Ausgabe 
16.9.1932 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

SJL-'fpoit

Um die deutschen Krastsportmeisterschasten

700 Meldungen für Dortmund.

Durch die Olympischen Spiele haben die Kraft- sportler und Boxer ihre Meisterschaftskämpfe in den Herbst verlegt. Der Deutsche Athletik-Sport­verband von 1891 führt nun seine Titelkämpfe am heutigen Samstag und morgigen Sonntag in der Dortmunder Westfalenhalle durch und hat mit rund 700 Teilnehmern ein glänzendes Meldeergebnis erhalten. Zu vergeben sind die Titel im Ringen, Gewichtheben, 3iu 3itsu, der Rundgewichtsciegen, im Rasenkraftsport, Tau­ziehen und in der Artistik. Mit einer Ausnahme sind alle Titelverteidiger zur Stelle, aber auch ihre Gegner von Rang fehlen nicht unter den Be­werbern und werden manchem Meister die Krone entreißen.

Bei den Ringern Hal unser Olympiasieger Brendel (Nürnberg) im Bantamgewicht unbedingt die größten Aussichten, den Titel an sich zu bringen.

obwohl Fischer (Zweibrücken) ihn nicht so leicht ab­geben wird. 3m Federgewicht sollte eben­falls der erfolgreiche Amerikafahrer E h r l sei­nem Münchener Landsmann Hering die hohe Würde streitig machen können. Der Dortmunder Sperling erscheint nach seinen Leistungen in Los Angeles auch in diesem 3ahre wieder als der stärkste Mann der Leicht gewichtsklasse, er muh vor allem mit Rehmet (Köln), Martin (Herne), Weikart (Hörde) und Muschall (Hörde) rechnen. 3m Weltergewicht ist auch auf einen neuen Meister zu hoffen, beim es sollte Földeak (Hamburg) gelingen, den Mülheimer Möchel ou entthronen, aber auch Scharfe (Hörde) und die Gebrüder Reuhaus (Essen) sind starke Gegner. 3m Mittel gewicht verteidigt der Koblenzer Bücklh seinen Titel nicht. Unter Krä­mer (Duisburg), Schedler (Halle), Scharfe (Mül­heim), Kallner (Dortmund) und Stuwe (Berlin) sollte der neue Meister zu suchen sein. Sehr schwer wird es auch Meister Bräun (Oberstem) im Halbschwer gewicht haben, seine Meisterwürde gegen so gefährliche Leute wie Dogedes (Dort­mund), Krieger (Berlin) und Reitmann (Hörde) zu behaupten. Recht offen scheint auch die Lage im Schwer gewicht zu fein. Ob der Kölner Müller seinen Titel erfolgreich verteidigen kcmn, hängt von seiner jetzigen Form ab. Er wird jedenfalls in Gehring (Ludwigshafen), Hornfischer (Rürnberg) und Schütz (Dortmund) aussichtsreiche Bewerber vorfinden.

Bei den Gewichthebern sind alle Meister zur Stelle.

aber auch hier ist mit Veränderungen zu rech­nen. 3m Bantamgewicht trifft Meister Walter- Saarbrücken auf Koch-Hörde und Derleh-Essen, dagegen sollte es im Federgewicht wieder zu einem Zweikampf zwischen W ö l p e r t - München und Schäfer-Stuttgart kommen. Helbig- Plauen kann seinen Titel im Leichtgewicht bei gründlicher Vorbereitung wiedererringen, wäh­rend Olympiasieger und Weltrekordmann 3s- m a y r - München im Mittelgewicht keinen Geg­ner zu fürchten hat. Bierwirth-Essen hat im Halbschwergewicht wahrscheinlich besonders mit Vogt-Trier zu rechnen, dagegen mühte im Schwer­gewicht der Münchener Strahberger gegen Velten- Hörde und Wahf-Düsseldorf erfolgreich sein kön­nen. 3n der Mannschaftsmeisterschaft der Ringer trifft der Verteidiger Hörde 04 auf Heros Dortmund, Heriie 20, Köln-Mülheim und Kirch­lind-Hohe nlimburg.

