bcnten zur Ruhe und kün-igte an, daß die Wiener Hochschulen geschlossen werden, bis die Regierung die Zusicherung gegeben hat, daß es zu Zwischenfällen, roie in Simmering, wo auch Studenten von politischen Gegnern überfallen wurden, nicht mehr kommen könne. Außerdem ist beabsichtigt, an die Regierung die Aufforderung zu richten, die un- erträglich erhöhten Studiengeldgebühren 3U ermäßigen. Bis zur Erledigung dieser Frage tollen die Hochschulen geschlossen bleiben.
Oingeldey spricht in Nürnberg.
Nürnberg, 17.Oft. (TU.) 3n einer Wahlbesprechung der Deutschen Volkspartei sprach der Parteworsihende D i n g e l d e y über die politische Lage. Er führte u. a. folgendes aus: Der Parlamentarismus in Deutschland liege in den letzten Zügen. Das Volk habe dafür zu sorgen, daß die Umwandlung in einer Staat, Wirtschaft und Arbeit nicht gefährdenden Form sich vollziehe. Aach der Liquidation der Reparationen könne der Kampf um die Wehrfreiheit und um die Wehrgleichheit des deutschen Rolfes nur dann erfolgreich durchgeführt werden, wenn sich alle zusammenfänden, die in deip Glauben einig seien, daß eine Ration ohne Wehrfreiheit nicht leben könne. Die Deutsche Volkspartei werde Hindenburg unentwegt Gefolgschaft leisten. Sie begrüße die staats- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Reichsregierung. Rur eine starke Staatsgewalt könne heute noch eine Besserung herbeiführen. Es könne sich nur darum handeln, die Autorität des Reichspräsidenten und der von ihm getragenen Reichsregierung zu stärken. Die Deutsche Bolkspartei stelle sich daher mit der Deutschnationalen Dolkspartei bewußt auf die Seite der Autorität.
Hitler in Ostpreußen.
IHfit, 17. Oft. (TU.) Hiller sprach am Montagnachmitlag zunächst in einer großen Versammlung in T i l s i t. In seiner Rede begründete er seine Haltung am 13. August damit, er habe erkannt, daß die Papenschen Notverordnungen zu verhängnisvollen Auswirkungen führen müßten und daß er das Vertrauen, das er bei den Millionen gewonnen habe, nicht verlieren wolle. Hitler wurde immer wieder von stürmischem Beifall unterbrochen. Zum Schluß erklärte er: „Wir wollen sehen, was härter sein wird: Die Köpfe jener Klubmitglieder oder die Schädel der Millionen in unserer Bewegung".
Hitler sprach dann in Insterburg und Kö - nigsberg, wo er erklärte, er hätte, für eine Bewegung von 14 Millionen verantwortlich, sich nicht heute so und morgen so entscheiden können. In 13 Jahren seines Kampfes sei er mit allen Mitteln befänwft worden und habe wiederholt die Ver- fasiunA beschwören müssen. Jetzt, wo er legal mit 230 Sitzen im Reichstag zur Macht habe kommen können, da habe man diese Verfassung als untauglich bezeichnet. Der Ministertitel sei ihm aber zu abgegriffen, als daß er noch etwas Anziehendes ür chn hätte. Er wolle auch heute kein Gehalt, andern er wolle die Macht. Wenn die bürger- iche Regierung noch zwei Jahre am Ruder bleibe, bann würde alles zertrümmert werden, was er in 13 Jahren aufgebaut habe. Wenn er aber einmal
die Macht erhalten würde, dann würde er sie behalten. Er glaube nicht, daß in Deutschland jemals ein Parteiführer mehr Autorität besessen habe als er, aber bieje Autorität sei ihm zugleich Kameradschaft mit leinen Anhängern. Wenn heute die Polizei nicht märe, so wäre in Deutschland schon lange Ordnung. Man solle nicht glauben, daß seine Bewegung heute leicht zerfallen werde. Ein Mann wie er könne zugrunde gehen, aber a b t r e t e n werde er niemals. Er werde sich, um an die Macht zu kommen, mit jedem verbünden, wenn er nur bi e Führung habe. Er und und seine Bewegung hätten mehr gearbeitet, als die heutige Regierung. Nie sei ihm eine Entscheidung so leicht geworden, wie das Nein am 13. August. Seine Bewegung werde weiter bestehen und weiter wachsen, den Kampf zum Siege führen eingedenk der Opfer und der Toten.
