Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 15. Juli 1932.
Wahlrecht sichern!
Die Wählerlisten zur Reichstagswahl liegen noch bis zum 17. Juli im Wahlamt im Stadthaus, Bergstraße 20, Zimmer 13, zu jedermanns Einsicht offen. Personen, die bis zum 31. Juli 20 Jahre alt werden, andere, die ihren Wohnsitz verändert haben oder nach der Berheiratuna andere Namen führen, müssen ihre Eintragung nachprüfen und eventuell richtigstellen lassen. Die richtige Eintragung in die Wahlliste ist Voraussetzung für die Wahlberechtigung.
Sparunterricht in Schulen.
3n vielen Teilen des Auslandes ist der g e l b- wirtschaftliche Unterricht in den Lehrplan der Schulen ausgenommen; teilweise sogar als Pflichtfach. Aeuerdings ift^d- B. auch Südafrika bestrebt, diesen Weg der Aufklärung feiner Bevölkerung zu gehen. Besonderer Wert soll aus die Pflege des Spargedankens gelegt werden. Annähernd 300 Schulspartassen find dort bereits in Verbindung mit den Schulen gegründet worden. Die Anweisung zum Spar- unterricht in den Schulen behandelt u. a. das Wesen und die Notwendigkeit des Sparens, Sparen und Zivilisation, Sparen von Zeit und Kräften, Sparen und Kaufen, Haushaltsbuch- sührung, Bankwesen, Sparen an den Dingen des täglichen Gebrauchs (öffentliches und privates Eigentum). Cs ist interessant, festzustellen, daß Länder, die nicht unter so großer Kapitalarmut wie Deutschland zu leiden haben, diese Form der Aufklärung über Geld- und Währungsfragen und der Erziehung zum Sparen für notwendig halten und in der Praxis anwenden. Bei der schwierigen Gestaltung der allgemeinen Berhältnisse in Deutschland, insbesondere bei der Kapitalarmut und der Empfindlichkeit der Bevölkerung in Geld- und Währungsfragen, ist es sicher angebracht, diesen Weg, der von vielen anderen Staaten gezeigt wird, auch bei uns durch entsprechend« Regelung des Schulunterrichts zu beschreiten.
Die Milch als VoltsnahrungSmittel.
Es ist noch gar nicht lange her, daß bei und in den Kreisen der männlichen Jugend die törichte Auffassung bestand, Milch sei kein Getränk für Männer, sei etwas für Mädchen und kleine Kinder. Die Ausbreitung der Sportbewegung hat diese Einstellung ja nun in vernünftiger Weise geändert. Auch unser kampfesfreudiger junger Mann läuft heute nicht mehr Gefahr, sich spöttischen Bemerkungen auszusehen, wenn er seinen Schoppen Milch hebt. Verdient darum die Milch mit Recht die Bezeichnung: „Das wichtigste deutsche Nahrungsmittel?" Wer es nicht glaubt, der lasse sich belehren!. Haben Sie gewußt, daß in Deutschland etwa zehn Millionen Kühe gemolken werden. und daß die von ihnen gewonnen« Milch einen Goldwert von etwa vier Milliarden Mark darstellt? Daß die Milchindustrie damit auch den berühmten Schwerindustrien voransteht? Daß ein Liter Milch an Nährwert gleich ist dem von fünf dicken Bückingen — acht Paar Wiener Würstchen — 4,5 Pfund Schellfisch — mehr als ein Pfund Rindfleisch — beinahe neun Eiern — und beinahe vier Pfund grünen Bohnen? Aber manche Menschen vertragen größere Mengen von Milch nicht gut, sie liegt ihnen schwer im Magen.
Andere fürchten, Milch könnt« infiziert sein und sie auf diese Weise schädigen; man hat genug von „Mvlkereityphus" gehört. Diesen Bedenken ist aber völlig Rechnung getragen, wenn man die Milch nur pasteurisiert oder der Einfachheit und Sicherheit halber abgekocht genießt. Dann kommen wieder manche mit dem Einwand, nun seien der Milch aber die wertvollsten Vitamine genommen. Ihnen allen ist geholfen, wenn die abgekochte Milch mit Boghurt-Pilzen versetzt und als dicke Vog- Hurt-Milch genossen wird. Diese Milch darf vorher abgekocht gewesen sein, sie erhält durch diese ausgezeichneten Säurebildner neue Vitamine und wird auch für schwächere Mägen in eine sehr verträgliche Form gebracht.
