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Roman von Hertha Fricke
Mrheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau
14. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Mein Bruder ist anderer Meinung als Sie, und gegen Kollegen pflegen ja auch die Aerzte nicht hinter dem Berg zu halten. Renate ist unheilbar, ich weih es! 2lber da es noch nicht erwiesen ist, ob chr Leiden ansteckend ist oder nicht, möchte ich es Ihnen anheimstellen, da Sie das einzige Kind Ihrer Mutter sind, sich gelegentlich nach einer anderen Stellung umzusehen! Ich möchte es nicht verantworten, Sie über gewisse Möglichkeiten im unklaren zu lassen!"
„Herr Doktor Andresen hat mir nie von Ansteckungsgefahr gesprochen!" antwortete das Mädchen. War es wirklich Fürsorge von d esem fremden Wann, oder wollte er sie gern los sein? Es war ihr unsäglich peinlich.
„So? Das hat er nicht? Eigentlich merkwürdig!" meinte Herr Andresen. „Schwester Elisabeth hat nicht verfehlt, auf die möglichen Gefahren hinzuweisen!"
„So? Die?" sagte Eva-Marie ein wenig hochmütig. „Ich fürchte mich nicht, Herr Andresen, und werde um einer Gefahr willen einen Posten nicht verlassen, auf den ich gestellt bin!"
„Das klingt ein bißchen nach dem überwundenen Militarismus!" spottete Karl Andresen.
Eva--Marie erhob sich. Der Zorn stand wieder hell in ihrem hübschen Gesicht. Was muhte sie sich von diesem Manne bieten lassen.
„Ich habe Ihnen nur noch zu sagen, Fräulein von Diemen, dah ich mich dem Wunsche meiner Frau gefügt habe. Sie noch weiterhin zu ihrer Gesellschaft bei ihr zu belassen, möchte aber noch einmal darauf Hinweisen, dah die Kranke vor Aufregung jeder Art zu schützen ist, und dergleichen Szenen wie damals vor der Operation unter allen Umständen zu unterlassen sind. Es war von durchaus übler Wirkung auf die Kranke!"
„Herr Dr. Andresen war anderer Meinung!" sagte Eva-Marie tief beleidigt.
„So, na, mein Bruder ist nun mal total verliebt in Ihr hübsches Lärvchen, Fräulein von Diemen, was man einem jungen Manne in seinem Alter ja weiter nicht übelnimmt. Und da die Liebe bekanntlich blind ist, lege ich mehr Wert auf das sachliche Urteil der erfahrenen Schwester? Ich würde Ihnen aber privatim noch raten, keine zu grohen Hoffnungen auf die Verliebtheit des jungen Doktors zu setzen! Abgesehen davon, dah solcher Zustand bei jungen Männern meistens nicht von langer Dauer ist, ist er noch lange nicht in der Lage, sich den Lu^us einer vermögenslosen Frau zu gestatten!"
Eva-Marie war aufs tiefste gekränkt. Warum tat der Mann ihr das? Elisabeths Einfluh ohne Frage! Heinrich Andresen hatte sie ja darauf schon hingewiesen! Am liebsten wäre sie sofort weggegangen. Aber da fiel es ihr ein, was in Doktor Heinrichs Brief stand.
„Halten Sie aus, kleine Eva-Marie! BZappnen Sie sich mit Gleichgültigkeit gegen die spitzen Angriffe der ärmlichen Seele Elisabeths!"
Rein, diese gehässigePerson sollte nicht den Triumph haben, Eva-Marie von Diemen mit ihren boshaften Klatschereien ohne weiteres entfernen zu können!
„Verzeihung, Herr Andresen!" sagte sie ruhig und kalt. „Es gilt, eine Rechtslage zu klären! Bin ich in Ihren Diensten oder in denen Ihrer Frau Gemahlin?"
Da sah Karl Andresen auf.
„Bei meiner Frau natürlich!" sagte er verwundert. Was wollte dies patente kleine Frauenzimmer?
„Dann halte ich unsere Unterredung für beendet und möchte mich zu meiner gnädigen Frau begeben!" Sie verneigte sich kurz und hatte die Tür hinter sich geschlossen, ehe Herr Andresen sich auf eine Erwiderung besinnen konnte.
