Ausgabe 
8.10.1932 Erstes Blatt
 
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dann noch weigern sollte, an der Konferenz teilzunehmen, würden ihm die übrigen Mächte zu verstehen geben, daß der Rüstungsstand Deutsch­lands sich ständig nach denDestimmungen des Versailler Vertrags werde richten muffen- Herriot scheine sich dem Standpunkt Vor- man Davis angeschlossen zu Habers

Frankreichs Minierarbeit in Oesterreich.

Um die Alpine Montanqesellschaft.

erst der des

können, und das Produktions- länze sich nach mancher Seife mit dem der 2kr«

Wien, 7.Okt. (TU.) Bor kurzem wurde gemeldet, daß die Mehrheit des Berlages NeuenFreien Presse" in die Hande französischen Berlagsunternehmens Agence gconomique et f inanciöre ubergegangen fei. Nach Informationen des Deutschen Handels- dienftes liegt jetzt von französischer Seite beiden Bereinigten Stahlwerken ein Angebot aus Uebernahme des ^,k"E«paket« der Alpinen M o n ta n gesell, cha^ftvor Bon dem Aktienkapital von 60 Millionen Schilling der Alpinen Montanaesellschast besitzen die Ber­einigten Stahlwerke bte Mehrheit. Es .st mch anzunehmen, daß die Bereinigten Stah werke aus dieses Angebot eingehen werden, da sie erst vor wen,- een Wochen erklärten, es könne keine Rede davon sein sich gerade dieser Beteiligung zu entledigen. Die Alpine Montangesellschaft habe noch für das vergangene Jahr einen verhältnismäßig 9 un st'gen Abschluß oorlegen können, ,,nh hnfi Braduküons Programm der Gesellschaft ergc Richtung hin in wertvoller W- einigten Stahlwerke.

Finanzskandal in USA.

Jetzt haben auch die Amerikaner ihren Kreuger- Skandal. Bei der Prüfung der Bucher W 3 n* * sull-Konzerns, der einen großen Teil ^r amerikanischen E l e k t r i z i t ä t s - u n d G a - b« triebe umfaßt, hat sich herausgestellt daß eine LIeberschuldung von nicht weniger als 226 Millionen Dollar vorhanden ist, wahrend Die Aktiven nur 27 Millionen Dollar betragen. Die Schwierigkeiten des Konzerns haben eine Reche von Zusammenbrüchen zur Folg« gehabt, Haven aber auch im amerikanischen Volke ein« Beur^ ruhigung ausgelöst, di« unter Umständen auch den Ausfall der Präsidentschaftswahlen beein­flussen kann. Während es Ivar Kreuger vorzog, aus dem Leben zu scheiden, haben die Leiter des Konzerns, Martin und Samuel In full, das iWeite gesucht. Der eine von beiden ist jetzt in Kanada verhaftet worden. Beiden wird oben­drein noch der Borwurf gemacht, daß sie sich zum Schaden der Gesellschaft Vorteile im Werte von annähernd 80 Millionen Dollar, also mehr als 320 Millionen Mark, verschafft haben. Diesen Be­trag wird wohl die Gesellschaft niemals Wieder­sehen, da es Schieber von einem derartigen For­mat stets verstehen, ihre unsauberen Gewinne rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

»Japan an der Abrüstung verhindert.-'

Tokio, 8.Oft. (TA. Funkspruch.) Vachdem das japanische Marineministerium dem Kabinett eine Vorlage auf Erhöhung des Haus­halts für die Kriegsmarine von 200 auf 320 Millionen Yen (ebensoviel Reichsmark) hatte zugehen lassen, teilt nunmehr das japanische Kriegsm.nisterium mit, daß der Heeres- h aus halt für das Jahr 1933 einen Betrag von 850 Millionen *3en beanspruch«, 370 Mil­lionen von dieser Summe seien für den Ausbau der Landesverteidigung und für die Schaffung von Fabriken zur H e r st e l l u n g v o n Kriegsmaterial bestimmt. Der Kriegs- minister betonte, daß infolge der politischen Der- hältnisfe in derMandschurei Japan ver­hindert sei, seine Abrüstungsabsicht zu verwirklichen.

