Ausgabe 
17.8.1932 Frühausgabe
 
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' Aus Ser Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 17. August 1932.

10 Gebote für heiße Tage.

1. Stehe früh auf, lüfte zeitig die Belten und schließe spätestens gegen sieben Uhr Fenster und Läden.

2. Lasse im Zimmer Wasser verdunsten in mög­lichst zahlreichen und flachen Gefäßen. Du wirst über die angenehme Kühle erstaunt sein.

3. Bei Spaziergängen trage leichte Kleidung und bei praller Sonnenhitze eine ebensolche Kopf­bedeckung.

4. Beim Trinken vermeide alle Hast und kühle dich erst gehörig ab. Das Durstgefühl läßt ganz bedeu­tend nach, wenn man einen Schluck Wasser so lange im Munde behält, bis er warm geworden ist.

5. Plötzliche kalte Bäder an heißen Sommertagen können den Tod zur Folge haben. Vorherige Ab­kühlung des Körpers und eine schnelle kalte Ab­reibung der Arme und der Brust ist dringendes Erfordernis.

6. Am Abend nach Untergang der Sonne öffne alle Fenster und Türen und lasse sie während der Nacht möglichst offen. Alle übermäßig warmen Decken sind beim Schlafen zu vermeiden.

7. Sei vorsichtig mit Speisen. Unter keinen Um­ständen dürfen leicht verderbliche Speisen der Sonne ausgesetzt werden. Der jetzt unbenutzte Zimmerofen ist für kleine Gegenstände eine vorzügliche Kühlstätte.

8. Achte besonders auf den Magen und das Wohl­befinden der Säuglinge. Hitzewellen haben fast stets größere Säuglingssterblichkeit zur Folge.

9. (Eingetretene Hitzscyläge juche bis zum (Ein­treffen des Arztes durch Deffnen der Kleidet und Abwaschungen des Kopfes und Körpers mit kaltem Wasser abzudämmen.

10. Gedenke auch der Tiere in dieser heißen Jahreszeit! Vieh, insbesondere Pferde und Rindvieh, aber auch Kleintiere aller Art den Sonnenstrahlen auszusetzen und sie womöglich festzubinden, ist eine Tierquälerei. Gib deinen Haustieren mehrmals am Tage reines, frisches Trinkwasser.

Eine unerhörte Tat.

Wie die Landeskriminalpolizeistelle Gießen heute morgen mitteilt, ist in der letzten Nacht in der ©e- markung von Ober-Ofleiden ein Acker mit Hafer angezündet worden. Wie man an­nimmt, geschah die Tat aus politischen Mo­tiv e n (es handelt sich hier um die Gegend, in der vor einigen Wochen der folgenschwere Ueberfall von kommunistischer Seite auf Alsfelder SA.-Leute er­folgte. D. Red.). Die Landeskriminalpolizeiftelle wird im Laufe des heutigen Tages mit einem Spür- Hund die Suche nach dem Brandstifter aufnehmen.

Man muß es als unerhört bezeichnen, daß poli­tischer Haß sich jetzt sogar an dem oerareift, was für alle Volksgenossen Daseinsgrundlage ist, nämlich an der Ernte des Feldes. Derartige Taten verdienen unter allen Umständen ganz exemplarische B e ft r a f u n g. Hoffentlich gelingt es der Polizei, den Täter zu ermitteln, und hoffentlich wird das Gericht dann nicht zögern, für eine Tat von so un­erhörter Gemeinheit die erforderliche scharfe Sühne eintreten zu lassen.

40 Jahre Evangelischer Arbeiterverein Gießen.

Der hiesige Evangelische Arbeiter-Verein be­geht am Samstag und Sonntag das Fest des 40jährigen Bestehens. Der Verein wurde im Jahre 1892 von damaligen Borstandsmitgliedern des Bereins für Innere Mission gegründet, ins­besondere war eS der damalige Pfarrer S ch l o s - s e r, der sich um die Gründung bemühte. Die Leitung übernahm seinerzeit Geheimer Schulrat Stamm, den Pfarrer Dr. Grein Anfang 1898 ablöste Aach der Dersetzung des letzteren nach Darmstadt übernahm 1902 Pfarrer Eule r die Leitung des Bereins. 3m Jahre 1907 wurde Professor Dr. Heuser, welcher dem Borstand schon seit der Gründung angehörte, zum Bor- sitzenden gewählt. Er führte den Verein bis zum Jahre 1918. Seit dieser Zeit liegt die Leitung in den Händen des derzeitigen Vor­sitzenden H. K i r ch n e r.

