sich in einer Glasschale aus, und der Kaffee, den Schwester Helene im gleichen Augenblick brachte, als der Wagen des Konsuls vorfuhr, duftete um die Wette mit dem guten Napfkuchen, den die Lehrersfrau für ihre lieben Gäste gebacken hatte.
3n behaglichem Gespräch nahmen Konsul Sibelius und Dirgit Platz und, von Schwester Helene sorglich bedient, liehen sie sich die leckere Mahlzeit schmecken. Birgit erzählte der guten Schwester begeistert von der herrlichen Fahrt durch dos verschwiegene Bergtal, durch das der heutige Ausflug sie geführt hatte, und der Konsul sah mit immer neuem Entzücken, welch reiche Ratur- beobachtung und welche Freude an der Welt Birgits unverwöhntes Gemüt zeigte.
Schritte knirschten in dem Kies des Gartens, und bald darauf sahen die drei den Ortsbrief- träacr eintreten. Mit freundlichem Gruß übergab er Birgit einen Brief, dann, sich zu dem Konsul wendend, sagte er:
„3d) habe auch ein Telegramm für den Herrn Konsul."
Und damit übergab er dem Konsul Sibelius einen Stapel Briefe, auf denen obenauf das weihe, zusammengefaltete Papier mit der blauen Verschlußmarke lag.
Telegramme waren im Hause Sibelius nichts Ungewöhnliches. Bielerlei wichtige Geschästsnach- richten wurden der schnelleren Abwicklung wegen auf diesem Wege mitgeteilt. So erbrach Birgit ruhig ihren Brief.
„Bon Friedrich!" sagte sie erfreut. „Wie mag es ihm gehen?"
Eifrig las sie und achtete nicht auf ihren Dater, der langsam das Telegramm öffnete. Sie sah auch nicht, daß sein Gesicht den Ausdruck desSchreckens annahm, dah seine Hand zitterte, als er nun hastig das Telegrammformular in seiner Rocktasche barg.
Jetzt blickte Birgit aus:
„Run?" fragte der Konsul und versuchte, seiner Stimme einen heiteren, unbefangenen Klang zu geben. „Was schreibt dein Schwager? Fährt er bald zurück?"
„Er läßt dich und Schwester Helene grüßen. Bäterchen: er bleibt noch einige Zeit in Ostpreußen. Seine Geschäfte gehen gut voran, schreibt er. Hast auch du gute Rachrichten? Don wem ist die Depesche? 3st Claassen wieder mal hilflos ohne dich?"
„Cs scheint so!" Der Konsul sah an Birgit vor- bei in die niedersteigende Sonne. „Claassen kommt mit einigen Holzdispositionen nicht zurecht. Es scheint, ich werde meinen Urlaub hier für ein bis zwei Tage unterbrechen müssen, um daheim einmal nach dem Rechten zu sehen."
„Oh. Väterchen!" Birgit war erschreckt. „Du willst mich verlassen? Cs ist so wunderschön mit dir hier. Wenn du erst wieder in deinem Betrieb bist, kommst du doch gewiß sobald nicht wieder los!"
„Kleines Dummerchen", scherzte der Konsul,
„sind denn zwei Tage eine Ewigkeit? Mit dem Wagen bin ich schnell wieder hier. 3ch weiß dich ja bei Schwester Helene gut ausgehoben und nicht minder bei dem guten Doktor Breuhahn hier. Er ist direkt ein wenig verliebt in dich — und ich bin sicher, er wird versuchen, Vaterstelle an dir zu vertreten, wenn ich für ein paar Tage fahnenflüchtig werden muß.
Aber nun muß ich gehen, ich will ein Telephongespräch mit Claassen anmelden: vielleicht läßt sich die Angelegenheit auch so regeln, obwohl ich nicht viel hosfen kann. Der gute Claassen wird doch schon ein wenig schwerfällig, da heißt es für mich immer noch den 3ungen spielen. Aber bleib ruhig sitzen, mein Liebling, Schwester Helene bringt mich gewiß hinaus. Zum Abendbrot finde ich mich wieder ein. Ruhe du dich inzwischen gut aus."
Er küßte seine Tochter zärtlich aus die Stirn und ging, ihr heiter zuwinkend, an der Seite von Schwester Helene hinaus, der Gartenpforte zu
Dirgit sah ihm einen Augenblick nach, dann griff sie noch einmal nach dem Briefe des Schwagers und las ihn aufmerksam durch.
