Nr. 106 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Samstag, 7. Mai 1952
' .....■■■■■—■ ■ — ■. ■ ■ .1. I I~ J
Mutter und Volk.
Don (3eb. ftonfiftoriali at Dr. Lütgert, o. ö. Professor derTheol. an der UniversitätÄerlin
Die Grundlage des Volkes ist die Familie. S't ist die Zelle, au» der jede Gemeinschaft sich bildet das Volk, dcr Staat. die Gclellichast. die Kirche Die Einheit, aus dcr alle diese Gemeinschaften bestehen, ist nicht der Einzelne. Keine Gemeinschaft entsteht durch den Zusammentritt einzelner Menschen, sondern jede besteht auS Familien. Wie auS der Zelle sich neue Zellen entwickeln, so bildet sich das Volk durch die Entwicklung der Familie. Das Wachstum des Volkes hängt von diesem Prozeß ab und seine Grundlage von der Gesundheit der Familie. Krankheit der Zelle suhrt zur Zerstörung dcS ganzen Organismus. Wem an der Gesundheit des Volkes und der Kraft dcS Staates, an dcr Leistung der Gesellschaft gelegen ist. dcr must für ein kraftvolles und gesundes Familienleben sorgen. Die Erhaltung eines gesunden, reichen Familienlebens ist deswegen die erste soziale P s l i ch t. Die Vcdingun- gen für daS Familienleben zu schaffen, ist die Hauptaufgabe der Sozialpolitik Zeder Zer- scyungsprozest beginnt und vollendet sich mit der Auflösung dcr Familie. Von dieser Zer- störung must deshalb dc^s Volk unter allen Um- ständen geschützt werden. Wirtschaftliche, soziale, politische Verhältnisse, woher sie auch kommen mögen, die das Familienleben gefährden, sind für den DolkSbcstand tödlich. Alle Tendenzen, die die Familienbildung unterstützen, können Unterstützung und Förderung verlangen. Die Ordnung des WirtlchcUtslcbens stehe unter dem beherrschenden GcscH der Pflege und dcS Schutzes deS Familienlebens.
Der Bestand der Familie hängt vor allen Dingen ab von der Frau Der Mann hat seinen Beruf im Staat, im öffentlichen Leben, in Dcr Gesellschaft, in der Wirtschaft, in dcr Wissenschaft, in dcr Schule oder in der Kirche. Lein Wirkungskreis liegt austerhalb deS Hauses, aber die Quelle seiner Kraft und seiner Arbeit.ist die Familie, die Stätte, aus dcr alle Wirksamkeit hervorgeht und in die sie wieder einmündet. Insofern ist die Familie der Mittelpunkt des Volkslebens. Die Frau hat ihren Beruf in dcr Familie und im Hause Mit ihrer Fraycn- stellung und vollends mit der Mutterschaft ist ihr zü gleicher Zeit ihre Beruf und ihr Wirkungskreis gegeben. Mit der Mutterschaft ist ihr die höchste A u s g a b e gegeben, die es innerhalb der Gesellschaft gibt: denn in der Familie wird die neue Generation erzeugt und erzogen Seit sich unsere Aufmerksamkeit auf die entscheidende Bedeutung der Vererbung gerichtet hat. wissen wir auch, was die Mutter für die Gesundheit des neuen Geschlechtes bedeutet Wer für ein kraftvolles, leistungsfähiges, gesunde» und arbeitsfreudiges neues Geschlecht sorgen will, der must vor allen Dingen für d i e Mütter des neuen Geschlechtes sorgen
Wieviel wird doch geschrieben und geredet über den Kinderreichtum der Familie und über die drohende Gefahr, dast auch im deutschen Volke bald mehr Särge als Wiegen stehen. Wo dies dcr Fall ist. di beginnt das Sterben eines Volkes. Niemals aber wird eine Frau aus sozialen, wirtschaftlichen oder hatriotifchen Motiven ihren Mutterberuf erfüllen, keine noch so gut gemeinte moralische Ermahnung hilft dazu. Hier entscheidet nur d i c Liebe der Frau zum Mann und zu den Kindern. Aber dafür kann und must gesorgt werden, dast den Müttern des Volkes ihre Mutterpflicht fo sehr wie möglich erleichtert oder doch wenigstens nicht erschwert wird. Von der Klarheit, mit der diese Aufgabe erkannt, und dem Ernst, mit dem fic in unserer Sozialpolitik, beispielsweise der Steuerpolitik, ins Auge gefastt und verfolgt werden müßte.
