Ausgabe 
14.11.1932 Erstes Blatt
 
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Nr. 268 (Elftes Blaff

182. Jahrgang

Montag, 14. November (932

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und Mr den An­zeigenteil i.D.TH.Kümmel sämtlich in Biegen.

Die europäischen Schuldner bitten Amerika um Zahlungsaufschub und neue Verhandlungen.

Oie englische Role.

London, 13. Rov. (WTB ) Der Wortlaut der Rote in der Schuldenfrage, die der englische Botschafter in Washington dem Staatssekretär der Vereinigten Staaten am Donnerstag überreichte, wird nunmehr bekanntgegeben: 3n dem ersten Teil erinnert die englische Regierung daran, daß sie sich mit den Hoovervorschlägen fei­ner Zeit voll und ganz einverstanden erklärt hat. Das Ziel dieser Vorschläge fei ge­wesen, den Druck der Schwierigkeiten, die sich, aus dem Fallen der Preise und dem Man­gel an Vertrauen in die wirtschaftliche und politische Stabilität der Welt ergeben haben, zu erleichtern und bei der Wiederherstellung des Vertrauens mitzuhelfen. Die Hoffnungen, die durch die Initiative des Präsidenten der Ver­einigten Staaten wachgerufen wurden, hätten sich leider nicht verwirklicht und daß die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, zu deren Er­leichterung die Vorschläge bestimmt waren, i h r Ende nicht erreicht. 3m vergange­nen Oktober wurde in Washington anläßlich des Dcsuches Lavals erklärt, daß unter älrnständen vor Ablauf des Hoovermoratoriurns eine Ilebereinkunft über die Verpflichtungen zwischen den Staaten für die Zeit der Wirtschasts- depression nötig sein könnte und daß die 3ni- tiative in dieser Sache möglichst früh von den europäischen Mächten ergriffen werden sollte.

Die Lausanner Abmachungen stellten das Ma­ximum dessen dar, was unter den gegebenen Tlmständen die beteiligten Regierungen zur Wie. derherstellung der Prosperität der Welt beitra­gen tonnten, einer Prosperität, an der das Volk der Vereinigten Staaten nicht weniger in- t e r e f s i e r t sei, als die Völker des Britischen Reiches, und zu deren Verwirklichung die Mit­arbeit der Vereinigten Staaten notwendig sei. Weder theoretisch noch praktisch fei inzwischen eine Veränderung eingetreten, die englische Re­gierung sei der Ansicht, das das System der Fi- nanjücrbflid)hingen zwischen Len Staaten, wie es zur Zeit bestehe, einer Rachprüfung unterzogen werden müsse. Cs sei wichtig, möglichst schnell zu handeln. Sie hoffe deshalb, dah die Regierung der Vereinigten Staaten es ermöglichen tonnte, sobald wie irgend denkbar, die Angelegen­heit zum Gegenstand c nes neuenMeinungs- austausches zu machen. Am 15. Dezember sei dienächsteTcilzahlung aus den englischen Kriegsschuldenverpflichtungen fällig. Es fei nicht möglich anzunchmen, daß man bereits in fünf Wochen zu einer Ordnung des ganzen großen Komplexes der Kriegsschuldenfrage in Gestalt eines älebereinkommens gelangen tonne. Die eng­lische Regierung verweise darauf, daß die Kon- serenz von Lausanne im vergangenen Sommer es für nötig gehalten habe, daß während der Lausanner Verhandlungen die Lei­stung der Zahlungen, um die es sich da­mals handelte, suspendiert würde, da­mit die Konferenz die Möglichkeit habe, ihre Ar­beit ungestört fortzusetzen Die englische Regierung hoffe, daß man auch jetzt sich zu einem ähn­lichen Vorgehen entschließe und bittet um Die Suspendierung der Zahlungen für Die Dauer Der von ihr in Vorschlag gebrachten Verhand­lungen.

Frankreichs Appell.

Paris, 13. Rov. (WTB.) Das srarrzösische Außenministerium veröffentlicht heute ebenfalls Die Rote, die der französische Botschafter in Washington am 11. Rovember dem Staatssekre­tär Stimson überreicht hat.

