Ausgabe 
17.8.1932 Erstes Blatt
 
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Original«Roman von Anny von panhuys.

Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig.

36 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Sie fuhr mit dem Taschentuch über die Äugen. ..Ich kann's nie mehr zu dir sagen, das Wort stört mich jetzt. Ich mag dich nicht mehr leiden und ich wünschte, du hättest dieses Haus nie be­treten, dann wäre das Traurige nicht geschehen. Dein Mißtrauen trägt die Schuld an ollem."

Noch hilfloser sah Melchior Stampferl die blonde Lil an, die für ihn der Inbegriff alles Guten und Wertvollen auf Erden war. Er fragte leise und angstvoll:Aber das ist doch nicht so, Lil, nicht wahr? Du wünschest doch nicht im Ernst, ich hätte dein Haus niemals betreten?"

Lil war innerlich nicht mehr zurechnungsfähig. Sie, die keiner Fliege ein Leid hätte antun kön­nen, war in diesem Augenblick grenzenlos hart gegen den alten Mann.

Sie erwiderte, ohne sich zu besinnen:Ia, es ist mein voller Ernst."

Da drehte sich Melchior Stampferl langsam um und ging zur Tür. Kein Wort sprach er mehr, nur an der Tür wandte er sich noch ein­mal zurück und seine Augen baten und flehten. Lil machte eine Bewegung der Abwehr.

Ich habe dich zwar rufen lassen, aber geh jetzt lieber, dein Anblick ist mir zuwider."

Da senkte der Alte tief den Kopf, und gleich darauf fiel die Tür hinter ihm ins Schloß.

Lil lief erregt durch das Zimmer. Sie hatte das Gefühl, jetzt irgend etwas tun zu müssen, etwas, wodurch die überstarke Erregung ihrer Nerven wieder in leidliches Gleichmaß käme. Ihre ganze Hilflosigkeit hatte sich in Zorn verwan­delt, und der richtete sich gegen Melchior Stampferl. Der alte Clown ging in sein Zimmer. Wie «in Nachtwandler schritt er auf dem Gange an Franz vorbei: er schien nichts zu sehen und zu hören. Franz dachte: Was mochte den Alten nur innerlich so stark beschäftigen, daß er so geistesabwesend war? Der hatte es doch wahr­haftig gut. Verdiente viel Geld und lebte hier, als besäße er wirklich Verwandtenrecht. Franz überiegte, ihm selbst ging es sehr gut, seit er wieder in dies Haus gekommen, aber der alte Clown hatte es noch viel besser wie er.

Hätte" Franz gewußt, wie es in dem alten Manne aussah, den er fast ein wenig beneidete, wäre er erschrocken gewesen.

Melchior Stampferl betrat sein Wohnzimmer und schloß die Tür sorgfältig hinter sich zu. Nie­mand sollte ihn stören, er hatte voiel nachzuden­ken. was nun werden sollte nach dem Schreck­lichen, nach dem Wehetuenden, was ihm Lil ge­

