Ausgabe 
14.9.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 14. September 1932.

Milchverbrauch noch ungenügend!

Die neueste Notverordnung enthält u. a. auch besondere Bestimmungen zur Gntlastungder deut­schen Mtlchwirtschast. Der Handel mit Milch wird von der Umsatzsteuer vollkommen befreit, weil man durch eine Verbilligung der Milch eine Zunahme des Milchverbrauchs zu erreichen hofft. Deutsch­lands Milchverbrauch ist in der Tat erstaunlich gering, was man deutlich erkennt, wenn man ihn mit dem anderer Länder vergleicht. Aber vor allem muß man sich deshalb über den geringen Milchverbrauch in Deutschland wundern, weil der Dreis der Verstosse, die wir uns durch reich­lichen Milchgenust zuführen können, auherordent- lich niedrig ist. Mit anderen Worten: Wenn wir den hohen Nährwert der Milch berücksichtigen, so ist sie fd>on jetzt weit billiger als alle anderen Nahrungsmittel.

Gin« Steigerung des Milchverbrauchs ist aber nicht nur wegen ihrer Billigkeit und wegen ihres hohen Nährwertes wünschenswert, sondern auch weil der deutschen Landwirtschaft eine Zunahme des Milchabsahes sehr förderlich sein würde. Deutschlands Gigenerzeugung von Milch betrug im Zahre 1931 insgesamt rund 24 Milliarden Liter. Auf den Kopf jedes Deutschen kommt also ein Zah- reSmilchverbrauch von 370 Liter oder ein Tages- verbrauch von etwa einem Liter. Diese Milch­mengen werden aber nicht etwa getrunken, was für die Gesundheit sehr zuträglich wäre. Etwa zwei Drittel der für die menschliche Ernährung ver­brauchten Milch dienen vielmehr zur Erzeugung von Butter und Käse. Nur ein Drittel wird also als Frischmilch genossen. Zeder Deutsche trinkt hiernach nur ein Drittel Liter Milch im Tages­durchschnitt, und das ist natürlich viel zu wenig.

Die Milch hat zwei wichtige Eigenschaften, die den Staat veranlassen, an einer Steigerung der Milcherzeugung Interesse zu nehmen. Sie ist, was schon erwähnt wurde, ein billiges Dolksnahrungs- mittel, und sie ist ferner eine Haupteinnähme- quelle der Landwirtschaft. Der Milchverkauf ver­schafft dem Landwirt und feiner Frau meist die laufenden Dareinnahmen, die sie zu Anschaffun­gen aller Art brauchen und sie daher erst instanb- fehen, dem Handwerker und dem Kaufmann Wa­ren aller Art ab^ukaufen. Der Milchabsatz macht die Landwirtschaft also erst kaufkräftig, und dar­um ist es besonders wichtig, daß der Milchabsatz größer ist als die gegenwärtige Milcherzeugung. Diese ist freilich in den einzelnen deutschen Landes­teilen sehr verschieden.

Zn Nordhannover, Oldenburg und am Nieder­rhein weisen die Kühe Durchschnittsleistungen von 4000 bis 5000 Liter auf. Zm Reichsdurchschnitt aber bringt jede Kuh etwa 2400 Liter Milch, und da der Bestand an Milchkühen auf 9,66 Millionen veranschlagt wird, so dürfte die Gesamtproduktion an Kuhmilch etwa 23 Milliarden Liter im Zahr betrogen. Hierzu kommen noch etwa eine Mil­liarde Liter Ziegenmilch, so dast die Milcherzeu­gung ungefähr den oben angegebenen Stand er­reichen dürfte. Die zur Derfütterung an das Dich verwendeten 3,25 Milliarden Liter Milch werden dadurch ausgeglichen, dast Deutschland noch immer 3,42 Milliarden Liter Milch (hauptsächlich in Ge­stalt von Molkereiprodukten) aus dem Auslande einführt. Aber nur 6,7 Milliarden Liter Milch werden in flüssiger Form getrunken, und das ist bet einer Bevölkerung von 65 Millionen viel zu wenig.