Die französische Regierung ist sehr besorgt we­gen der Auswirkungen der Kriegsschuldenrege­lung auf die Wirtschaftskrise und hält es für unerläßlich, die amerikanische Regierung aufzu­fordern, mit ihr in vollem Vertrauen in die Prüfung dieser Frage einzutreten. Die franzö­sische Regierung hat in der Gewißheit, sich damit in engere 3deengemeinschaft mit der amerikanischen Regierung zu befinden, aus freien Stücken in Lausanne in die größten O p f e r e i n g e w i l l i g t in der Hoffnung, da­durch die zwischen f »n Völkern noch besteheirden Ressentiments zu beichwichtigen und sowohl zur Wiederherstellung der Wirtschaft wie auch zur Festigung des Friedens beizutragen. So be­deutend auch die Ergebnisse der Lausanner Kon­ferenz sein mögen, so muß man doch seststellen, daß d:e wirtschaftlichen und finanziellen Schwie­rigkeiten, die die Wiederaufnahme der normalen Dez:ehungen zwischen den Staaten hemmen, noch immer weiter bestehen und daß eine neue Anstrengung unternommen werden muß, um ihnen im 3nteresse aller ein Ende zu bereiten. Die Einstellung, die Frankreich in Lau- sänne und in Stresa bewiesen hat. ist ein siche­res älnterpfand für das aktive 3nteresse, das Frankreich der raschen wirtschaftlichen Wieder­herstellung Europas entgegenbringt und zugleich auch ein sicheres Tlnterpfand für den Beitrag, Den es noch für die Verwirklichung dieses Werkes liefern will. Frankreich wünscht in der gleichen Weise an dem Erfolg der Weltwirt­schafts- und Währungskonferenz mitzuarbeiten. 3n diesem Geist schlägt die französische Regierung heute der amerikanischen Regierung vor, im Einvernehmen mit ihr in eine neue Prüfung der Schulden­

frage einzutreten. Da diese Prüfung infolge der Umstände zu viel Zeit erfordern würde, als daß es möglich wäre, einen raschen Entschluß vor­auszusehen, so fordert die französische Regie­rung entsprechend den in Lausanne getroffenen Maßnahmen, daß ihr eine Verlängerung des Zahlungsaufschubs bewilligt wer­den möge, die es erlauben soll, in einer Atmo­sphäre unerläßlichen Vertrauens die Prüfung der gegenwärtig schwebenden ernsten Probleme weiter zu verfolgen und zu vollenden.

Borah fordert grundsätzlichen Kurswechsel.

Auch Stolen Italiens und Belgiens werden erwartet.

London, 14. Rov. (WTB. Funkspruch.) Times" sagt, das Staatsdepartement erwarte jetzt von 3talien und Belgien Ro- t e n über die Schulden an Amerika, deren In­halt in der Hauptsache mit der britischen und der französischen Rote überein stimmen dürfte.

Wenn auch die Gegner einer Schuldenrevision von einem Block der Schuldner st aaten sprächen, so sei die Sache im allgemeinen doch nicht ungünstig. Senator B o r a h werde zweifel­los seine Stimnke zugunsten eines Zah­lungsaufschubs erheben. Dorah hat daraus hingewiesen, daß jede Fortsetzung einer Politik, die zu nichts anderem führt, als zu einem Auf­schub der Zahlungen, die Zivilisation der Welt zu zerstören droht. Alle Moratoriumsvorschläge müßten seiner Ansicht nach durch Pläne, die einen grundsätzlichen wirtschaftlichen Kurswechsel sichern, ergänzt werden. Wenn England im Augenblick nicht imstande sei, Zah­lungen zu leisten, so werde es später erst recht nicht ohne weittragendere Folgen zah­len können, sofern nicht das ganze internationale Programm einer Aenderung unterzogen werde. Cs sei kein bloßer Zufall, wenn am selben Tage, als England um Zahlungsaufschub bat, 500 Far­mer in Anmarsch auf Washington waren, wo sie erreichen wollten, von ihren Schulden befreit zu werden.

Hoover will mit Roosevelt die Schulden­frage besprechen.

Oer Präsident schlägt seinem Amtsnachfolger eine Konferenz in Washington vor.

