Ausgabe 
9.9.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt

Buntes Allerlei

V

hoben? Nein, der Selterwasierholer steht vor der Tür und fordert treuherzig seinenFlaschen ei nsatz" 1

zurück. Die edle Rücksicht kann auf der andern Seit« auch wohl zuweit gehen, das beweist eine kleine Ge­schichte aus der Zeit, da man an den Häusern noch die alten Zug-Glocken zum Läuten hatte. In einer schwarzen Nacht knarrt, kratzt und knirscht es leise und vorsichtig an der Klingel. Der Apotheker er­wacht, weckt auch seine Ehehälfte, aber beide können sich das unheimliche Geräusch nicht erklären. Rüh­ren Geisterhände am Glockenzug? Endlich erhebt sich der Apotheker, lugt zum Fenster heraus und sieht unten ein altes Mütterchen, das eine Arznei «für ihr Enkelkind verlangt. Befragt, warum sie denn nicht richtig gezogen habe, antwortet sie kleinlaut: Ich wollte doch den Herrn Apotheker nicht gor so sehr stören!"

Tanzbären gegen Rheumatismus.

Das Verschwinden der Tanzbären von den Jahrmärkten und Landstraßen ist nach dem Kriegs beobachtet worden: selbst in Rußland, dem klassi­schen Lande des Tanzbären, sind solche Vor­führungen nur noch vereinzelt. Wie ein Reisen­der aus Rumänien berichtet, trauert man dort in einigen abgelegenen Teilen des Landes den verschwundenen Bären aus besonderen Gründen nach. ,,Es ist ein tief eingewurzelter Glaube unter den rumänischen Bauern", berichtet dieser Reisende,daß Bären die geheimnisvolle Wacht besitzen, rheumatische Leiden zu heilen. Wenn ein Wann mit einem Tanzbären in ein Dorf kommt, dann strömen alle Rheumatiker aus der

stabt, Raunstabt unb Grävenwiesbach gelang cfl, die gefährdeten Rachbargebäude zu schützen.

Großflugleistungen in Hirzenhain.

WSN. Hirzenhain. 6. Sept. Reger Flug» betrieb herrschte dieser Tage in Hirzenhain, wo zahl­reiche Flüge ausgesührt wurden, von denen der des Fluglehrers W i e g m e y c r besondere Beachtung verdient. Wiegmeycr gelang er, den bisherigen Hir­zenhainer Rekord um drei Stunden zu überbieten und 8 Stunden 16 Minuten in der Lust zu bleiben. Die Fliegergruppe ist in den letzten 14 Tagen sehr | rührig gewesen.

Rachbarschaft zusammen, legen sich auf die Erde und lassen den Bären über ihren Wagen stampfen. Das gilt als ein vorzügliches Heil­mittel gegen jede Art rheumatischer Beschwerden^

Helft Hindenburg helfen!

Annahmestellen der Hindenburg-Spende zum 85. Geburtslage des Reichspräsidenten sind bei allen durch Aushang gekennzeichneten Ranken, den Postämtern und Postscheckkonto Hindenburg-Spende Nr. 73800.

umgeben gewesen, denn die Arbeit derPillen­dreher" im Laboratorium hatte gor manches mit den Geheimnissen derschwarzen Kunst" gemein. Heut ist freilich von dieser Mystik des Apotheker­berufs nicht viel übrig geblieben; aber noch immer erlebt der Apotheker mit seiner Kundschaft allerlei Abenteuer. Spaßhaftes aus dem Verkehr mit der Kundschaft wird von einem Angehörigen dieses Be­rufs in der Leipziger l l u st r i r t e n Zei­tung" erzählt. Der Nachtdienst ist beispielsweise nicht dazu da, daß man stillvergnügt den armen Apotheker herausNingelt und dann keck und bieder Briefmarken verlangt oder Eis 3ur Bowle oder Geld gewechselt haben möchte. Eine solche Nachteule holt sich einmal um 2 Uhr nachts eine Flasche Selter- wasser. Sie wird ihm gegen Flaschenpfand aus- gehändigt. Nach einer Halden Stunde klingelt es wieder. Nanu, ist plötzlich die Wirtschaftskrise be-

Oie Wiederbelebung der Börse.

