Ausgabe 
14.12.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstaöt.

9er Weihnachtsbaum und seine Geschiße.

3n diesen Tagen sind die Weihnachtsbäume wieder auf dem Warbt erschienen. Für uns rst der Christbaum mit dem Weihnachtsfest unlös­bar verbunden, und doch ist es, wenigstens m seiner heutigen Form, noch nicht so alt, w.e man­cher denbt. Der älteste Weihnachtsbaum, den wrr kennen. ist für das Jahr 1634 in Straßburg bezeugt. Er trug bunte Papierrosen, Aepfel und 3u<f:r, sowie Z.schgold. Allerdings steht er auch in einem gewißen losen Zusammenhang m.t Ge­bräuchen unierer germanischen Vorfahren, deren religiöse Dorsteckungen und ritual-restliche Ge­pflogenheiten in so vielen Dolkss.tten und Dolis- festen unserer heutigen -Zeit noch fortleben. Zur Zeit der Wintersonnenwende steckten unsere heid­nischen Vorfahren an die Türen ihre: Hütten und an die Gattersäulen ihrer Höfe grüne Tan­nenzweige oder Fichtenwipfel. Diesem Brauche mochte ter Glaube zugrundeliegen. Last im Schatze der Wälder des Landes die Gotter woh­nen und ein frischgrüner Tannenwipfel aus der göttlichen Waldwohnung Schuh vor den bösen Geistern gewähre. Obwohl bedeutend« Männer der Kirche und Redner, wie der Straßburger Kanzelredner Geiler von Kaisersberg, die­sen Brauch in Wort und Schrift als unchristlich bezeichneten und um die Wende des 15. zum 16. Jahrhundert seine Abschaffung forderten, lietz sich die Aeutzerung allgermanischen religiösen Lebens nicht so ohne weiteres unterdrücken. D:r vorerwähnte Stratzburger Weihnachtsbaum von 1604 dürfte der unmittelbare Vorfahre des heu­tigen Weihnachtsbaumes sein. Hm 1750 herum wird der Baum mit Lichtern geziert und all­mählich mehr und mehr der symbolische Mittel- punbt des Weihnachtsfestes. Heute kommen die grünen Tannen m grotzen Mengen aus dem winterlichen Wald, um in den Städten den Haup-tgrgenstand eines Marktes zu bilden, der zu den Poe, .«reichsten gehört. Dreifältig sind di« Schmuckstück«, mit denen der Baurn geziert wird, aber sein eigentliches Leben, seine symbolische Bedeutung haben ihm erst die Lichter gegeben, der fröhlich«, warme Kcrzenschimmer.

Spenden für die Mnternoibilfe.

Von der Geschäftsstelle der Gießener Winternot- hilf.' werden uns folgende weitere Spenden mit» geteilt:

Firma Teipel, Marktplatz, Textilwaren.

Firma Wilhelm Neuhaus Nachf. Inhaber Friedrich Hirsch, Wetzlarer Weg, 15 Zentner Kohlen.

Taten für Mittwoch, 14 Dezember.

1546: der Astronom Tycho Brahe in Knudstrup geboren; 1799: George Washington, Begründer der Unabhängigkeit Nordamerikas, in Mount Ver­non gestorben; 1849: der Komponist Kon-mdm Kreutzer in Riga gestorben; 1911: Roald Amuudsen erreicht den Südpol.

Vornotizen.

Aus dem S t a d t t h e a t e r B u r e a u wird uns g-.schrieben: Als 10. Vorstellung im Müliwochabonnement das SchauspielDec Dieb" von H nrh Brrnsten. (Spiel.eütung: Karl Hey- s e r.) Gewöhnliche Preise. Spieldauer von 23 bis 22 Ahr. Die nächst« Aufführung des Front­stückesDie endlose Straße findet am Sonntag, 18. Dezember, 19. ÜIHr, als Fremdenvorstcllung statt. 15 ülhr Erstaufführung des Weihnachts­märchensA,chenbrödelein Spiel mit Gesang und Tanz in 6 Bildern. Unter der Spielleitung von Karl Volck wickelt sich ein echtes Kinder- theater ab.