Man kann den deutschen Milchverbrauch auch dadurch erhöhen, dast man die Einfuhr von Butter und Käse stark einschränkt. Aber noch viel be­deutungsvoller wäre es. wenn man es dahin brin­gen könnte, dast jeder Deutsche statt eines Driitel Liters Milch täglich zwei Drittel Liter trinkt. Da­mit würde sowohl der deutschen Landwirtschaft als auch der deutschen Volksgesundheit ein unschätz­barer Dienst geleistet werden.

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Eine Neunundachtzigjährige. Frau Geheimrat Streng, geb. Mettenheimer, Alicestraste, die Witwe des bekannten einstigen Mineralogen unserer Llniversität, vollendet am 15. September in groher körperlicher und geistiger Arische ihr 89. Lebensjahr.

* Vom Werbefeldzug des Stadt­theaters. Die Zntendanz des Stadttheaters schreibt uns:Kein Abbau, sondern Aufbau!" war der Grundsatz für die künstlerische Arbeit der letzten Spielzeiten. Linser Stadttheater hatte auch im abgelaufenen Spieljahr einen erneuten künstlerischen Aufstieg zu verzeichnen, wieder hat es an Bedeutung in Gießen und an Geltung in Deutschland gewonnen. Wollen Sie, daß Gießen seinen Ruf als Theaterstadt und damit ein ent­scheidendes Verkchrswerbemomcnt verliert? Dazu noch in der Spielzeit des 25jährigen Bühnen­jubiläums? Nein, denn auch das geschlossene Theater kostet die Stadt einen ganz beträcht­lichen Teil des jetzigen Zuschusses. Bedenken Sie anderseits, daß das Theater nach der Tages­arbeit notwendige Erholung und Erneuerung ihrer seelischen Kräfte bringt. Wir können es nicht allen recht machen. Aber wir sind bestrebt, Zhnen nur das Beste zu bieten. Die Schließung kann nur durch häufigen Besuch eines jeden vermieden werden. Wir passen uns den Zeit­verhältnissen an und ermöglichen Zhnen diese Mithilfe durch einen großzügigen Preisabbau. Erwerben Eie daher heute noch ein Abonnement. Meldungen werden jederzeit schriftlich und ab 25. September täglich von 10 bis 13 LIHr an der Tageskasse entgegengenommen.

* Straßensperrungen (mitgeteilt vom Oberhessischen Automobil-Club E.V. |2I. v. D.s, Gie­ßen). Die Ortsdurchfahrt-Hauptstraße in Assenheim ist wegen Ausführung von Wasserleitungsarbeiten bis einschließlich 17. September für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung über Bruchenbrücken. Die Ortsdurchfahrt Butzbach im Zuge der Straße Gie­ßenFrankfurt a. M. wird wegen Gleisumbau­arbeiten am 18. September 1932 von 6 bis 15 Uhr für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung über Nuß­allee und Taunusstraße in Butzbach. Die Pro- vinzialstraße SeltersOrtenberg wird ab 19. Sep­tember 1932 bis auf weiteres wegen Kleinpflaster­arbeiten für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung über BleichenbachBergheim und umgekehrt.

Genehmigte Volksspenden. Der hessische Minister des Znnern hat die Sammlung von Geldspenden, die der deutsche Flottenverein unter der BezeichnungVolksspende Niobe" und außerdem dieHindenburgspende (Sammlung von Geldspenden durch den Vertrieb des Werkes Paul v. Hindenburg als Mensch, Staatsmann und Feldherr") für das ganze Land Hessen genehmigt. Di«Dollsspende Diobe" fällt in

die Zeit vom 8. September 1932 bis 31. März 1933; die Hindenburgspende soll bis zum 31. De­zember 1932 durchgesüyrt werden.

