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Nr. 89 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhejsen)
Samstag, 16. April 1952
Konferenzen oder Bündnisse?
Don unserem römischen ^-Korrespondenten.
Rom, Mitte April.
ES sind mm gerade zehn Jahre her. daß die erste große internationale Konferenz der Rachkriegszeit, die von Genua, noch sechswöchigem Gerede ergebnislos auseinanderging. Das Beispiel hat Schule gemacht. Unterstützt von der Genfer Redezentrale, die es in der Serienfabrikation von Demosthenes und Ciceros zu einer beachtenswerten Spitzenleistung gebracht hat, wurden die Konferenzen zu einer Branche ausgebaut, die sich getrost neben die Fremdenindustrie stellen darf. Was alles von ihr lebt, angefangen vom Farb- bandlieseranten und Liftboy über die Großmacht Presse hinweg zu den diplomatischen Kabinetten und Zeitregierungen, ist ziffernmäßig kaum erfaßbar. Rur der Bölkerbund hat genaue Aufstellungen über dos verdruckte Papier gemacht und ist zu Ergebnissen gelangt, die wahrhaft imponierend sind. Mit geologischer Wucht förmlich entstanden Papiergebirge, nie hat die Erde solche Höhenzüge des Geistes gesehen.
Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, die Erfolge der Konferenzen schrien bis zu den Sternen, kann sich doch^ ein Tertianer ausrech- ncn, daß dieses Papier, Druckseite an Druckseite gelegt, ausreichen würde, um bequem von allen benachbarten Sternen gelesen zu werden.
Stellt man freilich neben die technische Wunderleistung das praktische Ergebnis, so ergibt sich auf dieser Seite nur die Zahl 0. Die Volker klagen, daß ihnen damit wenig gedient sei, aber es ist ja notorisch, daß die Völker von jeher nur Querulanten waren.
Es kam dann die sogenannte W e l t k r i s i s , die nicht etwa als eine Folgeerscheinung der papierenen Gebirgsbildung oder der Redeflüsse auf- gefaßt werden darf, sondern, wie die Gelehrten behaupten, wirtschaftlicher Ratur ist. Hm ihr zu
zwingt Europa zum Rachdenken, zur Rachprü- fung der Bilanz einer dreizehnjährigen Geschäftsführung. für die den Rationen das Ber- trauen der Völker entgegengebracht wurde, als handle es sich um Kreuger. Schrecklich zu sagen, aber es scheint so. als ob es in unserer Politik ähnlich zugegangen sei wie im Geschäft des Zündholzkönigs. Cs soll sogar Staatshaushalte geben, die an dem Konkurs beteiligt find.
Italien verlangt also erstens: Streichung der Kriegstribute und -schulden. Zweitens: Abbau der Zollmauern. Drittens: Sanierung der Donau- und Balkanländer. Viertens: Revision der Friedensverträge. Fünftens: Schluß mit den unnützen Konferenzen. Und bann kommt die nicht gerade sibyllinische Erklärung, daß Italien sich vorbehalte, im Herbst seinen Posten im Völkerbund zu prüfen.
Wäre die Welt nicht feit dreizehn Jahren durch und durch von dem Gelbkreuz der Heuchelei vergast. ein Aufatmen müßte hörbar werden so ungestüm und unwiderstehlich, daß die Papiergebirge einstürzen. Dringen wir die Erkenntnis auf eine Formel, so lautet sie: Frankreich ist das einzige Friedens Hindernis Die letzte Konferenz in London hat es auch den Blinden offenkundig gemacht. Frankreich ist der Antiquar Europas geworden, der überall auftaucht, wo er Bankrott oder Leichengeruch wittert, um die politischen Rechte notleidender Dölker aufzukaufen. Zwischen dem schon ausgebluteten Oesterreich und der noch gesunden Schweiz etwa besteht nur ein in Geld ausdrückbarer Unterschied. In dem Augenblick, wo auch die Schweiz zum Erliegen tarne, wäre der benachbarte Alt- Händler bereit, ihr unter sanftem Druck die Zonen abzuknufen Auch ein Gebot auf die deutsche Selbständigkeit war erfolgt. Es wäre ein guter Preis dafür bezahlt
worden, nur hätte das Volk noch Wucher,zinsen bezahlen müssen.
