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Nr. 108 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Dienstag, 10. Mai (952

Aus Der prvvinzialvauptfiaDt.

Gießen, den 10. Mai 1932.

llrlaubssorgen?

Die deutschen Gebirqs- und Wunder­vereine werben tür den Besuch der deutschen Dandergebiete und Erholungsstätten.

D. Red.

Mit dem Beginn deS Frühjahrs tritt für viele die Frage wieder in den Vordergrund .Wo vcr bringe ich drescs Jahr meine Ferien? Roch selten wird sie so Dielen solche Kopfschmerzen bereitet haben. Eo groß ist ja die 3at)l derer, die unfrei- willig, länger olS ihnen lieb ist, jum Feiern ge­zwungen sind, lind auch die anderen, die noch Brot und Derdienst haben, rechnen und rechnen und kommen zu keinem befriedigenden Ergebnis.

Und dabei loden die wunderbarsten Reifen nach der Schweiz. in das Land des Nordlicht». an die Blaue Adria Run, solche Fiele braucht man sich in Notzeiten nicht zu steden. Das braucht abej auch nicht gleich völligen Bericht zu bedeuten. Wenn jemals, so haben alle in der gegenwärtigen Feit, die an die Arbeit»- und Nervenkraft täg­lich gesteigerte Anforderungen stellt, eine Atem­pause. eine Flucht aus dem niederdrüdenden All­tag nötig Und cs ist tröstlich, sagen zu können, dah sic für Diele noch möglich und erschwing- lich ist .Warum in die Ferne schweifen? Lern' die Nähe erst begreifen! Und erfreut wirst du verstehn: in der Heimat cs schön!'

Mit gutem Gewissen ruft der Reicksverband Deutscher Gebirg«- und Wandervereine die Mah­nung in unser Doll' .Wandere, reife, erhole dich in Deutschland!" Können wir Deutschen nicht ein Land unser Eigen nennen, das so unendliche Schönheiten in sich vereinigt? 3m Süden, wo unsere Alpen ihre Gipfel zum Himmel heben, in unseren Mittelgebirgen nut den herrlichen Wold- und Flustlandschaften, dort .wo am Rhein die Rebe blüht" und .wo am Belt die Möve zieht", überall sind mannigfache und einzigartige Schön­heiten zu finden. Denkt an die reichen Äultur- schätze, an die köstlichen Baudenkmäler, die allent­halben von deutschem Kunstsinn, deutschem Ge- werbefleist und fester Derbundenheit mit heimischer Art künden. Und wie leicht «st das alles zu ge­niesten!

Leit einem halben Jahrhundert arbeitet die deut­schen Kebirgs- und Wandervereine an der Erschlie­ßung der verschiedenen Gebiete. Wege wurden an fli'lcgt, Zehntausende von Kilometern Wegebezeich- nungen ermöglichen sicheres Wandern von Ort zu Ort. Karten, Führer, cheiniatbucher geben Ausschluß über das Woher und Wohin, über Land und Leute. Und als Derkehrsmittcl wollen wir uns des treuen Dieners unserer Eltern und Großeltern erinnern: Schusters Rappen! Der bringt uns auch heute noch ordentlich durch das Land. lind der Wandersteden ist der Zauberstab, der die Herrlichkeiten der Welt herbeiholt. Wer es versteht, frohen Herzens zu ge­meßen, was die Stunde beut, findet auch mit fchma leni Geldbeutel immer noch seine Rechnung.

Und noch eine Mahnung: bleibt im Lande! Jede Mark, die in Deutschland umgcfehT wird, hilft zur Besserung unserer wirtschaftlichen Lage. Nicht immer die Ansicht nachbeten, man würfe nur dem Gastwirt das Geld in den Schoß! Der muß es wieder dem Bäder, dem Meßger gelten, wenn er für seine Gäste den Unterhalt beschaffen will. Da wird der Weiß­binder bestellt, um das Haus freundlich herzurichten, der Gartenzaun wird ausgebessert, Möbel, Wasche müssen beschosst werden. Und zur Bedienung der Gaste muß Bedienungspersonal gedungen werden, derJohann" oder das Zimmermädchen werden vom Arbeitsamt bezogen und kommen wieder zu Lohn und Brot. So sind gar Biele beteiligt an dem Erfolg des Fremdenverkehrs. Und fein ist es, daß

JMoieMW"

Roman von 0ert Rothderg.