Krisenstimmung in Rumänien.

, 7 am /-tu) In der rumänischen

gsssfe Notorische Maßnahmen zu ergreifen, oder die Genf?r Forderungen nach einer jet< schär ftenKontrolledochmA a^unehmem. Das ^ne würde zu einer Katastrophe fuhren, toa$- Ad di?AÜnahS»e der französischen Forderunaen den Verzicht auf bi« P1T

n n n » 6 o b «i t bedeuten wurde. Vaida weigert sich weiterhin, seinen Aamen für die Unterschrift h^zugeben. Er ist am Freitag zum König ins Manövergeländ« gefahren. Anschließend wird ein Ministerrat stattfinden. Mit der Möglichkeit einer akuten Regierungskrise ist zu rechnen.

Bolschewistische Spionage in Bulgarien

Sofia, 7. Okt. (TU.) Die bulgarische Polizei ist einer bolschewistischen Spionageorganisation auf die Spur gekommen, in die mehrere Abgeordnete der I bulgarischen Arbeiterpartei und ein in Sofia leben­der Russe Fürst Lobanofs verwickelt sind. Fürst Lobanoff, der in der Sofioter Gesellschaft und in diplomatischem Korps als Bridgelehrer aus­gezeichnete Verbindungen hatte, wurde mit zwei anderen aus Wien zugereisten Russen f e ft ge­nommen. Bei der Untersuchung erwies sich, daß die drei Russen, die als überzeugte Anhänger des kaiserlichen Rußlands galten, in Wirklichkeit Agenten der GPU. waren, die den Auftrag hatten, die weißrussische Militär Orga­nisation in Bulgarien zu bespitzeln. Fürst Lo­banoff hatte lange Zeit die Gutgläubigkeit der Mit- glieder des weißrussischen Stabes in Sofia aus­genutzt und seinen roten Auftraggebern umfang­reiches Material über die weißrussische Orga­nisation und deren Verbindungenm i t dem französischen Nachrichtendienst zugestellt. Die Leidtragende ist die französische Gesandtschaft, bei der Fürst Lobanoff volles Vertrauen genossen hat. Zu spät Hai es sich heraus­gestellt, daß die enge Zusammenarbeit zwischen dem Stab des weißrussischen Militärverbandes in Bul­garien und gewissen französischen Stellen, die den bulgarischen Behörden aus Gründen der Landes­verteidigung schon lange ein Dorn im 2Iuge ift, durch die Organisation des Fürsten Lobanofs Zug um Zug den Bolschewisten verraten wurde.

Deutschnaiioriale und Wirischastsprogramm. Berlin, 7. Okt. (GAB.) Dom beutf^natio­nalen Parteivorstand wurde eine Entschließung gefaßt, in der es u. a. heißt:

Das Steuers enkungsprogramm des Kabinetts v. Papen begrüßen wir als den An­fang einer Entlastung der deutschen Wirtschaft Es ist ein Verbrechen am deut­schen Volk, wenn die VSDAP. gegen dieses Rettungswerk unter dem marxistischen Schlag­wortLiebesgaben an die Besitzenden' hetzt. Aber ebensosehr wie unter den Steuern'seufzen Arbeit und Wirtschaft unter der Schuldenlast. Das selbständige Unternehmertum gilt es von dem Drucke der ungeheuerlich anwachsenden Schuldenlast durch eine weitsichtige Regelung zu befreien. Die technischen Wege zu einer solchen Reform haben wir für das so wichtige Gebiet der Landwirtschaft schon vor Jahren in ausgearbeiteten Gesetzentwürfen gezeigt. Für G e- toer6e und Industrie sind andere Wege möglich.

