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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 16. April 1932.

Jugend ohne Sonne?

Hört man heute ältere Leute über ihre Jugend» ,«it sprechen, so pflegt ihnen, häufig auch ihren Zu­hörern, das j)erj aufzugehen: waren es doch noch ,ie'iten wirklicher Ungebundenheit, Zeiten, in denen sich der Jugendliche in Wald und Natur ausleben konnte, Zeiten, in denen, an der Not unserer läge gemessen, der Alltag in Haus und Familie noch nicht das Aussehen eines täglichen Grau in Grau trug!. Jugend war damals wirklich nochTrunkenheit ohne Wein", wie Goethe sie einmal treffend nennt. Und heute? So vieles raubt heute der Jugend Froh­sinn, Bewegungsfreiheit und Lebensfreude! Die Enge der Stadt und die Entfremdung schon des Kindes von der Natur, der verschärfte Daseinskampf mit dem Gespenst der Arbeitslosigkeit, das tägliche DonnerwortSchularbeiten", dos heute eine ganz andere Bedeutung hat als früher! Ist es ein Wun­der, wenn die heutige Jugend in ihrem Wesen so anders ist als die einer früheren Generation? Wenn sie ernster, nüchterner, frühzeitig gereifter erscheint?

Denkst du z. D. immer daran, liebe Mutter, daß deinem Kinde das Spiel die Seligkeit seines Le­bens bedeutet? Daß es seiner Phantasie und seiner Innenwelt im Spiel Ausdruck geben will? Und wie ost hast du dein Kind zugunstenhöherer Rücksich- ten" aus dieser Seligkeit herausgerissen, wie oft hast du, lieber Vater, sein Tun belächelt oder ihm nur Ungeschicklichkeit zugetraut, wenn es etwas in Angriff nehmen wollte, wovon es sich Freude ver­sprach! Wie oft hast du genörgelt, entmutigt und künstlich im Kinde Minderwertigkeitsgefühle genährt, anstatt zu helfen und anzuspornen! Ganz und gar aber geht die Sonne der Jugendzeit für diejenigen Kinder unter, die trotz schwacher Begabung unter aUenJlmftänben durch sämtliche Klassen einer höhe­ren Schule getrieben werden sollen und sogar den Achtstundentag" nur vom Hörensagen kennen: be- klagenswerte Opfer falscher Anschauungen ehrgeizi­ger Eltern!

Und was leidet nicht das Kind unter der Unver­träglichkeit mancher Eltern! Wenn Streit und Lieb­losigkeit die Eltern entzweit, wenn der Vater schel- tend aus dem Wirtshaus kommt, wenn das Kind nur immer wegaestoßen wird, da trübt sich auch sein Himmel mehr und mehr. Nie wieder gutzu­machen sind die Verheerungen, die dadurch in der Seele des Kindes angerichtet werden, und es muß notwendigerweise ein trauriger, verbitterter Mensch werden. Oder welche seelischen Qualen leidet es, wenn gar die Ehe der Eltern innerlich zerbricht, wenn es zur Scheidung kommt und der Kampf um das Kind beginnt, in dem dieses selbst der wirk-

Uche Leidtragende in der Tragödie willen- und rechtlos alles über sich ergehen lassen muß'

Trübe Stunden, ja Stunden der Verzweiflung und Trostlosigkeit sind in unserer Zeit der (5ri- stenzsorgen und Arbeitslosigkeit über unzählige Familien gekommen. Vorwürfe und Auseinander- fehungen unter den Eltern bleiben nicht aus. Anstatt aber die Kinder ins Freie zu schicken, oder derartige Aussprachen aus den Abend zu verschieben, wenn sie schlafen, läßt man sie Zeuge sein und mit verängstigten Augen dabeisitzen: dadurch werden in ihnen Angstgefühle ausgelöst, die sie noch in den Schlaf hinein verfolgen, ja das Kind kann bei einer derartigen Gedanken­losigkeit der Eltern mit der Zeit Einblick ge­winnen in Abgründe, die es um sein heiliges Anrecht an Iugendglück und Iugendsonne be­trügen.

Wir müssen unserer Tugend die Sonne er­halten! Dazu gehört aber, daß ihr Eltern cucm Kindern Liebe und Wärme in Form der Zärtlich­keit schenkt. 3n jedem Wesen lebt eine geheime Sehnsucht danach, und doppelt und dreifach gilt für die Jugend, was Richard Dehmel einmal den Erwachsenen gesagt hat:Ein bißchen Güte von Mensch zu Mensch ist besser al- alle Liebe zur Menschheit." Bereichert aber auch, ihr Eltern, den Alltag eures Kindes durch Frohsinn aller Art: gönnt ihm Verkehr mit Freunden und Gleichgesinnten, frohes Spiel, Wanderungen, eine kleine Liebhaberei alles, was Freude schafft und geldlich zu ermöglichen ist.Werst euer Päckchen Gram und Plack in den Winkel, ihr Mütter mit der Sorgenstirn", so mahnt Daul Georg Münch.3m Kinderland muh blauer Himmel sein! Darum zwingt euch zur Freude, ihr Mühseligen und Beladenen dieser Zeit, und ihr werdet für euch selbst reichen Lohn haben, denn die Freude wird euch nachfolgen in eure Werkstatt." Dr. K. W.