" Warnung vor unbekannten Sier- händlern. Dom Polizeiamt (Sieben wird mit­geteilt: Dieser Tage raufte ein auswärtiger Händler in einer der hiesigen Zweigniederlassun­gen einer auswärtigen Firma eine größere Wenge ausländischer Gier. Er wurde von einem Deamten der Nahrungsmittelpolizei dabei an- getroffen, wie er die aufgedruckte Kennzeichnung für Auslandeier (Holland) mit einer ätzenden Flüssigkeit entfernte; zweifellos in der Lieber­zeugung, mit ausländischen Eiern ein weniger gu­tes Geschäft zu machen als mit deutschen Land­eiern, als welche er sie voraussichtlich verkaufen wollte. Die Eier wurden beschlagnahmt und der Händler angezeigt. Die Verbraucher werden gut tun, sich beim Einkauf von Eiern zu vergewissern, ob diese nicht Merkmale eines entfernten Stem­pels zeigen. Gleichzeitig wird an die Verbraucher die Ditte gerichtet, alle ihnen bekannt werdenden Mängel auf diesem Gebiet zur Kenntnis der Po­lizei zu bringen.

** Dienststunden des Polizeiamts. Die Dienststunden des Polizeiamts für den Publi- kumsverkehr ab 15. September d. I. sind von 8 bis 12 Uhr und von 15 bis 17% Uhr; Samstags von 8 bis 12 Uhr. Für Samstagnachmittag ist in der Zeit von 16% bis 17% Uhr ein Eildienst eingerichtet, bei dem aber nur Anträge, die unaufschiebbar sind, er­ledigt werden können.

Amtsgericht Gießen.

Zn einer hiesigen Wirtschaft zechten bis tief in die Nacht hinein eine Anzahl Nationalsozia­listen, darunter der Angeklagte. Zhre Partei­zugehörigkeit taten sie dadurch kund, daß sie ein Hitlersähnchen auf ihren Tisch stellten. Gäste an­derer Parteizugehörigkeit machten hierüber, wie überhaupt über den Nationalsozialismus, ab­fällige Demerkungen, die schließlich den Ange­klagten zu der Aeußerung veranlaßten, er würde jetzt im SA.-Heim Verstärkung holen. Er führte offenbar dieses Vorhaben auch aus, denn später erschien er mit einem vollbesetzten Auto in der Sonnenstraße, auf der zwei der letzterwähnten Gäste gerade auf dem Heimweg begriffen waren. Der Angeklagte verließ, als er deren ansichtig wurde, mit anderen Gesinnungsgenossen, deren Personalien aber nicht festgestellt werden konn­ten, sofort das Auto, lief über die beiden her und bearbeitete sie mit seinen Fäusten. Den einen schlug er auch zu Doden. Es handelte sich um eine gemeinschaftliche Körperverletzung, deren Folgen allerdings geringfügiger Art waren. Trotz des politischen Einschlags fiel die Strafe milde aus, insbesondere deshalb, weil die streitenden Teile sich inzwischen versöhnt haben und die Verletzten den Angeklagten gar nicht bestraft wissen wollten. Doch war eine Rücknahme des einmal gestellten Strafantrages unzulässig. Die Strafe lautete unter Annahme mildernder Llm- stände auf 60 Mark.

Ein angeklagter Kraftfahrer hatte sich fälschlich als Kraftfahrlehrer ausgegeben und war auch als solcher tätig, indem er einem Autobesitzer die Regeln des Steuerns beizubringen suchte. Als er von der Polizei gestellt wurde, vermochte er zwar einen Führerschein vorzulegen, nicht aber den vorgeschriebenen Fahrlehrerschein. Er erhielt wegen Verstoßes gegen die Verordnungen über die Ausbildung derartiger Lehrer und gegen das Krastfahrzeuggeseh eine Geldstrafe vonlOMk.

