Oie Konferenz von Gtresa.
Drei Konveniionseniwürfe zur Hilfe für die östlichen Agrarstaaien.
Stresa, 8. Sept. (WTB.) Dem Wirtschaftskomitee der Konferenz von Stresa wurden heute nachmittag drei Konventionsentwürfe vorgelegt, nämlich von der deutschen, der französischen und der italienischen Delegation. Der deutsche Vorschlag sieht vor, daß Deutschland, Oesterreich, Frankreich, Italien und die Tschechoslowakei den rein agrarischen Ländern einPräferenz- regime für Getreide, Futtermittel und Mais gewähren. Dies kann entweder durch Zollermäßigungen, Zurückerstattungen von Zöllen oder durch anderweitige Maßnahmen geschehen, die von den die Präferenz gewährenden Staaten näher zu bestimmen sind. Ferner sollen zweiseitige Verträge abgeschlossen werden gemäß den Empfehlungen der 4. Internationalen Konferenz für eine allgemeine wirtschaftliche Aktion vom November 1930. Dieses Präferenzregime darf jedoch nicht zu einer Erhöhung der Getreideproduktion in den nutznießenden Ländern führen. Die Vergünstigungen dieses Präferenzregimes werden den meistbegünstigten Ländern offen stehen und auch den Staaten, die eventuell später der Konvention beitreten werden. Der deutsche Vorschlag sieht weiter vor, daß aus Vertretern der Käuferländer ein Komitee gebildet wird, das seinen Sitz beim Völkerbund haben wird. Europäische Länder, die noch keine Getreidezölle haben, aber solche einführen wollen, werden eingeladen werden, der Konvention beizutreten. Die vorliegende Konvention soll bis zum 30. Oktober 1935 gültig sein.
Oer französische Vorschlag enthält wenig neues. Er ist auf dem Grundsatz der vielseitigen Gewährung vonPrä- ferenzen fürGetreide.Mais.Gerste und Futtermittel aufgebaut. Der franzö
sische Konventionsentwurf stimmt mit dem deutschen in der Frage überein, auf welche Art die Gewährung von diesen Präferenzen vor sich gehen soll. Ferner decken sich die französischen Vorschläge für die Bildung eines Komitees mit den deutschen. Dieses Komitee soll u. a. die Aufgabe haben, die Höhe der auszuführenden Kontingente zu überwachen. Die Bestimmungen über das Verhältnis zu den meistbegünstigten Staaten sind denjenigen des deutschen Entwurfs gleich, ebenso wie diejenigen, die die europäischen Länder betreffen, die noch keine Getreidezölle haben. Auch der fran- zösische Vorschlag sieht die Dauer des Vertrags bis 30. Oktober 1935 vor.
Oer italienische Vorschlag
faßt ebenfalls zweiseitige Verträge aller Länder mit den Agrarstaaten ins Auge. Ferner soll auf der Grundlage des Welthandels jedes europäischen Landes vorübergehend ein Beitrag von jedem Land für die Agrarstaaten geleistet werden, der noch genauer zu bestimmen ist. Der italienische Entwurf schlägt als Gegenleistung eine entsprechende Herabsetzung derZölle der südosteuropäischen Staaten vor.
In der nächsten Sitzung des Wirtschaftskomitees, die am Freitagvormittag stattfindet, wird die deutsche Delegation den französischen Konventionsentwurf unter st ützen und erst im Falle seiner Ablehnung den deutschen Entschließungsentwurf zur Diskussion stellen. Ilm für Deutschland annehmbar zu sein, muß der französische Entschließungsentwurf selbstverständlich in verschiedenen Punkten abgeändert werden. Der deutsche Vertreter wird voraussichtlich morgen den Vorschlag machen, daß die Basis für die Arbeiten des Komitees die Anerkennung der bereits abgeschlosse- senen bilateralen Verträge sein soll.
Aus aller Welt.
