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losgclassen haben würde. Aber er war korrekt hoflicti und gerade das wirkte so unnatürlich an ihm, daß sie einen ehrlichen Zorn gegen ihn nicht unterdrücken konnte.
Dann nur zu, wenn er jetzt auf einmal den Unnahbaren spielen wollte. Sie hatte ihn doch anders gesehen und in seinem tiefsten Inneren kennengelernt. Dos wischte keine Zeit mehr aus ihrem Gedächtnis.
Im Begriffe, sich noch den Sälen zu begeben, meldete ihr die Schwester den Besuch, der drunten im Wartezimmer eine Unterredung mit ihr erbeten hatte.
„Hoben Sie nicht gefragt, wer es ist? — Ich Hobe jetzt keine Zeit", sagte sie etwas ungehalten.
„Die Frau ist so verängstiat", wandte die Schwester fürsprechend ein. „Vielleicht hat sie nur ein paar Worte mit Ihnen zu reden."
„Ich komme", sagte Margret zu. „Erst muß ich noch mit Chefarzt Wander wegen des Mädchens sprechen, dos morgen operiert werden soll. — Sagen Sic der Frau, daß ich in zehn Minuten komme!"
Wander hatte kaum einen Blick für sie, als Margret jetzt neben ihm an eines der Betten trat, an welchem er eben stand. Er sprach ruhig sachlich, welchen Verlauf die Krankheit nehmen werde, und daß der achte oder neunte Tag voraussichtlich die Krisis bringen werde.
„Sie holten also eine Operation nicht für nötig?"
„Vein!"
Sie bog den Kopf auffallend rasch zur Seite. Dieses „Vein" hatte genau so unhöflich geklungen, wie früher oft. Seine Vatur begann sich also wieder einzurenken. Gott Lob! Es war ihr eine richtige Erleichterung, wenn alles wieder ins Geleise kam.
Als die Pflegerin zehn Minuten später unter dem Rahmen der Türe erschien und einen Blick zu ihr herübersandte, erinnerte Margret sich ihres Versprechens und schritt gleich darauf nach dem Wartezimmer hinab.
Eine Frau erhob sich von dem mit grünem Rips bezogenen Sofa und machte einige zögernde Schritte auf sie zu, hob die Rechte und brachte keinen Ton aus der Kehle.
„Doktor Recklinhausen!" sagte Margret knapp, fühlte plötzlich Mitleid und fragte, was sie hergerufen habe.
„Die Sorge, Fräulein von Recklinhausen. — Tie gräßliche Angst um meinen Sohn", zitterte die Stimme der Alten.
„Er ist wohl hier Bei uns untergebracht?" forschte Margret, faßte nach einem Stuhl und drückte die Frau, deren Knie zu brechen drohten, hinein. Aber der greise Körper hob sich sofort wieder hoch und stand, wenn auch mit allen Zeichen höchster Erregung vor ihr. „Sie haben
svtcheN Brand Tn Dir entfachen formte? I<H weiß es nicht! Für mich ist sie jedenfalls die Schönste und Begehrenswerteste. Aber das ist ja alles nicht so schlimm, wirst Du denkend Wahrhaftig, das wäre zu verantworten. Nun kommt aber das andere: Ich habe täglich mit ihr zu tun. Sie ist hier in der Klinik Aerztin. Auch ihren Vamen darfst Du wissen: Margret von Recklinhausen. — Und gerade sie, die ich mit aller Glut zum Weib begehre, Hot mich abgewiesen. Ich suchte mich zu bescheiden! Aber es gelang mir nicht!
Ich war wie besessen, Mutter! Mehr habe ich Dir nicht zu gestehen!
Sie ist sehr mild zu mir gewesen, hat sich meiner sogar erbarmt, als ich hilflos zu ihren Füßen lag und mir versprochen, daß sie schweigen will. Sie bringt es sogar über sich, nach wie vor an meiner Seite zu arbeiten.
