Ausgabe 
18.7.1932 Frühausgabe
 
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Kr. 166 Krühausgabe

182. Jahrgang

Montag, 18. Juli 1952

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Vrvck und Verlag: vrühl'sche UnlverfNülr-vuch- und Zteindnickerei K Lange in Gießen. Schristleitung und Seschäftrstelle: Zchulstrahe 7.

Verstärkter Wahlkampf am Wochenende

Oie Parteiführer aller Richtungen sprechen vor Massenversammlungen in ganz Deutschland

Schwere Straßenkämpfe in Altona

zugrunde und deshalb gelte es heute, die gegenüber dem Vaterlande zu erfüllen.

Wie

nach den blutigen Ereignissen von Polizeikolonnen bis auf die Auslösungsplähe begleitet, um weitere Zwischenfälle zu vermeiden.

Die Unruhen in Altona haben im Lause des späten Vachmittags und Abends immer größe­ren Umfang angenommen. Um 20 Uhr etwa trat eine gewisse Beruhigung ein, nachdem in der Kleinen Freiheit" eine aus Fuhrwerken errichtete Barrikade von der Polizei g e st ü r m t worden war. Aber noch immer sind die Sanilätskolonnen an der Arbeit, um weitere ver- lelzle zu bergen, die von ihren Parteigängern zu­meist in die Häuser und Häse abtransporliert wor­den sind. Der Slrahenbahnverkehr war nördlich der Großen Bergstraße, in der Reichen­straße bis zur Hamburger Grenze voll­kommen lohmgelegt, an vielen Straßen­bahnen waren die Scheiben durch Schüsse zertrüm­mert. Troß Einsatzes von Panzerwagen fuhren die kommunistischen Dachschußen fort, aus die Polizei zu feuern. Ganze Slraßenzüge mußten von der Polizei Haus für Haus ab gesucht wer­den, und eine große Anzahl Personen man spricht von über 200 wurde zwangsgestellt und ins Polizeipräsidium gebracht.

Altona, 17. Juli. (TU.) Bei einem Aufmarsch der Nationalsozialisten in Altona kam es am Sonntognachmiltag z u blutigen Zusammen- stößen mit Kommuni st en. Nach den bisher vorliegenden Meldungen gab es 12 Tote und zahlreiche Schwer- und Leichtverleßte. Die Augenzeugen berichten, gaben die Kommu­nisten, als der nationalsozialistische Zug die Straßen des Arbeiterviertels passierte, Schüsse aus den Häusern und von den Dächern aus die Zugteilnehmer ab. Mehrere Nationalsozia­listen brachen schwer verleßt zusammen. In dem Zug entstand eine ungeheure Verwirrung. Die mar­schierenden Kolonnen lösten sich teilweise auf, wäh­rend der Rest gegen die Angreifer vorzugehen ver­suchte. Die anrückende Polizei wurde eben­falls aus den Häusern heraus beschos­sen, so daß sie gezwungen war, das Jener zu erwidern. Auch an anderen Stellen der Stadt kam es zu Zusammenrottungen. An der Grenze zwischen Hamburg und Altona versuchten hamburgische Polizeibeamte ein Ueber- greifen der Anruhen auf Hamburg zu verhüten. Dabei wurde ein Beamter durch einen Oberschenkel- schuß verleßt. Der nationalsozialistische Zug wurde

Kommunisten schießen aus Häusern auf einen nationalsozialistischen Oemon- strationSzug. Bisher 12 Tote und viele Schwerverletzte.

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Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Or.H.Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und sür den Anzeigenteil Mar Filter, sämtlich in Gießen.

die Selbstverleugnung nicht so weit, daß wir bei einem Schlag auf unsere linke Wange auch die rechte Wange zum Schlage Hinhalten. Wir sind nicht nur international, und wir wollen den Völ- kerfrieden, sondern wir sind auch national, denn wir wollen den Volkssrieden." Die Verlängerung der heutigen Reichsregierung oder deren Ersetzung durch einige Rationalsozialisten würde das Ende der Politischen Freiheit bedeuten. Die Mitglieder der RSDAP. seien Prinzen, Großindustrielle, Großagrarier und ehemalige Offiziere. Aber ihnen folgten Millionen von Arbeitern, Angestellten, 'Beamten und Kleinbauern. Alle diese gelte es zu- rüclzuholen in das Lager der Menschheit. Man spreche von-Wohlfahrtsstaat. Die Existenz des deutschen Volkes beruße auf diesem Wohlsahrts- charalter. Wenn man singeDeutschland, Deutsch­land über alles", so heiße es weiterbrüderlich zusammenhält". Llnbrüderlich sei es. wenn den Aermsten der Armen die Untcrftüßungcn geschmä­lert würden. Alle Menschen hätten ein Recht dar­auf, ein menschenwürdiges Dasein zu führen. Der Unterschied von Ausbeutern und Ausgebeuteten müsse beseitigt werden.

