hr. HO Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)
Zreitag, IZ. Juni (952
Wachsender Radikalismus in den WA.
Don unterem H. W.
(Rachdruck. auch mit Quellenangabe, verboten?1 R«uh o rk. Juni 1932.
Der 2Rai als traditioneller Sozialiftenmonat ift an den 2kreinigten Staaten ohne nennenswerte Storungen Dorübergegangen. '21m 1. Mai verdarb ein strömender Regen den Radikalen in den Großstädten die Lust, an den Aufmärschen teilzunehmen, <o daß man in Rew Bork Eity nur etwa 50— 60 000 Menschen auf die Deine brachte, und auch Jimmy Malter» Hefige 05 i erbat a b e verlief entgegen vielen Erwartungen durchaus friedlich weil in den USA. der Drang nach Dier vorläufig noch den Zwang zum Drot überschattet. Selbst die offiziellen Kommunisten zeigten sich mit Hungermärschen und Erwerb»- losendemonstrationen zurückhaltend. Aber die Der- hältni-mäßig geringe Beteiligung an den radikalen Veranstaltungen liefert keinesfellS einen Maftftab für den Umfang der radikalen Bewegung oder einen zuverlässigen Anhalt für die z u - nehmende radikale Einstellung weiter Bevölkerung-Schichten
Mit deutschem Maftftab ist die Einstellung überhaupt nicht zu meffen. 3m Kongreß gibt e» nur zwei Parteien, die Demokraten und die Republikaner, d. b. die eine Partei, blc jeweilig am Ruder i st. und die andere Partei, die jeweilig ans Ruder will, und auf diese beiden Parteien verteilen sich ziemlich gleichmäftig alle übrigen politischen Schattierungen und Einstellungen Auch die amerikanischen Gewerkschaften sind nicht al» Repräsentanten des politischen Sozialismus anzufehen. Die meisten der 105 nationalen und internationalen Gewerkschaften. die in der amerikanischen „Federation o f Labor" zusammengeschlofsen sind, find reine Lohi.interellengemeinschaften die 'ich nur insoweit mit Politik befassen, als diele ihre 3n- -terelfen direkt berührt Der weitaus gröftten Anzahl der nationalen Gewerkschaften. die übrigens (zugegeben oder nicht» unter kapitalistischer Kontrolle steht, steht nur eine kleine Zahl politisch-radikaler gegenüber, die ihren Radikalismus zumeist ihrer internationalen Welt- auffaffung verdankt (in Reuyork z B die Gewerkschaften der Pelz- und Konfektionsarbeiter». Da diele Radikalen so gut wie gar keinen legitimen politischen Einfluß befihen, versuchen sie. ihn durch die Strafte auszuüben, wobei ihnen b i e zunehmende Arbeitslosigkeit in die Hände spielt, und der in Hungermärschen. ArbeitSlosenparaden und Massenzufammenstöften feinen Ausdruck findet
Es Wäre jedoch ein verhängnisvoller Irrtum, wollte man aus dem Mangel an greifbaren Organisationen entnehmen, daft es in den USA. feine radikale Bewegung gäbe Ein glücklich beendeter Krieg und die anschließende ..Prosperität". die nur eine langverhaltene Srpanfion war, gaben den vorhandenen Ansätzen bisher nur feine Gelegenheit, sich zu entfalten. Solange die ungeheuren Verdienste einzelner Interellengrup- pen und eine künstliche Wertsteigerung vorüber-, gehend Arbeit. Lohn und Brot für die in wenigen groben Zentren angctammeltcn Millionenmassen von arbeitenden Menschen abwarfen, bestand weder Grund zur Unzufriedenheit noch, als Folge hiervon Grund zur politischen Organisierung dieser Massen. Diek Vorbedingungen haben aber in den letzten zwei Jahren eine grundlegende Qlcnbcrung erfahren Statt müheloser Verdienste find heute taufende der aufgeblähten Banken tarnt ihren Aktionären (und teilweise ihren Depositären» zufammen- gebrochen. versucht sich die Schwerindustrie eintchlieftlich der Eifenbahngesellschaften mit Hilfe einer großangelcgfcn Hilfsorganisation seitens der Regierung über Waller zu hakten und siebt (ich trotzdem gezwungen, immer neue Millionen Arbeiter auf die Strafte z u werfen. Landwirtschaft und Bergbau liegen wegen niedriger Rohstoffpreite und ver-
Gelbe Schmetterlinge.