So sieht es in Wahrheit hinter bcn Konferenzen, hinter den Kulissen des Döllcrbunds aus.' Mussolinischer Brutalität blieb <s Vorbehalten, Öen mit Palmenwedeln und Friedenstauben bemalten Dorhang herunlerzureihen. Jetzt heißt es: hervortreten, unter die Augen der Querulanten! „Hm endlich einmal die historischen und politischen Derantwortlichkeiten der einzelnen Staaten festzustellen."
Die Forderungen Italiens ' sind nicht neu, Mussolini hat seit Jahren inmitten der internationalen Hanswursterei (ein Ausdruck der römischen Regierungspresfe) seine gerade Linie eingefallen. jetzt aber dröhnt es: Basta! Genug und übergenug des Schwindels, der Protokolle. Kommissionen und Hnterkommissionen. Ausschüsse und Rebenausschüsse. Rapporte und Berichte, „die ein Zündholz in Rauch verwandeln kann". Oder ein anderes Blatt: „Wenn die Komödie fortdauern sollte, dann kann der Faschismus nicht länger Komplice scheinen, er muß sich lossagen von dieser Dölkertäuschung, von den demagogischen Theateraufführungen in Genf, von der Kette der Bankrotte und der Sabotage."
Deutlich genug? Run, man braucht kein Prophet zu fein, um zu wissen, was Italien im Schilde führt. Da die zehnjährige Bewährungsfrist der Konferenzen erfolglos abgelaufen ist, wird Mussolini zu dem früher en System der Bündnisse zurückkehren, wenn nicht spätestens in diesem Sommer eine grundlegende Aenderung im Völkerverkehr eintritt, wenn nicht abgerüstet, sondern weiter erpreßt wird. Er wird der schon lange vorgezeichneten, in London diesmal kräftiger hervorgetretenen Linie des vertikalen Bündnisses folgen, um die französische Querlinie beizeiten zu kreuzen. Er hat erkannt, daß es aussichtslos ist, mit einem Frankreich, das in der Gloire-Mentalität des vorigen Jahrhunderts, im Imperialismus. Materialismus und Militarismus stecken blieb, noch weiter zu verhandeln.
begegnen, fingen nun die Staatsmänner an, sich gegenseitig zu besuchen. Die Kränzchen folgten sich im Tanz>stundenrhythmus, wir wollen nicht so unhöflich sein wie ein Leiborgan Mussolinis, das von tanzenden Derwischen spricht. Früher, als es noch nicht möglich war. sich in Sekundenschnelle durch den Draht ober drahtlos zu verständigen, waren die Diplomaten so seßhaft, daß ein fürstlicher Zweckbesuch zu einer historischen Sache wurde. Heute wird alles, das kann man von den Derwischen hören, in trautem tete-ä-tete binnen einem Viertelstündchen bereinigt. Rur Querulanten können behaupten, daß die hochamtliche Reisesaison des vorigen Sommers mit der obenerwähnten Bilanz der Konferenzen endete.
Es ist bezeichnend für den Störenfried Europas, den Duce, daß er nun auf feine herrische Art in den fröhlichen Gang der Dinge hinein- greifen und das für die Papierindustrie so segensreiche Räderwerk zum Stillstand- bringen mochte. Mehr: in einer jener berüchtigten nächtlichen Sitzungen hat er durch den faschistischen Großrat erklären lassen. Europa müßte jetzt endlich zum Frieden kommen! Es sei genug geschwätzt worden, die Völker, die Querulanten also, wollten endlich Taten sehen! Die Weltkrise sei gar nicht so sehr wirtschaftlicher, sondern vielmehr politischer Art.
Das heißt man nun wirklich die Katze aus dein Sack lassen und aus der Schule plaudern. Wenn alle so deutlich, so unehrerbietig deutlich werden wollten, wo kämen da die Redner hin. did hoch- bezahlten Charlatane. die Großverdiener der Konferenzen? Hnd der Völkerbund, dessen Lebens- elixier Wort und Schrift sind? Scherz — gezwungenermaßen beiseite, denn Mussolini
Spione, Mörder und Beirüger.