Der Verein hat seine Aufgabe in der Stär- kungdesevangelischenBewubtseins, der Erziehung zur Vaterlandsliebe und Bruder­liebe gesehen und diese Bestrebungen in den 40 Jahren seines Bestehens auch in weitgehendem Maße erfüllt. An sozialen Einrichtungen sind entstanden die Baugenossenschaft 189 4, die nach jahrzehntelanger segensreicher Tätigkeit in eine allgemeine umgewandelt wurde, eine Sterbekasse, die, nach der Inflationszeit ent­sprechend umgestaltet, heute gut fundiert ist. Außerdem hat der Verein jahrzehntelang eine soziale Rechtsauskunftsstelle unterhalten, die in­zwischen durch eine gleiche Einrichtung des Ver­bands abgelöst worden ist. Weiter gingen die ersten Ansätze zur Gründung einer Sanitäts­kolonne von dem Evangelischen Arbeiter-Verein aus. Auch auf dem Gebiete der Bildungsarbeit hat der Verein vieles geleistet. Abgesehen von der Abhaltung von sozialen und sonstigen Kursen hat derselbe durch Veranstaltung von Konzerten, geistlichen Musikausführungen. Vortragsabenden usw. die geistige Belebung seiner Mitglieder erstrebt. Ster Verein begeht sein 40. Iahresfest entsprechend den Zeitverhältnissen in einfacher, schlichter Weise.

Kriegsmarsch/ Kriegsrast eine Uebung -es Bataillons.

Marsch im Morgengrauen. -

Am vorigen Freitag unternahm unser Bataillon einen größeren Hebungsmarsch und kleine Gefechts­übungen. Der Tag es war sehr heiß sah die Mannschaften bei W e tz l a r im Feld. Gestern mor- gen rumorte es auch schon sehr frühzeitig in den beiden Kasernen. Wieder gina es zur Hebung und zu langem Marsche hinaus. Zu früher Stunde im Osten waren kaum die ersten Hellen Schimmer des neuen Tages zu sehen, begab sich das Batail­lon auf den Marsch, der diesmal die Truppen auf dem Wege über Rödgen nach Großcn-Buseck und dann quer durch den Wald dem Dorfe Clim­bach zustreven sah.

Die Mannschaften in Ausrüstung, begleitet von vielen Wagen, führten eine Anzahl schwere und leichte Maschinengewehre und außerdem zwei lankabwehrgeschühe (leider aber nur Attrappen) mit.

Soldaten zu Pferd, zu Rad, Soldaten mit Melde­hunden und mit all dem, was zu kriegsmäßiger Ausrüstung gehört, waren an diesem Marsche be­teiligt, der an die Mannschaften im Laufe des Tages hohe Anforderungen stellte. Noch marschierte es sich aut im frühen Morgengrauen, solange die Sonne nicht mit ihren Strahlen die Luft über ben bebauten Feldern und Wiesen erwärmte. Allmählich aber wurde es Heller, und damit begann wieder ein heißer Sommertag. Mancher Schweißtropfen fiel...

In Gruppen ausgelöst marschierten die Kompanien ihrem Ziele zu. Auf dem Wege begegneten den Sol­daten schon viele Bauern, die mit ihren Erntewagen auf das Feld fuhren, um das Getreide zu bergen. In langem Zuge bewegte sich das Bataillon durch die Landschaft, marschierte durch Rodgen, bis kurz vor Großen-Buscck, um dann nahe des Dorfeingangs nach links abzubiegen und den bewaldeten Höhen zuzustreben, die Roß, Reiter, Wagen und Soldaten bald den Blicken entzogen. In, Walde wurde der lose geordnete Zug völlig aufgelöst, und wahrend die Wagen auf den Waldwegen langsam folgten, er­hielten die Mannschaften Befehl, in breiter Cime auszuschwärmen und unter ständiger Aufrechterhal­tung der Verbindung zwischen den einzelnen ougen vorzudringen. Patrouillen gingen voraus und sicher­ten das Gelände. So gelangte man bis an den Waldrand südwestlich von Climbach.