Altertumsfunde in Limburg.
r Bei Ausschachtungsarbeiten am bischöflichen Ordinariat in Limburg wurden schon vor einigen Tagen verschiedene Gräberfunde gemacht. Jetzt wurde an gleicher Stelle (das bischöfliche Ordinariat war früher Franziskanerkloster) eine alte Franziskanergruftanlage entdeckt. Dis zu einer Tiefe von drei Meter wurden in vier Geschossen übereinander jeweils neun Grabanlagen festgestellt. Ferner stellte man Mauerreste fest, die darauf hindeuten, daß die Gruft sich unter dem Ehor einer alten Kirche befand. Man glaubt damit den Ort einer früher noch in Limburg vorhandenen Kirche festgestellt zu haben. In der Nähe der Gruft wurden Teile eines alten Marmor-Epitaphs mit gut erhaltenen Wappen und Inschriften gefunden.
Abschluß des Deutschen Gaslwlrtetages.
Die Verhandlungen des 5 7. Deutschen Ga st Wirtetages in Münster wurden nach Annahme einer Reihe weiterer Anträge abgeschlossen. Angenommen wurden u. a. Anträge, die sich mit dem Konzessionswesen befassen und z. D. die Untersagung der Erteilung von Tageskonzessionen verlangen. Anträge bezüglich der Schre- bergärtenkonzessionen und der Schankkonzessionen in Warenhäusern fanden einstimmige Annahme. Angenommen wurden auch Anträge zur Konzessionserteilung beim gewerbsmäßigen Betrieb von Fremdenpensionen. Weitere Anträge fordern die Abschaffung der Hauszins- und Aufbringungssteuern, Senkung der Gebühren für Gas, Wasser und Strom und die Errichtung von Gastwirtszimmern. Anträge auf Schaffung einer eigenen Berufsgeiwsserr- schaft und zur Frage der Ermäßigung der Musik- tantiiMen wurden den Ausschüssen überwiesen. Ebenso wurden Anträge auf Herabsetzung der Fernsprechgebühren sowie zur Zusammen^gung des Totensonntags und des Volkstrauertages angenommen. Im Mittelpunkt der Aussprache stand weiter die Frage der Jugendherbergen, deren Konkurrenz in steigendem Maße empfunden wurde. Entsprechende Anträge wurden gleichfalls gebilligt. Schließlich wurden noch drei Dringlichkeitsanträge angenommen, die sich auf Aufhebung der Schlachtsteuer-Cr° gänzungsbestimmungen, Einheitsbewertung bei gewerblich benutzten Grundstücken und auf Ferien- und Urlaubskarten beziehen.
Der Norddeutsche Lloyd verschrottet Passagier- und Frachtdampfer.
In Durchführung des Abwrackprogramms der Reichsregierung werden vom Norddeutschen Lloyd fünf Passagier - und 13 Frachtdampfer verschrottet. Von den Passagierdampfern werden „Derfflinaer", „Karlsruhe", „Lützow , „Port" und „Seydlitz abgewrackt werden. Einige Dampfer werden bestimmt von den technischen Abteilungen des Norddeutschen Lloyds zum Abwracken übernommen werden. Ob auch die Werften an der Unterweser mit dem Abwracken der Lloyddampfer beschäftigt werden, steht noch nicht fest.
Neues belastendes Material gegen den Kommunisten Schulz.