Gestauter Bedarf in der Bauwirtschast.
Dvn Äaurat Or.-Zng. Rieperi, M d.^W.X.
Die Lage der Bauwirtschaft und das Schicksal, das ihr droht, kann nicht greller beleuchtet werden, als es das Institut für Konjunkturforschung in diesen lagen mit einem einzigen lapidaren Satz getan hat: „Wenn man alle bereits gegenwärtig erkennbaren Entwicklungstendenzen in Rechnung stellt, kann man eine Schatzung des b o ugewe rb l ich e n Produktionswertes für das Jahr 1932 auf eine Größenordnung von rund zwei Milliarden Mark wagen (gegenüber rund vier Milliarden Mark im Jahre 1931). (Eine Halbierung alio gegenüber dem Vorjahre, das feiner seits bereits nicht einmal mehr bie Hälfte eines „normalen" Bauvolumens brachte. „Ein Volk, das nicht baut, lebt nicht", hat man gesagt: Welch Grad von Abgestorbenheit demnach, wenn nicht ein mal ein Viertel des Bauvolumens übrigbleiben soll, das sich als notwendig erwiesen hat, um die vorhandenen baulichen Werte zu erhalten und den Neubedarf zu decken.
Mag es auch angebracht fein, in Krisen Zeiten die natürlichen Wachstumstendenzen des volkswirtschaftlichen Apparates teilweise unbefriedigt zu lassen, mag es vorübergehend sogar vertretbar sein, den lausenden Erneuerungsbedarf aufzuschieben, so ergibt sich doch innerhalb kurzer Frist eine so starke Stauung des Bedarfes, dost die weitere Vernachlässigung einer Befriedigung die größten Gefahren für den aktionsfähigen Fortbestand des volkswirtschaftlichen Apparates überhaupt mit sich bringt.
Um dies an einem Beispiel zu belegen: Im Hausbefitz, dessen Werl auf etwa 100 Milliarden- veranschlagt wird, müßten lediglich für die angemessene Erhaltung des Vorhandenen jährlich rund zwei Milliarden Mark aufgewendet werden. Das ist, wie jeder weiß, seit vielen Jahren nicht annähernd geschehen. Die Notwendigkeit größerer Instandfetzungsarbeiten (neue Eindachungen usw ) wie laufender Instand- haltungsarbeiten ist von Jahr zu Jahr gewachsen. In vielen Fällen droht die restlose Vernichtung größerer Werte, wenn nicht endlich der immer wieder zurückgestellte Bedarf aus feiner unnatürlichen Stauung befreit wird. Selbst in den schlimmsten Krisenzeiten ist es die Pflicht der Gesamtheit, dafür Sorge zu tragen, daß die von der Vernichtung be- drohten ungeheueren volkswirtschaftlichen Werte gerettet werden.
