit und Tätigkeitswut, die nicht gebändigt und ausgerichtet ist durch Vernunft und Gewissen, will Goethe damit nicht verherrlichen und rechtfertigen. Der Drang nach Tat und Selbst- Vollendung, durch den Faust von Stufe zu Stufe getrieben wird, steigert sich zu immer reinerem Streben nach religiöser Vollendung und Lösung. Davon spricht das Mysterium, das Goethe an den Schluß des gigantischen Schauspiels gesetzt hat. Aber nur der Mensch gelangt ins „Paradies", der aus der Stufenleiter seiner Erdentaten selbst hinaussteigt. Entschlossene Diesseitigkeit nur macht den Menschen bereit für ein erfüllendes Drüben. Rur wer immer unterwegs war. wird das Haus des Vaters erreichen. Der tätigste Erdenbürger wird der gelicbtcfte Himrnclsbür- ger fein.
Dieser Auffassung des Menschen liegt ein tiefer Glaube an eine gute Grundbefchafsenheit und an einen guten Sinn des Lebens zugrunde, ein Glaube trotz aller Fragwürdigkeiten und Dunkelheiten. Und der Glaube an das Leben schließt den Glauben an den Menschen, an seine schöp- serische Kraft, fein Vermögen zur Steigerung und
Vollendung ein. Dieser doppelte Glaube tut dem Menschen von heute, dem Zeitgenossen einer so kritischen Lage besonders not. Und wenn dies dos Vermächtnis von Goethes letzter Weisheit ift. es ift wie ausdrücklich für uns heutige Deutsche gemeint. An feiner LebenSlehre, seinem Menschenbild kann sich der Glaube an einen von un» zu erfüllenden guten Sinn deS irdischen Lebens, einen finnhaltigen Zusammenhang des Lebensganzen, kann sich das Vertrauen erneuern, daß de« Mensch heute wie immer dazu berufen ift. der Herr der Grde zu fein. Er vermag daS nur. indem er sich kraftvoll zeigt, beständig, fest, durch die Vernunft bestimmt, und im lebenbigen Zusammenhang mit einem .Semeindrang", der das Streben des einzelnen einmünden läßt in den De- samtwillen zu freiheitlichem Leben auf freiem Grund.
Oer Abschluß.
Der akademische Festakt schloß wirkungsvoll mit einem weiteren Thorgesang von Mendelssohn zu einem Goetheschen Text.
Kundgebung her Studentenschast
Der Allgemeine Studenten-AuS- schuh der Universität hatte zu einer ReichsgründungSfeier gestern abend im Lase Leib aut gerufen. Die Studentenschaft nahm mit Fahnen daran teil. Politische Verbände waren ebenfalls eingeladen und vertreten Die Standarten- Kapelle der oberhessifchen RSDAP. leitete den Abend mit Musik ein, bann wurden bi« Fahnen eingebracht.
Hieraus begrüßte Ebler v. Graeve die Gäste und die Kommilitonen. 2n einer kurzen Ansprache wies er aus die heutigen Verhältnisse im Staat hin und sprach von den Umwälzungen, die z. D. vor den Besreiungskriegen aus der Jugend geboren wurden. Auch jetzt stehe die Jugend im Aufbruch, und es werd« geschehen müssen, was die Jugend wolle. Das Volk habe sich schon einmal einen Staat geschaffen, es werde auch diesmal geschehen.
