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182. Jahrgang
Donnerstag, 6. Oktober 1932
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GietzeimAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Landnöten.
Auf minbumbrauftet Höhe in der Rhön erhebt sich der Gedenk st ein der deutschen Flieger. Ein Adler, Symbol t des himmelstürmenden Wagemutes, schirmt eine steinernde Tafel, in welche die Worte eingemeißelt sind:
Wir toten Flieger Blieben Sieger Durch uns allein! Volk, fliege du wieder Und du wirst Sieger Der Zukunft sein!
Genau am 20. Jahrestag, an dem 1912 sich Deutschland die erste Militärfliegergruppe schuf, hat in Berlin die deutsche Luftsportausstellung ihre Pforten eröffnet. Die Ausstellung ist mehr als ein Berliner Lokalerlebnis. Sie gibt einen Querschnitt durch ein zwanzigjähriges Heldentum, das Opfer ohne Zahl erfordert hat, und in dem immer wieder der Idealismus der Jugend über alle - Bürokratie und alle Schmachdiktate übermütiger
Sieger triumphierte.
Verhältnismäßig spät und nachdem andere Staaten bereits vorausgegangen waren, hat damals nach heftigen Kompetenzkämpfen zwischen Generalstab und Kriegsministerium das deutsche Heer sich die Fliegerei in den Dienst gestellt. Ein leuchtender Ruhmeskranz glorreicher Damen wurde von diesem Tage an für die deutsche Geschichte geflochten. 3m Krieg gegen eine älebermacht»kämpfend, waren es dennoch die de tschen Flieger vom Dange eines Immelmann, lOoelkc. Richthofen, die Sieg auf Sieg errangen und im geschoßumschwirrten Kampfeinsiher der kämpfenden Fußtruppe Entlastung brachten. Einer kämpfte gegen zehn, und dennoch räumten die feindlichen Geschwader das Feld, wenn die leuchtend rot gestrichenen Flugzeuge unserer Kampfstaffeln erschienen.
Die Fesseln des Versailler Diktats haben versucht, den Geist fliegerischer Kühnheit im deutschen Volk zu erwürgen. Sie haben es nicht vermocht. Wohl wurde die Militär- und Motorluftfahrt bis heute noch gehemmt oder uns verboten. Cs war jedoch die deutsche Jugend, die unmittelbar nach dem Kriege sich ihre selbstgezimmerten Segelflugzeuge zusammenbastelte und zum zweiten Male das Luftmeer eroberte. Ungeheure Erfolge wurden erreicht. Die gemachten Erfahrungen kamen der Sportfliegerei zugute. Auf schwachen deutschen Maschinen flogen deutsche Piloten und Pilotinnen um die ganze Erde. 3n fast allen internationalen Wettbewerben blieben die Deutschen Sieger. Die deutschen Verkehrs- Maschinen erreichten ein Höchstmaß von Sicherheit und wurden vorbildlich für den Flugzeugbau der ganzen Welt.
Allein die wehrhafte Verteidigung in der Luft ist auch heute noch dem deutschen Volke verboten. Während ringsum unsere Landesgrenzen durch Zehntausende von feindlichen Flugzeugen bedroht werden, sind die deutschen Sportflugzeuge nicht in der Lage, die deutschen Städte zu schützen. Eine deutsche Militärfliegerei ist daher das Gebot der Stunde. Daß sie zwanzig 3ahre nach der Schöpfung der deutschen Militärfliegergruppe noch einmal gekämpft werden muß, beweist, wie sehr Deutschland trotz aller gleißneri- fchen Versprechungen der fremden Machthaber noch unfrei ist. Die deutsche Regierung hat vor einigen Monaten zum erstenmal den Ruf noch Wehrgleichheit ertönen lassen. Richt um Aufrüstung. nicht um ein neues Wettrüsten kommt es ihr an, sondern um den Schutz oller deutschen Volksgenossen. Wer dieser Forderung in den Rücken fällt, begeht Verrat an Deutschlands Zukunft und schändet das Erbe der Toten, die aus blauen Himmelshöhen mit schmetterndem Krach auf die Erde prallten und ihr Vlut für Deutschlands Ehre gaben.