3nzwischen war der Konsul mit Schwester Helene aus Birgits Sehweite gekommen.
„Einen Augenblick, Schwester Helene", sagte er leise und hastig, während die sorglose Miene von seinem Gesicht abfiel wie eine Maske, „ich habe 3hnen etwas zu sagen, was Birgit nicht hören soll. 3d) habe eine sehr besorgniserregende geschäftliche Rachricht erhalten. Ich muß morgen in aller Frühe abreifen. Ob ich zurückkommen kann, ist mehr als fraglich. Dielleicht muß ich von Haufe gleich nach Stockholm Weiterreisen. Dirgit jedensalls muß nach Möglichkeit von Sorgen verschont werden. 3hr liebevolles Gemüt wird durch jeden Kummer, der einen ihrer Angehörigen trifft, aufs schwerste beunruhigt. Sie werden es ihr schon richtig beibringen. Schwester. Heute abend komme ich jedenfalls noch — und nun vorderhand kein Wort zu meiner Tochter."
Der Konsul nickte Schwester Helene zu und ging mit müden Schritten aus dem Hause.
Schwester Helene blickte ihm besorgt nach. Roch nie hatte sie den beherrschten Mann so zusammen- gefollen gesehen. Cs mußte etwas viel Ernsthafteres sein, als er ihr zugestehen wollte. Und bei sich dachte sie:
„Hoffentlich sind meine Befürchtungen übertrieben, ein Unglück des Konsuls müßte auch die junge Mutter aufs schwerste treffen.“
Dirgit in ihrem fttllen Waldwinkel ahnte nichts von den wirtschaftlichen Wirren der Zeit. Sie ahnte nicht, mit wie sorgenvollem Herzen der geliebte Dater in dem zu rasender Fahrt ange- turbelten Auto nordwärts jagte, durch die sommerlichen Fluren des Landes.
Sie wußte auch nicht, daß hinter den kurzen, wenn auch liebevollen Briesen Hans Egons der
Aufruhr eines verdunkelten -Gemüts lauerte. Sie war so erfüllt von dem Gedanken an das Kind, daß nichts von außen her in ihre behütete Seele einAubringen vermochte. Sonst wäre ihr vielleicht doch in den Briesen Hans Egons die gehetzte Sprache ausgefallen, und seine Liebesbeteuerungen wären ihr als unechte Phrasen erschienen — was sie auch wirklich waren.
Denn Hans Egon war wiederum völlig in den Banden der Tänzerin, die durch kluge Briese aus Stockholm seine Leidenschaft immer neu zu schüren wußte. Sie beteuerte ihm ihre eigene Liebe, ihre Sehnsucht in glühenden Worten, und der verblendete Mann hielt für Wahrheit, was in Wirtlichkeit nur das Spiel einer Frau war, die nichts kannte außer ihrer Eitelkeit und Genußsucht.
Eine Dolores del Fonza war gar nicht fähig, eine wirkliche Liebe zu empfinden — sie liebte nur sich selbst. Aber gerade, weil sie nur sich selbst liebte, hatte sie jene Stunde nicht vergessen — jene Stunde, in der Gras Friedrich ihr gegenübergestanden hatte, um sie in ihrem eigenen Hause zu demütigen.
Damals hatte sie sich geschworen, sich auf dem Wege über Hans Egons törichte Leidenschaft auch an dem makellosen Bruder zu rächen. Diesen Plan führte sie bewußt durch mit der Energie einer Frau, die an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen wurde. Außerdem war ihr dieses Spiel eine angenehme Abwechslung und Unterbrechung in jenen geheimnisvollen Geschäften, die sie mit dem Bankier ©riefen hier in Stockholm vor ihrer endgültigen Einschiffung nach Amerika zu erledigen hatte.
An diesem Morgen hatte sie wieder eine wichtige Besprechung, zu der auch ihr Pariser Agent mit dem Flugzeug hergekommen war.
Besondere Vorsichtsmaßregeln waren ergriffen worden, um Dolores elegante Wohnung, die Briefen wiederum gemietet und bezahlt hatte, gegen unbequeme Lauscher zu sichern. Das Personal war unter allerlei Dorwänden aus dem Haufe entfernt worden. Rur Paolo, der Der- schwicaene, hielt sich in der Pförtnerloge auf, um jeden Störenfried sofort und energisch abzuweifen.