Nie Krisis
auf dem Wohnungsmarki.
Berlin, 17. Okt. (TU.) Auf dem Derbandstage des Hauptoerbandes Deutscher Baugenossenschaften und -gesellschaften e. V. haben die versammelten Vertreter von über 3000 gemeinnützigen deutschen Bauvereinigungen mit mehr als 800 000 E-inzelmit- gliedern eine Entschließung gefaßt, in der es u. a. heißt: Die ständig fortschreitende Schrumpfung der Einkommen aller Kreise der Bevölkerung hat die gemeinnützigen Wohnungsunternehmen in eine ernste Lage gebracht, die in steigenden Mietrückständen und -ausfällen, in einer steigenden Zahl der Kündigungen und leerstehenden Wohnungen zum Ausdruck kommt. Infolgedessen sind Rentabilität und Liquidität der in ihrer Gesamtheit wirtschaftlich durchaus gesunden gemeinnützigen Wohnungsunter- nehmen vielfach gestört. Zur Entlastung der Wohnungsunternehmen zum Zwecke der Herabsetzung der Mieten und der Wiederherstellung der Rentabilität ist deshalb vor allem eine Verminderung d e r Zinslast en für langfristige Kredite auf einen dauernd tragbaren Satz notwendig. Wenn die Reichsregierung glaubt, die Herabsetzung des Zinsfußes nicht im Wege einer gesetzlichen allgemeinen Zinskonoersion herbeiführen zu können, so muß sie dafür Sorge tragen, daß das notwendige wirtschaftliche Ergebnis auf dem Wege einer freiwilligen und individuellen Zinsermäßigung erreicht wird und gleichzeitig eine planmäßige Umschuldung überteuerter Neubauten durch Umwandlung der hochverzinslichen Hypotheken in niedrig verzinsliche, zu XA o. H. tilgbare Hypotheken gewährleistet ift Sollte die Reichsregierung sich nicht in der Lage sehen, eine Herabsetzung der Zinslasten in kurzer Zeit herbeizuführen, so müssen die in Not geratenen Wohnungsunterirehmen durch Gewährung von Zinsbeihilfen unterstützt werden. Die Verzinsung und Tilgung der Hauszinssteuerdarlehen ist bis zur Herstellung niedrigerer Zinsen für erststellige Hypothekendarlehen auszufetzen und die von Wohnungsunternehmen zu tragenden Steuern und öffentlichen Abgaben weitgehend zu ermäßigen. Für den überschuldeten Hausbesitz sind nach vorhandenen Vorbildern Sanierungsoerhandlungen unter Einschaltung von Spruchstellen einzuleiten. Gegen die Verschleuderung von Hausbesitz ist durch Ausbau des Vollstreckungsschutzes Vorsorge zu treffen.
Die Richtlinien der Reichsregierung für die große Verfaffungsreform.
Berlin, 16. Oft. (TU.) Die Reichsregierung hat nunmehr offiziell die in Frage kommenden Stellen des Reichsinnenministcriums beauftragt, einen Entwurf zur Reform der Reichsverfassung auszuarbeiten. Für diesen Entwurf bestehen vorerst lediglich Richtlinien, die gleichwohl die allgemeine Tendenz des von der Reichsregierung beabsichtigten Reformwerkes erkennen lassen. Rach diesen Richtlinien sollen die eigentlichen verfassungsändernden Bestimmungen auf ein Mindestmaß beschränkt werden, wogegen alles andere durch einfache De.waltungsmaßnahmen erre cht werden soll.
