Ausgabe 
14.10.1932 Erstes Blatt
 
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sein. DHemden, die heute versuchten, die national­sozialistische Dewegung um die Früchte ihrer Ar­beit zu bringen, seien Schrittmacher des Bolsche­wismus. Das Volk werde, so schloß Goebbels, auch in der nächsten Zukunft an Hiller glauben.

Das nationalsozialistische Arbeits­beschaffungsprogramm.

Müuchen. 14. Oktober. (CRB. Funkspruch.) In einer geschlossenen nationalsozialistischen Ver­sammlung sprach Gottfried Feder über das neu» gefaßte nationalsozialistische Arbeitsbeschaffungs­programm. Grundforderungen des Programms feien direkte Arbeitsbeschaffung für zwei Millionen Mensch en auf Grund von Auftragserteilung für staatliche Einrichtungen im Ausmaß von 5 Milliarden Mark, Verstaat- lichung des gesamten Geld- und Kre­ditwesens, Um» und Entschuldung der gesamten Wirtschaft durch Zentralisierung aller privaten und öffentlichen Schuldoerhältnisse,Brechung der Zins- knechtschaft" Aenderung der Stillhalteabkommen und einheitliche Regelung der Auslandschulden, Stärkung des Binnenmarktes, Wegfall der produktionshem­menden Steuern, Wiederherstellung des deutschen Staatskredits- durch Sanierung der öffentlichen Fi- nanzen, staatliche Schutzmaßnahmen für die Land­wirtschaft, Wiederaufbau des Haus- und Grundbe­sitzes und schließlich nationale Verkehrswirtschaft und Neuregelung der Tarife.

Schießerei zwischen Nationalsozialisten und Stahlhelmern.

Hamburg, 14. Okt. (WTB. Funkspruch.) In der vergangenen Nacht kam es zwischen Aational- sozialisten, die von einer Versammlung heim- kehrten, und Angehörigen des Stahlhelms zu Zu­sammenstößen. Hierbei fielen mehrere Revolver­schüsse. Zwei Stahlhelmangehörige, der Korvetten­kapitän a. D. Lauenstein und der 22jährige Heinz Wolf wurden durch Messerstiche schwer verletzt, ein dritter Angehöriger des Stahl­helms erlitt eine leichtere Rückenstichwunde. Ein Rationalsozialist, bei dem eine Browningpistole mit leerem Rahmen beschlagnahmt werden konnte, wurde fest genommen.

Luetgebrune verteidigt auch weiter die Gebrüder Lahusen.

München, 13. Oft. (GR.) Rechtsanwalt Luetgebrune (Hannover) bittet um Verbrei­tung folgender Erklärung: »Wie ich erfahren habe, wird durch eine Berliner Dlättermeldung verbreitet, daß ich die Absicht hätte, die Ver­teidigung in dem Prozeß Rordwolle für die Gebrüder Lahusen niederzulegen. An dieser Mitteilung ist auch nicht der Schatten eines Gedankens der Richtigkeit. Ich habe niemals die Absicht gehabt, die Verteidigung der Gebrüder Lahusen niederzulegen, und ich werde die Verteidigung für die Herren Lahusen auch in Zukunft weiterführen, weil ich über­zeugt bin, daß ihnen in der Wirrnis durch die Zeitverhältnisse unrecht geschehen ist."

Oer Prinz von Wales in Hamburg.

Hamburg, 13. Okt. (TU.) Der Prinz von Wales und fein Bruder Georg trafen am Mitt- UNMWU

Roman von Gert Nothberg.

Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale) 11. Fortsetzung. Rachdruck verboten!

Vater Dolscher wurde also jetzt von dieser Lin- ruhe gequält, und wenn er es sich recht über­legte, dann hatte diese quälende Linruhe nur Friedrich Melzers niederträchtiges Lächeln her­vorgerufen, mit dem der gesagt hatte:

Aha! Hm! Ra ja, darum also Pensionat und dergleichen Unfug. Bißchen feinen Umgang ler­nen, damit der Herr Chef nichts vermißt. Meine Lisa war zu einfach, als die sich umne Stelle bewarb. Freilich, im Pensionat war sie nich."