In diesem Zusammenhang kann auchwieder

langfristiger und billiger Realkre- d i t geschaffen werden. Damit wird derHaus- besitz entlastet. Auch eine Senkung der Mieten kann auf diesem Wege erreicht werden. Eine umfassende Regelung des deutschen Schul­denproblems ist aber nur möglich, tgenn man an die Wurzeln des Hebels herangeht, an die unerträglich« Belastung des deutschen Volles und der deutschen Währung durch die höchstverzins­lichen und größtenteils unproduktiven auslän­dischen Schulden.

Oer neue Oberpräsideni von Hessen-Nassau.

Der zum kommissarischen Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau ernannte Kurator der Uni­versität Marburg, Geheimer Oberregierungsrat Ur. jur., Dr. med. h. c. und Dr. pbil. h. c. d o n H u l - sen mürbe 1875 in Westpreußen geboren. Urter kirchengeschichtliche und philosophische Studien kam

er zur Rechtswiffenschaft und bestand 1898 den Oe- richtsreferendar und 1903 den Gerichtsassessor. Der damalige Leiter des preußischen Hochschulwesens, Ministerialdirektor Friedrich Althoff, berief ihn 1904 als Hilfsarbeiter an das preußische Kultus­ministerium, wo er 1912 zum Geheimen Regierungs­rat und Vortragenden Rat und 1916 zum Geheimen Oberregierungsrat erifannt wurde. Im Ministerium bearbeitete er in der Hauptsache die finanziellen An- gelegenheiten der Universitäten Breslau. Halle, Göt­tingen, Marburg, Bonn, Münster und Franlsurt a. M., 1920 wurde er aus feinen Wunsch zürn Kura­tor der Universität Marburg ernannt. Politisch trat Hülfen im Kommunallandtag in Kassel hervor, zu dessen Mitglied er von der Deutschen Dolkspartei gewählt worden war. Bekanntlich bilden die Ab­geordneten der Deutschen Volkspartei mit den Deutschnationalen im Kommunallandtog die Hes­sische Arbeitsgemeinschaft, deren Führer er ift

Aus -er provinzialhauptfladi.

Gießen, den 8. Oktober 1932.

Vom Bösen und Guten.

Das formen- und wertunterschiedliche Leben ist zu verschlungen, als daß der Blick des ein­zelnen es gänzlich zu umfassen und zu entwirren vermag. Daher sollten wir uns hüten, ohne wei­teres einzelne Erscheinungen, die zweifellos Züge des Verfalls, der lleberreife und Verderbtheit tragen, zu verallgemeinern. Aus dem Meer der Vergangenheit sind doch Inseln aufgestiegen und versunken, die eine gewisse Kultur trugen; wir wissen einiges von ihr, manch« Geschichtsschreiber haben geurteilt, sie sei gut oder böse gewesen. Sie haben Verfallserscheinungen gesammelt und danach etwa den Verfall des Griechentums und der Römerzeit beurteilt, und ihr Wertmesser war die moderne Moral, während z. B. selbst der feingebildete Grieche ganz andere Moral­begriffe hatte.

Andere Forscher wandten andere Methoden an. So meinten sie, zur Zeit des Augustus seien dei wirklichen Römer fast ausgestorben aewesen, und zur Zeit des Tacitus, dessen Blick sich von der römischen Sumpfluft nach dem keuscheren ger­manischen Rorden wandte, seien in Italien zu 95 v. H. asiatisch« Menschen bestimmend gewesen und daher der Verfall I Wir greifen das nur heraus, um anzudeuten, wie schwierig auch die anscheinend so festumrissenen Dinge der Ver­gangenheit zu beurteilen sind.

