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Aus der Provinzialbauptstadt

Gießen, den 13. April 1932.

Es rundfinkt.

Stein, mein lieber Rundfunkhörer, das ist in diesem Falle ausnahmsweise kein Schabernack des Druckfehlerteufels. Es wird nicht rundgefunkt, sondern esfinkt" in die Runde. Obwohl unser Trommelfell ganz auf eigene und fremde Laut» sprecherei eingestellt ist, gibt es doch noch andere und dazu noch natürlichere Ohrenschmäuse. Um nur dasAmseln" zu erwähnen, ein Flöten- konzert, das ohne Roten und trotzdem vom Blatt heruntergespielt wird. Oder wenn esdrosselt", oderstart" aus der höchsten Baumlage. Womit die Vogelschar namhaft aufgeführt wäre, die gegenwärtig ihrer Lieder süßen Mund nicht halten kann. Denn:Wes' das Herz voll, des' läuft der Mund über." Wenn man dazu noch vogelfrei durch Herkommen ist, braucht man seinen Frühlingsgefühlen keinen Dämpfer aufzusehen.

Das Bogclkonzert in diesen windfrischen Tagen hat natürlich feine Vorbedeutung. Der Schein und öfter sogar der Sonnenschein kann trügen. Aber der moderne Mensch ist so gerne vorzeichen­gläubig. Er sucht einen Glauben für sein Wähnen und sucht ihn mit Vorliebe bei den Dichtern, die sich beruflich auf alles einen Reim machen und dasFinken" alsHeroldsfanfare" in ihre Sprache übertragen, die hineingeschmettert wird in den, nach ihrer Ansicht,lachenden" Morgen, in den Sonnenschein, der es vermutlich auch des­halb so fein hat, weil er Zaungast sein darf bei diesemPfeifen, Zwitschern und Tirilieren".

Wenn die Finken schlagen, soll der Lenz nahe und unter Umständen da sein, wie es im Lied behauptet wird. Da der Buchfink als lautester Heroldsfanfarenbläfer die stärkste Schlagkraft be­sitzt, wäre er somit eine Art Reklamechef für den Frühling, obwohl eine fo alte Firma wieLenz & Co." derartige rundgefinkte Werbevorträge nicht mehr nötig haben sollte. Das Gute bricht sich von selbst Bahn, wie die Schneeglöckchen aus dem Schoß der Erde. Das Schönste an dieser Finkenschlägerei ist vielleicht nicht einmal die gesangliche Leistung, als vielmehr das, was man als Sehmann wahrnimmt... Dieses Spihwegische. Hoch oben auf einem fadendünnen Ast sitzt das. Winzig klein. Als ob eine feine Schere eine drollige Silhouette aus dem fahlblauen Himmel herausgeschnitten hätte. Wie im Däumlingsmär- chen, so putzig. Man sieht es kaum. Und singt doch so groß, so himmelstürmend, mit einer Be­geisterung, die uns Menschen nicht immer ganz begreiflich ist. Singt, als ob es um ein Star­engagement mit Höchstgage an einer Staatsoper ginge. Sicher im Ton und Einsatz. Klangvoll, daß man sieht und staunt und nicht müde wird und nicht begreifen kann: warum und wofür? Lediglich Sänger aus innerer Berufung. Aus Freude am Lied und am Dasein, an der Sonne, ilnö daß die futterknappe Zeit zu Ende gegan­gen ist.

An den Häuserfronten trommelt der Finken­schlag entlang. Pocht an die Fensterscheiben von der hochherrschaftlichen Wohnung bis hinauf zum windschiefen Dachgiebel. Und stimmt alle auf die gleiche Wellenlänge ab: auf dasStündelein, über dem die Kammer wieder voll Sonne sein wird". Voll warmer Lenzsonne! Kig.

Offenlegung

der Einheitswerie für 1931.