Vater Dolscher wäre dem anderen am liebsten an die Gurgel gefahren: dann aber hatte er nur die Schultern gezuckt und hatte gesagt:

Laß das dem Chef nicht zu Ohren kommen, Melzer! Und wenn ich was höre, daß du mir das Mädel etwa gegen jemand verunglimpfst, dann gibt's war verstehst du?"

Melzer hatte frech gelacht und war gegangen. Vater Dolscher aber hatte ausgespuckt.

Daß doch ein junges, reines Mädel sich immer etwas nachreden lassen mußte, wenn sie schön war und gezwungen, sich ihr Drot zu verdienen!

Der Stachel blieb sitzen.

Vater Dolscher beobachtete abends am Stamm­tisch, zu dem er wöchentlich einmal ging, seine Skatbrüder.

Dachten die vielleicht auch so?

Aber es fiel kein Wort, was ihn hätte ver­letzen können. Und da dachte er, daß er ja ver­rückt sei mit seiner Sorge um das Mädel. Es mochte bei ihr eine Schwärmerei sein, wie junge Dinoer das nun mal so an sich haben. Beim Ehef dagegen? Gr hatte ja beinahe väterlich mit ihr gesprochen. Für ihn war Traute doch sicherlich immer nur das Waisenkind, das er da irgendwo einmal aus einer schmutzigen Um­gebung heraus gerettet hatte.

Wenn der Ches doch heiraten würde! Lieber Gott, alt genug war er ja nun mit dreiund­vierzig Jahren. Dann wäre alles in Ordnung, dann bliebe nicht diese Unruhe und heimliche, aufreibende Sorge.

Traute hatte keine Ahnung, wie mißtrauisch und auch traurig der Vater sie beobachtete. Sie war wie sonst. Rur in dem feinen Gesicht strahl­ten die Augen in solch tiefem Glan», daß die Leute sie ganz erstaunt ansahen. Und es blieb auch nicht aus, daß dieser oder jener junge' Ar­beiter sie verliebt ansah. Hübsche, frische Jungen waren es, mit gutem, geradem Charakter. Aber die wußten mit dieser leuchtenden Schönheit des Mädchens auch nichts anzufangen. Immer fühlten sie sich ein bißchen bedrückt, wenn Traute sie mit den dunkelblauen Augen so ernst und for­schend ansah. Sie brachten kein Scherzwort über die Lippen, wie sie es doch den anderen jungen Mädchen gegenüber sehr gern taten.

Unb es blieb auch nicht aus, daß die Frauen, und Mädchen argwöhnisch und scheel auf Traute blickten: Gs ist nun einmal so und wird auch immer so bleiben: die von der Ratur reichlicher Bedachte wird unter ihren Mitschwestem, ob arm oder reich, immer verhaßt sein. Man ist sich dieses Gefühls vielleicht selbst nicht einmal [o recht bewußt: aber es ist eben da und be­droht die andere, die nichts tat, diesen Haß zu Wecken, die aber schöner ist als alle anderen.

wochabend auf der Rückreise aus Skandi­navien in Hamburg ein, wo sie u. a. von Vertre­tern des Hamburger Senats, der Flughafenverwal- tung und der Lufthansa empfangen wurden. Die Prinzen und ihre Begleiter fuhren im Kraftwagen zum Hotel Atlantik, wo Bürgermeister Dr. Peter- s e n und Geheimrat Dr. Cuno von der Hamburg- Amerika-Linie sich zum Empfang angemeldet hatten. Die englischen Gäste machten darauf eine Rundfahrt um die Alster und durch die Stadt In einem Ge­schäft am Reuen Wall machte der Prinz von Wales Einkäufe. Die englischen Gäste nahmen darauf bei Direktor Kiep von der Hamburg-Amerika-Linie in dessen Villa zusammen mit Dr. Cuno und dem eng­lischen Generalkonsul das Abendessen ein. Don 21 bis 23 Uhr wellten die Prinzen im Hansatheater. Anschließend fuhren sie in das Hamburger Dergnü- aungsoiertel, gingen über die Reperbahn, wo sie sich nach einem kurzen Aufenthalt in einem Hypo- drom in das Gasthaus Zillertal begaben.