Endlich ein Wort über die Wichtigkeit der Milchwirtschaft zum Gedeihen der gesamten deutschen Landwirtschaft: die Milch könnte so billig nicht geliefert werden, wenn nicht die Kuhhal- tung im allgemeinen wirtschaftlichen Interesse des Landwirtes läge. Der deutsche Landwirt gibt die Milch mit geringem Nutzen ab, um feine Felder rationell bestellen und düngen zu können. Je mehr sich das deutsche Volk dem Verbrauch einheimi- sc^r Milch und Milchprodukte zuwendet, desto mehr stärkt es den Boden, auf dem sich unser Geschlecht behaupten soll.
Offener Abend
der Guttempler-Loge „Hassia".
Die Guttempler-Loge „Hassia" Gießen vereinigte gestern einen Teil ihrer Mitglieder und verschiedene Gäste im Saale der „Herberge zur Heimat" zu einem offenen Abend. Die Jugend- Uchen der Loge eröffneten mit einem Lied den Abend, der Hochtempler begrüßte die Teilnehmer, ein gemeinsames Lied wurde gesungen und schließlich brachten Frau Schäfer und Herr Kuhn (Klavier und Violine) ein Largo von Mozart zum Vortrag und fanden dafür dankbare Anerkennung. Sodann sprach der Hochtempler Weigel in Verhinderung des Alt-Groß-Temp- lers Blum«, Berlin, über „Die Ziele und das Wesen des G u t t e m p l e r o r d e n s". Er führte u. a. aus: Leider seien noch viele Menschen über den Guttempler-Orden im unklaren. Die Bewegung sei im Jahre 1852 in Amerika ins Leben gerufen worden und habe über Norwegen und Dänemark auch in Deutschland Eingang gefunden. Eines der hauptsächlichsten Ziele des Bundes sei, die wertvolle menschliche Seele der Verelendung zu entreißen, die den Gefährdeten durch den Alkoholismus droht. Ein bewußter Kampf werde geführt gegen den Alkoholismus. Der Kampf gelte weiter der Ausrottung der Trinksitte, die als der Air» sprungsboden der Trunksucht anzusehen sei. Viel Kraft werde darauf verwendet, Trunksüchtige zu heilen. Der Orden habe die Menschlichkeit, die Brüderlichkeit und die strenge Forderung der Enthaltsamkeit auf sein Danner geschrieben. Das Feld der Betätigung sei die ganze Welt. Der Orden sei unpolitisch und in keiner Weise konfessionell eingestellt. Cs werde im Orden ein Brauchtum gepflegt, das die Brüder in ernster Feierlichkeit vereinige. Ti« Frau sei neben dem Manne gleichberechtigt, da sie ja in erster Linie die Währerin der Familie ist. Der Orden sei demokratisch. Den Mitgliedern ist freiestes Recht gegeben, bei aller Wahrung einer natürlichen Autorität. Das Gelöbnis der
Enthaltsamkeit bedeute für die Mitglieder einen Weg für die innere Freiheit ihres Wesens. So sei der Guttempl«rorden auch ein Wahrer der Ordnung und Erhalter der sittlichen Kräfte in den Röten der Gegenwart. Man bekenne sich in Loge und Orden zur helfenden Tat. Auch die Jugend bekenne sich zur Tat. Mit dem Feuer des Idealismus paare sich in der Arbeit der Guttempler ein kühl rechnender Geist, der aber von den Grundgedanken der Liebe getragen sei. Insbesondere di« Gegenwart sei reif für die Arbeit des Ordens. Der Kampf gegen die Trinksitte alkoholischer Getränke müsse gerade jetzt mit aller Energie geführt werden. Die Menschheit müsse endlich von der „Jch"- Jdeologie eines überfälligen Liberalismus befreit und zum „Du" in der Nächstenliebe und zum „Wir' in der Volksgemeinschaft geführt weroem Die Jugend müsse Aur Nüchternheit erzogen werden. Heber diese Arbeit hinaus wolle aber der Guttempler-Orden die Menschen auf allen Gebieten des Lebens zu höherer sittlicher Reife führen. Zum Abschluß seiner Ausführungen referierte der Vortragende noch kurz über das Brauchtum des Ordens und betonte dessen Notwendigkeit. Den Abschluß des Abends bildeten die sehr feine Wiedergabe des „Ave Maria" von Gounod (Frau Schäfer Herr Kuhn), ein Lied der Wehrloge und ein gemeinsam gesungenes Lied.