Rach der Rotverordnung vom 1. Dezember 1930 ist auf den 1. Sanuar 1931 eine neue, allge­meine Feststellung der Einheits­werte vorzunehmen. Diese sollen künftig auch die Grundlagen für die Vermögenssteuer, für die Grunderwerbsteuer, für die Erbschaftssteuer, sowie für die Aufbringungsumlage, dann aber auch für die Realsteuern (Grund- und Gewerbesteuer) bil­

den. Auf Grund der Reichsabgabenordnung sind die festgestellten Einheitswerte offenzulegen. 3n einer Verordnung vom 29. 3anuar 1932 werden die Einzelheiten der Offenlegung geregelt. Demzu­folge hat der Präsident des Landesfinanzamtes Darmstadt angeordnet, daß für Hessen die Offenlegung in der Zeit vorn 15. April bis 14. Mai stattfindet. Es werden offengelegt die auf den 1. Januar 1931 festgestellten Ein­heitswerte des Grundbesitzers. Die Offenlegung erfolgt in den Diensträumen der Finanzämter. Außerdem werden bei den Bürgermeistereien die Werte offengelegt, die den in der betreffenden Ge­meinde liegenden Grundbesitz angehen. Rur in denjenigen Gemeinden, in denen sich der Sih eines Finanzamtes befindet, können die Finanzämter von der Offenlegung bei der Bürgermeisterei ab­sehen. Die Bürgermeistereien haben die Offen­legung ortsüblich bekanntzumachen und zu über­wachen. Die Listen können von jedermann ein» gesehen werden. Es ist auch nichts dagegen ein­zuwenden, wenn Auszüge aus der Liste angefer­tigt werden. Rur dürfen einzelne Personen dieses Recht nicht in der Weise mißbrauchen, daß an­dere Personen in ihrem Recht beeinträchtigt wer­den. Zur Entgegennahme von Einsprüchen sind die Bürgermeistereien nicht berechtigt. Auf et­waige Auskunftsersuchen in dieser Hinsicht sind die Steuerpflichtigen darauf hinzuweisen, daß Ein­sprüche gegen die Wertfestsetzung bei dem Finanz­amt einzureichen sind. Rach Ablauf der Offen- lcgungsfrist ist diese von den Bürgermeistereien zu bescheinigen. Die Listen gehen alsdann an die Finanzämter zurück.

Oie Gewerbe- und Maschinenbauschule im Jahre 1931.

Die Anstalt wurde im verflossenen Schuljahr von insgesamt 374 Schülern besucht, die sich auf die einzelnen Abteilungen in folgender Ordnung ver­teilten: Die Maschinenbauschule verzeichnete 122, der Kursus für höhere Ausbildung (Ingenieur) 42 Teilnehmer. In der Gewerbeschule nahmen in der Abteilung Baugewerbe 131, in der Schreiner­und Malerfachschule 56 und in der Schuhmacher­fachschule 23 Schüler an dem Unterricht teil.

Reben dem lehrplanmähiaen Unterricht sind Kurse für verschiedene Gewerbe eingerichtet. Diese Kurse haben den Zweck, Spezialkenntnisse zu ver­mitteln und Handwerkern Gelegenheit zu geben, sich auf die Meisterprüfung vorzuberciten. Ab­gehalten wurden: Beiz- und Pollerkursus mit 9, Maschinenkursus für Schreiner mit 12, Elektro­kursus (2 theoretische Lehrgänge) mit 36, Elektro­kursus (2 praktische Lehrgänge» mit 31, Kalkula­tionskursus für das Baugewerbe mit 14 und zwei Lehrgänge Radiokursus mit 18 Teilnehmern. Der Vorbereitungskursus für die Meisterprüfung war von 48 Schülern besucht.

Außerdem stellte sich auch in diesem Iahre die Anstalt in den Dienst der Arbeitslosen-Fürsorge. In Gemeinschaft mit dem Arbeitsamt wurden durchgeführt: Kurse für Holzgewerbe (52 Schüler), Metallgewerbe (34), Elektrogewerbe (12), Maler und Weißbinder (27), Flugzeugbau (23). Zwei Kurse für ungelernte Arbeiter waren von 34 bzw. 32 Teilnehmern besucht. Die ungelernten Arbeiter erhielten auch gleichzeitig praktischen Unterricht in den Werkstätten. Der Unterricht in diesen Kursen wurde, soweit Mittel hierfür bereitgestellt wur­den, von erwerbslosen Technikern erteilt. Im übri­gen stellten sich die Lehrer der Anstalt kostenlos zur Verfügung.