Kleine politische Nachrichten.

Der tschechoslowakische Außenminister Be n e s ch ist i n j aris eingetroffen, um mit Herr io t und Paul-Doncour über die endgültige Fassung des sogenannten konstruktiven Sicherheits­planes zu verhandeln.

Die Zweit« Kammer der holländischen Ge­neralstaaten hat sich bei den vorbereitenden Aus­schuhberatungen in ihrer Mehrheiit gegen die von der Regierung beantragte 32prozentige Zoll­erhöhung ausgesprochen.

Das dänische Folketing hat eine Gesetzesvor­lage angenommen, wonach teils die Zölle für eine Reihe von Waren erhöht, teils Waren, die bisher zollfrei waren, mit Zöllen belegt werden. Unter diesen Waren befinden sich: Schafe, Ge­flügel, totes Wild, Kartoffelmehl und -stärke, Gurken, Spargel, Blumenkohl, Speisezwiebeln, elektrische Isolierartikel, Schuhwaren, Glaswaren, Hüte, Instrumente, Rundfunkempfänger, Porzel­lan, Fayence, Steinzeug, Metallwaren, Seide und Deidenwaren, offene Waren aus Wolle, Baumwolle oder Leinen, Sammet, Korsetts, Hand­schuhe, Regenschirme, Spielzeug und Galanterie­waren.

*

Die Arbeitslofenunruhen in Del- f a st haben zwei Todesopfer gefordert. Die Lage in der Stadt ist noch keineswegs ruhig. Die Polizei patrouilliert mit Panzerwagen durch die Straßen. Die Linruhen sind auf kommunistische Anstiftung und auf die Umtriebe fremder Ele­mente aus Dublin zurückzuführen. Die Gewerk­schaftsführer beschlossen einen Generalstreik aus­zurufen, wenn die Forderungen der Arbeits­losen nach einer Erhöhung ihrer Linterstützungs- sähe nicht angenommen würden. Bisher ist noch keine Einigung erzielt worden.

Die Regierung von Bolivien hat ein ein­jähriges Moratorium für Bank- und Privat- schulden erklärt.

Traute wußte nichts davon. Sie nickte und grüßte freundlich, wenn sie vorüberkam, und sie beschenkte die Kinder mit Süßigkeiten. In ihrer freien Zeit las sie gern, oder sie half der Mutter in der Wirtschaft. Diel durfte sie nicht helfen, denn Mutter Dolscher erfreute sich zu sehr an den schmalen weißen Händen.

Ra, Kindler sagte heute, der Chef wird nun doch wohl heiraten. Die Ilse Wiedener mit ihrem Vater ist zu Besuch bei ihm gewesen, und sie haben auch die Fabrik besichtigt. Ra, und der alte Wiedener wiegt doch schwer. Der hat doch Rittergut Llrach und das Freigut Vilsen gekauft", sagte Vater Dolscher eines Abends, und er brannte, sich dabei die lange Pfeife an. Da er letzteres mit außergewöhnlicher Gründlich­keit tat, so konnte niemand sehen, wie ängstlich er dabei Trautes Gesicht beobachtete.

Aber Traute blickte nur still auf ihren Teller. Daß ihr Herz schmerzlich hämmerte, konnte ja ntemanb sehen.

Sie hatte das ja schon gewußt!

Sie hatte die junge Dame mit ihrem Vater, einem gemütlichen alten Herrn, ja selbst gesehen. Lind sie hörte noch jetzt Frieda Kommlers hä­mische Worte:

Ra, Fräulein Dolscher, das hier, das Fräu­lein Wiedener ist na ja, sie wird die 'Braut vom Chef!"

Frieda Kommler war die Aufwartung im Düro und Laboratorium, und sie war die Tochter einer Arbeiterwitwe aus der Wohnkolonie Fritz Lohgartens. In ihren Augen stand glitzernde Schadenfreude, denn sie hatte sich auch an dem Gerücht beteiligt, daß zwischen dem Chef und der Traute Dolscher was bestände.