Für die Gegenwart sind Werturteile aber noch viel schwieriger zu fällen. Man sagt, der Un­glaube, die Unmoral, die Vergnügungssucht hät­ten zugenommen, vom kleinsten Dorf bis in die Großstadt, aber man übersieht, daß wir zumeist nur nach einzelnen Erscheinungen ur­teilen, daß auch Gegenkräfte am Werke sind und lebendig wirken. Die Vergnügungssucht des Mit­telalters und vergangener Jahrhunderte war auch nicht gering; allein im letzten Jahrhundert, etwa bis zum Kriege, hatten wir neben dem Idealismus der Befreiungskriege in religiöser Beziehung den Rationalismus, der geradezu Modesache war, bis dann eine neue Gläubigkeit die Herzen weckte. Wir wissen auch, daß in der Wissenschaft viele Jahrzehnte hindurch der Ma­terialismus triumphierte, bis auf Häckels «Welt- rätsel" hinab, aber daß heute wieder ein geisti­geres Weltbild gelehrt wird. Immer hat es Zeiten gegeben, da eine orgiastisch« Vergnü­gungssucht herrschte, um dann durch Sittenstrenge, durch den Puritanismus, abgelöst zu werden, und wenn unmittelbar nach dem Kriege sich das Laster vielfach frech gebärdete, so können wir doch heute schon die Rückkehr zu besseren Sitten und zu einer geläuterteren Auffassung des mensch­

lichen Lebens und des persönlichen Verhaltens feststellen, eine Rückkehr zu den Kraftquellen des Volkstums und des Glaubens an den Sieg des Guten in der Ration.

Für den Menschen, der bei der Betrachtung der Erscheinungsformen der Gegenwart oft dem Pessimismus nahe ist. gibt aber das Wort, daß jede Vernunft, das ist das Verstandes- und ge­fühlsmäßige Erfassen, doch immer wieder daS Werdende, das Lebendige anstrebt, also das, was Goethe in einem Gespräch mit Eckermann daS Göttliche nennt. Die Königin Luise hat gemeint: Es kann in der Welt nur besser werden durch die Guten!" Das ist eine Aufforderung zur Tat. mit dem, was an und in uns liegt, eine junge und unverderbte Welt, die auch im kleinsten Kreise möglich ist, zu schaffen.rt.

Ein Appell der Bahnhofstraße an die Stadtverwaltung.

Der Verein der Anwohner der Bahnhofstraße. Marktstraße, Reustadt und anschließenden Stra­ßen hat eine mit 133 Unterschriften versehene Eingabe an die Stadtverwaltung gerichtet, in der die Anwohner und Geschäftsleute diese- Stadtteiles dringend um die Wiederauf­nahme des StraßenbahnverkehrS durch die Markt st raße und die Bahn- Hof st raße ersuchen. Für dieses Verlangen werden einleuchtend« wirllchaftliche Gründe gel­tend gemacht, denen man die Berechtigung nicht absprechen kann. Wir möchten uns dem Ersuchen dieses Stadtteiles mit warmer Befürwortung an- schliehen in der Hoffnung daß die Stadtverwal­tung möglichst bald Mittel und Wege finden möchte, um der Forderung zu entsprechen.

Nach 1OO Zähren: Goethe lebt...

, Im Lichtspielhaus Bahnhofstraße wird am morgigen Sonntagvormittag in einer Kulturfilm- Frühvorstellung der deutscheGoethe-Film gezeigt, der unter der künstlerischen Leitung des Re.chskunstwartes Dr. Edwin Redlob an den klassischen Goethestätten gedreht wurde. Wir kehren im Geiste ein im Haus am Großen Hirsch­graben zu Frankfurt a. M., im Elternhause Jo­hann Wolfgang von Goethes, und lernen dort die Atmosphäre kennen die dem jungen Genius den Urgrund seines Schaffens gab. Man lernt den Knaben Wolfgang kennen, der dem Fabu­lieren seiner Mutter lauscht, und bann den Her­anwachsenden Jüngling. Tage von Sesenheim und Straßburg werden im Filmbild lebendig. Wir begleiten Goethe zurück nach Frankfurt und in das Haus Lili von Schönborns, nach Wetzlar und dann mit dem Herzog Karl August von Sachsen nach Weimar, um wiederum im Geiste

N 6IM looö Den ®to

Roman von Gert Nothberg.

Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale) 6 Fortsetzung. Rachdruck verboten!

Traute kam schnell herüber. Ihr schönes Kin­dergesicht war scheu zu Boden gesenkt.

Lohgarten reichte ihr die Hand:

«Guten Tag, Traute. Wie gefällt es dir hier? «Sehr, sehr gut; ich habe die Eltern sehr lieb. Ich danke Ihnen, Herr Lohgarten, daß ich hier­herkommen durfte."

Er drückte die kleine Hand herzlich.

«Ich bin froh, daß es dir jetzt gut geht, Traute. Das andere, das Häßliche, oas vergiß nur; denke nicht mehr daran. Hier bist du geborgen."

Traute blickte bittend auf die alte Frau. Tie nickte gütig lächelnd. Tu überreichte das Mäd­chen Fritz Lohgarten den Strauß Georginen.

Er freute sich sichtlich. .

«Die soll ich haben? Wie schön! Ich danke dir! Ich werde sie auf meinen Schreibtisch stellen lallen. Auf Wiedersehen."

Lohgarten ging zwischen den Gärten weiter unb sprach noch hier und da mit einer der Arbeiterfrauen. Dann ging er schnell nach den Werken hinüber.

Traute aber blieb stehen, sah ihm nach, und in ihrem Gesicht stand ein rätselhafter Zug.

Wie dankbar sie ihm ist!, dachte Mutter Bol- scher und bückte sich wieder über ihre Kohlköpfe.

Traute aber war es, als sei heute ein hoher Festtag, so feierlich und selig war ihr zumute.

In den nächsten Tagen besichtigte Fritz Loh- garten die Villa am Pfeilsring. Gr hatte gegen 16 Uhr den Architekten bestellt, der auch hier gleich noch nach dem Rechten sehen sollte. Es war aber alles in bester Ordnung. Und die Möbel, die den Damen lieb waren, die sollten sie ja mit hierhernehmen können. Obwohl hier eigentlich schon genug Herumstand. Aber Loh­gar ten wollt« sich nicht kleinlich zeigen gegen Die Damen. Mochten sie ruhig mitnehmen, was ihnen gefiel! Sie würden hier sehr gut unter­gebracht sein, und wenn sie vernünftig wirtschaf­teten, dann würde es ihnen ja auch an nichts fehlen.

öin schöner alter Garten gehörte dazu. Hm Vies es Gartens teilten hätte Lohgarten selber gern tner gewohnt. Die alten verwitterten Figuren, der Brunnen, die uralten Bäume, die das Haus beschatteten, und die vielen Rosenstöcke, die im Sommer einer berauschenden Duft von sich gaben ' alle« wunderschön.

In Gedanken verloren blieb Lohgarten stehen, während der Architekt sich begeistert über die steinerne Figur am Brunnen beugte.

Lohgartens Blick ruhte auf einer blassen, halb­erblühten Rose, die auf schlankem Stengel schwankte, während ringsum ihre schönen stolzen Schwestern verblüht waren.

lind Fritz Lohgarten dachte an das schlanke Mädelchen mit dem feinen, blassen Gesicht das Kind, das er aus einer furchtbaren Um­gebung in ein geordnetes Leben hinein gerettet hatte.

Daran dachte Fritz Lohgarten, während er still die blasse, schöne, halberblühte Rose betrachtete. Er erwachte wie aus einem Traum, als ihm der Architekt bedauernd sagte:

«Ich an Ihrer Stelle würde selber hier wohnen, Herr Lohgarten. Dieser Garten unb auch das Haus sind ein Paradies. So still und abgelegen und voll Schönheit. Meinen Sie nicht?"

«Ich bin ganz Ihrer Meinung, Herr Korn- müller, aber mein Vater bestimmte die Villa für meine Stiefmutter, so lange sie lebt und sich nicht wieder verheiratet. In meinem Besitz bleibt die Billa ja sowieso."