Eine bemerkenswerte Tatsache ist die, daß die Anstalt im Berichtsjahr trotz der schlechten Wirt­schaftslage verhältnismäßig gut besucht war, und daß ferner viele der Schüler über eine höhere Schulbildung verfügten. Das ist darauf zurück- zuführen, daß immer mehr Schüler höherer Lehr­anstalten im Handwerk Ausbildung und Fort­kommen suchen. In diesem Zusammenhang fei an die Verhandlungen mit dem deutschen Handwerks­kammertag in bezug auf die Ueberführung von

Abiturienten in das Handwerk unter erleichterter Lehrausbildung erinnert.

Den guten Schulbesuch verdankt man auch zwei wichtigen Privilegien, welche die Anstalt seit die- fem Iahr besitzt, und zwar erstens, daß den Ab­solventen der Maschinenbauschule dasZeugnis der mittleren Reife" ausgestellt wird, und zwei­tens, daß die Absolventen der Gewerbeschule von der Ablegung des theoretischen Teils der Meister­prüfung befreit sind.

Diele Schüler der Gewerbeschule besuchen auch die Anstalt, um hier die Meisterprüfung theo­retisch und praktisch abzulegen. Dies ist auch für Schüler aus anderen Bundesstaaten möglich, da die hiesige Schule in diesem Sinne als Fach­schule anerkannt, und der Direktor der Anstalt gleichzeitig Vorsitzender der Meisterprüfungs- kommisfion für die Provinz Oberhessen ist.

Man hofft die Anstalt auch im laufenden Schuljahr mit Hilfe der Stadt Gießen und des Staates so weiterführen zu können, daß in vol-

Wenn Ihre

Empfehlungsanzeige

in der Freitags- oder in der Samstags­nummer des Gießener Anzeigers durch sorgfältige, wirksame Satzausstattung worhen soH

dann geben Sie sie bitte spätestens im Laufe des Mittwochs beziehungsweise Donnerstags in der Geschäftsstelle auf.

lern Maße den Anforderungen der Wirtschaft Rechnung getragen wird. Dies hofft man vor allem dadurch zu erreichen, daß die praktische Seite des Unterrichts betont wird, d. h. daß die Werkstätten und Laboratorien ständig weiter aus- gebaut werden, weil gerade dieser praktische Er­gänzungsunterricht für das in der Lehr- und Gesellenzeit Erlernte heute mehr wie je not­wendig erscheint.

Vornotizcn.

Tageskalender für Mittwoch: Stadt­theater,Romeo und Julia", 19 bis 22 Uhr. Oberheff. Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz, 15 bis 17 Uhr, Tischbein-Ausstellung. Baptisten» gemeinde, 20.15 Uhr, Gartenstraße 13, Vortrag über:Im Endgericht". Lichtspielhaus, Bahnhof­straße:Mädchen in Uniform".

Der Goethe-Bund veranstaltet, wie man uns schreibt, am Freitag, dem 100. Geburts­tage des großen deutschen Dichters und Künstlers Wilhelm Dusch, einen Busch-Abend. Der aus­gezeichnete Duschsprecher Hans D a l z e r ist hier­für vom Goethe-Dund gewonnen worden und hat unter dem GeleitwortHeiteres und Rachdenk- liches aus Wilhelm Dusch" ein literarisch und sprechkünstlerisch interessantes Dortragsprogramm aufgcstellt. Auch mit dieser Veranstaltung wird der Goethe-Dund seinen Mitgliedern und den Gießener Literaturfreunden einen genußreichen Abend bereiten. Aber nicht allein aus diesem Grunde ist der Besuch dieser Busch-Gedenkfeier be­sonders zu empfehlen, sondern vor allem auch, weil es wiederum gilt, einen der Großen aus der deutschen Dichtkunst würdig und gebührend zu ehren. (Siehe heutige Anzeige.)