Die entscheidende Aenderung betrifft d i e Stellung des Reichspräsidenten, der gleichzeitig preußischer Staatspräsident sein und die Befugnis erhalten soll, als preußischer Staatspräsident den preußischen Ministerpräsidenten und die preußischen Minister zu ernennen. Reichskanzler und preu- ßischerMinisterpräsident würden damit durch Ernennung in Personalunion vereinigt. Dasselbe würde für die übrigen Minister des Reiches und Preußens gelten. Lediglich zwei preußische Ministerien sollen verfassungsgemäh als s e l b - ständig bestehen bleiben: das Innenministerium und das Finanzministerium. Eine weitere Berfassungsänderung würde dann nur noch den Preußischen Landtag betreffen, der dann nicht mehr die Möglichkeit hätte, den preußischen Ministerpräsidenten zu wählen. Er soll jedoch das Recht erhalten, einmal zu Begin n d e r Legislaturperiode zu der vom Staatspräsidenten bzw. Reichspräsidenten ernannten Regierung Stellung zu nehmen. Erteilt der Landtag der Regierung kein Mißtrauensvotum, so bliebe diese damit für eine Legislaturperiode im Amt, vorausgesetzt, daß ihr der Reichstag in ihrer Eigenschaft als Reichsregierung das Vertrauen nicht entzöge und dann der Reichspräsident neue Entschlüsse zu fassen hätte.
Die Reichsregierung ihrerseits soll von den allzu unsicheren Einflüssen der Partei» bzw. Zufallsmehrheit unabhängig gemacht werden. Diesem Ziel dient zunächst die Schaffung einer Ersten Kammer neben dem Reichstag. Beschlüsse sind nur rechtsverbindlich. wenn sie in beiden Häusern mit den Stimmen der Mehrzahl der gesetzlichen (also nicht der anwesenden) Mitglieder gefaßt sind. Um die Ablehnung eines Reichstagsbeschlusses durch die Erste Kammer unwirksam zu machen, ist eine Zweidrittelmehrheit des Reichstages notwendig. Der Sturz der Reichsregierung oder einzelner Minister wäre an die gleichen Voraus» setzungen gebunden. Alle diese das Verhältnis der Reichoreg erung zum Reichsparlament betreffenden Reuerungen würden natürlich gleichfalls Verfassungsänderungen bedeuten.
Die Erste Kammer soll aus dem Reichs- r a t gebildet werden. Zu den bisherigen Reichs»
ratsmitgliedem, die von den Ländern ernannt werden, und etwa ein Drittel der neuen Kammer ausmachen sollen, soll ein weiteres Drittel dem bisherigen Reichswirtschaftsrat, also den Berufsorganisationen und Verbänden, entnommen werden. Das letzte Drittel soll aus Persönlichkeiten bestehen, die sich um Staat und Volk besonders verdient gemacht haben und vom Reichspräsidenten ernannt werden. Der jetzige Reichsrat und der vorläufige Reichswirtschaftsrat würden verschwinden.
Das Wahlrecht zum Reichstag soll durch Heraufsetzung des Wahlalters (auf 25 Jahre?) und durch Wiedereinführung des Ein-Mann-Wahlkreises mit der Möglichkeit der Stichwahl abgeändert werden. 3n beschränktem Umfange soll eine Reichswahl- l i st e bestehen bleiben. Die für den Reichstag gewählten preußischen Abgeordneten würden gleichzeitig den preußischen Landtag
Bezüglich der Gestaltung des Derhältnisies des Reiches zu den übrigen Ländern gelten die Ausführungen des Reichskanzlers in München als richtunggebend. Die Artikel 17 (Derfasfungshoheit) und Artikel 18 (Gebietshoheit der Reichsverfassung betreffend). Entscheidend dürfte hierbei weiter die geplante Neuregelung des Finanzausgleichs fein. Diese soll auch die Gemeinden betreffen. Das Gemeindemahlrecht soll erheblich abgeändert werden; man denkt hierbei an das Pluralwahlrecht, um parteipoli» tifdje Gesichtspunkte bei den Gemeindeverwaltungen auszuschalten. Bezüglich des Artikels 18 der Reichsoerfassung sollen gleichfalls Lockerungen Platz greifen, um das Aufgehen der kleinen deutschen Länder in größere zu erleichtern.
