Ausgabe 
12.7.1932 Erstes Blatt
 
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Nr. 161 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 12. Zuli 1952

Sie papierschiachi. -

Die zersetzende Wirkung der feindlichen Propaganda während des Weltkrieges wird auch heute noch in ihrer Wirkung und Be­deutung für den Kriegsausgang noch längst nicht richtir eingeschätzt. Wenn auch mancher­lei Bücher oorliegen, die biographische Dar­stellungen der führenden Männer der Feind­propaganda bringen, so hat es bis jetzt do. an einem dieses Problem in seiner Gesamt heil behandelnden Werk gefehlt. Nun wird diese Lücke durch das ausgezeichnete Buch des Reichsarchivrats Hans T h i m m e :We l t - krieg ohne Waffen" (Verlag Cotta) ausgemerzt, das sich zu wesentlichen Teilen auf bisher noch nicht benutztes amtliches Ma­terial gründet. Es unterrichtet umfassend über Organisation, Inhalts Wirkung und Abwehr der Kriegspropaganda; interessante Aktenbei­gaben und Bildmaterial vervollständigen es. Welch ungeheures Ausmaß auch dieseMa­terialschlacht annahm, zeigt ein Ausschnitt aus dem Kapitel: Die Propaganda an der Front: Die Entwicklung der Technik befähigte die Front­propaganda in den letzten Monaten des Krieges zu außerordentlichen Leistungen. Auf Grund ge­nauer Mitteilungen in der Literatur der verschie­denen Länder ist es möglich, eine ungefähre Be­rechnung der von den einzelnen Ententemächten während des Krieges abgeworfenen Flugschriften zu geben. Als der amerikanische Nachrichtenoffizier Blankenhorn am 11. September 1918 eine Aufstellung über die Zahlen der bis dahin von der Entente abgeworfenen Flugschriften machte, kamen auf Frankreich 2 7 Millionen Stück. Im September wurden nach französischen Angaben 14 Millionen zur Front befördert. Für die Zeit vom 11. September bis zum Schluß des Monats macht das etwa zwei Drittel, das heißt 9,3 Mil­lionen Stück aus. Rechnet man für den Oktober, der geringere Abwurfzahlen brachte als der Sep­tember, und für den Anfang November auch nur die Hälfte der Septemberabwürfe, 7 Millionen, hinzu, so erhält man für Frankreich eine Gesamt­summe von 43,3 Millionen Flugschriften.

Nach den Miteilungen Sir Campbell Stuarts gab die englische Propagandaabteilung vom Juni vis zum 10. November 1918 18,295 Millio­nen Flugschriften zum Abwurf gegen Deutschland aus. In den vorhergehenden Mo­naten und erst recht während des Jahres 1917 hielt sich der Abwurf an der englischen Front in viel bescheideneren Grenzen. Immerhin muß man für die ganze Zeit vor dem Juni 1918 doch mindestens mit einer Million Abwürfe rechnen. Die Gesamt­zahl erhöht sich dadurch für England auf 19,295 Millionen.

Die Zahl der durch das amerikanische Heer über der deutschen Front abgeworfenen Flug­blätter gibt E. Powell auf 3 Millionen an. Rechnet man die Leistungen der verbündeten Staaten zusammen, so beträgt die Summ e der von den verschiedenen feindlichen Propaganda- zentralen ausgegebenen und gewiß auch zum größten Teil abgeworfenen Flugschriften 65,595 Millionen Stück. Das ist eine gewaltige Zahl, auch wenn man in Betracht zieht, daß das deutsche Heer im Westen, gegen das sich diese Anstrengung in erster Linie richtete, zur _ Zeit seiner größten Stärke 3,7 Millionen Mann zählte. Mehr als die Hälfte der Flugschriften ging von Frankreich aus. Freilich muß man damit rech­nen, daß ein großer Teil der Flugblätter den deutschen Soldaten nicht vor die Äugen gekommen ist. Diele Flugschriften sind vor den deutschen Gräben niedergcfallen oder, vom Winde über Wälder und Felder verstreut, durch Regen und Feuchtigkeit verdorben. Auch die abgelieferten Flugblätter befanden sich oft in einem höchst trau­rigen Zustande."