Das Wirtschastshoroskop der Burgstrahe. - Riesenbetrieb an der Berliner BSrse.

Don unserer Berliner Redaktion.

LU. Von der Landesuniversität. An Stelle deS nach Heidelberg berufenen ordentlichen Professors Dr. Walter D o t h e ist der Privat - dozent an der Universität Tübingen Dr. Ehri- tian Gerthsen mit Wirkung vom 1. Oktober 1932 unter Berufung in das Deamtenverhältnis >um ordentlichen Professor der Physik an der hie- igen Landesuniversität ernannt worden.

** Warst d u schon in. Theater?" Dieser Spruch müßte jedem Gießener Bürger über dem Bett hängen. Mit diesem Anruf müßte jeder seine

Frankfurt soll am 1. Oktober 30 Mill. Mark zurückzahlen.

WSR. Frankfurt«. M.. 8. Sept. Der Ma­gistrat der Stadt Frankfurt bemüht sich seit Mo­naten bei den zuständigen Reichs- und preußischen Ministerien um eine Lösung der Frage der Frankfurter Schatzanweisungen, die mit 30 Millionen Mark am 1. Oktober fällig wer- den Obwohl alle in Frage kommenden Stellen darüber unterrichtet sind, dah die Stadt aus eigenen Kräften die Einlösung nicht vornehmen kann, ist bis jetzt eine Entschei- düng bei den Zentralstellen nicht getroffen wor­den Es kann nicht im entferntesten gesagt wer- den' nach welcher Richtung hin eine Entscheidung aetroffen werden wird, ja nicht einmal, ob die »w ständigen Ministerien in dieser Frage Schritte un­ternehmen werden. Auch die heute im Reichs- Wministerium über die am 1 Oktober fäl- ig werdenden Schatzanweisungen der Städte Frankfurt und Köln führten Verhandlungen haben noch zu keinem Ergebnis

Schwerer Verkehrsunfall.

IX" aut M) auf dne'r Dienst.

fcXnh non einem Per onenkraflwagen über- foh en Mer »er M Fahrrad an der Hand führte, nnr dem Unfall von einem anderen Rad- mürbe lurj| d r^' rte dabei über sein eigenes IglÄTS w® Ueb-rhal-n-

Gießen, den 9. September 1932.

Astern blühen.

Sie sind die Benjamine, die Spätlinge, die Letztgebvrenen der großen Mutter, die die Kin­der Floras im Frühling und Sommer vor un­seren immer neu entzückten Augen farbenbunte Reigen tanzen ließ. Run verklingt allmählich dieser Serpentintanz der Farben und Formen, dies« unerschöpflich wandlungsveiche Melodie, die in allen Tonlagen den Geist besang, dessen Ideen- fülle so unbegrenzt ist, daß keines Menschen Phantasie hinreicht, um sie auch nur im winzig­sten Bruchteil nachzuahmen. Was uns bleibt, ist ein Stehen und Staunen und das Gefühl, Ge­schöpfe eines meisterlichen Schöpfers zu sein, der in dem Werden jeder Blume ein Wunderwerk seiner Urkraft und Unendlichkeit zur Entfaltung brachte.

Wenn die Astern immer mehr die einzigen Blumen werden, die selbst noch aus dem fallen­den Laub uns «in Grüßen des Sommers zu- winken, dann ebbt das Lied von der lachenden Schönheit der Erd« aus den vollen Registern und den tönenden Akkorden der Sommerzeit ab und geht in «ine getragene Mollstimmung über, in der «ine verhaltene Wehmut nachzittert. Der milde Glanz abgeklärter Reife und die Sehn­sucht nach Ruhe, als natürliche Folge eines Wir­kens mit allen Fasern des Seins, dieses Andante, das vom Spätsommer in den Herbst überleitet, hat in den Astern seinen farbigen Riederschlag gefunden. Ihr Leuchten ist kein sprühendes, hem­mungsloses Gipfeljauchzen, sondern scheint mehr in Pastelltönen gehalten. Auch der Formenreich­tum ist einfacher, schlichter und trotzdem noch von einem hohen Reiz, den di« verlöschende botanisch« Architektur der Umgebung als be­scheidene Umrahmung noch steigert. Wenn der Herbst schon vorsichtig über die Flur fingert, um allem Lebenden die Augen zum Winterschlaf zu schließen, dann scheinen di« Astern seinem wür­genden Griff mit einem spitzbübischen Lachen auS- zuweichen.