Bei allen diesen Gedankengängen handell es sich, wie gesagt, um Richtlinien, die noch keineswegs die Gestalt eines greifbaren Reformoorfchlages angenommen haben. Der Reformvorschlag als solcher, der nach Ausarbeitung durch die zuständigen Ressorts das Reichskabinett beschäftigen wird und auch dort noch erheblich abgeändert werden kann, soll bekanntlich dem Reichstag bei seinem Zusammentreten bereits oorliegen.
DieFinanznotderLandgemeinden
Dr. G.rcckc auf hem «urhefs schon l'anhflcmei: hctrtq
Kassel, 16. Okt. (TU.) Auf dem Kurhessischen Landgemeinde tag in Kassel sprach der Präsident des Deutschen Landgemeindetages, Landrat a. D. Dr. Gerecke-Pressel, über die Zukunft der Land- gemeinden. Alle Sanierungsoersuche des Reiches und der Länder müßten erfolglos bleiben, wenn der größte Gefahrenpunkt, die völlige Erschütterung der Finanzen der Gemeinden und Gemeindeverbände, nicht beseitigt würde. (Sie feiert nicht durch Fehlinvestitionen und Ausländsanleihen,
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Vornan von Gert Gothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale) 14 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Fritz Lohgarten sah auf einmal seine Ehe, wie sie sein würde: Kleinliches Gezänk und die ewigen Bemühungen, ihm, Lohgarten, das Heft aus der Hand zu winden, in allem das letzte Wort sprechen zu wollen. 3lsc würde sich in alles hineinmischen, wozu er ihr das Recht absprechen mußte, und so würden eben diese Zänkereien entstehen, die ihn nach und nach zermürben mußten.
Fritz Lohgarten richtete sich hoch auf und wußte nicht, wie vorteilhaft er gerade jetzt aussah.
Er hatte ihr noch immer nicht geantwortet, und 3lse sah ihn mit großen Augen an. Seine Hand strich leicht über die Stirn hinweg, dann sagte er fest:
„Ich würde mir von meiner Frau niemals vorschreiben lassen, wer in meinem Büro oder Laboratorium arbeitet oder nichtI"
Sol Tas war eine Kriegsansage.
Und Vater Wiedener schmunzelte, aber er besah sich dabei sehr aufmerksam das Bild eines bekannten Malers.
3lseS voller Mund zuckte. Sie hätte am liebsten irgend etwas recht Böses gesagt, aber ihre Klugheit gebot ihr Schweigen. Soviel aber stand jetzt fest: Dieses schöne Mädel mußte hier fort. Es mußte bann eben irgend etwas getan werden, daß sie hier fort mußte.
DaS Gespräch schleppte sich dann noch gezwungen liebenswürdig eine Weile fort. Herr Wiedener sagte aber bald:
„Also für eine Stippvisite genügt das. Sehen wir Sie morgen abend bei uns zum Essen?"
„Morgen habe ich ausgerechnet keine Zeit. 3n den nächsten Tagen überhaupt kaum. Ich würde mich aber freuen, nächste Woche von Ihnen zu hören", sagte Lohgarten ruhig.
Ilse hätte sich prügeln mögen. Das hatte sie nun davon. Heute hatte sie Den Papa gequält, daß er mit ihr früh hierher fuhr, obgleich er warnend sagte: „Er mag solche Uebersälle nicht, wenn er arbeitet. Laß den Unsinn doch."
Aber sie hatte solche Sehnsucht gehabt, Fritz Lohgarten zu sehen, und hatte sich diese Fahrt hierher erzwungen. Und nun war sie so unvorsichtig gewesen, derart aufzutreten. Doch es ließ sich nicht ungeschehen machen, und so blieb eben etwas Häßliches zwischen ihnen.
Fritz Lohgarten aber wußte, daß er mit Ilse keine glückliche Ehe führen würde, und er hatte doch den besten Willen dazu gehabt!