Große Girafkammer Gießen.

* Gießen, 13. Dez. Die einzige heute an­stehende Verhandlung sand unter Ausschluß der Ocffcntlichkeit statt. Angeklagt waren ein Vater und seine Tochter wegen Blutschande. Das Llrteil lautete: gegen den Vater auf eine Zuchthaus­strafe von einem Jahr sechs Monaten und drei Jahren Ehrverlust, gegen die Tochter auf neun Monate Gefängnis.

3m Anschluß daran fand eine Verhandlung vor der

Kleinen Strafkammer

ebenfalls unter Ausschluß der Oefsentlichkeit statt. Ein u. a. wegen Zuhälterei vorbestrafter Schuh­macher verfolgte Berufung gegen ein älrteil des Amtsgerichts Bad-Nauhrirn. durch das er wegen Erpre,sung, Beleidigung, Bedrohung, Sachbeschä­digung, Hausfriedensbruchs und versuchter Nöti­gung zusiebenMonatenGefängnis ver­urteilt worden war. Er war in der Familie eines Bekannten freundlich ausgenommen worden, und die Frau hatte ihm in törichter Vertrauensseligkeit gewisse Familienintimitäten anveriraut. Diese Kenntnis benutzte er, um durch di« Drohung mit Verrat an den Mann von der Frau nach und nach Geldbeträge von dreitzig bis vierzig Mark zu er- pressen. Als di« Frau sich endlich aufraffte und der Mann ihm das Haus verbot, mißhandelte er ihn und die Frau, die er auch mit gemeinen Schimpfworten beleidigte, drohte mit Totschietzen, drang in das Haus ein und schlug eine Scheibe ertzwei; schlietzlich versuchte er, die Frau durch Broyungen zur Zurücknahme der Anzeige zu bewe­gen. Da der Angeklagte heute im wesentlichen jede Schuld bestritt, war eine umfangreiche Be­weisaufnahme nötig. Nachdem durch dies« das frühere Teweisergebnis in vollem Umfang bestä­tigt worden war, wurde die Berufung des schon nach der Verkündung des ersten ülrteils verhafte­ten Angeklagten zurückgewiesen.

Oer Raubüberfall auf den Kinobesiüer.

WSN. Frankfurt a. M., 13. Dez. In Sachen des Raubüberfalles auf den Kaufmann Birn­baum find verschiedene Zeugen ermittelt worden, die die beiden Täter vor und nach der Tat gesehen haben. Einer der Täter ist von einem jungen Mann nach der Tat verfolgt worden, als er durch di« Krögerstrahe f.uo.cte. liner Ler Täter machte den Eindruck eines Kaffeehaus- oder Kinomusikers. Die Ermittlungen der Polizei wer­den eifrig fortgesetzt.

ckinaesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber feinerlei Verantwortung.»

Die Personenzugoerb'.ndung Lang-Göns Grotzen- Linden und LeihgesternGießen.

Daß di« alsEingesandt" veröffentlicht« Zu­schrift (Gießener Anzeiger vorn 18. November 1932, Nr. 272) vollen Anklang bei der Bevölke­rung der interessierten Gemeinden gesunden hat, geht aus den längeren Ausführungen unter dem TitelEine Derkehrsungeheuerlichkeit auf der Reichsbahn" (Gießener Anzeiger Nr. 275 vom 22. November 1932) hervor.

Dieser Einsender erwähnt m seinen Ausführun­gen allerdings nur di« Zugbenuhung von der Sta­tion Großen-Linden aus, und berechnet die hier interessierten Gemeinden mit etwa 8300 Einwoh­nern. Sie Station Lang^Göns ist ebenfalls von mehreren Orten umgeben, für welche di« so sehr ersehnte Zugverbindung in Frag« kommt. Es sind dies die Orte Orüningen, Holzheim, Ober- und Niederkleen, und das immer mehr zum Nachbarn von Lang-Göns tendierende Dornholzhausen. Auch die Orte Pohl-Göns und Kirch-Göns, die feit Auflösung des Finanzamts Butzbach zu dem Fi­nanzamt Girßen gehören, werden das größte In­ter«! s« an einer Dormittags-Zugverbinvung nach Gietzen haben. Die erwähnten Orte, einschließ­lich Lang-Göns, haben ebenfalls etwa 6000 Ein­wohner, so daß zuzüglich der Orte, welche die Station Grotzen-Linden benutzen, etwa 14 LOO Menschen keine Gelegenheit gegeben ist, in der verkehrsreichsten Zeit, vormittags, mit der Reichsbahn nach Gietzen zu kommen. Don einer den vielfach geäußerten Wünschen entsprechenden Aenderung des Fahrplanes ist bis zur Zeit noch nichts zu bemerken. Es soll deshalb hier noch­mals ein neuer Vorschlag gemacht werden.

