Ausgabe 
9.11.1932 Erstes Blatt
 
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Nr. 264 Erstes Blatt toi labrnnnr» m.u . _

- japrgang Mittwoch, y. November 1932

GietzenerAn;eiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Der Eindruck der Kanzlerrede

daß man sich nun-

Roosevelts Präsidentenwahl

nicht fallenzulassen.

,M a t i n dagegen

Roosevelt im Kreise seiner Familie, die nunmehr alsErste Familie des Landes" in das Weiße Haus in Washington einziehen wird.

Der Eutiner Bürgermeister Dr. Stoffregen wieder im Amt.

C u t i n, 8. OloD. (WTD.) Unter Führung des Staatsministers Pauly traf am Dienstagabend e'?eold?"burgischeRegierungskorn° m t H t on in Eutin ein, die längere Zeit mit dem feines Amtes enthobenen Bürgermeister Dr etof fregen verhandelte. Zum Schluß der Be­sprechung wurde dem Bürgermeister mitgeteilt, daß die Verfügung der Amtsenthe­bung vom oldenburgischen Ministerium aufge­hoben sei. Bürgermeister Dr. Stoffregen bleibt also im Amt.

Der Sieger.

Franklin Delano Roosevelt wurde am 30. Januar 1882 in Hyde Park, D. Reuyork geboren; er ist ein Reffe des ehemali- gen Präsidenten Roosevelt. Rachdem er auf der Harvard-Universität studiert hatte, besuchte er noch drei Jahre lang die Columbia Law School und wurde 1907 an der Reuyorker Dar als Rechtsanwalt zugelassen. Im Jahre 1910 wurde er in den Reuyorker Distrikts-Senat gewählt; er trat aus diesem aus, als er 1913 Assistant Secretary im Marineamt wurde. In dieser Stellung verblieb er während des Krieges und gehörte von Juli bis September 1918 der Inspektion der 08^.-Streitkräfte in den euro­päischen Gewässern an. Von Januar bis Fe­bruar 1919 leitete er dann die amerikanische Demobilisierung in Europa. Ein Jahr später wurde er von den Demokraten als Vizepräsident der Vereinigten Staaten nominiert. Im Jahre

1928 wurde er sodann zum Gouverneur des Staates Reuhork gewählt.

Im Rovember 1930 stellte ihn die demo­kratische Partei als Kandidaten für die Prä­sidentschaftswahlen 1932 auf, aus denen er nun­mehr vor dem Republikaner Herbert Hoover als Sieger hervorgegangen ist, seit Woodrow Wilson der erste demokratische Präsident.

Vor 20 Jahren wurde Roosevelt von einer Krank­heit befallen, die Lähmungen an beiden Füßen im Gefolge hatten. Seine Füße sind noch heute geschient, so daß er sich nur mit Mühe fortbewegen kann. Trotz dieser körperlichen Behinde­rung ist er aber auf dem Gebiete des Sports außer­ordentlich aktiv. Er ist noch heute ein beachtlicher Schwimmer und betreibt mit Hingebung den Segel­sport. Daß er die außerordentlichen Strapazen des Wahlkampfes trotz feiner ungünstigen Gesundheits­verhältnisse so glatt durchgehalten hat, kann als ein Beweis für außerordentliche Energie gelten.

Deutschfeindliche Kundgebungen in Brünn.

33 r ü n n, 8. Roo. (TU.) In Brünn kam es am Uiontag abend zu deutschfeindlichenÄund- gedungen. Vor dem Deutschen Haus, in dem per deutsche nationalsozialistische Abgeordnete K reb s in einer Versammlung sprach, sammelten sich einige hundert t^che chische Faschisten und versuche ten, den eaal zu stürmen. Die Polizei, die mit einem großen Aufgebot erschienen war, hinderte die Tschechen nicht am Eintritt in das Deutsche Haus, da sie den Standpunkt vertrat, daß zu einer öffent­lichen Versammlung jedermann Zutritt haben müsse. Bei Zusammenstößen im Inneren des Hauses, wo starke Ordnerketten die Angreifer am Vordringen in den Saal hinderten, wurden zahlreiche deutsche Versammlungsteilnehmer verletzt. Die Polizei nahm mehrere Personen fest, behielt jedoch nur einen deutschen Versammlungsteilnehmer in Haft.