Bei den Rasenkraftsportlern haben die süddeutschen Vertreter eine gewisse Vormacht­stellung, besonders im Hammerwerfen und Ge­wichtwerfen. 3m Tauziehen ist der Marine SV. Wilhelmshaven heiher Favorit. Bei der Güte der Teilnehmer sollten in verschiedenen Konkurrenzen auch wieder neue Rekorde erzielt werden.

Arbeiter-Turn- und Sporibund.

Am morgigen Sonntag findet im Bereiche des 3. Bezirks nur ein Kreisklaffepiel statt, und zwar in Wiefeck, wo die Spieloereinigung Erbstadt- Kaichen zu Gast ist. Die übrigen drei Kreisklasse­mannschaften müssen alle als Gäste im 6. Bezirk antreten. Das Spiel in Wieseck dürfte ein span­nendes Treffen geben, da die Gäste durch ihre Vereinigung wesentlich an Spielstarke gewonnen haben. Wieseck wird alles hergeben müssen, wenn es seinen Anhängern keine unangenehme Enttäu­schung bereiten und sich die sehr nötigen Punkte nicht verscherzen will. ,

Gießen I ist in Nieder-Wöllstadt zu Gast und sollte erwartungsgemäß als Sieger den Platz ver­lassen. .

Heuchelheim I wird in Dorheim auf einen guten Gegner treffen, der, zumal er den Vorteil des eige­nen Platzes hat, sich Sieg und Punkte nicht neh­men lassen sollte.

Der Kreismeister Naunheim ist in Altenstadt zu Gast und sollte, obwohl der Neuling auf eigenem Platze schwer zu schlagen ist, als Sieger aus dem Spiel hervorgehen.

Der vorletzte Sonntag in der Vorrunde der B e- zirksklasfe sieht Daubringen I in Londorf als ast. Der Ausgang dieses Treffens ist offen. Wetz-

(MäuterungenzumReichsbankausweis vom 15. September.

Berlin, 17.Sept. (WTD. Funkspruch.) Rach dem Ausweis vom 15. September 1932 hat sich in der zweiten Septemberwoche die gesamte Ka­pitalanlage der Dank in Wechseln und Schecks, Lombards und Effekten um 93,6 Millionen auf 3341,4 Millionen Mk. verringert. 3m einzelnen haben die Bestände an Handelswechseln und -schecks um 104,4 Millionen auf 2847,5 Millionen Mark und die Bestände an Reichsschatzwechseln um 3,2 Millionen auf 11,3 Millionen Mark ab­genommen, die Lombardbestände dagegen um 14 Millionen auf 117,5 Millionen Mark zuge­nommen. An Reichsbanknoten und Ren­tenbankscheinen zusammen sind 92 Mil­lionen Mark in die Kassen der Reichsbank zurück- geflossen, und zwar hat sich der Umlauf an Reichsbanknoten um 91,4 Millionen auf 3597,4 Millionen Mark, derjenige an Rentenbankscheinen um 0,6 Millionen auf 401 Millionen Mark ver­ringert. Dementsprechend haben sich die Bestände der Reichsbank an Rentenbankscheinen auf 26,1 Millionen Mark erhöht. Die fremden Gelder zeigen mit 413,3 Millionen Mark eine Zunahme um 24,8 Millionen Mark.

Die Bestände an Gold und deckungs­fähigen Devisen haben sich um 151000 Mark auf 925,8 Millionen Mark erhöht. 3m einzelnen haben die Goldbestände um 12,8 Mil­

lar I hat Oberndorf I zum Gegner und sollte auf eigenem Platze Sieger werden. Naunheim II spielt gegen Kinzenbach L Auch hier dürften die Platz­besitzer die Besseren sein.

Leun I ist in Rodheim zu Gast und wird dort auf einen gleichstarken Gegner treffen. Hungen I empfängt Alsfeld I und wird den Gästen den Sieg überlassen müssen. Saasen I spielt in Burkhards­felden. Wißmar I ist in Marburg zu Gast.