Copyright by Martin Feuchtwanger, Hall«

11. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Eines Nachmittags, der Schnee fiel In dicken Floden und ein starker Sturm rih die Aeste krachend von den Bäumen, da klingelte eine kleine, etwas verwachsene Frau an dem hohen, gewölbten Dor. das zur DiUa AnSbrüd gehörte. Erich, der jüngere Diener, öffnete.

,.3ch möchte Herrn Doktor Ansbrüd sprechen", sagte die grau.

Der Diener blickte mit spöttischem Lächeln auf die verwachsene Gestalt. Er dachte: Donnerwetter noch mal, mein Herr empfängt ziemlich viel 'Damenbefuch in letzter Zeit. Erst die schöne Blonde und nun die hier. Na, ob er aber für die hier zu sprechen sein wird, ist sehr fraglich!

Die Frau sprach sehr entschieden:

»Melden Sie Fräulein Ohlen."

Verdutzt sagte Erich:

Gewiß, gnädiges Fräulein! Ditte sich etwas zu gedulden."

Er schob ihr einen bequemen Sessel hin und ging dann, um die Sache seinem Herrn zu melden. Der schroffe Don, den dieses Fräulein Ohlen angeschlagen, hatte ihn vollständig gefügig gemacht.

Doktor AnSbrück war vor einer halben Stunde erst nach Hause gekommen und hatte es sich noch nicht bequem gemacht. Er stand noch an seinem Schreibtisch und öffnete die Post, die Karl ihm wie gewöhnlich dorthin gelegt.

Etwas erstaunt blickte er auf, als es klopfte. Dann ein kurzer Zuruf und Erich erschien.

Verzeihen gnädiger Herr die Störung, aber ein Fräulein Ohlen möchte den gnädigen Herrn sprechen."

Der Brieföffner fiel auf den Schreibtisch zurück. Doktor Ansbrück sagte:

Führen Sie die Dame herein, Erich!"

Kurz darauf stand Marga Ohlen vor dem Manne, der sie betroffen musterte.

Der Diener Erich schloß mit einem neugierigen Blick die Dür.

WiNkommen! Darf ich bitten, Platz zu nehmen? Ich nehme an, dah Sie mich in einer wichtigen Angelegenheit sprechen wollen?"

Marga setzte sich nicht, so blieb auch er höflich abwartend stehen, obwohl es in ihm stürmte. Denn es war doch gar nicht anders möglich, als daß dieses Mädchen hier eine Verwandte, höchst­wahrscheinlich Aennes Schwester war und eine Nachricht brachte.

©enofientoaMtoedoerbanb Hesien-Mielrhcin.

ZahreStagung in Limburg.

WLN. Limburg, 9. Mai Dcr ® e n o f I c n fchaftszmeckverband Hessen Mittel- r h e i n hielt hier seinen von etwa 500 Vertretern besuchten Berda ndstag ab. In seiner Begru- ßungsansprache teilte der Berbandsdirektor Dr. F r a n k e n b a ch (Wiesbadens mit, daß die Be­mühungen um eine Verschmelzung der im Zwedver- band vereinigten drei Revisionsverbande Wiesbaden, Kastel und Darmstadt fortgesetzt wurden Begrü­ßungsansprachen hielten Bürgermeister Dr. Krüs- mann (Limburgs, Direktor Poppe. Direktor Dr. Bredenbreuker oon_ der Dresdner Bank in Frankfurt a. M, Bankrat Schramm als Vertreter der Preußenkasse, Professor K l a u s i n g von der Frankfurter Universität, Stadtrat Friton (Wies­badens für die Handwerkskammer, Direktor Laux von der Limburger Bank.

Alsdann erstattete der Berbandsdirektor den Rechenschaftsbericht, der erkennen läßt, daß

die dem verband angehören Öen Genossenschaften die Krise im vergangenen Jahre, von wenigen Ausnahmen abgesehen, au» eigener Kraft und mit eigenen Mitteln gut überstanden haben.