Mein Kampf gegen Anarchie und Bolschewismus.
Hon Staatsrat a. D. Wladimir Orloff
Copyright Greiner & (5o. Berlin NW 6.
Wladimir Orloff, Wirklicher Staatsrat und Untersuchungsrichter für ftaatsgefährliche Verbrechen des ehemaligen russischen Kaiserreiches, ist eine Persönlichkeit von außergewöhnlichem Format. Die Kommunisten setzten bei Ausbruch der Revolution eine Prämie aus seinen Kopf und verfolgten ihn mit ihrem Rachedurst. Orloff gelang es jedoch, den Häschern und Spitzeln der Tscheka zu entwischen und nach Polen zu entkommen, von wo er, mit anderer Barttracht und polnischem kommunistischen Passe versehen, freiwillig wieder in das Reich der Bolschewiken zurückkehrte, um dort als führender Iustizbeamter der Sowjets das wertvollste Material der bolschewistischen Auslandspropaganda zu sammeln und es spater den europäischen Staaten im Kampfe gegen die Kommunisten zugänglich zu machen. Aus diese Weise hat Orloif, den man als einen der besten Kenner des Bolschewismus bezeichnen kann, das Verdienst erworben, dem zivilisierten Europa die wertvollsten Dienste im Kampfe der Staatsautorität gegen die Anarchie geleistet zu haben. Was Orloif als Untersuchungsrichter erlebte, wie er der ge
haßte Mann der Bolschewisten und später scheinbar ihr Heiser wird, das gehört zu den bedeutsamsten Dokumenten jener Zeit.
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Oer Unbekannte in hundert Masken.
Parteiführer und Provokateur.
„Zigaretten? Ich habe besonders billige Ware!" Der junge Mann, der in meine Amtsstube in Lodz tritt, kommt dicht an mein mit Akten überfülltes Pult. Er mustert mich mit merkwürdigen Augen. Mir wird unheimlich. Was hat dieser fremde Mensch ' Was will er? Wie gelangt er ohne jede Anmeldung ins Zimmer eines Untersuchungsrichters? Ich frage ihn.
„Aber Herr Untersuchungsrichter find doch als besonders liebenswürdig und menschlich gerecht bekannt. Da bin ich einfach draußen durch die unbewachte Sperre gegangen und hier hereingekommen. Ich möchte nämlich — ich meine nur — es wäre doch jammerschade, wenn Herr Untersuchungsrichter nicht doch meine Zigaretten regelmäßig beziehen würden. Von mir kaufen fast alle Ihre Kollegen in
Oer Vulkanausbruch
Loo Friedrich Schnack.
Diese Schilderung des Dichters Friedrich Schnack dürfte anläßlich der jüngsten katastrophalen Naturereignisse in Südamerika besonderem Interesse begegnen.
Hm Mitternacht erwachte ich von einem Ungeheuern dumpfen Murren. Was für ein Geräusch? Draußen durch die Rocht zuckten violetter Schein und kupferig grüner Glanz. Ein Gewitter, dachte ich.
Rein! Kein Gewitter. Ich schnellte unter dem Moskitonetz hervor und langte nach Streichhölzern. Richt nötig. Licht zu machen. Es war hell genug. Ringsum tanzte die scharfe Helligkeit. Der Bungalow des Ingenieurs, der im Auftrag der Regierung Straßen durch die Ur- toälöer schlug, wurde lebendig. Die Diener kreischten und plärrten. Die Wipfel am Haus um- geisterte und bespülte Glimmen, jagendes Licht: die Büsche flackerten auf und ab. denn wie rasend hob und senkte sich der Schein, gleich einem auf- und niederrollenden Vorhang von Feuer.
Ich rannte zur Tür. Aus der Schwelle stieß ich gegen meinen Wirt, der halbangekleidel zu mir stürzte.
„Gratuliere! Sie hoben Glück. Genießen Sie einen Vulkanausbruch! Der Alle speit .. .“ Hnd er nannte den Rainen des Kegels, der einen unaussprechlichen Eingeborenenlilel halte. Es war wohl ein sehr vornehmer Berg und von Geistern bewohnt. Dos Gesicht des Ingenieurs kochte im violetten Widerschein.