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Der Winter 'steht vor der Tür. Schon stellen diejenigen, die es können, befriedigt fest, daß die Heizung funktioniert. Vielleicht kommen noch ein paar Sonnentage, aber dann beherrschen d i e Nordwinde Europa. Sie kommen wie ein Verhängnis, um das Elend, unter dem die Menschen heute leiden, zu vervielfachen. Was früher als natürlich und unabwendbar hingenommen und ertragen werden konnte, ist heute eine Katastrophe, selbst der Wechsel zwischen Sommer und Winter. Die Hilfsquellen, die den Bewohnern der rauheren Zonen die Mittel in die Hand liefern, sich gegen die Anbilden des Wetters zu schützen, sind verstopft, sind eingefroren. 'Der hungernde und frierende Mensch, früher eine bedauernswerte Ausnahmeerscheinung, ist heute die Regel. And wenn es noch lange so weiter geht, dann wird eines Tages der Mensch als Ausnahmeerscheinung gelten können, der nicht hungert und noch in der Lage ist, sich am geheizten Ofen zu wärmen.
Cs ist geradezu von grotesker Tragik, daß die Menschen verhungern sollen, an einem Winter zusammenbrechen sollen, in den wir m i t g ef üIlten Scheunen hineingehen. Rekordernten schließen den Sommer ab, Hunger eröffnet den Winter, auf den Halden lagern Kohlen über Kohlen, sie finden nid den Weg in den Ofen des Frierenden. Anter übermenschlichen Anstrengungen ist es vor einem Jahr noch gelungen, das deutsche Volk durch den Winter hinourch- zubringen. Cs ging schlecht, aber es ging. Cs fanden sich noch überall kleine Reserven, die mobilisiert werden konnten und wurden. Aber Brüning hatte recht, als er im Dezember vorigen Jahres davon sprach, daß es tatsächlich d i e letzten Reserven feien, die aufgeboten wurden, um dem Voll zu helfen, den furchtbaren Winter der Rot zu ertragen. Gibt es heute noch Reserven?
Beamten- und Polizeifragen im Hessischen Landtag.
Anträge der NGOAP.
Darmstadt, 5. Olt. (WHP.) Vor f a st leeren Tribünen eröffnet Präsident Dr. Werner die Sitzung. Das kommunistische Verlangen auf sofortige Beratung der Anwetter- geschädigten-Cingaben wird abgelehnt. Cs folgt die Beratung verschiedener Anträge der Rationalsozialisten. Kommunisten und des Zentrums über die Mitgliedschaft von Beamten zu Organisation en der RED AP., auf Aufhebung von Maßregelungen gegen Beamte anläßlich ihrer Zugehörigkeit zu politischen Parteiorganisationen, auf politische Betätigung in den Schulen, über die Zugehörigkeit von Polizeibeamten zu politischen Kampforganisationen, auf Einstellung von Beförderungen von Beamten aus politischen Gründen, auf Verbot für Polizeibeamte, an ihren Wohnungen Parteifahnen und -abzeichen anzubringen, und schließlich über das Verhalten einzelner Polizeibeamter.
Abg. Jung (Rat.-Soz.) bezeichnet es als An- versrorenheit, daß 3nncnminifter 2euf ebner wieder im Landtag erscheine. Die nationalsozialistische Fraktion erkläre feierlichst, daß sie nicht ruhen werde, bis der Minister aus der hessischen Regierung verschwunden fei. Das Verbot für Polizeibeamte, Mitgl.ed der RSDAP. zu sein, widerspreche der Reichsverfassung; eine in der Zeit des notorischen Verfassungsbruches nicht verwunderliche Tatsache.