Einschränkung der Schinkeneinfuhr nach England.

London, 8. Rov. (TU.) Der englische Land- wivtschaftsminister E l l i o t empfing am Diens­tag im Rahmen der Bemühungen zum Schutze der englischen Fleischindustrie die Handels- und Landwirtschafts-Attaches der Bot­schaften und Gesandtschaften Amerikas, Däne­marks, Schwedens, Rußlands. Lettlands, Hol­lands, Polens, Finnlands und Estlands. Elliot machte den Vorschlag, daß die betreffenden Staa­ten ihre Speck- und Schinkeneinfuh­ren nach England ab sofort um 20 v. H. herabsetzen sollten. Er wies dabei auf die bereits erzielten Abmachungen mit anderen Staaten wie mit Argentinien, Neuseeland usw. bsn. die sich bereits zu einer Herabsetzung ihrer Fleischernfuhren bis zu 20 v. H. bereiterklärt hätten. Die Aufforderung hat in Kopen­hagen wie ein Schlag ins Gesicht ge­wirkt. Bei Dänemark handelt es sich bei einer 20prozentigen Herabsetzung um über 60 Mil-

fragt, ob das etwa die ganze Antwort auf den Appell sei, den Herriot an Deutschland er­lassen habe, dessen Anregungen Frankreich erbitte.

Die NSDAP, und Papen.

München, 8. Rov. (TU.) Die Rational­sozialistische Parteikorrespondenz nimmt zu dem Derhandlungsangebot Stellung, das die Regie­rung v. Papen allen denen gemacht habe, die ^bereit sind, mit ihr zu arbeiten", und schreibt D>e,es Angebot gleiche der Aufforderung von Parlamentären, die mit der weihen Fahne kom­men, um den erfolgreichen Gegner einzuladen, sich der Führung des geschlagenen Feldherrn zu unterstellen. Riit geschlagenen Feldherren ver­handele man nicht, so lern bleibe ihnen auf den (Serien, bis fic kapitulierten. Dieser eigentlich selbstverständlichen unb einzig möglichen Folge­rung aus der politischen Lage nach dem 6. Ro- vember habe Hitler bereits klar und unmihver- standl.ch Ausdruck gegeben. Die Regierung von Papen sei der nationalsozialistischen Bewegung gegenüber überhaupt nicht mehr Der- handlungsfähig. Das einzige, was man von ihr noch erwarte, fei, zu verschwinden.

Der Artikel besaht sich dann mit den Ergeb­nissen der Politik Papens und stellt fest, niemals fei der Zusammenbruch eines angeblich neuartigen politischen Systems schneller erfolgt, als hier. 90 Prozent des Volkes stünden im Kampf gegen diese Regierung, der jede Daseinsberechtigung fehle und die in allem und jedem Schiffbruch erlitten habe, und nun fordere Herr v. Papen die Rationalsozialisten mit offenen Armen auf in seine Pleite einzutreten und seinefachliche Arbeit" mit fortzuführen. Bedürfe es da noch einer Erklärung über die Haltung, die die nativ- nalsozialistische Bewegung dieser Regierung und ihrenAngeboten" gegenüber einnehme?

Berlin, 9. Rov. (ERB.) Nachdem bereits gestern ab ent) dieV o s s. Z t g." aus der Rede des Reichskanzlers vor den ausländischen Journalisten die Schlußfolgerung hinsichtlich einer möglichen Konzentrationsregierung gezogen bat, unterstreicht heute früh auch dieG e r m a n t a" diese Aeußerungen des Kanzlers. Man müsse dar­aus schließen, so sagt das Blatt, mehr auch in der Wilhelmstraß,

Oer Wahlverlauf.