Von Liesbet Dill
Es gibt Gegenstände, die entschieden menschliche Eigenschaften befitzen". faglc der alte Herr der mit feiner Richte auf der Veranda beim Tee saft Uhren zum Beispiel, die Menschen das Leben gerettet haben, indem sie stillstanden und ihren Be'itzer warnten; die man das ganze Leben in der Westentasche getragen hatte und die in der Todesstunde ihres Besitzers plötzlich still- standen . . Alte Möbel, die uns heb find Wie befreundete Menschen. Schmuckstücke, die h» in der Familie vererben und dem jeweiligen Be- ’ißer Unheil bringen
Die'es Portemonnaie zum Beispiel", fuhr der alte Herr fort und legte ein Geldtäschchen aus grünem Wildleder vor sich auf den Tisch ..begleitet mich überallhin, obwohl es abgenützt und nicht mehr schön ist Es gehörte meiner Frau Ich gebe nie ohne die'es aus. lege es jeden Abend neben mein Bett und greife oft in der Rächt nach ihm und streichle es Du findest es komisch, daft man an Gegenständen hängt? Du denkst, weshalb kauft er sich nicht ein neues Portemonnaie? Aber er will kein neues, er hangt an d elem grünen, weichen, kleinen Ding, da» feine Frau immer in Händen gehabt hat; benn mit ihm ift noch etwas bei ihm. von ihr Das verstehst du nicht. Maria? Es ift eine Rarrheit von ihm? Aber ,ch würde unglücklich fein, wenn ich
es verlöre . . Ja. fo ist das", sagte er Und
NUN - gehst du mit in dielen Vortrag oder
nicht? Ich muft mich beeilen
. Ich glaube nicht an diele Dinge. Cnfcl
Theo". Tagte Frau Maria entschieden, und schob ihre Teetasse fort. Und ich besuche diesen Vortrag nicht. Du darfst allein hingehen und dir etwas vormachen lallen, wenns dich dahin zieht ... Aber wenn du noch einen Platz bf' kommen Willst, muftt du geben, es ist gleich acht Uhr .. " Sie hatten schon den ganzen Rachmit- tag über die ..Menschlichkeit der Dinge diskutiert. das innere Leben von Gegenständen, ohne daft lie lich hatte davon überzeugen lallen
Ihr alter Onkel verabschiedete sich kb glaube ja eigentlich auch nicht dran agte er; ..aber ich möchte den Holländer mal boten, ob et Unsinn redet, und wenn er es tut. werbe
v. l).-Berichterstatter.
hegtet Kreditguellen darnieder, und das er- WerMlo'e Heer der ..Deiften-Kragen-Angestell- ten“ in den Städten findet keine Möglichkeit, anderweitig unterzukommen
Anscheinend da-lelbe trübe Bild, das wir in Deutschland feit Jahren kennen Aber nur anscheinend. Denn Wenn die Entwicklung in Deutschland, dem ..amerikanischen Lande Europas". in vielen Beziehungen auch die allgemeine Richtung weiten mag. die eine ähnliche Entwicklung im ähnlichen Lande Amerika nehmen könnte, 'o lind die Vorbedingungen in beiden Fällen verschieden Während lich sowohl der letzte grobe Wirtschaftliche Aufschwung wie Riedergang Deutschlands über wenigstens ein Lebensalter erstreckte (und dadurch die Zeit als Stoftdämpser benutzte», vollzog ' d> der Aufschwung in den Vereinigten Staaten nicht nur ineinem ungleich kürzeren Zeitraum, sondern noch dazu in einem Ausmaße. wie er in Deutschland und Europa unbekannt war Zeitlich genommen konnte das amerikanische Wirtschaftsleben erst feine Ausmafte gewinnen, nachdem es infolge des Weltkrieges das Erbe Europas als Gläubigerland angetreten batte, und nun die natürliche, langsame Entwicklung der europäischen Industriestaaten in zeitlich zu'ammengedrängter und mengenmäßig übertriebener Weile nachholte. Diele eine Hälfte der Entwicklung hatten die Vereinigten Staaten 1929 30. dem Höhepunkt der ..ProfperitätSperiode". hinter sich. Der zweite Teil, die Reaktion, begann zu diesem Zeitpunkte und wird proportional der Aktion fein. Wirtschaftlich hat sich bereits das oben geschilderte Bild ergeben, und die nnerpoliti'chen Auswirkungen beginnen bereits Gestalt und Form anzunehmen, aus denen man die Entwicklung ernennen kann, die sie in der nächsten Zeit nehmen Wirb.