In Hessen sei die Polizei nicht mehr objektiv, sondern zu einer Prätorianergarde des Systems geworden. In den gesamten oberen Polizeistellen sähen Beamte mit dem roten Parteibuch.
Der Full des Polizeidirektors" M a s ch m e y e r- Worms werde allmählich zu einem Skandal. Trotz schwerster persönlicher Vorwürfe sitze dieser Herr mach immer im Amt. In zahlreichen Fällen seien lPolizei- und Gendarmeriebeamte wegen des Be- «suches von nationalsozialistischen VeZammlungen durch Familienangehörige gemaßregelt und versetzt «worden. Kreisdirektor Stammler- Alsfeld sei an den Verwaltungsgerichtshof in Darmstadt versetzt «worden, weil ein Besucher seines Hauses angeblich den Hitler-Gruß ausbrachte. Die NSDAP, werde keinem Polizeibeamten erlauben, einer Parteikampforganisation anzugehören.
Abg. Heinstadt (Z.) erwidert, er habe zu feinem großen Leidwesen den Vorredner angehört, dessen Ausführungen dem Staatsgedanken abträglich feien und die eine Herabsetzung der hessischen Polizeibeamten darstellten. Einzelverstöße von Beamten werde das Zentrum stets ahnden.
Nachdem der Herr Reichspräsident den Führer der NSDAP, als würdig für ein Rlinisteramt erachtet habe, nachdem der nationalsozialistische Rcichstagspräsident Göring den Lid auf Reichsverfassung und volksrechte abgelegt und nachdem die NSÄAP. in den letzten Monaten, vielleicht nach schwerem, innerem Ringen, sich
zur Demokratie und den parlamentarischen Regeln bekannt habe, sei das verbot für Polizeibeamte, der NSDAP, anzugehören, nach zu - prüfen. Das Zentrum werde für Aufhebung dieses Verbotes stimmen. Das Zentrum erweitere den nationalsozialistischen Antrag dahin, daß allen dem gesamten Volke dienenden Beamten verboten sein soll. Partei sahnen zu zeigen und in Parteiuniformen öffentlich zu erscheinen.
Abg. Lorenz (S.) lehnt die nationalsozialistischen Anträge ab. Ausgerechnet der Redner des Parteibuchbeamten Adolf Hitler wolle der hessischen Regierung das Prinzip der Parteibeamtenbevorzugung vorwerfen. Die Tatsachen in Thüringen, Oldenburg und Birkenfeld bezeugten das restlose Donzensystem der Rattonalsozialisten. Den Beamten müsse gestattet sein, ihre Verfassungstreue zu bekunden.
Nie Antwort der Regierung.
Staatsrat S ch w a m b verliest eine Erklärung, in der es heißt: Cs besteht für die Regierung kein Anlaß, von ihrem Standpunkt abzugehen, wonach dem Polizeibeamten die Teilnahme an den Organisationen der RSDAP. und der KPD. sowie die Betättgung für sie oder ihre Anterstützung verboten ist. Der höchste preußische Disziplinarhof für nichtrichterliche Beamte hat noch im Februar d. 3. die Frage, ob die Zugehörigkeit eines Beamten zur RSDAP. ein Dienstvergehen sei, bejaht und sich dabei auch auf die zahlreichen Entscheidungen des Reichsgerichts, die die RSDAP. betreffen, berufen. — Es kommt hinzu, daß — wie in dem gegen einen Polizeibeamten durch geführten Dienststrafverfahren festgestellt worden ist — die RSDAP. in Hessen einen geheimen Rachrichtendien st auf gezogen hat, in dem auch Polizeibeamte zur Beschaffung vertraulichen Materials verwendet und damit zum schwersten Bruch ihrer Dienstpflichten verleitet worden sind. Das ist durch eidliche Aussage und Dokumente belegt. — Die Regierung hält es für ihre ernste Pflicht, diesen Zersetzungsversuchen nachdrücklich entgegenzutreten.