Dort sand die Hauptübung statt.

Vor den Soldaten, die am Waldrand lagen, breitete sich ein weites Feld, das bis zum Dorfe hin gut zu übersehen war. Links und rechts lagen Wawstücle vorgeschoben. Der Defechtsplan sah folgendes vor: 3m Dorfe lag der Feind. Kavallerie hielt das Dorf beseht und hatte, unter­stützt durch viele Geschütze, eine starke Position. Aufgabe war es, den Feind aus dem Dorfe Climbach zu drängen. Der Angriff sollte nicht nur von einer Seite, sondern von drei Seiten er­folgen. Auf dem rechten Flügel ging die 1. Kom­pagnie vor. zum Frontalangriff war die 2. Kom­pagnie in Stellung gegangen, die 3. Kompagnie hatte die Aufgabe, den Feind am rechten Flügel anzugreifen. Unter sorgfältiger Deckung gingen die Mannschaften der 1. und der 3. Kompagnie im Walde seitlich gegen das Dorf vor. Patrouil­len wurden vorausgeschickt, um die Stellung des Feindes im einzelnen zu erkundigen und damit jede Gefahr, jede Ueberraschung für die nach­folgende Haupttruppe auszuschalten.

3m wohloorbereikelen Angriff von drei Seilen sollte bann der Feind aus dem Dorfe geworfen, die Ortschaft genommen und beseht werden.

Meldegänger hatten die Aufgabe, den Stab, der von zentraler Stelle aus die Vorbereitungen und

Gefechtsübung. Heimkehr.

den Angriff leitete, von der Bewegung der Trup­pen zu unterrichten. Schließlich wurde zum An­griff übergegangen, der allerdings nicht in der im Ernstfälle notwendigen Form des Sturm­laufes über die Felder durchgeführt werden konnte, sondern die Truppen auf den Feldwegen gegen das Dorf rüden sah. Das geschah in erster Linie aus Rücksicht auf die Felder, die zum großen Teil noch von Frucht bestanden waren. Bewußt sollte bei dieser Hebung jeder Feld­schaden vermieden werden ...

Es war inzwischen 8 Uhr geworden. Die Sonne schien heiß. Die Soldaten hatten einen anstren­genden Marsch hinter sich, und so rückte man, anstatt einer anfänglich geplanten Rast am Wal­desrand auf der anderen Seite des Ortes Clim­bach, im Dorfe selbst zu

kurzer Kriegsrast

ein. Aber auch jetzt wurden die für den Ernstfall immer notwendigen Sicherungen getroffen. An den Dorfausgängen wurden die Attrappen der Tankabwehrgeschuhe aufgestellt, wie schließlich im Ernstfälle die Maschinengewehre in Stellung gebracht worden wären. Die Mannschaften la­gerten sich indessen in den Höfen in zwang­losen Gruppen. Die Pferde und die Wagen wur­den sorgfältig in den Schatten der Häuser und damit gleichzeitig in Fliegerdeckung gestellt. Die Soldaten erhielten aus manchem Bauernhaus gern gereichte Erfrischung. Andere sahen in den Gasthäusern bei einem Glase Bier. 3n einer der Gaststuben klang sogar Musik auf, und zwei Mann bewiesen dabei, daß sie nicht nur mit den Waffen umzugehen wußten, sondern auch mit Klavier und Geige. Sie fanden dankbare Zuhörer.