Was hier vom Hausbesitz gesagt ist, gilt in ähnlicher Weile für den Straßenbau; /s gilt für alle baulichen Anlagen ufw., die aus einem volkswirtschaftlichen Bedürfnis heraus entstanden sind. Daß eine baugewerbliche Produktion im Umfange Dtyi zwei Milliarden Mark, wie sie für das Fahr
find wir weit entfernt Bis jetzt ist die Lebenshaltung einer kinderreichen Mutter des unteren Mittelstandes nicht zu vergleichen mit der Buhe, Sorglosigkeit und Sicherheit der Eri- stenz einer Hausangestellten in einem gutsituierten Hause And doch hängt von her einfachen Rücksicht auf die Mütter für den Bestand unteres Volkes mehr ab als von manchen mit großem Geräusch verfolgten fozialen Tendenzen. Oft genug ficht cs so aus. als wenn nichts daran gelegen wäre, wenn kinderreichen Müttern das Leben möglichst schwer und sauer gemacht wird. Ein solches Versäumnis läßt sich durch private Fürsorge niemals ersetzen
Die Erziehung des kommenden Geschlechtes ist in erster Linie eine Erziehung der Familie, d. h. im wesentlichen und in den entscheidenden Jahren eine Erziehung durch die Mutter. Was hier versäumt wird, kann weder durch die Schule, noch durch den Staat, noch durch alle möglichen Vereine und Gemeinschaften wieder eingeholt werden- Bis an fein Lebensende merkt man es dem Menschen an. was für eine
1932 zu erwarten ist, den geflauten Bedarf im Wohnungsbau sowie im öffentlichen Bau — der ge- werbliche Bau mag in diesem Zusammenhang beiseite bleiben — auch nicht annähernd zu decken vermag, ist offensichtlich Daß, wie cs das Institut für Konjunktursorichung des weiteren vorausfagt, im Jahresdurchschnitt 1932 allein im Baugewerbe mit einer Arbeitslosigkeit von 80o 000 bis 900 000 Arbeitern gerechnet werden muß (wozu noch eine entsprechende Vermehrung der Arbeitslosigkeit in den Hilfsindustrien usch. kommen wurde), ist einfach unerträglich
Wie ist Abhilfe möglich' Zunächst und vor allem: die öffentlichen Bauten müssen zu den sonstigen Ausgaben des Staates wenigstens wieder einigermaßen in das gleiche Verhalt- n i $ gebracht werden, roie.es vor dem Kriege bestand und wie cs auch noch bis vor wenigen Jahren annähernd der Fall war. Denn für die öffentlichen Bauten ist vor dem Kriege von dem gesamten öffentlichen Finanzbedarf etwaein Drittel aufgeroenbet worden. aber bereits im verstossenen Jahre wurde dies Verhältnis in ganz unnatürlicher Weise auf etwa ein Zwanzig st e 1 her- untcrgedr lickt. Der Drang zum Sparen, her grundsätzlich sicher nicht bekämpft werden soll, darf sich eben nicht in der Weise betätigen, daß d i c Ausgaben für produktive Zwecke und zur E r h a 11 u n-g der für einen normalen Umfang der Volkswirtschaft notwendigen An lagewerte einfach gestrichen, dagegen die Verwaltungs- aufroenbungen kaum vermindert werden.
Selbst wenn man davon absieht, eine Belebung der Bautätigkeit zur Milderung der Arbeitslosigkeit vorzufehen, und sich damit begnügt, nur den allerbringehbftcn Bedarf an öffentlichen Bauten ,zu befriedigen, müssen hierfür etwa 2,2 Milliarden Mark (gegenüber etwa 2,3 Milliarden Mark vor dem Kriege) eingesetzt werden; für den Wohnungsbau sind, insbesondere zur Erhaltung des Althausbesitzes, etwa 1,8 Milliarden Mark erforderlich; für den gewerblichen Bau wird man einen Rückgang auf 0,8 Milliarden Mark (gegenüber 1,2 Milliarden Mark in 1931 und noch 2.7 Milliarden Mark in 1929) hinnehmen müssen. Man kommt dann auf einen Oefamtbeharf der baugewerblichen Produktion von etwa 4,8 Milliarden Mark, der dasMindestmaß dessen dar- stellen dürfte, was erforderlich ist, um die oben angedeuteten Gefahren für die gesamte Volkswirtschaft zu vermeiden.
Die Jahreszeit ist bereits soweit vorgeschritten, daß allenthalben regste Bautätigkeit herrschen müßte, statt dessen überall Kirchhofsruhe. Was zu geschehen hat, duldet keinen Aufschub mehr!