3m Anschluß daran hielt Prof. Dr. P l e y e r vom Politischen Kolleg in Berlin den Fest- vortrag. Der Redner erinnerte an das Versailles von 1871, an die große einigende Tat. Er sprach von dem, was zuvor war. umriß die französische Revolution und ihre Bedeutung für Deutschland. Frankreich, der Staat des Westens, habe sich, so führt« er aus. u. a. bisher dem deutschen Volkskörpcr gegenüber immer als das zersetzend« Element erwiesen: Frankreich fühle deutlich, daß es nicht den ersten Rang einnehmen könne in Europa, wolle aber doch entscheidend fein, raffe deshalb alle Kräfte zusammen, um Einfluß zu gewinnen und seine Hegemonie aufzurichten. Der französische Geist des Westens, der Geist der Zentralisation, widerspreche aber dem Sinne und der Art unserer Volksgemeinschaften. Der französische Geist in Deutschland sei stete Gesahr. Der deutsche Mensch sei nur im bodenständigen Bündnis lebensfähig. Der Landwirt müsse mit seiner Scholle verwachsen bleiben, der Staat müsse sich auf die Bündnisse gründen, die allenthalben das Volk in sich geschlossen habe. Das Militär war ein starker und wohl der stärkste Ausdruck jenes Bündniswillens im Deutschen. Um die Jahrhundertwende fei die Jugendbewegung lebendig geworden. Sie habe wieder das Verhältnis zum Boden gewonnen, das zum Teil verloren gegangen war. Die Jugend ging in die Grenzlande. an die Schnittflächen des Volkstums. Aus I dieser Bewegung wurde ein neues Verhältnis zur Heimat, zum Volk geboren. Rach dem Kriege seien fremde geistige Kräfte an das Ruder gekommen. das Weimarer Prinzip fei ein undeutsches Prinzip. Man habe eine Formaldemokratie geschaffen, die alles andere denn eine Demokratie fei. Die heutige Staatsform fei nicht aus den Urkräften des Volkes geschaffen, sondern sie wurde eingebaut im Geiste des Westens und in der Verkennung unserer völkischen Eigenart von un» selbst. Heute wolle dos Volk wieder nach eigenem Lcbensgesetz leben, die Menschen wollten wesenhafter werden, die Gesellschaftsordnung muffe sich neu aufbauen, nicht nach dem Prinzip der Py
ramide der breiten BafiS und der schmalen Spitze, sondern nach dem Prinzip der Äugel, in der die deutschen Bünde jeglicher Gestalt Sektoren gleich, Teil deS Ganzen und zugleich Form feien. Es gelte, die Gemcinwirtscvall zu schaffen Volk und Staat stünden deute in polarer Spannung zueinander Der Staat fei nicht demokratiscv, keitSftaat SX-chalb wolle die heutige Generation fich aus eigenem Gesetz em neues Reich von Grund auf schassen. Aber die Kämpser der Gegenwart dürften eS sich nicht leicht machen. Gleichgültig ob in Lausanne .3a“ oder .Rein" getagt werde, die Freiheit werd« noch nicht anbrechen Richt das Heule und Morgen werde die Freiheit schassen, sondern daS ganze 20. Jahrhundert werde erfüllt sein müssen von ernsten Zreiheitsgedanken. damit wieder ein neues, festgegründetes Reich werden könne, au» Kampf und Opfer, au» dem wahren Geiste deutschen VolkStumS. Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen und anschließend das Deutschlandlied gesungen.
Eine Entschließung.
Der Vorsitzende de» Studentenausschüsse» verlas sodann folgend« Entschließung de» Vorstandes der Gießener Studentenschast: .3m Hinblick auf die bevorstehenden Konferenzen in Lausanne und Gens, die für Deutschland Leben oder Tod bedeuten, erwartet die studentische 3ugenb von den deutschen 'Vertretern «ine klare Stellungnahme sowohl in der T r i b u t -. al» auch in der Wehr- frage. Deutschland» Jugend wird nie und nimmer einen dritten Tribut plan verstehen können und sordert unbedingt« Wehrhoheit Deutschlands. Eine andere Lösung wird uns gleichbedeutend fein mit einem Verrat an der deutschen Jugend und damit am gesamten deutschen Vatcrlande. Deutschland hat ein Recht aus Streichung der Re rationSlasten, weil diese auf der falschen Voraussetzung der KriegS- schuldlüae beruhen. Gs hat weiterhin ein Recht auf Wehrhoheit. denn die vertraglichen Bindungen, die die deutsche Abrüstung zur Voraussetzung der Abrüstung sämtlicher anderen Staaten machten, sind in keiner Weise eingefallen worden und werden niemals erfüllt werden. Deutschland ist von einem eisernen Waffenkordon umgeben und läuft Gefahr, dereinst der Kriegsschauplatz zwischen den imperialistischen Interessen Frankreich» und den weltrevolutionistischen Gedanken SowjetruhlandS $u werdenI Die Sicherheit Deutschland» ist für un» und für da» gesamte deutsche Volk zur LebenSsrage getoorbenl Aber wir haben nicht nur ein Recht, au leben, sondern auch entsprechend der mehr als tausendjährigen Vergangenheit unseres deutschen Vaterlandes und würdig der Millionen von Blutopfern de» Weltkrieges mit dem Leben einzustehen für Deutschlands Ghrel Denn: Deutschland muß leben, auch wenn wir sterben müssen I"
Dieser Entschließung wurde einhellig au- gestimmt. Mit dem Abmarsch der Fahnen und schneidiger Marschmusik sand die Kundgebung ihren Abschluß.