Das Dorf war für geraume Zeit aus feiner Ruhe aufgescheucht. Pferdegecrappel erfüllte die Straßen, harte Schritte klangen auf dem hol­perigen Pflaster. Kommandorufe erschollen, man­ches heitere Scherzwort siel, und wenn auch die Soldaten für eine Stunde der Ruhe pklegten, so konnte doch nicht Stille im Dorfe sein. Die we­nigen Einwohner, die nicht mit den Arbeiten auf dem Felde beschäftigt waren, standen unter den Türen oder reichten Erfrischungen. Sie mach- ten große Augen ob dieser Fülle der intcreffan- ten Erscheinungen, die sicherlich manchen der älteren Dorfbewohner lebhaft an feine eigene Militärzeit erinnerten.

jät das Dorf Climbach dauerte das militärische Intermezzo nicht lange. Gegen 9.30 Uhr wurde wieder zum Aufbruch gerüstet.

Schnell formierten sich die Kompanien zu ge- schlossenen Marschkolonnen und unmittelbar dar­auf erfolgte der Abmarsch. Roch einmal klang im Dorfe der feste Schritt vieler Soldatenstiefel, ungeduldig tänzelten die Pferde, rasch, wie die Truppen im Dorfe einzogen, verliehen sie die Ortschaft wieder. Bald herrschte um die Häuser wieder jener Friede, der nichts mehr ahnen lieh von der Unruhe, die die Strahen noch kurz zuvor erfüllte Die Bauern, die Frauen standen noch einige 'Zeit unter den Türen und Unterwelten sich über das Ereignis. Dann aber trat der All­tag wieder in seine Rechte .. 3nzwischen streb­ten die Soldaten wieder dem Walde zu.

Die Bauern unterbrachen für kurze Zeit ihre Arbeit auf dem Getreidefeld, hielten die Hand über den Augen und sahen den Soldaten nach, die auf staubiger Straße im Sonnenglast dahin- zogen.

Bald aber hatte sie der Wald auf genommen und den Blicken entzogen ...

Für die Truppen war die Ucbung aber noch nicht zu Ende. Auf zwei verschiedenen Wegen zog das Regiment in zwei großen Teilen par­allel zueinander, durch den Wald, während auch jetzt Patrouillen vorausgingen, und die Fühlung zwischen den beiden Marschformationen durch Querverbindungen aufrechterhalten wurde. Wieder führte der Weg durch den südwestlichen Teil des Waldes bei Climbach ein Stück zurück, dann aber wandte man sich dem Saubtinger Pah zu. marschierte den Höhenrücken entlang zum Hange! st ein, um schliehlich am Fuhe des Hangelstein an der Lollarer Chaussee noch einmal kurze Rast zu machen. Roch aber dauerte die Ucbung an. Ein Teil der Mannschaften hatte die Ausgabe bekommen, einen geschützt passier­baren Uebergang über bie Lahn aus- zukundschaften. über den das Bataillon hätte vor­rücken können. Der Rückmarsch insbesondere toar als eine Vormarsch-Uebung im Regimentsver- banb gedacht, dessen rechten Flügel da- Gieße­ner Bataillon angenommenerweise darstellen sollte, während das Gros des Regiments über Grünberg gegen die Lahn vorrücken sollte.

Rach der kurzen Rast am Waldrande des Hangelsteins nach Giehen zu erfolgte der Rück­marsch nach der Stadt.

Die Musikkapelle des Bataillons hatte sich in- zwischen cingesunden und begleitete die Mann­schaften in die Kasernen.

Die 1. und 2. Kompagnie marschierten übet Wieseck und durch das Tal der Wieseck in die Reue Kaserne. Die 3. Kompanie marschierte durch die Marburger Straße zur Kaierne am Landgraf»Philipp-Platz.

Der Marsch, die Gesechtsübuirg. der Aufent­halt im Dorfe Climbach und der Rückmarsch zeigte die Mannschaft stets in begeisternder Disziplin. Trotzdem der Marsch mit viel Gepäck über eine Strecke von etwa 35 Kilometer ging, befand sich bie Truppe auch beim Einmarsch in die Stavt noch in einer ausgezeichneten Verfassung. Im­mer wieder muh sich, angesichts dieser Tatsachen, in jedem Zu'chauer der Gedanke aufbrängen, baß bie beutjche Reichswehr eine Elite- Truppe darstellt, die in der Weit ihresglei­chen sucht. Der Geist, der in den Mannschaften unsores Bataillons steckt, läßt hoffen, daß Geist und Tradition des früheren deutjchen Militärs erhalten bleiben und in die Zukunft wirken wird, bis eines Tages toiebet hoffentlich recht bald jene Fesseln fallen worden, die jetzt noch das Verhältnis zwischen Devölkeruirgszahl und Heer- macht auf einem unmöglichen Index halten.