«Tas ist gut. Ich würde später doch hierher übersiedeln, Herr Lohgarten. Rur nicht etwa mal verkaufen, ja nicht! Tie Marmorfiguren im Trep­penhause haben allein großen Wert."

«Rein, ich habe noch nie an einen Verkauf ge­dacht", sagte Lohgarten.

Sie gingen dann zusammen zu Fuß zurück, weil die Sonne warm schien und eine reine, klare Lust war. Die Herren besprachen nun noch dies und jenes über das Haus in der Georgenstraße, wo die Lohgartens jetzt wohnten.

«Wenn die Damen dann schon bald in die Villa übersiedeln könnten, wäre es mir sehr angenehm, denn ich nähme gern diese letzten schönen Herbst­tage wahr. Es trocknet alles besser aus", meinte der Architekt.

Sie tranken bei Stiller noch einen Ingelheimer und trennten sich bann.

Hilma hatte sich schon mehrere Male zufällig mit Altendorf getroffen. Unb man sprach darüber. Aber sie kümmerte sich um nichts. Sie war keiner vernünftigen Vorstellung zugängig. Die Mütter versuchte cs doch immer wieder, ihr eine Ehe mit dem Sänger auszureden. Aber Hilma lachte nur ärgerlich und nervös.

«Ach, Mama, das sind gänzlich veraltete An­sichten, glaub es mir. Und glaubst du wirklich, daß man ihm hier in irgendeiner Familie einen Korb geben würde, wenn es ihm einfiele, um eines dieser Gänschen zu werben, deren Mütter jetzt hinter mir her zischeln? Ich denke nicht daran, mir diese Chance durch irgendwelche Be­denken zu zerstören."

Da schwieg die Mutter endlich still, aber sie sah mit Sorge in die Zukunft. Dabei wuchs in ihr der Zorn auf den Stiefsohn höher und höher. Gr. nur «r war schuld daran, daß Hilma sich in

dieses Abenteuer stürzte. Wäre sie seine Frau, dann wäre alles anders, bann wäre sie geborgen vor allem, was sie, bie Mutter, jetzt in der Zu­kunft sah unb für die Tochter befürchtete.

Es war ein sehr ungemütliches Beisammensein, das die Lohgartens in diesen Wochen führten. Und sie sehnten alle drei das Ende dieses Zu- sammenwohnens herbei.

An einem trüben, kühlen Tage siedelten die Damen bann nach dem Pfeilsring über. Aber Frau Lohgarten war es, als sei dieser Tag der Anfang einer langen Kette von unsagbaren Wi- derwärtigklltm, wenn nicht noch von 6.. Hmmerem.

Hilma aber freute sich, daß man Heinz nun schon bald zum Tee bitten konnte.

Die Damen hatten sich sehr kühl, fast feindlich von Fritz verabschiedet.

Am Abend stand er bann allein in dem großen, schönen Speisezimmer, unb in ihm war ein Ge­fühl der Ruhe. Dieses Gefühl überwog vorerst alles andere.

Er braucht« diese Ruhe. Das fühlte er in diesem Augenblick ganz klar unb deutlich. Die nervösen Launen der Damen hatten ihm und früher, auch dem Vater viel zu schaffen gemacht. Aber eben weil die beiden Lohgarten jeden Skandal nach außen hin vermieden sehen wollten, so ließen sie diese Launen stillschweigend über sich ergehen.

Run waren die Damen fort!

Er würde auf einige Monate verreisen, und dann würde er ja sehen, was sich inzwischen ent­wickelt haben würde.

Der Direktor Grabner erhielt Vollmacht; er war ja schon des alten Herrn Lohgarten rechte Hand gewesen. Die beiden alten Herren hatte eine treue Freundschaft verbunden. Bei Direktor Grabner war alles in den besten Händen, und zudem hatte er strengste Anweisung, den Ehef sofort zurückzurufen, wenn ihm irgend etwas ver­dächtig vorkam.