** Heute Prvmenadenkonzert unse- rer Militärkapelle. Heute, Freitag, findet in der Südanlage bei günstiger Witterung von 17 bis 18 Uhr Anlagenkonzert statt. Leitung: Obermusikmeister Krautze. Dortragsfolge: 1. Fanfarenklänge, Marsch von Fucik. 2. Ouvertüre zur Oper: „Leichte Cavallerie", von Supp6. 3. Zwei Spanische Tänze Nr. 5 und 6, von Moszkowsky. 4. Fantasie aus der Oper: Eugen Onegin", von Tschaikowsky. 5. Dlumenwalzer, von Waldteufel. 6. Rudermarsch von E. Krautze.
Amtsgericht Gießen.
Ein Angeklagter aus einem Nachbarort hatte gegen einen ihm wegen Verletzung der Impf- pflicht in Höhe von 15 Mark zugegangenen Strafbefehl mit der kurzen Begründung Einspruch erhoben, fein Kind sei wegen Krankheit nicht irnpf- pflichtig, deshalb könne auch von einer Irnpfver- Weigerung seinerseits im Sinne des Gesetzes nicht die Rede fein. Es schien zunächst so, als ob das Ge> richt es mit einem grundsätzlichen Impfgegner zu tun habe. Der Angeklagte verließ aber in der Verhandlung seinen Standpunkt und bat nur um eine mildere Strafe, da er aus Unkenntnis gehandelt habe. Tatsache war, daß fein einziges Kind infolge von Krankheit nicht impsfähig gewesen ist. Er legte auch ein dahingehendes ärztliches Zeugnis vor. Die Frist für diese Vorlage war aber längst abgelaufen und die Anzeige des Kreisgesundheitsamts daher mit Recht erfolgt. Da ein böser Wille, wie ein solcher zunächst angenommen werden konnte, doch nicht oor- zuliegen schien, wurde die Strafe auf 3 Mark reduziert.
Bei dem Angeklagten, einem ehemaligen Ober- gefreiten in der Nachrichtenabteilung des Inf.-Reg. 15, der sich nunmehr in einem Zivilverhältnis in Trier befindet und von dem Erscheinen in der Hauptveryandlung entbunden worden ist, wurde seinerzeit aus militärischen, hier nicht näher interessierenden Gründen eine polizeiliche Haussuchung vorgenommen, die aber im Großen und Ganzen ergebnislos verlief, jedoch bei dieser Gelegenheit in seinem Svind ein Maschinengewehrschloß entdeckt und beschlagnahmt. Das Schloß war nicht mehr brauchbar, es fehlten Federn, Bolzen und dergleichen. Immerhin war es jedoch nach einem eingeholten Sachverständigengutachten noch reparabel. Unter allen Umständen hätte der Angeklagte das Schloß, das fraglos Heeresgut war, als gefundenen Gegen, stand an die Militärbehörde abliefern müssen. Auf- fallend war, daß das Schloß in dem Spind ganz unten lag und offenbar neugierigen Blicken entzogen werden sollte. Der Angeklagte leugnete diese Absicht und erklärte, um das Vorhandensein des Schlosses hätten alle seine Stubengenossen gewußt und es, gleich ihm, gelegentlich als Hammer benutzt. Die Stubengenossen bestritten beides. Bei Spindrevisionen wurde das Schloß auch nicht vorgefunden. Es lag deshalb nahe, daß die Vermutung auftauchte, der Angeklagte habe nur eine günstige Gelegenheit abwarten wollen, um das Schloß, vielleicht gegen einen sehr hohen Liebhaberpreis, an den Mann zu bringen. Der Verdacht fand aber keine weitere Nahrung, und so wurde der Angeklagte, lediglich weil er unter Verletzung seiner Dienstpflicht das gefundene Schloß nicht abgeliefert, sondern für sich behalten und sich angeeignet hat, auf Grund des 8138 des Militärftrafgefetzes in Verbindung mit 8 246 AStGB. zufiebentägigemoer- schärften Arrest verurteilt.