In der zweiten Bezirksklasse finden fol­gende Spiele statt: Waldgirmes I Wetzlar II; Vetzberg II Fellingshausen I; Kinzenbach II Frankenbach I; Launsbach I Vetzberg I; Gie­ßen III Großen-Linden II; Lang-Göns I Hungen II; Großen-Bufeck II Nieder-Ohmen I; Lindenstruth I Alsfeld II; Klein-Linden I Annerod I.

Die Jugendklasse stehl folgende Spiele vor: Launsbach Naunheim und Rodheim Krof­dorf.

Herbftwawlanf

In Krofdorf findet am kommenden Sonntag der H e r b w a l d l a u f des 3. Bezirks verbun­den mit leichtathletischen Mannschaftskämpfen statt. Nach Beendigung der Wettkämpfe ist für den Nach­mittag noch eine turnerische Werbeveranstaltung vorgesehen.

Abiurnen im Turnverein Leihgestern.

Das diesjährige Abturnen des Tv.Frisch Auf" war ein voller Erfolg. Sämtliche von einer stattlichen Turnerschar gezeigten Hebungen waren als sehr gut zu bezeichnen und wurden von den Zuschauern mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Bei der anschließend im Dereinslokal statt­findenden Siegerehrung und der Ehrung zweier verdienter Mitglieder des Vereins, der Herren H. K r a p f und Th. Schaum, durch den ersten Vorsitzenden des Gaues Wetterau, hielt der Ver- einsvorsihende, Herr Will, eine Ansprache, in der er den hohen Wert des Turnens für den einzelnen sowohl wie für das Volksganze be­sonders hervorhob. Herr Will überreichte so­dann den beiden diesjährigen Meistern, Turner Rudolf Rohrbach (Geräte) und W. Schäfer (volkstümlich) die vom Verein gestifteten Meister- schaftsplaketten.

Honen auf 781,2 Millionen Mark zugenommen und die deckungsfähigen Devisen um 12,6 Mil­lionen auf 144,6 Millionen Mark abgenommen.

Die Deckung der Roten durch Gold und deckungsfähigen Devisen betrug am 15. September 25,7 v. H. gegen 25,1 v. H. am Ende der Vor­woche.

Sranffurf ebenfalls freundlich.

Frankfurts M., 17. Sept. (WTB. Draht­meldung.) Die Wochenschlußbörse eröffnete in freundlicher Tendenz, wobei, wie bereits an der gestrigen Abendbörse, anregende Rachrichten von einer bevorstehenden Gründung einer Amortisa­tionskasse zur Erleichterung gewerblicher Kredit­gewährung der Danken unter Hilfestellung der Reichsbank nachwirkten. Daneben fanden auch einige günstige Berichte aus der internationalen Wirtschaft, insbesondere der englischen, etwas Beachtung. Das Geschäft war aber klein, da von einer nennenswerten Beteiligung des Publikums am Börsengeschäft nichts zu bemer­ken war, worauf vielleicht der frühere Dörsen- beginn etwas eingewirkt haben dürfte. Der schwä­chere Schluß der Reuhorker Börse blieb ohne Ein­fluß. Gegen die Abendbörse traten durchschnittlich Besserungen von 0,5 bis 1 Proz. ein. Auf die Mitteilung von Arbeitereinstellungen lagen Conti- gummi 2 Proz. höher. Montanwerte lagen heute ruhiger, doch ergaben sich Erhöhungen bis zu 1 Prozent. Mehr bevorzugt waren Elektroaktien,

von denen AEG., Lahmeyer, Siemens irnb Schuckert bis zu 1,75 Proz., Bekula, Licht & Kraft und Gesfürel bis zu 1 Proz. gewannen. 3G. er­öffneten mit 102 Proz. unverändert, Goldschmidt setzten 0,75 Proz. und Rütgerswerke 1,75 Proz. höher ein. Schiffahrtswerte, Daimler, 3unghans und Zement Heidelberg zeigten Besserungen von 0,5 bis 0,75 Prozent. Holzmann und Zellstoff Waldhof waren behauptet, während Reichsbank 0,65 Proz. niedriger einsetzten. Von Kunstseide­aktien kamen noch Aku 1,5 Proz. fester zur Rotiz.