Die Astern sind der Blumensteg, auf dem uns der groß« Weltenmagier aus dem Lande er­füllter Blütenträume hinübergeleitet in die däm­merigen Gefilde blumenleerer Oed« und erstarrten LebenS, das trotzdem kein Tod, sondern nur Ruhe zu neuem Erwachen ist. Dieser Blumensteg zeigt noch einmal in den Astern di« Grundfarben, mit denen di« Palette des genialsten Malers vom Frühling bis in den Herbst hinein ein Dlumen- stück nach dem andern schuf. Es ist, als ob «r noch einmal anschaulich machen wollte, welche unendliche Vielfalt in den einfachsten Mitteln liegen kann, wenn sie von einem höheren Zweck beseelt werden. Denn jede Blume war wohl ein mehr oder weniger kunstvolles und bezauberndes Ding an sich, aber der Reiz der Erscheinung war nut daS Mittel zu dem Zweck, über der Vergäng­lichkeit und Wandelbarkeit aller irdischen Schön­heit den tiefsten Sinn jeglichen Gestalkens nicht zu vergessen.

Ein Strauß Astern in seiner ungeschminkten Farben- und Formsprache redet von der Ratur nicht weitschweifig und prahlend, sondern unver­bildet:Rimm mich, so wie ich bin. Denn so wie ich bin, bin auch ich eine Strophe in dem Gedicht, das eine unsichtbare Hand mit den Buchstaben «ineS ewigen Alphabets schrieb!" Kig.

Oer OHB. zur WirtschastSverordnung.

Freunde unb Bekannten baran erinnern, burch flei- feigen Besuch unb reges Abonnement eine städtische Institution wie bas Theater zu unterstützen. Anmel- bungen für Abonnements werben schriftlich ober ab 25. September täalich in ber Zeit von 10 bis 13 Uhr an ber Tageskasse entgegengenommen. Durch eine erneute Senkung auch ber Abonnementspreise ist es jebem möglich, an ber Erhaltung des Stabttheaters mitzuhelfen, bas alle zu seinem 25. Jubiläum ein- läbt. Folge auch bu dieser Einladung unb bekenne bich zu beinern Theater!

Konferenz des Weltstudenten- werks in Gießen. Vom 10. bis 17. September findet hier eine deutsch-englische Konferenz des Weltstudentenwerks statt, zu dieser werden sich etwa 60 Teilnehmer einfinden, darunter etwa 30 Engländer, Professoren und Studenten. Die Teilnehmer der Konferenz kamen bereits zum Teil am Mittwoch in Gießen an, fuhren nach Homberg a. d. Ohm, verbrachten dort den gestri­gen Donnerstag, bleiben auch noch den heutigen Freitag und werden am morgigen Samstag nach Gießen zurückkehren. Um 20.30 Uhr findet dann die Eröffnung der Konferenz im neuen Studenten­haus in Gießen statt. Seine Magnifizenz der Rektor der Landesuniversität, sowie der Ober­bürgermeister der Stadt Gießen werden An­sprachen halten. In den Tagen vom Sonntag, 11. September, bis zum Schluß der Konferenz am Freitag, 16. September, ist eine Reihe von Vor­trägen vorgesehen, die sich mit dem deutschen und englischen Etudentenwesen, darüber hinaus aber auch über Probleme Großbritanniens und Deutschlands in der Gegenwart beschäftigen werden. Im Rahmen der Konferenz ist auch ein Ausflug nach Marburg vorgesehen.