10.
Die Wochen gingen hin. Frau Renate durfte ausfahren, und so gab es manche Stunde behaglicher Zweisamkeit für sie und Eva-Marie, die ihnen weder die langweilige Anwesenheit des Gemahls noch die drückende Schwester Elisabeths stören konnte. Meistens war Gerti mit, und Renate hatte eine wahre Sucht, alles mögliche zu sehen, Ausflüge in die Umgebung zu machen, welche durch einen erfrischenden Schlaf, der fast regelmäßig darauf folgte, einen durchaus wohltuenden Einfluß auf chr Befinden hatte.
So kam es, daß auch der Reise, die Frau Renate so sehr wünschte, keinerlei ärztliche Bedenken entgegenstanden. Man wählte das ruhigere Saßnitz, da reger und- lauter Badebetrieb nicht für die Leidende geeignet war. In dem schönen, vornehm ausgestatteten Kurhause, das von drei liebenswürdigen Schwestern bewirtschaftet wurde, nahm man Quartier. Herr Karl Andresen begleitete seine Damen dorthin, reiste aber bald geschäftlich weiter nach Schweden. Er fand seine Frau angenehm verändert. Sie konnte scherzen, sie aß mit gutem Appetit, und sie hatte alle Augenblicke Wünsche, brauchte Geld dafür, was sie sonst leidvoll und verächtlich abgewehrt hatte.
Das Geld hatte freilich nur den Zweck, ihre kleine Tochter oder Eva-Marie mit neuen Kleidern herauszuputzen, und wenn letztere einmal den reichen Gaben wehren wollte, wurde sie ärgerlich. „Laß mir doch den Spaß, Eva-Marie. Du siehst entzückend aus in den eleganten Sachen! Warum sollen die kleinen Beamtentöchter oder die mondänen Strandhexen, die lange nicht
so hübsch sind wie du, dich ausstechen. Das sehe ich nicht ein!"
Sie sann sich Ueberraschungen aus für ihre „Mädels", wie sie Gerti und Eva-Marie nannte, und hatte eine Riesenfreude, wenn sie ihr gelangen. So hatte sie eines Tages befohlen, Eva- Marie müsse auf ihrem Balkon frühstücken und dürfe nicht vor zwölf Uhr auf der Terrasse erscheinen. Eva-Marie tat ihr lächelnd den Willen. Sie schaute von dem Balkon aus über die blaue Ostsee, die so klar war, daß man den kleinen Leuchtturm der Greifswalder Oie erkennen konnte, sah das stolze Fährschiff nach Schweden ziehen und fühlte sich sehr wohl da oben. Als die Uhr zwölf schlug, und sie herunterkam, kam ihr Gerti mit einem pfiffigen Gesichtchen entgegen. Und dann sah sie die Ueberraschung mit gerührtem Lächeln neben Frau Renate sitzen, ihre liebe kleine Mama! Dankbar küßte Eva-Marie Renates Hand. „Du Gute, — du lieber Engel du!"
„So verwöhnt sie mich!" sagte Renate und legte ihr schmales Gesichtchen an Eva-Maries Schulter.
Am Rachmittag blieb Renate mit Schwester Elisabeth allein und schickte Eva-Marie mit ihrer Mutter nach Stubbenkammer. Eine Woche blieb Cxcellenz als Gast der Frau Andresen in Saßnitz, dann reiste sie, entzückt von deren Liebenswürdigkeit, wieder nach Hause. Eine zweite Ueberraschung kam sehr bald.
Doktor Heinrich kam auf zwei Tage von Hamburg. Glücklich wanderten die zwei den buchenüberdachten *2Beg am Meere entlang, plauderten oder schwiegen, Und jeder wußte, daß er des anderen sicher war. Sie sagte ihm nichts von der häßlichen Szene, die ihr Karl Andresen damals gemacht hatte. Der kurze Aufenthalt sollte ihm durch nichts getrübt werden. So gingen auch diese Tage schattenlos und froh vorüber, und als Doktor Heinrich zum Abschied ihre beiden Hände an seine Lippen drückte, wußte sie, daß er ihr zu eigen gehörte, und daß sein redlicher Charakter nichts von der oberflächlichen Verliebtheit wüßte, die fein Bruder sie hatte glauben lassen wollen.