Im Sommer-Fahrplan, gi.Lig vom 22. Mai bis 1. Oktober d. I., verkehrte Sonntags ein Per­sonenzug ab Frankfurt 8.16 Tlhr. Dieser Sonn-

Weihnachten und Wiltschastsbeiebung.

Das nahende We.hnachtsfest will uns nicht nur memchl.ch erfassen, ur.fire Kindheit zurückrufen, unsere Freude am Guten und Schönen wecken, es hat auch eine große vol sw ir. sch östliche Bedeu­tung. Es rüttelt uns auf, in den Spartopf zu greifen, oder von noch so schmalen Einnahmen für das Kaufen und Schenken einen Anteil zu erübrigen.

Ls soll unserer wirtschaft, die das Volk er­nähren mutz, die Arbeit und Brot gibt, zu einem grotzen Auftrieb verhelfen.

Für den Einzelhändler, ist der Weihnachtsmonat der wichtigste Monat des Jahres. Nicht umsonst spricht man von einemdoppelten Monat" für di« Geschäftswelt. Richt nur etwa für die Spiel­warenländen, di« eigentlich das ganze Jahr über auf das Weihnachtsgeschäft warten, ist der Er­trag des Dezember-Geschäftes auch heut« ent- scherdend für das Ergebnis des ganzen Jahres. Di« Statistik berichtet, daß z. D. in einem Tertil- Gcschäft der Dezember-älmfatz um fast zwei Drit­tel über dem Jahresdurchschnitt liegt. Di« An­forderungen, die damit an den Geschäftsleiter und an d:« Verkäufer gestellt werden, find nicht ge­ring. Seit Monaten ist das Lager trotz aller Ka­pitalknappheit für die kommende Nachfrage auf­gefüllt worden. Entscheidend für den Erfolg Bleibt jedoch, ob der Geschäftsmann es versteht,

der auffeimenben Kauflust durch geeignete wcrbung zur Lntschlutzkraft zu verhelfen.

3n keiner Zeit des Jahres stehen Zeitung und Geschäftswelt in so enger Interessen­gemeinschaft, bildet der Anzeigenteil der Zeitung eine so wertvolle Bundesgenossenschast. Die Auf- gäbe der Zeitungsanzeige, den Ver­käufer beim Absatz seiner Ware tatkräftig zu unterstützen, den Käufer zu beraten und die Kauflust anzuregen, tritt niemals so stark in Erscheinung, wie jetzt in der Adventszeit. Das Schaufenster allein kann nicht alle wissenswerten Einzelheiten über di« bunte Fülle des Angebots, Besondere Vorzüge, Preise usw. verraten. Die Zei­tung, das ruhelose Webeschifflein zwischen An­gebot und Bedarf, entwickelt in dieser Zeit der Gebesreudigkeit eine staunenswerte Behendigkeit.

was Leistung schafft, ruft die Zeitungsanzeige in die well.

So wird die Anzeige zum beredten Mittler des besten, preiswürbigsten Angebots. Der jährliche A.rzrigen-Auf marsch der Firmen um di« Weih­nachtszeit ist ein freudig begrüßtes Ereignis für die Lcserwelt, die aus dieser Schau, aus dem Schaufenster für Tausende, Anregungen schöpft und um so williger Entschließungen für den Wcih- nachtseinkauf trifft.

Um so nutzbringender wird diese Werbetätig­keit der Zeitungsanzeige, wenn f.e früh ein - setzt, njcht erst kurz vor dem Weihnachtsfest. Dann es kann dem Publikum nicht genug emp­fohlen werden,

die Einkäufe so früh als möglich zu erledigen.

