Ausgabe 
16.9.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 16. September 1932.

Volkstracht und Volkstum.

Der Großstädter hat gemeinhin auf dem flachen Lande einen schlechten Ruf. Man sagt von ihm, daß er, der in der Asphaltwuste der Großstadt ausge­wachsen ist, von seinem Dolkstum losgelöst und die starken Kräfte, die von der Scholle ausströmen, nicht mehr kennt. Und doch scheint noch in jedem Groß­städter ein letzter Rest dieser unerklärlichen Kraft roachaeblieben zu sein. Man muß es erlebt haben, wie Berlin der Parole des Vereins für das Deutsch­tum im Auslande gefolgt ist, wie diese Millionen- stadt das Fest der deutschen Schule mitgefeiert hat, das doch ausschließlich im Dienst des Volkstums stand. Am eigenartigsten aber war der Eindruck, den der große Trachtenzug auf die städtische Bevölkerung machte. Stumme Ergriffenheit und begeisterter Iu- bei umbrandete den Zug, der die schönsten deutschen Volkstrachten zeigte. Da trat es zutage, daß irgnd- roie in dem städtischen Gemüt doch noch ein Zu­sammenhang sein mußte mit den Kräften, auf denen wahres Volkstum aufgebaut ist. Die Großstadt kennt Modeschauen und richtet sich nach den Modeparolen irgendwelcher geschäftstüchtiger Industrieller. f)ier war es aber ganz was anderes. 60 000 Augenpaare hingen volle Freude und Begeisterung an den allen deutschen Volkstrachten und erkannten in ihnen nicht nur ein Stück deutscher Stammes- und Volksge­schichte, sondern sahen in ihnen auch einen Ausdruck deutschen Gemüts.

Und so ist es tatsächlich. Die Volkstracht ist der sinnfälligste Ausdruck deutschen Gemüts und man kann ohne weiteres den Rückschluß machen, daß da, wo sich die Trachten lebendig erhalten haben, auch das deutsche Gemüt am unoerfälschesten geblieben ist. Enge Verwurzelung mit dem Boden und eifrigste Pflege der Tradition sind die Voraussetzung dafür, daß sich die Trachten überhaupt haben halten kön­nen. Es ist gleichgültig, ob man im Norden, Süden, Osten oder Westen des Deutschen Reiches auf alte Trachten stößt, überall da kann man auch sagen, daß sich das Dalkstum in unverfälschtester Form erhalten hat.

Die Tracht ist aber nicht nur der Ausdruck eines gesunden, alten Empfindens, sie ist darüber hinaus auch das Mittel, die einzelnen zusammenzuketten und den Begriff des Volkstums fester zu schmieden. Die Bedeutung der Volkstracht für das Volkstum wird am sinnfälligsten da, wo das Deutschtum fahr- hundertelang vom eigentlichen Volksganzen getrennt, um seine Existenz und Behauptung hat ringen müs­sen. Man braucht nur an deutsche Sprachinseln außerhalb des deutschen Reichsgebiets zu denken, beispielsweise an die Siebenbürger Sachsen, bei denen seit Jahrhunderten die deutsche Tracht ein Bindeglied zwischen den einzelnen Dolksangehörigcn gewesen ist. Hier, bekämpft von außer- und anti­deutschen Einflüssen, hat die Volkstracht ihre große Aufgabe erfüllt, die einzelnen Dolksglieder auch nach außen hin zu einem großen Ganzen zu- fammenzufchweißen.

In der Not der heutigen Zeit hat das deutsche Volk den Begriff der Zusammengehörigkeit mehr verstanden und der oolkhaften Verbundenheit größere Beachtung geschenkt als früher. Pflege des Volkstums bedeutet aber auch Pflege der Volks­tracht.

CRücftdjr in die Garnison.

Unser Gießener Bataillon wurde heute vor­mittag um 8.45 Uhr aus dem Manöverquartier Langensalza abtransportiert. Die Truppe trifft, worauf noch einmal hingcwiesen sei. um 17,34 Uhr in Gießen ein.

Lernt den Kartoffelkäfer kennen!