Heinrich Andresen fuhr mit dem Schiff über Warnemünde nach Hamburg zurück, und Eva- Marie sah ihm nach und ließ ihr Tüchlein von ihrem Balkon wehen, bis das Schiff verschwand. Als sie nach dem hübschgepflegten Hotelgarten hinuntersah, glücklich und doch ein wenig vom Abschiedsweh erfüllt, sah sie Schwester. Elisabeth, die den Fahrstuhl Frau Renates hielt. Haßerfüllt sahen die grauen Augen zu ihr empor.
„Vielleicht liebt sie ihn auch!" dachte Eva- Marie erschrocken. „Dann ist es ja kein Wunder, daß sie mir böse ist! Man muh ihn ja lieb haben!" setzte sie verstehend in Gedanken hinzu, und so kam es, daß sie am Abend freundlicher gegen die ihr so unsympathische Pflegerin war, aus Mitleid!
Klein-Gertis Ferien waren zu Ende. Ern Süd- weststurm setzte ein und machte den Aufenthalt am Strande und auf der Terrasse unmöglich.
„Meine Sommerzeit ist vorüber!" sagte Renate schmerzlich, „und ich glaube, auch meines Lebens Sommer! Wir wollen nach Berlin fahren, denn Gertrud muß wieder zur Schule, und ich mag nicht länger von ihr getrennt sein, als es nötig ist! Wird es dir schwer, Eva-Marie?"
„Es waren köstliche Tage, liebes Herz, ich werde sie nie vergessen! Sogar meiner kleinen Mama hast du soviel Schönes gegönnt! Sie ist entzückt von meiner wunderlieben Herrin!"
„Und die Tage mit Heinrich?" Renate lächelte Eva-Marie an.
„Du bist eine Fee!" flüsterte das Mädchen und küßte die Freundin auf die blasse Stirn. „Du schenkst nicht nur schöne Kleider, du schenkst auch Sonnentage und Menschenglück!"
„Du wirst mich nicht vergessen, Evalein, wenn ich die dunkle Straße gegangen bin! Gelt, nein? Und du bringst das silberne Geheimnis meinem Klaus! Mein Klaus ist er und bleibt er, Eva- Marie, das glaube ich fest! Wir sind die Zwillingsseelen, die nicht voneinander lassen können, die sich einst wiederfinden auf einem anderen Stern! Seine jetzige Frau und Karl Andresen, das sind nur Episoden, Hindernisse, die uns nicht zusammenkommen ließen auf dieser Erde! Aber von denen erlöst uns der Tod. Sie fallen dann von unserem wirklichen Selbst ab, wie welke Blätter von den Blumen. Wenn er auch noch Iahrzehnte leben muß, auf dieser Welt mit dieser Frau, diese Iahrzehnte sind kaum Sekunden in der Ewigkeit. Und ich weiß, daß wir uns angehören!" Dann schwieg sie verträumt.
„Im großen Saal ist fein Mensch, Evalein, singst du mir einmal mein Lied?" bat sie nach stillen Minuten.
Es wurde Eva-Marie heute schwer, das Lied zu fingen, das Lied der Sehnsucht aus aller Lebensnot, der Sehnsucht nach dem anderen Ufc . „Wenn ich wüßte, ich könnte dich Wiedersehen.. .* Ihre Stimme klang verschleiert, als konnte sie sich nicht über die Tränen schwingen, die sie nicht zeigen durste. Lange noch versuchten ihre Hände allerhand kleine musikalische Figuren um die Melodie zu schlingen, bis sie sich gefaßt' hatte und sich nach Renate umwenden konnte mit einem kleinen, mühsam erzwungenen Lächeln. Renate aber sah nicht, daß das Lächeln der Freundin weh und traurig war. Sie lauschte wie auf leise Glockentöne aus weiter Ferne.
„Ich glaube", sagte sie mit leiser Stimme, „Klaus bleibt nicht lange hinter mir zurück. Mir ist, als schaue ich über Raum und Zeit! Ich kann nun nicht mehr irregehen! Es wird Zeit, dah wir nach Hause kommen, Eva-Marie!"
(Fortsetzung folgt.)
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