Ausgabe 
6.9.1932 Erstes Blatt
 
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daß dieses Programm des Kapitalismus und des Klassenkampfes von oben den leidenschaft- lichsten Kampfwillen der Arbeiter­schaft wecken werde.

OerVölkische Beobachter" lehnt ab.

München, 6. Sept. (CNB. Funkspr.) DerVöl­kische Beobachter" kritisiert die neuen Verordnungen der Reichsregierung, denen er sozialreaktionäre Grundsätze vorwirft. Das Blatt sagt, der Na­tionalsozialismus lehne die Verordnungen ab, weil sie die heute gestellte Aufgabe, neue Arbeit zu schaffen und das Arbeitslosenelend zu beseiti­gen, nicht £u erfüllen vermöchten. Weiter spricht derVölkische Beobachter" von einemA n schlag a u f das Tarifsystem" mit dessen Durchlöcherung nun in weitgehendem Umfange von der Regierung Papen begonnen werde, und von einemExperiment mit den Steuergutscheinen", das in seinen Auswirkungen das Gegenteil dessen er­reichen werde, was man beabsichtige: die anderthalb Milliarden würden dem Finanzkapital ge­opfert, und das Arbeits- und Wirtschaftselend werde nachher größer sein als vorher. Von einer soliden neuen Arbeitsbeschaffung könne keine Rede sein.

SerAeichslandbund unbefriedigt

Berlin, 5. Sept. (TU.) Der Bundesvorstand des Beichslandbundes hat am Montag eine Ent- schließung gefaßt, in der es u. a. heißt:So schnell und tatkräftig die Reichsführung in man­cher politischen Beziehung gehandelt hat, so be­unruhigend und enttäuschend ist das ungekündigte Wirtschaftsprogramm der Regie­rung. Dieses ist ein Vorstoß in falscher Richtung. Das Rrbeitsbeschaffungsprvgramm ist eine komplizierte Finanzierun^maßnahme, die die eigentlichen Ursachen des Verfalls der deut­schen Wirtschaft unbeachtet läßt. Die Wieder­herstellung der deutschen Landwirt­schaft als Hauptauftraggeber und Hauptabneh­mer der deutschen gewerblichen Produktion ist nicht genügend berücksichtigt. Die

Landwirtschaft muß feststellen, daß die Reichs­regierung die Waffe des Einfuhrkontin­gents zum Schutze der nationalen Produktion in dem durch die Rotlage der Landwirtschaft erforderlichen Umfange noch immer nicht anwendet. Während den Wünschen gewisser anderer Industriezweige in hohem Umfange Rech­nung getragen worden ist, wird der Landwirt­schaft, insbesondere der Deredelungswirtschaft der gleiche Schutz nicht gewährt. Iede Reichsregierung, die sich nicht zu der wahrhaft konservativen Führertat aufschwingt, um die deutsche Landwirt­schaft zu dem sicheren Fundament der deut­schen Volkswirtschaft und Staatslebens zu ma­chen, muß scheitern."

Am Montag Reichsiagssihung.

Berlin, 6. Sept. (VDZ. Funkspruch.) Reichs­tagspräsident G o e r i n g hat der kommunistischen Fraktion auf deren Schreiben mitgeteilt, daß der Reichstag für Montag, 12. September, 15 Uhr, zu einer Sitzung einberufen würde mit der Tagesord­nung: Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung. Der Empfang des Reichstagspräsidiums durch den Herrn Reichspräsidenten soll am Samstag statt­finden. In politischen Kreisen schließt man aus der Einberufung des Reichstags, daß die beteiligten Par­teien hoffen, noch bis zum Ende dieser Woche eine gewisse Klarheit über denAusgangderKoali- tionsbesprechungen zu erhalten. Hierauf dürfte auch hindeuten, daß Adolf Hitler voraus­sichtlich am Donnerstagabend wieder in Berlin sein wird.

Oie Bundesführer des Stahlhelms beim Reichskanzler.