Kinderstube, d. h. was fureineMutter er gehabt hat. Wer also für die Erziehung des Volkes sorgen will, der tut nicht genug, wenn er nur an die Schule und an die Kirche oder an alle möglichen sozialen Gemcinfchasten oder gar nur an den Sport denkt. - weitaus das Wichtig st e. was hier geschehen muß. ist da», was die Mutter tut. Was sie nicht getan hat. kann keiiz anderer mehr ersetzen. Der Einfluß der Frau auf das Dolksganze. der ihr zukommt, den sie nicht nur zu beanspruchen hat. sondern den das Volk von ihr fordern muß, besteht nicht in erster Linie gegenüber dem öffentlichen Leben und wird nicht gesichert durch das Wahlrecht der Frau, sondern er besteht vor allen Dingen in dem verborgenen und doch so mächtigen Einfluß der Mütter auf die physische Gesundheit und die geistige Entwicklung ihrer Kinder. Wieviele große und kleine Männer unseres Volkes t-agen die .Züge ihrer Mutter. Dcr Einfluß, den die Frau in dcr Gesellschaft hat. im Salon oder auf der Tanzdiele oder im Cafe, ist nicht entfernt zu vergleichen mit dem.
Deutsche Sportler in den Anzügen, die jetzt der Deutsche Reichsausschuß für Leibesübungen für die Bekleidung der deutschen Olympia-Mannschaft bestimmt hat. Es handelt sich um eine zweiteilige Kombination aus einer zweireihigen kurzen Jacke und einer unten geschweift gehaltenen Hose. Der Anzug wird in zwei Farben geliefert, und zwar als Arbeitsanzug in Kornblau und für die Kampfe selbst in Weiß mit goldenen Knöpfen.
was sie leisten kann und soll in dem nach außfn verschlossenen Kreis der Familie.
And doch wird aus diesem, unter der Oberfläche verborgenen Kraftstrom viel zu wenig geachtet. Man braucht ja nur an die zeitgenössisch« Literatur zu denken: wieviel Erotik und tz e wenig Poesie des häuslichen Leben-! Diele unerschöpfliche Quelle dcr Dichtung erscheint fo manchem Literaten als unkünstlcrisch und philisterhaft. und wie weit verbreitet ist die Meinung. daß die Gemütlichkeit des häuslichen Lebens des Genies nicht würdig sei. während doch die ganz großen Männer unseres Volkes wie Luther und Bismarck häusliche Gemütlichkeit und weltgeschichtliche Großartigkeit miteinander ve,- bunben haben, wie der Stamm die Wurzel mit der Krone verbindet. Das Leben innerhalb dcS Wirkungskreises der Hausmutter verhält sich zum Wirken der Ocffentlichkcit und dcr Welt der Geschichte wie die Quelle zum Strom. Man kann deshalb sagen, daß das Geschick eines Volkes abhängig ist von seinen Frauen-Vicht in erster Linie von denen, die im öffentlichen Leben wirken, die in der Gesellschaft glänzen, die die Feder führen, sondern von denen, die als Mütter anspruchslos und unbemerkt die Hauptaufgabe erfüllen ohne selbst in die Ocffentlichkeit zu treten — und von denen, die zum öffentlichen Leben berufen sind, als Mütter ober als Gattinnen.
Was für eine Summe von Arbeit. Liebe, Freude. Sorge. Letd. Verzicht und Erfolg liegt in dem Leben einer einzigen kinderreichen Mutter. Ein Veichtum, mit dem manches Leben, da- (ich auf der Bühne der Oeffentlichkeit abspielt. gor nicht zu vergleichen ist. Wenn wir in der schweren wirtschaftlichen, sozialen, moralischen, politischen und kulturellen Krisis unserer Zeit an die Zukunft unseres Volkes denken und uns fragen, was hier vor allem geleistet werden muß, bann mag sich jeder, der in Staat und Gesellschaft irgend einen Einfluß hat. vor allen Dingen eines sagen: sorgt dafür, daß die vielen jungen Paare, die heute in die Ehe treten, nicht mit der verschwiegenen oder ausgesprochenen verhängnisvollen Bedingung ihr gemeinsames Leben beginnen: Aber Kinder darf es nicht geben! Alle
Erotik, mag sie mit noch soviel Poesie umgeben
©er Maikäfer.