Ich habe weiter den Auftrag, den gegen die hessische Polizei erhobenen Vorwurf der mangelnden Objektivität entschieden ; u - rückzuweifen und zu erklären, daß das. was zur Begründung dieser Behauptung vorgebracht worden ist, in keiner Meise geeignet war, einen so schweren und für die Polizei- beamten kränkenden Vorwurf zu rechtfertigen. Gegenüber dem Vorwurf, daß die leitenden Polizeibeamlen nur nach politischen Gesichtspunkten ausgewählt feien, habe ich festzustellen, daß von den sechs Polizei- direktoren in Hessen nur einer der Sozialdemokratischen Partei angehört.
Ich habe weiter festzustellen, daß die fachliche Befähigung und Erfahrung des Polizeidirektors Maschmeyer in Worms, der dieser Tage sein 25jähriges Dienstjubiläum feiern konnte, von allen objektiv Urteilenden vorbehaltlos anerkannt wird. Der Vorfall, der ihm hier zum Vorwurf gemacht wird, ist seinerzeit von dem Kreisamt untersucht worden. Das Kreisamt hat keinen Anlaß gesehen, gegen Polizeidirektor Maschmeyer einzuschreiten.
Staatspräsident Adelung hält es in «dieser zerrissenen Zeit für unbedingt notwendig, «bi e Politik von den Schulkindern sernzu halten. Wenn Lehrer in Konflikt ge- Irieten zwischen Amt und Parteibetätigung, müßten sie die Folgen tragen. Beamtenmaßregelun- igen aus parteipolitischen Gründen seien nicht erfolgt. Im Falle des kommunistischen Lehrers H a m - mann und des nationalsozialistischen Lehrers Weber habe die Regierung beide Male Dienstentlassung beantragt.
Nie Abstimmung.
In der Abstimmung wird der nattonalsozia- listische Antrag, der die Regierung crussordert, den Polizeibeamten die Zugehörigkeit zur NSDAP, zu erlauben, von Nationalsozialisten, Zentrum und Bürgerlichen angenommen. — Bei Stimmenthaltung des Zentrums wird den Polizeibeamten auf nationalsozialistischen Antrag hin die Zugehörigkeit zu folgenden Kampf- organisationen untersagt: Kreuzschar, Reichsbanner, Eiserne Front mit Unterorganisationen, Kampfbund gegen den Faschismus (Antifaschistischer Kampfbund), Roter Frontkämpserbund, Jungdeutscher Orden, Wehrwolf, Stahlhelm, Schwarze Front, SA. und SS. — Annahme finden die na-' ttonalsozialistischen Anträge, die Regierung solle Strafen, Maßregelungen usw. gegen Beamte anläßlich ihrer Zugehörigkeit zu politischen Parteiorganisationen aufheben und den Polizeibeamten das Anbringen von Parteifahnen und -abzeichen an ihren Wohnungen verbieten. — Alle anderen Anträge finden keine Mehrheit.
Von Regierungsseite wird mitgeteilt, daß die Regierung beabsichtige, die Schlacht st euer einzu führen; sie werde jedoch vorher die Frage im Finanzausschuß besprechen.
Abg. Claas (Rat.-Soz.) begründet den Antrag, Beförderungen von Beamten aus politischenGründenbis auf weiteres nicht vorzunehmen, mit angeblichen Plänen der Regierung, vor Toresschluß noch rasch Parteifreunde unterzubringen. Der Redner nennt Ramen, die angeblich durch „Deziehun- g e n“ vorangekommen seien.