Da es. Wie erwähnt, in den Vereinigten Staaten für die politische Stärke der radikalen Bewegung zunächst noch feinen parlamentarischen oder zahlenmäftigen Gradmesser gibt, ift es schwer, ihre tatsächliche Bedeutung richtig abzufchähen Der Rückgang der Gewertschaftsinitgliederzahl von etwa 3.5 Millionen im Jahre 1930 auf 2,9 Millionen im Jahre 1931 kann nicht als Anhaltspunkt dienen, weil diele Abnahme darauf zurückzuführen ist. daft 700000 der bisherigen Mitglieder die teilwei'e lehr hohen Beiträge (über 1000 Mark jährlich!» nicht mehr bezahlen konnten Es bleibt allo vorläufig nur die gefühlsmäßige Einschätzung übrig, und dieser zufolge bat die Radikalisierung in den letzten beiden Jahren, zum mindesten in den Groftstädten, lehr grobe Fortschritte gemacht Aeufterlich sprechen die Zusammenstöße in Detroit (Farbwerten». Lhifago. Reuvork. Philadelphia u'w eine beredte Sprache, und es ist damit zu rechnen, daft auch in den Vereinigten Staaten die Radikalisierung in demselben Maße zunehmen wird, wie die Arbeitslosigkeit zunimmt und die Ersparnisse des einzelnen aufgebraucht sind. Die Fortschritte der radikalen Einstellung in Fabrik. Bureau und Strafte spiegeln sich im politischen Leben Wider in Gestalt eines imilicb- greisenden kooperativen Systems Die bisherigen Hilfsaktionen der Regierung für die Banken, die Eisenbahnen. Industrie und Landwirtschaft find absichtlich oder unabsichtlich die ersten Entwicklungsstufen zu einem kooperativen Svstern. dellen nächste Phasen bereits Gegenstand ausgedehnter Kongreftdebatten sind, und das man theoretisch im kapitalistischen Amerika als Paral- leler'dyeinung zu seinem sozialistischen Gegenpol Sowjetruftland an'prechen kann
Der abnehmende Einfluft Wallstreets. die Tatsache. daft ein Senatskomitee es Wagt, die Zustände des internationalen Banksystems und die Vorgänge an der Reuyorker Eflettenbörle zu beleuchten, bilden nur ein Anfangs'ymptom Die Götzen, die sich eine materielle Zeit im Zeichen
ich mich erheben und ihm ins Gesicht sagen, was ich von leinen Fernlehereien denke Ich habe früher auf Diners auch Zauberkunststücke vor» geführt, ich kenne die Kniffe Lei mir gegrüßt' Den Haus'chlüflel habe ich; meine Hand- schuhe gib mir bitte noch und den Stock Allo, auf Wiedersehen morgen beim Frühstück Es wird Wohl lange dauern Damit ging er auf lein Zimmer Sie hörte dann. Wie er das Haus verlieft und dem Kurhaus zulchritt. das erleuchtet durch die Bäume des alten Parks schimmerte. an de'len Eingang in der Kastanienallee Marias Haus lag
Maria räumte das Teege'chirr zusammen, als ihre alte Köchin angelaufen kam mit einem grünen, kleinen Wildlederportemonnaie ..Das hat der Herr General sicher vergcllen" tagte sie. ..Ich hab s eben auf feinem Rachttifch gehmben." Und lie reichte Maria das Portemonnaie.
