Elisabeth
erobert sich das Glück Vornan von Margarete Ankelmann Copyright by M. Feuchtwauger, Halle.
3. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Heute fand das große Kirchenkonzert statt. Professor Landar hatte sich eine große Aufgabe gestellt: Beethovens „Neunte Symphonie".
Für das Tenotsolo war ein Gast verpflichtet worden, ein ehemaliger Schüler Professor Lcm- dars, der sich in der Welt schon einen guten Namen gemacht hatte. Professor Landar selbst hatte die Baritonrolle übernommen, alle anderen Stimmen waren mit seinen Schülern besetzt.
Professor Landar wußte, daß er sich auf seine Schüler und auf seine Arbeit verlassen konnte. Cr überblickte immer wieder seine Schar, in der es ziemlich aufgeregt zuging. Alle hatten ein wenig Lampenfieber, obwohl man seiner Sache sicher sein konnte.
Am häufigsten streifte des Professors Blick die schlanke Mädchengestalt, die einsam und teil- nahmlos in einer Ecke lehnte und in das sich langsam füllende Kirchenschiff starrte. Was war nur mit Elisabeth Pfilipp los? Sie sah heute so ernst aus. Tiefe Blässe bedeckte ihr sonst so frisches Gesicht.
Elisabeth hatte große Sorge um ihr Mütterchen. Sie war so krank, daß sie nicht einmal das Bett verlassen konnte, um diesem Konzert beizuwohnen. lind Elisabeth hatte so gehofft, wenigstens die Mutter dabei zu haben, wenn schon der Geliebte nicht hatte kommen können.
lind dann, da war noch eine Sorge, eine heimlich«, quälende. Eine Karte und ein kurzer Brief waren bisher von Hubert gekommen. Eine Karte, die seine Ankunft in Dresden angexeigt hatte, und ein kurzer, glühender Liebesbrief, voll Zuversicht und Hoffnung. Seit diesem Briefe waren • schon einige Tage vergangen, ohne ein Lebenszeichen von Hubert, lind er hatte doch versprochen, jeden Tag wenigstens eine Zeile zu schicken. Eine innere llngewihheit quälte Elisabeth, eine llnruhe, über die sie nicht Herr werden konnte, so gut sie sich auch zuredete.
Er würde sicher mit Arbeit überlastet sein, in diesen ersten Tagen. Morgen würde ein Brief kommen: sie wußte ja, daß Hubert sie liebte, und es war töricht, sich Sorgen zu machen.
Der Professor hatte Elisabeth nicht aus den Augen gelassen. Cr war Menschenkenner genug und hatte sich besonders mit seiner Lieblingsschülerin so intensiv beschäftigt, daß er wußte, irgend etwas Trauriges ging in ihr vor, raubte ihr die Lebensfreude. Was mochte nur mit dem Mädchen los sein, daß es so verändert war? Er hätte Elisabeth so gern geholfen, und er hoffte |
nur, daß die Musik sie bald ganz in ihren Dann ziehen und die Wolken von ihrer Seele nehmen würde.
Elisabeths Augen, die bisher teilnahmslos ins Publikum gestarrt hatten, nahmen plötzlich einen ^spannten Ausdruck an. Eben war Frau Kommerzienrat Heilmann gekommen, Huberts Tante, zusammen mit den Larsens. Also, wenn Hubert auch nicht selbst da sein konnte, so waren doch seine Verwandten gekommen, sie zu hören.
Ob die schon irgend etwas wußten von ihr und von Hubert? Sie mußte ihnen zeigen, was sie konnte, muhte ihnen beweisen, daß sie Huberts nicht unwürdig war.
Die Mitwirkenden sammelten sich jetzt. Elisabeth Pfilipp stand neben Erhard Riemer, dem eleganten, weltmännischen Gast, der sie mit musternden Blicken beobachtete. Es sah fast aus, als ob er ihr die große Aufgabe nicht recht zu- traute. Bei der Generalprobe war sie auch nicht aus sich herausgegangen, hatte absichtlich ihre Stimme zurückgehalten, um sie für die Ausführung zu schonen.