Berlin, 5. Sept. (WTD.) Der Reichs­kanzler empfing in Anwesenheit des Herrn Reichswehrministers die Dundesführer und andere Mitglieder des Stahlhelms. An den Empfang schloß sich ein Frühstück an. Die vom Saargebiet zum 13. Reichsfrontsoldatentag nach Berlin entsandten Mitglieder des Stahl­helms wurden um 16 Uhr in der Reichskanzlei dem Herrn Reichskanzler vorgestellt.

Wirtschaftshilfe für-osteuropa.

Oie Konferenz von Stresa eröffnet.

S t r e s a, 5. Sept. (£11.) Der auf Grund eines Beschlusses der Lausanner Konferenz gebildete Ausschuß für Zentral- und O st - e u r o p a ist am Montag um 15.30 Uhr in An­wesenheit von Vertretern sämtlicher eingeladenen Länder und des Völkerbundes unter dem Vorsitz seines Präsidenten Georges Bonnet in Stresa am Lago Maggiore zu feiner ersten Sitzung zusammengetreten. Der Präsident eröffnete die Sitzung mit dem Wunsche, daß die Konferenz dem Wirtschaftsfrieden Europas zum Segen ge­reichen möge. Darauf legte Bonnet den An­trag Lettlands vor, an den Konferenzarbei­ten t e i l z u n e h m e n. Der deutsche Vertreter, Ministerialdirektor Posse, wies darauf hin, daß die Bewilligung dieses Antrages einen Präze­denzfall schaffen würde. Der italienische Abord­nungsführer, de Michelis, schloß sich diesen Bedenken an. Auf Vorschlag Bonnets wurde der Vertreter Lettlands ausschließlich als Be­obachter zugelassen. Der Präsident umriß dann kurz das Konferenzprogramm, wie es in Lausanne den Richtlinien nach festgelegt wurde. Wenn wir", so schloß Bonnet seine kurzen Aus­führungen,nicht zu einer befriedigenden Eini­gung kommen, dann wird die internationale Welt­wirtschaftskonferenz unter einem düsteren Stern stehen. Wir erwarten keine Wunder, aber den guten Willen und Die politische

Klugheit aller Rationen, die vertreten sind." Zur.Abkürzung der Konferenz und zur Unkostensenkung wurde beschlossen, die Denk­schriften der einzelnen Staaten nicht zu verlesen, sondern nur schriftlich einzureichen.

Die Konferenz wird voraussichtlich ein Bureau und daraus drei Unterausschüsse ernennen, von denen der erste finanzielle Fragen, der zweite wirtschaftliche und der dritte agrarische Fragen behandeln soll. Mit Ausnahme der Agrar­staaten (mit Einbeziehung Polens und der Tschechoslowakei) liegt noch kein definitives Pro­gramm vor. Die Delegationen verhalten sich ab­wartend. Es verlautet jedoch, daß Polen und die Tschechoslowakei einen Vorstoß unternehmen werden, um Deutschland zur Gewährung von Präferenzen'für ihre landwirtschaftlichen Produkte zu bewegen. Die deutsche Delegation wird den bekannten deutschen Standpunkt konsequent vertreten und erneut auf die deutschen Bemühungen, die südösteuropäischen Probleme durch Sonderverträge zu lö­sen, Hinweisen. Es besteht im großen und ganzen wenig Hoffnung, daß auf der Konferenz irgendwelche konkrete Resultate erzielt werden. Man glaubt aber wenigstens, die Arbeiten des Europäischen Studienkomitees durch Empfehlun­gen erleichtern zu können. Die Konferenz wird voraussichtlich drei Wochen dauern.

Aus aller Well.

Der 3. Deutsche Obstbautag.