statt Saaten auszustreuen und sievonuntcnher wachsen zu lassen. Einem einzelnen Menschen alle Macht geben zu wollen und zugunsten der Auf­fassungen eines Menschen und eines schwankenden Parteiprogramms unduldsam sein: Aus dem Schlag­worte Legalität heraus allzu sehr den Parlamenta­rismus ernst zu nehmen, statt sich immer zu erin­nern, daß gegenüber den heutigen Zuständen der Nationalismus nur revolutionär sein rann. Es heißt jetzt wieder wählen. Aber ich würde den Geist der Jugend nicht verstehen, wenn ich nicht hinzufügte: Wir wissen, daß n i cM der Stimm­zettel uns den endgültigen Sieg bringt. Wir wollen bei aller Beherrschtheit die Träger national- revolutionärer Jugendkraft sein. Es gibt für uns keinen parlamentarischen Ehrgeiz, keine Minister- feilscherei, es gibt nur die Leidenschaft: dem Volke zu dienen und zu helfen. Das Ziel Deutschland!

der Kampf auch ausfallen werde, er werde weitergehen bis zum endgültigen Siege, bis zu der Grundlegung des neuen Deutschlands. Aach der mit starkem Veifall aufgenommcnen Rede fuhr Hitler nach Oste­rode weiter.

Berlin, 16. Juli. (WTB.) In einer Verord­nung vom heutigen Tage hat die Reichsregie- r u n g den Freiwilligen Arbeitsdienst neu geordnet. Den Gegenstand und Zweck be­zeichnet die Verordnung mit den Worten:

Der Freiwillige Arbeitsdienst gibt den jun­gen Deutschen d i e Gelegenheit, zum Außen der Gesamtheit in gemeinsamem Dienste freiwillig ernste Arbeit zu leisten und sich zugleich körperlich und geistig-sittlich zu er­tüchtigen."

Nach dem Inhalt der Verordnung müssen die Arbeiten des Freiwilligen Arbeitsdienstes g e - m e i n n ü ß i g und zusätzlich fein; sie dürfen nicht zu einer Verringerung der Ar­beitsgelegenheiten auf dem freien Ärbeits- markt führen. Träger der Arbeiten sind öffent­liche Körperschaften oder sonstige Ver­einigungen, die gemeim.-.ßige Zwecke verfol­gen. Diesen wird es auch obliegen, für das Vor- yandensein von geeigneten Arbeiten zu sorgen. Als Träger des Dienstes kommen neben den Trägern der Arbeit die Vereinigungen in Betracht, die sich in besonderem Maße für die Betreu­ung der Arbeitsdien st willigen eignen. Die Arbeitsdienstwilligen genießen die Vorteile der Sozialversicherung und des Arbeits­schutzes. In erster Linie sollen junge Deut- s ch e unter 25 Jahren bedacht werden, und zwar von diesen wieder besonders Arbeitslose, die aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden. Da­neben kommen aber auch Nichtarbeitneh­mer in Betracht.

Um eine mögsichsk einfache und sparsame Durch­führung des Freiwilligen Arbeitsdienstes ficher- zustellen, werden die für diesen Zweck bereit- stehenden Reichsmittel und Mittel der Reichs- amstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeits­losenversicherung einheitlich zusammengefoßt und verwaltet.

11m die einheitliche Leitung zu gewährleisten, wird die Reichsregierung einen Reichskom - m i s s a r, der dem Reichsarbeitsminister unter­steht, ernennen. Der Reichskommissar wird von Dezirkskommissaren unterstützt. Als Rcichskommissar ist der Präsident der Reichsan­stalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenver­sicherung, Dr. Syrup, in Aussicht genommen. Ein neuer Vehördenapparat wird n i cht geschaffen. Vielmehr stehen die Einrichtungen der

Reichsanstalt zur Verfügung. Das Rähere wird durch eine Ausführungsverordnung des Reichs­arbeitsministers geregelt, die in Kürze erscheint.

Mit der Verordnung verbindet die Reichsregie­rung die folgende Erklärung:

Die Reichsregierung hat in der Verordnung vorn 16. Juli dem Freiwilligen Arbeitsdienst eine neue Verfassung gegeben. Sie behält sich vor, diese entwicklungsfähige und förderungswürdige Ein­richtung unter Berücksichtigung der kommenden Erfahrungen weiter auszubauen.