.Du lieber Himmel, Onkels Portemonnaie' Eben hat er noch von ihm gesprochen." Run hatte er es doch hegenlahcn mit feinem Geld, seiner Eintrittskarte und allem. Hoffentlich hatte er we- nigftene feine Kurkarte mit. damit er überhaupt hineinkam. Wie dumm er wird es vermissen, dachte he. Sie ging in den Garten, aber sie sah den alten Herrn schon nicht mehr Er hatte sicher den kurzen Weg. an den Tennisplätzen vorbei, durch den Park genommen. Ich muft.ihm nachlaufen." Maria letzte rasch ihren Hut auf nahm einen Mantel um und eilte die Allee nach dem Kurhaus hinunter Sie faß viele Menschen ins Kurhaus strömen, aber ihren Onkel Iah lie nirgends Sie wartete an der Kasse — aber er kam nicht. Vielleicht war er 'chon hineingegangen? Sie nahm Onkels Karte und ging in den Saal Sie bekam noch einen Eckplatz auf der Galerie, und der Vortrag begann . Er behandelte die Wirkung von Gegenständen und die Menschlich- kei der Dinge".
Das Thema, das lie eben besprochen hatten Sie rud)te den alten Herrn in dreier vielköpfigen Menge, die den groben Saal bis au' den letzten Platz füllte, beunruhigt, daft he feinen weißhaarigen Kopf nicht sah Sicher luchte er nun nach feinem Portemonnaie. Er hing ja an allen Gegenständen, die leine Frau in Händen gehabt. Zwischen ihm und dieser Frau hatten innigere Zusammenhänge bestanden als zwilchen den meisten Gatten.
des Dollars zur Anbetung erkor, taumeln , stürzen lie. dann werden lie das sehr loder fundierte amerikanische Wirtschaftssystem mit hd) reiften Die Worte Revolution" und Radikalismus waren in Amerika tief verhafti Saeco. Vanzetti und Tom Moonev haben dies zur Genüge erfahren. Heute hört man schon offene Be.'ennt- niUe zum Radikalismus in Kontor. Fabrik und auf der Strafte Für den Fortschritt her Bewegung ift bezeichnend daft vor wenigen Tagen sogar der kehr gemäßigte Gewerkschaftsführer Eduard F. M c G r a d y den Mut fand, vor dem Erwerbslolen-Koniitee des amerikanischen Senats die gefühlsmäßige An'icht weiter Kreife über die Stimmung im Lande in die Worte ju'ammen- zufallen ..Wenn die Regierung nichts (zum Auf- halten der Arbe tslollgkeit» unternimmt und die Rot Weiterhin anhält oder sich gar steigert dann
werden einer Revolution hie Türen weit offen heben, worüber lich die Führer d.e'es Landes Lar fein sollten' Die Regierung sollte Willen, daß jetzt mehr erforderlich ift, als bloß das Budget zu balancieren Was nottut ift Butter und Tret' Dir wollen beides durch Arbeit erwerben Falls wir dazu aber nicht in der Lage sind, bann werden wir es uns auf andere Art und Weise verschaffen!"
Amerika steht im Rufe, daft es alles was es anfaftt, bis zum Örtrem treibt So beiHam die Erfahrungen der letzten drei Jahre in vielen Beziehungen für die Vereinigten Staaten gewe'en 'ein mögen. Io unablebbar könnten die Folgen fein, die eine Infektion mit radikalen Tendenzen nach 'ich ziehen würbe Dann aber nicht nur für die USA . sondern für die Welt
Mffenchor und Festzug als Aostvendigkeil
Betrachtungen zum bevorstehenden Sangerbundesfest in Zranlfurt a. M.
23tm Vr. (?wens.
