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9.12.1932 Erstes Blatt
 
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nr. 290 Zweites Blatt

§rektag, 9. Dezember 1932

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

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Lteberseeische ^ohstoffhauffe - Europäische KonjunkiurbeleSung?

Von Or. Hermann Levy, Professor an der Universität Äetlin.

Die große Deflationskrisis, der An­fang der verschärften Welttoirtschastskrisis seit 1929 ging nicht von Europa, sondern v o n d e n überseeischen Ländern aus. Diese wa­ren in erster Linie Nutznießer des beginnenden Wieder-Aufschwunges der Weltwirtschaft nach 1924 gewesen, vor allem aber hatten die über­seeischen Rohstoff- und Aahrungsmittel- wie Te- nußmittel-Cxportländer an derprosperity der USA. teilgenommen. Denn in dem Mähe, Die sich zwiscAm 1Ö24 und 1929 der Reichtum der Vereinigten Staaten und ihre Produktionsfähig­keit rapide steigerte, konnten auch Länder wie K a n d a mehr Holz, Chile mehr Salpeter, Kuba mehr Rohrzucker, Indien mehr 3ute, Australien mehr Wolle, die englischen und holländischen Besitzungen in Ostindien mehr Kautschuk, 2 a p a n mehr Rohseide nach der Union ab setzen. Hatte sich die Union auf Grund ihrer Goldbezüge aus Europa enorm bereichern können, so waren jene und andre überseeische Län­der ^er Mitnutzn'.eher dieses an Europa vorge­nommenen Schröpfungsprozesses, indem sie einen außerordentlich gesteigerten Absatz nach den USA. sanden. Als aber hier im Jahre 1929 derRück­schlag einsetzte, als es sich erwies, dah die so- genanteprosperity der USA. eine Schein-Pro­sperität gewesen war, die in erster Linie auf einer binnewländischen Kreditinflation beruhte (denn mit Gold allein kann keine Pro­duktivität erzeugt werden), zeigte sich auch für diese überseeischen Länder die Kehrseite der Me­daille. Riesige Vorräte blieben jetzt bei den Er­zeugern liegen, die Anbauflüchenerweiterung er­wies sich als übereilt, die Preise stürzten, sie erreichten schließlich einen Tiefpunkt, bei dem es teilweise rentabler war, die Vorräte (Kaffee, Baumwolle) zu vernichten, anstatt sie auf den Markt zu bringen. Diese Krisis wurde noch da­durch verstärkt, daß auch jene überseeischen Län­der infolge derGoldabzüge durch die USA. und Frankreich längst nicht mehr in der Lage waren, ihre Schulden, wenigstens zum Teil mit Gold zu bezahlen, und daß sie daher ihre Waren schließlich um jeden Preis auf den Weltmarkt werfen mußten.

Diese furchtbare und bisher in der Weltwirt­schaft unbekannte Situation hatmehr als drei Jahre gedauert. Erst im Sommer dieses Jahres bemerkte man auf verschiedenen und zwar auf den hoffnungslosesten" Gebieten eine langsame Preisbessecun q. Ueberall zeigten sich jetzt plötzlich die gleichen Symptome: dieVorräte die bisher von einem Erntejahr oder von einer Saison in die andre geschleppt worden waren, nahmen ab, die Preise zogen an, es ent­wickelte sich auf fast allen Rohstoff- und Nah- rungsmittelmärkten eine Hausse, an die man gar nicht mehr hatte glauben wollen. Das bezog sich zum Teil auf Metalle, wie Zink und Kupfer, auf die Textilroh st offe Baumwolle und Wolle, auf Zerealien, ja sogar auf den Kautschuk, dessen Ueberzeugung schier un­abänderlich zu sein schien. Die Ursachen Lieser Bewegung erscheinen zunächst recht zufälliger Art: dort eine schlechte Ernte, wie bei der amerikani­schen Baumwolle, hier eine Verminderung lasten­

der Vorräte, aber bei näherer Betrachtung ver­schwindet dasZufällige" gegenüber allgemeine­ren Gesichtspunkten. Eine jede Ueberproduktions- krisis muß sich einmal austoben: schon die Tat- fache, daß die Preise nicht mehr einen besonde- ren Anreiz zur Produktionserweiwrung bilden, ist ein aufhaltendes Moment.