In diesem Augenblick gab es einen horten Schlag, der den Boden wanken ließ. .Zum Kuckuck!" schalt der Ingenieur, „der lönnte'toahr- hallig Tote aufwecken. Ein unverschämter Geselle." Ich sah ihn, vom Ereignis überrumpelt, verdonnert an. „Keine Aufregung!" beruhigte mich mein Wirk, indem er mir auf die Schulter klopfte. „Das Biest ist ziemlich weit von hier, er bellt bloß, beißt nicht. Das tut er öfters. Kommen Sie. kommen Sie schnell!"
Ich sprang in meine Kleider. Die Schuhe hielt ich in der Hand, denn der Ingenieur zerrte mich schon über die Veranda. Mit Müh und Rot rutschte ich in die genagelten Stiefel. Der Him- met glühte und lohte. 3m Osten, hinter den Wäldern, dampften blaue, grüne, rote Feuers- . brünftc. Die Luft stank schwefelig Wir rannten den Weg am Fluß entlang, der von fliegendem Glanz überspiegelt war. von unheimlichem Geleucht. Am Ende des Weges arbeiteten wir uns eine steile Hohe hinan,' auf der eine Fahne stand,
ein trigonometrischer Punkt in dem von meinem Begleiter vermessenen Gelände.
„Sie werden ein gewaltiges Schauspiel haben. Ich Habs schon etliche Male erlebt. Mal stärker, mal schwächer, aber immer gefahrlos. Horen Sie nur, wie die Vogel aufgeregt schreien und die Affen!" sagte der Ingenieur.
Die Affen schrien wie Säuglinge. Die Vögel lärmten. Dazwischen Kinderrufe und im Ta! herumirrendes Leutegeschrei. Wir keuchten den Abhang empor. Mir war sehr beklommen zumute. Roch nie hatte ich einen Vulkan aus- brechen sehn, auch drückte die säuerliche Luft aus die Lungen. Es war ein schwieriger Aufstieg. Alle Augenblicke stolperte man über Wurzeln, hing an Zweigen und Dornen fest, verwickelte sich in Ranken. Endlich waren wir oben auf der Kuppe, von wo man einen weilen Ausblick Halle bis auf das ferne Gebirge. Von dort her zuckte der bengalische Schein, kam das Rohren, Heulen, Brüllen. Die Herenglut übertünchte den ganzen Himmel. Auf herumliegenden Fellen ragten ein paar Eingeborene. Gestalten, wie verzaubert und unwirklich. Alles schien unwirklich zu sein, das Feuer in der tageweilen Ferne, die aus dem Schlaf aufgestörte Landschaft, der metallisch oxy- dierle Fluß, die zuckenden Büsche.
Heber die feurig hinlaufende Bergkette schnitt der glühende, scharfe Kegel des Vulkans hinaus. Durch das Fernglas blickend, sah ich. daß er sich einen Feuermantel angetan hatte, der unaufhörlich niedexflutete. Grelle Flammenbäche trieften und rauchten von seinem Saum. Es war. als überrönne die Schründc und Risse glühendes Eisen. Oben wuchs der Fenerstamm. der sich zu einem roten Rauchwipfel auswuchs. Seine Glutwolke wogte, quoll und ließ Feuerstaub wie lohenden Wind aus sich rauchen. Der Krater spie Geschosse wie Funken aus. Steine. Brocken, flammenbe Fetzen. Rakelengleich nahmen sie ihre Bahnen. Hnd dumpfe Schüsse dazu, paukende Böller. Blitze stachen aus dem Qualm
.Sehr nett, sehr nett!" lobte der Ingenieur. „Ein reizendes Feuerwerk. Schade, daß ich nicht Geburtstag habe, es wäre fast so viel wert, wie ein Fackelzug."