Hessische Hygiene-Ausstellung.

3m Saale desGinhorn" am Kirchenplah wird von morgen ab bis einschließlich 1. Mai die Hes­sisch e Hygiene - Ausstellung dem Pu­blikum zur Besichtigung zugänglich gemacht. Die Ausstellung kann täglich von 11 bis 19 Uhr be­sichtigt werden. 3m Rahmen der Ausstellung wer­den Vorträge von Prof. Dr. P i h e n, Pros. Dr. H a a s und Prof. Dr. v. 3 a s ch k e stattsinden. Die Bürgermeisterei und die Landesversicherungs­anstalt Hessen laden in unserem heutigen An­zeigenteil, in dem näheres über die Ausstellung ersichtlich ist. zum Besuche der Schau ein.

Bornotizen.

Tageskalender für Samstag: G. F. F., 20 Uhr,Frankfurter Hof", ordentliche

Hauptversammlung. ®. D. 21.. 20.30 Uhr. Hessischer Hof. Monats-Versammlung.

D. H. D.. 20.30 Uhr, Verbands heim, Uebersüh- rung der neuen 3unggehilsen in die Ortsgruppe. Baptistengemeinde. 20.15 Uhr. Dartenstraße 13. Vortrag überEine letzte Entscheidung". Licht­spielhaus. Bahnhofstraße: ..Der Sieger". Astoria-Lichtspiele, Seltersweg:Fred Thomson« kühnster Ritt" und .Rivalen der Liebe". Wiesecker Lichtspiele. .Der Kongreß tanzt".

Tageskalender für Sonntag: Stadttheater,Hauptmann von Köpenick", 18 bis 22 Uhr.Einhorn", 11 bis 19 Uhr. Hessische Hygiene-Ausstellung. Saal des Studenten­hauses. 16.30 Uhr. Konzert der Gesangschule 3lse Schmidt-Wissendors. 3ohanneskirche. 20 Uhr. Kirchenmusikalische Veranstaltung der Gesang­schule von Frau Meyer.^henvereinigung der Lukasgemeinde. 8 Uhr. Festgottesdienst. 15 Ubr. Liebigshöhe. 10 Gründungsfeier. - Bap- tistengemeinde. 20.15 Uhr. Gartenstraße 13. Vor­trag über .Ein großes Erleben". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße. 11.15 UhrEntfesseltes Afrika": ab 15 Uhr »Der Sieger" Astoria-Lichtspiele. Seltersweg.Fred Thomsons kühnster Ritt" und Rivalen der Liebe". Wiesecker Lichtspiele, Der Kongreß tanzt".

Aus dem Stadttheater-Dureaa wird uns geschrieben: Morgen, Sonntag, die große. Fremdenvorstellung zu er­mäßigten Preisen, die Wiederholung des deutschen Märchens von Carl Zuckmayer: .Der Hauptmann von Köpenick". Ueberall im Reich erlebte der Hauptmann" zahllose Aufführungen, und auch in Gießen ist er der größte Erfolg bcr Spielzeit ge­worden. 3ntendant Dr. Rolf P r a s ch legte die Aufführung so an, daß gegenüber den größten Bühnen nicht gestrichen zu werden brauchte: im Gegenteil wurde noch ein Bild mehr als gewöhn­lich gezeigt. Peter F a s f v t spielt die Titelrolle, im übrigen wirkt das gesamte Ensemble unter Hinzuziehung zahlreicher Statisten mit. Beginn 18 Uhr, Ende 22 Uhr. Ermäßigte Preise. Dienstag, 19. April, Erstaufführung der Schüler­tragödie von Friedrich Forster:Der Graue". Das Schicksal eines Sekundaners. Die Titelrolle spielt Raimund S ch e l ch e r.

Die NSDAP, veranstaltet am Montagabend in der Turnhalle am Oswaldsgarten eine öffentliche Versammlung, in der Abg. Graf Solms und Herr von Graewe sprechen werden. (Siehe heutige Anzeige.)

Astrologische Veranstaltungen fin­den am Dienstag, 19. April, 15.30 und 18 Uhr im Lichtspielhaus Bahnhofstraße statt. Der Astrologe Erich Wiesel hält Demonstrationsvorträge mit Filmen und Lichtbildern und zeigt dabei u. a. auch

die Horoskope bekannter Persönlichkeiten der Gegen- wart. (Siehe heutige Anzeige.)

Gießener Wochcnmarktprcise.