In den Tagen vom 3. bis 6. September hielt der 3.Deutsche Obstbautag in Bad Neuenahr seine diesjährige Hauptversammlung ab. Professor Dr. Ebert vom Reichsoerband des deutschen Garten­baues legte den Verlauf der Fachausschußberatun­gen dar, worauf nachstehende Entschließung gefaßt wurde:Die auf dem Deutschen Obstbautag 1932 in Bad Neuenahr aus allen Teilen des Reiches versammelten Vertreter des deutschen Obstbaues fordern unverzüglich Durchführung einer wirk­samen Einfuhrbeschränkung für Ob st, Südfrüchte, Gemüse und Blumen, da die Ueberschwemmung des Binnenmarktes mit die­sen Erzeugnissen zu nicht länger tragbaren Absatz- und Preisverhältnissen geführt hat. Die in diesen Tagen- erfolgte vorzeitige Veröffent­lichung der von der Reichsregierung angekündig­ten Schutzmaßnahmen verschärfte die Not­lage durch umfangreiche Doreinfuhr."

62. Jahresversammlung des Buchdruckervereins.

Unter sehr zahlreicher Beteiligung von Buch­druckereibesitzern aus allen Teilen des Reichs und in Anwesenheit von Vertretern der Behörden, der Wissenschaft und befreundeter Verbände fand Anfang September in Bad Pyrmont die diesjährige 6 2. Hauptversammlung des Deutschen BuchÜruckervereins. der Vereinigung der Buchdruckereibesitzer, statt.

27. Orthopädischer Kongreß in Mannheim.

In Mannheim wurde dieser Tage durch Dr. Adolf Stoffel, Mannheim, der 2 7. Kongreß der Deutschen Orthopädi­schen Gesellschaft eröffnet. Das Reichs - arbeitsministerium ist durch Ministerialdirigent Dr M a r t i n e d und Oberregierungsrat Petzold vertreten. Zahlreiche aktive und korrespondierende ausländische Mitglieder der Gesellschaft, die un­gefähr 900 Orthopäden vereinigt, sind neben Ver­tretern mehrerer medizinischer Fakultäten, der De- russgenossenschasten und der soziachygienischen Verbände erschienen. Außer einigen Mitgliedern aus Deutschland wurde der erste Vorsitzende der französischen Orthopädischen Gesellschaft, Profes­sor Fröhlich (Ranch), z um Ehrenmitglied er­nannt.

Ein Verteidiger vor dem Schnellrichter.

. der Verteidigung von sieben Kommunisten, vte sich dieser Tage vor dem Schöffengericht Blankenburg (Harz) wegen Aufruhrs und Land- sriedensbruches zu verantworten hatten, ging Jrc<XtÄaTltoQlt Frank (Braunschweig) in seinem Plädoyer zu schweren Vorwürfen gegen

den Zeugen, Polizeihauptwachtmeister Rid- l e w s k i, über. Er beschuldigte den Beamten der Körperverletzung, des Amtsmihbrauches, der Freiheitsberaubung und des Falscheides. Der 'Beleidigte stellte Strafantrag und der Staatsanwalt erhob Anklage, die vor dem Amts­gericht Blankenburg im Schnellverfahren verhandelt wurde. Rachdem der Angeklagte zu­gegeben hatte, die ihm zur Last gelegten Vor­würfe zumindest dem Sinne nach getan zu haben, Beantragte der Staatsanwalt drei Monate Ge­fängnis. Der Schnellrichter verurteilte den An­geklagten zu einem Monat Gefängnis und zur Tragung der Kosten unter Zuerkennung der Derösfentlichungsbefugnis des Urteils.

Grohseuer in Unterfranken.

3n Birkenfeld (llnterfranfen) brach dieser Tage während des Gottesdienstes Feuer aus, das Binnen kurzem drei Wohnhäuser, sechs Scheunen mit RebengeBäuden und mehrere Stallungen i n Asche legte. Viel Kleinvieh ist berBrannt Es wird Brandstiftung vermutet.

Zuchthaus für rückfällige Einbrecher.