Die Käu er nützen dadurch nicht nur der Ge­schäftswelt, die mit genügender Zeit und ohne Nervosität zur Verfügung stehen kann, sie ver­meiden außerdem den Aerger, daß sie ein« ge­wünschte Ware oder Gröhe in dem Geschäft, das sie betreten, nicht mehr vorfinden. In den letzten Tagen vor dem Weihnachtsfest ist die Zeit aufs Aeuherste bemessen. Jede verlorene Minute macht den Käufer verdrießlich und stört seine Weih­nachtsstimmung.

Die Herzen werden froh, wenn sich die Ge­danken dem nahenden Fest zuwenden. Diese schwere Zeit hat eine Schicksalsgemeinschaft ge­schaffen. Wir wollen daher nicht nur an die Beglücktheit derer denken, die wir mit unseren Gaben überraschen wollen, sondern auch daran, durch äutzerskes Ausbieten von Ersparnissen und Verdienst zur Kauffreudigkeit der deutschen w.rtfchast zu helfen, wer kaust, schafft Brot für die Unbeschäftigten und ermuntert den Unter­nehmungsgeist.

Das schönste Fest der Christenheit kann nur dann das schönste Weihnachts est des deu schen Volkes werden, wenn die Wirtschaft eine fühl­bare Belebung erfährt, Schlote wieder zu rauchen beginnen und viele Arbeitslose in ihre Werkstätten zurückkehren können. Dazu s)ll jeder mit seinem Scherslein beim Weihnachts­einkauf beitragen I

tagszug hielt nur auf den Hau^lstationen und so­mit 9.35 ätlhr in Lang-Göns und 9.41 älhr in Grohen-Linden, (Gießen an 9.53 ilfjt). Dieser Zug ist im Wintersahrplan gänzlich ausgefallen. Der Ausfall des Sonntagszuges ist, da in Gießen alle Geschäfte und behördlichen Stellen geschlossen sind, nicht sehr wichtig, aber gerade werktags wär« dieser Zug der rechte, wenn er das ganze Jahr hindurch verkehren müßte. Da dieser Zug schon im Plan geführt wurde, besteht für die Dahn sicherlich kein« besondere organisatorische

Schwierigkeit, den Zug wieder einzusetzen. Die Derkehrs-älngeheuerlichkeit" wäre dann aus der Welt geschafft!

Es wird auf diesem Weg« nochmals gebeten, daß die Reichsbahn nicht mehr lange zögert, dem dringlichen Wunsche der in Frage kommenden Be­völkerung schnellstens zu entsprechen, denn gerade vor Weihnachten würbe eine Fahrgelegenheit zu der betreffenden Zeit vom Publikum dankbar be­grüßt. bi. B.

Kleine Gewerbe in einer großen Stabt

Unpolitischer Brief aus der Reichshauptstadt,

Wenn man einem Fremden die Veränderungen, die Berlin durch diese letzten Jahre erlitten hat, rocht begreiflich machen wollte, brauchte man ihn nur auf den Kurfürstendamm zu führen, wo jetzt die Wohnungen von zwölf und fünf­zehn Zimmern leer stehen; da sie als Wohnräume nicht zu vermieten sind, sollen sie auch als Büros, als Ateliers, als ßäöen hergege- ben werden, und da sich auch so keine Abnehmer finden, haben sich manche Wirte entschlossen, die einzelnen Zimmer zu vermieten, und so entstehen Wohnungsgemeinschaften von vier bis fünf Parteien mit einer Küche und einem Bade­zimmer; sie müssen sehen, wie sie damrt zurecht­kommen. Weniger auffallend als diese großen Plakate sind wohl die kleinen Deränderungen im Bilde der Straßen, die in dem Gewimmel der Menschen verschwinden. Da klebt zum Beispiel an einem steinernen Brückengeländer ein rot umran­deter Zettel:Drei Jahre arbeitslos, bin zu jeder Arbeit bereit, helft mit! dann folgt die Adresse; ein ähnlicher Anschlag an einem Baum Ecke Kurfürstendamm und Fasanenstraße, der gleiche Notschrei eines Bezweifelten.