Schwere Wasserschäden im vorderen Odenwald.
WSN. Darmstadt, 14. Juli. Der bereits am Mittwochabend über Darmstadt und dem vorderen Odenwald einsehende Gewitterregen nahm im Verlauf des Donnerstagmorgen einen wolkenbruchartigen Charakter an. In der Nähe von Reinheim trat der Wembach, sonst ein ziemlich unscheinbares Bächlein, über feine Ufer und überschwemmte Gärten und Fluren. In Reinheim selbst in der Nähe der Kirch- strahe drang das Wasser in die unteren Stockwerke der Häuser und in die Ställe ein. Mit vieler Mühe wurde das Vieh aus den gefährdeten Hofreiten und auch aus dem Gemeinde- faselstall gerettet. Besonders anzuerkennen ist, daß sich die zahlreichen Arbeitslosen sofort in den Dienst der Gesamtheit stellten und den bedrohten Bewohnern bet der Rettung und Sicherung ihrer Habe halfen. — Auch in den vorderen Odenwalddörfern führten die niedergehenden Waffermassen vielfach zu schweren Schädigungen. Das bereits durch den am Vortage niedergegangenen, mit Hagel vermischten Gewitterregen plattgedrückte Getreide wurde wiederum zu Boden geschlagen. Die Ernteaussichten sind dadurch außerordentlich verschlechtert.
Einem grauenvollen Tode entgangen.
WSN. Hof he im (Taunus), 14. Juli. Dieser Tage wurden zwei Arbeiter in einer hiesigen großen Lederfabrik im letzten Augenblick vor dem sicheren Tode gerettet. Sie waren bei der Arbeit in einen großen L o h e tr i ch t« r g e st Ü r z t und konnten sich aus der Masse mcht mehr befreien Sie näherten sich immer mehr dem Zerkleinerungsmesser der Maschine. Ihre Hilferufe verhallten im De- löse der Maschine ungehort. Plötzlich verkun- dete die Sirene den Schlutz der Arbeitszeit worauf die Maschine abgestellt wurde und die Arbeiter aus ihrer Todesangst befreit werden konnten.
Weshalb der Zar nicht gerettet wurde.
England versagte sich. — Eine Kerenski-Erinnerung zum Todestage des Zaren. Don Alexander Kerenski.
In dem dieser Tage in London veröffentlichten Tagebuch der Tochter Sir George Buchanans^ des damaligen englischen Botschafters in Petersburg, wird dieser a l s Beschützer des Zaren dargestellt. Aus den nachstehenden Ausführungen des ehemaligen russischen Diktators geht nun g e - rabe im Gegenteil hervor, daß, wäh- renb der deutsche Kaiser bekanntlich bereit war dem feindlichen Herrscher Gastfreund- fchaft zu gewähren, der englische Verbündete den Zaren, dem er das Leben retten konnte, im Stich ließ.
Am 7. März 1917 hatte ich im Moskauer Arbeiter- rat erklärt, daß die provisorische Regierung die Ver- antwortung für die persönliche Sicherheit des Zaren und seiner Familie auf sich genommen hätte. „Diese Verpflichtung" erklärte ich, „werden wir bis zu Ende erfüllen. Der Zar wird mit feiner Familie nach England ausgewiesen. Ich selbst will ihn bis Murmansk begleiten. Es liegt mir nicht, die Rolle eines russischen Marat zu spielen." So sprach ich am Tage. Arn selben Abend trat der Moskauer Rat in telephonische Verbindung mit dem Arbeiterrat in Petersburg, wo die Nachricht von der Abgabe meiner Erklärung größte Erregung her- vorrief. Der Petersburger Rat beschloß sofort eine sogenannte Kampfabteilung zu bilden, mit einem Mitglied der sozial-revolutionären Partei, einem gewissen Ma Hlowski-Mstislawski an der Spitze, einem Mann, der zur Zeit bei den Bolschewisten tätig ist und in Moskau eine besonders niederträchtige Rolle spielt.