ReichsgründungSfeier des Stahlhelm.
Der Stahlhelm in Gießen vereinigte am Samstagabend seine Mitglieder und viele Gäste zu einer ReichsgründungSfeier Der Saal deS Lafe Leib war bis auf den letzten Platz beseht. Die neugegründete Stahlhelmkapelle, die im Rahmen dieser Veranstaltung zum ersten Mal« an die Oeffentlichkeit trat, leitete unter der Stabführung des ehemaligen Musikmeisters de» R3R. 116, H. Schleuser, mit schneidiger Musik den Abend ein. Der OrtSgruppenführer Appel hieß sodann die Mitglieder, die Vertreter der hiesigen Militärvereine, außerdem General a. 'S). Mohr und den Redner des Abends, Oberst a. 'S). K ock, willkommen Ein Vorspruch (Herr Weinandy) sand lebhaften Beifall. Sodann hielt Oberst a. 'S). K o ck eine Ansprache, in der er zunächst an die Gründung de» Reiches am 18. 3anuar 1870 im Spiegelsaal zu Versailles erinnerte und Bismarcks große Tat in
Gloria schickt Susanne.
von Grete Masse.
Der Tag, vor dem sich Steffen so gefürchtet hat, ist da. Riemand vermag ihm anzumerken, daß er ein Abschiedstag ist, denn er kommt frisch und blank wie alle Tage dieses Sommers. Die nahende Reife verspricht noch lockenderes Glück, tieferen Glanz. Aber Gloria, die Umschwärmte, die Vielgeliebte, fährt heim nach England. Ste.fen wird allein ba- stehen auf einem öden Bahnhof und trostlos einem Zug nachstarren, der Gloria in die Ferne führt.
Gloria hat Steffen einen Trost gegeben. Sie hat ihm erlaubt, eine Brücke zu bauen von Hamburg nach London. Und Steffen beginnt, diese Drücte zu bauen, kaum dc^das Mädchen die Stadt DcrlaffelL'^r sitzt in Feiern Zimmer, neben dem, in dem Gloria vier Qiionatc lang in dcr> Pension gewohnt hat und schreibt einen Brief an sie. Das ist der erste Baustein zu der Drücke, die sich über das Meer wölben soll, von Küste zu Küste und von Seele zu Seele. Der Brief trifft drüben nicht sehr viel später als Gloria ein. Als man ihn bringt, steht sie gerade am Fenster und schaut in den dicken, grauen, mor- § endlichen Rebel, er macht sie frösteln. Der Ham- urger Brief in ihren Händen, der sie erfreut, ist wie ein bescheidenes Flämmchcn. das ihr mit seinem sanften Schein die Finger wärmt und das Frösteln verscheucht.
Zwei 3ahre baute Steffen eine Brücke von Briefen über das Meer. Er liebte Gloria immer glühender. Er konnte sie nicht vergessen, obwohl die Zeit, die sie in Hamburg gemeinsam verlebt, nur kurz gewesen. Um ihretwillen blieb er wohnen in der Pension, die ihm sonst wenig behagte, aber dort war ihm Gloria noch immer gegenwärtig. Da war die Treppe, auf der sie ihm so oft entgegenkam, war ihr Fensterplatz im Speise» la al, von dem aus sie den Vögeln Brotkrumen zuwarf, im Garten die beiden Linden, zwischen denc^n sie ihre Hängematte ausgespannt hatte. Rein, er verlieh diese» Haus nicht, das die Erinnerungen an Gloria umschloß.