Lieber die Technik der Verbreitung heißt es: 3m Anfang des Jahres 1918 gelang den Fran-

Weltlries ohne Waffen.

8ofen eine Erfindung, durch die eine Massenver­breitung von Flugblättern auf kurze Strecken er­möglicht wurde. Sie konstruierten ein Propa- gandageschoß aus Weißblech, das nach Art der Gewehrgranaten aus dem Jnfanteriegewehr verschossen werden konnte, die sogenannte Granate V. B., auchportetract genannt. Die Reichweite der Geschosse betrug etwa 200 Meter. Sie explo­dierten in der Lust. Bei günstigem Wind konn­ten die Flugblätter noch gut 100 Meter weiterge­tragen werden. Jede Hülse hatte Raum für etwa 150 Flugblätter oder 5 bis 10 Zeitungen. Das erste Massenschießen mit der neuen Waffe wurde in der Champagne in der Rächt vom 12. auf den 13. Mai 1918 vorgenommen. Die französischen Schützen hatten den Auftrag, aus ihren eigenen Gräben näher an die deutsche Stellung heranzu­gehen, falls die Entfernung zu groß sein sollte. Es wurden in einer Viertelstunde ein bis zwei Millionen Flugblätter zu den Deutschen hinübergeschossen. Ein großer Teil der Papiermunition wird die deutschen Gräben doch wohl nicht erreicht haben. 3mmerhin wur­den bei der 1. Armee allein etwa 14 000 Flugblät­ter abgeliefert.

Der Erfolg erschien den französischen Kom­mandostellen so vielversprechend, daß sie in den nächsten Monaten von dem Propagandaschießen vorzugsweise Gebrauch machten. Eine deutsche Armee meldete eine Steigerung der Zahlen der gefundenen französischen Flugblätter um das Fünfundzwanzigfache. Der größte Mangels der Propagandagewehrgranate war ihre beschränkte Reichweite. Deshalb gingen die Franzosen daran, ein Propagandageschoß herzustellen, das aus dem leichten Feldgeschütz, der berühmten 75-Millimeter-Kanone, verschossen werden konnte. Die Versuche gelangen im März 1918. Die Flug­blattgranate hatte eine Reichweite von 4 bis 5 Kilometer. Ein neuer Aufschwung der Propa- ganda erfolgte. Die Spuren des Schießverfahrens kann man noch heute an manchen Flugblättern sehen, die bei der Explosion angebrannt wurden. Besonders ost wurden die Kanonen mit Propa­gandabroschüren und Flugblättern allgemeinen Inhalts geladen, da das Füllen der Granaten zu lange Zeit erforderte, als daß man eilige Rachrichten auf diese Weise hätte befördern kön­nen. Bei dem deutschen Vormarsch 1918 wurden neben anderer Munition auch französische Pro- pagandageschosse in reichlichem Maße erbeutet. Allein im französischen Munitionspark Cirh-Sal- sogne fand man Geschosse mit einer hal­ben Million Flugschriften, in Fismes 200 Kisten mit der gleichen Ware."

Evangelisches Jugendtreffen für Aordwest Oberheffen.

f KlosterArnsburg beiLich.il. 3uli. Unsere Klosterruine hatte am Sonntag Massen­besuch. . Die evangelische 3u gend des nordwestlichen Oberhessens (aber auch aus den übrigen Teilen Oberhessens waren 3ugendgruppen vertreten) hatte sich hier ein Stell­dichein gegeben. Besonders stark waren die ver­schiedenen Iugendbünde der Stadt und des Kreises Gießen vertreten, auch viel nichtbündische 3gend, viele Bewohner der nördlichen Wetterau, alles Freunde unserer evangelischen Sache, hatten der Einladung Folge geleistet.