Bon der Hessischen Haupt st elle für Pflanzenschutz wird mitgeteilt: Die Bio­logische Reichsanstalt für Land- und Forstwirt­schaft macht auf Anschauungskästen mit natur­getreuen Rachbildungen des Kartoffelkäfers und seiner Entwicklungsstufen aufmerksam. Die Käst­chen (9x6,5x2 cm) enthalten vier Kartofselblätt- chen, die mit einem Eigrlege, Larven im 2llter von sechs bis sieben und 14 Tagen, einer aus­gewachsenen Larve und einem Käfer besetzt sind. Käfer und Larven lind nach Vorlagen der Bio­logischen Reichsanstalt in natürlicher Gröhe farbig dargestcllt und durch Beschriftung erklärt. Das Kästchen ist durch eine Glasscheibe abgedeckt und stellt ein dauerhaftes und wirksames An­schauungsmaterial dar, das zur Aufklärung der Bevölkerung und als Unterrichtsmaterial für die Schulen und Vereine recht geeignet erscheint. Es kann von der Hessischen Hauptstelle für Pflan­zenschutz, Gießen, Senckenbergstraße 17, bezogen werden.

Notzeit und doch Theater! Die In­tendanz des Stadttheaters teilt mit:Bringt es Freude, hilft es wenigstens auf Stunden über die Rot der Zeit hinweg, bringt es Ernst, lehrt es die Sorgen der Zeit besser verstehen, bringt es Musik, läßt es die beschwerten Gedanken ausruhen. Darum hinein in das Theater, das mit starkem Kultur- willen beseelte Bürger ins Leben riefen, das aber seine Pforten wird schließen müssen, wenn die Besucher ausbleiben." Diese Worte schrieb der Oberbürgermeister einer großen Industriestadt dem Theater. Treffen diese Worte nicht auch für Gießen zu? Will die Gießener Bürgerschaft sich unwürdig erweisen dem starken Kulturwillen ihrer Väter, die vor 25 Jahren diesDenkmal bürgerlichen Gemeinsinns" erbauten? Die schwere Wirtschaftslage darf unfern treuen Abonnenten­stamm nicht verringern. Im Gegenteil! Durch energischen Preisabbau hoffen wir neue Theater­freunde zu gewinnen. Die kommende Spielzeit des Gießener Stadttheaters steht im Zeichen eines Jubiläums, im Zeichen des 25jährigen Bestehens des Theaters. Das Goethejahr sei uns Ansporn und Stärkung unseres Pflichtgefühls. Wir haben heute keine Zeit zur stillen Weihestunde, sondern die aufreibende Krisis der Gegenwart zwingt, auszuhalten ohne Mißmut. Reben der künst­lerischen Gestaltung ist der wirtschaftliche Erfolg von Wichtigkeit. Die Intendanz stellt sich daher mit der Preisabbauidee bewußt in die allge­meine Strömung des wirtschaftlichen Lebens. Wir wollen und müssen das Allgemeininteresse wecken. Erste kulturelle Pflicht im Iubiläumsjahr des 25jährigen Bestehens: das Theater zu unter­stützen durch Erwerbung eines Abonnements. Alles nähere auf den Plakaten. Denkt an das Goethewort:Das Theater steht so hoch, daß ihm fast nichts, was der Mensch durch Genie, Geist, Talent, Technik und Hebung hervorbringt, gleichgestellt werden kann."

GießenerReichswehr b e i m R e i t e r- tag in Homberg. Die Gießener Reichswehr wird sich mit Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaf­ten am 24. und 25. September am Reitertag in Homberg beteiligen. Reichswehr wird bereits am 24. September bei dem Geländeritt vertreten fein und am Sonntag eine große militärische Sdjaunum- mer zeigen.

* Wiedersehensseier des ehemali. gen Res. «Ins. -Regt s. 88. Am 29. und 30. Oktober 1932 findet in Hanau, in der alten Gar- nisonstadt, die erste Wiedersehensfeier des ehern. Res.-Inf.-Regts. 88 statt. Trotz der schweren und ernsten Zeit hat man dem Drängen vieler Karne- radcm nachgegeben und die Feier nunmehr endgül- tig auf Ende Oktober festgesetzt.