Run wartete sie voll fiebernder Reugier, wie diese Rachricht von der vermuteten Heirat das junge Mädchen treffen würde.

Traute sagte freundlich:

Liebes Friedchen, wir beide gönnen es un­serem Ches doch aus vollem Herzen, wenn et glücklich wird und nicht mehr so einsam ist nicht wahr? Er verdient doch ein echtes, großes Glück."

lind Friedchen war sprachlos und nickte nur beschämt mit dem Kopfe. Don diesem Tage an zankte sich Friedchen mit jedem, der eine Be­merkung über Traute Dolscher machte.

Sie ist ein anständiges Menschenkind, laßt sie gefälligst in Ruhe", sagte sie urb stand nieman­dem mehr Rede und Antwort, wenn sie sie au8- horchen wollten.

Ta so ein ganz unerwartetes Hindernis im Klatsch um Traute erstanden war, zogen sich ver­schiedene Frauen von der Sache zurück, denn es ist ja immer so, daß nur die aller gemeinsten Men­schen in solchen Fällen auf ihrer schmutzigen Phantasie beharren, während sich die anderen langsam zur Vernunft zurückfinden, wenn nur ein Mensch einmal den Mut gefunden hat, der Klatscherei energisch zu Leibe zu rücken.

Aber Traute kümmerte sich um nichts.

Ihr Gesicht sah nicht mehr so blühend und rosig aus. Dlah und schmal wirkte es.

An einem wunderschönen Spätsommermorgen war es. Alle Schönheit der Ratur drängte sich noch einmal zusammen. Im Garten standen noch eine Fülle von Blumen in allen Farben dicht nebeneinander. Die Vögel zwitscherten hell und laut, und die Sonne sandte ihre warmen Strah­len in den großen Raum, wo Traute an ihrem Platz sah und fleißig arbeitete.

Es war noch zeitig. Roch nicht einmal sieben Lihr. Aber sie ging immer schon mit dem Vater

Don der bulgarisch-griechischen Grenze wird be­richtet, daß in Südbulgarien ein kommu­ni st i s ch e r A u f st a n d ausgebrochen fei. Bulga­rische Offiziere sollen die griechische Grenze über- schritten und sich den griechischen Behörden ergeben haben.

Aus aller Welt.

Wirbelsturm an der Bergstraße.

Das Dorf Laudenbach bei Weinheim an der Bergstraße wurde am Donnerstagabend von einem furchtbaren Wirbelsturm hcim- gesucht. Im südlichen und östlichen Teil des Dorfes wurden. 150 Häuser obgedeckl. Etwa 200 Bäume wurden umgerissen die Straßen sind mit Ziegeln und Schlamm bedeckt. Menschenleben sind nicht zu Schaden gekommen.

Schiffskataslrophe.

In einer der letzten Rächte stieß im Aal and - meer der schwedische DampferDcsuvius" mit dem estn'.'chen Motor^choonerEmelia" zusammen. Das estnische Schiff wurde mitten durchgeschnitten und sank in wenigen Sekunden. Von der Be­satzung gingen sechs Mann unter, wäh­rend der Kapitän und der Steuermann gerettet wurden. Als das Rettungsboot des schwedischen Dampfers im Begriff stand, unverrichteter Dinge zurückzukehren, hörte man von der Schiffsschraube her Hilferufe. Der Kapitän hatte sich an der Schiffsschraube desVesuvius" festgeklammert und wurde in vollständig ermattetem Zustande gerettet. Hätte man ihn nicht gefunden, so wäre er wenig« Minuten später in Stücke gerissen worden, als die Schiffsschraube wieder in Bewe­gung gesetzt wurde. Schließlich wurde auch der Steuermann gerettet; nur er und der Kapitän waren im Augenblick des Zusammenstoßes an Bord gewesen. Die ertrunkenen sechs Mann be­fanden sich in den Kajüten.