Noch niemals sah man so viele junge Menschen mit «ingepackten Mufi.instrumenien, Lauten, Gitarren uni> ©eigen, die zu dreien und vieren durch di« Straßen ziehen. Sie werden sich an einer Ecke aus stellen und zu spielen beginnen, oder sie werden in den nächsten Hof treten und dort ein Ständchen geben; sie erscheinen plötzlich in der Hintergrund und machen zwischen zwei Sta­tionen eine hastig« Musik, die vom Lärmen des Wagens übertönt wird, aber sie wissen: in die­sem Raum können ihnen die Menschen nicht so leicht entgehen, und trenn dann einer mit hin- gehaltener Mühe zwischen den Sitzreihen entlang acht und Geld «insammelt, geben ihm viele. Ich habe einmal einen beobachtet: zwischen dem Halle- fchen Dor und der Kochstratze klimperte er solo einen Fox, sammelte und bekam etwa fünfzig Pfennige, schlecht gerechnet. An der Koch- straße stieg er aus, ich hinter ihm drein und in den nächsten Wagen; dort das gleich«. Als er sam­melte, hatte er etwa dreißig Pfennige, schlecht ge­rechnet, eingenommen; als er zu mir kam, er­kannte er mich wieder, stutzte und lächelte dann verschmitzt. Solch? Musikanten tarnen neulich auch in die gutbürgerliche Bierstube in Wilmersdorf und wollten sich vor den Gästen aufbauen, aber der Wirt, ein gutmütiger Ostpreuße, nahm sie nach hinten:Dort sind die Kegelbrüder im Dcr- einszimmer", sagte er. Dorther vernahm man denn ihre frischen und munteren Stimmen, sie san­gen Studenten- und Wandervogellieder und ka­men mit zufriedenen Gesichtern zurück, setzten ihre Kappen auf und stürzten davon, denn es war der Samstag nach dem Monatsersten, da sind die Kneipen und die Börsen noch einigermaßen ge­füllt, da muß man die Konjunktur ausnützen. Der Wirt meinte, daß die Jungens bei den Kegel- brüdem je «ine Mark verdient haben konnten.

And wieder auf der Hintergrund. Zwischen Wit­tenberg- und Nollendorf-Platz, wo di« Dahn ans Licht fliegt, tritt plötzlich ein jun^- Bursch auf, hat sich halb entkleidet und zeigt die Derrenlungen seiner Muskeln an Armen, Rücken und Brust: (Sin stellungsloser Artist, der gezwun­gen ist, sich auf diese Weise seinen Unterhalt zu» verdienen, bittet di« Herrschaften um geschäht« Aufmerksamkeit!" Man hat das nun schon so oft gesehen, man hat sie fo oft gehört, es sind im­mer andere, aber di« Mitfahrenden ziehen immer noch ihre Börsen.

Auf lauf an einer Straßenecke, natürlich wieder um einen jungen Menschen; er hat ein geöffnetes Köfferchen zu feinen Füßen und preist etwas an was verkaufen sie nicht alles! Socken, Strümpfe, Kravatten, hochfeines Briefpapier mit feiiengeiütterten Briefumschlägen, die Post für die Herren Kavaliere, in eleganter Mappe" ein kleines Instrument, das das Tropfen der

Kannen verhindert, Streichhölzer, Taschenmesser . . . überall diese kleinen fliegenden Lä­den, in den Hauseingängen, unter den Tor­bogen, auf den Treppenfluren, an den Woh- nungstüren, alles ist verboten, der Schupomann darf «s nicht wissen, er darf auch die beiden Leute nicht dulden, die sich in der Nähe der Kranzler- Ecke, nahe von Unter den Linden ausgestellt ha­ben und einen entsetzlichen Singsang hören lassen, manches dürfte der Schupo nicht hingehen lassen, aber er tut, als wisse er von nichts und sieht krampfhaft auf die andere Seite.