Roosevelt sichert sich schnell die Führung.

Reu York, 9. Rov. (TU.) Rach den bisher vorliegenden Meldungen ist die Wahl über­all überraschend ruhig verlaufen. Die ersten Teilergebnisse aus den bisher immer re­publikanischen Reu-England - Staaten zeigen zwar eine beträchtliche Zunahme der de- mokratischen Stimmen, aber trotzdem eine Mehr­heit für Hoover. Der ganze Süden und Mittel­westen ist aber überwiegend demokratisch.

Roosevelt hat aber auch mit großer Mehrheit jn dem bisher republikanischen Staate Rhode Island gesiegt. Auch in Ohio (Kalifornien) und in Maine hat er die Mehrheit erlangt. In Denver (Colorado) erhielt Roosevelt 3181 and Hoover 2754 Stimmen. In der Stadt R e u y o r k hat Roosevelt 1 437 231 Stimmen, Hoover 575 031, Rorman Thomas (Sozialist) 120 486 Stimmen auf sich vereinigt. Roosevelts Vorsprung in den Staaten, die im Jahre 1928 mit großer Stimmenmehrheit für Hoover stimmten, nahm dann weiter zu. Kurz nach 20 Uhr sühne Roose­velt bereits in 25 Staaten mit insgesamt 234 Wahlmännerstimmen. Hoover führte nur in He­ben Staaten, die 88 Wahlmänner stellen. Hoover gab um Mitternacht zu, daß er geschlagen wor­den fei, und bereitete ein Glückwunschtele­gramm an Roosevelt vor.

Demokratische Mehrheit auch im Kongreß.

Reuhork, 9. Rov. (WTD. Funkspruch.) Die Demokraten haben von den zur Wahl stehenden 34 Senats sitzen bisher 21 erhalten, damit ver­fugen sie im Senat bereits jetzt über 52 Sitze und haben 3 Stimmen mehr, als zur einfachen Mehr­heit erforderlich ist. Die Republikaner haben bis­her 2 Sitze gewonnen. Ihre Stimmenzahl im Se­nat beträgt 32. Aus 11 Bezirken fehlen die Er­gebnisse noch. Don den 435 des Repräsen­tantenhauses gewannen die Demokraten nach den bisher eingelaufenen Berichten 165 und die Republikaner nur 43. Rur 20 unentwegte Freunde der Trockenheit wurden wiedergewählt.

Mit den Ergebnissen der Kongrehwahlen zusam­men verstärken diese Resultate den Eindruck, daß im zukünftigen Amerika Präsident und Parla­ment ausgesprochennaß" sein werden.

Zum Vizepräsidenten der vereinigten Staaten ist 3 o t) n Garner gewählt worden.

Hoovers Glückwunsch.

Reuyo r k. 9. Roo. (MTV. Funkspruch.) präsi- dent Hoover hat dem neuen Präsidenten folgen­des Telegramm gesandt:3ch beglückwünsche Sie zu der Gelegenheit, die Ihnen geboten wird, dem Lande dienen zu können".

Zeststimmuug in Aeuyork.

Neuyork, 9. 9100. (WTB. Funkspruch.) Roose­velt nahm die. Glückwünsche der Pressevertreter und seiner Freunde in den frühen Vormittagsstunden im Hotel Baltimore entgegen. Als er das Hotel oer- ließ, um nach Hause zurückzukehren, wurde ihm von einer ungeheuren Menge begei­stert zugejubelt. Alle Sirenen in seinem Ge­burtsort Hyde-Park begrüßten das Wahlergebnis. Neuyork zeigt einen Anblick wie sonst an dem großen Nationalfeiertage.