I. Internationaler konditoren-kongretz in Wien.

In Wien wurde im Rahmen der I. Wiener Konditorei-Ausstellung der Internationale Konditorenkongreh abgehalten, auf dem die Berufsorganisationen von Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern vertreten waren. Deutschland ist im Präsidium des Kon­gresses vertreten durch Funke-Kaiser (Düs­seldorf), und Syndikus Dr. Otto (Berlin), vom Deutschen Kondttoren-Dund. Das Kongreßbüro wurde mit den Vorarbeiten zur en* gül.igm Schaf­fung eines Internationalen Kondiloren-Verban- des betraut, der in seinem Arbeitsprogramm u. a. den Austausch von Arbeitskräften, die Pflege der beruflichen Ausbildung, eine Ver­einheitlichung der gesetzlichen Rahrungsmittel-De- ftimmungen und eine Kollektivpropaganda zur Hebung des Konsums von Konditoreiwaren vor- sieht.

Auf der Spitze einer Zauner aufgespieht.

Ein gräßlicher Unfall ereignete sich auf dem Friedhof in Bad Kreuznach. Ein junger Mann, der mit Baumschneiden beschäftigt war, kam zu Fall und stürzte in die eiserne Spitze eines Zaunes. Die eiserne StanM drang dem Be­dauernswerten völlig durch den Oberschenkel. Be­wußtlos blieb der Derunglückte hängen, bis es nach

herüber, obgleich sie erst um acht Lihr anzu­fangen hatte.

Die Seitentür öffnete sich.

Groh, breitschultrig, frisch und sorgsam ge­kleidet trat Fritz Lohgarten herein.

Guten Morgen, Fräulein Dolscher! Schon wie­der viel zu zeitig bei der Arbeit? Das bekom­men Sie doch nicht mitbezahlt? ilnb es macht eine ganze Menge Lieberstunden aus", sagte er freundlich.

Guten Morgen, Herr Lohgarten! Es macht mir Freude, hier zu arbeiten. Ditte, sprechen Sie nicht von Lieberstunden. Sie bezahlen mich ja ohnehin gut."

Sie war aufgestanden und legte nun die Dogen auf seinen Arbeitstisch, an denen sie vorher noch gearbeitet hatte.

Zufrieden übersah er die saubere, sorgfältige Arbeit, und er bereute es nicht, Traute zu seiner kleinen Mitarbeiterin gemacht zu haben.

Trautes weiße Hande stellten ihm auf dem Schreibtisch alles zurecht, wie er es liebte. Lind plötzlich blickte Fritz Lohgarten auf diese weihen, fast durchsichtigen Mädchenhände.

Diese feinen, kleinen Hände hatten seit Mo­naten hier alles geordnet. Alles stand anberd da, als es früher gewesen war. Er hatte immer auf Ordnung gehalten, und die Frieda Kommler machte ihre Sache ja auch recht gut; aber seit die kleine, schöne Traute um ihn war, war es eben doch etwas anderes.

Lind das stellte er erst heute fest. Bisher hatte er alles so gedankenlos hingenommen. Aber heute spürte er plötzlich das Walten eines guten Geistes um sich.

Aus seiner Dankbarkeit heraus griff er nach der Hand des Mädchens.

Fräulein Dolscher, Männer sind eigentlich undankbare Gesellen. Sie sehen meist gar nicht, wieviel sorgsame Behaglichkeit man um sie schafft. Ich danke Ihnen, dah Sie hier wie ein guter, kleiner Hausgeist um mich sind. Es ist gar nicht mehr so nüchtern und kalt hier um mich, seit Sie hier sind."

Er war aufgestanden und drückte nun ihre kleine Hand warm und herzlich.

Traute sah ihn an.

Lind dem Manne wurde seltsam weich zumute unter diesem Blick der dunkelblauen Augen.

Traute verriet sich nicht; aber Lohgarten dachte:

Traute Dolscher ist wunderschön! Rie sah ich Augen von solch tiefem Dlau. Eigentlich schade, dah sie nur ein armes kleines Mädelchen ist, das in irgendeinem Düro seine Jugend und Schönheit vertrauern muß! Denn wenn sie nicht hier arbeitet, dann doch eben woanders. Verdienen wird sie sich doch immer etwas müssen, so nett die alten Dolschers auch zu ihr sind.