Das vom Festausschuß des Frankfurter Sangerbundessestes (21. bis 24.3uliJ veröffentlichte Programm weift neben etwa 2 5 „S o n • d e r k o n z e r t e n" von leistungsfähigen Vereinen b r e i g r o ß e ,,i) a u p t r o n j e r t c" auf, bei beiten jeweils etwa 10(»00 Sänger aus dem ganzen Reichs gebiet unb den deutschen Vereinen im Ausland fingen werden 'Bei einer Kundgebung im Stadion werden sogar alle Feftteilnehmer, also über 30 000, gemeinsam fingen „Sanctus" von Schubert, „Bun- deslieb" von gelter und „Heimatgebei von Staun werden aus 30 000 Kehlen im Freien bei hoffentlich prachtvollem Wetter erklingen
Von den Musikern wird immer wieder die Frage aufgeworfen, welchen Zweck derartige Maiicndarbie hingen haben Man erklärt, daß eine solche Aus führung mit einer musikalischen Leistung nichts mehr zu tun habe, da man eben eine solche Menschenmasse nicht unter einen einheitlichen künstlerischen Willen zwingen könne. Auf den ersten Blick scheint es, daß diese Einwendungen ihre Berechtigung haben. Die Aufführungen beim Wiener Sangerbundsseste, das 1928 mit einer Teilnehmerzahl von etwa 120 000 Sängern stattfand, haben seit längerer Zeil erstmalig die Möglichkeit gegeben, die Klangwirkungen eines Maisenchors von 30 000 und mehr Sangern zu untersuchen Auch damals sanden „fyiuptaufführungen" statt, bei denen in einem Konzert etwa 25 000 bis 3(» 000 Stimmen vereinigt waren Man machte da bei Beobachtungen, von denen die beiden folgenden die wichtigsten waren
Für Massenauffuhrungen eignet sich nur eine ganz bestimmte Literatur volkstümlicher Art, die keine Probleme stellt an Intonation, an Stimmführung und vor allem an Rhythmus.
Diese Erkenntnis hatte man bereits bei früherer ®c legenheit gewonnen. Was man aus der Erfahrung noch nicht kannte, war die K I a n g w i r k u n g einer Schar non 30 000. Da in den Hauptaufführungen auch Einzelbünde von 500 bis 10 000 Sängern auftraten, hatte man ausgezeichnete Vergleichsmoglich feiten. Es zeigte sich nun, daß die Klangstärke keines wegs im Verhältnis der Sängerzahlen steigt, fon dem daß von 3000 ab der ctdrfegrab nur noch langsam steigt Dagegen wurde eine auffallende Weichheit des Klanges fcftgeftellt, die auch im Forte nicht schwand.
Vom rein musikalischen Standpunkte könnte man also Bedenken gegen Maisenaufführungen haben, wegen der Einschränkung der Literatur und man geladen Steigerungsmoglichkeit Indes sind bei der 'Beurteilung andere Gesichtspunkte maßgebend. In erster Linie der (tzemcinschaftsgedanke, der durch diese Aufführungen zum Ausdruck kommt. Für die Zuhörer und Zuschauer ift eine Schar von 30 000 gleichgestimmter und gleichgesinnter Manner gewiß ein erhebender, imponierender Anblich Roch mehr aber bedeutet die Teilnahme für den Sänger selbst, der hier einmal Gelegenheit hat, in der ge-
Plötzlich hörte sie ben Vortragenden um etwas fragen Er bat um Gegenstände, die man ihm zuwerfen sollte Die Damen gaben ihm Taschentücher. die Herren Zigarettenetuis. Er tagte ihnen, wem die Gegenstände gehörten, ihre Geschichte, woher sie flammten, wie das HauS ausfah. in dem ihr (Eigentümer lebte ufw Plötzlich warf Maria das grüne Portemonnaie hinunter Wenn Onkel das sieht, dachte sic. wird er wissen, daft ich hier bin Der Holländer betastete das weiche Leder des Portemonnaies und erklärte ..Dieses Portemonnaie gehört einem alten Herrn, der Gamaschen trägt einen weichen, hellen Filzhut, einen grauen Spitzbart zuweilen ein Einglas Er hält sich eben nebenan in einem Spielfaal aut er ist verwitwet wohnt in einem allein- stehenden Hau'e qan* in der Röhe Das Portemonnaie gehörte einer verstorbenen Dame und hat etwas zu tun mit gelben Schmetterlingen . 3a ? Sie schütteln den Kopf?" tagte er zu Maria hinaus, die an der Brüstung der Galerie lehnte. „Hein0 . Doch, es hat etwas mit Schmetterlingen zu tun . Mit gelben Schmetterlingen Sie meinen, nein? Ich läge ja Es war. ehe es herkam. von Schmetterlingen umgeben..