3n ihrem Salon faß Dolores in einem weinroten, knapp gearbeiteten Straßenkleid und wartete auf die beiden Männer, mit denen sie dunkle Pläne verbanden. Ab und zu faß sie unruhig auf ihre brillanten besetzte Platinarmbanduhr. Sollte den Erwarteten etwas Angestoßen sein? War vielleicht die Polizei doch auf das Flugzeug des Parisers aufmerksam gemacht worden? Waren ihre Pläne am Ende nicht geheim genug geblieben? Run, bisher war ihrem Scharssiim, der Geschicklichkeit der ihr ergebenen Männer von der Pariser Organisation noch nichts mißglückt? Man würde auch diesmal das Ziel erreichen.
Und wie zur Bestätigung dieser Sicherheit tönte jetzt draußen die leise, dunkle Stimme Paolos, der die Herren einließ.
(Fortsetzung folgt.)
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Nr. 13 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)
Samstag, 16. Januar (952
Das Problem der Berufsbildung.
Don Professor Dr. Friedrich Glum, Generaldirektor der Kaifer-Wilhelm-Gesellschast zur Förderung der Wissenschaften.
Es ist ein aller guter Brauch, zu Beginn eines neuen Jahres der Zukunft zu gedenken, nachdem man für die Vergangenheit Rechenschaft abgelegt hat Die Erkenntnis des Verfehlten und Versäumten ver- hindert, daß die Phantasie allzuhoch sich m uncr- reichbare Gefilde begibt, die Wunsche den Boden Ser Wirklichkeit verlieren. <Ju Beginn dieses ; Jahres denkt man wohl fast in ledern deutschen haus nur an das eine, an Deutschlands Z u - lunft. Es ist fast wie im Kriege, das Schicksal unseres Volkes steht hinter allen anderen Gedanken. Dieder sehen wir deutlich, daß dieses Volk, dem auf Grund seiner geschichtlichen Leistungen und vermöge Der in ihm steckenden gegenwärtigen Kraft ein besonderer Platz unter den großen Rationen gebührt, ohne einen Freund in der Welt auf Jahre und i Jahrzehnte hinaus einen harten Kampf durchzu- fuhren hat, der zwar nicht mit den Waffen ju führen, aber darum nicht weniger schwer zu bestehen ist, einen Kamps, ten wir nur dann zum guten • Ende bringen können, wenn wir s i t t l i ch a u s i h n ^gerüstet sind.
Auf alle Stände, Unternehmer und Arbeiter, Bauern und Handwerker, Angestellte und Beamte, die jeder zu seinem Teil Opfer bringen müssen, kommt es an. Das Schicksal des deutschen Staates hängt vor allem davon ab, daß sie den Mut, daß sie die Lebensfreude nicht verlieren.
Im besonderen Maße gilt dies von unserer Jugend, nicht zuletzt von der Jugend, die die Offiziere und Unteroffiziere in diesem Kampf zu stellen hot und die mit Sorge den kommenden Jahren ent= gegenfiefjt, scheinen ihr doch alle Plätze besetzt zu fein, die sie nach Vollendung ihres Studiums und der Berufsausbildung einnehmen möchte. Und fo mancher, dem es schließlich nach langem Warten geglückt ist, einen Platz in einem Büro oder in einem Betriebe zu erlangen, fragt sich mit Bitterkeit, ob es die gebrachten Opfer gelohnt hat, ohne Aussicht auf Weiterkommen einem Betrieb eingeordnet zu fein, in dem er nur die Stelle eines winzigen Maschinenteils einzunehmen scheint. Man sagt, daß der größte Teil der Beamten und Angestellten mit ilfrem Los heute unzufrieden ist, unzufriedener als der Arbeiter, der keine so lange Ausbildung gebraucht, nicht so große stnanzielle Opfer zu bringen gehabt hat, um feinen Platz im Leben auszusüllen.
Ich glaube, daß zweierlei zu dieser Verzweiflung in der großen Masse der Angestellten beigetragen hat, eine falsche Einstellung zu der Vorbereitung auf den Berus und eine falsche Auffassung non der Bedeutung des Berufs für das Leben.