Die Friedrichstraße... war sie nicht einmal der glänzende Traum, die Derkörperung aller Berliner Herrlichkeiten? Heut« ist sie die Straße der kleinen Bazare, der billigsten Läden, der 95-Pfennig-Artikel, der sogenannten Kunstläden und Kunstauktionen, billig, billig! Die ehemalige City ist gesunken und verkommen, und ob sich auch schon vor Jahren einAusschuß zur Hebung der City" gegründet hat, die Friedrichstraße ist Lainodj in einem unaufhaltsamen Abrutsch begriffen. Er­innert man sich noch der kleinen vornehmen Bar neben dem Kaiserkaffee? Hier befindet sich heute eine Bierstube mit bürgerlichem Mittagstisch, überall die Automatenrestaurants, Brötchen füreinenGroschen, alles billig, billig, alles auf Hast und Ausbruch berechnet.

Das Sinnbild dieses ganzen Derfalls aber ist die Gegend nördlich des Friedrichstraßenbahnhofs, un­terhalb der Weidendammer Brücke. Auf diesem Gelände stand einst die Pepiniere, kein schöner Dau, aber alt, ehrwürdig und verwittert. Dieses Haus wurde abgerissen, da sollt« ein Hochhaus hin, das erste Berlins; aber dann kam der Ab­rutsch der City, überall wuchsen die Wolkenkratzer, nur nicht hier. Dafür wurde der Raum anders ausgenuht, man hat dort, schlecht und billig, eine Art Dazarstrahe hingesetzt, eine Reihe niedriger Baracken, und hier stinkt es immer nach ranzigem Fett. Das kommt von einer Kartoffelpuf­fe r k ü ch e. Dann sind dort untergebracht: La­den mit falschen Brillanten und unechten Stei- nen, einS p i e l s a l o n" , wo manPferd­chen" laufen lassen und sich inCeschicklichleits- spielen" üben kann, deren Zulässigkeit nicht in allen Fällen polizeilich feststeht; da sind Läden mit Büchern, Kramzeug und Tand, Stehbier st üben, und immer der Gestank des ranzigen Fetts Symbol der City, billig und schlecht.

Diese kleinen Läden, Likörbars und Spielsalons dauern alle immer nur einige Zeit, dann wird das rote Schil dZu vermieten!" an die Schaufenster geklebt; ein kleines Gewerbe hat in einer großen Stadt fein Ende gefunden. Geht das Geschäft nicht mit Zigarren oder Büchern, muß man einen Leitartikel hinzunehmen, das find die Le hbi.ch:r, ohne Pfand, w chm lich von 10 Pfen­nigen an". Erstaunlich die Masse der Leih­büchereien, di« in den letzten Jahren aus dem Toden geschossen ist! Sie haben bereits einen Reichsverband" gegründet, der ihreBelange" wahrnehmen soll, aber auch die Verleger und Soriimenler wehren sich dagegen. Diese Büchereien konnten, kundig und sachgemäß betrieben, ein Segen sein und dazu dienen, dem Dolk in diesen Zeiten die Freude am guten Buch zu er­halten und ihm über diese sorgenvollen und bücher- losen Tage hinwegzuhelfen. Aber eben: nicht die Freud« am guten Bach wird hier gefördert, son­dern der Anreiz zu Schmutz und Schund (streng wissenschaftlich") wird hier erweckt und ge­nährt, denn diese Bildungsinstitute werden von ganz zufälligen Leuten geleitet, die dem an­geblichenBedürfnis ' ihrer Leser schmeicheln wol­len und daher diese Bücher aufdringlich zur S^ iu stellen. Wer einmal die Kulturgeschichte r schwarzen Jahre schreibt, wird an diesen Er Mei­nungen des '"^rliner Lebens, in denen sich zu einem gut Teil das deutsche spiegelt, nicht vor­übergehen können...

Neues für Öen Dücheriisch.