Dazu kommen jetzt noch besondere Erscheinungen: fast alle überseeischen Länder haben propagan- dist'fche Anstrengungen gemacht, um die Produ­zenten vor weiterer Produktionssteigerung zu warnen und ihnen im Gegenteil eine selbstverant­wortliche Beschränkung nahe zu legen; die Bestrebungen sind nicht unwirksam geblieben. Dazu kamen noch positivere Maßnahmen, wie etwa staatliche Maßnahmen der Beschränkung erinnert sei an solche Einschränkungen bei den fernöstlichen Kautschukplantagen oder an den, auch für Europas Zuckerindustrie geltenden Chad- bourne-Plan und vor allem das stärkere Ein­setzen der internationalen Kartell­tätigkeit, z. D. bei Zink und Kupfer. Während noch bis vor kurzem ausschließlich von einer Ver­mehrung der Vorräte zu lesen war, kann man jetzt umgekehrt schon wieder von ihremZu­sammenschmelzen" mit einem bereits vor­handenen Unterton dec Besorgnis lesen, so z. B. bei Holz, 3ute, Kaffee (in einem Bericht der Commerz- und Privatbank vom 1. Oktober).

Wir leben heute in einer Zeit, in welcher wirtschaftliche und speziell auch weltwirtschaftliche Entwicklungen nicht vorausbestimmbar sind. Nie­mand kann wissen, ob die überseeische Rohstoff­hausse wirklich andauern wird und was letzten Endes ihre Wirkungen sein werden. Aber das läßt sich schon heute sagen: wenn die überseei­schen Länder durch eine solche Hausse in die Lage gesetzt werden, aus ihrer eignen Krisis wieder heraus zu kommen, so würde schon diese Tat­sache auch für die europäische Wirt­schaft von^großer Tragweite sein. Während in früherer Zeit der Wohlstand der überseeischen Gebiete wesentlich von dem Wohlstand Europas abhing, also eine Belebung der Konjunktur in Europa sofort in größeren Rohstoffbezügen von Uebersee sich geltend machte, haben sich unter den Strukturveränderungen der Weltwirtschaft in den letzten zwanzig Jahren die Verhältnisse zum Teil umgekehrt: eine Konjunktur-Bele­bung über See kann heute, wo jene überseeischen Länder industriell und kommerziell ganz anders entwickelt sind, wie vor dem Kriege, sofort zu einer Ausfuhrbelebung der alten In­dustriestaaten führen. Gewiß, es darf nicht vergessen werden, daß Länder wie Japan, Ostindien, Südafrika, Australien, Kanada, die lateinamerikanischen Staaten sich seit dem Kriege in vieier Hinsicht industriell selbständiger gemacht haben, daß sie keineswegs mehr ihren ganzen Bedarf an Fertigwaren vom Auslande beziehen. Aber andererseits hat gerade auch Der wachsende zivilisatorische Wohlstand dieser Länder ihrBedürfnisnach Warengesteigert, für deren Erzeugung sie trotz aller Schutzzölle noch nicht reif sind, sei es von Maschinen be­sonderer Art, von hochwertigen Chemikalien, Textilerzeugnissen usw. Die Kaufkraft aber für

solche, vom Auslande zu beziehenden Erzeugnisse hängt heute ausschließlich in jenen Ländern da­von ab, ob sie selbst ihre Nahrungsmittel Genußmi ttel und Rohstoffe in ge­nügenden Me gen an jene Länder absetzen können, von denen sie fertige Jndustriewarcn beziehen wollen. Die Vereinigten Staaten sind in den guten Jahren" daran gegangen, die latein­amerikanischen Staaten durch große Dollar­anleihen stärker als bisher zu industrialisieren; aber diese Entwicklung mußte in dem Augenblicke unterbrochen werden, als diese Staaten selbst die Zinsen für die Anleihen nicht mehr aus ihren Ausfuhrüberschüssen aufzubringen ver­mochten.