Höllenlärm und wenn um die Wittag-zeit btc Besucher die Börse verlassen, bleibt das Schlacht­feld übersät mit Papierschniheln zurück. Die Stände der vereidigten Makler, die allein die Kurse machen dürfen, sind dicht umlagert und be­sonders diejenigen vereidigten Makler, die die an der Börse beliebten Papiere handeln, sind einem Trommelfeuer von Zurufen auSgeseht. 5000 Farben, 8000 Siemens Dries", man ver­steht sein eigenes Wort nicht mehr in dem Durch­einander. Der Makler aber mit seinen Gehilfen bewältigt alles spielend, er ist ja so glücklich, dah nach Jahren ber Erstarrung wieder Leben in dieses Haus gekommen ist. Aus An­gebot und Rachfrage bildet er die Kurse, an den großen schwarzen Tafeln erscheinen mit Kreide oder zumeist mit Lichtsignalen die Zeichen, deren Ziffern als Anhängsel -ft-ft-ft.Zeichen tragen, d. h.weiter im Steigen begriffen". Der Be­amte, der von Staats wegen als Aussangvorrich- tung für den Zusammenbruch von Kursen gilt und im Rotfall Zwangskurse einsetzen muß, hat seit langer Zeit wieder einmal nichts z u tun und freut sich darüber. In diesem Durcheinander der Zurufe bedeutet ein Wort, ein Handschlag in Se­kundenschnelle stets den Geschäftsabschluß, oft werden in dieser Weise über Hunderttausend« verfügt und erst am Abend bekommt der eine Makler vom anderen denSchluhschein" zuge- schickt, der das Geschäft schriftlich bestätigt. So seltsam es klingen mag: an der Börse gilt das Wort wie ein Heiligtum und nicht zuletzt des­halb wird die Desucherschar so gesiebt.

Wer bildet dieKulisse", wer sind die Hintermänner der großen Börsengeschäfte?" Es sind heute vor allem die Danken, die sich unten staatlicher Aufsicht befinden, zuweilen auch di« Industrie, die sich trotz des stolzen Wortes von Geheimrat Duisberg,Wir spekulieren nicht, wir produzieren", immerhin sehr lebhaft für die Börse interessiert. Trotzdem hat diese Umstellung der Kulisse sehr günstig auf einen ruhigeren und sach­lichen Ablauf deS Börsengeschäfts getoirft, um so mehr, als die Kulisse nur noch in sehr be­schränktem Umfange eingreift. Gerade jetzt ist es zu beobachten, daß das Anziehen den Kurse auf die Käufe und die Einwirkung deS kleinen und mittleren Publikums zu­rückzuführen ist, das sich auf Grund der Bera­tung durch die Banken und andere Sachverstän­dige zu einem Dertrauensvotum für 'die toirtr' scAftspolitische Entwicklung im Sinne eines Kon­junkturaufschwungs entschieden hat.

Immer noch hat die Börse ihre eigenen Ge­setze, für Außenstehende oft unverständlich. Es ist das Wesen deS Börsianers, daß er die Er­eignisse auf ihre letzte Wirkung, auf Monate vor­aus abzuschätzen sucht. Wenn zum Beispiel di« Aktien für Baustoffe besonders bevorzugt sind, weil man sich aus dem Arbeitsdienst eine besonn bete Belebung dieses Geschäftszweiges verspricht, ober wenn ber beutsche Wein günstiger beurteilt wirb, weil man nach der amerikanischen Präsi- bentschaftswahl bie Aufhebung ber Prohibition er­wartet, so liegt darin irgendein Sinn. Unb die Börse hat in großen Zügen mit ihrem Finger- spihengesühl meist Recht behalten. Sie hat den Krisenbeginn praktisch sichtbar gemacht und will auch den Konjunkturaufschwung sichtbar einleiten. Es war von jeher die Ueberzeugung ber Börse, dah die Krise ihren Tiefpunkt überschritten hat, wenn die Preis«, vor allem die Rohstoffpreise, wie­der steigen. Unb so ist die Beurteilung ber Börse, bie man durch scharfe Maßnahmen von dem Un­wesen ber Gerüchtemacherei einigermaßen befreit hat, seht ernst zu nehmen.