Ein großer Teil unserer Jugend glaubt, in eine gesellschaftlich höhere Klasse aufzustei- gen, wenn sie nicht den Platz ausfüllt, den der Vater und Großvater innegehabt hat, sondern a u f e i n e n akademischen Beruf lossteuert, auch wenn sie n i ch t die Begabung und die Neigung dazu mit- • bringt Der Traum von dem größeren Ansehen, der gesellschaftlichen Stellung hat manchen tüchtigen Handwerker- oder Arbeitersohn oder den Sohn eines kleinen Beamten versührt zu studieren. Und der K a ft e n g e i ft in den akademischen Berufen, der r, verhindert hat, daß die Menschen außerhalb ihres besonderen Berufsstandes miteinander verkehrten, der Hochschullehrer mit dem Oberlehrer, der Oberlehrer mit dem Bvlksschullehrer, der Bankbirektor mit dem Angestellten, der Angestellte mit dem Arbeiter, der Beamte mit dem Handwerker, haben diesen Wunsch nach dem gesellschaftlichen Ausstieg
verstärkt. Man glaubt mehr zu bedeuten, wenn man in eine höhere Kaste ausgestiegen ist. So hat sich eine Rangordnung unter den Berufen herausgebildet, die die Menschen untereinander getrennt hat, die ihnen das Gesiihl der Zusammen- gehorigkeit, der Schicksalsoerbundenheit außerhalb des Berufes genommen und der Entwicklung unseres Volkes zu einer Nation in gefährlichem Maße entgegengewirkt hat. hinter der Klafsenkampfidee steckt zu einem großen Teil eingesellschaftliches Ressentiment
Dieser Wunsch nach einer höheren gesellschaftlichen Bewertung Hal auch zur Folge gehabt, daß die äußeren Anforderungen an d i e Berufsausbildu.ng gestiegen sind. Man hat geglaubt, mehr zu fein, wenn man das Abiturientenexamen absolviert hat und infolgedessen verlangt man die Reifeprüfung heute f ü r bie einfadjften Berufe Man hat geglaubt mehr zu sein, wenn man den 2) o f t o r t i t e l auf feine Visitenkarte setzen kann und infolgedessen haben ihn alle Hochschulen eingefuhrt In Staat und Wirtschaft ist man diesen Wünschen weitgehend entgegengekommen, und das Berechtigungswesen hat in Deutschland einen vielfach geradezu grotesken Umfang angenommen. Die Wirkung ist bekannt. Für immer mehr Berufe wird ein abgeschlossenes Hochschul st u d i u m verlangt. Hochschulen über Hochschulen sind neu entstanden, Fachschulen für die Ausbildung einfacherer Berufe sind gefolgt Aber da bie zu besetzenden Stellen, von deren Inhabern eine größere Intelligenz und eine größere Verantwortung verlangt wird, nicht wesentlich vermehrt werden können, sitzen Doktoren mit abgeschlossener Hochschulbildung, die 6000 Mark und mehr für ihr Studium und ihre Berufsausbildung verwandt haben, in Registraturen ober auf Schreibmafchinen- fdjemeln, gesellschaftlich nicht gehoben, fonbern wenn sie sich ehrlich fragen, beflaf fiert, mit ber Ge- sellfchaftsorbnuntz unzusrieben unb vom Enbe bes Kapitalismus träumenb, ohne sich barüber klarzuwerben, daß es ihnen dann auch nicht besser gehen wird.