Ewald Banse: Raum und Volk im Weltkriege, mit 11 Kartenbeilagen, Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg i. O. Broschiert 4,80 Mk., Ganzleinen 5,80 RM. (445.) Raum und Dolk sind dasjenige an einem Kriege, was vorher da war, was ihn erst ermöglichte und was auch nachher noch da sein wird. Aus diesem Gesichtswinkel heraus untersucht der Verfasser, Professor an der Techni­schen Hochschule, Braunschweig, die Bedeutuna des Raumes und des Volkes, zugleich auch der Wirt­schaft und des Verkehrs, der Technik und des Volks­charakters für die Kriegführung, und erläutert das an Beispielen aus dem Weltkriegs. Er zeigt, daß nur ein seelisch vorbereitetes Volk einen Krieg zu gewinnen vermag. Er beweist ferner, daß die Kriegführung seit der englischen Einflußnahme auf den Weltkrieg nicht mehr nur ein heldisches Erleb­nis ist (wie wir noch 1914 dachten), sondern außer­dem eine wirtschaftliche, eine technische, ja vor allem «ine psychologische Angelegenheit. Die neue Methode der Kriegsbetrachtung muß unserem Volke auch für zukünftige Kriege nutzbar gemacht werden. So er­weitert sich das Buch zu einem Abriß der Wehr­wissenschaft und zeigt, was als nationale Lehre des Weltkrieges für unser Volk zu wissen und nach­zuachten notwendig ist.

Jean Prövost: Geschichte Frank­reichs feit dem Kriege. Uebersetzung von K. W. Körner. Drosch. 4 Mk., kart. 4 80 Mk., Leinen 6 Mark. Verlag Engelhorns Nachf, Stuttgart. (473.) Jean Prevost schuf hier keinen dickleibigen Geschichtswälzer mit trockenen Abhandlungen, son­dern einen knappen fesselnden Bericht von Den poli­tischen, wirtschaftlichen und charakterlichen Wand­lungen und Veränderungen, die unser westlicher Nachbar durchmachte. Es ist eine Geschichte der öfsent ichen Meinung, desöffentlichen Denkens", wie Prevost sagt; alles erscheint uns noch einmal, aber im französischen Spiegel gesehen: der Friedens-

schluß und die Folgen, die Ruhrbesetzung, die Frank- Inflation, die Rüstungen, die Goldyortung und die Wirtschaftskrise bis zum heutigen Tag. Man könnte Prsoost als den französtschen Knickerbocker bezeich­nen. Sein Buch ist voll von interessanten Tatsachen, psychologischen Abhandlungen z. B. über den fran­zösischen Sparer, den Steuerzahler, den Nationalis­mus, knappen Charakteristiken der französischen Staatsmänner, eingehende Untersuchungen der Wandlungen in Literatur und Mode usw. Wer sich mit dem Problem Deutschland-Frankreich ausein­andersetzen will und wen gehen diese Fragen nicht an? der sollte diesen wichtigen Beitrag der Gegenseite lesen.

Blodigs Alpenkalender (Verlag des Blodigschen Alpenkolenders, Paul Müller, Mün­chen 2 NW. 8, Hirtenstraße 15) ist, für das Jahr 1933, zum 8. Male erschienen. Wenn man diesen Kalender durchblättert, ergreift einen Erinnerung und Sehnsucht nach den Bergen. Was von Jahr­gang zu Jahrgang sinnfälliger wird, ist die große Sorgfalt in der Auswahl der Bilder, der Abwechs­lung der Motive in Berg und Tal Jahreszeiten, Leben in den Bergen, Tier- und Pflanzenwelt so daß die steigende Zahl der Kalenderfreunde ver­ständlich wirb. Der Jahrgang 1933 zeichnet sich vor seinen Vorgängern auch durch vergrößerte Bilder und seinen verbilligten Preis (2,90 Mk.) aus.-(348)

Köhlers Illustrierter Flotten- Kalender ^Wilhelm Köhler Verlag, Minden in Wests.) bietet in gewohnter Reichhaltigkeit eine Fülle des Wissenswerten und Unterhaltenden. Don seemännischen Ereignissen aus jüngster Zeit, von den neuesten Fortschritten in Schiffbau und Schi ff- fahrt, von Tankschiffen und von unseren neuen Kreuzern, von Fleugzeugen im Dienste der Fische­rei, von Eisenbahnen, die die Se« durchkreuzen, erzählt der Köhlersche Flotten-Kalender ebenso an­schaulich wie von den Eroberungsfahrten des b*<