Im oereinseigenen Heim hielt gestern abend die Ortsgruppe Gießen des Deutjchnaiionalen Hand- lungsgehilsen-Derbandes (DchV.) ihre Monatsver- fammlung ab. Im Mittelpunkt des Abends stand ein Dortrag des Dertrauensmannes der Ortsgruppe, Herrn Schwarz, der über dieNotverordnung der Regierung von Popen und die Forderungen des DHD. an den Reichstag" sprach. Die neue Not­verordnung der Reichsregierung trage nach außen hin das Gepräge der sozialen Tat zur Schau. Die Arbeitnehmerschaft fei über die getroffenen Maß­nahmen und ihre Durchführungsbestimmungen an­derer Meinung. Die neue Verordnung treffe die­jenigen, die unter der Not bereits am stärksten leiden. Die Vorteile aber kämen jenen zugute, die durch Fehlleitungen des Kapitals die gegenwärtige Not mit herbeigeführt hätten. Ein besonderes Ka­pitel in der neuen Wirtschaftsoerordnung bedeuteten bie Steuerverrechnungsscheine. Im voraus werde eine Steuerermäßigung verordnet, von ber man noch nicht wisse, ob sie für die kommenden Jahre tragbar sei. Dem Arbeitnehmer werde aber keinerlei Hilfe zuteil. Die Möglichkeit des börsenmaßigen Handels der Steuerverrechnungsscheine eröffne die­sen Kreisen des Kapitals neue Gewinnchancen, jur den rücksichtslosen Unternehmer bedeuteten die 400= Mark-Prämien für die Arbeitereinstellung eine Be­lohnung, für den verantwortungsbewußten Unter­nehmer, der sein Personal gehalten habe, das Ge- genteil. Unter bestimmten Voraussetzungen sei den Arbeitgebern (für die 31. bis 40. Wochenstunde) die Möglichkeit gegeben, die Tarifsätze zu unterschreiten. Dadurch sei ein Anreiz für die Kurzarbeit gegeben, weil über 40 Wochenstunden voll bezahlt werden müssen. Für die Arbeitnehmer bedeute dieser Mo- dus eine eminente Verschlechterung. Die Kaufkraft des größten Teiles der Arbeitnehmerschaft werde weiter geschwächt. Durch die neue !l?erorbnung werde die Sozialversicherung zu beliebiger Einfluß­nahme der Reichsregierung anhsimgegeben. Dagegen müsse man sich mit aller Energie wenden. Die in der Notverordnung erwähnten Zinssenkungen seien im Grunde geeignet, Erleichterungen für bie Wirt­schaft herbeizusühren, leider fehlten aber gerade hier noch fest umriffene Gedankengänge. Ein unbedingtes Erfordernis fei die Reform des Aktienrechtes, an Stelle des unpersönlichen Unternehmers müsse wie­der bie verantwortungsbewußte und verantwortliche Einzelpersönlichkeit treten.

Der DHD. habe gegenüber den geplanten Maß­nahmen der Reichsregierung eine Reihe von For­derungen ausgestellt, die dem Reichstag und, im Falle seiner Auslösung, den zuständigen Regie­rungsstellen nachdrücklich unterbreitet werden sol­len. In diesen Forderungen wende sich der DHD. u. a. gegen die Eingriffe in die Angestelltenver­sicherung, gegen die Verbindung der Angestellten­versicherung mit leistungsschwachen Dersicherungs- körpern gegen Mehrarbeit über die 48^tunden- Woche 'hinaus, und gegen die Doppelverdiener. Ferner gegen die ost unbegründeten Entlassungen älterer Angestellter, gegen die Aufhebung der Selbstverwaltung in der Sozialversicherung und in der Krankenversicherung, sowie auch gegen das ungerechte Verhältnis zwischen Leistung und Bei­trag in der Arbei tslosenversicherung. Der DHD. sehe sich weiter für die Aufrechterhaltung der öffentlich-rechtlichen Schiedsgerichte ein, für die Entlastung des Arbeitsmarktes der Angestellten,