Die Untersuchung gegen den wegen bestialischer Mißhandlung seines elfjährigen Sohnes Werner und unter dem Verdacht der Ermordung seines zehnjährigen Sohnes Horst verhafteten früheren kommunistischen Landtagsabgeordneten Richard Schulz in Waldenburg (Schlesien) hat neues belastendes Material ergeben. Bei seiner Vernehmung gab er zu, bereits früher die Absicht gehabt zu haben, den zehnjährigen Jungen wegzuschaffen, weil er zuviel lüge. Schulz, dessen erste Frau sich von ihm wegen dauernder Mißhandlungen scheiden ließ, würbe auch von seiner zweiten Frau, mit der er im Gefängnis getraut wurde, wegen Mißhandlung verlassen. Sehr belastend für ihn ist ein Brief, den er am Tage vor seiner Festnahme an seine erste Frau gerichtet hat, und in dem es heißt: „Du bist nicht ganz auf Deine Rechnung gekommen. Ein Loch in diese Rechnung habe ich schon gemacht I" Man vermutet, daß er damit die Beseitigung des zehnjährigen Hör st gemeint hat, an dem die erste Frau mit besonderer Liebe hing. Da dem Schulz bei der Scheidung von der ersten Frau die Erzwhungsrechte zugesprochen worden
waren, versuchte die Frau immer wieder, ihre beiden Kinder wiederzuerhalten. Mehrere Zeugen bekunden, Schulz wiederholt nachts beobachtet zu haben, wie er mit schwerbepacktem Rucksack die Wohnung verlieh und in den Wald ging. Der zehnjährige Horst verschwand zu einer Zeit, als sich der elfjährige Werner während der großen Ferien bei seinen Verwandten in Berlin aufhielt. Als das Kind nach Waldenburg zurückkehrte, erzählte Schulz, daß er Horst ebenfalls nach Berlin geschickt habe. Erst später gab er an, daß Horst in Rußland sei.
Das Urteil des Waldenburger Sondergerichts gegen den Nationalsozialisten Rolfe.
Vor dem Waldenburger Sondergericht stand dieser Tage der nationalsozialistische Landwirt Kurt Rolle aus Dittmannsdorf. Er war angeklagt, in der Rächt zum 18. Juli d. I. den Reichsbannermann Geiswinkler in Reußendorf bei Waldenburg niedergeschvssen zu haben. Geiswinller ist wenige Stunden danach seinen Verletzungen erlegen. Rolle war von einem SA.-Treffen aus Striegau zurückgekehrt, als er auf dem Heimwege dem Reichsbannermann Geis- Winkler und dessen Freund begegnete. Es kam zu einem Wortwechsel, dem die Bluttat folgte. Der Staatsanwalt beantragte 21/2 Jahre Gefängnis. Das Urteil lautete auf sechs Monate G e f ä n g n i s wegen Waffenmihbrauchs; im übrigen erfolgte Freispruch, da das Gericht annahm, daß Rolle in berechtigter Aeberschreitung der Rotwehr gehandelt habe.
Ein Opfer derMlobe“-Katastrophe geborgen.
Die Leiche eines beim Untergang des Schulschiffes „Riobe" ertrunkenen Desatzungsangehöri- gen wurde an der Küste westlich des Hafens Roedbh (Laaland) angetrieben: es handelt sich um den Offiziersanwärter Hoffmann.
vor der Verwirklichung der ersten Fluginsel der Wett.
Wie aus Bremen verlautet, hat das Werk Weser der Deschimag den Auftrag erhalten, den Lloyddampfer „Westfalen" als Flugzeugmutterschiff aus- bzw. umzubauen. Es besteht die Absicht, in engster Zusa-mmenarbeit mit der Schiffahrt die Postbeförderung im S ü d a t l a n t i f weiter auszubauen und zu beschleunigen. Die Deutsche Lufthansa soll mit den beiden Dornier-Walen „D 2068“ und „D 2069“ zunächst zur Weiterführung der Flugstrecken von Las Palmas Vorbereitungen für eine Zwischenlandestelle mitten im Südatlantik durch den von ihr gecharterten Lloyddampfer „Westfalen" durchführen. Die „Westfalen“ wurde im Jahre 1915 auf der Werft Tecklenburg in Wesermünde erbaut. Das Schiff wird seinen Standort voraussichtlich zwischen Bathurst (Dri- tisch-Gambia) oder einem benachbarten Punkt und dex vor Pemambuco gelegenen Insel Fernando Roronha haben. Diese erste Fluginsel der Welt soll mit einer Landevorrichtung, mit Vorratsräumen für Brennstoff und Ersatzteile sowie mit einer Funikpeilstatton ausgerüstet werden. Mit der Verwirklichung des viel erörterten Gedankens, eine solche Flugzeugstation im Atlantik zu errichten, dürfte nach Abschluß der zahlreichen Probeversuche in absehbarer Zeit zu rechnen sein. Damit wäre ein durchgehender Postflugdienst von Deutschland über Las Palmas nach Brasilien gesichert.