Dcr Zweckoerband weist folgenden Genossenichasts bestand auf: Wiesbadener Verband 91 Kredii und 52 Warengenossenlchasien, Kasseler Verband 22 Krc dit und 4 Warengenostenschasten, Darmstadter Ver­band 13 Kredit- und 21 Warengenostenschasten. Der Zweckverband legt Wert daraus, sich von ungesunden Genossenschaften zu reinigen und neue Genossen­schaften fernzuhalten, wenn sic den Keim der Krank heit in sich tragen.

Den Revisionsbericht erftatteic Verbandsrcoisor Richter (Wiesbadens. Durchschnittlich wird in jedem vierten Reoisionsbericht von Kredit und von jedem sechsten Bericht von Warengenossenschasten festgestellt, daß die Anregungen der letzten Revision nicht oder nur teilweise befolgt worden sind. In 55 Prozent der Berichte von Kreditgenossenschaften wurde die mangelhafte Bildung des Eigenvermögens beanstandet Bei rund 60 Prozent der Kredit, und 25 Prozent der Warengenossenschaften wurden Ucbcrschrcitungen der Höchstkreditgrenze, wenn auch viclfach nur in geringem Rahmen, festgcftellt. Be­sonders schwierige Ausgaben stellte den Genossen- schäften die fortschreitende Entwertung des Haus und Grundbesitzes. Nur selten gelang es, aus­reichende Ersatzsicherheiten zu beschaffen. Liquiditäts- schwierigkeitcn traten vor allem bei den Genossen­

schaften auf, die dauernd Bankkredite als zusätzliches Betriebskapital benutzen. Der Rcviior fchloß mit der Mahnung an die Vorstände, mit Eifer an die Be­hebung der Anstande heranzugchen.

Berbandsdirektor Letscher, (Kastell betonte im Anschluß an den Revisionsbericht, daß die Entwer­tung des Grundbesitzes in den Städten einen Um- fang erreicht habe, der ernstlich an den Grundlagen jeden Hypothekarkredits rüttele Die Versammlung nahm solgenoe Entschließung an:

Der verbandstag de» Zwedverbande» Hessen- Miltelrhein ist einstimmig der Ansicht, daß durch schnelleren Ab- und Umbau der Grundver­mögens- und der Haurzinssteuer der Entwer­tung alle» Grundbesitze» entgegengewirkt wer­den muh, damit nicht die Grundlagen de»

Hypothekarkredit» erschüttert werden. "

"Noch der Mittagspause referierte der stellvertre­tende Verbandsanwall Dr. Lang (Berlin) über das Thema:® i e kann dem Mittelstand g e halfen werde n"" Er forderte von der Reichs regierung eine Wirtschaftspolitik und von den Ban­ken eine Kreditpolitik, die dem gewerblichen Mittel­stand mehr gerecht wird, als bisher. Die Reichs- regierung habe in der Notverordnung vom Marz 1932 Ansätze zu einer mittelstandssreundlicheren Politik gemacht Aber das mehrjährige Verbot der Ncugrundung von Einheitspreisgeschäften in'Klein- und Mittelstädten, die Beschneidung des Zugabe wesens und die Sonderumsatzsteuer für Waren- Häuser seien keine Maßnahmen, welche die Lage des Mittelstandes nachhaltig verbefscrn könnten. Das wichtigste Mittel dazu bleibe die Selbsthilfe durch die genossenschaftliche Organisation

lieberGeld- und Währungsreform und die Frage des kleingewerblichen K r e b i t s sprach Pros. Dr Wehr le von der Technischen Hochschule Karlsruhe. Er erklärte, daß die Möglichkeiten, von der Gcldscite her die Wirt­schaft wieder anzukurbeln, stark überschätzt würden. Der Redner beschäftigte sich dann im einzelnen mit den verschiedenen Vorschlägen zur Reform der Wäh­rung. Er kam zu dem Schluß, daß eine Kredit crrocilerung durch planlose Notenausgabe niemals eine Erleichterung darstellen könne.