Gießen, 16. 2lpril. ES kosteten auf dem heu­tigen Wochenmarkt: Kochbuttcr 100 Pfennig das Pfund, Süßrahmbutter 130. Landbutter 120, Matte 25 bis 30. WirskNg (gelb) 15 bi« 20. Wir- sing (grün) 25, Weißkraut 10. Rotkraut 12 bis 15. Gelbe Rüben 10 bis 12. Rote Rüben 10. Spinat 10 bis 15. Unter-Kohlrabi 5 bis 8. Rosenkohl 25 bis 30. Feldsalat 80 bi« 100. Tomaten 50 bi« 60. Zwiebeln 18 bis 20. Meerrettich 30 bis 60. Schwarzwurzeln 25 bis 35. Kartoffeln 4'/,. Aepfel 10 bis 15. Dörrobst 25 bis 30, Honig 40 bis 45. Düsse 35 bis 40, Suppenhühner 70 bis 80. junge Hähne 80 bis 90: Käse 5 bis 10 Pf das Stück. Tauben 60 bi« 70, Eier 6 und 7. Blumenkohl 30 bis 70. Salat 20 bis 25. Salatgurken 50 bis 70. Lauch 5 bis 10. Rettich 10 bis 15. Sellerie 10 bis 40, Radieschen 15 bis 20 Pfennig das Bündel. Kartoffeln 3.80 bis 4 Mark der Zentner: Weiß­kraut 6 bi« 6,50, Wirsing (gelb) 12 bis 15. '

" Die Museen und der Heidenturm sind am Sonntag zwischen 11 und 13 Uhr bei kleinen Preisen geöffnet.

* Die Schülerzahlen der Gießener höheren Lehran st alten. Das neue Schul­jahr hat den hiesigen höheren Schulen wieder Zu­wachs an Schülern und Schülerinnen gebracht. Im Gymnasium betrug die Anzahl der neuauf­genommenen Schüler 42. Die Gesamtzahl beläuft sich jetzt auf 230, gegen 215 Schülern im Vorjahre. 9m Realgymnasium wurden 136 Schuler neu aufgenommen. 116 Schüler traten als Sexta­ner ein, die in drei Parallelklassen unterrichtet wer­den. Von den Sextanern kamen 77 aus den Gieße- ner Grundschulen. Die Gesamtschülerzahl beläuft sich nun aus 558, gegen 503 im Vorjahre. Die Oberrealschule nahm 72 Schüler neu auf. Die Gesamtzahl beträgt jetzt 535, gegenüber dem Vorjahre mit 596 Schülern. In der Studien­anstalt wurden 106 Schülerinnen neu aufgenom­men. 102 traten in die Sexta ein. Insgesamt be­suchen nun 559 Schülerinnen die Anstalt. Im Vor­jahre wurden 607 gezählt.

* Bullenversteigerung in Lauter­bach. Am Mittwoch. 20. April, 11 Uhr, findet in Lauterbach die erste große Dullenver- fteigerung des Landwirtschaftskammer-Ausschus­ses für Oberhessen in diesem 3ahre statt. Zur Versteigerung kommen 40 Dullen des Hessischen Fleckviehes, darunter etwa 20 Leistungsbullen. Sämtliche Tiere sind, wie man uns schreibt, durch eine Auswahlkommission vorbesichtigt.

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Gleichzeitig wird ein junger Simmen­taler Bulle angekauft. Besitzer solcher Tiere wollen.sich melden.

Steinbach, am 12. April 1932.

Hessische Bürgermeisterei.

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Die Verdingungsunterlagen liegen auf Hessischem Kulturbauamt offen, wohin die Angebote verschlossen, mit entsprechender Aufschrift versehen, posksrci bis zum Er­öffnungstermin am Mittwoch, 20. April 1932, vormittags 11 Ahr, einzureichen sind. Zur gleichen Zeit erfolgt die Eröffnung der Angebote in Gegenwart etwa erschiene- ner Anbieter. Zuschlagsfrist zwei Wochen. Freie Auswahl bleibt Vorbehalten.

Gießen, den 15. April 1932. 2991D

Hessisches Kulturbauamt Gießen.

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Bekanntmachung.

Der vom Rat durchberatene Voranschlag unserer Gemeinde für das Rechnungsjahr 1932 liegt vom Montag, dem 18. April l. 3., ab eine Woche auf dem Amtszimmer der Bürgermeisterei zu jedermanns Ein­sicht offen. Einwendungen können während dieser Zeit schriftlich oder mündlich zu Pro. tokoll gebracht werden. 2987D

Die Erhebung einer Umlage ist be­schlossen worden.

Allendorf a. d. Lahn, den 15. April 1932. Hess. Bürgermeisterei Allendorf a. d. Lahn.

Volk

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Kreuzplatz 9.

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Bekanntmachung.

Der Voranschlag der Gemeinde Langd für Rj. 1932 liegt vom 19. bis einschließlich 25. April 1932 auf unserem Bureau zur Einsicht der Interessenten und Erhebung von Einwendungen offen. Es ist die Er­hebung einer Umlage beschlossen, zu der auch die Ausmärker beizutragen haben.

Langd, den 15. April 1932.

Bürgermeisterei.

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Freitag, den 22. April 1932, abends 8 Uhr

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