3n den alten Ruinen wurde das Treffen mit einem Gottesdienst eröffnet. Der Posaunen­chor Lich blies einen Psalm, und ein Jugendchor erfreute mit dem ChorvortragKommet herbei". Wechselgesang von Jugendlichen und Gemeinde unter Posaunenbegleitung hallte in den Ruinen wider. Der an Zahl starke Licher Kirchengesang- verein hatte mit Lehrer Stein den Chor ein- geübtLobt Gott getrost mit Singen", und mit dankerfülltem Herzen lauschten die Zuhörer der

Weise. Der hessische Landesjugendpfarrer Lic. von der Au (Darmstadt) predigte über das Dibelwort aus dem 2. Korintherbrief 6, V. 16: Ihr seid der Tempel des lebendigen Gottes". Gemeindegesang, Chorvortrag und das Posaunen- spielIch hebe meine Augen auf..beendeten die Feierstunde.

Den Rachmittag füllten Spiel, Tanz, Reigen und Volkstänze der Jugendgruppen aus. Unter dem Dlätterr au scheu der alten Buchen des Klosterwal­des führten oberhessische Jugendliche der Volks­hochschule Hohensolms, geleitet von Lehrer Dr. Kammer, jetzt in Dillingen, seither Mitarbei­

ter an der Volkshochschule Hohensolms das Teil- spiel der Schweizer Bauern auf. Lebhafter Bei­fall dankte den Laienspielern für ihre Darbietun- Bcn. Viel Freude bereiteten auch die Glieder der kugendvereinigung Lich (Leitung Stiftspfarrer D r a u ö t) den Zuhörern mit der Aufführung des LustspielsPeter Sqenz". Ein Schlußwort zum Ausklang von Pfarrer Strack (Münster), an Ju­gendliche und Erwachsene gerichtet, hinterließ nachhaltigen Eindruck bei jung und alt. Leider mußten schon viele Jugendliche wegen der weiten Heimwege vorzeitig das Treffen verlassen.

Die Weihe des Heldemals von Langeniank.

Die Feier an der Ehrenmauer des Heldenfriedhofs von Langemarck, der jetzt der Obhut der deutschen Studentenschaft übergeben wurde.

Kreisfeuerwehrtag in Großen-Buseck.

LSjähriges Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Großen-Buseck.

* Großen-Buseck, 11. Juli. Es find schon zehn Jahre her, daß die Vertreter der F r e i w. Feuerwehren des Kreises Gießen zum Kreisfeuerwehrtag in Großen-Buseck weilten. Aus Anlaß des 25jährigen Bestehens der Freiwiligen Feuerwehr Großen-Buseck war am Sonntag die diesjährige Tagung nach Großen- Buseck verlegt worden.

Der Veranstaltung ging am Samstagabend ein Fackelzug durch die Straßen nach dem Festplatz voraus. Hier fand zunächst die

Begrüßung der Vertreter,

an deren Spitze der Vorsitzende des Kreisverban­des stand, durch den stellvertretenden Kommandan­ten Henkel statt. Fräulein Wagenbach brachte sodann einen sinnvollen Vorspruch sehr gut zu Gehör. Im Anschluß daran sprach der älteste noch aktive Feuerwehrmann, Abteilungsführer S ch l o s- sermeister Döring von der Großen-Busecker Wehr. In kurzen Umrissen zeichnete er ein leben­diges Bild vom Werdegang der Wehr, die mit 50 Kameraden im Jahre 1907 ins Leben gerufen

wurde, von denen heute noch 17 Mitglieder der Wehr aktiv angehörten. Er erinnerte an den Ge­meinschaftsgeist, der damals schon in hervorragen­dem Maße vorhanden gewesen sei und heute in verstärktem Maße in der Großen-Busecker Wehr fortlebe. Mit einem dreifachenHoch" auf die engere Heimat und das deutsche Vaterland schloß Kamerad Döring seine mit großem Beifall auf» genommene Ansprache.

Hierauf übermittelte der Vertreter der Freiwil­ligen Gail'schen Feuerwehr, Kommandant Münch, Gießen, herzliche Glückwünsche unter Ueberreichung einer von Kameraden der Wehr kunstvoll gearbei­teten Plakette als äußeres Zeichen der Verbunden­heit mit der Großen-Busecker Wehr. Der Vor­sitzende des Kreisverbandes, Brandinspektor W e n - 3e l, gedachte ebenfall in herzlichen Worten des Jubiläums der Wehr und brachte die Glückwünsche des Kreisoerbandes und der Gießener Freiwilligen Feuerwehr zum Ausdruck. Im weiteren Verlauf des Abends wechselten Gesangsvorträge der Gr.- Busecker Männergesangvereine mit turnerischen Ausführungen des Turnvereins Großen-Buseck mit-

Handschrift.

