Aus der Provinzialhauptstadt
Gießen, den 6.3uli 1932.
Keine Angst vor Fischvergiftung!
Manches wird als „Fischvergiftung" bezeichnet, Toa8 durchaus keine Fischvergiftung ist. Auch der Arzt weif), daß wirkliche Fischvergiftungen ver- hältnismäßig sehr selten sind. Derglftungen durch Fische sind auf drei Weisen möglich: Einmal kann es sich um Fische handeln, die an sich vergiftet sind. Solch« Fisch« kommen in Deutschland und auf den von deutschen Fahrzeugen befischten Gründen überhaupt nicht vor. Di« zweite Möglichkeit besteht darin, daß Fische während des Lebens krankmachende Bakterien in sich auf- genommen haben. Dies kann gelegentlich einmal ei Süßwasserfischen zutreffen, macht sich aber dann meist durch ein allgemeines Fischsterben in den betreffenden Gewässern bemerkbar. Für Seefische scheidet diese Gefahrenquelle aus. Zum dritten können krankmachende Bakterien nachträglich. d. h. in der Zeit vom Fischfang bis zum Kochtopf, in die Fische hi nein gelangen, genau wie dies bei anderen Nahrungsmitteln möglich ist. Das ist aber kein« Fischvergiftung, sondern dabei handelt es sich meist um Bazillen, die, wie b«i vielen anderen Nahrungsmitteln, auch im Fischfleisch einen passenden Nährboden finden. Häufig sind an der Einbringung dieser Bazillen Personen schuld, die an sich gesund sind, aber ein« durch die betreffenden Bazillen hervorgerufene Krankheit überstanden haben und nun noch dauernd aus ihrem Körper solche Krankheitsstoffe ausscheiden. Sauberkeit im Betriebe und gesetzlicher Schuh, der eine Kontrolluntersuchung nach dieser Richtung für alle Personen fordert, die im Lebensmittelgewerbe tätig sind, werden diese Uebertragungsmöglichkeiten leicht und weitgehend eindämmen. Auch die Fäulnisstoffe sind bei Fischen vielfach als Erreger einer sog. Fischvergiftung angesehen worden. Das dürfte nur bis zu einem gewissen Grak^ zutreffen. Jedes Fischgeschäft wird darauf achten, nur gute Fische zu verkaufen. Beim Fischkonserven-Berzehr ist darauf zu achten, das; sich in der Büchse keine gasbildenden Bakterien entwickelt haben, die, wie bei jeder Art von Konservenvergiftung, den Deckel der Büchse an irgendeiner Stelle stark buckelig auftreiben. Beim Öefsnen der Dose entwe cht das Gas unter pfeifendem Geräusch und üblem Geruch. Fischkonserven soll man, besonders an heißen Tagen, nicht in angebrochenen Dosen auf» bewahren. Wer Seefische, Süßwasserfische und Fischkonserven nur aus hygienisch einwandfreier Quelle kauft, für sofortige Zubereitung in sauberen Gefäßen, sowie für restlosen Verzehr am gleichen Tage sorgt, der kann jederzeit und soll auch im Sommer unbesorgt Fische essen.
Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.
In der jüngsten Sitzung der Oberhessischen Gesellschaft fürNatur - und Heilkunde wies der Vorsitzende zu Beginn nochmals auf die Bedeutung des Vortrags von Oberbergrat Dr. h. c. Köbrich über „Geologie und Naturschutz" hin (vgl. „Gießener Anzeiger" vom 22. 6. 1932!) und regte die Schaffung eines Bildarchivs aller Naturdenkmale unserer Heimat an.
Sodann sprach Herr Prof. D i n g l e r. Er zeigte lebende Spargelinsekten, und zwar die drei Großschädlinge: Spargelhähnchen, zwölfpunk- ticrter Spargelkäfer und Spargelfliege mit ihren Entwicklungsstadien.