Allem Zureden des Richters unzugänglich zeigte sich ein Schuhmacher aus einem Nachbar­ort, der der Deleidigung eines Hauptwacht­meisters bezichtigt war. Er nahm die Beleidigung nicht nur nicht zurück, sondern wiederholte sie in der Hauptverhandlung. Sie gipfelte in der Behauptung, der Wachtmeister habe seinerzeit in einem Prozesse, den er, der Angeklagte, durch dessen Zeugnis verloren habe, einen Meineid geschworen. Dieser schwere Vorwurf wurde von dem Angeklagten trotz Warnungen bei einer ganzen Reihe von Gelegenheiten wiederholt, und er ließ sich von der Lieberzeugung der Richtigkeit seiner Angaben, die angeblich ihm heute noch inne wohne, durch niemanden abbrin­gen. auch nicht durch unanfechtbare Beschlüsse der Staatsanwaltschaft, des Generalstaatsan- walts und des Oberverwaltungsgerichtshofes, die sämtlich zu seinen ungunsten ausfielen. Der von ihm versuchte Wahrheitsbeweis mißlang. Er war zudem nach § 190 Satz 2 StrGB. nicht mehr angängig, da der Beleidigte wegen der fraglichen strafbaren Handlung vor ihrer Verbreitung rechtskräftig freigesprochen worden ist. Die Be­leidigung des vorbestraften Angeklagten war zu schwer, um durch eine Geldstrafe gesühnt werden zu können. Das Urteil lautete auf zwei Wochen Gefängnis.

Tödlicher Llnglücksfall beim freiwilligen Arbeitsdienst.

WSN. Wetzlar, 13. Sept. In dem benachbarten Albshausen ereignete sich am Montag ein tragischer Unglücksfall. Im Wege des freiwilligen Arbeits- dienstes wird dort ein Sportplatz herge- richtet. Bei den Arbeiten war auch der 18iährige Schmied Karl Matthes aus Burgsolms beschäf- tigt. Beim Abtragen eines Erdhügels gerieten plötz­lich Erbmassen in Bewegung und verschütteten den jungen Mann, der den Erstickungstod erlitt, ehe chn die Arbeitsgenossen befreien konnten.

Oie Bluttat

im Schwanheimer Wald gesühnt.

WSN. Frankfurt a. M.. 1A. Sept. Die Große Strafkammer verurteilte den 30jährigen, aus Stutt­gart gebürtigen Optiker Wilhelm Wied, der am Morgen des 27. Juli im Walde bei Schwanheim dem Lehrmädchen Elfe Stempel den Hals durch­schnitt wegen Tötung auf Verlangen zu fünf Jahren Gefängnis unter Anrechnung von sieben Wochen Untersuchungshaft.

Paratyphuserkrankungen im Kreise Biedenkopf.

WSN Biedenkopf, 13. Sept. Vermutlich durch den Genuß unreinen Trinkwassers sind in der Landgemeinde Weidenhaulen (Kreis Bieden­kopf) 20 Personen an Paratyphus er­krankt Unter den Erkrankten befindet sich auch eine vierköpfige Familie. Der Kreisarzt in Bieden­kopf hat alle notwendigen Sicherungsmaßnahmen zur Bekämpfung der Epidemie m die Wege geleitet. Lebensgefahr besteht bei keinem der Erkrankten.

DorgeschichtlicheBefestigungsreigelegt.

][ Laasphe, 13. Sept. Unter Leitung von zwei Herren des Siegener HeimatvereinS ist mit Hilfe des Freiwilligen ArbeitS- d i e n st e s in den letzten Wochen auf einem Dergkegel östlich der Stadt eine umfangreiche vorgeschichtliche Fliehburganlage frcigclcgt wor­den. Man fand eine rund 600 Meter lange Wallanlage mit einer starken in Lehm ge­bundenen Steinmauer, hinter der wahrscheinlich die Hütten der Bewohner gestanden haben. Zahl­reiche vorgefundene Scherben und Werk- zeugreste lassen vermuten, daß es sich um eine Fliehburg aus der La $ 4 ne - oder Keltenzeit handelt.

Neueinweihung einer Kapelle.

WSN. Friedberg, 13.Sept. Die aus der See­wiese befindliche 200 Jahre alte St. Georgs- kapcllc ist nach gründlicher Instandsetzung am Sonntag neu geweiht worden. Dem Weihcakt, den Pfarrer B l e r tz vollzog, wohnten Bebordenver- trcter und zahlreiche Gemeindeangehörige bei. Bei einer abendlichen Feier im Hotel Trapp trat u. a. Pfarrer Nüdling, der bekannte Dichter, mit aus­gezeichneten Darbietungen besonders hervor.

Sprechstunden der Redaktion.

