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Vornan von Margarete Antelmann.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halte (Saale)
1 Rortlefiung. Nachdruck verboten.
Die Stimme des Lehrlings tönte mitten in ihre tiefsten Gedanken hinein. Sie hatte monoton vor sich hingotlppt und dabei ihr ganzes Leben an sich oorbeiziehen lassen.
Sie starrte zuerst den Jungen ganz erschrocken an; aber schnell hatte sie ihre Fassung wiedergefunden und stand auf, dem Befehl des Chefs nochzukomnren.
Schon stand sie im Allerheiligsten, im Privatkontor Teutobert Fischers.
„Guten Morgen, Herr Fischer."
„Guten Morgen, Fräulein Winter. Ich habe verschiedene Diktate für Sie. Wollen Sie sich bitte setzen."
Magdalene hatte sich an einen kleinen Tisch gesetzt und sah fragend auf den Chef, der sinnend im Zimmer hin und her ging.
Teutobert Fischer war ein feiner, alter Herr, der sehr gütig war zu seinen Angestellten, der ober auch sehr streng sein konnte, wenn man seine Befehle nicht vollkommen befolgte. Er lieh keine Aachlässigkeit durchgehen, schon deshalb nicht, weil er auch sich selbst keine Extravaganzen erlaubte.
Sein Gesicht war meist ernst, und es trug die Merkmale eines zähen Willens, der gewohnt war, sein Ziel sicher und unbeirrt zu verfolgen. Klare und kluge Augen sahen aus diesem Gesicht.
„Zuerst müssen wir an Neumann schreiben, von der Geflügelfarm. Er liegt mir in den Ohren, daß er mit der letzten Lieferung nicht zufrieden ist, der Quengler. Also schreiben Sie ..
Fischer wollte gerade mit seinem Diktat beginnen, als es an die Tür klopfte.
Gin junger, gut gekleideter Mensch im Sport- dres) trat ins Zimmer, der achtundzwanzigjährige Sohn Teutobert Fischers, Theobald.
Lächelnd verneigte er sich vor der Kontoristin; dann gab er seinem Vater die Hand.
„Entschuldige, Vater, wenn ich dich in der Dürozeit unterbreche. Aber dieser Brief hier duldet keinen Aufschub."
Er reichte seinem Vater ein Driefblatt.
Mährend Teutobert Fischer den Brief aufmerksam las, unterhielt sich Theobald mit Magdalene, die er ab und zu in einem kleinen Kino traf.
„Wie hat Ihnen der letzte Brooks-Film gefallen? Die Person sah doch wieder bildschön aus. Uebrigens — Sie haben sogar ein wenig
Aehnlichkeit mit ihr", meinte er dann und sah Magdalene aufmerksam an.
„Ach Gott, Herr Fischer, was nützt mir diese Aehnlichkeit? Damit kann ich nicht viel anfangen. Deshalb bin ich doch nur die Tippmamsell...“
„Mochten Sie denn lieber ein Filmstar sein?" „Das brauchen Sie doch nicht erst zu fragen, Herr Fischer. Das ist doch selbstverständlich. Filmstar ist schon was anderes als Tippfräulein!"
„Da haben Sie schon recht, Fräulein Winter. Aber — es können nicht alle Mädchen Filmstars sein! Wo kämen wir denn da hin in unseren Büros? Eine tüchtige Tippmamsell ist auch was wert."
„Ja, aber es ist nicht recht vom Schicksal, dah die einen so unmenschlich viel Glück haben, während es den anderen so schlecht geht. Das könnte wenigstens einigermaßen ausgeglichen sein."
„Ei, Fräulein Winter, was muh ich da an Ihnen entdecken. Sie sind also unzufrieden mit Ihrem Schicksal. Was würden Sie eigentlich tun, wenn Sie auf einmal sehr reich würden? Würden Sie gleich heiraten?"
„O nein — das am allerwenigsten..
In diesem Augenblick war Teutobert Fischer mit der Lektüre des Briefes fertig, und er wandte sich zu seinem Sohn.
