nr.267 Kvühaussave
182. Zahrgang
Samstag, 12. November 1932
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Gichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Chefredakteur
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.Tbyriot; für den übrigen Teil Crnst Dlumschem und für denAn- zeigenteil i. D. TH.Kümmcl lämtlich in (Biegen.
Kein Fortschritt der Berliner Verhandlungen.
Roch keine Einladung an die Parteiführer.
Berlin, 11. Nov. (CNB.) Ein Berliner Mit- tagsblatt will wissen, daß Reichskanzler v. Popen die Führer einer Reihe von Parteien bereits gestern abend zu den Besprechungen eingeladen habe, zu denen ihn der Reichspräsident bei dem gestrigen Empfang autorisiert hat. Wie wir von unterrichteter Seite erfahren, ist diese Nachricht falsch. Der Kanzler hat bisher noch niemand ei n g e l a d e n. Es kamen bisher auch noch keine derartigen Besprechungen in Frage, da der Kanzler durch die Verhandlungen mit den Ministerpräsidenten vollauf in Anspruch genommen war. Es ist zu erwarten, daß die ersten Besprechungen am Sonntag stattfinden, und daß sie a m Dienstag nach der Rückkehr des Reichskanzlers aus Dresden fortgesetzt werden.
Oer „Angriff" fordert erneut die Führung für Hitt« r.
Berlin, 11. Rov. (511.) Der „Angriff" beschäftigt sich in seiner heutigen Ausgabe nochmals mit der Frage der nationalen Konzentration und erklärt dazu u. a.: Die Tatsache, daß der Reichspräsident den eben vom Volk verworfenen Reichskanzler weiter stützt und mit der Führutlg derBerhandlungen betraut, lann die verhängnisvollsten Folgen haben. Sie ist jedenfalls nicht geeignet, das Ansehen des Reichspräsidenten wieder zu kräftigen, sondern muß im Gegenteil in weiten Kreisen den Eindruck erwecken, als ob der Reichspräsident nicht in der Lage wäre, selbst noch aktiv in die Politik einzugreifen. Zur Führung kann immer nur der Stärkste berufen sein. Das kann nur der Rationalsozialismus, kann nur Adolf Hitler sein. Es ist notwendig, diese Dinge schon heute klar herauszustellen, um neuerlichen Versuchen vorzubeugen und den Rationalsozialisten die Schuld am Scheitern der „nationalen Konzentration" in die Schuhe zu schieben und unter diesem Dorwand den Reichstag erneut aufzulösen. Wir verlangen nichts als die Staatsführung, den Reichskanzlerposten, wie er uns kraft unserer Stärke zukommt. Alle für die „nationale Konzentration" in Betracht kommenden Gruppen, mit Ausnahme des anmaßenden Klüngels um Hugenberg und den Herrentlub, wären auch bereit, die Berechtigung dieses Anspruches anzuerkennen. Wenn also die Einigung scheitert, so ist es lediglich die Schuld der Deutschnationalen und ihrer verwandten Kreise.
Oie Oeuischnationalen zur Forderung der RGOAp.
Berlin, 11. Nov. (TU.) Die „Deutschnationalen Mitteilungen" antworten auf die Ausführungen des „Angriffs": „Der „Angriff" des Herrn Goebbels schreibt: Hugenberg 'sabotiert die nationale Konzentration". In seiner aufgeregten Sprache verlangt der „Angriff" dann die Staatsfuhrung, den 'Re ichskanzlcrp osten für Adolf Eitler und erklärt mit dem nächsten Atemzuge, wenn also die Einigung scheitert, so ist es lediglich die Schuld der Deutschnationalen und ihrer verwandten Kreise. Daß der „Angriff" bereits vorher, ehe die Verhandlungen überhaupt begonnen haben, die Schuldfrage fcft3ulegeii versucht, verrät ein sehr schlechtes Gewissen. Was mir Deutschnationalen von uns aus zu dem Angriff von Goebbels zck bemerken haben, richtet sich gegen den schweren Vorwurf, Hugenberg sabotiere die nationale Konzentration. Das genaue Gegenteil ist richtig: Erst seit Hugenberg spricht man überhaupt von nationaler Konzentration. Der Nationalsozialismus war es, der sich damals von seinem einzigen Bundesgenossen trennte, der es wirklich offen und ehrlich mit ihm gemeint hat. Jetzt glaubt Goebbels, der DNVP. Sabotage der nationalen Konzentration vorwerfen zu dürfen. Der Standpunkt Hugenbergs gegenüber der Frage der nationalen Konzentration hat sich auch heute nicht um einen Grad verändert. Auch heute können wir nur das eine Ziel, daß die vereinten nationalen Kräfte den Wiederaufstieg DeWidjlands herbeisühren. Unerbittliche Gegner sind st^och die Deutschnationalen gegenüber allen mit noch so vielen Schlagworten propagierten Versuchen, das Weimarer "System aufs neue dadurch zu stabilisieren, daß die Macht des Reichspräsidenten v. Hindenburg eingeschränkt und die Regierung in die alte Abhängigkeit der Parteien gebracht wird.