Am User der Spree, gerade gegenüber dem Ber­liner Dom, erhebt sich, in der Mitte von Säulen getragen, jenes von vielfachen Geheimnissen um­gebene Haus, das man in Deutschland kurzD i c Durgstrah «" nennt. Wall-Street in Äeuhork und Fleet-Street in London sind die parallelen Begriffe. Abgesehen vielleicht vom DcichStags- gebäube gibt es fein Parlament in Deutschland, das heftiger umkänipst, aber auch stärker beachtet ist, als die B e r l i n e r B ö r s e. Die Börse ist in Wahrheit ein Parlament. Es werden zwar dort keine Reden gehalten, aber die Beschlüsse, Ver­trauens- ober Mißtrauensvoten wiegen um so schwerer, als der Einsatz ja mit eigenem Gelbe bezahlt werden mutz.

In der Lpandauer Straße stehen auf dem Fahr­damm die Automobile in drei- oder vierfacher Reihe, richtig in Paradestellung. Dom Hanomag bis zum Mercedes fehlt kein Wagen unb wer gestern noch im Kleinauto kam, fährt morgen im Luxuswagen vor oder umgekehrt, das ist der Reiz unb die Spannung dieses Spiels. Die große Mehrzahl der Dörsenbesucher aber kommt zu Fuß unb strömt bereits in den frühen Vor­mittagsstunden in bie weit geöffneten Börsenhal- len, durchbricht mit ber Dörsenkarte versehen, die Schranken der Kontrolle, die unerhört streng ist unb nur eine sorgfältig ausgesiebte Schar in die geheiligten Säle eintreten läßt. EinPlatz an der Sonne", eine Karte zu der Reuhorker Börse wurde noch vor fünf Jahren mit Summen bis zu 200 000 Dollar bezahlt. Derartige Phantasiepreise wur­den an den deutschen Börsen nicht erhoben, da- ür aber wurde auf bie einwandfreie Per- önlichkeit des Börsenbesuchers um so größe­rer Wert gelegt. Die Männer, die hier mit hoff­nungsvollen und durch die Hausse belebten Gesich­tern die Freitreppe zur Börse emporschreiten, sind zumeist kleinere Makler, bie auch in guten Börsenjahren nur in bürgerlichen Grenzen oerbienten unb denen es jetzt jahrelang, während des Scheintodes der Börse, so schlecht ging, daß von reichswegen Llnterstühungskassen für die Makler geschaffen wurden. (In dieser Zeit hat ich nichts als der Börsenwitz erhalten und auch >er wußte keinen besseren Vorschlag als das Haus in der Burgstrahe in ein Erwerbslvsenasyl zu ver­wandeln.) DerTyp desgroßenDörsen- s ch i e b e r s, den es in früheren Zeiten gab und ber währenb der Inflationszeit seine schlimmsten Sumpfblüten trieb, ist, von einzelnen Ausnah­men abgesehen, verschwunden. Selbst ein Jakob Michael konnte nur noch vegetieren bis zum endgültigen Zusammenbruch.

Blickt man sich in den Börsensälen um, so ver­mißt man jedoch auch jenen anderen Typ des gro­ßen Börsianers, für den ber Ausbruck Börsen­schieber nur als Grenzbegriff, wahrscheinlich aber überhaupt nicht paßt. Man denkt dabei an Män­ner, bie vor etwa zehn Jahren unbekannte Heine Maller waren und übet Rächt durch kühne Bör­sentransaktionen Industriekonzerne mit Milliar- bentoerten zusammenschweißten, die den Stinnes- Konzern ohne wesentliche Erschütterungen ber deutschen Wirtschaft liquidierten und gerade von der Börse her maßgebliche deutsche Industrie- konzeme aufbauten. Sie gehörten zu dieser Kate- girie des großen Börsenmenschen, der mit dem pekulieren produktive Wirtschaftszwecke verband.

In diesen Tagen sieht man in den Sälen der 'Ber­liner Börse auch diese Leute. Aber kein Rym- bus umgibt sie mehr, niemand macht ihnen ehr- fürchttg Platz, die Zeit der Börsenkönige ist vor­über.