Dah er ihr Vormund war, konnte er beinahe vergessen, wenn er es vergessen wollte, denn man hatte ihn nie mit etwas behelligt. Höchstens, dah Dolscher ihn gefragt hatte, ob er damit ein­verstanden sei, daß die Kleine in ein Pensionat gegeben würde. Damit war er natürlich ohne weiteres einverstanden gewesen, und er hatte etwas dazu besteuern wollen: aber Vater Bol- scher hatte gesagt:

Rein, Herr Lohgarten, die Rente ist genug. Vorläufig nehme ich nicht einmal sie. Wir brau­chen es nicht. Die Rente wird für das Mädel gespart. Rur Ihre Einwilligung wollte ich er­bitten.

.Die haben Sie, Dolscher. Aber hm! wird es gut sein, wenn die Kleine in andere Kreise kommt? Wird sie sich dann hier noch

vielen Bemühungen gelang, ihn zu befreien un5 ins Krankenhaus zu schaffen.

Bei der Besteigung einer Pyramide lödNH abgeffütjL

Das amerikanisch« Mitglied Herron der deutsch-amerikanischen Himalaja-Expedition ist,- wie aus Kairo gemeldet wird, beim Desteigen der Großen Pyramide abgestürzt. Er starb alsbald an den beim Sturz erlittenen Verletzungen.

Oberbeffen.

Kreistag des Kreises Mittelheffeir im OHV. in Giehen.

Der Kreis Mittelhessen im Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband, dessen Geschäfts­führung in Gießen liegt, hält am kommenden Sonntag, vormittags 10 Lihr im Cate Leib seinen diesjährigen Kreistag ab. Zu ihm erschei­nen wie man uns mitteilt die Vertreter von neunzehn zum Kreise Mittelhessen gehörigen Ortsgruppen aus Oberhe'sen, dem Lahn- und Dillgebiet. Die Tagung steht unter dem Leit­wortRationale Gewerkichaftspolitik und Kauf­mannsbildung". Redest einem Referat des Kreis- geschäftsführers Schroeder überDie sozial- und gewerlschaftspvlitische Lage" und einem Vor­trag des Gaubildungsobmanns Arndt über Jugend- und Bildungsarbeit als nationale Auf­gabe", wird den Höhepunkt der Tagung ein Vor­trag von Gauvorsteher Auerbach bilden übet Untere Stellung zur autoritären Staatsfüh­rung". In Anbetracht der gegenwärtigen sozial- und gewerkschaftspolitischen Lage wird ein starker Besuch erwartet. An die Tagung schließt sich ein geselliges Beisammensein in Form eines Fest- nachmrttags an, bei dem di« Gliederung der Ortsgruppe Gießen im DHV., wie Musikergilde, Frauen- und Männerchor, Turnergild«. Iugend- gruppe und fahrende Gesellen Mitwirken. Die Mitglieder und Freunde des DHV. werden durch eine Anzeige, auf die besonders hingewiesen sei, eingeladen.

Oer Grünberger Gallusmarkt verschoben.

Da in der letzten Zeit in Grünberg drei Fälle von spinaler Kinderlähmung vorgekommen sind, von denen ein Krankheitsfall mit dem Tode des 6 Jahre alten Söhnchens des Vermessungs­beamten Preist endete, ist der für nächsten Sonn­tag vorgesehene Gallusmarkt durch Verfü­gung des Ministeriums des Innern, Abteilung Gesundheitswesen, verboten worden. In einer eiligen Sitzung des Gemeinderats mit anschließen- der Bürgerversammlung, die gestern abend in Grünberg stattfanden, legte Bürgermeister Dr. Mildner dar, wie es zu dem Marktverbot durch das Ministerium gekommen ist. Die Geschäftswelt Grünbergs vertritt die Ansicht, dah die wenigen Fälle der Erkrankungen an spinaler Kinderläh­mung doch nicht geeignet sein könnten, den für die Grünberger Geschäftsleute so wichtigen Gallusmarkt zu verbieten. Der Bürgermeister hat daraufhin zugesagt, dah er heute mit einet vom Gemeinderat bestimmten Kommission noch einmal beim Kreisgesundheitsamt in Giesten und

Wohl fühlen in einfachen, wenn auch guten Ver­hältnissen?"