Reu y o rk, 13. Rov. (IBIB.) Reuter. Präsident Hoover hat feinen Rachsolger Roosevelt zu einer Besprechung über die Schulden­frage eingeladen. Die Konferenz wird im Weißen Haus in der nächsten Woche stattfinden. Hoover erwähnt in seinem Telegramm an Roosevelt die britische Rote und erklärt, Staatssekretär Sfim- fon habe ihm mitgeteilt, daß entsprechende Ersuchen auch von anderen Rationen eingegangen seien, deren Zahlungen am 15. Dezember fällig seien. Die Regierung sehe sich einem Weltproblem von größter Bedeutung für die amerikanische Ration gegenüber- gestellt und deshalb fei er der Ansicht, daß ein Mei­nungsaustausch dem öffentlichen Interesse dienen werde.

Der Augenblick", sagt Hoover,ist von größter Wichtigkeit und ich hoffe, daß es Ihnen gelegen sein wird, in der nächsten Woche nach Washington zu kommen, damit ich mit Ihnen beratschlagen kann. Es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie einige demokratische Kongreß- führer oder andere Ratgeber zu der Konferenz mitb rächten, wir sollten den Vorschlägen un­serer Schuldner zugänglich sein gegen fühl­bare Kompensationen in anderer Form direkter Zahlung, nämlich E r - Weiterung ihrer Märkte für die Erzeug­nisse unserer Arbeiter und Bauern und, wie ich

bereits erklärt habe, vor allem wesentliche herabsehyng der Weltrüstungen, wo­durch unsere eigenen Lasten und die der ganzen Welt erleichtert und die Gefahren, die diese Frage in sich birgt, vermindert werden."

weiter sagt Hoover, wenn Verhandlungen be­gonnen würden, so wären lange ins einzelne gehende Erörterungen notwendig, die während seiner Amtszeit nicht zum Abschluß gebracht werden könnten. Jede Verhandlung sei beschränkt durch die ßongreßrefolu- 1 i o n (Widerspruch gegen Streichung oder Herab­setzung der Kriegsschulden). Infolgedessen könnten sich die von den europäischen Regierungen unter­einander eingegangenen Verpflichtungen nicht auf irgendwelche Zusicherungen seitens der vereinigten Staaten gründen, veberdies gehe der Tenor der von den Schuldnernationen gewünschten Verhand­lungen über die Bedingungen der Re­solution hinaus, in der eine Beschränkung auf eine zeitlich begrenzte individuelle Aktion hin­sichtlich der zahlungsunfähigen Staaten festgesetzt werden. lieber das Moratorium sagt Hoover, die europäischen Rationen hätten während dieses Jahres einen sehr wesentlichen Fortschritt in der Regelung ihrer finanziellen Angelegenheiten untereinander gemacht und ebenfo einen Fortschritt auf eine Rüstungsverminderung hin.

Kommunalwahlen in Lübeck, Sachsen und dem Saargebiei.

OasWahlergebnisinGachsen

Das vorläufige Endergebnis der Stadtverordne­tenwahlen ergibt folgendes Bild (in Klammern die Stimmenzahl der letzten Reichstagswahlen und die Mandatsziffern der Stadtverordne­te n w a h l e n vom 17.11.1929):

Dresden.

Mand.

Sozialdemokraten

103 883

w'123 135)

22

(28)

DVP.

16 955

(22 522)

4

(12)

Kommunisten

59 780

(64 515)

13

(7)

Staatsparlei

7 749

(8108)

2

(5)

Nationalsozialisten

104 107

(134 333)

22

(4)

Allg. Hausbesitzer-Ver.

11910

(-)

3

(3)

Zentrum

6 643

(7 231)

1

(1)

Christl.-Soz.

4 733

(4 310)

1

(0)

Hand., Handw. u. Gew.

6 947

(-)

1

(0)

Handel u. Gewerbe

2 855

(-)

1

(0)

UeberparteiL Rechte

1661

(-)

1

(0)

DNVP.

20 396

(36 185)

4

(7)

Die Wahlbeteiligung

betrug 69 v.H.

Leipzig.

Bland.

Nationale Bürgerlifte

55 858

(63 188)

10 (28)

Sozialdemokraten

132 871

(153 698)

24 (27)

Kommunisten

96 275

(100 202)

17 (9)

Bolksrechtpartei

16 090

(?)