Die Dörsensäle sind gerammelt voll. 3m Ge­gensatz zur Reuyorker Börse, wo nur im Flüster­ton gesprochen werden darf, herrscht hier ein

für einen Umbau des Wirtschaftsrechtes und da­mit für eine Verschärfung der persönlichen Haf­tung des einzelnen Unternehmers, wie auch des Aufsichtsrates in den Aktiengesellschaften. Mit der Reform des Aktienrechtes werde man sich und damit schloß der Redner in einer beson­deren Versammlung beschäftigen Der Vortrag wurde von den zahlreichen Mitgliedern mit gro­ßer Aufmerksamkeit ausgenommen. KreiSgeschäfts- ührer Schröder nahm sodann grundsätzlich Stellung zur Politik der Reichsregierung. Im weiteren Verlauf der Versammlung beschäftigte er ich noch mit den Tarif-Verhandlungen zwischen >em Gießener Einzelhandel und der Angestellten- chaft. Zum Schluß der Versammlung nahm Herr Mohaupt noch die Verteilung der Preise für die in der Werbearbeit besonder- hervorgetre- tenen Mitglieder vor.

Taten für Freitag, 9. September.

9 n. Ehr.: Schlacht im Teutoburger Wald: 1737: der Raturforscher Luigi Galvani in Bo­logna geboren; 1828: der russische Schriftsteller Graf Leo Tolstoi in Iasnaja Poljcma geboren; 1855: der Schriftsteller Houston Stewart Cham­berlain in Portsmouth geboren; 1928: ber Landschaftsmaler Karl E. Morgenstern in Krumm- !>üb«I im Riesengebirge gestorben; 1928: der Industrielle Kurt Sorge in Berlin gestorben.

Da die Tanzbären nun immer seltener werden, sehen sich die Bauern gezwungen, andere Heil­mittel zu suchen, die hoffentlich nicht wenig«: wirksam fein werden.

VezirkSschöffengmcht Gießen.

Gießen 7. Sept. Ein Reisevertreter war an- geklagt, einen von einem Kunden bereits unter­schriebenen Bestellschein entgegen dem erteilten Auftrag wahrheitswidrig ausgefüllt und sich da­durch einer Urkundenfälschung schuldig gemacht zu haben. Durch die Beweisaufnahme konnte keine Klarheit erzielt werden, in welcher Höhe die Be­stellung in Wirklichkeit aufgegeben worden war. Das Gericht erachtete daher nicht für erwiesen, daß der Angellagte austragswidrig gehandelt hatte und sprach den Angeklagten frei.

AuSsteigen und schieben!"

Eine eigenartige Protestkundgebung veranstaktete kürzlich die Ortsgruppe Torgau des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs, und zwar richtete sich der Protest gegen die Bestimmung der Torgauer Wasierbaubehörde, daß die Torgauer Elbstrafeen- brücke nur mit einer Stundengeschwindigkeit von zehn Kilometern befahren werden darf. Es wurde eine Autofahrt über die Brücke veranstaltet. Aus das KommandoAlles ausfteigen und schieben" verließen die Führer ihre Fahrzeuge und schoben diese über die Brücke. Hunderte von Menschen waren Zeugen der eigenartigen Demonstration, die große Heiterkeit hervorrief.

Apotheker-Humor.

Der uralte Stand des Apothekers, der sich bei uns in Deutschland seit dem 12. Jahrhundert nach­weisen läßt, ist stets von einer gewissen Romantik

durch bas Personenauto direkt vor dieses hin, so daß der Wagen über ihn hinwegging. Er erlitt berart schwere Verletzungen am Stopfe, baß er gleich nach seiner Einlieferung ins Dillenburger Krankenhaus seinen Verletzungen erlag.

Grohfeuer im Taunus.

WSR. Ufingen, 8. Sept. In der DienStag- nacht brach in der Scheune der Witwe B e st in Hundstabt Feuer aus. das bi« Scheune mit der gesamten Ernte vernichtete. Der erst im Vor­jahr erbaute Kuhstatt blieb erhalten. Der Scha­ben ist burch Besicherung gedeckt. Den verein­ten Bemühungen der Feuerwehren aus Hund-