Bnn Georg Mühlen-Schulte.
Der Gastwirt Oicfcbart sagte zu dem Kellner Max: „Max, der Lenz ist da; stell' den Garten raus!" Max holte die Kasten mit dem wilden Wein aus dem' Keller und baute damit ein Karree auf der Straße vor den Fenstern des Lokals. Er zupfte die Ranken des wilden Weins auseinander und schlang sie kunstvoll über die Eisenstäbe des Spaliers. Als er fo weit war, kam der Gastwirt Giefebart mit einem Pappfchöchtelchen vor die Tür. Er machte ein verfchmitztes Gesicht, der Gastwirt Giefebart.
..Max, rat" mal, was ich hier hab'!"
„3d) weiß cs nicht. Herr Giefebart!"
„'n Maikäber. dummes Luder! Von meinem Neffen, dem FerstgehiIsen. Er ist >'ach 'n bißchen flamm, aber so ist er gerade richtig. Da, — setz ihn mal oben auf eine Ranke! Unsere Gäste solln 'n Spaß haben."
Der Kellner setzte den Maikäfer auf eine Ranke
An diesem Tage nahmen der Börsenmakler Hahn und der Papierwarenfabrikant Quickly, ständige Gaste des Restaurants Giefebart, zum erstenmal draußen im Garten Platz. Hahn bestellte sich eine Bouillon, Quickly bestellte'sich ein Bier. „
„Gucken Sie mal da. meine Herren! sagte der Gastwirt Giefebart und wies auf eine Stelle über den Häuptern seiner Gäste. Danach ging er in das Lokal zurück. .
..Ein Maikäfer, wahryaftig!" rief Hahn, „scheint tot zll sein."
„Der ist nicht tot!" erwiderte Quickly. „Dem sitzt bloß die Kühle von heute Nacht ein bißchen in den Knochen."
Ich sage Ihnen, er ist tot!" beharrte'Hahn „Mai- fäfer sind furchtbar empfindlich gegen Frost. Wir hoben zu Hause ein Thermometer, das zeigt immer fett)--- Grad unter Null. Weil nämlich die Quecksilbersäule kaputt ist. April vorm Jahr bringt mein Junge aus 'm Wald einen Maikäfer mit. Der Mai- fäfer fliegt fidel im Zimmer rum. Plötzlich fehl er fid) auf das Thermometer, sieht, daß es sechs Grad unter Null sind, und fällt toRu Boden. Furchtbar pimplig, die Maikäfer."
Gar nicht pimpelig! Ihrem Maikäfer.muß was anderes gefehlt haben. Vielleicht war er mit dem Herzen nicht in Ordnung, ober er hat bie «taupe gehabt ober die Rinderpest!"
Ist ja lächerlich! Ein Maikäfer und Rinderpest!
"Ganz egal, ich sage doch bloß so! Maikäfer sind ziemlich' abgehärtet, das können Sie mir glauben.
Im Februar Neunzehnhundertfechzehn, in den Karpathen, da hatten wir doch eine Kälte, daß einem der Schlund zufror. Da habe ich einmal auf einem Patrouillengange drei erfrorene Maikäfer gefunden Ich habe sie mitgenommen, am Wachtfeuer aufgetaut, und was soll ich> Ihnen sagen, da sind die Maikäfer wieder zu sich gekommen "
„Quatsch'"
„Erlauben Sie mal, Herr Hahn, ich weiß doch, was ich spreche. Ich sehe den einen Maikäfer noch vor mir: ganz groß und leuchtend waren feine Augen, er zählte bis hundert, und dann flog er weg."