Kesseltreiben auf Königstiger.

Mit Elefanten, Hundemeuten und dreitausend Treibern gegen den König des Dschungels.

Bon Konsul a. D. Frih Biberle.

Als Gast meines guten Freundes v. P u st a u , des damaligen österreichischen Generalkonsuls und Chefs eines der bedeutendsten Handelshäuser Ost- afiens, weilte ich anläßlich der Herbstrennen in Singapore in einem Kreis, in dem ich seit einigen Zähren Freunde besaß. In der Gesellschaft hatte auch der junge Sultan von Djohore Aufnahme gefunden, der nach Hniversitätsstudien in England die Regie­rung feines einst mächtigen, jetzt recht zusammen­geschrumpften Reiches angetreten hatte. Die Süd­grenze seines Landes war von der Insel, auf der Singapore liegt, nur durch einen schmalen Meeres­arm getrennt.

Nun hatten in den letzten Jahren die auf Ma­lakka ohnehin zahlreichen Tiger stark überhand ge­nommen. In den verstossenen Wochen war es öfter vorgekommen, daß einzelne der gestreiften Räuber den stellenweise nur einen halben Kilometer breiten Meeresarm, der Djohore von der Singapore-Insel trennt, durchschwommen, unter dem Dich gewaltige Verheerung angerichtet und auch Menschen angefal­len hatten. Als einer der anwesenden Sportsmän­ner, Mr. Owen, erzählte, daß er in den letzten zwei Monaten vier von diesen Königstigern erlegt habe, schlug der Sultan vor, auf seinem Gebiet ein Treiben mit Elefanten auf die großen Katzen zu veranstalten. Bald darauf begleitete das donnernde Gebrüll einiger alter Lillahs, Messing­kanonen aus der Portugiesenzeit, unseren feierlichen Einzug in den gastlichen Sultanpalast von Djohore. Und schon am anderen Tage zogen wir aus zur Ti- gertreibjagd.

Aufbruch zur Jagd.

Um 5 Uhr morgens brechen wir vorn Sultans- palaft in das Jagdgebiet auf. Dort werden die (Ele­fanten vorgeführt. Gernächtlich stapfen die Kolosse heran, lauter alte, erfahrene Bullen. Sie gehorchen dem leisesten Wort des Mahouts, des Führers, der, den schweren silberbeschlagenen Angkus in der Faust, drei Meter über dem Boden auf dem breiten Hals seines Tieres sitzt. Lässig schwingen beim wiegenden Gang die mächtigen Rüssel zwischen dem schenket- dicken Elfenbein der Stoßzähne, deren gekürztes Ende blankpolierte Messingringe zieren.

Breite Ledergurten mit Silberknöpfen halten die Howdah, den aus zähem Rohr geflochtenen Korb, auf dem Rücken fest und die kurze Bambusleiter, die zum Erklimmen des mit reichen Teppichen be­legten Sitzes bient.

Es sind die Jagdelefanten des Sultans, alte er­probte Kämpen, deren jeder wulstige Narben trägt, Zeugen bestandener Kämpfe und blutiger Bekannt­schaft mit den furchtbaren Pranken und Fang- zähnen des königlichen Harimau, des gestreiften Herrn der Dschungel.