3m Verlaufe traten dann weitere Erhöhungen von 0,5 bis 1 v. H. ein. 3G. stiegen bis auf 103 v. H. an, lagen aber dann auf eine Ver­kauf sor der wieder auf den Anfangsstand gedrückt. Die übrigen Werte konnten sich dagegen meist behaupten. Das Geschäft stagnierte aber fast voll­kommen, weil vom Publikum keine Aufträge eingetroffen waren.

Am Rentenmarkt blieb die Zurückhaltung bestehen, so daß nur kleines Geschäft zu ver­zeichnen war. Gold- und Liquidationspfandbriefe lagen uneinheitlich, die sonstigen festverzinslichen Werte nur wenig verändert. Von Deutschen An­leihen eröffneten Reubesih leicht erhöht, Altbesitz zunächst etwas niedriger, später wurden sie aber auf- Käufe der Kulisse etwa 0,75 v. H. hoher. Reichsschuldbuchforderungen konnten sich gleich­falls um etwa 0,5 bis 0,75 v. H. erholen. A u s - landrenten lagen geschäftslos. Tages- g e l d war zu 4,5 v. H. unverändert.

Berlin still aber nicht unfreundlich.

Berlin, 17. Sept. (WTB. Funkspruch.) Die heutige Wochenschlußbörse eröffnete in freundlicher Haltung. Das Geschäft nahm zwar keinen über­mäßig großen Umfang an, beschränkte sich in der Hauptsache auf Spezialgebiete und wurde meist von der Börsenspekulation getragen. Es lagen allerdings auch kleine limitierte Kauforders der Kundschaft vor. Politisch gab es wenig Neues, dagegen lauteten die Nachrichten aus der Wirtschaft ziemlich zuversichtlich. Die Presse meldete von Teilbesserungen in der In­dustrie, von Arbeitereinstellungen in der Textil­industrie, bei Contigummi usw., von Wieder-in- Dienststellungen von Schiffen usw. Bor allem regten aber wohl das Projekt der Gründung einer In- dustriefinanzierungsgesellschaft und der Plan einer Amortisationskasse an, desgleichen bleiben natürlich die Diskonthoffnungen für den kommenden Diens­tag bestehen, zumal der Medioausweis der Reichs­bank eine gute Entlastung bringt. Der eher schwä­chere Neuyorker Börsenschluß machte dagegen kaum Eindruck. Die ersten offiziellen Kurse waren zwar nicht ganz so fest, wie vorbörslich erwartet, lagen aber doch verschiedentlich bis zu 1,50 v. H. über gestern. Spezialwerte wie BMW., Eisenbahnver­kehrsmittel, Rütgerswerke, Contigummi und von Elsktropapieren AEG., Schuckert und Chade waren bis zu 2,50 v. H. gebessert. Größeres Interesse zeigte sich auch im Zusammenhang mit den zu erwarten­den Reichsbahnaufträgen für Montanwerte. Don Maschinenaktien gewannen Schubert & Salzer 4 v. H., ferner lagen Textilwerte recht fest und Breme»- Wolle erschienen sogar mit Plus-Plus-Zeichen. Der Verlauf brachte dann von Spezialwerten ausgehend, eine Geschäftsbelebung, die höheren Kurse konnten sich später allerdings nicht immer voll behaupten, da eine neue Attacke gegen die AEG.-Aktie vorüber­gehend verstimmte. Der Grundton der übrigen Börse blieb aber durchaus freundlich. Besonders Bekula lagen weiter recht fest. Die Tendenz des Renten­marktes war dagegen nicht einheitlich. Bei ruhi­gem Geschäft konnten sich Reichsschuldbuchforderun- gen nach anfänglicher Abschwächung wieder erholen. Deutsche Anleihen waren schon von Beginn an fester. Auch für G o l d p f a n d b r i e f e bestand eher Nachfrage, während in landschaftlichen Pfandbriefen immer noch Ware herauskam, so daß sich die No­tierungen um 1 bis 3 v.H. abschwächten. Man er- wartet an diesem Markte mit Spannung das Er­gebnis der heutigen Kabinettssitzung hinsichtlich der Zinssenkungsfragen.