Für ihn, den abgebrühten Tropenmenfchen, bedeutete der Anblick des Fenerberqs keine besondere Sache. Lieber wäre mir aber gewesen, er hätte geschwiegen. Die Erscheinung wirkte auf mich mit mystischer Kraft Ich war Zeuge eines Hrgeheimnifses. wie es alle elemenlarischen Ereignisse find. Aber für den Ingenieur war es nichts anderes als ein chemisch-phyfikalifcher Vorgang. wohlgelungen, wenn auch nicht übermäßig aussehenerregend
Lavamassen rollten über die Flanke des Kegels,
Schmelzflüsse brodelten aus dem alchymistischen Kessel. Mein Auge war gebannt von der Feuermagie und Flammenphanlastik. Strahlende Licht- effekte zerstäubten zu Aschengluten. Die ungeheuere Schmiede dröhnte, krachte und hämmerte. So ging es lange.
Dann senkte sich, vom Wind hergetrieben, schwärzlich dichter Aschenregen vom Himmel, und die überfunkelte Landschaft wurde fahl in einer geisterhaften Dämmerung
Goethe-Bund.
Wilßelm-Vusch-Fc:er
Dem Gedächtnis des volkstümlichen deutschen Humoristen. Poeten. Zeichners und Malers Wilhelm Dusch, welcher gestern vor hundert Jahren in Wiedensahl zur Well kam und 1938 zu Mechtshausen einsiedlerisch gestorben ist, war der Vortragsabend des Rezitators Hans Balzer gewidmet.
Balzer ist Dusch-Spezialist, er kennt den Mann und sein umfängliches Lebenswerk genau und versteht es. Dufchs scharfen Witz und pessimistisch- philosophischen Humor dem Zuhörer (und in diesem Falle merkwürdigerweise auch: Zuschauer) in Plastischer Reproduktion nahezubringen. Er ist ein lehr geschulter und vielseitiger Sprecher, beherrscht auch gedächtnismäßig den riesigen Sto'f mit müheloser Geläufigkeit: das ganze, ziemlich ausgedehnte Programm wurde ohne Hilfsmittel frei gesprochen.
Zwar scheint es in der Ratur der Sache zu liegen, daß bei einem Vortragsabend aus Buschs Schriften notwendigerweise eines feiner wesentlichsten Wirkungsmittel zu kurz kommen muffe: die bildnerische Seite nämlich, die illustrativen Zeichnungen, welche den Tert begleiten und in den volkstümlichsten seiner Dücher immer als von den Versen unzerlrennkich empfunden worden sind.
Obwohl Balzer auf die Vorführung etwa von Lichtbildern verzichtete, verstand er es doch, solchen an sich gerechtfertigten Bedenken wirksam zu begegnen; einmal durch die geschickte Zusammenstellung feines Programms, in dem Bekanntes und fast ganz Hnbekanntes gemifchi war und der Rachdruck auf solche Arbeiten gelegt wurde, die entweder im Original ohne Bilder erschienen sind oder diese verhältnismäßig leicht entbehren können.
Zum andern durch seinen eigentümlichen Vortragsstil. der sich nicht nur auf eine prägnante rc'zilalorische Wiedergabe des Textes beschränkt, sondcrn das gesprochene Wor. auch gewissermäßea
Gin Nehring-Gedöchtnispreis des hessischen Staatspräsidenten.
Der Nehring-Preis, den der Darmstädter Bildhauer Adam A n 1 e s im Auftrage des hessischen Staatspräsidenten zum Gedächtnis an den bekannten Flieger und Segelflieger R e b r i n g geschaffen hat, der im letzten Jahre tödlich abslürzle.
Schließlich leben wir in dem so aufgeregten Jahre nach der er st en russischen Revolution, und wenn auch äußerlich alles beruhigt zu sein scheint, so brodelt doch der Vulkan unterirdisch weiter, jeden Augenblick bereit, mit neuer Gewalt auszubrechen. Nirgends bekriegen sich die feindlichen Parteien mit jo fanatischem Haß und fö niederträchtiger Roheit wie hier in meinem Revier, das ich mir als richtig bestellter Untersuchungsrichter erwählt habe.
Drei Tage drauf. Die Tür öffnet sich. Wer steht lächelnd im Rahmen?
Unser Freund, der Unbekannte von neulich!
„Hol's der Teufel! Was wünscht er von mir!?"
Er verbeugt sich tief, kommt näher, führt eine Dogge an der Leine. Ein wunderbares Tier.
Ich bin ein leidenschaftlicher Freund dieser Rasse und vermag nur mit Mühe meine Begeistern g über den Bau und das Aussehen des Hundes zu verbergen.