Inzwischen hat uns der Gastherr das vor uns liegende Jagdterrain erklärt. Ein weiter Talkessel, teils mit verlassenen Pfefferplantagen, teils mit mannshohem Alangalanggras bestanden, geht etwa drei Kilometer weiter oben in dicht bewaldete tiefe Schluchten über, die sich im endlosen Grün der Berglehnen verlieren. Dort steht in weitem Halb- rund die Stirn der Treiberschar, deren Flanken seitlich der Schluchten bis in die Seiten des Tal­kessels hinabreichen, auf dessen Basis die (Elefanten in anfänglichen Abständen von 150 Schritten postiert werden sollen, um allmählich gegen die Ausgänge der Schluchten vorzurücken. Gleichzeitig soll die mit 2000 Mann dichtbesetzte Stirnwehr Vorgehen und die 1000 Mann der Seitenwehren und die (Ele­fanten sich immer dichter zusammenschieben. Das dann eng eingeschlossene Wild muß etwa einen halben Kilometer vor den Schluchtausgängen zum Schuß kommen.

Bald hat es sich jeder in seinem geräumigen Korb vorn auf dem polsterbelegten Teppich bequem ge- macht. Hinten hockt der Diener mit der zweiten Büchse. Schwingend, schwankend und stoßend geht es vorwärts.

Ich hatte noch nie auf einem (Elefanten gesessen und empfand die ungewohnte Bewegung bei meinen sofort angestellten Zielübungen recht störend, doch bald hatte ich den Rhythmus heraus und faßte zu meiner Schußsicherheit wieder Vertrauen.

Das Kesseltreiben beginnt.

Als jeder feinen Standort erreicht und der Fürst der die Mitte der Phalanx innehatte, das Zeichen zum Dorrücken gab, zerriß wildes Jauchzen die bis dahin herrschende Stille, pflanzte sich fort bis an die fernen Berglehnen, wo ein Höllenspektakel los- brach. Knattern chinesischen Feuerwerkes, von dem der Sultan einige Wagenladungen hatte per- teilen lassen, Schüsse aus alten Donnerbuchsen, Dröhnen kupferner Gongs, Tamtams und Trom­meln, Horngetute, gellendes Johlen all der Berg­malaien machten Lärm genug.

Allmählich kommt das Getöse naher, wahrend unsere mächtigen Reittiere sich mit unwiderstehlicher Wucht einen Gang durch die verlassenen Pfeffer- Pflanzungen bahnen, wo die üppige Vegetation und stachliges Gewirr dornbcwehrter Rotanglianen weit über den schützenden Korbrand hinausreicht und fortwährend zu Bücklingen zwingt. Die ungeschütz­

ten Mahouts decken sich dann geschickt hinter den Ohren ihrer Tiere, auf denen die nadelscharfen Dornen manch blutige Spur zurücklajsen.

Bald rechts, bald links bricht ein schwerer Körper prasselnd und schnaubend vorbei. Mächtige oambur- Hirsche, die, das weitausladende Geweih zurückgc- legt, in eiliger Flucht als erste der Gefahr entrinnen.

Nun liegt die Pfefferwildnis hinter uns. Befreit atme ich auf, wie sich die weite, wogende Alanga- langsläche vor uns breitet. Bis dahin konnte ich meine Nachbarn nicht sehen, jetzt blitzt und spiegelt das Metall der Beschläge an Ricmzeug und stoß- zähnen, leuchten die satten Farben der kostbaren Teppiche in den heißen Strahlen der Sonne über dem Hellen Grün des mannshohen Grases, aus dem nur die mächigen Häupter mit der darauf kauern­den Gestalt der Mahouts, der Oberteil der Rücken mit Howdah und Insassen auftauchen.

Die Abstände sind kleiner geworden. Etwa hun­dert Schritte links von mir thront der Sultan auf seinem dreieinhalb Meter hohen Ricsenticr, dem gewaltigsten der sechs, rechts, im gleichen Abstand, sieht mein Freund Puslatt seine Büchsen nach, denn jetzt klingt auch der helle Jagdlaut der drei '.Bleu­ten herüber, die jede etwa dreißig ungemein scharse, halbwilde Hunde stark, je eine der Waldschluchten durchstöbern. Die Elefanten, die aus Erfahrung ge­nau wissen, um was es sich handelt, zeigen nun auch erhöhtes Interesse. Witternd und schnaubend strecken sie die Rüssel dem Wind entgegen, vor- und rückwärts klappen die ungeheuren Ohren, und tief- grunzendes Seufzen erschüttert die schwankende Howdah. Dan mahnt ein warnendes Wort des Mahouts, ein leichter Streich des blinkenden Ang­kus über Stirn und Nacken den Riesen zur Würde und Ruhe.