Wirtschaft.

Vornan von Hertha Fricke

Urheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau

24 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

18.

Der Abend sank herab. Eva-Marie war längst wieder in Untersuchungshaft. Rachdem sie sich im Krankensaal etwas erholt hatte, hatte man sie mehrfach vernommen und wieder in Haft gebracht.

Morgen sollt« der erste große Termin sein. Oeffentlich. 3hr graute. Was sollte sie noch sagen? Was konnte sie zu ihrer Entlastung sa­gen, daß sie Renate keinen Tropfen zu viel gegeben hatte, das hatte sie doch schon ver­sichert. Daß sie Schlüssel und Kästchen an sich genommen hatte, ohne Herrn Andresen davon in Kenntnis zu setzen, hatte sie zugeben müssen. Daß Renate ihr den Ring geschenkt und das Geld gegeben hatte, glaubte man ihr nicht! Was sollte sie nun noch? Was wollte man ihr tun? Wer hatte ein Recht, in sie zu dringen, das Geheimnis zu verraten, das ihr anvertraut war, das in einer Kassette verborgen lag? Konnte, durfte sie dies verraten?

Du, du allein darfst alles wissen, Eva- Marie, denn ich weiß, daß du treu bist, daß ich mich allezeit auf dich verlassen kann!" hatte Renate damals gesagt. Kann man Vertrauen so täuschen? Hnb in der Rächt, die auf den Tag folgte, an dem man Renates Körper fort- gebracht hatte zur Totenhalle dort draußen am Krematorium, da hatte Eva-Marie es gewagt, die Briefe zu lesen, die Renates ganzes trostloses Eheleben verrieten von dem Tage an, an dem die arme Frau Klaus Behrens, den Totgeglaub­ten wiedergesehen hatte. 3hn, dem ihr ganzes Herz gehörte, konnte sie nicht mehr erreichen, denn sie wie er ioaren gebunden, daß sie sich nicht ohne weiteres lösen konnten. Sie, Renate, hatte die Absicht. Das klang aus ihren ver­zweifelten Zeilen, aber dann kam die trostlose Müdigkeit:Wozu noch? 3ch lebe nicht mehr lange! - 3ch werde immer kränker!"

llnö alle Briefe fingen an: Mein lieber, lieber Klaus; Ruch die Tagebuchaufzeichnungen aus der Zeit ihrer Krankheit waren an ihn gerichtet. Zu­letzt nur in den allerletzten Wochen, als sie fühlte daß es bald zu Ende gehen würde, wurde sie stiller und zufrieden in dem Gedanken, daß sie beide sich einmal wiederfinden würden, wie­derfinden müßten.Meine ganz« Ehe mit Karl Andresen war eine einzige Unwahrheit, mein lieber Klaus!" stand da wahrheitsgetreu und rücksichtslos.Rur der Gedanke, daß ich nun

~an3 verlassen war, seit ich von deinem Unter­lag gehört hatte, nur diese entsetzliche Einsam- it und die Gleichgültigkeit gegen alles im eben, hatte mich dazu gebracht, ,3a zu sagen.

Aber ich war nie sein eigen, Klaus, an meiner Seele hatte er keinen Teil! Sogar damals, als mein Kind geboren wurde, dachte ich nur an dich!"

Das waren harte Worte, und Eva-Marie verstand, daß diese Briefe nie in Karl Andre­sens oder seiner Tochter Hände kommen durften. Denn feit sie den Mann so erschüttert an Re­nates Totenbett gesehen hatte, seitdem wußte Eva-Marie, daß diese Briefe grausam waren für den, dessen große Schuld eine Entschuldigung hatte, seine Liebe zu Renate.