Und nun das Ende vom Lied: Ich will, um meine Entlassung hier nachsuchen. Ein plausibler Erund wird sich wohl finden lassen, daß niemand hinter die eigentliche Ursache kommt. Dann biete ich mich der englischen oder sonst einer auswärtigen Regierung als Tropen- . arzt an. Irgendwo in Algier oder China wird schon ein Plätzchen für mich sein.
Bon Deiner Güte und Liebe erhoffe ich Absolution und Verzeihung dafür, daß ich Dir in Deinem hohen Alter noch solches Leid und so bittere Enttäuschung bereiten muß.
Ende der Woche komme ich, "um Abschied von Dir zu nehmen. Verfahre nicht zu hart mit Deinem Jungen, der Dich in innigster Liebe grüßt.
Deine treuen Hände küssend, bin ich wie immer Dein Hans."
Margrets Augen brannten, so hatte sie sich bemüht, die letzten hastig hingeworfenen Buchstaben noch entziffern zu können. Sie stellte sich etwas in den Schatten des grünen Lampenschirmes, einmal, um ihrer selbst willen und dann auch der Mutteraugen wegen, die da in heißer Angst nach ihr hinstarrten.
„Sie werden ihn nicht zugrunde gehen lassen, Fräulein von Recklinhausen!" klang nun die Stimme der Greisin, die mit tastenden Fingern nach dem Briefe griff, der in Margrets Hand zitterte. „Er ist mein Sohn! Das einzige, was ich aus einem Leben voll Enttäuschung und bitterster Not gerettet habe. Seit dreißig Jahren bin ich Witwe. Ich habe für ihn gehungert! Meine Hände haben sich zerschunden und mein Leib wie meine Seele haben sich zerquält für ihn, bis er endlich das erreichte, was aus ihm geworden ist. — Und nun soll ich ihn verlieren! Ich soll ihn nimmer haben dürfen! Wenn er von hier weggeht, muß ich von ihm Abschied nehmen für immer."
(Fortsetzung folgt.)
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„Wir tun, was in Menschenmacht steht", sagte Margret gütig. „Wenn wir die Möglichkeit haben, Ihr Kind zu retten, so wird es Ihnen sicher erhalten bleiben."
„Diese Macht haben nur Sie!" Die Frau hob jetzt die Hände. „Vur Sie, Fräulein von Recklin- hausen! Denn um Ihretwillen will mein Sohn seine alte Mutter verlassen. — Und ich habe niemand als ihn. Er ist mein Einziger!"
In Margrets Ohren brauste das Blut. Blitzschnell hatte sie die Zusammeichänge erfaßt. — Trotzdem hoffte sie noch, es könnte ein Irrtum möglich sein. „Sie haben mir noch nicht einmal den Vamen Ihres Sohnes genannt", wehrte sie kühl. —
„Doktor Wander! Er ist Ihnen sicher kein Fremder, Fräulein von Recklinhausen."
Sie biß die Lippen aufeinander. „Ihr Sohn Hot keine Veranlassung, meinetwegen etwas zu tun, wodurch er Ihnen Leid bereitet! — Mein Verhältnis zu Doktor Wander ist derart, daß weder er noch ich irgendwelche gegenseitige Verpflichtungen haben." Und dann in raschem Verdacht: „Hat er Ihnen vielleick)t Mitteilungen gemacht, die Ihre Sorge um ihn rechtfertigen?"
Die Hände der alten Frau bebten so, daß sie kaum fähig waren, die Handtasche zu öffnen und dieser einen Brief zu entnehmen, der völlig zerknittert in Margrets Finger gelegt wurde.
Als diese Wanders Handschrift sah, zögerte sie einen Augenblick, Einblick darin zu nehmen. Aber die scheuen Augen der Frau hingen in so heißem Flehen an ihr, daß sie unter die Lampe trat und die Zeilen überflog:
«Geliebteste Mutter!