Mais als Gemüse. Vom Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung unserer Landes- Universität werden am kommenden Samstag auf dem Wochenmarkt am Stand der Gärtnerei Dön­ges vor dem Botanischen Institut Maiskolben, welche als Gemüse in Oesterreich und in verschie­denen Teilen Bayerns sehr beliebt sind, zum ersten Male in Gießen zum Verkauf ausgeboten. Die Haus­frauen werden darauf aufmerksam gemacht und dazu angeregt, diese wohlschmeckende und vor allem nahr­hafte Kost zu versuchen. Eine Anweisung für die Zubereitung wird beim Kaufe gleichzeitig mit aus­gehändigt.

** Sonntagskarten zur Tagung der Raturforscher und Aerzte in Mainz. Vom 25. bis 29. September dieses Jahres tagt in Mainz-Wiesbaden die Gesellschaft Deutscher Raturforscher und Aerzte. An die Teilnehmer dieser Tagung können gegen Vorzeigung der Teilnehmerkarte von allen Bahnhöfen im 11m- kreis von 300 Kilometer um Mainz und Wies­baden also auch von Gießen und umliegenden Bahnhöfen Sonntagsrückfahrkarten nach Mainz und Wiesbaden ausgcgeben werden. Die Sonntagsrückfahrkarten gelten zur Hinfahrt von Freitag, 23. September, 12 Uhr, bis Donnerstag, 29. September, und zwar Rückfahrt von Samstag, 24. September, bis zum Donnerstag, 29. Septem­ber, 24 Uhr, zu welchem Zeitpunkt die Rückfahrt angetreten sein muh.

** Frachtermäßigung für Frischobst. Die Deutsche Reichsbahngesellschaft gewährt vom 15. September bis 31. Dezember 1932 für den Stück- gulversand von frischen Aepfeln Birnen, Pflaumen (Zwetschen) einen Frachtnachlah, der ungefähr 30 Prozent beträgt.

* Heber 19 Mi 11ione*n Sparbücher in Deutschland. Trotz der,schwierigen wirt­schaftlichen Verhältnisse und der Zahlungskrise im vergangenen Jahr ist die Zahl der Sparbücher nicht zurückgegangen, sondern aus verschiedenen Gründen sogar noch gestiegen. Rach der amtlichen Statistik betrug die Anzahl der von den öffent­lichen Sparkassen ausgegebenen Sparbücher Ende 1930 17,9 Millionen, Ende 1931 um 1,2 Millionen mehr, nämlich 19,1 Millionen Stück. Fast jeder dritte Deutsche hat also nunmehr ein Sparbuch, ein Beweis für den regen deutschen Sparsinn und für die enge Verbundenheit zwischen Bevölkerung und Sparkassen.

Keine Schließung des Bad.Rauheimer Kurhauses.

WSR. Dad-Rauheim. 15. Sept. Rach gründlicher Prüfung der Finanzlage hat sich nun­mehr die hessische Regierung entschlossen, das hie­sige Kurhaus während des ganzen Win - terhalbjahresvffenzuhalten. In allen Devölkerungskreisen wird "biete Entscheidung freu­dig begrüßt.

Wegen Landfriedensbruchs verurteilt.

WSR. Darmstadt, 15. Sept. Vor der Darm­städter Großen Strafkammer standen sechs Darm­städter Einwohner, die in der Rächt vom 15. zum 16. August einen nationalsozialisti­schen Studenten überfallen und schwer verprügelt hatten. Zwei Ange­klagte, die zugaben, geschlagen zu haben, wur­den wegen qualifizierten Landfriedensbruchs in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung unter Zubilligung mildernder Hmstände zu insgesamt je einem Jahr neun Monaten Gefängnis verurteilt. Der Staatsanwalt hatte für beide je e in I a h r Zuchthaus beantragt. Weitere zwei An­geklagte wurden wegen einfachen Landfriedens­bruchs zu je sechs Monaten, einer zu v i e r Monaten und einer zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

^oubüberfoU bei Raunheim aufgeklärt.