Eva-Marie lag auf dem harten Lager, die Hände unter dem Kopf verschränkt, und starrte auf die Decke. Der Lichtschein eines vorüberfahren- den Autos oder einer Laterne geisterte durch die vergitterten Fenster die Wände entlang.

Es war ihr lieb, wenn es dunkel war. Dann brauchte sie nichts zu sehen, nichts!

Morgen wurde sie und ihr Unglück an die Oeffentlichkeit gezerrt! 3hr graute vor all den neugierigen, vielen Augen, vor dem kalten Blick des Untersuchungsrichters, vor dem Hellen Tag, vor allem!

Wenn nun Klaus Behrens kam, oder an sie schrieb, konnte er sie nicht finden. Sie konnte nicht Renates letzte Bitte erfüllen, sie war ohn­mächtig gegen alles, alles. Was würde ihr« Mutter sagen, wenn sie in der Zeitung von ihr las? Onkel Hans und die anderen!

Und Heinrich, Heinrich Andresen? Der hatte es gewiß zuallererst erfahren durch seinen Bru­der.

Sie schlug die Hände vor das blasse, schmal gewordene Gesicht und weinte fassungslos.

War es nicht sinnlos und grausam, wenn sie unterginge in dieser Rächt? Wenn sie gefesselt blieb in diesem Reh von Bosheit und Zufällig­keit, aus dem sie sich nicht freimachen konnte.

Hell und kalt schien die Sonne in den Ver­handlungssaal. Dicht gedrängt der Zuschauerraum voll Menschen, einer lauernden, höhnischen Masse, zitternd vor Sensationslust, fiebernd vor Reugier. Eine von Diemen! Ein adeliges Fräulein wegen Giftmordes und Diebstahls auf der Anklagebank. Das war doch wieder einmal etwas! Amüsanter, als wenn ein Dienstmädchen silberne Löffel ge­stohlen hatte und sich dann heulend mit ein paar Monaten abfand.

Fein! So etwas zu erleben!

Widerlich war es, wie alles mit Geierblicken auf die zarte Mädchengestalt schaute, die dort bleich wie ein Schatten mit tiefen, dunklen Rän­dern unter den großen Augen sah und sich mühte, Haltung zu bewahren.

Wieder wurde sie ausgefragt, gepeinigt, was in der Rächt von Renate Andresens Tod ge­schehen war. Wie die Flasche mit dem Morphium halb leer geworden war, warum sie den Himbeer­saft geholt habe, den die Pflegerin nicht angeord­net habe, und was noch alles.

Eva-Marie antwortete kurz und klar dasselbe, was schon zu Protokoll genommen war, kein Haarbreit anders.

Also Sie leugnen, der Verstorbenen die Tropfen gegeben zu haben?"

3ch -leugne nicht. 3ch habe ihr zehn Tropfen gegeben, genau, wie die Pflegerin angeordnet hatte."

Wie kam es aber, daß die Flasche halb leer war?"

3ch sagte doch schon, daß ich sie herunter­gerissen habe."

Bei welcher Gelegenheit? Wollten Sie der Toten vielleicht die Augen schließen?"

Rein. Denn sie sah aus, als ob sie ganz fried­lich schlief«. Si« hatte die Augen geschlossen. Sie schlief schon eine Zeit vorher, «he sie starb."

Run also, bei welcher .Gelegenheit wollen Sie die Medizinflasche heruntergerissen haben?"

3ch nahm den Schlüssel von ihrem Hals, den Frau Andresen stets bei sich trug, wie sie mir aufgetragen hatte."

Was war das für ein Schlüssel?"

Ein kleiner, silberner Schlüssel zu dem Schreib­tisch und ein kleinerer."

Gut, davon nachher. Aber wie kam es, daß di« Medizinflasche nicht am Boden lag, wohin sie gefallen sein soll, sondern auf der Waschtisch- platte stand?"

3ch habe sie auf gehoben und dorthin gesetzt!" Die Zeugin Elisabeth ©Untermann machte ein höhnisches Gesicht und nickte mehrmals mit be­zeichnender Eindeutigkeit.