Eisbrecher „Malygin" entdeckt unerforschtes Land.
Nach einem Bericht aus Leningrad hat der russische Eisbrecher.Malygin" funkentelegraphisch mitgeteilt, daß er sich dem „Weißen Lande" nähere. Dieses Land, das Nansen 1894 passierte, ist bisher noch von keines Menschen Fuß betreten worden. Es ist von mächtigen Gletschern bedeckt.
Hunger-Unruhen in Rußland.
Schwere Hunger-Unruhen sind nach einer Meldung des Berliner „Lokalanzeigers“ aus Moskau im Dextilbezirk von Iwanowo-Woschne- sensk ausgebrochen. Die durch den Hunger zur Verzweiflung getriebenen Arbeiter raubten stellenweise die Lagerhäuser aus und brannten sie nieder. Die GPU. griff sofo-rt ein und eröffnete das F e u e r auf die Plünderer, von denen mehrere erschossen wurden. Man glaubt allgemein, daß die jetzigen Vorfälle nur Vorläufer zu neuen Unruhen in anderen Gegenden darstellen. Seit langem ist die Rahrungs-
mittelversorgung nicht so schlecht gewesen wie in diesem Jahr.
Schwere politische Zusammenstöße in Steiermark.
In Leoben (Steiermark) kam es dieser Tage zu Zusammenstößen zwischen Rationalsozialisten und Iungsozialisten. Hierbei wurde der SS-Mann Helle durch einen Messerstich in den Bauch lebensgefährlich verletzt. Die Zusammenstöße erneuerten sich dann, wobei ein Schuß fiel, der den Rationalsozialisten Josef I a h in die Brust traf. Er e r - l a g kurze Zeit später seinen Verletzungen. Die Lage in Leoben wird als bedenklich bezeichnet. In Graz haben sich ähnliche Zusammenstöße ereignet, bei denen der Rationalsozialist August A ß m a n n durch einen Messerstich getötet wurde. Der Täter konnte noch nicht festgestellt werden. Zwei Personen wurden als der Tat verdächtig in polizeilichen Gewahrsam genommen. Die Grazer Polizeidirektion hat eine eindringliche Warnung an die Bevölkerung erlassen, sich an den Zusammenrottungen auf der Straße nicht zu beteiligen.
Schweres Grubenunglück in Ostoberschlesien. — vier Bergleute verschüttet.
Wie aus K a t t o w i tz gemeldet wird, ereignete sich auf dem Richthofen-Schacht der Giesche AG. in Ianow ein schweres Grubenunglück. Die Hauer M z y k und P s o t a aus Ianow, sowie die Arbeiter M a s l o r z aus Anna-Schacht und K o r o k aus Gieschewald wurden durch den Einsturz eines sieben Meter hohen und 15 Meter breiten Pfeilers verschüttet. Durch die ein- stürzenden Gesteinsmassen wurde ein Brenn- und Gasflöz freigelegt, so daß, wenn es gelingen sollte, an die Verschütteten heranzukommen, kaum anzunehmen ist, daß sie noch lebend geborgen werden können. Die Unglücklichen dürften et» stickt sein. Die Rettungsarbeiten werden mehrere Tage dauern.
Motorkutter gesunken. — Zwei Personen ertrunken.