WSN. Darmstadt, 15. Sept. Die wegen des am 4. September bei Raunheim verübten Raubüber­falles in Haft genommenen vier Personen haben nunmehr die Tat in allen ihren Einzelheiten einge­standen. Drei der Täter, Henkel, Adoley und Reichert, sind aus Raunheim und standen in einem Arbeitsoerhältnis, während der vierte,Ä n ob- lau d), in Rüdesheim wohnt und feit zwei Jahren erwerbslos ist. Sie wollen die Tat in wirtschaft­licher Notlage ausgeführt haben.

Oer Offenbacher Finanzausschuß lehnt den Etat ab.

WSR. Offenbach a. M., 14. Sept. Der Finanzausschuß des Offenbacher Stadtrats lehnte gestern in zweiter Lesung den Haushaltsvoran­schlag ab. Mit Rücksicht auf die grundsätzlich ab­lehnende Haltung der Kommunisten erklärten die Sozialdemokraten, daß sie die seit 13 Jahren ge­tragene Verantwortung für die Ge­staltung des Haushaltsplanes unter den derzeitigen Verhältnissen nicht mehr übernehmen könnten. Auch der Antrag des Oberbürgermeisters auf Weitererhebung der Dürgersteuer im letzten Vierteljahr verfiel der Ab­lehnung. Wenn, wie zu erwarten, auch das Ple­num in der kommenden Woche zu einer Ablehnung des Haushaltsplanes kommt, hat der Oberbürger­meister nach den Reichs- und hessischen Rotver- ordnungen das Recht, die Ausgaben zu leisten, die erforderlich sind, um bestehende Gemeinde­einrichtungen in geordnetem Gang zu erhalten und die der Gemeinde obliegenden rechtlichen Ver­pflichtungen und sonstigen notwendigen Ausgaben bei sparsamer Wirtschaftsführung zu erfüllen. Die Einnahmen, insbesondere die öffentlichen Abgaben jeder Art. werden nach den Sätzen des Vorjahres erhoben, soweit Reichs- oder Landesrecht nichts anderes bestimmt.

Oie Bezirksumlage im Regierungsbezirk Wiesbaden.

WSR. Wiesbaden. 15. Sept. Dem Bezirks- verband des Regierungsbezirks Wiesbaden ist durch Erlaß des preußischen Ministers des In­nern und des Finanzministers die Genehmigung erteilt worden, für das Rechnungsjahr 1931 eine Bczirksumlagc in Höhe von 8,58 Prozent zu erheben. Gemäß den Bestim­mungen des Kreis- und Provinzialabgabengefetzes hat der Landesausschuß nunmehr die endgültige Hntervertcilung der Bezirksabgabe für das Rech­nungsjahr 1931 vorgenommen. Hiernach haben die einzelnen Kreise an Bezirksabgaben zu zahlen: Frankfurt a. M. 1 674 243 Mk.. Wiesbaden 372570 Mark, Rheingau 65 577 Mk, Main-Taunus 79 740 Mark, Biedenkopf 43 140 Mk.. Dillkreis 60 444 Mark, Limburg 59 800 Mk.. Oberlahn 29 185 Mk. Obertaunus 114 446 Mk.. Oberwesterwald 20 610 Mark, St. Goarshausen 50 576 Mk.. Hnterlahn 56 504 Mk. Hntertaunus 32 294 Mk., Unter- Westerwald 41 825 Mk. Usingen 17 802 Mk. und Westerburg 18 581 Mk. Auf öicjc Beträge kom­men die bisher geleisteten Vorschüsse zur An­rechnung. Soweit Ueberzahlungen stattgefunden haben, wird der zuviel gezahlte Betrag auf die Bezirksabgabe für das Rechnungsjahr 1932 ver­rechnet.

Buntes Allerlei.

Verhängnisvolles Lächeln.