Uno Elisabeth sang. Die unerhörte Fülle, die wundervolle Wärme ihrer Stimme trug die Sopranpartie zu einer ungeahnten Größe: mit vollendeter Sicherheit und Klangschönheit führte sie ihren Part bis zum Ende durch.
Eine weihevolle Stimmung lag über der ganzen Kirche, lange noch, als der letzte Ton verklungen war. Still gingen die Menschen dann nach Hause.
Erhard Riemer war zu Elisabeth getreten. Hatte ihr die Hand geküßt mit den Worten:
„Meine innigste Verehrung der großen Künstlerin."
Lleberrafcht und verlegen hatte Elisabeth ihre Hand zurückgezogen. Er lieh sich indes nicht beirren.
„Sie dürfen nicht böse sein, wenn ich Ihnen die Wahrheit sage. Sie sind eine große Künstlerin, geschaffen, die ganze Welt zu bezwingen. Man wird Sie bald aus diesem Dorfe herausholen, sobald man draußen von Ihnen hort."
„Glauben Sie, Herr Riemer? Wenn man aber erfährt, daß ich gar nicht hinaus will in die Welt, daß ich nichts wissen will von Ruhm und Verehrung?"
„Nun, das wird sich andern, sobald Sie erst einmal diese Enge hinter sich haben. Ich glaube nicht, daß Sie im Ernst gewillt sind, die Schätze Ihrer Kehle verkommen zu lassen. Professor Landar, unser verehrter Lehrer, wird schon wissen, was er zu tun hat."
„Oh, ich weih, dah er mich von hier wegbringen möchte, dah er sich viel verspricht von meiner Stimme. Liber auch er kennt meine Ansicht, die heute fester steht als je. Meine Zukunft liegt woanders als in der Sucht nach Künstlerschaft..."
Erschreckt hielt Elisabeth inne. Was ging es diesen fremden Menschen an, wie sie sich ihre Zukunft vorstellte? Das kam nur daher, weil alle ihr immer dreinredeten, weil sie sich verteidigen muhte.
Erhard Riemer wollte ihr gerade antworten, als ihr Gespräch unterbrochen wurde. Professor Landar trat herzu, in Begleitung eines anderen Herrn.
Professor Landar stellte seinen Begleiter vor: es war Professor Walter, der Direktor des Leipziger Konservatoriums, ein Mann von stattlicher Größe. Glattes, meliertes Haar umgab den massigen Kopf.
Knapp und kurz war das Lob, das er Elisabeth spendete. Mit scharfen Blicken musterte er das Mädchen, das nur schüchterne Antworten gab.
Elisabeth war froh, als sie endlich die Kirche verlassen und den Heimweg antreten konnte.
Unzählige Glückwünsche flogen in das kleine Haus am Wassergraben. Sie ganze Stadt war begeistert von Elisabeth Pfilipps Kunst: immer neue Dlumenspenden kamen.
Mit wehmütigem Lächeln nahm Elisabeth Briefe und Blumen in Empfang. Was nützte das alles? Sie hätte den ganzen Plunder hingegeben für eine einzige Zeile von Hubert» der kein Wort von sich hören lieh.
Für einen Moment war Elisabeth völlig aus dem Gleichgewicht gekommen. Das war, als von einer Gärtnerei ein großartiger Blumenkorb abgegeben wurde, mit einigen Zeilen von Frau Lucie Heilmann. Immer wieder las Elisabeth die wenigen anerkennenden Worte.
Dann war sie wie umgewandelt. Jetzt muhte ja alles gut werden. Es war eine Torheit gewesen, den Kopf hängenzulassen. Huberts Verwandte schienen schon auf dem laufenden zu sein, das bewies Frau Heilmanns nobler Blumengruß. Hubert hatte sicher unendlich viel zu tun; vielleicht schrieb er gar nicht erst, sondern würde in wenigen Tagen selbst kommen, sie zu holen und sie zu seinen Eltern zu bringen.
Noch fröhlicher wurde Elisabeth, als ein zweiter Blumenkorb kam, von den Larsens, mit der Aufforderung, sobald als möglich in die Villa Larsen zu kommen. Herr von Larsen hätte solche Sehnsucht, hieß es in dem Begleitbrief, die reizende Sängerin wieder einmal bei sich zu hören.