Von Else Laster-Schüler.

Ich habe beobachtet, daß Kinder und Große so recht in Gedanken versunken, mit der Feder, mit dem Bleistift an zu kritzeln fingen, dann ganz un­bewußt bemüht waren, schöne oder verschnörkelte Buchstaben und Worte zu schreiben; sich dann spä­ter selbst über inte Bedeutung des Geschriebenen wunderten. Auf einmal steht auf dem weißen Rand der Zeitung ein Name im Arabeskenschmuck oder blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf den Kopf gestellt, ich meine ein ^beliebiges Wort in Spiegel­schrift geschrieben. Ich habe dasselbe fesselnde Ge­fühl beim Ansehen einer interessanten Handschrift wie bei einer guten Federzeichnung oder einem Gemälde. Und doch möchte ich darum die Hand­schrift nicht mit der Malzeichenkunst in einen Far­bentopf oder in ein Tintenfaß werfen. Aber der, welcher sich verzweifelt nach einem Talent sehnt, möge es zunächst in seiner Handschrift suchen. Oft hat schon der Lehrer sie im Keim erstickt. Den meisten bleibt die Schrift nichts wie Inhalt die Nach­richt erfreut ihn, ärgert ihn, namentlich wenn sie noch dazu undeutlich geschrieben ist. Warum höre ich nie niemand sagen: Erklären Sie mir diese oder jene Handschrift. Ich meine nicht des sprachlichen Verständnisses wegen, auch nicht aus graphologi­schem Grunde; rein künstlerisch! Wie ja so oft die Frage aufgeworfen wird vor einem Bildnis. Es hat noch nie jemand von einer Handschrift den bornierten Ausruf getan:Die ist mir zu hoch!" und doch gibt es gerade Meister dieser Schulmeister- kunst. Diejenigen sind's, die sich im Klassenzimmer Strafe holten ihrer Klaue wegen. Es geht ihnen wie dem Genie, welches die Kunstschule ausspie. Handschrift ist erblich wie jedes Talent. Für mich kommt kaum der Inhalt eines Brieses in Be­tracht; ich kann mich für Den Schreiber nur feiner Buchstaben wegen interessieren. Und es geschah schon, daß ich ganz entzückt einen unverschämten Brief beantwortete und umgekehrt. Die Schrift ist ein Bild für sich und hat nichts mit dem Inhalt 3u tun. Jeder lernt schreiben, eine Menge Men­schen haben es in ihrer Handschrift zur Kunst ge­bracht. Und darum auch gibt es in keiner Kunst so viele Epigonen wie in der Kunst der Buch­staben. Für diese Nachahmer ist jeder Buchstabe ein Gestell, dem sie einen Mantel umhängen, den ein anderer gewebt hat, sie verstehen eben ihre Blöße zu bemänteln. Die alltäglichen Epigonen sich reichgewordene Frauen, die sich bemühen, ihre so oft charakteristische Ladenmädchenschrift zenti-