Die oldenburgische Regierung soll aus den ihr erstatteten Rechtsgutachten ersehen haben, daß die Amtsenthebung Dr. Stoffregens durch den Regie­rungspräsidenten nicht hätte erfolgen dürfen und daß die von dem Regierungspräsi­denten angeführten Gründe n i d> t einmal f ü r ein Disziplinarverfahren ausrei­chen würden. Dr. Stoffregen hat erklärt, er werde trotzdem gegen sich die Einleitung eines Diszi­plinarverfahrens beantragen und bis zum Ab­schluß dieses Verfahrens um seine Beurlaubung nachsuchen.

Diese neue Kanzlerrede habe sich auch noch in anderen Punkten sehr vorteilhaft von dem unter­schieden, was man in den letzten Wochen von der gleichen Stelle zu hören gewohnt gewesen sei. Der Kanzler habe diesmal sehr deutlich darauf hinge­wiesen, daß unsere heutige politische Lage in Deutschland nur aus der unablässigen Verflechtung von Innen- und Außen- Politik in den letzten 20 Jahren oer­st ä n d l i ch fei. Man glaube plötzlich an eine Brü- ning'sche Diktion erinnert zu werden, wenn es in der Rede heiße, daß die letzten Gründe für die Wirtschaft, für ihr Auf und Ab, ihr Gedeihen, Schrumpfen schließlich nicht im Wirtschaftlichen lie­gen sondern im Politischen, und daß die euro­päische Wirtschaft daher niemals zur Ruhe kommen und niemals die für ihr Gedeihen siche­ren Grundlagen erhalten würde, wenn nicht jene Konzeption einer einigen und friedlichen Völkergemeinschaft Wirklichkeit werde Hierin könne dem Kanzler nur zugestimmt werden.

Der$ a g" geht vor allem auf die außen­politischen Ausführungen des Kanzlers ein, von denen besonders die Revisionsforderung im Sinne einer Rückkehr zu den Grundsätzen des Dorsriedens (Lansing-Rote) bemerkenswert sei. Die bisherige Erörterung über den Herriot-Plan scheine nicht die Annahme zu gestatten, daß hier eine wirkliche Gleichberechtigung zugestanden wer­den solle. Ter Kanzler habe sehr zutreffend auf die Rückwirkungen hingewiefen, die durch den Auhendruck auf die innerpolitische W i Ilensbildung in Deutschland aus- geübt worden sei. Tas Blatt glaubt den Kanzler richtig zu verstehen, wenn es annehme, daß er nach außen hin den Abstand deutscher Staats­ausfassung von der formalen westlichen bemerk­bar machen wolle, von der sich Deutschland zu feinem Heil fortbewege und sich auch weiterhin tn jedem Falle nach eigenen Gesetzen entfe» 1 nen müsse.

Französische Stimmen zur Kanzlerrede. I

Paris, 9. Rov. (WTB.-Funkspruch.) Das Or­gan Herriots, die@re Rouvell e", bezeich­nete die gestrige Reichskanzlerrede als einen »fühlbaren Fortschri11". Seit Monaten sei man nicht an eine derartige Sprache gewöhnt. Man sei aufrichtig glücklich über die Geste des Reichskanzlers, sehe davon ab, zu unterstreichen, was veruneinige und wolle nur das in Betracht ziehen, was einige. Auch »P e t i tP a r i s i e n" gibt seiner Genugtuung Ausdruck. Die Stelle der Rede, die vorn französischen Plan handele, fei in besonders maßvollen Wendungen abgefaht und lasse den Wunsch erkennen, die Aussprache über diese französische Anregung I

mehr auch in der Wilhelmstrage die Unmöglichkeit einerautoritären" Staatsführung gegen 90 Pro­zent der Bevölkerung einzugestehen und den klaren Sinn des Wahlergebnisses 'nicht länger zu igno­rieren bereit fei. Wenn die Reichsregierung den Mut finden sollte, den Weg zu einer N e u f u n « bierung der Staatsführung in der not- wendigen Weife freizugeben, dann könnte man die Hoffnung haben, daß es einen Ausweg aus der Sackgasse gebe, in die sie sich verrannt habe.

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