Achtes Kavitel.
Traute ging mittags nach Hause. Sie wählte stets den Weg zwischen den Taxushecken, weil sie da schneller Drüben war. Väterchen zankte zwar und meinte, sie solle doch lieber den breiten Weg gehen, denn es sei so einsam auf Dem Wege zwischen den Hecken. Er konnte nicht auf sie warten, da er immer pünktlich in der Fabrik fein mußte und Traute doch zuweilen erst später zum Essen kommen konnte, weil sie für den Chef noch irgendeine Arbeit vollenden muhte.
Auch heute war es wieder Der Fall gewesen, und gerade als Die Arbeiter nach Der Mittagspause wieder an ihre Arbeit gingen, lief Traute »wischen Den Hecken eilig dahin, um die Mutter
nicht noch länger mit dem Essen warten zu laufen
Sie mochte ungefähr die Mitte des Weges erreicht haben, als ein großer, schlanker Herr ihr entgeqenfam. Er stutzte, lächelte dann und zog den Hut.
„Guten Sag, mein Fräulein. Ah, das habe ich nicht gewußt, daß es hier so schöne junge Damen gibt."
Staute ignorierte Gruß und Sprecher und wollte weiter.
Ein schneller Blick ringsum, dann hatte der Fremde plötzlich die Arme um das Mädchen geschlungen und versuchte es zu küssen.
Traute rief um Hilfe, aber es war alles still ringsum, und nut die Hetbstsonne schien grell und weih auf die unwürdige Szene.
Traute schlug den Mann mitten ins Gesicht, daß er einen Augenblick lang zurücktaumelte.
„Ehrloser Schuft!"
Und dann lief sie quer über die große Wiese, die nah und kalt war. Der Fremde lachte zynisch hinter ihr her.
„Wildkatze! Aber gerade das gefällt mir. Und du wirst doch auch gefügig wer Den, du schönes, kleines Mädel du."
Langsam ging Heinz Altendorf weiter.
Drüben lief das Mädchen an Den Gärten entlang, als sei der Teufel hinter ihr her.
Plötzlich lachte Heinz AltenDors nicht mehr.
Als sei der Teufel hinter ihr her, so lief das Mädchen!
Der Teufel!
Und das wat er!
Was hatte er denn da bloß geglaubt?
Solch ein schönes, junges Geschöpf hatte Ideale, und ihm schien sein Verhalten plötzlich als ein scheußliches Gebaren.
Pfui!
Was mochte sie jetzt von ihm denken?
Sie kannte ihn nicht! Olein! Oder vielleicht doch? Aber es waten Jahre seit seinem letzten Auftreten vergangen, und das Mädel war doch noch sehr jung.
Wie ihn die großen schönen, dunkelblauen Augen angesehen hatten! Er konnte diesen verächtlichen, angsterfüllten Ausdruck nicht vergessen.
Over war das Mädchen?
Das mußte er zunächst zu ergründen suchen.
Rach kurzer Zeit wußte Heinz Altendorf, wer das schöne Mädchen gewesen war, das mittags so eilig zwischen den Hecken hinhuschte zu den Arbeiterhäuschen hinüber.
Traute Dolscher!
Die Tochter des alten Werkmeisters Dolschet. der drüben in der Lohgartenschen Fabrik arbeitete. Und die Tochter war im Laboratorium des Herrn Lohgatten beschäfttgt.
Das zerrte allen Hah und allen Groll erneut hervor. Wieder Fritz Lohgarten, der Der Bevorzugte wat! Gr unD immer wieder er! Denn er würde nicht an dieser holden Menschenblüte vor» übetgehen, ohne sie zu beachten.
Und Heinz Altendorf ging wohl achtmal zwi- schen den langen Hecken hin-und her und sann und sann. Und In seinem Innern ging eine seltsame Wandlung vor.
OBcnn er allen Hatz beiseite warf und ein neues Leben beginnen würde? Wenn er noch einmal versuchte, durch seine Stimme viel Geld zu verdienen?