Die Briefe aber, btt Gloria von Steffen erhielt, erregten immer mehr ihre Bestürzung. Sie sah. daß da ein Mensch in ein« gefährliche, uferlose Sehnsucht geriet, in eine Abhängigkeit ohnegleichen. eine Anbetung, die nur ihrem 3deaÜ>ild gelten konnte, aber niemals ihrer Person, denn
sie war doch nur ein sterbliches Wesen mit Fehlern und Unzulänglichkeiten. Es schien ihr: Steffen wäre sehr krank und es fei ihre Pflicht, ihn zu heilen. Eie grübelte lange darüber. Schließlich kam ihr blitzartig die Erleuchtung. „Ich schicke ihm Susanna", rief sie fröhlich und machte vor Freude über diese 3dee ein paar Tanzschritte, so daß ihr buntes seidenes Röckchen wippte und wirbelte.
Steffen wußte nicht, was er mit Susanna 3incks anfangen sollte. Sie war ihm von Gloria aus England geschickt: das schützte sie davor, daß er sie geradezu abschüttelte. Aber fein Ton ihr gegenüber war von frostiger, formeller Höflichkeit. — Susanna bewohnte in seiner Pension das Zimmer, dessen Mieterin Gloria gewesen war. Das erzürnte ihn. Bisher hatten in den jjtoei Jahren dort nur Herren gewohnt. Aus- ■ffinber. wie sie in diesem Hause alle paar Monate kamen und verschwanden. Run lebte dort eine Frau. Eine Frau, die nicht Gloria war. Eine Frau, die ihn Gloria nur um so schmerzlicher vermissen ließ. Vor beiden Zimmern befanb, sich ein schmaler Balkon, getrennt durch eine dünne Holzwand. Gloria und er hatten sich hier oll getroffen, und sich vorgebeugt, um einander über die Wand anschauen zu können. 3«ht trat Steifen von seinem Balkon aus ins Zimmer zurück, wenn er nebenan die 3incks den ihren betreten hörte.
Und doch war die Kleine eine anmutige Erscheinung. Richt so prangend und blühend, so feurig und phantastisch wie Gloria. Aber ihre Gestalt war von feinstem Ebenmaß, der Teint klar und von schönsten Farben, die Rase zart, die Augen voll Güte und unwahrscheinlicher Bläue, die Stimme hell wie eine kleine silberne Glocke. Es war ein sanftes, zärtliches, feelen- haftes Mädchen, das Gloria neben Steffen geschickt hatte. Doch Steffen war blind und trotzig. Kühl wie Rordwind war er gegen die Fremde. Was kümmerte ihn Susanna 3incks? Er saß und schrieb Dries um 'Brief an Gloria, um die Drücke zu bauen, die reichen sollte von Küste zu Küste und von Seele zu Seele.
Es kam ein Dries aus England, bei dem Steffen Beschämung empfand. Gloria schrieb: es verstimme sie, daß sich Steffen ablehnend gegen Susann« verhalle. Er soll« nicht etwa glauben,
daß sie sich über ihn beklagt habe: wenn jemand auf bet Well zu schweigen vermöge, fei es 6u- fanna. Aber sie, Gloria, ahne die Wahrheit. Sie fürchte sehr, daß Steffen Susanne zu entfliehen suche. Das bekümmere sie doppelt. Erstens darum, weil es sie schmerze, daß ihr Freund nichts von ihrer Freundin wissen wolle: aber mehr noch, weil es mit Susannens Schicksal eine traurige De- wandtnis habe. Sie wolle ihm verraten, daß Susannes Lebensjahre gezählt seien. Die Aerzte hätten ihr die furchtbare Wahrheit verschwiegen. Rur die Familie wisse darum und sie, Gloria, als Susannens Freundin. Run träfe die Enttäuschung sie bitter, daß Stessen ihren geheimen Wunsch. Sunannens letzte Lebensjahre ein wenig mit Güte und Freude zu beschenken, nicht erfülle. Sie sei sicher, es bedürfe nur dieser Offenbarung, um Steffen zu veranlassen, sich hilfreich eines Wesens anzunehmen, das wie keines sonst seiner Fürsorge bedürftig und würdig wäre.