So ein undankbarer Mensch ist Dein alter Knabe geworden, daß er sogar Deinen Geburtstag vergessen hat. Laß es Dir zur Genugtuung sein, daß ich mich darob ehrlich vor mir schämte und mir gelobt habe, daß es nie wieder Vorkommen darf, daß ich über einem anderen Wesen, Dich, das geliebte, treueste, vergesse.
Und nun bin ich auch schon da, wo meine große Deichte beginnt. Ich will es fiirz machen, liebe Mutter! Dein alter Junge von neununddreißig Jahren wird rot bis an die Haarwurzeln, über das, was er Dir jetzt bekennen muß. Darum tue ich's auch schriftlich, Mutter! Auge in Auge mit Dir wäre es mir unmöglich gewesen. Aber bis ich dann komme, hast Du Äch wohl von dem ersten Schrecken erholt.
Also, Du Treue, Gute, ich habe das gefürchtete Alter erreicht, das bei anderen schon mit zwanzig oder fünfundzwanzig einzutreten pflegt. — „Ich bin verliebt!" — Rettungs- und hoffnungslos zugleich, liebe Mutter. Du wirft fragen: Ist sie denn so schön, daß sie einen
Die braunen Frauenaugen, in dem schmalen, von Falten und Fältchen überzogenen Gesicht, blickten unsicher zu ihr empor. Die Hände, welche von schwarzen, billigen Zwirnhandschuhen umspannt waren, knüpften verlegen an den Bändern der etwas altmodischen Haube, unter welcher schlohweißes Haar sichtbar wurde.
„Könnte ich wohl Fräulein von Recklinhausen sprechen?"
; „Doktor Recklinhausen?" sagte die Schwester verwundert.
„Ja!"
„Sie ist momentan nicht hier. Ihr Vachtdienst beginnt erst um neun Uhr. Jetzt ist es halb. Wenn Sie warten wollen?"
„Ja — ich warte!"
„Dann kommen Sie bitte mit in das Sprechzimmer. Oder ist Ihnen vielleicht mit einem der anderen Aerzte gedient? Es kann Ihnen sicher jeder Auskunft geben. Chefarzt Doktor Wander tff in einem der Säle. Soll ich ihn holen?"
„Vein!" unterbrach sie die Frau erschrocken. „Ich habe nur mit Fräulein Recklinhausen zu sprechen." Die Greisinnenstimme zitterte ein wenig, und wenn die Schwester nicht rasch den Arm ausgestreckt hätte, würde die schüchterne Besucherin zweifellos die Stufen verfehlt haben, welche nach dem Erdgeschoß führten.
Als die TüreFdes Wartezimmers zuklappte, hörte die Pflegerin noch einen schweren, aus allen Tiefen des Herzens kommenden Seufzer, der in verhaltenes Weinen überging.
Fünf Minuten vor neun Uhr betrat Margret das Haus und begab sich sofort in das Aerzte- zimmer. Doktor Wander, der sich aus einem der Stühle hob, dankte für ihren Gruß und entfernte sich wortlos.
Sie zuckte die Achseln, nahm ihren Mantel ab und wusch sich die Hände in dem großen Becken, aus dem das Wasser wie eine kleine Silberader riefelte. Seit jenem Vorfall, über welchen bereits vier Tage hingegangen waren, hatten sie kaum mehr zusammen gesprochen. Vur das unbedingt Notwendige beredete er mit ihr. Nie mehr blieb er mit ihr allein. Wenn es der Zufall, wie eben jetzt mit sich brachte, daß sie gleichzeitig im Aerztezimmer waren, verschwand er und betrat den Raum nicht eher, als bis er sich versichert hatte, daß sie nicht mehr anwesend -war.
Lächerlich! Beinahe kindisch dünkte es sie! Man konnte sich doch nicht fortwährend ausweichen, wenn man beinahe stündlich miteinander zu tun hatte. Es wäre ihr jetzt fast erwünscht gewesen,
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