2 (4)

Staatspartei

7 900

(7 089)

1 (3)

Nationalsozialisten

101090

(128 558)

18 (3)

Christl. Soziale

5 505

(4 305)

1 (0)

Bürger!. Mitte

2 580

(-)

0 CO)

Es bleiben noch

zwei Sitze

zu verteilen, die

aus Splitter- und Reststimmen kommen.

Wahr-

scheinlich wird die Bolls rech tpartei davon einen

Sitz erhalten. Sozialdemokraten und Kommunisten

haben nach diesem Wahlergebnis im Leipziger Stadtparlament Die absolute Mehrheit.

Zwickau.

Mand.

Chemnitz.

fDlanb.

Sozialdemokraten

56 630

(59 227)

17

(21)

Kommunisten

47 574

(47 695)

14

(9)

Chemnitzer Mittelst.

10 010

(-)

3

(0)

DNBP.

11 554

(13 347)

4

(7)

DDP.

3 091

(3 626)

1

(7)

Nationalsozialisten

69 538

(79 766)

20

(4)

Staatspartei u. Zentr.

3 728

(3 612)

1

(2)

Bolksrechtpartei

1896

(1193)

0

(2)

Christi. Volksdienst

3 239

(3 103)

1

(D

Die neue Stadtverordnetenversammlung zahlt 37 statt bisher 49 Mitglieder.

SPD.

10 738

(12 765)

10

(15)

NSDAP.

14 283

(20 456)

13

(7)

DNVP.

3 637

(3 484)

3

(5)

Kommunisten

7 567

(8 222)

7

(4)

SAP.

555

( ? )

0

(1)

Bürger!. Einheitsliste

3 682

( - )

4

Oie Wahlen im Saargebiet.

Vernichtende Niederlage der Leparatistcn.

Saarbrücken. 14. Rov. (TU.) Die Kom­munal- und Kreistagswahlen im Saargebiet we sen zum Teil sehr unterschiedliche Wahlbeteili­gungsziffern auf. Sie schwanken zwischen 60 und 80 Prozent. Eines hat der Wahlausgang über­zeugend bewiesen: Der Versuch, der von den Saargruben herangezüchteten separatisti­schen Bewegung politische Geltung zu ver­schaffen. ist trotz aller Druck- und Lockmittel kläglich gescheitert. Die Wahlergebnisse aus den umstrittenen Gemeinden reden eine deut­liche Sprache: In Lauterbach hat die Sepa­

ratistische unabhängige Arbeiter- und Bürger- Partei 125 Stimmen gegen 1012 deutsche Stimmen erhalten und damit einen Sih gegenüber 15 deutschen Sitzen, in Gersweiler 59 Stimmen von 2933 Heimattreuen Stimmen und keinen Sih, in Saarlouis 259 Stimmen von 7748 deutschen Stimmen gleich 1 gegen 29 Sitzen, in Pickard 39 Stimmen gegenüber 205 Stimmen, also keinen Sih. in Landsweiler 85 Stimmen gegenüber 2628 Stimmen, also ebenfalls keinen Sih erhalten. Aehnliche Verhältnisse ergeben sich besonders in den Gemeinden des umstrittenen Warnd-Gebietes.

Das Ergebnis für den Kreis Saarbrücken ergibt folgendes Bild:

Kreistags wähl

17.11.29

Sitze

Zentrum

32 081

(33 647)

15 (16)

Deutsch-Saar!. Volksp.

8 717

(12 768)

3

(6)

Bürgerliche Mitte

2 722

(2 716)

1

(1)

NSDAP.

6 834

(-)

3 (0)

Sozialdemokraten

12 933

(15 876)

6

(8)

Kommunisten

21 437

(8 293)

10

(4)

Komm. Opposition

6 339

(6 323)

2

(3)

Deutsche Volkspartei

1377

(2 351)

0 (1)

Für den neuen Saarbrückener rat ergibt sich folgende Zusammensetzung:

Stadt-

Zentrum

16 Mandate

(18)

SPD.

8

(12)

Deutschsaarl. Volksp.

6

(11)

Wirtj'chaftsp.

6

(7)

DNVP.

2

(3)

KPD.