Im Anschluß an die Tagung des Zweckverbandes berieten noch die drei Revisionsverbände gesondert über ihre Iahresrechnung, die Beiträge und den Haushaltsplan.

auch der Wanderer, der Reisende, der Sommer­frischler mit bescheidenen Mitteln das große Ge- famtergebnis günstig beeinflussen kann.

Darum sei allen, die Ferienplane wälzen, ein- dringlich die alte Wahrheit zugerufen:

Erst die Erde, dann die Sterne!

Erst die Heimat, dann die Ferne!" Rr.

Haltet Disziplin auf Wanderungen!

Da die Frühjahrs- und Sommerwandcrzcit be­gonnen hat und Pfingsten vor der Tür steht, ist wohl eine Mahnung erlaubt, auch draußen, wo nicht an jeder Ecke ein Schutzmann steht, die Ordnung einzuhalten. Wenn man zur Zeit, da die lieblichste Frühlingsblume blüht, das Mai­glöckchen. hinausgeht oder heimkehrt, trifft man immer Wanderer, die die Blumen gleich pfund- weis heimschleppen. als ob der Wald ihnen allein gehörte, statt daß sie ein Sträußchen Heimbringen Wo vor wenig Jahrzehnten der Boden noch stellenweise mit Blumen überdeckt war. trifft man sie jetzt nur selten: Unvernunft hat sie ausge-

Ich möchte wissen. Herr Doktor, ob meine Schwester Aenne in der Nacht zum vierzehnten Dezember hier in diesem Hause war."

Ja! Das ist Ihnen aber doch sicherlich bereits von Ihrem Fräulein Schwester mitgeteilt worden?"

Wir wußten nur, daß Aenne von Madame Endiee gegen sieben Uhr vom Nordbahnhos aus hierhergeschickt worden ist. Sie hätte gegen elf Uhr wieder daheim sein müssen. Sic hat uns dann nur flüchtig mitgeteilt, daß sie einem Men­schen einen großen Gefallen tun werde. Mir war das gleich nicht sympathisch, denn meine Schwester ist viel au schön, um derlei Abenteuer ohne Ge­fahren für sich selbst bestehen zu können. Es scheint auch alles gekommen zu fein, wie es kommen mußte. beim meine Schwester hat uns nichts über diese Nacht erzählt. Sie ist schmal und blaß und lacht nicht mehr. Dars ich nun fragen. Herr Doktor, mit wem Aenne in dieser Nacht zusammen war. Vielmehr, wem hat sie diesen Gefallen tun müssen?"

Mir!"

Sie starrte ihn an. Ihr Gesicht wurde grau. In ihren Augen flackerte es. Vor seinem stolzen Eingeständnis wurde sie machtlos.

»Ja, aber..

Ich weiß, was Sie sagen wollen. Und Sie sind gewiß auch im Recht. Da Aenne es vorge­zogen hat, über alles Weitere zu schweigen, werde ich ihren Willen ehren und es vorläufig auch tun. Ihrem Fräulein Schwester gehört meine Hochachtung heute und immer."

Unschlüssig stand sie vor ihm. Er schien aber nicht gewillt, ihr weitere Zugeständnisse zu machen. Zom kam in die dunklen Mädchenaugen, die das einzig Schöne an Marga Ohlen waren.

Die Ausflüchte sind sehr billig, Herr Doktor Ansbrück.Ich sehe da aber nicht länger tatenlos zu, wie meine Schwester feit jener Nacht sich grausam verändert. Es muß doch irgend etwas geschehen sein, was ihr jeden Lebensmut genom­men hat."

Doktor Ansbrück zuckte zusammen. Dann sagte er:Ich will Ihnen noch anvertrauen, daß es mir auch lieber wäre, ich könnte mich Aenne jetzt schon nähern. Leider lassen die Umstände es vorläufig nicht zu. Ich werde aber eines Tages frei sein."

Er reichte ihr seine Hand, und DDarga Ohlen legte wie betäubt ihre Hand hinein. Sie sagte leise:

Ich mußte wissen, wo die Kleine war. Ich will nun wieder gehen. Leben Sie wohl."