Hierauf führte Herr Dr. Klein in seinem Vortrage über „Haussliegen, ihre Beziehungen zur Umwelt und ihre Bedeutung als Krankheitsüberträger" zunächst aus, daß die Fliegen die Bedeutung, die sie heute haben, erst durch die Sammelsiedlung der Menschen, die Tierstallungen und die damit verbundenen Abgänge aller Art erhalten haben. Das Thema be- beschränkte sich auf die Fliegen im engsten Sinne des Wortes mit ihren typischen Vertretern: die gemeine Stechfliege mit stechenden und die Stubenfliege mit saugenden Mundwerkzeugen. Es wurde die gesamte Entwicklung der gemeinen Stechfliege, die sich hauptsächlich im Kuhdung vollzieht, durch eine Reihe von Lichtbildern vor Augen geführt und die Mundwerkzeuge in ihren Einzelheiten und in ihrer Funktion erklärt. Das verschiedene Verhalten dieser beiden Fliegen und der kleinen Stechfliege im Ruhezustand wurde gezeigt: während die erstere stets mit dem Kopf nach obend sitzt, nehmen die beiden anderen Sets die Stellung mit dem Kopf nach unten ein.
eber die Ueberwinterung der Stech- und Stubenfliege sind die Meinungen verschieden. Nach älterer 2Iuffa(jung überwintern sie als Vollinsekt, nach der neuesten Anschauung kommen dagegen weniger die „Winterfliegen" für die Fortpflanzung entscheidend in Betracht. In weiteren Ausführungen wurden die Hauptunterscheidungsmerkmale anderer Fliegen, die mit den bereits besprochenen verwandt sind und die sich häufig in unseren Wohnungen einstellen, vorgeführt. Es sind dies: die kleine Stubenfliege, die Rettichfliege, die Mauerfliege, die Stallfliege, die Brumm- und Goldfliegen und die Fleischfliegen. Letztere führen ihren Namen zu Unrecht, da als eigentliche Fleischfliegen, die ihre Eier auf frisches Fleisch legen, hauptsächlich die Brumm- und Gold- fliegcn in Frage kommen. Ueber die Bedeutung der behandelten Fliegen als Ueberträger von Krankheitskeimen wurde nach dem Stande der Forschungsergebnisse der jüngsten Zeit ebenfalls berichtet. Dieser Gegenstand löste eine lebhafte Diskussion unter den anwesenden Vertretern der einschlägigen Wissensgebiete aus.
Oer Beginn des Inventur-Ausverkaufs
Das Polizeiamt weist nochmals darauf hin, daß der Saisonschluß- und Inventurausverkauf, der besonderer amtlicher Genehmigung nicht bedarf, e r ft am 3. Montag im Juli mit einer höchstens dreiwöchigen Dauer begonnen werden darf.
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**StudentischeGefallenen-Gedenk- feier. Am nächsten Sonntag, 10. Juli, findet die feierliche Einweihung des großen Gefallenenfriedhofes in Langemarck statt, auf dem viele junge deutsche Kriegsfreiwillige bestattet liegen, die seinerzeit meist aus Studentenkreisen ins Feld gezogen und in den schweren Kämpfen vor Langemarck gefallen waren. Aus Anlaß dieser Friedhofseinweihung finden an sämtlichen deutschen Hochschulen Studentenfeiern statt. In Gießen wird am Samstagabend von dem Nationalsozialistischen Studentenbund auf dem Gleiberg eine Ehrung der Gefallenen veranstaltet werden, am Sonntagvormittag wird sich bann eine dem Charakter des Tages entsprechende Kundgebung in der Aula anschließen.
** (Ein Fünfundsiebzigjähriger. Am morgigen Donnerstag, 7. Juli, kann der Schrift
setzer i. R. Theodor Loos, Ebelstraße 2. wohnhaft, in voller geistiger Rüstigkeit und körperlicher Frische seinen 75. Geburtstag begehen. Der alte Herr ist geborener Gießener, er erlernte seinen Beruf in der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei R. Lange und war bann jahrzehntelang im gleichen Hause als Schriftsetzer tätig. Im Januar vorigen Jahres trat er in ben wohlverbienten Ruhestanb.
*• Dolkskonzert des Konzertvereins. Man schreibt uns: Lieber die jung« Geigerin Nora E h l e r t, die am Freitag, 8. Juli, im Orchesterkonzert des Konzertvereins mitwirken wird, urteilt der Kölner Generalmusikdirektor Hermann Abendroth u. a.: „Ich halte Fräulein E h l e r t für eine Geigenbegabung von ganz ungewöhnlichen Qualitäten. Alles Technische meistert sie mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit, und ihr Musizieren ist getragen von soviel innerer Wärme und natürlichem Schwung, daß ich mir von ihrer solistischen Tätigkeit Besonderes verspreche." Man darf danach auf das Auftreten der Künstlerin gespannt sein. Das Konzert findet diesmal im Stadttheater statt, was vielen Besuchern der guten Akustik wegen erfreulich sein wird.