* Dierpreisfenkung und Preista­feln. Das Polizeiamt teilt mit: Wer Vollbier ausschenkt, ist verpflichtet, in seinem Wirtslokal

eine Preistafel an leicht sichtbarer Stelle aufzw« hängen, auf der der Dierpreis für jede in dem Geschäftslokal ausgeschenkte Maßeinheit Vollbie« nach dem Stand vom 8. Dezember 1931 und der herabgesetzte Preis vom 26. März 1932 ab er­sichtlich ist.

"Die ABC-Schützen der Gießener Schulen. Gestern begann wieder die Schule, für viele Kinder begann sie zum ersten Male. In der Pestalozzischule wurden 216 Knaben (im Vor­jahre 172) neu aufgenommen. In der Schiller­schule betrug die Zahl der neuaufoenommenen Mädchen 197 (182) und in der Goetheschule kamen 155 (154) Kinder (78 Knaben und 77 Mädchen) zur Aufnahme.

** Vergünstigung im landwirtschaft­lichen Fortbildungsschulwesen. Wie das Kreisamt Gießen im neuesten Amtsverkündigungs- blntt bekanntgibt, mußten infolge zwingender Ab­baumaßnahmen in Hessen neun landwirtschaftliche Schulen eintiaffig werden. Von dieser Maßnahme wurden auch die landwirtschaftlichen Schulen in Lich und Grünberg betroffen. Rach einem neueren Erlaß des Ministers für Küktus und Bildungswefen können für die Folge solche Fortbildungsschüler, die im zweiten Winter nach der Entlassung aus der Volks­schule in die landwirtschaftliche Schule noch nicht ausgenommen werden können, trotzdem jetzt schon von dem Besuch der Berufsschule befreit werden, wenn die Eltern dieser Schüler an den Schulvor­stand die schriftliche Erklärung abgeben, daß ihre Söhne vom dritten Winter ab in zwei aufeinander- folgenden Winterhalbjahren die landwirtschaftliche Schule besuchen. Gleichzeitig müssen sich die Eltern dieser Schüler verpflichten, daß der Besuch der Be­rufsschule nachgehott wird, falls aus irgendeinem Grunde der Eintritt in die landwirtschaftliche Schule nicht erfolgen konnte.

** Provinzialausschuß-Sitzung. Am Samstag, 16. April, 8.30 Uhr beginnend, findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gie­ßen, eine öffentliche Sitzung des Provinzialaus- schufses der Provinz Oberhessen statt mit folgen­der Tagesordnung: 1. Klage des Fridolin Brettschneider in Obbornhofen gegen den Bescheid des Kreisamts Gießen vom 5. Februar 1932 wegen Versagung des Wandergewerbe­scheins. 2. Klage des Hermann Stein in Lich gegen den Bescheid des Kreisamts Gießen vom 13. Februar 1932 wegen Entziehung der Erlaubnis zum Betrieb einer Gastwirtschaft in Lich. 3. Klage des Bruno Emil V i e r i g in Dad-Rauheim gegen den Beschluß des Kreis­amts Friedberg vom 20. Ianuar 1932 wegen Versagung der Erlaubnis zum Betrieb einer Gastwirtschaft in dem Vorgarten seines An­wesens Ecke DahnhofsalleeFrankfurter Straße (HotelRoyal-Excelsior"). 4. Klage des Be­zirksfürsorgeverbandes der Stadt Stettin gegen den Dezirksfürsorgeverband des Kreises Gießen auf Erstattung von FürsSrgekosten für Hans Schur. 5. Klage des Dezirksfürsorgeverbandes der Stadt Gießen gegen den Dezirksfürsorgever­band des Kreises Alsfeld auf Erstattung von Pflegekosten für Katharine Scholl aus Höingen.

** Thüringen-Hessen. Man schreibt uns: Nachdem schon im September 1931 mehrere Mit­glieder des Thüringischen Rennsteigvereins zum hessischen Rennweg und weiter zum Rhein gewan­dert sind, findet eine neue Wanderung dieser Art in der laufenden Woche statt. Dabei soll am Sonn­tag, 17. April, ein Zusammentreffen mit dem BHC. Gießen an der Rödersburg bei Höingen und der weitere Marsch nach Staufenberg statt- finben. Schluß: Sonntag abend in Gießen. Gäste können sich bei dem Schriftführer des VHC., Herrn Faber, Marktplatz, anmelden. (Siehe heutige Anzeige.)