Die Essener Große Strafkammer verurteilte einen 20jährigen und einen 24jährigen erwerbs­losen Arbeiter aus Essen zu je fünf Iahren und vier Monaten Zuchthaus sowie zehn Iahren Ehrverlust. Die beiden Angeklagten hatten am 24. Mai d. I. eine Essener Konsum- vcreinstiliale beraubt und dabei 30 Mark erbeutet. Sie wurden in Wuppertal später von der Polizei bei einem neuen Ein­bruch festgenommen. Bei der Verhaftung ver­letzte einer der Einbrecher einen Schutzmann durch einen Schuß.

Folgenschwerer Kampf mit einem Einbrecher. Zwei Personen erschossen.

Aus Sensburg (Reg.-Bez. Allenstein) wird ge­meldet: Nach Zertrümmerung einer Fensterscheibe stieg in einer der letzten Nächte ein Einbrecher in die im Walde bei den Schießständen der Schutz­polizeischule gelegene und als Aufbewahrungsort für Waffen benutzte Wohnung des Polizeihaupt­wachtmeisters Sattler ein, in dessen Haus in letzter Zeit mehrere Einbrüche ausgeführt wor­den waren, und wo deshalb in Abwesenheit Satt­lers zwei Polizeihauptwachtmeister als Wache po­stiert waren. Sofort nach dem Einsteigen schoß der Einbrecher den Polizeihauptwachtmeister Baak nieder und wurde darauf von dem zweiten Polizeihauptwachtmeister durch einen Schuß nie» Berge ft red t.

Oas Werkjahr im Kampf gegen die Inflation der Akademiker.

Von unserer Berliner Redaktion.

Die vom Reichskanzler von Papen angekündigte Einführung eines praktischen Werk­jahres zwischen der höheren Schule und dem Studium soll der studentischen Inflation ein Ende bereiten. Mag man zu dem Zwöls-Monate-Plan der Reichsregierung stehen, wie man will, bei ihrem Versuche, dasakademische Proletariat" einzuschrän­ken, kann die Regierung verlangen, daß sie über alle Klassen, Stände und Parteien hinweg bei allen Deutschen Verständnis und Förderung findet, die mit banger Sorge das Anschwellen der Zahl der für immer aus ihrer Laufbahn geworfenen Jung­akademiker beobachten. Heute schon gibt es in Deutschland 50 000 junge Menschen, die großenteils unter schwersten eigenen Entbehrungen und unter den härtesten Einschränkungen ihrer Eltern das Hochschulstudium hinter sicy gebracht haben und erwerbslos auf der Straße liegen. Wenn das Wintersemester 1932/33 schließt, so wird sich diese Zahl um weitere 10 000 vermehrt haben, die vergeblich nach einer Arbeit suchen, die ihrer Vorbildung entspricht.

Eine noch mehr erschütternde Sprache sprechen die Einzelzahlen. So beträgt z. B. die Zahl der Medizinstudenten im Sommersemester 1932 über 20 000. Wenn es hoch kommt, so ist in den nächsten Jahren lediglich mit rund je 1700 ärztlichen Approbationen zu rechnen. Von den Jahren 1935 und 1936 an wird der ärztliche Nachwuchs zwei- bis dreimal so groß sein, wie der tatsächliche Bedarf, und vom Jahre 1937 an werden sogar v o n 5 aus­geb i l d e t e n Aerzten stets vier ohne die Möglichkeit einer Anstellung oder Praxis bleiben. Bei den Juristen sieht es nicht besser aus. Durch die staatlichen Sparmaßnahmen Beseitigung von 60 Amtsgerichten in Preußen, Verkleinerung des Verwaltungsapparates, kön­nen in Zukunft von 10 Juristen günstigen Falles 3 gegen Bezahlung beschäftigt werden. Die anderen vermehren das Heer des aka­demischen Proletariats. Nach den statistischen Unter­lagen haben von 1930 ab mehr als 40 Prozent der deutschen Anwälte ein Einkommen von knapp 5000 Mark, weitere 50 Prozent überschreiten die 10 000» Mark-Grenze nicht. Im Jahre 1940 wird es in Deutschland mindestens 23 000 Anwälte geben gegen 17 000 im Jahre 1910. Die Bevölkerungsziffer Deutschlands ist jedoch gleich geblieben, und nur der Wohlstand, der 1910 17 000 Anwälte leidlich er­nähren konnte, ist einer furchtbaren Not gewichen. In den großen Städten gibt es bereits jetzt unzäh­lige Anwälte, die Wohlfahrtsunterstützung beziehen. Wird der akademischen Inflation nicht umgehend Einhalt getan, so werden wir in fünf Jahren ein Ueberangebot von rund 300000 Akademikern haben. Die Folgen einer solchen Bildungskatastrophe" liegen auf der Hand.