Diese Kampfabteilung begab sich in Panzerwagen nach Zarskoje Selo wo sie in der Nacht zum 8. März ankam. Die Abteilung drang in das Schloß ein. Maßlowski stand im Riesenkorridor, der zu den Schlafzimmern der Zarenfamilie führte. Der Zar wurde geweckt und kam heraus. Der Zar und Maßlowski standen sich mehrere endlose Sekunden schweigend gegenüber. Schweigend standen auch die bewaffneten Soldaten und Arbeiter^ die Maßlowski begleitet hatten. Nichts stand im Wege, den Zaren zu verhaften und ihn unterwegs zu er- morden. Plötzlich drehte sich Maßlowski um und kommandierte: „A b t r e t e n, links herum, marsch!" Für die richtige Darstellung dieser Szene bürgen mir die Aussagen der beiden diensttuenden Kammer- Herren des Zaren, Graf Benck.ndorff und Fürst Dolgoruki.
Nach dieser Episode wurde die ganze lieber- wachung der Zarenfamilie mir persönlich an- vertraut. Die Empörung, die meine Erklärung im Moskauer Arbeiterrat in Petersburg hervor- gerufen hatte, schien für die Mitglieder des Rats selbst eine Ueberraschung zu fein. Die Sowjetregie- rung hat jetzt das Protokoll der ersten Sitzung Der provisorischen Regierung veröffentlicht. Aus biefem Protokoll geht hervor, daß auch die Vertreter des Arbeiterrats sich für die Ausweisung des Zaren ins Ausland ausgesprochen hatten,
sowohl aus politischen Erwägungen heraus wie auch um das Leben des Zaren zu schützen. Paul Miljukow, der bekannte Führer der Kadettcnparlei, hatte sich bereits vor der Sitzung des ausdrücklichen Einverständnisses des Arbeiter- und Soldatenrats für die Maßnahmen des Abtransports des Zaren versichert. Im Mai trat dann der Außenminister der vrovisorilchen Regierung.M. Tercstschenko an die englische Regierung offiziell mit der Bitte heran, dem Zaren die Einreise nach England zu gestatten. Der Außenminister regte an, daß ein britischer Panzerkreuzer in Murmansk erscheinen sollte, um den Zaren gbzuholen. Im Iu'i traf jedoch eine offizielle A v l e h n u n g unseres Vorschlages von der englischen Regie- rung ein. Diese Ablehnung trug die Form einer Verbalnote. Sir George Buchanan -erschien äußerst erregt beim Außenminister Tercstschenko und las ihm eine Erklärung eines der leitenden Männer des englischen Auswärtigen Amts vor. In dieser Erklärung hieß es, daß angesichts der augenblicklichen Einstellung der englischen öffentlichen Meinung gegenüber dem Zaren und der Zarin es die englische Regierung nicht für möglich hielte, dem König von England den Rat zu geben, der Zarenfamilie ein Afyl bis zum Ende des Krieges zu gewähren.
Nach Erhalt der englischen Absage beabsichtigten wir zunächst, den Zaren in der Krim unterzubringen. Es war aber sehr schwer, die Zarenfamilie dahin abzutransportieren, zumal die Stimmung in der Schwarzmcer-Flotte nach dem Abgang des Admirals Koltschak zu starkem Scbenten Anlaß gab. So entschlossen wir uns, ben Zaren in ber gefahr- losesten Richtung hin abzuschieben und zwar nach Tobolsk in Sibirien. Dort war alles Durch Emissäre, bie wir nach Tobolsk vorausgeschickt hatten, vorbereitet. Der Transport würbe so organisiert, baß bie Abreise der Zarenfamilie erst nach. der Ankunft in Tobolsk bekanntgegeben werden sollte. Eine unbedeutende Verzögerung trat nur bei der Abfahrt aus Zarskoje Selo und zwar wegen der Stimmung der Dortigen Garnison ein. Später verlief die ganze Fahrt genau nach dem Plan. Selbstverständlich wäre es uns eine Leichtigkeit gewesen, den Zug, in dem sich der Zar mit seiner Familie befand, nach Murmansk überzuleiten, wenn dort ein englischer Panzerkreuzer gewartet hätte.