Daß ein bestimmtes Lächeln aufreizender wirken kann als eine Flut von Schimpfwortcn, zeigt eine Geschichte, die vor einem Pariser (Bericht verhandelt wurde. Frau F., eine Dame gesetzten Alters mit soliden altmodischen Grundsätzen und Vorlieben, hatte zur Nachbarin eine viel moderner veranlagte Frau O. Wenn sie in ihrem alten Kapothut und mit ihren aus der Mode gekommenem Mantel der an­deren begegnete, dann umspielte ein Lächeln die purpurn geschminkten Sippen der Nachbarin, ein Lächeln, in dem eine Welt von Verachtung und

Ueberlegenheit ausgedrückt war. Lange Zelt ertrug Frau F. diese schweigende, aber deswegen um ja tiefer wirkende Beleidigung mit Geduld. Aber ihre aufgehäufte Wut entlud sich eines Tages in einem jähen Ausbruch, bei dem sie den Griff ihres alt­modischen Regenschirmes heftig mit dem böse lächeln­den Mund der anderen in Berührung brachte. Die Verletzung war so schwer, haß Frau O. niemals mehr imstande sein wird, in jener Weise zu lächeln, durch die das Unheil hervorgerufen wurde. Als der Richter die Beklagte fragte, wie sie sich zu einer solchen Gewalttätigkeit habe hinreißen lasten können, erwiderte diese:Ich fühlte, daß die Person mich eines Tages schlagen würde. Deshalb beschloß ich. ihr zuvor zu kommen." Dieses Zuvorkommen kostet sie nun 1000 Mark Schadensersatz.

OaS Rätsel.

Max Reger konnte sehr grob werden, wenn sich jemand abfällig über große Meister äußerte. So auch an einem Bierabend, an dem sich ein Musiker recht wegwerfend über Schubert aus­sprach. Reger sagte:Ich werde Ihnen ein Rätfel aufgeben. Das erste sind Sie. das zweite bin ich. Wenn Sie das Ganze Ihrer Schwiegermutter schenken, geht sie drauf". Da sich niemand an dieses Geheimnis wagte, gab Reger die Lösung: ..Das erste sind Sie, nämlich ein Tepp, das zweite bin ich, und das Ganze ist ein Teppich. Wenn Sie ihn Ihrer Schwiegermutter schenken, geht sie drauf!" Der Mann, der an Schubert gemäkelt hatte, war bald verschwunden.

Oie Hammelherde.

In den Bergen von Grenoble hat sich kürzlich eine Tiertragöoie abgespielt. Der Leithammel einer Schafherde wurde durch ein niedrig flie­gendes Flugzeug erschreckt, stürmte davon und stüzte sich, als er seinemVerfolger" scheinbar nicht anders entgehen konnte, in eine hundert Me­ter tiefe Schlucht, und blindlings stürzte die ganze Herde etwa 150 Tiere ihm nach. Schließlich lagen alle Tiere zerschmettert im Ab­grund. Die ganze Gegend ist Dom Verwesungs­geruch verpestet, denn es ist unmöglich, die Tiere aus der Schlucht heraufzuholen.

Hundertjahrfeier des Gustav-Adols-Vereins

Von D. Or. Kalweit, Generalsuperintendent von Danzig.

Die Großen der Weltgeschichte wachsen über ihre eigene historische Wirtlichkeit hinaus, sie werden zuGestalt und Symbol". Gestalt und Symbol für rettende Tat, freiheitliche Ent­wicklung, evangelische Glaubensüberzeugung war König Gustav Adolf von Schweden geworden, ehe ihm nach jener Feier bei Lützen am 6. Ro- veinber 1832, seinem zweihundertjährigen Todes­tage, ein Denkmal gesetzt wurde. Darum aber war es mit der bloßen Errichtung eines Denk­mals nicht getan. In den Männern, die damals in Lützen sich zusammenfanden, lebte das Gefühl, daß mehr geschehen müßte, daß ein Werk zu be­ginnen sei, das dem Geist und Sinn des großen Königs entspräche. Sehr bald schon klärten sich die Gedanken, und es wurde als Aufgabe er­kannt, gefährdete evangelische Gemeinden zu unterstützen, sie in ihrem Bestände zu sichern, in ihrer Entfaltung zu fördern. So entstand der Gustav-Adolf-Verein.