„Also, Theo, das ist schlimm mit deinem Freund. Der arme Gust tut mir ja leid; er selbst kann nicht für die prekäre Lage, in der er sich befindet. Aber — ich kann ihm nicht helfen. Ich habe nicht so viel Geld, daß ich es in eine so faule Sache stecken kann. Das wäre gerade so, als wenn ich es zum Fenster hinauswerfen würde."
„Aber Vater! Gust ist so in der Klemme. Und er ist ein so lieber, ordentlicher Kerl."
„Ich weiß es, Theo. Und Gust tut mir auch leid. Aber ich kann da trotzdem nichts tnn."
„S ann muß Gust das Gut verkaufen, es bleibt ihm nichts anderes übrig. Geht es wirklich nicht, Vater, daß du ihm hilfst?"
„Du kennst mich doch, Theo. Ich würde ihm helfen, wenn ich irgendwelche Aussichten für ihn sehen würde. Aber mein Geld wäre nichts weiter als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es wü'-de ihn für einige Zeit aus der Patsche helfen; aber es würde nicht lange reichen. Das Gut ist zu stark belastet, als daß ihm mit einer verhältnismäßig kleinen Summe geholfen werden konnte. Da müßte von Grund auf Remedur geschaffen werden, und dazu reichen meine Mittel nicht aus."
„Vielleicht hast du recht, Vater. Aber es ist schade um das schone Gut. Du müßtest das Herrenhaus sehen, Vater, den Park, die Wiesen und Felder, die herrlichen Waldungen..."
„Das mag alles fein, Theo. Aber ich Fann trotzdem nicht helfen. Aber gut, daß du da bist, Theo. Ich habe dringend mit dir zu reben.“
Fischer wandte sich zu Magdalene.
„Ich diktiere nachher weiter, Fräulein Winter. Ich lasse Sie rufen."
Magdalene stand auf und ging hinaus, einen mitleidigen Blick auf Theobald Fischer werfend. Das ging sicher wieder gegen seine Boxerei; er würde einen harten Kampf mit seinem Vater auszusechten haben. Ola, er war ein Dickkopf; vielleicht, daß er es doch schaffen würde.
Teutobert Fischer räusperte sich.
„Ich muß dir schon sagen, Th«), daß ich mit dir gar nicht zufrieden bin. Du hast nichts anderes im Sinn, als deine Boxerei; alles übrige ist dir gleichgültig. Du kümmerst dich überhaupt nicht um mein Geschäft. Das geht so nicht weiter. Du bist mein einziges Kind und mein Nachfolger. Du mußt endlich anfangen, dich mit dem Betrieb vertraut zu machen. Es ist ein Unfug, mit der Boxerei die Zeit zu vergeuden."
„Unfug? Aber, Vater, wie kannst du das sagen! Zu mir, dem zukünftigen Dox-Champion."
„Höre einmal, mein Sohn. Solange das Ganze nichts war als Sport, gut. Seitdem ich aber merke, daß es bei dir ernster zu sein scheint, dah du mit dem Gedanken spielst, den Sport als Beruf zu ergreifen, seitdem kann und will ich nicht mehr ruhig zusehen. Da muß beizeiten ein Riegel vorgeschoben werden. Und ich sage dir ganz ernstlich: Schluß damit, heute noch! Ich habe jetzt genug davon!"
Theobald Fischer war blaß geworden. Dieser energische Befehl seines Vaters kam ihm völlig unerwartet.
Sein Trotz erwachte. Er sagte:
„Wenn nun aber mein Herz daran hängt, Boxer zu werden? Wenn mir Der Beruf eines Kaufmanns einfach nicht liegt?"
„Da hort doch alles auf. Ich gebe dir Zeit zum Ueberlegen bis heute abend. Meinen Standpunkt kennst du. Du kannst dich entscheiden, ob du dich danach richten willst oder nicht. Und du magst mir heute abend deinen Entschluß Mitteilen."