Der ungeheure Andrang zu den akademischen Berufen unb bas Berechtigungswesen haben aber auch bazu beigetragen, baß bie selbständigen Persönlichkeiten in Staat und Wirtschaft immer seltener geworden sind. Die Persönlichkeit braucht (Entfaltung, sie muß meist manchen Irr- wetz gehen, bevor sie auf die ihr gemäße Bahn gerät Die Folge ber vorher skizzierten Zustänbe ist aber, baß ber junge Mensch viel z u früh aus b e n Weg ber speziellen Fachausbil- bun g gebrängt wirb. Schon wenn er noch auf ber Schule ist, bestimmen bie (Eltern ihn gewöhnlich für einen Berus. Soll er Ingenieur werden, fo wird er auf die Oberrealschule geschickt, bann auf bie Technische Hochschule. Hier muß er sich gleich spezialisieren unb ftubiert nur bas, was er für seinen Berus braucht Wirb er Jurist, muß er bas Latinum nachmachen unb nur juristische Vorlesungen hören. Vielleicht spezialisiert er sich auch da noch gleich für Nationalökonomie unb Steuerrecht, weil er ja Syn- bitus werben will Unb schreibt bie otubienorbnung den Besuch von allgemeinen Vorlesungen vor, so belegt er sie zwar, aber hört sie nicht, denn er will sich ja nur auf fein Fach vorbereiten. Unb viele, bie im öffentlichen Leben stehen, glauben, baß I dieser Weg der einzig richtige sei. Sie verlangen die |
Auslösung der Universität in Fachhochschulen Rur für die Ausbildung von Gelehrten will man schließlich noch einen Rest der alten Universitas littera- rum bestehen lasten
Hört man aber herum in den Generalverwaltungen des Staates und der Wirtschaft, welche Erfahrungen man mit der Spezialausbildung in den letzten zwanzig Jahren gemacht hat, so ist man erstaunt, w i e skeptisch man diesen, von vielen begrüßten Errungenschaften gcgenubersteht Die- lenigen, die es am weitesten gebracht, die wirklich produktive Leistungen auszuweisen haben, sind in den meisten Fällen nicht durch die Fachschule gegangen, die Führer der Wirtschaft haben in den seltensten Fällen eine nationalökonomische Ausbildung genossen, sondern sind vielfach sehr krause Wege gegangen Die Führer der Technik haben vielfach bas humanistische Gnmna- sium besucht unb an ber Universität, nicht aus ber Fachschule, sich auf ihren Perus vorbereitet Die beste Schulung für ben Beruf ist offenbar immer noch eine allgemeine Bildung Es ist baßer gar nicht zu verstehen, baß man heute das humanistilche Bilbungsibeal in ber Oeffentlichkeit bekämpft unb burch bas Jbeol ber Fachsthulbilbung ersetzen will.
Ja, es ist zu fragen, ob nicht die starke' Unzufriedenheit der Angestellten und Beamten, die nicht in leitende Stellungen gelangt sind, geradezu a u f d i e stärkere Betonung der Fachausbildung zurückzuführen ist. Wird der Mensch nur darauf hingewiesen, sich Spezialkenntnisse für seinen Berus anzueignen und gelangt er dann in feinem Berus auf einen Platz, in dem er nur eine Teilfunktion innerhalb eines großen 'Betriebes auszufüllen hat, — unb wie sollte man bies bei ber größten Anzahl ber Angestellten unb Beamten in einer Zeit ber Großbetriebe vermeiden, — so kann der Beruf allein ihm nicht genügend Befriedigung im Leben geben Hat er aber nur auf feinen Beruf hin gelernt, fo ist cs ihm zunächst nicht so leicht gemacht, sich neben feinem Beruf m i t
anderen geistigen Dingen zu beschäftigen, bie ihm Befriedigung geben können Wie viele 'Dien- scheu bat es früher gegeben, die neben treuester Erfüllung ihrer Berufsp'lichten sich auf ganz anderen Gebieten cingearbcitet und Befriedigung gefunden haben, weil sie teilnehmen konnten an dem kulturellen Leben ihrer Zeit, ober gar auf biesen Nebengebieten fo Vorzügliches geleistet haben, daß sie eines Tages ben 'Nebenberuf zum Hauptberuf machen unb in ihm eine produktive unb angesehene Stellung erringen konnten. Wie vielen könnte heute die Beschäftigung mit der Philosophie, ber Geschichte, ber Kunst, den 'Naturwissenschaften Glück verschaf- fen. Wie vielen arbeitslosen Angestellten unb abgebauten Beamten würbe die Last, bie sie zu tragen haben, leichter werben, hätten sie eine andere Bildung genossen, als sich nur auf ihr Fach vorbereitet zu haben.