„Nun hören Sie aber auf, Quickly! Kein Maikäfer kann bis hundert zählen. Das höchste, was mal einer erreicht hat, mar zehn, und das brachte er auch bloß fertig rocii er in einem Lindenbaum auf einem Schulhof faß und die Jungens immer rechnen hörte."
„Daß ich bloß nicht lache, Herr Hahn' Daß ich bloß keinen Zwerchfellriß kriege! Ihr Maikäfer in Ehren, er kann ja fchließlich nichts dafür, daß er auf der Linde einer Schule faß, in der Sie bis zehn zahlen lernten. Bis zehn und nicht weiter
„Herr Quickly, wenn Sie persönlich werden .!" . Aber cs gibt noch andere Maikäfer, Herr Hahn; Maikäfer mit hellem Kopf. Maikäfer mit weitem Horizont; Maikäfer, die sogar bis taufend zählen. Die stecken Sie und Ihre dämlichen Mit schüler in die Tasche, jawohl!"
„Wirklich ein starkes Stück, muß ich sagen. Ich könnte Ihnen allerhand auf Ihre Anwürfe erwidern, Quickly. aber ich will mich beherrschen. Mir fommt cs bloß auf die eine Feststellung an: Ist der Mai fäfer tot ober ist er nicht tot! Ich sage, er ist tot! Sie sehen doch, daß er ganz still sitzt."
„Das hat gar nichts zu sagen; er wird schlafen." „Schlafen? Hören Sie was?"
„Was soll ich denn hören?"
„Na, ich meine, wenn einer schläft, dann hört man es doch. Entweder er schnarcht, oder die Bettstelle knarrt, oder ..."
„Mensch, Hahn, der Maikäfer hat doch keine Bettstelle." ' r
„Also, daß Sie sich immer an solche Äußerlichkeiten klammern! Natürlich hat er keine Bettstelle. Braucht er auch nicht, wenn er Geräusch machen will."
„Ader er will doch gar fein Geräusch machen"
„Sagen Sie, woher wollen Sie das wissen. Quickly? Haben Sie eine Ahnung, was im Kopf eines Maikäfers vorgeht? Können Sie einem Mai- fäfer ins Herz gucken? Das können eie nicht, nicht wahr' Na, sehen Sie! Ein Maikäfer macht genau fo 'n Geräusch beim Schlafen wie Sie "
„Womit soll er denn Geräusch machen?"
„Weiß ich?! Vielleicht mit den Flügeln ober mit ben Kiefern ober mit sonstwas. Nehmen wir mal die Eikade. Die Eikade reibt die Hinterbeine anein» ander; damit macht sie einen Krach, daß Sie denken, eine Torpedobootsflottille fährt ab."
„Mit den Hinterbeinen ?"
„Ja, mit ben Hinterbeinen "
„Hahn, mit Ihnen ist nicht zu streiten. Nächstens kommen Sie und erzählen mir, die Spinne spielt auf ihrem Netz Zither und singt Tonfilmschlager dazu."
„Das ist doch ganz was anderes. Ich wiederhole nochmals: Hier handelt es sich bloß darum, ob der Maikäfer da oben tot ist oder nicht. Er ist natürlich tot"
„Er ist natürlich nicht tot. Ich möchte wissen, woran er gestorben sein soll War doch gar nicht so falt heute Nacht Ich habe eine Stunde ohne Deckbett gelegen und nichts gemerkt."
„Ja, Sie! Der eine hat eben die Natur und der andere bie. Ein Maikäfer ist furchtbar anfällig Wenn sich da in der Nacht bloß mal fo ein bißchen ein Flügel verschiebt, dann kann der Maikäfer am andern Morgen vor Schnupfen nicht aus den Augen gucken."
„Erlauben Sie mal, was ist denn bann mit dem Engerling? Der Engerling liegt splitternackt in der Erde und kriegt keinen Schnupfen. Wie erklären Sie sich bas?"