Staatspräsident Adelung teilt mit, daß von sechs Polizeidirektoren ein Sozialdemokrat und von 18 Provinzial- und Kreisdirektoren einer Sozialdemokratund einer Zentrum s m a n n ist. Die unlogischen Erklärungen und Verdächtigungen des Vorredners verdienten schärfste Zurückweisung. Cs fei ungehörig, ohne den Schatten eines Beweises zu liefern, Ramen
Dor einem 3ahr reifte die Erkenntnis, daß kein Volk in der Welt aus sich selbst heraus die Kraft entwickeln kann, um aus den Schwierigkeiten herauszukommen. Mit dieser Erkenntnis paarte sich die Forderung nach einer gemeinsamen Kraftanstrengung aller Völker zur Aeberwindüng der Weltwirttchaftskrisis und es tauchte der Plan auf, nach endgültiger Regelung der Reparationsfrage eine Weltwirtschaftskonferenz einzuberufen, der es obliegen sollte, die Zollmauern niederzubrechen und Maßnahmen für einen freieren und regeren Güteraustausch zu treffen. Die ursprünglichen Absichten gingen dahin, bis zum Jahresende 1931 die Reparationsfrage zu erledigen, im folgenden Frühjahr die Weltwirtschaftskonferenz einzube- rufen, damit, wenn der Dauer seinen Acker bestellt, er schon die Hoffnung hat, daß die Ernte in eine bessere Zeit fällt als die Saat. Aber- internationale Probleme kennzeichnen sich durch ihre Verzögerung. Die Reparationsfrage wurde nicht im Herbst, nicht im Frühjahr, sondern erst im Sommer erledigt. Aber als die Staatsmänner in Lausanne versammelt waren, hieß es, daß die Weltwirtschaftskonferenz im Rovember dieses 3ahres zusammen treten solle. Man hatte gleich erhebliche Bedenken gegen diesen Termin, weil er z u spät kommen würde und die Konferenz sich damit selbst um die psychologische Wirkung bringen würde, den Optimismus zu wecken, der immer vorhanden fein muß. wenn es gilt, sich aus einem Sumpf herauszuarbetten. Alle Sachkundigen waren sich darüber einig, daß die Maßregeln von denen man einen Auftrieb der darnieder liegenden Weltwirtschaft und außerdem politische Beruhigung erhoffte, vor Einsetzen des Winters in Gang gebracht und mindestens be
schlossen sein müßten.
All die Hoffnungen, die man an die Weltwirt- schaftskonserenz schon mit Rücksicht auf den jetzt brechenden Winter geknuvf hatte, sind durch den Genfer Beschluß des Ratskomitees zur Or- ganifation der künftigen Wirtschaftskonferenz zer- stört worden. Man ist auch letzt noch nicht in der Lage, sich auf einen bestimmten Ter- mi au einiaen sondern nennt nur ein ungefähres DaLm zwifch-n dem 1. und bem 20. Februar. Ein Sachverständigenausschuß soll den Wint^ über die vorbereitenden Arbeiten erledigen. Rach den Erfahrungen, die man leiöer in ®enf hat machen müssen, gehört nicht viel Prophetengabe
dazu, um vorherzusagen, daß die Konferenz nicht im Februar, sondern vielleichter st imSom- mer des nächsten 3ahres zusammentreten wird. Die französischen Politiker scheinen auch unter der Leitung Herriots das Prinzip zu verfolgen, zunächst einmal gegen alles zu fein, gegen alle Konferenzen, und vor allem gegen alle Termine. Warum ist es immer Frankreich, das, wenn es gilt, einmal wirklich zu zeigen, daß die Völker aus der furchtbaren Vergangenheit'die richttge Lehre gezogen haben und zur Zusammenarbeit bereit sind, gegen den Willen der Zusammenarbeitenden den ersten Widerstand erhebt?
ES gibt heute in Deutschland und wohl auf der ganzen Welt so ein schreckliches Wort, das von vielen Kreisen des Volkes leider allzu oft gebraucht wird: z u a 11, wir brauchen junge Kräfte! Allein dieser Grundsatz bei der Personaleinstellung hat es mit sich gebracht, daß viele sich älter machen, als sie in Wirklichkeit sind, daß sie Mut und Kraft schon zu dem Zeitpunkt aufgeben, an dem in früheren 3ähren die Menschen erst begannen, sich einen festen Platz im Leben zu erkämpfen. So ist wohl die Lage im heutigen Deutschland, aber schon nach zwanzig 3ahren wird man anders über diesen Punkt denken, dann wird man nämlich von einer Dera reisung des deutschen Volkes sprechen! Statistiker sind wieder einmal am Werk und haben herausgerechnet, daß der starte Geburtenrückgang es mit sich bringen wird, daß wir im 3ahr 1980 fast zehn Millionen — Greise haben dürften. 3eder fünfte Erwachsene ist dann über 65 3ahre alt, und es wird mehr alte Leute als Kinder unter fünfzehn 3ahren geben.