So gesehen könnte die überseeische Rohstoff­hausse für alle Länder, die an dem Export nach jenen Ländern interessiert sind, von großer weit­tragender Bedeutung werden. Andrerseits aber hat zunächst dies« Hausse für die europäische Wirtschaftssituation auch gefährliche Sei­ten. Sie bedeutet nämlich zuerst eine Ver­teuerung für denWeiterverarbeiter und sie muß diesen Weiterverarbeiter so lange belasten" anstatt ihn zu e n t lasten, wie er nicht in der Lage ist, seinerseits durch eine Erhöhung seiner Preise einen Rentabilitätsaus­gleich zu schaffen. Dies aber wiederum ist nur dann möglich, wenn sich der europäische Bedarf an fertigen Waren, an Derbrauchs­gütern und Produktionsmitteln jeder Art, so stei­gert, daß aus diesem Mehrbedarf heraus gleich­zeitig bei höheren Preisen auch ein höherer Absatz erzielbar ist. Wenig würde eine Erhöhung der Warenpreise nützen, wenn ihr diese grundlegende Voraussetzung fehlen würde, und schließlich würden unter solchen Um­ständen auch die überseeischen Pflanzer und Far­mer bald merken, daß nach Wiederauffüllung der jetzt etwas gelichteten europäischen Vorräte sich die Hausse ihrer Erzeugnisse bald wieder legen müßte.

Eine überseeische Rohstoff- und Nahrungs­mittelhausse kann, wenn sie die Kaufkraft der überseeischen Länder für europäische Waren stei­gert, sicher konjunkturbelebend auf europäische Ausfuhrindustrien wirken, aber schließlich hängt ja die Industrie und der Handel Europas nicht nur vom Export, sondern in erster Linie von der Aufnahmefähigkeit der eignen Binnenmärkte ab, und hier findet jene Konjunkturbelebung ihre Grenze. Da sind andre, hier nicht zu erörternde Faktoren maßgebend, welche bestimmend auf die Produktionskosten der Erzeuger wirken und ohne deren Minderung eine wirkliche Belebung des inländischen Absatzes nicht einsehen kann, dazu gehört ein Abbau der heute auf der Erzeugung ruhenden öffentlichen Lasten und Steuern und vieles andere. Es ist übrigens in diesem Zusammenhänge beachtlich, daß englische Blätter soeben berichten, dah nun­mehr schon seit fünf Monaten der Wert der eng­lischen Ausfuhr im Fallen begriffen ist, so daß sich zunächst die Verbesserung der Rohstoffpreise über See noch nicht in einer gesteigerten überseeischen Kaufkraft für englische Waren aus­gewirkt habe. Man erkennt wieder einmal: die Interessen der überseeischen Länder und Europas können zusammenfallen, aber die europäischen Probleme bedürfen nach wie vor ihrer eignen Lösung, wenn sich Europa behaupten will.

Daten für Freitag, 9 Dezember.

1608: der englische Dichter Milton in London geboren. 1641: der Maler Anthonis van Dyck in London gestorben. 1717: der Altertumsforscher Johann Winckelmann in Stendal geboren.

Wieder Hosenmoniagszug in Mainz.

WER. Mainz, 8. Dez. Das Komitee deS Mainzer Karneval-Vereins hatte ge­stern abend die Vertreter der Behörden und der Wirtfchaftsverbände zu einer Besprechung ge­laden, um über die Möglichkeiten eines Rosen­montagszugs in der kommenden Saison maß­gebliche Stimmen aus der Bürgerschaft zu hören. Allgemein sprach man sich z u st i m m e n d zu dem Plan des Rofenmontagszugs aus. Es wurde ein Dürgerausschuh gebildet, der die Finanz- frag« lösen soll. Er wird unverzügl^h seine Ar­beiten aufnehmen und an die interessierten Kreise mit einem Appell zur Unterstützung herantreten. Man ist fest entschlossen, nach zweijähriger Unter­brechung in dieser Karnevalssaison wieder einen Rosenmontagszug auf die Beine zu stellen, der. wenn auch in bescheidener Art, in einer Weis« ausgestattet wird, die dem Ruf der Stadt Mainz als Karnevalsmetropole am Rhein vollwertig ge­recht wird.

^0 Jahre Zuchthaus für einen Raububerfall.