Aus Wiedersehen, mein gnädiges Fräulein."

Er küßte ihr die Hand unb begleitete sie bis in die Halle.

Doktor Ansbrück ging in fein Arbeitszimmer zurück. Sin weiches, sehnsüchtiges Gefühl war in

rottet! Und so geht es leider mit mancher andern Pflanze auch. Wie oft findet man wcggcworfene große Büschel zwecklos, womöglich ausgerissener Blumen am Boden welken. Leider Hag'en auch die Wandervereine immer wieder, daß ihre mühe­voll angebrachten Wegezeichen ausgekratzt sind, wie jetzt von Dubenhänden am Dünsberg Und wie oft klagen mir Forstbeamte, dah das Reh gehetzt wird, selbst wenn es einen wunden Lauf hat, oder auch, daß sinnlos Vogelnester auf gelt ort werden, so daß die Brut eingeht, oder daß Holzbeugen auseinandergerissen werden, dah der Käufer nicht mehr seine Nummer findet. All das paßt nicht in die Natur! Man kann es verstehen, daß ein Wanderer, der einmal solche Bübereien ant^fft, am liebsten ein kräftig Standgericht über den üblen Frevler abhalten möchte, und dah die Forstbehörden immer wieder davon sprechen. Teile des Waldes zu sperren. Alle guten Wande­rer, vor allem aber alle Lehrer sollten immer wieder gegen solchen Frevel an unserer Heimat zu Felde ziehen. Die neue Preußische

ihm. Doch er durfte sich Aenne jetzt nicht nähern, das war er ihr schuldig vor der Mitwelt. Er muhte seine Sehnsucht nach ihrer Liebe bezwingen und mußte warten, bis er frei war.

Lisa war bei ihren Eltern.

Vorläufig versuchte man von dort aus. die Ehe mit aller Ueberredungskunft zu halten Doch sie würden kein Glück damit haben. Er war dieser Ehe mit allen Kränkungen und Reibereien müde. Diese Gründe gab er immer wieder an. Von den beiden gewichtigsten Gründen schwieg er, um Lisa nicht unmöglich zu machen. Er konnte es sich ja denken, daß man die verwandtschaftlichen Beziehungen zu ihm nicht so ohne weiteres auf­geben wollte, denn Lisas Familie brauchte not­wendig die Geldzuwendungen. Nun, die sollten ja mit einer kleinen Rente weitergehen. Freilich, so hoch wie jetzt konnte er sie nicht bemessen.

Er hatte endlose Unterredungen mit ihrem Vater, der alten Exzellenz. Sie führten zu keinem Ergebnis und würden zu nichts führen. Er machte das dem alten Herrn auch immer wieder klar, doch der wollte davon nichts wissen. Er dachte eben, mit ein paar guten Worten müsse sich alles wieder einrcnken, und er zürnte seinem Schwieger­sohn, dah der so unversöhnlich blieb.

Wenn er alles wüßte! Wenn der alte, ehren­werte Mann alles wühte!

Er durfte es nicht erfahren! Man muhte in diesem Falle auf alles gefaßt sein. Also hieh es: Weiter schweigen!

Der Vater würde die Tochter sofort aus dem Hause weisen. Daran war nicht zu zweifeln. Ernst von Polzenhogen war ein gemütlicher Kauz. In puncto Ehre verstand er aber feinen Spaß, und wenn er alles wüßte, würde auch er der Schwä­gerin da- Haus verschließen. Lisa mußte dann vollends auf die schiefe Bahn kommen, wenn alles sie verlieh. Das durfte nicht sein. Durfte trotz allem nicht fein!

Aenne! Wie schwer sie an all dem Geschehenen trug, wußte er nun. Vertraute sie ihm denn nicht? Oder hatte fie schlecht von ihm gedacht, weil er ihr die zweitausend Mark in die Handtasche ge­steckt hatte?

Rudolf Ansbrück lächelte. Sie hatte ihm das Geld stolz bagelaffcn. hatte verzichtet darauf. Ob fie wußte, wie stolz und unantastbar sie ihm nun erschien? Wie er sich im geheimen über diese Tatsache gefreut hatte, trotzdem er ihr wiederum auf der anderen Seite gern etwas Geld in die Hände gespielt hätte?