** D i e Maul- und Klauenseuche. In Köddingen (Kreis Schotten) ist die Maul- und Klauenseuche erloschen. Die angeordneten Sperr­maßnahmen wurden aufgehoben. Der Kreis Schot­ten ist wieder seuchenfrei.

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Vornan von 3- Schneider-Foerstl.

Urheber-Rechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau.

26. Fortsetzung. Rachbruck verboten!

Seine Rerven versagten. Er legte den Kopf in die Arme und weinte wie ein Knabe.

Gegen Mitternacht erwachte Dr. Wander und sah einen weißen Kittel am Fußende seines Bettes schimmern. Einer der Kollegen, dachte er, und war für den Augenblick ganz der Meinung, er habe Dienst und sei in einem der Stühle des Aerztezimmers eingeschlafen.

Wie spat ist es?" fragte er, fühlte, wie etwas seinen Hals beengte und tastete mit den Fingern darnach.

Es geht auf zwölf Uhr!" sagte eine Stimme, die jetzt dicht neben ihkn zu hören war.Lassen Sie den Verband ruhen." Kräftige Finger zogen die seinen herab.Wenn Sie Schmerzen haben, können Sie ein Pulver bekommen."

Zu toll, dachte er und strengte sein Gedächtnis an. Verdammt noch einmal, wenn man so gren­zenlos müde war, daß sich das Gehirn nicht ein­mal bis zum verflossenen Morgen zu erinnern ver­mochte. Soviel war jedenfalls gewiß, der Arzt, ber neben ihm wachte, war Margret Recklinhaufen. Wahrscheinlich war von den anderen niemand ab­kömmlich gewesen. Es war ohne Zweifel ein gro­ßes Opfer, d as sie ihm da brachte.

..Wenn Sie mir vielleicht etwas Wasser geben möchten", sagte er.

Er fühlte seinen Kopf gehoben und etwas Kühles emgeflößt. Wie beschämend das war, so hilflos zu sein. So sehr er sich auch anstrengte, es glückte ihm nicht, die Arme zu heben und das Glas selbst an den Mund zu halten.Danke!" sagte er und kämpfte verzweifelt gegen die Mattigkeit, die alle seine Glieder so wehrlos ohnmächtig erschlaffen

Wonnesam kühle Finger drückten ihm den Kopf die Kissen zurück.Sie werden jetzt wieder schlafen , befahl die Frauenstimme über ihm. ..In Tagen ist alles in Ordnung. Gute Rächt!

Margret beugte sich horchend über ihn. Als kerne Antwort kam, legte sie die Finger um Wan­ders Handgelenk und zählte die Pu^fchläge Sie waren schleppend langsam: aber doch nicht so be- 5?gstigend schwach, daß irgendwelche Gefahr Bc- ftanfr Erne Weile betrachtete fie den Schlafenden mitAugen, in denen ein eigentümliches Leuchten

Wer ihr gesagt hätte, daß sie einmal allein mit ihm eine Rächt in seiner Wohnung blieb. Das Leben hatte Zufälle, die direkt sinnwidrig waren! Oder nicht sinnwidrig? Ein Lächeln ging

über ihr Gesicht. Die Hauptsache war, daß er sich jetzt gesund schlief. Morgen war dann eine Krankenschwester um ihn. In spätestens einer Woche konnte er wieder seinen Dienst in der Kli­nik versehen. Vielleicht war es dann auch wieder vergnüglicher mit ihm umzugehen. Die letzte Zeit hatte er sie wirklich angeknurrt wie eine Dogge, bie immer sprungbereit war, sie anzufallen.

Margret!" sagte Wander aus schweren Träu­men.

Sie schrak zusammen und bekam wieder die Falten auf der Stirn, die so abweisend und un­nahbar machten. Sie setzte sich in einen Stuhl ber an bas Fenster gerückt stand und sah mit zu- sammengezogenen Brauen nach ihm hinüber. Viel­leicht war es das Beste, gar nicht zu warten, bis .er seinen Dienst wieder antrat, sondern noch vor­her um ihre Entlassung nachzusuchen. Dann war sie schon aus der Klinik, bis er wieder die Ober­aufsicht übernahm. Schließlich hatte es ja auch eventuell noch Zeit sie horchte plötzlich nach dem Garten, der als schmaler Streifen an Wan­hers Haus entlanglief und schnellte in der nächsten Sekunde auf.