Der Reichskommissar wird beauftragt, über seine Erfahrungen zu berichten und ein Gutachten über die notwendigen Voraussetzungen und die zweckmäßige Form einer Arbeitsdienst- pflicht zu erstatten. Das Gutachten wird der Öffentlichkeit zur 'Beurteilung zugehen.

Erläuterungen des Reichsarbeiisministers. 3n der Aundfunkstunde der Reichsregierung sprach Reichsarbeitsminister Dr. Schäffer zur neuen Verordnung über den Freiwilligen . Arbeitsdienst. Der Minister wies darauf hin, daß der Freiwillige Arbeitsdienst als solcher, nicht neu sei. Den Anfang bildeten die Arbeits­lager von Studenten, Arbeitern und Bauern.

heute ist der Freiwillige Arbeitsdienst eine so­ziale Bewegung, vergleichbar einem Strom, der ausgetrocknetes Land bewässert und befruchtet.

Rach der Zweckbestimmung werden für den Freiwilligen Arbeitsdienst im Sinne der Ver­ordnung nur solche Arbeitswerke an­erkannt, die das Merkmal der G e m e i n n ü h i g- keit an sich tragen. Die Arbeiten müssen zu- gleich zusätzlich sein. Der Arbeitsdienst darf nicht zu einer Verringerung der Arbeitsgelegen­heit auf dem freien Arbeitsmarkt führen. Er er­streckt sich auf Arbeiten, die weder jetzt noch in absehbarer Zeit ohne den Einsatz des Freiwilligen Arbeitsdienstes vorgenommen werden können Ein Eingriff in das Gebiet der Erwerbswirtschaft oder in das ordentliche Arbeitsverhältnis ist nach der Verordnung unzulässig.

Als Beispiele für gemeinnützige und zusätzliche Arbeiten seien hervor- gehoben: die Anlage und Verbesserung von Dors- ft raßen, Feld- und Waldwegen, die Ausrichtung kleiner Flußläufe, die Befestigung und der Schutz

Gevering.

Der preußische Innenminister Severing sprach am Sonntagnachmittag auf einer großen Kund­gebung der Eisernen Front in Kiel. Eingeleitet wurde die Kundgebung durch einen Demonstrati­onszug, der durch verschiedene Straßen Kiels führte. Severing forderte, daß auch die 17 v. H Richtwähler am 31. Juli an die Wahlurne gebracht würden. Dazu sei Aufklärung der Massen nötig. Früher habe man sich im Wahlkampf mit den po­litischen Gegnern in Rede und Gegenrede über den besten Weg zum Heile Deutschlands auseinan- dergeseht. Heute sei der politische Kampf ausgear­tet und Revolver und Messer seien politische Kampfmittel geworden. Severing erklärte:Wir wollen keine Köpfe rollen lassen, aber wir treiben

und alle Parteien zerstören, um zu einem ein­heitlichen Volksganzen zu kommen. Das Volk ginge aus Mangel an Pflichtbewußtsein heute, die Pflicht

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Die neue Verordnung über den freiwilligen Arbeitsdienst

Goebbels.

In einer von etwa 5000 Personen besuchten Kund­gebung der NSDAP, im Potsdamer Sta­dion wandte sich Dr. G o e b b e l s nach einem Rück­blick über die Arbeit seiner Partei in den letzten 13 Jahren und Vorwürfen gegen die nach seiner Ansichtrein mechanischen Regierungsmethoden" des Kabinetts Brüning die in allem nur immer die Aus­drucksform, nicht aver die wahre Ursache unseres Un­glücks bekämpft hätten, auch heftig gegendieRe- gierung von Papen. In seinen Augen seien auch diese Männer nicht als Kabinett der Nationalen Konzentration, sondern alsSchwächekabi­nett gemessen an ihren inner- und außenpoli­tischen Erfolgen ber letzten sechs Wochen" zu be­zeichnen. Auch das Kabinett von Papen müsse fort, um den Beauftragten Hitlers Platz z u machen. Zum Schluß sagte Goebbels, durch stürmischen Beifall wiederholt unterbrochen: Der Auszug von 30 Parteien im gegenwärtigen Wahlkampf sei ein Unfug. Selbsteine Partei" sei schon fast zuviel, da es einzig und allein um das Wohl und Wehe des gesamten deutschen Volkes gehe, das nicht wie bisher durch den hader des Klassen­kampfes und durch Konzessionen zerrissen werden dürfe.