Aus Helsingfors meldet ein Funkspruch: Bei dem schweren Sturm, der letzten 24 Stunden haben sich mehrere Schiffsunfälle ereignet. So wurde der finnische Motorkutter „Into", der sich auf dem Wege von Pargas (Finnland) nach Stockholm befand, von der Brandung leck geschlagen und ging unter. Der Kapitän und ein Mann der Besatzung wurden mit in die Tiefe gezogen und ertranken. Zwei andere Matrosen konnten sich an den Trümmern festhalten und trieben mehrere Stunden umher, bis finnische Fischer ihre Hilferufe hörten und sie retteten.
IHoforrabunfaU Im Schwarzwald.
In Hölzebruck bei Reustadt (Schwarzwald) fuhr dieser Tage der Pfarrer Alois Pfaff aus Kommingen bei Engen mit seinem Motorrad auf das Auto eines Kaufmanns aus
Württemberg auf. Durch den heftigen Zusammenprall wurden der Pfarrer und seine auf dem Soziussitz mitfahrende Schwester auf die Straße geschleudert, wo beide bewußtlos liegen blieben. Die Schwester, welche schwere Schädelver- l e y u n g e n erlitt, v e r st a r b bald nach ihrer Einlieferung in das Reustädter Krankenhaus. Pfarrer Pfaff liegt in hoffnungslosem Zustand darnieder. Die Schuldfrage ist noch nicht geklärt.
Drei Millionen Motorräder auf der Welt.
Der Motorradbestand der Welt hatte Anfang 1931 mit über 2,75 Millionen Rädern einen Rekordumfang erreicht. Im Laufe dieses Jahres hat er sich um etwa 17 000 verringert. Ueber 85 v. H. aller Räder entfallen auf Europa. Den größten Bestand hat nach einer in den letzten Monaten eingetretenen Zunahme um 5 v. H. D e u t s ch l a nd mit über760000Stück aufzuweisen. Damit hat Deutschland Frankreich, England und Amerika weit überflügelt.
Oer 2Rou6ü6crfaü in Raunheim.
Groß-Gerau, 8. Sept. (WSN.) Die Arbeiter Reichert, Adoley und Henkel aus Raunheim und der Handlungsgehilfe Knoblauch aus Rüsselsheim, die wegen Verdachts, den Raubüberfall auf Baron von Behr in Raunheim ausgeführt zu haben, festgenommen worden waren, sind gestern vor dem hiesigen Amtsgericht eingehend vernommen worden. Da sich die Festgenommenen bei ihren Aussagen in verdächtige Widersprüche verwickelten und der Verdacht, daß es sich um die Räuber handelt, durch das Ergebnis der Vernehmungen erheblich verstärkt wurde, erließ das Gericht Haftbefehl. Die Verhafteten wurden heute dem Landgerichtsgefängnis in Darmstadt zugeführt. Ob die Festgenommenen auch als Täter für das Drahtseilattentat bei Walldorf und den Raubüberfall bei Nauheim in Frage kommen, ist zur Stunde noch nicht geklärt.
Falschgeld in Wetzlar.
* Wetzlar, 8. Sept. Verschiedentlich wurde in letzter Zeit in der Stadt Wetzlar und Orten der Umgebung Falschgeld, insbesondere 5 - Mark- Stucke festgestellt und zum Teil der Polizei abgegeben. Es sind bereits sehr viele Falschgeldstücke erkannt worden, so daß die Annahme begründet erschien, daß die Herstellung der Falsifikate in Wetzlar selbst ober in der näheren Umgeb ung erfolgen müsse. Die Kriminalpolizei nahm sofort die Ermittlungen auf und ein Mann aus Wetzlar-Niedergirmes wurde verhaftet, da er an der Ausgabe der falschen Geldstücke hauptsächlich beteiligt sein soll. Inwiefern sich der Verdacht als berechtigt erweist, müssen die weiteren Ermittlungen ergeben.
Das „Fürstenbrünnchen".
Ein Sireifzug durch Gießener Trinkwaffer-Verhäliniffe in alter Zeit.