Das war doch?

Sie warf einen raschen Blick nach dem Bette und schob die Decke, die etwas herabgeglitten war, sorgfältig über Wanders Brust hinauf. Ehe draußen noch die Klingel anschlug, hatte sie schon selbst die Türe geöffnet.Suse, du!"

Die blonde Schwester kam ihr entgegen, lehnte sich, unfähig, noch länger auf den Füßen zu stehen, an bie Wand und brach in Tränen aus.

Stehl es fo schlecht um bie Mama?" Margret suhlte nun selbst, wie ihr bie Knie zu brechen drohten. Die Jüngere am Arme fassend, schüttelte sie diese in tödlicher Angst.

Suse verneinte mit einer knappen Bewegung unb sah sie aus verschwollenen Augen an. Lebt er?"

Doktor Wanber?"

3a!

»Wie hast du überhaupt erfahren, bah er krank ist?" forschte Margret ärgerlich.Und bann biefe Unbesonnenheit! Was hast bu nachts in seiner Wohnung zu schaffen? Weiß bie Mama überhaupt, bah du nach München gefahren bist?"

Diesmal kam ein Ricken.Lenore hat nach Hause telephoniert, baß Wander verunglückt ist. Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Ich mußte wissen, wie es ihm geht!"

Margret hatte bie Schwester tiefer in den Gang gezogen und das nächstliegende Zimmer geöffnet. Wenn jemand Kenntnis davon bekam, daß sie hier war! Es war nicht auszudenken!Setz dich!" befahl sie barsch.Du benimmst dich unglaublich. Hast bu benn gar keine Ehre unb kein Scham­gefühl im Leibe?"

Suse wollte aufsahren, aber ber Blick ber Aelteren trieb ihr ein dunkles Rot auf bie Wangen.Du mußt nicht immer das Maß nach

dir selbst nehmen", sagte sie weinend.Ich habe ihn doch lieb!"

Wander?" Suse ahnte nicht, warum Margrets Mangen sich plötzlich verfärbten.

3a, ihn! Wenn bu selbst keinerlei Gefühl im Herzen trägst, so darfst bu es doch' wenigstens mir nicht verübeln, wenn ich anders geartet bin als du!"

Warum spricht sie nichts, dachte Suse. Sie sah scheu nach ber Schwester hinüber unb machte bann einige Schritte auf sie zu.3etzt kann ich dir auch sagen, was mich in Wanders Arme trieb. Es war bie Lüge, mit der Malnow mich hinter­gangen hat."

Malnow hast bu auch geliebt?

3a, Margret! So geliebt, baß ich in meinem ganzen Leben kein solches Gefühl mehr für einen Mann aufbringen werbe. Aber er hat es nicht ber bient. Er hat mir ver­schwiegen, baß schon ein Kind da ist. Mit dem hätte ich mich in seine Zuneigung teilen sollen. Sieh mich doch nicht so entgeistert an! 3ch habe selbst mit ihm darüber gesprochen, und er hat es nicht geleugnet.

Margret fühlte sich plötzlich so schwach, daß sie am Fensterkreuz Stühe suchen muhte.Und des­halb --weil Malnow dich enttäuschte--

wechselst du zu Doktor Wander über!

Du hast kein Recht, mich zu verurteilen! rief Suse.3ch bin nicht wie Lenore, die alles trägt, was man ihr zufügt."

Als Margret gebietend bie Sjanb hob, schwieg sie.Hat Doktor Wander dir ein Versprechen gegeben?

Versprechen?--Rein!"

War zwischen euch von Liebe oder Ehe die Rede?

Rein, sagte die 3üngere zum zweiten Male. Es klang eher trotzig als beschämt.Aber ich habe den Eindruck, daß ich ihm nicht unsympathisch bin. 3ch habe mir vorgenommen, um ihn zu werben."