Es verdient bemerkt zu werden, mit welcher Sicherheit die kirchliche Aufgabe, die da­mit gestellt war, ergriffen wurde. Selbstverständ­lich war das keineswegs. Der große deutsche Idealismus hatte stärksten Einfluß auf evan­gelisches Christentum geübt. Richt fern lag der Gedanke, daß beide, im tiefsten Grunde innigft verwandt, ja völlig eins seien. Die leitenden Männer im Gustav-Adolf-Verein standen in der feinen Bildung, wie sie jener Zeit eigen war, und hingen ihr mit ganzem Herzen an. Die Grundüberzeugung des Idealismus von der in­neren Einheit des Geisteslebens bei aller Man­nigfaltigkeit seiner Gestaltungen und von seiner Freiheit teilten auch sie. Daß geistige Einheit nicht über Hnterschieden zu Bruch ginge, daß geistige Freiheit nicht unter wesensfremden Zwang gebeugt würde, war auch ihnen ein tiefes An­liegen. Aber siewußten auch, wasKirche i st. Evangelische Kirche war für sie Voraus­setzung und Erhaltung und Pflege evangelisch­kirchlichen Lebens Aufgabe. Heber der Grenze, die damit gegeben war, haben sie gewacht, und so haben sie sich Bestrebungen versagt, die eine Aushebung aller kirchlichen Bestimmtheit bedeu­tet hätten, und so haben sie vermocht, den Ver­ein durch die Erschütterungen der Revolutions­zeit von 1848 hindurchzuleiten. Wie lebendig und bestimmend der Gedanke der Kirche war, kam darin zu einem ergreifenden Ausdruck, daß der erste Vorsitzende des Zentralvorstandes, der Leip­ziger Superintendent Großmann, noch auf seinem Sterbebette feinem Sohn den Auftrag gab, dem Verein zu sagen, er möchte nie ver­gessen, daß seine Ausgabe sei: der Kirche dienen, aber nicht Kirche machen.

Es braucht nicht verschwiegen oder im Hinter­gründe gelassen zu werden, daß der Gustav- Adolf-Derein auf deutschem Boden ent­standen und wesentlich von den Kräften der deutschen evangelischen Christen getragen wor­den ist. Er ist auf sein Hrsprungsland Sachsen nicht beschränkt geblieben. Als zehn Jahre nach der Leipziger Gründung der Hosprediger 3 im­mer m a n n in Darmstadt in einem Aufruf von ähnlichen Aufgaben sprach, wie sie vom Güstav-Adolf-Derein bereits in Angriff genom­men waren, ist es schnell zu einer Verständigung gekommen, und das ist wie eine gute Vorbedeu­tung gewesen. Seitdem ist der Verein ständig ge­wachsen und hat sich über die deutschen Lande und Kirchen trotz manchen Hemmungen ausge­breitet. Seine Jahresversammlungen und feine gesamte Arbeit boten nicht nur Gelegenheit zu persönlichen Berührungen, sie schufen auch eine innere Gemeinschaft im Denken und Handeln. So war er, obschon er in politische Bestrebungen sich nicht einmengte, berufen, an feinem Teil mitzuwirken an der inneren Einigung der Geister. Zu einer großen Freude wurde ihm die Grün­dung des Deutschen Reiches und zu einer Stär­kung für feine Arbeit. In diesem Zusammenhänge darf auch darauf hingewiefen werden, daß das Wirken des Gustav-Adolf-Dereins eine bedeut­same Vorarbeit für die Begründung des Deutschen Evangelischen Kirchen­bundes gewesen ist. Ratürlich hat dieser Zu­sammenschluß der deutschen evangelischen Kirchen nicht in seinem Planen gelegen, aber feine Art hat mit den Boden dafür bereiten helfen.

Aus seiner nahen Verbindung mit dem deut­schen Volkstum ist dem Gustav-Adolf-Verein der

schwere Vorwurf entstanden, daß erOcrmani» fierungSbefirebu - - en diene, und daß die kirchliche Zielsetzung 'ür nur ein Vorwand sei. Immer wieder hat er auf feinen Jahres­versammlungen sich gegen diese Verdächtigungen wenden müssen, und er hat es mit der Ruhe und Heberlegenheit getan, die ein gutes Gewissen gibt. Ratürlich hat der Gustav-Adolf-Derein seine Gaben immer wieder auch armen, bedräng­ten deutschen evangelischen Gemeinden im Jn- lande wie im Auslande zugewandt und er hat ihnen damit geholfen, ihren evangelischen Glau­ben und auch ihr deutsches Volkstum zu bewahren. Aber sein Blick ist frühzeitig in die Weite der Welt gegangen. Fremdes Volkstum ist nie ein Grund gewesen, die Hilfe zu versagen. Welchen Sinn hätten auch Germanisierungsbestre- bungen in Italien, Frankreich, Belgien oder Spa­nien haben sollen! Auf den großen Jahresver­sammlungen haben es auch immer wieder Ver­treter evangelischer Gemeinden fremden Volks­tums anerkannt, welchen Dank sie dem Gustav- Adolf-Derein schuldeten.