•
Magdalene Winter kam gerade ins Büro zurück, als die anderen Frühstückspause hielten. Sie war ganz aufgeregt
„Kinder, der Theo kann einem leid tun. Jetzt hat ihn der Alte wieder am Kragen, wegen feiner Boxer ei. Ich glaube, da geht es hartzu."
„Ach, er tut mir leid, der schone Theo. Und gerade seine Boxkunst macht ihn noch inter- effanter", meinte Inge Heinzius.
„Ra, einen Kinnhaken — und der Alte lag am Boden", sagte der Stift Heinrich.
„Halte deinen Mund, dummer Junge!" raunzte Franz Müller, der Kassierer. Dann fuhr er fort: „Ganz recht hat der Alte. Ist das nicht traurig, wenn fein Sohn keine Spur von Jnteresie hat für seinen schonen Betrieb. Wo er doch der Ein-
| jige ist, und wo alles auf ihn toartet Er hätte trotzdem noch Zeit genug, seinem Sport nachzugehen, auch wenn er sich um das Geschäft kümmerte. Es wäre gut, wenn ihm sein Vater endlich den Kopf zurechtsetzen würde."
„Ja, du hast recht Franz!" sagte Arnold Becker. „Unsereins wäre froh, wenn er sich nebenbei ein wenig Sport leisten konnte. Aber daz» reicht weder die Zeit noch das Geld."
„Niemand weiß das wohl besser als ich", sagte Müller. „DaS leidige Geld; das ist schon schrecklich. Uebrigens — da fällt mir gerade mein Los ein. Wollen Sie mir einen Gefallen tun, Winterchen? Sie kommen auf Ihrem Heimweg am Neumarkt vorüber, an meiner Lotterie- Einnahme. Würden Sie dort für mich mein LoS bezahlen? Es ist höchste Zeit, und es dauert nur einen Augenblick. Ich verlaufe so viel Zeit und Sie wissen ja, daß wir unser Kind erwarten. Da mochte ich so schnell wie möglich nach Hause. Wollen Sie's für mich erledigen, Fräulein Winter?"
„Selbstverständlich, Herr Müller! DaS macht mir nicht viel aus. Aber, Herr Müller, glauben Sie denn an das Glück, zu gewinnen?"
„Glauben oder nicht; man hofft halt immer wieder. Wenn man ein Los allein spielt kann man sünfhunderttausend Mark gewinnen, wenn es das Große Los ist. Und warum soll man nicht auch einmal Glück haben?"
»Na, mir ist mein Geld zu schade dafür. DaS ist ja alles doch nur Schwindel."
»Das dürfen Sie nicht sagen, Winterchen! Das ist ein großer Irrtum. Die Lotterie ist eine staatliche Einrichtung; da kann man doch nicht von Schwindel sprechen."
„Schwindel gerade nicht", meinte jetzt Friedel Dehr. „Aber herauskommen tut bei der ganzen Sache nichts. Mein Vater spielt schon sein ganzes Leben lang; aber gewonnen hat er bis jetzt kaum etwas, geschweige denn das Große Los."
„Na, da Horen Sie es, Herr Müller. Mich wundert nur, dah Ihnen das schone GÄd nicht leid tut.“
„Ach, ihr dummen Mädels, es ist für unser* einen doch die einzige Möglichkeit zu Geld zu kommen. Ich kenne viele, die schon einmal einen guten Treffer gemacht haben. Lieber spare ich mir das Geld am Tabak ab oder an irgend sonst etwas. Vielleicht habe ich doch mal Glück; ich gebe jedenfalls die Hoffnung nicht auf.“
„Nun, Müllerchen, ich werde Ihnen jedenfalls die Sache besorgen. Aber, das sage ich Ihnen, wenn Sie das Große Los gewinnen, dann müssen Sie mir tausend Mark abgeben."
„Soll mir nicht darauf ankommen, Winterchen, wenn es wirklich das Große Los ist. Sie müssen mir nur den Daumen haltern
(Fortsetzung
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