Er würde frei sein! Dann würde er sie holen! Dann sollte sie sorglos und glücklich sein, die schöne, blonde, stolze Aenne.

Tier- und Pflanzenschutzverordnung vom 16. De­zember 1329 mit Ergänzungen und das Hessische Naturschutzgesetz vom 14. Oktober 1931 enthalten strenge Verbote und Strafen: die preußische Ver­ordnung nennt 25 absolut geschützte.Pflanzen- arten. Beide Gelene sollten m der Hand jedes Lehrer» fein und dauernd in der Heimatkunde benützt werden. Alle gutgesinnten Wanderer aber sollten sich zur Berg- und Raturwacht zusammen- fchliehen! Prof. W. M i 11 e r m aier.

Totschlag in Gießen.

Eine schwere Bluttat, der ein Menschenleben zum Opfer fiel, ereignete sich gestern abend hier an der Öde Neustadt Bahnhofstraße. Heber den Vorfall erhalten wir den nad)nebenbei! Polizei­bericht ..Gestern, kurz nach 22 Uhr. wurde an der Ede-Neustadt Bahnhofstraße der aus der Wan- derfchaft befindliche Schreiner Iofef Neuer­burg. geboren am 28. Dezember 1897 in öu»- firdKii. von dem ebenfalls auf Wanderschaft be­findlichen Bergmann Friedrich Röll, geboren am 31. Jul 1904 in Elberfeld, nach kurzem Wort­wechsel mittels eines feststehenden Messers, eines sogenannten Knickers, durch einen Herzstich Io 'chwcr verletzt daß er auf dem Wege in die Klinik verstarb Die beiden hatten vorher mit zwei Schaustellern in einer hiesigen Wirtschaft gezecht, wobei der Verstorbene unsittliche An­träge an die Ehefrau des Schausteller- gestellt haben 'oll. Hierüber kam es in der Neustadt zu Tätlichkeiten, wobei Röll zu Boden geworfen und geschlagen wurde. Plötzlich sprang er jedoch auf und stach mit dem gezogenen Messer aus Neuerburg so heftig ein. daß dieser zusam­menbrach. Röll, der auch den Schausteller noch mit Tot stechen bedrohte, wurde jedoch in Schach gehalten, bis er von der herbeigeeilten Polizei festgenommen wurde. Die Ermittelungen sind zur Zeit noch im Gange, der Täter wird nach Abschluß derselben dein hiesigen Amtsgericht vor- geführt. Die Tatsache, daß der Verstorbene die ganze Zeche bezahlte, ist ein Beweis dasür, wie es mit der ..Mittellosigkeit" eines großen Teiles der auf Wanderschaft Befindlichen bestellt ist."

Wiedener *$od)cnmarftpvci|c.

' Gießen. 10. Mai Es kosteten aus dem heutigen Wochenmarlt Süßrahmbutter 130 Ps, Landbutter 130. Kochbutter 100, Matte 25 bis 30, Wirsing (gelb) 12 bis 15. Weißkraut 10, Rotkraut 12 bis 15, Spinat 10 bi» 15. gelbe Rüben 10 bis 12. rntc Rüben 10 bis 12. Spargel 60 bis 100. Unterkvhlrabi 5 bis 7, Feldsalat 80 bis 100, Tomaten 50 bis 60. Zwiebeln 18 bis 20. Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 25 dis 35. Rhabarber 15 dis 18, Kartosfeln 4.5 (pro Zentner 3.80 bis 4 Mk i. Aepsel 10 bis 15. Dörrobst 25 bi» 30. Nüsse 35 bis 40, Honig 40 bis 45. Suppenhühner 70 bis 80. junge Hähne 80 bis 90 Pfennig pro Pfund: Tauben 50 bis 70. Eier 7 (10 Stück 65 Pf ), Blumenkohl 30 bis 70. Salatgurken 40 bis 60, Salat 15 bis 25. Lauch 5 bis 10. Sellerie 10 bis 30. Oberkohlrabi 20 bis 25. Rettich (neue) 15 bis 20. Käse 5 bis 10 Pf. pro Stück: Radieschen 10 bis 15 Pfennig pro Bund.