Das „Fürstenbrünnchen", auf das in Rümmer 206 des „Gießener Anzeigers" in poetischer Form aufmerksam gemacht wurde, hat um die Mitte des vorigen Jahrhunderts eine weit größere Rolle gespielt, als in den letzten Jahrzehnten. Es ist in Vergessenheit geraten, weil man es nicht mehr nötig hatte. Die jüngere Generatton unserer Vaterstadt wird von seiner Existenz nur wenig oder gar nichts gewußt haben.
Meine persönliche Bekanntschaft machte ich mit ihm, als die Buben vom Kreuzplah, darunter auch ich, eines Tages beschlossen, eine Menagerie aufzumachen, zu der das Fürstenbrünnchen die Frösche liefern sollte. Das war im Jahre 1866.
Das Fürstenbrünnchen war bis zur Schaffung der Ouellwasserverforgung eine bei den Gießener Familien nicht nur in bestem Ruf und Ansehen stehende, sondern geradezu unentbehrliche Quelle, weil man ihrem Wasser einen wohltätigen Einfluß bei „hitzigen“ Krankheiten zuschrieb.
Gar oft wurde es in der zuversichtlichen Hoffnung geschöpft, damit eine Besserung im Befinden des Kranken herbeizuführen, und ich habe es erlebt, daß man in kritischen Fällen sogar des Rachts hinauseilte, und im steinernen Kruge das kostbare Rah holte.
Um dies zu verstehen, muß man berücksichtigen, daß der Giaehener in dem Wasser der sehr zahlreichen Brunnen in der Stadt, obgleich es klar und ohne Beigeschmack war, instinktiv einen Feind der Gesundheit witterte, dem man aber nicht beikommen konnte. Das wußte jeder und war für den Gießener etwas so Selbstverständliches, daß man gar nicht davon sprach. Man trank es eben in Ermangelung eines Besseren, wie es die Vorfahren ja auch jahrhundertelang getan hatten. In dem Grundstück Friedrichstraße 14 war zwar auch eine Quelle vorhanden, die auf Betreiben eines Studenten namens I u g- h a r d gefaßt und zu einem Ventilbrunnen bis zur Frankfurter Straße 12 herabgeleitet und durch den bei den Gießenern in gutem Andenken stehenden Kirchenrat Engel feierlich der Oeffent- lichkeit übergeben wurde. Zu der alteingewurzelten Beliebtheit des Fürstenbrünnchens gelangte er jedoch nicht, wohl aber schätzte man sein Wasser als zum Kochen von Erbsen und Linsen besonders geeignet. I u g h a r d krankte an der fixen Idee, bas Wasser sei ein Mineral- und Heilwasser und hat damals in zahlreichen Eingaben an die Regierung in Darmstadt seiner Behauptung Anerkennung zu verschaffen gesucht.
Seine Bemühungen waren aber nur insofern von Erfolg begleitet, als die Leute den Brunnen nach seinem Namen „Jughardsbrunnen“ benannten.
Derselbe ist noch heute vorhanden, aber durch Wegnahme der Ventildrücker und der Ausläufe unbrauchbar gemacht worden.
Es ist verwunderlich, daß von behördlicher Seite nichts getan wurde, um den Gießenern in irgendeiner Weise ein einwandfreies Trinkwosser zu verschaffen. Roch nicht einmal gewarnt wurde vor dem Genuß. Da gab in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Zufall, bei dem ich zugegen war, den Anstoß: In dem Hofe der Realschule — jetzt Bürgermeisterei — befand sich ein Brunnen, dessen Wasser zwar kristallhell war, aber so schmeckte, wie Leuchtgas roch. Wir Schüler brachten diese Beobachtung mit der gegenüberliegenden Gasfabrik in Verbindung und fanden uns damit ab. Eines Tages ging unser Chemielehrer Professor Dr. D u ch n e r vorbei, als gerade einet meiner Mitschüler von dem Wasser trank, aber
es unter Zeichen des Abscheus wieder ausspie. Buchner sah das und erkundigte sich nach der Ursache, worauf die Aufklärung erfolgte. Die von ihm sofort angestellte Untersuchung ergab das Resultat, daß der Brunnen mit der nahen Senkgrube der Schule in Verbindung stand. Run erinnerte ich mich auch, daß das Wasser des vor dem Tore des Alten Friedhofes stehenden Brunnens (ist entfernt worden), genau so schmeckte und i ch teilte dies Herrn Buchner mit, der bann auch davon eine Probe holen ließ, diese untersuchte, die gleiche Ursache an der Verunreinigung feststellte, und die Schließung des Boms veranlaßte.