Wo seither akademisches Proletariat gewisser­maßen am lausenden Bande gezüchtet worden ist, in Südamerika, China, Indien und im Dorkriegs­rußland, wurde lediglich der staatlichen Zersetzung und kulturellen Anarchie Vorschub geleistet. Das Jungakademikertum blieb von jeder verantwort« lichen Arbeit ausgeschaltet, es fand zu den hand­arbeitenden Ständen nur auf dem Weg über eine extreme politische Theorie zurück, es führte ein

Hungerleiderdasein und rächte sich dafür durch die Anzettelung politischer Verschwörungen. Soll es in Deutschland ähnlich kommen? Soll auch hier die Schicht des entwurzelten und von der Arbeit fern gehaltenen Bildungsproletariats zur Kernzelle nihi­listischer und nationalbolschewistischer Zersetzung werden? Die Gesahr ist außerordentlich, und mit ihrer Begegnung kann gar nicht schnell genug be­gonnen werden.

Es gibt mancherlei Mittel, um der akademischen Ueberproduktion Einhalt zu tun. Das B er echt i- g u n g s w e s e n ist im Zeitalter der Bildungsüber­schätzung zum Berechtigungsunwesen geworden. Bildung des Herzens, der Seele und des Charakters hat nicht das mindeste mit einer toten Wissens­anhäufung zu tun. Eine Zeit, die von jedem Lehr­ling das Abitur und womöglich noch einige Seme­ster Studium verlangt, ist ungesund und muß über­wunden werden. Es darf endlich keine Schande mehr sein, die höhere Schule nicht besucht zu haben. Die eigentlichen Werte des Menschen müssen ganz anders als seither gewertet und in Rechnung ge­stellt werden. Wissen ist erlernbar, was in der Cha­rakterbildung jedoch verdorben ist, bringt keine SchuUrilduna mehr ein. Die Tatsache, daß Deutsch­land eine schlimmere Klassenkampslage als jeder andere Staat hat, liegt in der Ueberheblichkeit mit der mancher sogenannte Gebildete auf den Hand- arbeitet herab sah, begründet. Arbeit ist Ehre, ganz gleich wie sie vollbracht wird.

Ein Abba udes Berechtigungswesens und eine schärfste Auslese bereits bei der Zulassung zum akademischen Stu­dium muß den Feldzug zur ethischen Höher­bewertung der Handarbeit praktisch untermauern. Ehe der Jungakademiker und derjenige, der es w» :« den will, jedoch nicht körperlich die Vorzüge der werktätigen Arbeit kennen gelernt hat, bleiben alle anderen Maßnahmen unwirksam. Das von der Reichsregierung oorgeschlagene Werkjahr ist da- her der Weg, dem auf der höheren Schule zuerst einmal mit vielfach abstraktem Wissen angefüllten Jungmann die Möglichkeit einer praktischen Nutz­anwendung seines Wissens zu geben und ihm das Erlebnis der Handarbeit zu vermitteln. Dieses Werkjahr kann abgebient werden in der Landwirtschaft und in der Fabrik, in jedem nicht rein wissenschaftlich arbeitenden Betrieb und auf jedem Neubau. Wichtig ist, daß der höhere Schüler nun auch einmal das handarbeitende deutsche Volk kennenlernt und sich bedingungslos in seine Arbeits­atmosphäre einzugliedern hat. Der Nutzen aus einem solchen Kennenlernen der deutschen Volks­seele, wie sie sich bei Bauern und Arbeitern viel­fach reiner offenbart, wird ein Nutzen fürdas ganze Leben fein. Wo es möglich ist, muß das praktische Werkjahr in Arbeitslagern ab­geleistet werden können. Auch hier ist die Voraus­setzung, daß in diesen Arbeitslagern die Vertreter aller Volksschichten und Berufe vertreten sind, um jede Einseitigkeit zu verhindern. Je schneller gehandelt wird, desto segensreicher wird sich das Werkjahr auswirken und wird es feine Aufgabe erfüllen: zur wahren Volksbildung zu er­ziehen!