Wie wunderlich ist der Mensch! Er scheut sich nicht, diesen oder jenen mit Kühle oder Härte zu behandeln, ihn seine Abneigung fühlen zu lassen, ihn von sich zu entfernen. Doch reuevoll brennt ihn das Gewissen, wenn es ihm kund wird, der andere sei ein vom Tode Gezeichneter Was Steffen der Susanne versagt, die er für eine Lebensstarke hielt, brachte er auf offenen, verschwenderischen Händen jener entgegen, die ihm seit Glorias Brief wie ein Lichtlein im Winde erschien, das der nächste Tag oder der übernächste zum Verlöschen bringen kann. Unsäglich rührend erschien es ihm, daß die Ahnungslose mit dem Schein trügerischer Gesundheit heiter und leicht durch die Tage gehe. Er tat alle», um sie in dieser Unwissenheit, die ihr das tragische Geschick verhüllte, zu bestärken. Er gewöhnte sich daran, sie zum Mittelpunkt seiner Gedanken, seiner Fürsorge, seines Handelns zu machen. Rein, Gloria sollte sich in ihm nicht getäuscht haben. Er tat für Susanne, was er an gütigem und hilfreichem Tun nur aufzubringen vermochte. Er fühlte fich verantwortlich, daß sie nicht zu Schaden tarn. Manchmal, wenn er sich um sie mühte, schien es ihm. er täte dies alle» gat nicht um Glorias willen, sondern sein eigene» Herz triebe ihn wunderlicherweise zu derselben Susanna 3incks. der er zu ‘Beginn ihrer Bekanntschaft so energisch zu entrinnen strebte.
Die Bäume haben geblüht. Frucht getragen und sich, ihrer Blätter und Säfte beraubt, dem Winter ergeben. Die Bäume haben zum zweiten Male geblüht und Frucht getragen, als dem Ehepaar Stessen und Susanna ein blühende» Kindlein geboren wurde. An dem Tag, an dem man es zur Taufe trug, schreibt Steffen einen Brief an Gloria nach England, in dem er fie um Verzeihung bittet, daß er ihr feine Ehe mit Susanna 3incks wie ein Geheimnis verschwiegen habe. Es sei ihm zu schwer geworden. Gloria zu bekennen, daß die große, glühende Liebe, die er für sie empfunden, dem Wechsel der 3ahre nicht standgehalten habe. Heute aber, an diesem heiligen Tag, da man fein Töchterchen auf den Barnen „Gloria" taufte, wolle er Lug und Trug zerreißen und ihr die Wahrheit hekennen.
Steffen hat ein wenig Angst vor dem Antwortbrief aus England, wie er einst Angst gehabt' vor dem Abschiedstag. der ihn von Gloria trennen sollte. Aber mit dem Brief kommt eine Photographie, die eine junge Mutter zeigt mit einem Kinde, das gut zwei 3ahre älter fein mag als Steffen» Töchterchen. Die junge Mutter ist Gloria. Und aus ihrem Brief strahlt es ihm entgegen wie ein Lächeln, denn sic schreibt, daß sie kurz nach ihrer Ankunft in England geheiratet habe und nie den Mut gefunden, ihm diese Eh« zu gestehen. Da sei ihr der Gedanke gekommen, ihm Susanne zu schicken, die zu Stellen passe wie keine andere Frau auf der Welt zu ihm passen würde. Als er Sufanne ablehnte, habe sie zu der kleinen List gegriffen, ihm die gesunde Susanne als eine Kranke darzustellen. da sie wohl fein Herz gekannt und gewußt: nun würde er nichts mehr tun. was Susanne betrüben könne.
Auch Liessen lächelt, als ihm aus diesem Briefe das Schelmenspiel offenbar wird, das Gloria liftreich und liebreich gespielt. Dann verläßt er das Zimmer, denn im Haufe ruft seine Frau seinen Barnen. Susann« rüst ihn, di« Gloria ihm geschickt hat ...
dod)fd)ulnacfiri*fen.
Professor Dr. Gisbert Beyerhau» in Bonn hat einen Ruf auf das Ordinariat für allgemeine neuere Geschichte an der deutschen Universität in Prag als 'Nachfolger des verstorbenen Professors Ottokar Weber erhalten.