.»Run, der behandelnde Arzt, der Geheimrat Kauffmann, ist leider durch Krankheit verhindert, zu erscheinen. Aber es hat sich der Schwager der Toten, Herr Dr. Andresen, als Zeug« gemeldet. Dars ich bitten, Herr Doktor."

Eva-Mari« hob «in wenig den Kopf. Da stand er, hochaufgerichtet mit einem entschlossenen Zug in dem Gesicht, das sie so geliebt hatte. Ein scharfer, schneidender Schmerz ging durch ihr Hirn.

Heinrich, du!" dachte sie verzweifelt.Glaubst du es auch? O Gott, dann lieber tot! Wenn du an mir irre bist, du du!"

Da sah er sie mit einem langen, innigen Blick am Mit einem Blick, der da sagte:Habe Mut. 3ch glaub« an dich, und wenn tausend Menschen und tausend «lende Seelen kämen, die dich be­schuldigten, ich glaube an dich!"

Der Richter rief Heinrich Andresen vor. Ruhig trat dieser an den Tisch.

»3hr Vorname, Herr Doktors"

Heinrich."

Wie alt?

Vierunddreißig 3ahre."

Sie sind der Schwager der Ermordeten?"

Ermordeten? Wissen Sie das so genau schon vor dem Urteil? 3ch bin der Schwager der am 3. Rovember gestorbenen Frau Renate Andresen." Sie glauben nicht an eine Vergiftung durch ein« zu große Dosis des Schlafmittels?"

Rein, ich glaube so wenig daran, wie bet Herr Geheimrat Kauffmann, der meine Schwä­gerin in der langen Zeit der Krankheit behan­delt hat. Meine Schwägerin litt an« Krebs, ihr Tod stand zu erwarten. Lange schon."

Das wissen wir, es ist nur festzustellen, ob der Tod nicht gewaltsam durch jenes Mittel «her herbeigeführt wurde!"

Sie kennen die Angeklagte, Herr Doktor?

3ch kenn« di« Dame genau!"

Stehen Sie in irgendwelchen näheren Be­ziehungen zu ihr?"

Dr. Andresen zog die Stirn in Falten. Aber dann sagte er laut und deutlich:3ch steh« in keinerlei Beziehungen zu der Same, die mich ver­anlassen könnten, die Aussage zu verweigern!"

3ch brauche wohl nicht auf die Folgen einer falschen Zeugenaussage unter Eid aufmerksam zu machen!"

3ch denke nicht!" Dr. Andresen lächelte kalt.

Die Richter standen auf und nahmen ihr Barett in die Hand. Langsam und ruhig sprach Dr. An­dresen die Eidesformel nach.

Erzählen Sie, was Sie wissen, Herr Doktor!"

3ch war zur Zeit des Todes meiner Schwä­gerin in Hamburg. Aber ich weiß, daß Fräulein von Diemen unschuldig ist!"

Womit begründen Sie dieses Wissen?"

3ch weiß, daß die Dame mit meiner Schwä­gerin sehr herzlich befreundet war, und daß sie überhaupt irgendeiner gemeinen Tat nicht fähig ist!"

Da wurde Eva-Marie zumute, als ob in einer dunklen Rocht die Sterne zu scheinen anfingen. Sie sah ihn mit heißer Dankbarkeit an. Er fing den Blick auf wie eine köstliche Gabe und gab ihn zurück.

Die Richter bemerkten das und schmunzelten kaum merklich.

Ach so! Also darum! Da war doch Vor­sicht am Platze. Hübsch war das kleine grauen- zimmer fraglos, und die Zeugin ©Untermann hatte schon eine Bemerkung gemacht, die darauf schließen ließ, daß dieser Doktor sich in die Angeklagte verliebt hatte.

3hre Ueberzeugung in Ehren, Herr Doktor, aber wir brauchen Beweise! Haben Sie die?"

Beweise? Rein, vorläufig noch nicht. Aber vielleicht eine Erklärung."

(Fortsetzung folgt.)