Es liegt mir fern, der Bildung, der humanistischen Bildung allein einen Wert Im Leben zu zu er, kennen. Die Lebensfreude, die so vielen heute fehlt, ist auch auf andere Weise zu erwerben. Hätten wir weniger A-kademiker und mehr Persönlichkeiten, möchten sie auch in noch so bescheidenen Stellungen sein, cs würbe mandK» bester sein. Bilbung ztir Persönlichkeit ist etwas, was auch ohne akabemifches Studium erreicht werden kann. Auch ohne akademisches Studium ist es möglich, neben seinem Berus im Leben Befriedigung zu finden. Ich will gewiß nicht gegen das (Ethos des Berufs etwas sagen. Aber verhängnisvoll ist es, ben Beruf nur a l s (Selber tu erbsgu eile anzustreben unb barüber zu vergessen, daß der Mensch als Persönlichkeit, für seine Familie, für bie Gemeinschaft unb für die Ration eine Bebeutung hat, bie weit über ben Platz hinaus- ragen kann, den ihm bie gesellschaftliche ober finanzielle Rangorbnung anweist. Man sollte wieder d i c Bücher von Wilhelm Raabe lesen, dessen hundertsten Geburtstag wir im vergangenen Jahr gefeiert haben, um zu lernen, wo b i c wirklich menschlich wertvollen St r ä f t c im deut-
Das Hauptquartier der deutschen Delegation in Lausanne.
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Das Savoy-Hotel in Lausanne wirb ber beutschen Aborbnung für die Reparationskonferenz zur Wohnung dienen. Die eigentlichen Vollsitzungen der Reparationskonferenz finden im Hotel Beau Ri vage statt, während für die wichtigen Verhandiungen ber Ausschüsse das Schloß Ouchy vorgesehen ist.
Zch hab dir verzieh»!
Roman von Elotilde von Stcgmann-Stein.
Copyright by Martin Feuchtwange r, Halle.
18 Fortsetzung
'Nachdruck verboten
,3d) freue mich", versetzte der Konsul, „baß Hans Egon sich mit solchem Eifer der Dewirt- fchastung des Gutes Tannenaue widmet. Es ist ein schöner Besitz, und es gilt, ihn für eure Kinder ungeschmälert zu erhalten. Cs scheint, als ob auch das Dorbild des Bruders Hans Egon in seinem Zielbewußtsein und in seiner Arbeitsfreude immer neu anspornt. Dieser Friedrich ist auch wirklich ein prachtvoller Mensch — und ich freue mich daß ich deiner Bitte Gehör geschenkt und ihm den Wiederaufbau seines durch die Der- schwendungssucht der Stiefmutter arg heruntergewirtschafteten Besitzes ermöglichte. Er hat bereits fast alle Derbindlichkeiten getilgt, so daß td) baldigst aus der Bürgschaft frei fein werde. Ich wollte, alle meine Verpflichtungen wurden mir so wenig Kopszerbrechen machen.''
Ein ernster Schatten flog über fein Gesicht, als tr jetzt an einen Dries dachte, den er am vorhergehenden Tage von seinem treuen Prokuristen bekommen hatte.
Dirgit war die Deranderung tm Gesicht des flcliebtcn Daters nicht entgangen.
.Hast du Sorgen, Däterchen?" fragte fie zärtlich. „Willst du sie deiner Dirgit nicht anver- trauen? Früher hast du sie oft genug mit mir
besprochen." ,
.Sorgen eigentlich nicht, Liebling, nur so ein kleines geschäftliches Unbehagen, aber es ist letzt nicht die Zeit, daß du dir auch nur einen unruhigen Gedanken machst Dein Gemüt muß ießt lroh und unbeschwert bleiben, um fo froher und unbeschwerter wird dein Kind ins Leben schauen, ilnb das bitte ich mir aus. daß es ein kleiner Sonnenschein wird, der seinen alten Großvater vicder mit jung machen kann durch sein Lachen inb seine Fröhlichkeit." m»
.Du liebst die Fröhlichkeit so sehr, Väterchen crviderte Birgit versonnen, „und doch hattest tu erst so viel Mißtrauen wegen Hans Egons ^Leichttgkeit. mein Kind, und Fröhlichkeit sind sehr verschiedene Dinge. Gott gebe eurem Kinde tin fröhliches Herz, aber einen ernsten Sinn Doch nun müssen wir umkehren, Schwester Helene dird schon auf uns warten und den Kaffee bereit- halten "
Auf der Veranda des kleinen Hauses, in dem Vttait mit Schwester Helene wohnte, war der Xa'seetisch zierlich gedeckt Altmodisch^ schwere Saffcctaffen in buntem Gold, aus der Glas-Ser- kante der Lehrersfrau, standen auf einem bluten- beißen, gestickten Tischtuch. Ein dicker Strauß dvn schwerduftenden Sommer-Levkoien breitete