Maria lächelte Der Vortragende lieft ihr das Portemonnaie wieder überreichen und der Vortrag ging weiter Riemand hatte sich gemeldet. Onkel Theo war allo n'cht im Saal Sie wartete das Ende des Vortrages nicht ab. sondern ging in die Lvielfäle Im zweiten Saale land sie ihren Onkel mit zwei Herren beim Starte .Denk dir", rief er ihr entgegen, .wie unangenehm Ich habe mein Portemonnaie verloren! Als ich herkam. merkte iw es erst. Da ich kein Geld bei mir hatte, mußte ich auf den Vortrag verzichten "
Maria legte ihm. statt aller Antwort, das grüne Portemonnaie au* den Tisch und erzählte ihm. was sie erlebt
Er stand da wie erstarrt, das Portemonnaie in feiner Hand .Sonderbar", sagte er nur
.3a. sonderbar allerdings Rur mit den Schmetterlingen hat er sich geirrt"
Plötzlich schaute er sie an. .Wie sagte er ? Gelbe Schmetterlinge? Warte mal1 Komm mit in mein Zimmer. Maria. 3<f) werde dir etwas zeigen '
Heimgekommen, ging he mit ihm hinaus Auf feinem Bettisch neben ferner Uhr stand cm gläserner Unterlaß, den ihm leine Frau einmal gearbeitet hatte. Unter lein Glas waren gelt»«-
waltigcn Gemeinschaft derer, die er „6ong«briibcr" nennt, sein Lied erklingen zu lassen Der ethische Wert eines solchen Singens ist der musikalischen Be deutung in diesem Falle unbedingt uberzuordnen.
3n dieser Betonung gemeinsamen Willens unb gemeinsamen Wollen, liegt der tiefere Sinn der
Massenkonzerte.
Hier ist jeder soziale Unterschied aufgehoben, hin liegt das Symbol ,.Liedgemeinjchast ist Volk s gemeinschaff greifbar vor Augen. Eim solche Aufführung konnte gutgeheißen werden, auch wenn die bargebotenen Ehore selbst zu wiinschen übrig ließen.
Run hat sich gerade beim Frankfurter Sanger bunbesfeft, bas musikalisch in seinen Sonberkonzer ten eine Fülle von Neuheiten bringt, der Musikausschuß bejonbers bemüht, auch für die Massenchöre Werke von Dualität von zeitgenössischen 4 o m p o n i st e n zu bringen, wahrend man sich bei früheren Festen größtenteils daraus beschrankte, Cie der zu fingen, die bereits zum festen Repertoire aller bziv der meisten Vereine gehörten. Der 'Dlufilaus ichuß, dem niemand den Vorwurf machen kann, er habe bei der Zusammenstellung des Programms bu notige Sorgfalt fehlen lassen, ist dabei bis an die Grenze des Erreichbaren gegangen. Es wird nur zu leicht vergeßen, daß der Deutsche Sängerbund nicht nur aus Konzertvereinen besteht, sondern baß sich unter ben 16 000 Mitgliebsvereinen viele lau ienbe besinben, bie in ber Oeffentlichkeit das Kon zertpodium nicht betreten, aber „fingen“ unb dem großen (tzemeinschaftsgebanken do DSB anhängen
Aus dieser Erwägung kann nicht auf Maslen- chörc verzichtet Werden. 3a. mehr Die Maffen- ausführungen gehören zum Wesen der Männer- chorbewegung. Sie sind ebenso wichtig. Wie auf der anderen Seite die Sonderkonzerte. die die Qlufgabe haben, über den musikalischen Stand de» Eborlebens Zeugnis abzulegen.