Und — wenn — wenn dieses junge Mädel hier, dessen dunkelblaue Augen ihn, den 03er- wöhnten, Vielgeliebten bezaubert hatten?
OBenn er doch nur klar sehen könnte!
Es war albern, gleich ein Verhältnis zwischen
dem Mädel und Lohgarten vorauszusehen, nur weil das Mädel jung und schön war. Lohgatten sollte in den letzten Iahten ja ein sonderbarer Heiliget geworden sein. Er hockte immer daheim über irgendeiner Arbeit. Eigentlich bewunderte et den Mann heimlich. Was der für eine Energie hatte! Ließ sich nicht unterliegen und hatte den Kampf durchgehalten. Und nun würde er ja auch wieder in die Höhe kommen, da ihm ein böser Zufall zu Hilfe kam.
Zufall? Kein Zufall, sondern die Treulosigkeit eines Menschen, dem er, Altendorf, vertraut hatte.
Fort damit! Was nicht mehr zu ändern war, darüber sollte man nicht nachgrübeln.
Olber so oft er an diesen nächsten Sagen auch auf dem einsamen Heckenweg hin und her gegangen war, er hatte Traute Dolschet nicht wieder getroffen.
ilnD Heinz Altendorf entwickelte eine plötzliche Arbeitslust. Er wat sehr schweigsam uW still und übte viel in seinem Zimmer. Und die beiden Damen lauschten atemlos auf die herrliche Männerstimme, die sich da immer größer und mächtiger entfaltete und ihren alten Glanz zutück- erhielt.
Einmal, es war beim gemeinsamen Abendbrot, nahm Hilma seine Hand. Olie in diesen Wochen hatte er mit ihr über feinen Gesang gesprochen. Olun hix.lt sie dieses Schweigen nicht länger aus und fragte:
»Heinz, du übst wieder? Willst Du wieder öffentlich auf treten?“
»Ja, Hilma."
»Es wäre gut für uns, Heinz. Es bedrückt mich sehr, daß wir alle drei von der — — von..."
„Von der Gnade deines Stiefbruders leben, wolltest du vermutlich sagen. Es wird ein Ende haben, wenigstens von meiner Seite aus. Und für dich werde ich sorgen, so gut es in meinen Kräften steht."
Er stand auf, strich leicht über ihr Haar, nickte seiner Schwiegermutter flüchtig und freundlich zu und ging schnell hinaus.
Hilma meinte. Die Mutter aber schwieg, und ihr müdes, gelbes Gesicht zuckte.
Rach einer Weile hörten sie Den Gesang Lohengrins. Hilma sagte leise:
»Heinz sprach so seltsam. Ob — er — sich von mir trennen will, wenn er wieder ein großer Sänger geworden ist? Ach, Mutter, diese letzten Wochen waren schön und friedlich. Olber ich habe es immer gewußt, daß es so nicht bleiben kann. Daß eines Tages alles wieder anders sein wird."
„Hilma, mein armes Mädel. Wenn Du ihn doch nie gesehen hättest, es wäre uns allen Wohler."
„Gewiß, Mama. Olber ich liebe ihn!"
Da schwieg die Mutter.
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Die Sensation um Den Künstler Altendorf blieb. Erst die Srennungdaffäre, Dann die Versöhnung mit seiner Frau, und jetzt überraschte er die Mensen durch eine Anzeige, daß er am 15. Januar einen Lieder- und Arienabend veranstaltete. Vielmehr die Konzertdirektion Pries gab es bekannt und arrangierte auch das Ganze. Olatür- lich war der große Saal der „Harmonie" zum Drechen voll. Alles war gekommen, sogar ein paar gefürchtete Kritiker der Hauptstadt.
Und Heinz Altendorf fang schöner denn je. Er sang sich in alle Herzen hinein und wirkte frisch und jugendlich in seiner schlanken Gröhe.