12

(8)

Komm. Oppos.

1

(0)

NSDAP.

8

tt

(1)

Die neue Mgerschast in Lübeck.

Lübeck, 13. Rov. (TTl.) Das vorläufige amt­liche Gesamtergebnis der am Sonntag stattge­fundenen Bürgerschaffswahlen lautet wie folgt: (In Klammern die Stimmenzahlen der letzten Reichstagswahl und die Mandate der Lübecker Dürgerschastswahlen vom 10. Rovember 1929):

Mand.

SPD.

30 317

(32 036)

29

(34)

Hailleatijch. Dolksb. KPD-

5O1Q 9 940

( - ) (9 894)

5

9

(29)

(7)

NSDAP.

27 681

(31 613)

27

(6)

Deutsche Staatsp.

1 314

(1 003)

1

(2)

Zentrum

765

(964)

1

(1)

Haus- u. Grundbes.

4 135

( )

4

(1)

SAP.

159

( - )

0

(0)

Rentner

447

( - )

0

(0)

DNVP.

3 791

(5 788)

4

(0)

zusammen 83 559 80 (80)

Das Hauptereignis der Bürgerschaftswahlen ist die Tatsache, daß die Lintsmehrheit gebrochen ist. Die Linksparteien, die bisher 41 Sitze innehatten, haben zusammen nur noch 38 Mandate errungen. Selbst mit den beiden Stimmen der Staatspartei und des Zentrums wäre eine Linkskoalition nicht möglich. Zu den Dergleichszahlen der Mandate ist zu vermerken, daß der Hanseatische Vollsbund bei den Bürger­schaftswahlen von 1929 auch die Deutschnationalen umfaßte.

Wieder Ruhe in Genf.

Noch einmal kritische Lage der Genfer Garnison.

Gens, 12. Rov. (WTB.) Während im Laufe des Samstags die Beerdigung der Opfer der Zwischenfälle ohne Störung verlaufen ist, kam es in den Abendstunden wieder zu einer gespannten Lage. Die durch starke Posten ge­sicherten Zugänge zu den Käsern en, wo Die mobilisierten Truppen untergebracht sind, wurden von einer großen Menschen­menge, die offenbar in sehr gereizter Stim­mung war, belagert. Reu herangeführte Truppen aus dem Wallis wurden von der Menge mit Pfeifen und Zischen empfangen. Das Militär be­gnügte sich damit, die Menge zunächst von den Postenketten mit Wasserspritzen zurück^uhalten. Als die Menge sich jedoch dadurch nicht abschrecken ließ, mußte die zweite Postenkette ihre Gewehre laden.

Der Rest der Rächt ist jedoch ohne besondere Zwischenfälle verlaufen. Inzwischen haben die Gewerkschaften den Generalstreik für be­endet erklärt. In einem Aufruf fordern sie die Genfer Arbeiterschaft auf, Disziplin zu wahren und die Arbeit in aller Ruhe wieder aufzunohmen. Cs heißt, die Hinzuziehung Walli< sischer Bataillone habe sich deshalb als notwen­dig erwiesen, weil verschiedene Anzeichen darauf hindeuteten, daß man sich im Ernstfälle nicht unbedingt auf die Genfer Truppen hätte ver­lassen können. Teile der Genfer Truppen hätten zeitweilig in bedrohlicher Weise von den Fen­stern ihrer Kaserne aus mit der Menge zu fra- lernisieren begonnen. Viele von ihnen sollen sich an dem Gesang der Irvtemai-ionale beteiligt haben. Die Lausanner Rekrutenschule verließ Genf am Sonntagmorgen in vollkommener Ord­nung unter großer Ruhe. Das Landwehrbatai-llon 103, bestehend aus Genfer Soldaten, wurde am Miittag wieder entlassen. Mobilisiert blie­ben noch die Genfer Bataillone 7, 10 und 13 sowie die zur Zeit in der Kaserne stationierten 3 Walliser Bataillone. Wenn sich keine neuen Zwischenfälle ereignen, soll ein Teil des Genfer Regimertts am Montag und der Rest am Diens­tag entlassen werden. Die Walliser Truppen wer­den wahrscheinlich in den nächsten Tagen nach dem Wallis zurückgehen.

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