»3ch denke, daß ich mich nicht irre, wenn ich als bestimmt annehme, daß Traute immer ein stilles, bescheidenes Geschöpf bleiben wird. Aber ihre Mutter war die Tochter eines Professors. Sie ist von ihrer Familie verstohen worden, weil sie dein einfachen Monteur gefolgt ist. Lind darum dachte meine Frau, wenn Traute durch irgendeinen Llmstand doch noch einmal mit An­gehörigen ihrer Mutter zusammentrifft, dann soll man nichts an ihr bekritteln können."

Da hatte Fritz Lohgarten dem alten Manne fest und herzlich die Hand gedrückt.

Seltsam, dah er gerade heute, jetzt in diesem Augenblick an jene Unterredung dachte.

Hm, ganz damenhaft war nun diese kleine, schöne Traute! Ob es aber nicht doch eine schiefe Stellung war, in die man sie gebracht hatte? Zu den einfachen Arbeitern putzte sie nun nicht, die sogenannte Gesellschaft aber würde die Toch­ter des Monteurs auch nicht ausnehmen. Da blieb noch eine Ehe mit einem Kaufmann oder einem Beamten.

Fritz Lohgarten lieh behutsam die Hand deS Mädchens fallen. In ihm war ein ganz eigen­artiges Gefühl, wenn er daran dachte, dah es diesem schönen, jungen Geschöpf einmal nicht gut gehen konnte.

»Ich bin doch Ihr Vormund, Fräulein Traute. Wenn Sie also einmal einen besonderen Wunsch haben, den Ihnen die Pflegeeltem nicht erfüllen können, dann kommen Sie damit zu mir. Ja? Werden Sie das tun?" sagte er läcyelnd.

Das Mädchen zuckte zusammen, als er ihren Aamen aussprach. Lind jetzt zitterten auch die Hände.

Lohgarten wurde aufmerksam. Jetzt siel ihm auch auf. dah das junge Mädchen nicht mehr so blühend aussah, sondern dah das feine Gesicht schmal und bläh geworden war in diesen letzten Wochen.

Sie sehen sehr blaß aus. Fehlt Ihnen etwas? Ich bitte Sie, bleiben Sie doch ruhig einmal daheim, wenn Sie sich nicht wohl fühlen, ob­wohl ich Ihre Arbeit nicht gern entbehre."

Ein Blick traf ihn, der ihn bis ins ^rz hinein auswühlte. Ein solch dankbarer Blick war eS!

Im nächsten Moment waren die Mädchenaugen wieder gesenkt. Traute sagte ruhig:

Ich freue mich sehr, wenn Sie mit mir zu- f*?eten finb, Herr Lohgarten. Lind krank bin ich nicht. Ich fühle mich wohl unb habe keinen andern Wunsch, als dah ich immer hierbleiben dürfte, toexl ich da bei den Pflegeeltem bleiben kann."

Traute ging wieder an ihre Arbeit. Sie hatte noch viele Dogen zu zeichnen, und ihr Herz hämmerte so wild, dah sie dachte, der QEann, dessen helle blaue Augen so forschend in die ihren geblickt, müsse eS hören. Tief beugte sich der Mädchenkopf über die Arbeit und hellauf schim­merte daS seidige Haar.

Lind Fritz Loygarten sah das.

Ein Vergleich kam ihm. Sin Vergleich zwischen Traute Dolscher und Ilse Wiedener!

DaS reiche Mädchen war hübsch. Aber nur das! Hnb sie gab sich auch nicht ganz echt. Ein bißchen Pose war immer babei, unb er haßte Posen von jeher. Sonst aber war Ilse ein nette« OHäbet mit bem man sich sehr gut unterhalten konnte.

Ihr Vater war reich! Sehr reich!

(Fortsetzung folgt)