Wir hatten also den aufrichtigen Wunsch, Die Zarenfamilie heil unD sicher ins Ausland zu drin- gen, unD wir fürchteten uns auch nicht vor dem Arbeiter- unD SolDatenrat. Zu Dieser Zeit behandelten übrigens selbst Die linksraDikalen Elemente Die Frage Der Unterbringung des Zaren als neben- sächliche Angelegenheit. Aus Den geschilderten lat- achen geht klar hervor, daß Die Zarenfamilie nur infolge Der Weigerung Der englischen Regierung, Den Zaren in England aufzunehmen, nicht ins AuslcmD beförDert wurDe, Denn nur EnglanD allein wäre Damals imstande gewesen, Die Sicherheit Des Transports Der Zarenfamilie zu garantieren.
Buntes Allerlei.
Was der Detektiv aus Fuß-Spuren herausliest.
Die Künste Der alten Rothäute, Die bei her Verfolgung Des FeinDes in ber Beurteilung ber Fußspuren ben sichersten Wegweiser fanben, werben von Dem mobernen Detektiv in wissenschaftlicher Form wieher ausgenommen. Er kann aus einer solchen Spur viele Dinge erraten, nickt nur über bie körperlichen Eigenschaften einer Person, sonhern sogar über ihre Hanblungen unb Gefühle. Eingehenbe Mitteilungen über biese moberne Wissenschaft von ben Fußspuren macht ber bekannte Direktor bes Polizei- Laboratoriums von Lyon, Ebmonb Locarb, in ber Pariser Zeitschrift „Detective“. „Das Stubium ber Fußspuren", schreibt er, „befähigt uns neben ber Feststellung ber Fuß-Form ober bes Schuhs bie Haltung bes Menschen näher zu bestimmen. Wir können nach biejen Abbrücken sagen, ob ber, ber sie hinter- ließ, aufrecht ftanb, ging, lief ober rückwärts ging. Außerbem geben sie uns Anhaltspunkte für Alter, Geschlecht, Beruf unb gewisse Empsinbungen Van zwei Menschen, bie sich in gleicher Weise bewegen, wirb ber Größere längere Schritte machen, unb wir können schließen, baß bei zwei parallelen Folgen von Fußspuren Derjenige, ber auf berselben Strecke bie größere Zahl von Fußabbrücken machte, kleiner war als ber anbere, vorausgesetzt natürlich, baß sie zusammen, also mit berselben Geschwinbigkeit, gingen. Die Frage, ob ber Schritt mit bem rechten Fuß voran bem mit bem linken gleich ist, ist oft erörtert worben. Man hat behauptet, ber Schritt mit bem rechten Bein fei länger, weil bas rechte Bein stärkere Muskeln aufweist. Aber burch meine zahlreichen Versuche, bie ich an mir unb anberen vornahm, habe ich Ergebnisse erzielt, bie gerabe entgegengesetzt finb. Fast immer habe ich gefunben, baß ber Schritt mit bem linken Fuß ber längere ist. Ebenso ist behauptet worben, baß ein flüchtiger Verbrecher, selbst auf einer geraben Straße, Dahin neigt, sich mehr nach rechts zu roenben. Ein Mensch, ber sich in einem Wald verirrt hat, soll immer im Kreise gehen. Diese Erscheinungen sind nach meinen Beobachtungen durchaus möglich, aber man muß sie mit Vorsicht verwerten. Beim Rückwärtsgehen sind die Fußspuren infolge ber Unsicherheit unregelmäßig. Wenn jemanb verfolgt wird, so sieht er sich gewöhnlich um. Dabei dreht er sich stets auf bem Fuß nach ber entgegengesetzten Seite, als nach ber er ben Kopf wendet. Das tritt in ben Fußspuren sehr beutlich hervor unb weist auf ein schlechtes Gewissen hin. Beim Laufen wirb ber Fuß stärker auf- ?ebrückt unb in einer kürzeren Zeit, unb biese Wir- ung ist proportional ber Geschwinbigkeit. Personen, bie bas Laufen gewohnt sind, brücken bie ganze Sohle bes Fußes auf bem Grunbe gleichmäßig ein. Wer nur gelegentlich läuft, berührt bie Erbe nur mit bem 93orDerteil ber Sohle, so baß kein Abbruck bes Absatzes erscheint. Die Fußspuren bei Männern, Frauen und Kinbern finb fo verschieben, baß ber geübte Beobachter sie leicht erkennt; bie Größe unb Form bes Schuhes beseitigt gewöhnlich jeben Zweifel. Die Länge bes Schrittes verrät auch bis zu einem gewissen Grabe bas Alter. Reiter gehen mit breit gestellten Beinen unb parallelen Füßen; Das- selbe bemerkt man in noch ausgeprägterer Form bei Seeleuten. Offiziere, bie oft Säbel tragen, wenn sie gehen, zeigen eine bezeichnende Seitenbewegung bes linken Seines, wobei bie Zehe nach innen gedreht
wird. Jäger, befonbers Forstbeamte, haben gewöhnlich kurze Schritte, währenb lange Schritte für Leute charakteristisch finb, bie auf Chausseen zu gehen gewohnt sind Der durchschnittliche Bürger geht häufig mit nach innen gekehrten Zehen, macht kurze Schritte unb setzt seine Füße beutlich auseinander."