An einem Abend, an dem schon ein recht kalter Wind über die Gärten herüberwehte, fuhr Fritz Lohgarten zum Bahnhof. Run würde er Weih­nachten draußen in der Welt sein. Es war am besten so!

Rur am Weihnachtsabend nicht einsam und verlassen daheim sein! Wenn er zurückkam. dann wollte er ganz ernsthaft eine Heirat erwägen. Vielleicht Erika Gerlach? Sie war ein liebes, nettes Geschöpf und immer so bescheiden, trotzdem ihr Vater ein sehr wohlhabender Mann war. Er würde ja sehen.

Fritz Lohgarten sah zum Fenster hinaus. Die letzten Lichter der Stadt versanken im Dunkel, und der Zug raste jetzt durch die stille, weite Heide.

Viertes Kapitell

Sechs Jahre waren vergangen. Sechs lange, sorgenschwere Jahre! Fritz Lohgarten war es,

als seien es nicht sechs, sondern zwanzig Jahre, in denen er sich verzweifelt mühte, den alten Glanz und Ruf der Lohgarten-Werke zu er­halten.

Es war ihm nicht gelungen! Mit anderen zu­gleich sank die stolze alte Firma ins Richts.

Eine kleine Fabrik! Gerade so, daß sie den Besitzer und einige Arbeiter ernährte!

Eine Firma, die sich in all den Jahren er­halten hatte. Jahre, die andere große Firmen längst das Tascin gekostet hatten.

Fritz Lohgarten wußte, wer ibn ruinierte. Unb hatte es boch nicht aufhalten können.

Heinz Altendors!

Der Dämon seines Lebens! Den er nicht fassen konnte. Jetzt weniger benn je! Denn er war ja sein Schwager geworben.

Hilma führte ein Höllendasein, aber sie liebte diesen Mann und war nicht zu bewegen, sich von ihm zu trennen. Die Mutter litt mit ihr, denmxh brachten die beiden Frauen es fertig, nach außen hin zu verbergen, wie es in dieser Ehe aussah. Qlber man wußte es ja durch das Benehmen Altendorfs.

Er hatte jetzt kein festes Engagement mehr, er reifte nur ab und zu auf einige Monate fort. Plötzlich war er dann wieder da. Er lebte voll­kommen mit von dem, was Fritz Lohgarten den beiden Damen zukommen ließ. Mit Altendorf sprach dieser nie.

Lohgarten, von Berus Chemiker, saß oft deS Rachts in seinem Laboratorium. Er hatte einen Farbstoff erfunden, der, wenn es gelang, Ver­wertung für ihn zu finden, ihn nach unb nach toteber zu einem wohlhabenden Manne machen konnte.

Er hatte Geschäftsverbindungen angeknüpst unb erwartete einen Direktor ber Scheller-Werke aus Schlesien.

Fritz LohgartenS blonbes Haar war an den

Schläfen leicht ergraut, sonst aber sah man es ihm nicht an, was «r in diesen sechs Jahren ge­litten hatte.

Roch immer war er ledig. Und er war heute froh, es noch zu fein. Gr würde nun wohl auch Junggeselle bleiben.

Wenn er das große Bild seines VaterS be­trachtete, dann dachte er wehmütig: Wir haben viel Geld verloren, Vater, aber die Ehre, die ist der alten Firma geblieben trotz aller Machen­schaften, unb daher kannst bu in Frieden ruhen. Vielleicht könnte ich heute reicher sein als ich je gewesen; aber Ehre im Leib hätte ich wohl nicht haben dürfen, denn der eine Weg, der mir geblieben wäre, der wäre nicht ehrenhaft gewesen. Unb so denke ich. daß ich ganz In deinem Sinne gehandelt hab«, Vater.

Lerhoff! Oder Altendorf! DaS Rätsel seines Lebens!

(Fortsetzung folgt.)