WSN. Darmstadt, 9. Dez. Dor dem Darm­städter Schwurgericht stand der 27jährige Former Georg Hermann, der schon wegen verschiede­ner Diebstähle vorbestraft ist. Schon mit 18 Jah­ren war er auf die schiefe Dahn geraten. Er halte die Absicht, gegen den Willen seines Daters sich mit einer Polin zu verheiraten. Da er in seiner Heimat diesen Plan nicht ausführen konnte, be­schloß er, mit der Polin nach Mecklenburg aus­zuwandern. Dazu brauchte er Geld, und diese- wollte er sich durch Einbrüche und andere Gaunereien erwerben. Er machte verschiedene Einbrüche und erbeutete dabei größere Geldbe­träge. Den größten Einbruch verübte er am 29. Januar in der WirtschaftDater Rhein" in Biebesheim. Der Wirt lag bereits im Bett, Hermann ging auf ihn mit dem Beil los, versetzte ihm einen Schlag und machte sich dann auf die Suche, nach Geld und des Mitnehmens werte Beute. Als der Wirt dann noch einmal auf der Schwelle seines Schlafzimmers erschien, um nach dem Einbrecher zu sehen, schlug ihn Hermann mit dem Beil« vollends nieder. Dor dem Schwurge­richt gab Hermann an, daß er damals nicht ge­wußt habe, was er überhaupt tat. Nach der Tat flüchtete Hermann, konnte aber bald verhaftet wer­den. Der Staatsanwalt beantragte wegen versuch­ten Totschlags, in Tateinheit mit versuchtem Raub und wegen eines schweren und zwei einfachen Diebstählen 12 Jahre Zuchthaus. Das Gericht kam zu folgendem Urteil: 1 0 Jahre Zucht­haus und Aberkennung der bürgerlichen Ehren­rechte auf die gleiche Zeitdauer.

(Schluß des redaktionellen Zeile.)

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Licherr weihnachismarEi

Am Montag, 12. Dezember, findet wieder der weit in der Umgebung von Lick) bekannte Licker Weihnacktsmarkt statt, der als Sckweine- und Ariimermarkt abgehalten wird. Dem Schweinemarkt kommt unter den sonstigen Märkten des Jahres besondere Bedeutung deshalb zu, weil der Dezember der Monat ist, in dem die Mehrzahl der Hausschlachtungen oorgenommen wird. Der Markt bietet also eine günstige Gelegenheit sowohl für den, der für das geschlachtete Schwein Ersatz beschaffen will, als auch für den Züchter, der seine Ferkel verkaufen will. Daß auf den Licher Schweinemärkten infolge der hockstehenden örtlicken Zuckt nur gute Ware verkauft wird, weiß jeder, der sie einmal besucht hat. Daneben bietet der Licher Weihnacktsmarkt eine günstige Gelegenheit, in den Licher Geschäften den Weib- nacktsbedarf zu decken. Die Licher Geschäftswelt hat auch dieses Jahr wieder alle Anstrengungen gemacht, jeder Nachfrage gerecht zu werden. Zwar zeigt sie das nicht in großem Tam-Tam und teuerer Lichtreklame, wie dies in großen Städten zu sehen ist, dafür weiß aber die Einwohnerschaft der ganzen Umgebung, daß sie in Cid) gut, reell und billig bedient wird. Nur wo diese drei Eigenschaften Zusammenkommen, ist tatsächlich billig gekauft. Die persönlichen Beziehungen, die die Licher Geschäftswelt schon seit langen Jahrzehnten zu der Einwohnerschaft unserer Nackbargememden unterhält, und ihr guter Ruf, den sie in der Umgebung zu wahren bestrebt.ist, ver­bürgt allein schon, daß der Kunde gut bedient wird. Auch die hiesigen Gaststätten bieten wie immer das Beste in Trank und Speise. seroD

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Betc.: Bürgersteuer der Lohn- und Ge­haltsempfänger usw.

Es wird wiederholt darauf hingewiesen, daß der Arbeitgeber für die Einbehaltung und Abführung derBürgersteuer seiner Arbeitnehmer hastet. Kommt er seiner Verpflichtung nicht nach, so wird die Steuer von ihm durch Haftungsbescheid angefor­dert und nötigenfalls im Verwaltungs­zwangsoerfahren beigetrieben. 8675C

Gießen, den 5. Dezember 1932.

Bürgermeisterei Gießen. I. V.: Or. Seid.

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Die Diensträume des Forstamts Gießen befinden sich vom 12. Dezember ab in der rNolkkesirahe 3. 8688D

Hessisches Forstamt Gießen.

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