Ein alles Dorf wird ausgegraben.

Ausgrabungen von großer historischer Bedeutung werden in Schindeldorf, einem im Soonwald Bei Kreuznach gelegenen Dorf, vor­genommen. Dieses Dorf wurde aus unbekannten Gründen vor 700 Iahren von seinen Be­wohnern verlassen. Der Wald hat es völlig überwuchert; nur wenige Ruinen sind noch zu sehen. Im Laufe der Zeit hat sich viele Meter Verwittexungserde über die Häuser ge­legt. Zur Zeit ist man dabei, die Kirche frei zu le gen. Die Leitung der Ausgrabungs­arbeiten liegt in den Händen des Heimatforschers Kilian, Stromberg. Interessant ist die Auf­findung eines Sarges, der aus einem einzigen Sandsteinblock gehauen ist. Ohne Zweifel ist dieser Sarg in die römische Periode zu verlegen. Er wurde von den Einwohnern von Schindeldorf wieder benutzt und enthielt ein Frauen- und ein Kinderskelett. Die Unter­suchungen der Steinmeharbeiten find noch im Gange.

2500 Aulodiebstähle in einem Jahr in Berlin.

Der Kriminalpolizei in Halle a. S. ist es ge­lungen, zahlreiche A u t v d ieb st ä h le, bei denen Kraftwagen in Berlin gestohlen und nach Halle verschoben worden waren, aufzuklären. Rach den bisherigen Feststellungen handelt es sich um eine geschäftsmäßig organisierte Diebes- und Hehlerbande. In einer der letzten Nächte gelang es den in Berlin anwesenden Halle- schen Kriminalbeamten, die beiden Haupttäter, zwei Berliner, in dem Viertel am Anhalter Bahn­hof fest zu nehmen, als sie dabei waren, einen gestohlenen Wagen zu verkaufen. Da sie als Heh­ler für die in Halle und Umgebung verkauften Wagen in Frage kommen, wurden sie nach Halle geschafft. Mit Rücksicht darauf, daß y. D. im Iahre 1931 in Berlin 2500 Wagen ge­stohlen wurden und die Gefahr besteht, daß die Kolonnen ihr Tätigkeitsgebiet auch in die Provinz verlegen, wird energisch durchgegriffen werden. Eine größere Anzahl von Wagen im Werte von 38 000 Mk. konnte Ende voriger Woche bereits in Halle und Umgebung sicherge stellt werden. 200 Todesopfer der amerikanischen Labor-Day-Jeier.

Die Feier des sogenannten amerikanischen Labor Day hat, einem Funkspruch aus Neuyork zufolge, zahlreiche Opfer gefordert. Bei den an diesem Tage üblichen Ausflügen sind nach bis jetzt vorliegenden Meldungen 2 0 0 Personen ums L e den gekommen. Die Todesfälle sind in erster Linie auf Kraftwagenunfälle zurückzu­führen. Viele Menschen sind auch beim Baden ertrunken. Die große Hitze yat gleichfalls viele Erkrankungen verursacht. Bei einer Parade der Feuerwehrmannschaften sind allein in Washington 250 Personen infolge der Hitze ohnmächtig ge­worden.

Schiffszufammenstoß im Rord-Ostsee-Kanal.