Es ist mir nun nicht mehr erinnerlich, ob Herr Professor Buchner die Untersuchung der städtischen. Brunnen selbst veranlaßte, oder ob die rasch in der Stadt ruchbar gewordenen ungeheuerlichen Feststellungen der zuständigen Behörde Anstoß gaben, sich einmal um die Beschaffenheit des Gießener. Trinkwassers zu kümmern.
Wenn sich auch die Untersuchungen längere Zeit hinzogen, so fanden sie doch tatsächlich statt und erwiesen, daß alle Strahenbrunnen samt und sonders gesundheitsschädliches Wasser gaben.
Durch öffentliche Bekanntmachungen, daß das Wasser nur in abgekochtem Zu stände verwendbar sei, wurde die 'Bürgerschaft gewarnt. Die Stadt konnte vorerst nichts anderes tun. Die Kanalisation und Schaffung der Wasserleitung hat später dem jahrhundertelang bestehenden Uebel, Gott sei dank, ein Ende gemacht.
Die Ursache an dem schlechten Gießener Grund- Wasser lag in den Bodenverhältnissen der Stadt. Man weiß, daß Gießen au] einen Sumpf- und Morastboden gebaut ist und hat die Bestätigung hierfür in ausgiebiger Weise bei Aushebung der Wasserleitungsgräben erhalten. Beim Graben der Fundamente von Reubauten kann man jederzeit den grau bis schwarz gefärbten Schlick beobachten. Unterstützt wurde der nachteilige Einfluß dieser kittartigen, schmierigen Masse auf das Grundwasser durch die Gießener Stadtbach, die weit davon entfernt war, den ihr in freigebiger Weise anheimgegebenen Unrat restlos an die Lahn abzuliefern.
Das Fürstenbrünnchen fristet zur Zeit ein armseliges Dasein. Eg kann nicht leben und nicht sterben.
Seine Ergiebigkeit macht den Eindruck der Altersschwäche. Wahrscheinlich hat auch der Gram, von der undankbaren Welt so gänzlich verlassen worden zu fein, seine Lebenslust und damit seine Produktivität stark beeinträchtigt. Roch nicht einmal ein Pfad führt zu ihm hin. Wenn nicht die zwei großen Pappelbäume ein Merkmal für die ©teile wären, wo es im Wiesengrunde sein Dasein verträumt, könnte der Richteingeweihte lange suchen, bis er es entdeckte.
Sic transit gloria mundil
Seinen stolzen Ramen soll es nach der Tradition den Fürsten von Lich, die mit den Schencken von Schweinsberg u. a. in der Gegend ihre Jagden abhielten und das Drünnchen als Halali benutzten, zu verdanken haben. Das eigentlich dafür vorgesehene Wirtshaus „Der Pfau" war durch den lebhaften Güterverkehr auf der vor- uberziehenden Haupthandelsstraße zwischen Rord und Süd, von den Fuhrwerken dauernd belagert, weshalb der Fürst das Drünnchen für den er- toäbnten Zweck jeweils beschlagnahmen lieh. Das Wirtshaus „Zum Pfau“ stand an der Straße, in dem Grundstück, welches jetzt noch die Ecke Marburger Straße-Wiesecker Weg bildet.
Louis Frech.