meterhoch heraufzuschrauben direkt zu hochmütigen Gänsehälsen. Der Mann möchte Bedeutung in seine Schrift legen und ahmt der Hand des ihm Geistig- überlegenen nach. Ungemein sympathisch berührt mich die sogenannte Tatze, die Schrift der Knaben, wenn sie den Aufsatz ins Diarium schreiben. Hier diese Zeilen hat ein Mädchen vorsichtig und sanft geschrieben. Manchmal lachen auch Briefe oder sind erbittert, die Schrift riecht fast nach Galle. Meines Freundes Brief blinzelt, eine Faunland- fchaft. Dein Onkel schreibt eine kleine, rundliche, gleichmäßige Handschrift wie Taler. Geizhals ist er, aber ein Handschriftenkünstler wie mein Freund der Faun. Interessant sind die spitz austaufen­den Buchstaben aus dieser Seite, jedes Wort ein Wolfsgebiß. Und doch kein Tiergemälde. Meine Handschrift hat als Hintergrund Den Stern des Orients. Oft sagten mir Theologen, ich schreibe deutsch wie hebräisch ober arabisch. Ich denke an Der späten Aegypter Fetischkultur; ihnen ging aus dem Buchstaben schon die Blüte auf, der Zwischen­duft, der Handschrift mit Zeichenmalkunst verbindet. Mir fallen noch die Schriften der Chinesen und Japaner ein.Die Mitternacht zog näher schon, in stummer Ruhe tag Babylon" Die plötzliche Geisterschrift an Der Wand entsetzte die berauschten Gäste, nicht der Inhalt; das furchtbare Schriftbild war es. Sie erblickten Den Inhalt Des Fluches. Da­rum ist auch das Verständnis zur Kunst ein Sel­tenes und Erhabenes es liegt uns im Gesicht und geht uns vom Gesicht aus. Die Kaufmanns­handschrift ich möchte noch vorher fragen, hat schon einer der Leser einmal ein Lebenszeichen vorn Dichter Peter Baum bekommen? Nämlich gerade bringt mir der Postbote so ein Sommerbildchen, Buchstaben: Mückenschwarm, der zerstreut in der Sonne tanzt. Seine Karte blendet. Ich bin bei Der KausmannshanDschrift phantasielos, nüchtern, sie liegt bewegungslos auf Dem Papier. Kühle Tatsache. Der kaufmännische Reisende dreht seinen Buchstaben eitel Den Schnurrbart. Stutzig machen mich Briefe, Die von einem Geschäftsmann geschrieben sind und von Der Buchführung Doppelt abweichen. In Dem Schreiber steckt sicherlich Das HanDschriftentalent. Es gibt auch Launen Der Schrift. KinDer, Die erst morgen Dem ChristkinD schreiben wollen, da sie heute nicht schön schreiben können Meiner Mutter Briefe waren schwermütige Zypressenwälder, meines Vaters Schrift reizte zum Lachen, humoristische Zeichnungen aus Dem Stru­welpeter. Kohlrabenpechschmarze Mohren ober der böse Nikolaus steckt die Jungens ins Tintenfaß; gelungene, amüsante Ueberschwemmungen von Tinte Es gibt auch Schriftinspirationen, viele Menschen berauschen sich an ihrer Schrift, und der

Inhalt, Den sie aufschreiben, ist nur Vortäuschung. Ich schreibe oft, um mich durch meine Schrift zu er­innern, meine Mutter schrieb, um zu träumen, mein Vater, um sich zu ergötzen. Meine Schwestern schrie­ben zweierlei die älteste: Reisedilder, die andere: Kinderbilder. Der einzige Plastiker der Handschrift, den ich kannte, war St. P. Hille, Petruser schrieb Michelangelos. Nicht anders ist das mystische Bild­nis als die ausgeschriebene Handschrift zu verstehen, doch die kann wie das Gemälde dilettantisch sein, wenn sie ohne Tiefe und Geist und nur als Aus­übung entstanden ist. Habe ich schon gesagt, daß es auch Stilleben in der Handschrift gibt, zehn Sei­ten lange Briefe, die fchlafen, aber deren Inhalt voll Leben sprudeln; Handschriftkünstler, die schul- akademifch erzogen und erwogen sind. Manche Buchstaben gucken neugierig. Gewissenhafte Handschriften: Wie die Buchstaben getrennt ausein­anderstehen. Der Doktor war vermutlich sehr nie­dergeschlagen, als er diesen Brief schrieb, seine Hand­schrift war Dünn aufgelegt. Hochbeglückt, glänzen die Vokale Lachende Handschrift, Sonne! Ich habe ein kleines Laboratorium von Schreibkaninchen, die ich anrege, mir Briefe zu schreiben. Sie können sich also auf meine Erfahrung verlassen, lieber Zu­hörer. Trotzdem das Manuskript dieses Aufsatzes mit schwarzer Tinte geschrieben ist, wirkt es blau, tief­blau, liebesblau. Den wissenschaftlichen, langweiligen Inhalt müssen Sie schon in Kauf nehmen seine Handschrift ist ein Liebesbildnis.