Es wird ernst.

Im Alangalang ist es lebendig geworden. In weiten Fluchten setzen Rudel gelbbrauner Mcnd- jangans (mittlere Hirschart) über die wehenden Rohrwedel, finden ihren Weg durch die Reihe der Elefanten, hellrote Muntjaks (kleinere Hirsche) win­den sich lautlos durchs leise teilende Gras. Fauchend jagen dunkle Wildschweine in dröhnendem Galopp vorbei. Da bebt der Grund unter donnerndem Hus- schlag. Mit hocherhobencm Haupt und Schweif jagt ein mächtiger Sladangbüsfel vorüber, der gefürch­tete Riese des malaiischen Bergwaldes. Schon will ich die Büchse heben, doch rechtzeitig besinne ich mich: Nur dem Tiger gilt heute der Schuß!

Nur noch fünfzig Schritt beträgt der Abstand zwischen den (Elefanten, als für diese das Signal Halt!" erschallt. An beide Flanken schließt sich eng der Bogen zuckender Blitze von Speereilen und hochgeschwungenen Schwertern. Von den Männern sind kaum die Köpfe zu sehen. Kaum drei Kilo meter mißt jetzt die Kette der Treiber, die nun, Mann an Mann, mit den langen Spießen das hohe Gras durchstöbernd, unter wildem Geheul gegen die Phalanx der Elefanten anrücken. Noch hat sicy kein Tiger gezeigt, doch das erregte Spiel der Rüssel, die laut saugend Witterung nehmen, die von den Mahouts immer wieder besänftigte Unruhe der Ko­losse, sind untrügliche Zeichen, daß der gehaßte Feind nicht fern ist.

Da hebt sich plötzlich, keine 60 Schritte entfernt, in hohem, lautlosem Sprung, gleißend im grellen Sonnenlicht, der mächtige Leib eines enormen Ti­gers, nur für Augenblicke sichtbar, über das wo­gende Grün. Schon ist er wieder im Alangalang untergetaucht.Paa--h! Paah! Hari­

mau!" grüßt der johlende Schrei die Erscheinung, und mit doppeltem Lärm aroeitet sich die Treibcr- schar weiter. Links kracht eine Büchse. Wildes Aus- Heulen der Menge. Heber starrende Speere hinweg schwebt in ungeheurem Satz ein langgestreckter Leib. Da sackt er zusammen wie vom Blitz getroffen. Die zweite Kugel hat der Katze das Rückgrat gebrochen.

Mein Mahout, der jede Bewegung des Tieres mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt hat, deutet mit seinem Angklus Halbrechts nach vorn. Durch die Schüsse links für Augenblicke abgelenkt, war mir diese Bewegung im Grase entgangen, die das vorsichtige Heranschieben zweier, einander folgender Körper deutlich verrät.Duwa" (zwei), flüstert der Mann hinter meinem Rücken, und ich höre deutlich das Knacken des Schiebers, wie er die zweite Büchse entsichert. Die Hände fassen den Kolben, das Auge folgt dem Schleichen der Untiere, über deren Rücken die Zweige, keine 15 Schritte von mir, sich leise teilen. m

Halten die Tiger die eingeschlagene Richtung ein, dann wechseln sie ungesehen und unbeschossen zwi- schen mir und Pustau durch. Die Spannung wird unerträglich, schon überlege ich, ob ein aufs Ge­ratewohl abgegebener Schuß die Bestien nicht hoch- macyen und zum -chuß bringen könnte, da ver­liert auch mein Reittier die Geduld. Zornig stamp­fen die Vorderbeine den Grund. Kops und Rüssel emporgeworfen, die Ohren seitwärts gespreizt, trompetet der Elefant, ehe es der Mahout verhin­dern kann, dem verborgenen Feind die wilde Her­ausforderung entgegen. Laut heulend tönt die Ant­wort der anderen fünf in dröhnendem Chor zurück.