sagt hatte. Die Tür zum Schlafzimmer stand offen und die Augen des Alten streiften das bequeme Bett mit der schneeweißen Wäsche und den ele­ganten Waschtisch mit dem großen Kristallspiegel darüber. Wie schön und bequem alles war, was ihn in den zwei Stuben umgab, die ihm Lil so selbstverständlich zur Verfügung gestellt, als ge­höre er zu ihr. Onkel, Onkelchen! hatte sie ihn oft angeredet und er hatte das Wort jedesmal mit dem Glücksempfinden entgegengenommen, wirklich au Lil zu gehören. Lil war für ihn der beste und wertvollste Mensch der Welt. Er war schon am Versinken gewesen, im tiefen Schlamm des Elends, als sie ihn rettete. Er stand dicht vor dem Brotloswerden, als sie seine Stühe wurde. Was wäre ihm, dem Alten, den man nicht mehr brauchte, weiter übrig geblieben als ein freiwilliger Tod. Irgendwo unterwegs, dort, wo der Zirkus Gerhard ihn fortgewiesen hätte, würde er sich aufgehängt haben. Ein Strick und ein fester Kiefernast hätten genügt, seinen arm­seligen Körper ins Ienseits zu befördern. Lil war seine Lebensretterin geworden, Lils starke, junge Kraft hatte ihn, den Niedergesunkenen, wieder hochgeholfen, ihn in ein Leben geführt, das einem Märchen glich, wenn er an seine frühere Existenz zurückdachte. Er war durch sie ein mitberühmter, ein sehr wohlhabender Mann ge­worden und weil sie ihm die Nechte eines alten Freundes, eines Verwandten gewährt, ein zu­friedener, glücklicher Mensch. Sein lebelang war er einsam gewesen. Früh waren die Eltern ge­storben. Arme, kleine Tagelöhnersleute in einem bayerischen Dorf. Als Iunge hatte er reihherum essen müssen bei den Bauern und sein Heim war bei der alten Veronika, einer Schwester seiner Großmutter und seiner einzigen Verwandten. Die konnte nur schimpfen und zetern. Kaum er­wachsen, riß er aus, zog mit einer Wandertruppe fort in die Welt, die er nicht kannte, nach der er sich aber krank gesehnt. Er erwartete Wunder von ihr. Doch kein Wunder kam, so sehr er auch wartete. Er war Clown geworden. Ein paar Iahre in der Wanderarena waren seine Lehr­zeit gewesen. Er war nicht schlecht in seinen Lei­stungen, aber es gab viel bessere, und wenn er in seinen guten Iahren auch ein paarmal bei größeren Unternehmungen ein Plätzchen fand, rutschte er doch immer wieder nach unten. Wenn er es jetzt so richtig betrachtete, war sein Leben sehr arm gewesen. Die Tage hatte er verdöst in den Wagen des fahrenden Volkes und abends war er in das bunte Narrenkleid geschlüpft. Kein Glück lag irgendwo dazwischen, keine Liebe. Die Mädchen wollten von dem Mann mit dem früh­verwitterten Gesicht nichts wissen. Und so war das Leben, von dem er so viel erwartet und er­hofft, hingegangen, .stumpf und alltäglich. Aber als er gar nichts, gar nichts mehr erhoffte, als er sich am Ende seiner Fahrt glaubte, da geschah das Wunder.

Er strich über die damastseidene Hausjoppe und lächelte. Ein feiner Herr war er geworden durch Lil. Einer, den Hunderte von Kollegen be­neideten. Mit scheuer Ehrfurcht erzählte man sich wohl in kleinen Artistenkreisen vonFix und Nix". Unö er war Nix, er war der Partner des gefeierten kleinen Fix, der in Wirklichkeit eine schöne junge Dame war, die aus einer Gesell­schaftsschicht stammte, von der ihn eine ganze Welt getrennt sein lebelang, Und zu der er jetzt beinahe gehörte.

Die früheren Bekannten von Lil, die alle zu ihr kamen, sie zu begrüßen, fragten auch stets nach ihm. ilnö dann wurde er gerufen und er­schien im eleganten Anzug, ein gepflegter vor­nehmer alter Herr. Er trank dann Tee mit den Herrschaften, unterhielt sich ruhig und selbstver­ständlich mit einer Baronesse oder der Frau eines Frankfurter Fabrikbesitzers, als kenne er keine anderen Kreise: und er fühlte sich sehr, wenn Lil ihn vor anderen manchmalOnkel" nannte und hinzufügte, er wäre ihr ein lieber, zuverlässiger Freund geworden, den Sie nicht mitSie'^ anreden könne.

Melchior Stampferl blickte verstört. Nun war das alles vorbei, nun war sein Glück aus. Lil hatte erklärt, sie könne das Wort Onkel nie mehr zu ihm sagen und sie möge ihn nicht mehr leiden. Sie wünschte, er hätte dies Haus nie be­treten.

Die Hände des alten Mannes fanden sich zu­sammen wie zum Gebet, krampfig drängten sich die Finger aneinander.

Was sollte er nun noch auf der Welt, jetzt war seine Stunde gekommen. Er hatte zuletzt ein paar herrliche Iahre gehabt, noch länger so ein Glück und Nuhm, in Wohlhabenheit und Zufriedenheit leben zu dürfen, wäre zuviel vom Geschick verlangt gewesen. Er wollte dankbar sein für alles, was er noch Schönes hatte erleben dür­fen und sich still davonmachen.