Oer Schwarzfahrer im $ ugzeug.

In Amerika ist das Schwarzfahren der Tramps auf der Eisenbahn gang und gäbe. Es hat doch schon einen blinden Passagier gegeben, Der sich an Bord DesZeppelin" geschlichen hatte. Daß es möglich sein würde, sich in einem Flugzeug so zu verstecken, daß man nicht entdeckt wird, galt als ausgeschlossen. Und doch hat es ein zwanzigjähriger Deutscher, Der Schlosser Kaiser, fertig gebracht. Er hatte sich im Ge­päckraum Des Flugzeugs versteckt und ist als blinder Passagier von Panama bis nach Miami geflogen. Hier erwischten ihn die revidierenden Zollbeamten. Er wollte sich nur auf dem Luftwege in Die Ver­einigten Staaten einschmuggeln in Der Hoffnung, in Den Staaten leichter Arbeit finden zu können als in Panama. Aber Die Einwanderungsbehörden Der Ver­einigten Staaten sind an ihre Vorschriften gebunden. Trotz allen Respekts vor dieser Rekordleistung wollen Die Vereinigten Staaten den Inhaber des Rekords nicht behalten. Er ist im Fluge ins Land gekommen und wird per Ackse dorthin zurückgebracht, von wo er kam.

Zeitschriften.

Mutter und Kind. Zeitschrift für Ernäh­rung, Pflege und Erziehung des Kindes. Verlag Elw. Staude, Osterwieck a. H. Vierteljährlich (3 Hefte) 1,65 RM. einschließlich Porto. Das Julihest enthält wieder eine Fülle interessanter und lehrreicher Bei­träge. Oberin B. Woerner schreibt einen Artikel:Um der Wende des ersten Lebensjahres", lieberAerzt- lich-Erzieherisches" schreibt Kinderarzt Dr. med. Prückner. Lotte Hirschberg-Hansen behandelt Das Thema:Soll mein Kind wissen ,Daß ich nicht seine richtige Mutter bin?" Dr. Liesegang roürDigt Die Verdienste Des ungarischen Arztes Ignaz Semmel- roeis in einer längeren Abhandlung. Es folgen dann noch Beiträge wieDie Gefahren des Sommers für Den Säugling Sachgemäße Behandlung Der Kin- Dermilch";Aus Italiens Frauen- unD Kinderwelt"; Küche ohne Feuer";Ein neues Geschirr für Die Kinderstube usw., die dazu beitragen Dürften, Der Zeitschrift neue Freunde zuzuführen.

Hochschulnachrichten.

Der ordentliche Professor für römisches und bür­gerliches Recht Dr. Hans Lewald in Frank­furt a. M. wurde in gleicher Eigenschaft an Die Universität Berlin versetzt.

Das Programm des Deutschen Histo­rikertages, der, wie bereits gemeldet, vom 1. bis 5. August in G ö ttingen stattfindet, steht wesentlich im Zeichen der Außenpolitik. Die Tagung wird sich außerdem mit der Be­schickung des Internationalen Historikertages 1932 in Warschau befassen. 2m Hinblick darauf wer­den Probleme des deutschen und europäischen Ostens in den Vordergrund rücken. Cs werden u. a. sprechen: Professor Aubin (Breslau) über die Ostgrenze des alten deutschen Reiches. Dr. Maschke (Königsberg) über die Anfänge des Rationalbewuhtfeins im deutschslawischen Grenzraum. Im Anschluß daran wird über die Minoritätenfrage debattiert werden. Professor Heichelheim (Gießen) behandelt welt­historische Gesichtspunkte der vormittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte, Professor Herzfeld (Hatte) die russische Politik am Vorabend des Weltkrieges. Das bedeutet eine Ausrollung der Kriegsschuldfrage. Jrn Hinblick auf das Göttinger Bismarckjubiläum spricht Professor Stadel- mann (Freiburg) über das Problem von Bis­marcks deutscher Politik und Professor Roth- f e l s (Königsberg) über Bismarck und der Osten.