Vornotizen.

Tageskalender für Dienstag: Stadtthcatcr, 19 bis 24 Uhr,Faust" 1 Teil. Lichtspielhaus, Bahnhofstraß'Zu Befehl, Herr Unteroffizier!"

Aus b e in Stabtthcaterburcau wird uns geschrieben. Heute, 19 Uhr, Wiederholung ber Neuinszenierung bes Intenbanten Dr. Rolf Pro sch Faust, 1. Teil", eine Tragödie von Goethe. Die große Dichtung schasst einen Theaterabenb von un­gewöhnlichem Format. In ben Hauptrollen Jochen Hauer (Faust), Beatrice Doering (Gretchen), Mephisto Karl Bruck. Die Aufführung gilt al?

Weshalb du so ohne weiteres in die Lösung der Ehe willigst, ist mir ein Rätsel. Ich frage dich heute: Bist du denn verrückt, daß du eine solche Position ohne weiteres aufgeben willst? Eine solche Heirat bietet sich dir nie wieder. Nie, sage ich dir. Keine Liebe mehr füreinander! Gegenseitige Abneigung! Lächerlich! Eine gute Position im Leben ist alles. Aber du wirst ihn so lange mit deinen Launen sekkiert haben, bis er grob geworden ist. Kann ich ihm nicht mal verdenken. Vielleicht wäre sogar eine Tracht Prügel am Platze gewesen, mein Täubchen Nun. das tut ein Kavalier nicht! Und der Ansbrück tut's gleich gar nicht! Fünfhundert Mark lebens­längliche Rente für dich und sicbenhundertfünszig für Mutter und mich. Sehr anständig von deinem Manne. Das täte kein anderer Bestimmt nicht Und deswegen ist es eine doppelte Schande, ihn dahin gebracht zu haben, dah er jetzt unerbittlich bleibt. Geh zu ihm und bitt ihn um Verzeihung! Das einzig Richtige ist's. sag ich dir Ich mache ihm keine Friedensvorschläge mehr! Ich nicht, daß du es weißt. Das ist mir zu dumm. Dabei muß ich ihm bei jedem Wort, das er sagt, recht geben. Das ist das Schlimmste, daß man ihm überhaupt nicht mit irgend etwas zu Leibe rücken kann, weil er stets anständig gehandelt hat dir. uns gegenüber. Renke cs ein. Lisa, denn mich machen die neugierigen, höhnischen Blicke und Fragen der lieben Freunde und Bekannten jetzt schon krank. Geschweige denn, wenn es wirklich so weit ist."

Exzellenz von Massow-Friedingen war maßlos erregt. Seine Frau, zart und schonungsbedürftig, suchte ihn ängstlich zu beschwichtigen. Denn er sollte sich doch nicht aufregen. Doktor Hendel hatte es erst gestern gesagt. Run war abermals am Morgen diese elende Geschichte zur Sprache gekommen, und nun erregte er sich eben doch wieder.

Er hatte ja recht. Lisa hätte unter allen Um­ständen bei ihrem Manne bfeiben müssen. Aber cs war ja nicht mit ihr zu reden. Was hatte fie schon hinter des Gatten Rücken alles versucht. Nichts! Immer nur schüttelte Lisa den Kopf und sagte:

Laßt mich doch nur in Ruhe! Es muß fein. Ich bin machtlos dagegen."

Nun sah Lisa, schlank und sorgfältig frisiert, im Erker und sah gleichgültig dem Kanarien­vogel zu.

Nach außen hin war sie gleichgültig. In ihrem Innern sah es ganz anders aus.

Sie konnte sich nicht mehr begreifen, wie sie auch nur eine Minute hatte ernstlich erwägen können. Rudolf um einen Baron Ilzenescu zu verlassen. Jetzt liebte sie ihren Mann, sehnte sich nach ihm. wo es zu spät war!

(Fortsetzung folgt.)