Dazu bist bu zu spät baran! erwiderte Mar­gret kühl.Er hat mich bereits gefragt, ob ich einwillige, seine Frau zu werden."

Margret!" Wo sie stand, an demselben Fleck glitt Suse zu Boden.

Die Aeltere rührte fein Glied. Sie hörte das Wimmern der blonden Schwester und sah, wie diese auf den Knien zu ihr hergekrochen kam. Margret! Hilf mir doch!"

3$ wüßte nicht, wie ich dir helfen könnte!"

Laß ihn mir!

«Rein! Dazu ist er mir zu gut! Rur als Ersatz für Dieter Malnow! Du sagtest selbst, du könntest keinem wieder so zugetan fein, wie ihm. Laß also deine Hand gefälligst von dem Manne, dessen Liebe mir gehört."

Er weiß nicht-- stammelte Suse.

Was weiß er nicht?" forschte Margret harten Tones.

Daß du kein Herz haftl"

Die Aeltere erblaßte. Für den Bruchteil einer Sekunde schien sie zu schwanken.Heber meine Gefühle bin ich dir keine Rechenschaft schuldig", verwies sie bie Schwester, horchte nach der Türe, die in Wanders Schlafzimmer führte unb bämpfte ihre Stimme zu einem Flüstern.Sufe wenn du mir gesagt hättest, daß er dich liebt, bah fein Glück davon abhängt, dich zu besitzen unb das deine darin bestünde, ihm anzuge­hören, ich würde keine Sekunde zögern, zurück­zutreten, um dir und ihm den Weg freizumachen. So niedrig mußt du mich nicht einschätzen, daß ich nicht entsagen könnte, wenn er für dich alles und für mich nichts übrig hätte. Ich wäre zu stolz, auch nur mit einem Gedanken um einen QKann zu werben, dem ich nichts gelte. So aber weih ich, baß ich ihm etwas bin. Für dich aber ist er nur der Rachfolger Malnows." Margret!" Die Jüngere umklammerte die Knie ber Schwester unb schluchzte in Verzweiflung. Sage ihm nicht, baß ich hier war."

Darüber kannst bu beruhigt sein! Er wirb eS nicht erfahren!" versprach die Aerztin, fühlte, wie eine ungewollte Weichheit ihr Mitleid für bie Schwester cufbrängte und sie zu sich empor­heben lieh.Komm!" Sie zog bie Willenlose in einen Stuhl unb behielt deren Hände zwischen den ihren.Das hätte zu keinem Glück geführt", mahnte sie tröstend.Oder glaubst bu, daß bu von heute auf morgen Dieter Malnow vergessen kannst?"

Riel" weinte Suse fassungslos.

Siehst bu!--Ganz abgesehen bavon, baß

es Sünbe ist, einem Manne von Liebe zu sprechen, wenn man noch einen anderen im Herzen trägt. Du hättest selbst keine Ruhe und keinen Frieden dabei gefunden. Daß du Malnow nicht mehr heiraten willst, ist mir schließlich begreiflich obwohl Suse, du bist doch jetzt das Kind nicht mehr, mit dem man nicht über derlei sprechen könnte. So etwas kommt duhendmal vor im Leben. Deswegen ist er noch nicht so ohne wei­teres zu verdammen. Aber geh jetzt! Ober warte! Ich bringe dich in meine Wohnung. Du schläfst dich aus, und Lenore bringt dich morgen zu Mama zurück."

Ich wünsche dir alles Glück der Erde, Mar- fret!" sagte Suse vom Weinen geschüttelt und ing draußen im Flur noch einmal am Hals der Schwester.

Du mußt dich beruhigen, mahnte diese.Es weih niemand um dein Kommen, als ich allein!"

Und du trägst mir nichts nach! bat Suse.

An das brauchst bu nicht zu denken!" sprach die Aeltere gütig.

iln& bu verachtest mich auch nicht deshalb?"

Ich verachte dich nicht, Kind! Ich bemitleide dich nur." Sie nahm das verweinte Gesicht zwi­schen die Hände unb kühte den zuckenden Mund, der so hilflos unter dem ihren bebte.

(Fortsetzung folgt)