11.30 bis 12.30 Uhr. 16 bl« 17 Uhr. Samelag nadimillafl geschlossen

Anzeigenauslräge sind lediglich an die Geschäft« stelle ;n richien.

Einfälle haben die Leute...

Apolitischer Brief aus der Reichshauptstadt.

Oie Bar auf der Straße.

Was tut man ums Himmels willen, wenn man ein Auto hat und nicht einmal das Geld, mit der Straßenbahn zu fahren, geschweige denn das Benzin zu bezahlen? Dies ist eine Schicksalsfrage, die mittlerweile an eine ganze Reihe Berliner herangetreten ist. Soll man das Auto verkaufen? Das bringt so gut wie gar nichts ein. Soll man es in ein Taxameter verwandeln? Wo es schon so viele gibt, die müßig auf der Straße herumlungern? Oder was soll man tun?

Zum Glück hat es in der letzten Zeit einen Mann gegeben, der allen unglücklichen Autobesitzern Ber- lins, die sich in dieser Lage befanden, den Weg gewiesen hat. Er hatte zwei Talente, dieser Mann. Er konnte Auto fahren und darüber hinaus ver­stand er jene seltsame schwarze Kunst, Alkohol Der- schiedener Sorten und Farben zu einem buntschecki­gen, wohlschmeckenden Cocktail zusammenzumixen. Drittens besaß er Kombinationsgabe. Und so machte er sich daran, seine Fähigkeiten zu vereinen, um sich daraus einen Broterwerb und seinem Auto einen Daseinszweck zu schaffen.

Für einen Apfel und ein Ei kaufte er sich in einer verkrachten Bar einige jener beneidenswerten Stühle, auf denen man kostbare Getränke schlürft. Diese Hocker packte er hinten in fein Fahrzeug. Außerdem baute er sich, recht und schlecht, aus einem alten Bett und drei Gardinenstungen eine regelrechte Theke zusammen. Er nahm ein paar Gläser mit, tat Alkohol in seine Flaschen, und dann konnte die Reise losgehen ...

Irgendwo, an einer ^-beliebigen Straßenecke hält er am Rinnstein, baut keinen Laden auf und lädt die Autofahrer und Passanten gegen billiges Ent­gelt ein, schnell einen zutippen". Eine Tankstelle nicht für Autos, sondern für Chauffeure ja, das ist etwas ganz Neues! Er erregt denn auch mit seinem fliegenden Laden berechtigtes Aufsehen. Die Leute flauen sich und starren tief in die Gläser, die andere leertrinken. Und kurz darauf finden sich auch zwei Strahenfänger, die Konjunktur wittern. Sie stellen sich neben der Autobar auf, greifen tief in die Saiten und lassen ihre Lieder erschallen. Wofür sie ihrerseits vielleicht einmal ein Glas von dem Barbefitzer spendiert bekommen. Denn sie sind ge- wissermaßen dieHauskapelle".

Bemerkenswert ist, daß die Polizei offenbar nichts gegen diese Art von Broterwerb hat. Sie lassen den Mann, der da an der Straßenecke steht, ungeschoren. Aber wie lange wird es dauern, bis die Gastwirts­innung einen flammenden Protest gegen diesen un­lauteren Wettbewerb losläßt? Wie lange, bis der Mann, arm am Beutel, krank am Herzen, wieder feiner Wege fahren muß, den Wagen voll Alkohol, aber ohne Benzin in feinem Tank?

Pitcarte bedauernswerter Doppelgänger.

Popularität macht immer Schule. Ist jemand ganz gleich ob Preisboxer, ob Dichterfürst, ob Ge- neral oder Filmschauspielerin unter dem Druck der öffentlichen Meinung eingereiht worden in die Reihe der Großen dieser Wett, dann befleißigen sich immer eine Menge Leute, die gerade nichts anderes vorhaben, diesen frischgebackenen Berühmtbeiten so ähnlich wie möglich zu sehen. Sie zwirbeln den

Schnurrbart, lassen sich eine finstere Locke in die Stirne herabfallen, tätowieren sich, wenn es nötig ist und fordern ihr Jahrhundert, so herausgeputzt, in die Schranken. Bon Wilhelm dem Zweiten bis zu Marlene Dietrich reicht diese Reihe...