Schmerzliche Erfahrungen brachte der Ausbruch des Weltkrieges. Dom Auslände kamen Absagen an den Verein, nicht selten in verletzender Art. So manches Band, das fest geknüpft schien, wurde zerrissen. Aber nun stellt sich d ie Rot der deutschen evangelischen Dia­spora vor jede andere. Cs muß wohl gesagt werden, daß eine neue Art von Siafptya ent­standen ist, die es früher nicht gab: Deutsch evan­gelische Gemeinden leben in der Diaspora, auch wenn das umgebende fremde Volkstum sich s e l b st zum evangelischen Glauben bekennt. Damit sind die Aufgaben des Gustav-Adolf-Vereins weit über ihr bisheriges Maß hinauswachsen. Mit der schwierigen Lage des deutschen Volkstums in der Well hängt es vielfach zusammen, daß nicht nur einzelne Gemeinden, sondern ganze Kirchen in äußerste Bedrängnis geraten sind. Dem, was damit an Rot an ihn herantritt, kann sich der Gustav-Adols-Verein nicht entziehen, sollte es auch seine Kräfte zu übersteigen scheinen.

So wird die Hundertjahr-Feier, die in der Zeit vom 18. bis 20. September i n Leipzig stattfindet, alles andere sein als eine gesellige Veranstaltung. Das sind ja die Jahres­versammlungen auch nie gewesen. Stets wurde auf ihnen ernste Arbeit geleistet, und das wird diesmal auch in besonderem Maße der Fall fein. Sich wirklich sachkundige Mitarbeiter her­anzubilden, ist immer ein Anliegen des Gustav- Adolf-Dereins gewesen. Denn es ist ja Hicht mit etwas Begeisterung und etwas gutem Willen getan. Die Im ehr gilt es, einen genauen Einblick in die oft sehr verwickelten und schwer erkenn­baren Derhältnisse der verschiedenen Diaspora­gebiete zu gewinnen. Auch wichtige allgemeine Fragen: wie etwa: Glaube und Dolkstum, Mutter­sprache und Kirche, völkische und kirchliche Min­derheiten, bedürfen sorgfältiger, klärender Durch­arbeitung. Dem soll die Freizeit für Diaspora­pfarrer dienen, die in Verbindung mit der Leip­ziger Tagung gehalten wird. Man hat es im Gustav-Adolf-Verein von jeher verstanden, die Genauigkeit und Zuverlässigkeit im einzelnen mit der Weite der Heberschau zu verbinden, wofür die ZeitschriftDie evangelische Diaspora" und die umfassenden Jahresberichte Zeugnis geben.

Für die Erfüllung seiner Aufgaben bedarf der Gustav-Adolf-Derein natürlich großer Mit- t e I. Sie sind ihm auch stets gereicht worden. Denn er gehörte von jeher zu den volkstümlich­sten evangelischen (Bereinigungen. So konnte er auch die schweren Kriegs- und Rachkriegsjahre überstehen. Eine besondere Gabe soll ihm nun zu seiner Hundertjahr-Feier dargebracht werden. Mit Hilfe der Hauptvereine wurden Büchsen ver­teilt: es.sollen nun durch drei Jahre hindurch Gaben von wöchentlich 10 Pfennigen gesammelt Werdern Das gesteckte Ziel,Eine Million in Grosche n", ist, wie man hört, trotz der großen wirtschaftlichen Rot, die mittlerweile ein­setzte, erreicht.

Einen weiten Weg hat der Gustav-Adolf- Derein in diesen hundert Jahren zurückgelegt, und er hat dabei eine sichere Richtung eingeyallen. Seine Arbeit wird auch in der Zukunft, und gerade in ihr, für Kirche und Volk unentbehrlich fein.