Elisabeths Zuversicht Ijiclt mehrere Tage an. Allmählich ebbte sie ab, je länger sie von Hubert nichts hörte. Jetzt war schon wieder eine Woche vergangen seit dem Konzert, von Hubert war kein Lebenszeichen gekommen.
Müde und bläh saß Elisabeth auf dem Erker- Platz. Sie hatte Noten zu kopieren. Ab und zu unterbrach sie ihre Arbeit, stieg hinauf zur Mutter, die im Bett liegen mußte. Elisabeth gab sich Mühe, heiter zu fein und fröhlich zu plaudern. Die Mutter war krank, durfte nichts merken von Elisabeths Sorgen. Man durfte auch nicht zu lange bei ihr bleiben, die Kranke sollte möglichst viel Ruhe haben.
Dann saß Elisabeth wieder unten, wartete auf den Briefträger. Er mußte ihr ja endlich den ersehnten Brief bringen. Jetzt eben bog er um die Ecke. Aber — er nickte herüber, ging an dem Häuschen vorbei.
Aufstöhnend sank Elisabeth in sich zusammen...
Drei Wochen waren so vergangen. Zweimal noch hatte Elisabeth an Hubert Heilmann geschrieben, bange, verzweifelte Briefe. Er liebte sie doch, hatte es ihr immer wieder gezeigt. Es war unbegreiflich, daß er nicht schrieb.
Und mit der Mutter ging es schnell bergab. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der ausgezehrte Körper dem Ansturm der Krankheit erliegen mußte.
Mit unendlicher Sorgfalt umgab Elisabeth ihr krankes Mütterchen. Sie verließ das Häuschen nur zweimal in der Woche, um zu Professor Landar zu gehen, den sie nicht kränken wollte.
Trotz allen Kummers, der Elisabeth bedrückte, entfaltete sich gerade in diesen Wochen ihre Stimme immer glanzvoller. Mit Entzücken lauschte der alte Professor diesen Tönen, und er wußte, daß er hier nicht mehr viel zu lehren hatte.
Nur Elisabeth Pfilipp gefiel ihm gar nicht. Sie hatte sich so sehr verändert in diesen letzten Wochen, sie war sogar fernen Lobesworten gegenüber gleichgültig geworden, ganz anders als sonst, da ihre großen, glänzenden Augen ihn dankbar angestrahlt hatten, wenn er sie gelobt hatte. —
Gewiß, Elisabeths Mutter war krank. Aber — der alte Professor kannte die Menschen. Das, was er in Elisabeths Augen las, diese abgründige, tiefste Traurigkeit — die hatte nichts mit der Krankheit der Mutter zu tun, die konnte von nichts anderem kommen als von Liebesqual.
Professor Landar wußte, daß da mit Zartheit nichts zu machen war. Man durfte nicht herumgehen wie die Katze um den heißen Drei: da hieß es energisch sein, das Uebel an der Wurzel anfassen.
Der Professor machte also keine Umwege: er fragte Elisabeth, wen eigentlich sie so unglücklich liebe, daß sie ein ganz anderer Mensch geworden war.
Zuerst war Elisabeth dffchrocken, dann brach der lang verhaltene Schmerz rückhaltlos hervor. Sie mußte sich endlich einem Menschen offenbaren.
Und der alte Professor erfuhr alles, die ganze Geschichte von Elisabeth Pfilipps Liebe. Stumm hörte Landar zu, unterbrach das Mädchen mit keinem Wort.
Stumm ließ er Elisabeth sich ausweinen, strich nur leise über ihr Haar.
Dann erst fing er an zu reden, leise und zart zuerst, erzählte ihr aus seinem Leben so lange, bis Elisabeth ruhig geworden war. Hubert wurde sicher bald schreiben. Und — wenn es aus sein sollte mit dieser Liebe — alles ginge vorüber; die Menschen könnten viel ertragen, mehr, als ihnen das Geschick zuteil werden lieh.
Landar plauderte und erzählte, und Elisabeth war ganz getröstet, als sie sich auf den Heimweg machte.
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