Daneben gibt es aber auch Leute, deren beson­deres Glück oder Pech es ist, daß sie sich gär nicht zu verkleiden brauchen, um diesen Größen ähnlich zu sehen. Die Natur hat sich einfach den Witz ge­macht, zwei grundverschiedene Menschenkinder sozu­sagen in dieselbe Verpackung zu stecken. Und es ist für den unberühmten kleinen Bruder des berühmten großen Bruders nicht immer ein reines Vergnügep, als Napoleon, Kaiser Franz Joseph, Charlie Chaplin oder Max Schmeling unter den Menschen zu wandeln.

Davon weiß ein braver Berliner ein besonderes Lied zu fingen, der sich kürzlich verzweifelt in einem Brief an eine große Zeitung gewandt hat. Es ist sein Pech, dem Professor P i c c a r d ähnlich zu sehen, wie ein Ei dem anderen. Er erzählt, wie er früher, als es Piccard noch nichtgegeben hatte, ein stilles, friedliches und ungeschorenes Leben führte. Zwar war sein Hals ein wenig lang geraten, zwar wuchsen seine Haare auf etwas groteske Weise, zwar hatten ihm diese beiden Llmstände in feiner frühen Kindheit einen Minderwertigkeitskomplex einge­bracht sein Lebensglück aber ging deswegen noch lange nicht in die Brüche.

S/iefe stille Zeit seines Lebens fand aber ein jähes Ende, als Piccard (der echte) damit an- gefangen hatte, in der Stratosphäre spazieren- zusahren. Als an allen Straßenecken das Bild des ,füllen versonnenen Schweizer Gelehrten in den illustrierten Zeitungen auftauchte, schlug die Schicksalsstunde des Mannes in Berlin. Er konnte nicht mehr auf die Straße gehen, ohne daß man ihnerkannte, und Ovationen waren es durchaus nicht immer, die man ihm entgegen­brachte.

Woran lag das? Betrachten die Berliner Pic­card im allgemeinen als eine verschrobene Wih- blattfigur? Nehmen sie ihn nicht für voll? Jeden­falls schreibt sein Berliner Doppelgänger voller Verzweiflung:Zch weih ja nicht, wie es Piccard geht, aber nach mir werfen die Leute, wenn ich mich in vorgerückter Stunde in Lokalen sehen lasse, gern mit Bierfilzen. Zch werde mit fröh­lichen Zurufen empfangen, und dann dauert es nicht lang, bis die Gäste mich als eine Art Hanswurst behandeln, mit dem man allerlei Narreteien treiben kann. Sie bieten mir Frei­bier an und wenn ich das nicht akzepttere, wirft man mit Bierfilzen nach mir. Zch habe mir schon gedacht, daß es vielleicht daran liegen könnte, daß ich noch ein paar Nuancen gutmütiger aussehe als Piccard, wenigstens versichern mir das meine Freunde ..."

Was soll man diesem Mann raten? Soll er sich die -Haare schneiden lassen? Wo sie doch wahrscheinlich immer wieder auf dieselbe komische Art nachwachsen. Lind gegen einen langen Hals ist auch noch kein Mittel erfunden worden. Es wird diesem Llnglücklichen also nichts anderes übrigbleiben, als geduldig abzuwarten, bis Pic­card ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Aber da kann er unter Llmständen lange warten. Denn eben kündigt der Professor zum Schrecken des armen Berliners an, er werde im Zahre 1933 erneut in die Stratosphäre auffteigen...

Buntes Allerlei.

Seidene Banknoten.