- „Ich höre immer Engerling. Wir sprechen doch hier non Maikäfer und nicht non Engerling "
„Na, Engerling ist doch Maikäfer."
„Engerling ist nicht Maikäfer. Machen Sie sich nicht lächerlich Quickly!"
„Engerling ist doch Maikäfer! Ein junger Maikäfer ist er. Ein Maikäfer im Säuglingsalter foZusagen."
„Und den lassen die Eltern nackt in der Erde liegen9 Erzählen Sie Ihre Räubergeschichten wo anders, Herr Quickly!"
„Na. was sollen denn die Estern von dem Engerling machen? Sollen Sie ihn vielleicht in Windeln legen? Soll n Sie ihm eine Mütze stricken? Ein Wolljäckchen?"
„Ach, hör'n Sie doch auf! Ist ja lachhaft mit Ihrem Engerling. Ein erwachsener Mensch soll solche Sachen in die Welt setzen! Der Maikäfer da oben ist tot. Basta!"
„Er ist nicht tot. erkläre ich Ihnen. Ich habe eben deutlich gesehen, wie er das eine Bein bewegt hat."
„Natürlich! Vielleicht hat er gehört, was Sie hier alles 3ufammengeiabbert haben, und nun hat er sich mit dem Bein on die Stirn getippt."
„Ja J)ber er stimmt gerade seine Mandoline. Passen Sie auf, gleich fängt er an: Das ist die Liebe der Matrosen ..."
„Ach, Sie haben ja einen Vogel, Quickly! Was sage ich. Sie haben einen Pinguin! Der Maikäfer ist tot. So tot, wie Sic mit Ihren Papierblumen, verstanden?!".
„Sic kriegen gleich ein paar hinter bie Ohren, Hahn. Ich meine, ein Mann der heute fein Brot mit Hungertuchaktien an der Börse verdient, der hat es nicht nötig, sich über andere zu mokieren . . Außerdem, der Maikäfer ist nicht tot. Da — überzeugen Sie sich, — er krabbelt!"
Die Herren haben sich von ihren, Stühlen erhoben; sie stehen sich mit zornroten Gesichtern gegenüber. In diesem Augenblick bewegt sich der Maikäfer Er machk einen schwerfälligen Rlcttcrnerfud) an brr Weinranke Plötzlich verläßt ihn die Kraft. Mit einem klicksendcn Geräusch fällt er von oben herunter direkt in die glühhetße Bouillon des Börsenmaklers Hahn.
Der Börsenmakler Hahn ist einen bangen Atemzug lang starr. Dann nimmt er feinen Löffel, fischt ben Maikäfer aus der Taffe und wirst ihn auf das Tischtuch.
„Bitte schön, er ist doch tot, — Sie Idiot!" sagt er triumphierend.
Darauf gehen die Herren als Todfeinde auseinander
Dod)ftf>ulnarf)ri(f)tetL
Der ordentliche Professor Dr. Richard fioqueur von der Philosophischen Fakultät der Universität Tübingen (früher in Gießen) hat einen Ruf auf den Lehrstuhl der alten Geschichte an der Universität Halle erhalten.
Profesior Dr. Eduard Schwyzer von der Uni- vrsität Bonn hak den an ihn ergangenen Rus auf den Lehrstuhl für vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Berlin als Nachfolger von Professor Wilhelm Schulze angenommen.
Zur Wiederbesetzung des durch die Emeritierung von Professor Dr. Oskar Knoblauch erledigten Ordinariats für technische Physik an der Technischen Hochschule in München ist ein Ruf an Professor Dr. Georg Joos von der Universität Jena ergangen.
Professor Dr. Arthur Steinwenter an der Universität Graz hat einen Ruf auf den durch ben Weggang von Professor Greller nach Tübingen erledigten Lehrstuhl für römisches Recht an der Universität Münster erhallen.