AuS denselben grundsätzlichen Erwägungen heraus ergibt sich die Notwendigkeit eines Fest- zuges oder Umzuges Die Demonstration einer Menge gleichgesinnter Menschen hat immer etwas Imponierendes an sich Diele Demonstration bezweckt. der großen Oeffentlichkeit. der ganzen Stadt gegenüber, dasselbe, was in etwas anderer Art die Hauptkonzerte wollen
Ein Bild des Gemeinschaftsgeistes zu geben, der die Sänger erfüllt.
Wenn in Frankfurt die vielen deutschen Vereine mit ihren Bannern und Fahnen durch die Stadt ziehen, so Wird die. Begeisterung aus beiden Seiten sehr groß fein, auch Wenn die äußere Aufmachung des Fe st zuges der Zeit entsprechend vereinfacht ist und an den Glanz des Wiener Fcstzuges nicht heranreicht Diese Tleußerlich- keiten find aber auch unwesentlich
Schmetterlinge gepreßt, und der alte Herr legte pietätvoll jeden Abend das grüne Portemonnaie feiner Frau darauf .
Zeitschriften.
— Der Zug ins Freie, wie ihn die Berliner Sommerschau .Lonne. Lust und Haus für alle" charakterisiert und befürworte! dickes gesunde Strebei' der Gegenwartsmenlchen wird un * auch in der neuesten Rümmer 4552 der 3 11 u • ft r i r t c n 3 c i t u n g (3 3 Weber. Leipzig» fla*- zum Bewußtsein gebracht Was die Berliner Ausstellung bietet an Eigenheimen 'Anbauhäulern. Kleingärten und Wochenend-Einrichtungen, wird in charakteristischen Abbildungen wiedergegeben In ihrer prägnanten Zusammenstellung bieten klein anschauliches Bild von der ;ntereflantcn Som- merfchau. die es sich zur Aufgabe gemacht hat den Groftstadtmenschen die Wege zur Erfüllung ihrer tiefinneren Sehnsucht nach Sonne, Licht und Luft zu weisen.
Philosophie und Leben, heraus gegeben von Professor August Meller; Verlag Zelik Meiner. Leipzig 8. Jahrgang 1932. Vier teljährhd) drei Hefte 1.80 Mars. Einzelheft 0.75 Mark 3m Ium Heft gibt Christoph Shwontk eine Auseinandersetzung mit dem Gedanken eine* Allebens Dr Ernst Harms charakterisiert Höll- hing als nordischen Denker, Dr. Ewald Rocllen- blecb behandelt Aufgaben der Erwachsenenbildung, endlich A. Meller Kant als politischen Erzieher auch setzt er sich mit dem .Tagebuch" und dem .Völkischen Beobachter' kritisch auseinander.
— Das Iunihest des „K u n st w a r t s" ist sehr mannigfaltig und wertvoll Der bekannte Wirtschaft? Historiker Prof Jakob Sfricöcr untersucht die Zu samenhänge zwilchen Geldbesitz und Machtstreben im politischen und wirtschaftlichen Leben der Volker Uebcr die „Situation der Oper" läßt sich ausführlich Alfred Einstein, der Herausgeber des Riemannschen Musiklexikons, aus, wobei er auf das Pröble matifche ber Oper als musikalischer Kunstgattung, zu sprechen kommt Don Franz Rabl wird außer einigen gedankentiesen Gedichten eine „Kinder Novelle geboten, einer der kostbarsten Beitrage beut- scher Rovelliftik. Im Bilberteis bcs Heftes sind vor allem 14 Skinhaustnpen zu nennen, rote sie heute als bie günstigste und seit Jahrtausenden bewahrt-' Wohnform hir die Bedürfnisse weiter Volkskrcise allgemein interessieren.