Es versteht sich wohl von selbst, daß die Großstädte an der Spitze des Geburtenrückganges stehen; die Landbevölkerung hingegen hat glücklicherweise immer noch ein Wachstum aufzuweisen. Unter den Großstädten stellt Berlin den Rekord auf, der gleichzeitig ein Weltrekord ist: 3m 3ahre 1931 kamen auf das Tausend der Bevölkerung nur 8,7 Geburten, während Paris 14,7, London 15,8 und Reuyork 20 Geburten auf brachten. Es ist ausgerechnet worden, daß bei gleichbleibenden Geburtsverhältnissen und wenn keine Zuwanderung mehr stattfinden würde, Berlin nach fünf Generationen auf den Stand von Freiburg im Breisgau kommen wüßte;
in hundertfünfzig 3ahren von vier Millionen auf hunderttausend!
Da wir heute vorwiegend ökonomisch denken, muß zuerst an die wirtschaftlichen Gefahren bei der Überalterung eines Volkes gedacht werden. So hat man für Deutschland festgestellt, daß zunächst die Invalidenversicherung besonders bedroht ist, was sich schon jetzt beobachten läßt. Der Fehlbetrag des 3ahres 1931 — früher gab es stets Ueberschüsse! — wird von 3ahr zu 3ahr anwachsen. Für 1938 müssen wir mit einem Fehlbetrag von einer halben Milliarde rechnen; und dieser Fehlbetrag dürfte sich 1950 bereits verdoppelt haben, während 1975 das Defizit sogar zwei Milliarden betragen wird. Bei den Krankenkassen werden sich wegen Ueber- alterung die Kosten der Kassen pro Kopf bis 1975 um etwa 30 Prozent erhöhen.
Dieser Cinschrumpfungsprozeh der Einwohnerzahl ist aber nicht allein auf Deutschland zu beschränken, sondern ganz Europa — ausgenommen den slawischen Osten, 3talien und die Riederlande — ist von ihm erfaßt. Beispielsweise wird Polen, das 1925 ein Viertel Bewohner weniger hatte als Frankreich, dieses in fünfzehn 3ahren bereits überflügelt haben. Lind 3 t a l i e n wird schon im 3ahre 1960 hinter Rußland und Deutschland die drittstärkste Ration Europas sein. Diese Entwicklung ist natürlich für die politische Zukunft unseres Erdteils von größter Bedeutung. Die slawischen Gruppen, die heute etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung Europas ausmachen, werden bis zum Ende des 3ahrhunderts so anwachsen, daß sie die Hälfte umfassen. 3ntereffant sind noch die Berechnungen des Standes der wehrfähigen Bevölkerung im 3ahre 1960. Gegenüber 1925 wird 3talien zu diesem Zeitpunkt 50 Prozent, Polen aber 85 Prozent mehr Wehrfähige $ur Verfügung haben. Frankreich und Polen, bie in dieser Hinsicht heute zusammen dem Deutschen Reich gewachsen sein dürften, werden dann etwa 25 Prozent mehr waffenfähige Männer in Reserve haben als Deutschland... Wohlverstanden, so behauptet die Statistik. Aber die Ratur kümmert sich um Rechenkunststücke nicht immer. Sie weih sich selbst zu helfen und wird hoffentlich auch dafür sorgen, daß die „Vergreisung des deutschen Volkes" nur ein Alpdruck der Theoretiker bleiben wird.