Set deutsche DampferQuerfee der Schich- mann-Cinie Drerncrhafen, der mit Getreideladung ?on Kiel kam, stieß in einer der letzten Rächte nn Rord-Ostsee-Kanal mit dem norwegischen DampferIeloe, der mit einer Ladung Felle von Hamburg nach Oslo unterwegs ist, zusammen. Ieloe" wurde an der Dackbordseite hart getroffen

unb die Bordwand durchstoßen, so daß sich der vordere Laderaum sofort mit Wasser füllte. Sie Schotten hielten aber dicht. Der Dampfer Querfee erlitt Bug- und Stevenschaden über Wasser und wird mit Schlepperhilfe nach Druns- büttelkoog gebracht, wo er Rotreparatur erhält. Ser Unfall ist auf einen Ruderkettenbruch beiQuerfee zurückzuführen. Sie Schiffahrt im Kanal ist an der Unfallstelle nicht behindert.

6 Feuerwehrleute wegen Landfriedens­bruchs verurteilt.

u Marburg, 5. Sept. Am Abend des 19. Mai d. I. brannte das Wohnhaus des Schuhmacher­meisters Herrmann in Holzhausen bei Gladenbach (Kreis Biedenkopf) nieder. Die Landjägerei stellte sofort Nachforschungen nach der Brandursache an und nahm den Hausbesitzer sowie den Maurer Schneider wegen Brandstiftungsver« dacht fest und brachte sie zur Vernehmung zum Bürgermeisteramt. Infolge der Verhaftung Schnei­ders entstand unter der Einwohnerschaft Holzhausens starke Erregung, da man von der völligen Unschuld des Verhafteten überzeugt war. Nach Ab­löschung des Brandes sammelten sich gegen Witter- nacht vor dem Bürgermeisteramt etwa 60 bis 80 Dorfbewohner nebst den Feuerwehrleuten an und verursachten einen solchen Lärm, daß die Ver­nehmung der beiden Fe st genommenen unmöglich war. Der Landjägeroffizier ordnete daraufhin ihre Ueberfuhrung per Auto nach Gla­denbach an. Als die Verhafteten in den Autos Platz aenommen hatten, brach unter der Men­schenmenge ein Entrüstungssturm los. Nachdem Rufe laut wurden, daß eine Verhaftung nicht zulässig sei, wenn kein Haftbefehl vorliege, suchte Schneider zu entfliehen, kannte aber van den Landjagern wieder e r g r i f f e n werden. Weiter wurde aus der Menge heraus zum Um- werfen der Autos und Ablegen der Feuerwehruni. form bzw. Ausrüstungsgegenstände aufgefordert. N^-^euerwehrleute trugen auch dem letzten Wunsche Rechnung. Sie zogen ihre Röcke auS unb .°Hcn Ji.® lQmi Helmen sowie sonstigen Aus­rüstungsstücken auf oder vor das Auto. Die Ver­hafteten konnten alsdann nach Gladenbach gebracht werden, wo man sie nach ihrer Vernehmung w e - gen ungenügenden Beweises am über- u a etn ^ge entließ. Diese Angelegenheit brachte heute den verhaftet gewesenen Schneider lowie sechs Feuerwehrleute wegen Landfrie-

° r u dp auf die Anklagebank des hiesigen Schöffengerichts. Die Verhandlung nahm etwa fünf Stunden in Anspruch. Verschiedene Angeklagte ga- ven zu, sich der Uniformstücke entledigt zu haben; wer die Aufforderung dazu sowie zum Umstürzen der Autos gegeben hatte, wußte jedoch keiner. Die Verhandlung endete damit, daß der Angeklagte Schneider freigesprochen wurde.' Sechs Angeklagte erhielten wegen Landfriedens- 9>r 5 I« 6 Monate Gefängnis unter

Zubilligung von Bewährungsfrist bei Zah- lung von Geldbußen von 50 bis 80 Mark. Lediglich einer der Angeklagten muß 1 Monat der Strafe verbüßen.