Wie denkt sich das Zentrum die nächste Entwicklung?
„Die Parteiführer haben das Wort."
Berlin, 11. Rov. (TU.) 3n der Zeitung „Der Deutsche" schreibt der Mainzer Zentrumsabgeordnete Dr. Bockius unter der lieber- schrift „Wann begreift Papen?", nachdem er sich mit dem Ergebnis der Reichstagswahl beschäftigt hat, u. a.: Sicher ist, daß mit dieser Regierung die Einigung des Volkes absolut unmöglich ist. Was ist sofort nötig? Daß die Parteiführer sich vorerst mindestens auf ein Fahr über die zu ergreifenden roirt- schaftlichen Ma ßnoHmen einigen. Die
Parteiführer werden dann direkt mit dem Reichspräsidenten sprechen müssen, der dann in der Lage ist, sich unabhängige Männer als Regierung zu berufen, von denen er überzeugt fein kann, daß sie auch das Vertrauen des Reichstages sich erwerben können. Das Ziel müßte sein, wenn auch nicht sofort, so doch später, eine Unterstützung einer autoritären Regierung von den Rationalsozialisten bis zu den Sozialdemokraten zu erhalten. Es genügt vollständig, daß die Regierung, die neu auf dieser Basis gebildet wird, von den Parteien toleriert wird. Richt diese Regierung, sondern die Parteiführer, denen die Initiative zufällt, haben nun das Wort.
Braun beim Reichskanzler.
Noch keine Einigung —Die Ausiprachc wi d fo tqesctzi.
Berlin, 11. Nov. (TU.) Heute mittag hat die angekündigte Unterredung zwischen dem Reichskanzler v. Papen und dem preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun stattgefunden, in der die Versuche fortgesetzt wurden, zu einer Einigung über die Auslegung des Leipziger Urteils zu kommen. Die Unterredung dauerte über eine Stunde, lieber den Inhalt der Besprechung wird offiziell nichts bekanntgegeben. Man hört nur, daß auf Wunsch des
Reichskanzlers die Aussprache in der nächsten Woche fortgesetzt werden soll. Die Pause in diesen Unterredungen ist durch die süddeutsche Reise des Reichskanzlers bedingt. Aus der Vertagung der weiteren Aussprache scheint jedoch hervorzugehen, daß die strittige Fragender offiziellen Wiedereinsetzung -der preußischen Staatsminister in ihr Amt auch bei der Unterredung mit dem Reichskanzler bisher nicht bereinigt werden konnte. Sie Fühlungnahme mit den Ländern.
Berlin, 11.Rov. (TU. Funkspruch.) Die Besprechung des Reichskanzlers mit den Ministerpräsidenten Bayerns, Sachsens, Württembergs und Badens war am Freitag kurz nach 21 Uhr beendet. An ihr nahmen ferner der Reichsinnenmini st er und der Reichsjustiz mini st er sowie die hiesigen Bevollmächtigten der genannten vier Länder zum Reichsrat teil. Zur Erörterung stand die allgemeine politische Lage unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zwischen Reich und Ländern. Dabei wurde im Hinblick auf die am Samstag stattfindende Sitzung des Derfassungsausschusses des Reichsrats vor allem auch die Lage in Preußen besprochen. Beschlüsse wurden, wie verlautet, entsprechend der Art der Unterredung nicht gefaßt. Auch ein amtlicher Bericht wurde nicht ausgegeben
Schuldenverhandlungen mit Amerika.
Neuregelung der Kriegsschulden, eine Voraussetzung für das Gelingen der Weliwirikbastskonferenz.