Hilma sah neben ihrer Mutter regungslos und totenblaß in ihrer Loge. Sie wußte es: Jetzt waren Frieden und Zusammensein verloren auf
ewig, jetzt hatte die Welt wieder ein Recht an Heinz Altendorf, und sie würde dieses Recht nützen.
Dlumen, Blumen, Blumen — und muten Darin der Sänger, der sich verneigte und nicht einmal lächelte. Olber der Blick seiner dunklen Ohigcn ging immer wieder zu dem Platz hinüber, wo Traute Dolscher neben ihren Pflegeeltern faß.
Er hatte ihr die Karten anonym zugeschickt, und sie war gekommen. Wahrscheinlich glaubte sie, der Chef oder sonst ein Gönner habe sie gesandt. Jetzt wußte sie es, wer es gewesen war? Olber nun war es zu spät, um den Saal zu verlassen. Jetzt mußte sie ihn anhören, er mußte sich ihr ins Herz hineinsingen. Wenn es ihm gelang, Dann sollte ein neues Leben beginnen, dann wollte er das alte von sich abstreifen mit allen drückenden Fesseln.
Traute saß still und blaß auf ihrem Platz inmitten des besten Publikums. Unweit von ihr saßen Herr Wiedener und feine Tochter.
SIfe musterte die Angestellte ihres zukünftigen Verlobten scharf. Wie ksm Die hier auf Siefen teuren Platz? Hatte Fritz Lohgarten vielleicht gar diese Plätze für seine Geliebte und deren Angehörige gestiftet?
Ilse hätte dieses schone, schlanke Mädchen vernichten mögen. Sie wurde sich plötzlich bewußt, daß sie selbst gegen dieses Mädchen plump und unfein wirkte.
Ilse biß auf ihr Taschentuch.
Einmal fing sie einen Blick des Sängers auf, der ohne Zweifel Traute Dolscher galt Und da stockte ihr der Atem. War das so eine, die für alle vornehmen Männer da war? Zwischen diesem leichtsinnigen, schönen Sänger, der abwechselnd für Sensationen und Skandälchen sorgte, und dem Mädel bestand bestimmt etwas, Denn sein Dlick hatte das bewiesen. Ob zwischen Fritz Lohgarten unD Diesem Mädchen etwas bestand, wußte sie nicht, aber sie hatte es vermutet. Vielleicht wußte es einer vom andern nicht, und man könnte dieser Person das Spiel eigentlich gründlich verderben. Man müßte es sogar tun.
Ilses Augen schillerten grünlich, während sie voll Haß auf dem blassen, feinen Mädchen gesicht rußten.
Traute faß es nicht. Sie war außer sich. Keinem Menschen hatte sie etwas von jener ihr höchst lästigen Degegnung erzählt. Sie hatte den Fremden nicht gekannt. Und heute wußte sie nun plötzlich. daß es Der Sänger Heinz Altendorf gewesen war, von dem 03äterd>en schon einige Male gesprochen.
Väterchen hatte auch gesagt, daß dieser Mann es sei, dem der Chef viele bittere Stunden Der» banke, und er, Dolscher, begreife es nicht, wes- halb Herr Lohgarten diesen Halunken immer wieder schone. Vielleicht der beiden Damen wegen? Ola ja, das könne er ja verstehen, wenn der Chef keinen Skandal in feiner Familie wolle. Olber Der Sänger sorge doch gerade genug für Skandal und Aussehen, daß es auf etwas mehr wahrhaftig nicht mehr ankomme.
Dieser Heinz Altendvrs hatte es gewagt, sie 3iu belästigen. Wenn Vater das wüßte!
_®r glaubte auch, Daß Der Chef die Karten für das Konzert gestiftet habe, und wollte sich morgen bedanken. Mein Gott, sie glaubte nun nicht mehr daran. Sie wußte, daß der Sänger selbst die Karten geschickt hatte! Denn wie er die Reihen schnell mit den Dlicken absuchte, nachdem er das Podium betrat, das hatte sie nur zu gut gesehen. Und auch. Daß es befriedigt in seinen dunklen Augen ausblihte, als er sie sah.
(Fortsetzung folgt)