„Ich habe nämlich erfahren, daß Sie Doggen lieben", beginnt er das Gespräch.
„Zum Donnerwetter nochmal! Woher wissen Sie denn das schon wieder?!"
„Herr Untersuchungsrichter! Ich bin ja nicht zum Verhör hergekommen! Gefällt Ihnen die Dogge? Ich verkaufe sie Ihnen für ein paar Rubel. Einverstanden ?"
„Für wieviel?"
„Ist doch egal! Wenn Sie's mir gestatten, schenke ich sie Ihnen!"
„Machen Sie, daß Sie rauskommen!" fahre ich ihn an. Was soll das nur alles heißen? Was für ein Interesse hat der Bursche, mir eine Dogge u schenken? Will er mich bestechen? Warum? Für wen?
„Sie haben mich mißverstanden, Herr Untersuchungsrichter. Ich meine, ich verkaufe Ihnen das Tier fast wie geschenkt!"
Auch darauf lasse ich mich, so schwer'» mir roirö^ Lodz. Also werden Sie auch ...?"
Ich danke, stehe aus und weise den ausdringlichen
mimisch bebildert: es ist zu sagen, daß ein nicht geringer Teil des Erfolges an diesem luftigen Abend auf ein charakterisierendes Mienenspiel zurückzuführen war, welches durch die unübertrefflich-typischen Ausgeburten von Buschs schnörkelfreudiger Zeichenfeder kongenial inspiriert schien.
Balzer begann mit ein paar knappen Versen, die — gleichsam als Motto vorangestellt — den Ton angaben: er warnte trotz dem festlichen Anlaß,vor falschem Pathos. (Hnd jener „mangelnde Sinn für Feierlichkeit", von dem ein Selbstbekenntnis des allen Fontane spricht, darf ja durchaus auch auf Wilhelm Busch bezogen werden.' Wir horten also zunächst das merkwürdig zeitgemäß klingende Gedicht vom „Röcker- greis". ferner eine kunterbunte Auswahl un- bebilberter Lyrik aus den drei Bändchen „Kritik des Herzens", „Schein und Sein" und „Zu guter Letzt" Ferner die ziemlich berühmt gewordene Einleitung zum „Bälduin Bählamm", handelnd vom Segen der Dichtkunst und von der werktätigen Bereitung des Butterwecks.
Unter den Gedichten die ernsteren, soweit das bei Busch möglich ist. zuerst: so von der Heilkunst, vom Kinderkriegen und vom Vogel, der Humor hat Aber auch vom zerfchmisseneir Teetopf (in herrlich mimischer Vortragsrundung) - vom Beil, das am besten daneben hackt, und von der Tugend.
Minder bekannt die Tierfabeln und Sinngedichte. Die Verse von den alten Tanten, von den Spielarten und Stadien der Liebe und Ehr — ein böses Kapitel bei Dusch! bann, als Be trag zur Alkoholfrage, „Die Haarbeulel", eine Bildergeschichte, die auch ohne Illustrationen zu heiterster Wirkung gedieh
Der zweite Teil wurde mit der kleinen dramatischen Blumenfabel „Am Vorabend von Rof. s Geöu 1-lag" cingclcitet welche die mimische Cha- rakterifierungsgabe Balzers ins vorteil hafte,>e Licht rückte Zum Abschluß ber ganz unbekannte Dusch brei große Abschnitte aus „Eduards Traum", einem ber. beiden späten Prosaweri». bas vorn Vortragenden mit kühnem Vergleich a i Dufchs .Faust" bezeichnet und übrigens brillo t an den Mann gebracht wurde. DasGanze wirkt wie ein Extrakt aus der stets etwas bitter schmeckenden Lebensphilosophie des großen Humoristen, wie eine späte Sammlung all seiner beliebten Motive von der Tücke des Objekts und den Mißgeschicken des Lebens. Als Zugabe: „Sie Prife". ein schauspielerischer Witz.
Es war eine würdige Feier, durchaus im Geiste des Jubilars, ein sehr heiterer Abend, für den sich die Hörerschaft mit herzlichem Beifall beim Vortragenden geziemend bedankte. -y- ,