Oie verkürzte Lebensdauer.
Cin Automobilist fuhr auf der Straße von München nach Pasing einen Bauern an; Resultat: Loch im Kopf unb einige blutige Schrammen im Gesicht. Der Autofahrer war zufällig Arzt, überzeugte sich von der Hngefährlichkeit der Schrammen, gab bem Bauern seine Abresse und fuhr davon. Rach ein ger Zeit erhielt er von bem Dauern eine Rechnung über fünf Mark für einen Verbanb. Der Arzt schrieb bem Dauer zurück, daß er in seiner Praxis höchstens eine Mark für einen solchen Verband nähme. Wieso dann fünf Mark? Der Bauer antwortete, daß die Wunde hätte ausgekraht werden müssen, daß noch andere Prozeduren vorgenommen wurden, kurz, daß es eben fünf Mark koste. Der Arzt zahlte und erhielt nach einiger Zeit wieder einen Brief. Darin schrieb der Bauer, daß laut Gutachten seine Lebensdauer infolge des Zusammenstoßes nur noch auf zehn Jahre geschätzt werden könne. Er müsse für die verkürzte Lebensdauer eine Entschädigung von fünfzig Mark verlangen. Das Geld hat er nicht bekommen und wird es auch nicht bekommen, wenngleich es erstaunlich ist, wie wohlfeil ein bayerischer Bauer seine letzten Lebensjahre ein* schätzt und mit fünfzig Reichsmark sich voll entschädigt fühlt.
Erwerbslose verhindern eine Zwangsversteigerung.
WSN. Groß-Gerau, 14. Juli. Gestern sollte in Königstädten eine Zwangsversteigerung von Pfändern vorgenommen werden, bie für rückstänbige Gemeindeforberungen fichergestellt worden waren. Vor der Bürgermeisterei kam es aus diesem Anlaß zu einer Demonstration von Erwerbslosen. Da die Menge eine drohende Haltung einnahm, mußte die Versteigerung unterbleiben. Die Menge formierte sich darauf zu einem Demon- strationszug durch den Ort. Zu weiteren Zwischenfällen kam es nicht.
Langfristige Wettervoraussage.
IBHferungsDorausfage für NorbbeulschlanD, westlich ber Ober, Desl-, Mittel- unb Süööeuffdjlanb (ahne Alpenvorland) für Die Zeit vom 15. bi» 24. Juli 1932. Herausgegeben von ber Staatl. Forschungsstelle für langfristige Witterungsvorhersage in Frankfurt a. M.
Etwa in ber ersten Hälft« bes Zeitraumes, für den bie Vorhersage gilt, also ungefähr bis in den Anfang ber nächsten Woche hinein, wird bewölktes, wenn auch zeitweilig aufklarendes, mäßig warmes biS kühles, zu Niederschlägen geneigtes Wetter vorherrschen. In ber zweiten Hälfte ist mit wärmerer, sonnigerer unb trockenerer, wenn auch nicht ganz beständiger Witterung zu rechnen.