Ich wünschte, du hättest dies Haus nie be­treten, dann wäre das Traurige nicht geschehen. Dein Mißtrauen trägt die Schuld an allem! klang es ihm im Ohre nach und er flüsterte:Ich wünschte, du hättest dies Haus nie betreten!"

Er fuhr sich übet die Augen. Was sollte er noch hier, nun mußte er gehen, ja, nun mußte er gehen. Er stand auf und schrieb einen langen Brief, dann ging er aus.

In einem Zigarrenladen suchte er sich im Adreßbuch der Stadt die Wohnung des Dr. Sturm und schrieb dann im Laden gleich die Adresse auf den Umschlag des Briefes. Er bat um eine Marke und fragte nach der Linden­straße. Er erhielt Auskunft und dachte, er wollte den Brief lieber selbst dorthin tragen, wo er hin sollte. Dann war er wenigstens ganz sicher, daß er richtig ankam.

Hier in Frankfurt befanden sich die Briefkästen draußen an der Haustür oder in den Hausein­

gängen. Also war es nicht schwer, bett Brirs selbst in den Briefkasten Dr. Sturms zu werfen.

Er nahm ein Auto und ließ sich bis zur Ecke der Lindenstraße fahren, stieg dann aus und 'suchte die Hausnummer, die er bald fand. Ein nettes Haus war es, in dem der Mann lebte, um dessentwillen er jetzt Lil verloren hatte und mit ihr die Lust, weiterzuleben. Er sah einen kleinen Vorgarten mit niedrigem Gitter, neben der Gar­tentür war ein Briefkasten angebracht. Beque­mer konnte er es gar nicht haben.

Nun schnell den Brief hinein in den Spalt und dann fort. So ein Mann wie Dr. Sturm erhält fast mit jeder Post Briefe, dachte er, nachdem der Briefträger das nächste Mal geklingelt hatte, würde das Mädchen ihrem Herrn auch einen Brief mit einer ungestempelten Marke auf den Schreibtisch legen.

Noch «inen Herzschlag lang zögerte die Hand, den Brief in den Kasten zu werfen, dessen Oeff- nung wie das schwarze, nur ein wenig geöffnete Maul eines fremdartigen Tieres war. Noch einen Herzschlag lang erwog er, ob er sich nicht still mit dem Briefe wieder davonmachen sollte. Viel­leicht -?

Iäh sprang die Hoffnung auf, Lil tat es viel­leicht schon leid, was sie zu ihm gesagt und was ihr in einem Moment ganz toller Erregung ent­fahren war, sie suchte jetzt vielleicht schon nach ihm, um ihm zu sagen, sie wäre ihm nicht böse. Aber gleich darauf glaubte er wieder ihre Stimme zu hören: Geh jetzt lieber, dein Anblick ist mir zuwider. Um seine Lippen zuckte es, seine Recht« streckte sich aus, und schon lag der Brief im Kasten.

Nun gab es kein Zurück mehr! dachte der arme Melchior Stampferl, von einem Weg ohneglei­chen geschüttelt wie von starkem Fieber.

26. Kapitel.

Das Wiederfinden!

Nachdem Melchior Stampferl den Brief ht den Briefkasten Werner Sturms geworfen, stand er noch ein Weilchen regungslos in bange Ge« danken verstrickt. Er achtete nicht darauf, was um ihn herum vorging und die Vorübergehende^ nahmen auch kein Interesse an dem alten Herrn, der so voll Wichtigkeit einen Brief in einen Brief» kästen versenkt hatte.

Werner Sturm, der von einem Patientenbefuch in der Nachbarschaft nach Haufe kam, nahm aber desto mehr Interesse an dem alten Herrn, den er auf den ersten Blick an dem verwitterten Ge­sicht erkannte, obwohl er es nur im Profil sah. Was bedeutete das, warum hatte der alte Clown mit so scheuem Getue einen Brief in seinen Brief­kasten geworfen? Was stand in dem Brief? Es handelte sich sicher um etwas Gemeines und Niederträchtiges.

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