Oie britische Tlou
Washington, 11. Rov. (WTB.) Außenminister S t i m s o n gab heute bekannt, daß er vom britischen Botschafter ein Memorandum in der Kriegsschuldenfrage erhalten habe. Die englische Rote schlägt eine Ausdehnung des Hoover-Moratoriums vor. Der Inhalt der Rote wird aber vorläufig nicht veröffentlicht, da England zunächst die Ansichten Stimsons über die Art und Zweckmäßigkeit einer Veröffentlichung abwarten will. Die Rote ist im Hinblick darauf erfolgt, daß die demokratische Regierung erst im nächsten Frühjahr das Amt übernehmen werde. Bei einem Siege Hoovers hätte man vielleicht sosortdie Schuldenverhandlungen eröffnet. Man hofft, daß Amerika den englischen Vorschlag annehmen werde Die Sachverständigen für die Weltwirtschastskonferenz haben ihren Regierungen vertraulich gemeldet, daß zunächst eine Einigung über bie® rund- züge einer Schuldenregelung erfolgen müsse, ehe die Weltwirtschaftskonferenz erfolgreich
ihre Aufgabe lösen könne. Der Plan, die Schulden durch eine große internationale Anleihe abzulösen, stammt aus Kreisen der Bank von England, ist aber noch nicht von der englischen Regierung angenommen worden. Die englische Rote wird mit den Härten und Ungerechtigkeiten der jetzigen Abkommen begründet.
Auch Frankreich bittet um Verhandlungen.
Paris, 11. Rov. (TU.) Der im Zusammenhang mit den französischen Schuldenzahlungen an Amerika angekündigte Schritt der französischen Regierung in Washington ist im Laufe des Freitags erfolgt. Die Rachrichten-Agentur Havas teilt mit, daß die französische Regierung u m einen vorläufigen Zahlungsaufschub der am 15. Dezember fälligen Zinszahlungen ersucht und gleichzeitig um die Aufnahme von Verhandlungen über eine Reuregelung der Schuldenzahlungen gebeten habe.
Der Generalstreik in Genf proklamier!.
Auf 24 Stunden beschränkt—Sonst Ruhe in der Schweiz.
Unser Bildtelegramm zeigt den Platz vor der Ausstellungshalle, wo nach einer politischen Versammlung die schweren Zusammenstöße zwischen Sozialisten und Kommunisten und dem Militär ftattfanden, wobei 12 Personen getötet und 65 verletzt wurden.
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Dem, 11. Rov. (WTB.) Die Rächt zum Freitag ist in Geirs und der übrigen Schweiz vollkommen ruhig verlaufen. Die Trupp, n- aufgeböte brauchten nirgends einzugreifen. Der Bundesrat hat heute mit Rücksicht auf die Genfer und Lausanner Vorfälle beschlossen, sämtliche Zivilpersonen, die sich der in Artikel Hl des Militärstrafgesetzes aufgezählten Delikte schuldig
machen, dem Militär strafrecht zu unterstellen. Auf Grund eines Beschlusses des Staatsrats von Lausanne werden heute um 16 Uhr in Morges folgende T r u p p e n m o b i 1 i s i e r t: Stab des Kavallerie-Regiments I und die Dragonerschwadronen I, III und IV. Die Haftentlassung des Rationalrats Ricole, der im Zusammenhang mit den Unruhen wegen
Vergehens gegen die Sicherheit des Staats verhaftet wurde, ist von der Untersuchungskarnmer wegen des kriminellen Charakters der Angelegenheit abgelehnt worden.
Wider alles Erwarten hat der unter dem Vorsitz von Rationalrat R o s s e l c t versammelte Ausschuß des Gewerkschaftsverbandes bes Kantons Genf am Freitagabend mit 87 gegen 58 Stimmen bei einigen Enthaltungen beschlossen, am Samstag den Generalstreik zu erklären. Die Dauer des Streiks ist auf 24 Stunden beschränkt worden. Es scheint, daß die Befürworter des Streiks, die, wie es zuerst schien, in der Minderheit waren, im letzten Augenblick die Mehrheit gewannen und diesen Beschluß herbeiführten.
Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz hat eine Kundgebung erlassen, in welcher zur Veranstaltung sofortiger Protestve rsam m- lungen aufgefordert wird, „um der Genstr Arbeiterschaft in ihrem schweren Kampf für die Selbstbehauptung beizustehen und die Solidarität des klassenbewußten Proletariats zu beweisen. Auch die Kommunistische Partei der Schweiz erläßt einen Aufruf, in dem zu Massenkundgebungen aufgefordert wird. Der Ausschuß des Schweizerischen Gewerkschastsbun- des nahm zu den Ereignissen in einer Kundgebung Stellung, in der er gegen das Einsetzen von Militär gegen die demonstrierende Volksmenge und insbesondere gegen die Verwendung von gefährlichen Schußwaffen protestiert und die Arbeiterschaft auffordert, ruhig Blut zu bewahren und sich unter keinen Umständen provozieren zu lassen.
Ern Deutscher in Frankreich zum Militärdienst eingezogen?
Hamburg, 11. Rov. (TU.) Den „Hamburger Rachrichten" wird berichtet: Am 5. Ro- vember b. I. wurde der deutsche Artist Meinrath Stey in Paris, wo er sich in Ausübung seines Berufes aufhielt, von den französischen Behörden festgenommen mit der Begründung, er sei französischer Staatsangehöriger und habe daher in Frankreich seiner Militärpflicht zu genügen. Stey soll inzwischen nach Rouen gebracht und dort in ein Infanterieregiment eingereiht worden sein. Wie verlautet, befand sich Stey im Besitz eines einwandfreien deutschen Reisepasses, aus dem hervorgeht. daß er am 3. Oktober 1908 in Eßlingen am Reckar als Sohn des Alwin Stey geboren wurde. Vater und Sohn besitzen bie toürttem- bergische Staatsangehörigkeit unb sink) in Hirsau (Oberamt Calw) zuständig. Der Vater des Verhafteten wurde am l.Juli 1887 in Pfalzburg bei Saarburg geboren unb hat a l s Württemberger den Weltkrieg auf deutscher Seite mitgemacht. Er weilt zur Zeit in Hamburg und spielt mit einer Schaustellergruppe auf dem Hopfenmarkt.
Die Telegraphen-Union erfährt vom zuständigen Bürgermeisteramt Hirsau (Oberamt Pfalz), daß der Großvater, sowie der Vater bes Meinrath Stey am 5. März 1909 laut Ur- funbe ber Kreisregierung Reutlingen b i e württembergische Staatsangehörigkeit erworben haben. Meii^ath Stey ist am 13. Oktober 1908 in Eßlingen als Sohn des Alwin Stey unehelich geboren. Seine Eltern heirateten erst im Iahre 1909. Es steht somit einwanbfrSi fest, baß Meinrath Stey bas beutsche Staatsbürgerrecht besitzt.
Antibritische Kundgebungen in Oubiin.
Irland protestiert am Waffenstillstandetaq.
Lonbon, 11. Rov. (TU.) Am 'Freitag würbe in England und in allen britischen Ländern ber 14. Iahrestag des Waffenstillstandes unter den üblichen Feierlichkeiten begangen. In Dublin war die Waffenstittstandsfeier ber Anlaß zu wüsten Rabauszenen unb Protestkundgebungen gegen den englischen Imperialismus. In College-® reen wurde in einer Massenversammlung der Union Iack unter stürmischem Beifall der Versammlung öffentlich verbrannt. Uebcrall, wo eine englische Flagge zu sehen war, wurde sie heruntergeholt und in Stücke gerissen. Fenster, in denen Erinnerungszeichen an die flandrischen Schlachtfelder zum Verkauf ausgestellt waren, wurden von der Menge eingeschlagen. Die Republikaner drangen sogar in bie Straßenbahnwagen unb Autobusse ein unb rissen den Fahrgästen die Erinnerungszeichen herunter. Gerüchte von einem Massenangriss der republikanischen Armee auf den Waffenstillstandsumzug veranlaßten die schärfsten polizeilichen Schutzmaßnahmen. Ueber 2000 Schutzleute waren in den Straßen Dublins aufgestellt. Trotzdem kam es verschiedentlich zu Ueberfä [len auf den Umzu g. Die Republikaner riefen: Es lebe die irische Republik und nieder mit dem englischen Weltreich. Viele Personen wurden verletzt unb einige Rädelsführer wurden verhaftet. Besonderes Aufsehen erregte eine Frau, bie mit einem Stahlhelm unb einem Militärmantel ganz allein beflcibct mit einem Union 3ad durch bie Straßen zog.