Zapan leibet unter einem ileberflufj an Seide, den es unter den jetzigen Verhältnissen nicht ins Ausland verkaufen und nicht im Znlande verbrauchen kann. Infolgedessen wird eifrig er­örtert, wie man die überschüssigen Seidenmengen am nutzbringendsten verwenden kann. Wie ein Tokioter Blatt berichtet, erwägt man ernsthaft, ob man nicht die japanischen Banknoten in Zu­kunft auf Seide drucken soll, da dies billiger zu stehen käme, als bei der Verwendung von Papier. Es entbehrt nicht einer gewissen Zronie, daß das japanische Papiergeld, das auf dem Geld­markt immer mehr an Wert verliert, nun zu .Seidengeld werden soll und ein so köstliches Aussehen erhält. Aber die Rohseideabteilung des japanischen Ackerbauministeriums zieht den Vorschlag ernsthaft in Betracht. Allerdings würde auch bei großer Anspannung der Notenpresse der vorhandene Seidenüberfluh durch die Ver­arbeitung zu Geld nicht im entferntesten beseitigt werden. Es mühte daher auch noch auf andere Weise der Seidenverbrauch gefördert werden. Man hat vorgeschlagen, mehr Seide in der Herrenkleidung zu verwenden, Fahnen. Moskito- Netze und Zelte aus Seide zu oerfertigen. An­dere Pläne gehen dahin. Schiffsegel, Fischemetze, Reifen für Automobile und Fahrräder, Bind­faden, Ballons und Tapeten aus Seide zu machen.

Unfrcitoiltiger Stierkampf.

Die schlimme Fliegenplage, die Menschen wie Tiere in gleicher Weife zu schaffen macht, war die Ursache aufgeregter Szenen, die sich in der Nähe des Pariser Schlachthofes von La Billette abspietten. Ein Stier war durch die beständigen Angriffe der gefräßigen Insekten in so wilde Wut versetzt war- den, daß er die Schranken durchbrach und im Ga­lopp auf die Straße hinausstürmte. Ein Passant, der zufällig vorüberging, geriet mit dem wilden Bullen in io unangenhme Berührung, daß er jetzt schwer verletzt im Krankenhause liegt. Unterdessen hatte sich eine neugierige Menge versammelt, die

dem dahinrasenden Tier in respektvoller Entfernung folgte. Mit der üblichen Verspätung erschien schließ­lich auch ein Hüter der Ordnung auf dem Schau­platz dieses unfreiwilligen Stierkampfes. Der Mann, der den Namen La Fontaine führt, befaß aber nicht das feine Tier-Verständnis, das fein Namensvetter in feinen unsterblichen Fabeln gezeigt. Er hatte nicht die Gabe, sich in friedlicher Weife mit dem Stier zu unterhalten und ihn dadurch zu beruhigen, fonbern er versuchte es auf gröbere Art, indem er unerschrocken die wütende Bestie angriff und bei den Hörnern packte. Ein Moment genügte, um ihm zu zeigen, daß dieses Verfahren nicht das richtige war, denn er lag am Boden und streckte alle Viere von sich. Nun kam ein Viehhändler auf einen klugen Gedanken. Er brachte ein Seil und meinte, daß man dieses als Lasso zum (Anfängen benutzen könnte. Der tapfere La Fontaine, der sich unterdessen wieder erholt hatte, griff diesen Einfall begeistert auf, und siehe da! zu seinem eigenen größten Erstaunen fiel die geworfene Schlinge um den Hals des Bul­len. lieber diese Tat war der Stier selbst so ver­wundert, daß er sich ruhig wieder ins Schlachthaus führen ließ.

Starkes Stück.

Ein junger Handlungsgehilfe in Berlin hatte sich eine Urkundenfälschung zuschulden kommen lassen und wurde zu einem Jahr drei Monaten Gefängnis verurteitt. Der Gedanke, im Gefängnis fitzen zu müssen, war ihm entsetzlich. Lieber wollte er tot sein, das heißt, menigftens scheintot. In Urkunden­fälschung hatte er schon Erfahrungen, also kam es ihm auf einen Schwindel mehr nicht an. Er besorgte sich das Muster eines Totenscheins, füllte ihn aus und fälschte die Unterschrift des Arztes. Dann ging er zum Standesamt und meldete unter Vorlage des Totenscheins feinen eigenen Tod an. Dor dem Standesamt legitimierte er sich mit ber Jnvaliden- karte eines guten Freundes. Er hatte gedacht, um für das Gericht tot zu fein, genüge der Totenschein. Es kam aber doch heraus, und der nur auf dem Schein Tote sitzt wieder auf der Anklagebank wegen Urkundenfälschung.