Dingeldey.

3n Kottbus sprach in einer Kundgebung der Deutschen Volkspartei der Abg. Dingeldey. Das Ergebnis von Lausanne ist ein Beweis da­für, wie unendlich schwer es ist, die Front bei; Gegner Deutschlands zu durchbrechen. Das Lau­sanner Ergebnis kann uns Deutsche ganz gewiß nicht befriedigen. Richt ein völliges Ende mit den Tributen ist gemacht worden, wie es Mussolini mit dem Worte:Schwamm drüber!", gefordert hatte, sondern man hat versucht, mit allen Mitteln advokatischer Kniffe, mit allen Mitteln der gerissensten Diplomatie auf neuen Wegen und in neuen Formen von Deutschland neue Leistungen z u er­halten. Dingeldey erkannte an, daß wirtschaft­lich ein ungeheuerer Fortschritt mit dem Lau­sanner Abkommen erzielt worden sei. Er hielt es aber für falsch, auf dieser Konferenz meh­rere Ziele zugleich zu verfolgen, da dann leicht keines der Ziele erreicht werden könnte. Das Hineinwerfen der beiden großen Ehrenfragen, der Kriegsschuldlüge und der Rechts­gleichheit in Wehr- und Rüstungsfragen, war falsch. In der kommenden Zeit der Angewißheit, ob der Vertrag überhauvt ratifiziert werde oder nicht, sei es die dringendste Aufgabe der deut­schen Regierung, diese beiden großen Ehrenfragen zu einem für Deutschland günstigen Ergebnis zu führen. Deutschland habe keine Veranlassung, sich mit der Ratifizierung des Lausanner Abkommens zu beeilen. Dingeldey wandte sich dann den inner­politischen Fragen zu und fragte, ob das deutsche Volk in der Lage sei, den Freiheitskampf zum Erfolg zu führen, wenn es sich im Bruder- kampf zerfleische. Der Redner stellte fest, daß es falsch war, die Rationalsozialisten nicht zur Verantwortung heranzuziehen. Er wandte sich aber scharf gegen die Alleinherrschaft einer Partei.

Hitler.

Adolf Hitler sprach am Samstag auf dem Festplah in Löhen-Althof (Ostpreußen) vor einer nach Zehntausenden zählende Menge. Er führte u. a. aus, die Gegner machten es sich leicht, die Fehler von 13 Jahren jetzt gar nicht zu er­wähnen, sondern nur die vier bis sechs Wochen der Regierungszeit des Kabinetts Papen. Man habe ihm die scheußliche Absicht nachgesagt, die Parteien zu zerstören, ja, er wolle die 30 Parteien vernichten, um den Parteien einen einzigen nationalen Willen entgegenzusehen. Er wolle regieren und er sei zu jeder Koalition bereit, wenn nur national­sozialistische Politi k getrieben werde. Die Zeit der Halbheiten in Deutschland sei jetzt zu Ende. Die Wahl am 31. 3uli könne die Ent­scheidung bringen, wenn das deutsche Volk sich in dem Willen zusammenfinde, der allein das Schicksal Deutschlands bestimmen könne.

Die zweite Wahlrede am Samstag hielt Hitler in der masurischen Stadt Ortelsburg vor etwa 25 000 Zuhörern. Die Stadt war ebenso wie die masurischen Dörfer, durch die Hitler fuhr, mit Blumen, Transparenten und Fahnen geschmückt. Rach Begrüßungsworten des ost- preußischen Gauleiters Koch erklärte Hitler, 13 3ahre hindurch hätten die Machthaber in Deutsch­land geglaubt, mit fremder Hilfe das Vaterland zu retten. Die Rationalso^iausten glaubten, nur ous eigener Kraft könne die Hilfe kommen. Er werde sich gegen den Parteiirrsinn wenden

Brüning.

Auf einer von etwa 35 000 Zuhörern besuchten Wahlkundgebung der Zentrumspartei und der Bayerischen Dolkspartei sprach am Sonntagnach­mittag in ber Großen Eberthalle zu Ludwigs­hafen Reichskanzler a. D. -Brüning. Keine Partei sei bisher bereit gewesen, die Ergebnisse von Lausanne zu ratifizieren. Manches fei vom letzten Kabinett vorbereitet worden, bas jetzt in Erfüllung gehe. Vieles aber, was die jetzige Re­gierung vornehme, fei nicht vorbereitet wor­den. Den positiv aufbauenben Teil der Vorberei­tungen des letzten Kabinetts habe man nur lang­sam publiziert. Die verschärften Bebingungen, die das letzte Kabinett ausarbeitete, habe man aber so­fort bekanntgegeben. Schlagartig wollte das letzte Kabinett seine Vorbereitungen veröffentlichen, es könne aber nicht als schlagartig bezeichnet werden, wenn ein ber neuen Regierung nahestehendes Or­gan zunächst schrieb:Nunmehr keine neuen Not­verordnungen", dann aber härtere Notverordnun­gen als beabsichtigt waren, veröffentlicht werden. Zentrum und Bayerische Volkspartei werden ge­stärkt aus diesem Wahlkampf heroorgehen, aber bi e gemäßigten Parteien der Mitte, die Parteien der protestantischen Gläubigen wer­den verschwinden zugunsten der Nationalsozialisten, der Sozialdemokraten und der Kommunisten. Es wird eine Entwicklung geschaffen, von der nie­mand weiß, ob sie normal ausgeht. Niemand weiß, ob man aus dieser Sackgasse ruhig und ohne Verfasfungsexperirnente herauskommt. Man habe aber auch den großen Fehler gemacht, zunächst die Nationalsozialisten an den Erfolgen der Politik teilnehmen zu lassen, die in den vergangenen zwei Jahren gemacht worden seien. Aber als man nun in Lausanne mehr zahlen mußte, da konnten die Nationalsozialisten ruhig erklären, sie ginge das Papen-Kabinett nichts an. Die Nationalsozialisten könnten nunmehr ruhig ihre demagogische Agitation der vergangenen ,zwei Jahre weiter fortsetzen. Wenn alles gutgehen solle, bann würden sie die Retter fein, aber die, die 14 Jahre lang die Verantwortung getragen hätten, würden gescholten werden. Wenn man die Ver­sprechungen und Behauptungen der Nationalso.zia- listen ernst nehmen wollte, bann müßte der Reichs­tag am Zl.Iuli eine Zweidrittelmehrheit der Natio­nalsozialisten aufweisen Das deutsche Volk werde sich nicht durch die Diktatur einer Partei ober einer kleinen Schicht auf die Dauer regieren lassen. Von dieser Erkenntnis ausgehend müsse der Wahl­kampf lebendig gemacht und angefeuert werden.

Hugenberg.

Dr. Hugenberg sprach am Sonntagnachmittag auf der Rennbahn Raffelberg bei Mühlheim zu den deutschnationalen Jugendorganisationen. Trotz des Regens hatten sich mehrere tausend Menschen ein­gefunden. In besonders großer Zahl war auch der Stahlhelm vertreten, daneben Angehörige der bün- dischen Jugend. Die Kundgebung begann mit dem Einmarsch des Kampfringes junger Deutschnationa­ler aus Mühlheim, Duisburg, Krefeld, Wesel, Essen usw. Die neue schwarze Fahne mit schwarzweißroten Streifen senkte sich huldigend vor dem Parteiführer. Unter den Anwesenden sah man u. a. Generaloberst v. Einem, verschiedene Stahlhelmführer, Vertreter des Nationalverbandes Deutscher Offiziere und Vor­standsmitglieder der Radikalen Mittelstandspartei. Hugenberg erklärte u. a.: Deutscher Nationalismus muß den Vorrang vor deutschem Individualismus haben. Das ist der Satz, in dem ich mit dem Na­tionalsozialismus völlig übereinstimme und bei dessen Durchkämpfung ich jeden Bundesgenossen willkom­men heiße. Das sind vor allem die nationalen Jugendoraanisationen. Ohne Jugend keine M a ch t. Aber nun gilt es aufzupassen, nun kommt die Klippe. Um Gottes willen wollen wir nicht den deutschen Individualismus vernichten! Das ist der Punkt, wo unser Weg sich von der Rich­tung scheidet, in der heute so mancher nationalsozia- listifcher Agitator wirkt. Es wird ein hohes politi­sches Verdienst Adolf Hitlers fein, wenn es ihm gelingt, deutsche Massen innerlich umzukneten. Aber, will der Nationalsozialismus etwa deshalb den deut­schen Individualismus totschlagen? Damit würde das deutsche Wesen an seiner Wurzel ge­troffen werden. Alles auseinanderreißend würde eine neue Kluft der Geister zu dem konfessionellen Zwiespalte hinzutreten, über den der nationale Ein­heitsgedanke sich gerade anschickt, die Brücke zu schlagen. Es widerspricht innerstem deutschen Wesen, wovon wir da reden hören: Nach römischem Faschi­stenmuster diö Dinge von oben her ordnen.