Schwurgericht Gießen.
* Gießen, 5. Juli. Unter bem Vorsitz von Landgerichtsrat Strack würbe heute gegen ben Ofensetzer Lubwig Josef Maith, wohnhaft in Bleichenbach, unb gegen ben Bäcker Arnolb Heck, wohnhaft in Aulenbiebach, wegen Körperverletzung mit löblichem Erfolg verhanbelt. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Dr. Eckert, Maith wirb oerteibigt von Rechtsanwalt Dr. S ch n e i b e r, Heck von Rechtsanwalt Dr. 21 a r o n. Rechtsanwalt Luley hat sich als Nebenkläger für einen ber Verletzten angeschlossen. Es sind über dreißig Zeugen und zwei Sachverständige geladen. Ueber den Fall haben wir seinerzeit, ohne der Verhandlung vorzugreifen, kurz berichtet. Der heutige Sihungstag ergab folgendes Bild:
Heck war mit dem Schneider Streum und dem Dienstknecht Kuhn, beide aus Aulendiebach, sowie mit noch einigen andern Aulendiebacher Bur- schen in der Nacht vom 17. auf den 18. April in der Gastwirtschaft von Heß in Bleichenbach auf dem Tanzboden. Es ging alles friedlich, bis Kuhn mit einem fremden angetrunkenen Handwerksburschen, der nach seiner Behauptung „Heil Moskau" gerufen hatte unb ihm fein nationalsozialistisches Parteiabzeichen abstecken wollte, in Streit geriet. Er gab ihm einen Klapps auf ben Hinterkopf. Nunmehr nahm sich Maith, ber früher Kommunist war, bes Handwerksburschen an und stellte sich schützend vor ihn. Als ber Handwerksbursche Kuhn einen „Lappes" nannte unb biefer deshalb gegen ihn anging, stieß ihn Maith zurück. Nunmehr sprang Streum seinem Freund zu Hilfe, wurde aber von dem stärkeren Maith am Hals ergriffen und rücklings um geworfen. Kuhn kam nun wieder seinem Freund zu Hilfe und schlug den Maith mit einem Schlagring auf den Kopf; Streum wehrte sich mit einer Kordel, an der sich eine Schraubenmutter befand. Maith blutete am Kopf. Streum und Kuhn verließen das Lokal. Maith, der in großer Wut war, schimpfte und erklärte, er werde die beiden, sobald er sie fände, prügeln, daß sie „verreckten" usw. Nunmehr schlug sich der mit Kuhn und Streum befreundete Heck auf die andere Seite und sagte zu Maith, das seien „feige Drecksäcke" und wenn er mit ihnen abrechne, werde er ihm helfen. Maith erklärte, er werde schon allein mit ihnen fertig. Heck ergriff eine zerbrochene Wetnflascbe Und ging den beiden nach, ohne sie indes zu treffen.
Streum unb Kuhn waren inzwischen nach bem auf bem Weg nach Aulendiebach gelegenen Chaussee- haus gegangen unb Streum hatte sich dort Zigaretten gekauft. Sie gingen dann aber wieder zurück, nach der Bekundung eines Zeugen auf den Vorschlag Kuhns, der noch einmal mit feinem Gegner anbinden wollte. Streum nahm von einem Pfuhls.iß einen Prügel, brach ihn in zwei Teile und gab den einen Kuhn. Dieser ließ sich aber bann von feinem Vorhaben, noch einmal in bie Wirtschaft Heß zu gehen, abbringen, und bie beiden machten sich auf ben Heimweg nach Aulenbiebach.
Inzwischen hatte jemanb in ber Wirtschaft von Heß erzählt, bie beiden seien noch braußen. Maith zog seinen R»ck aus unb \ verließ mit bem Ruf „Jetzt gebts los" bas Lokal. Heck rief roieber „Ich Helf« dir und ging mit. Als sie draußen die Stimmen der Gegner hörten, bie bi« «Bahnhofstraße hinaufgegangen waren, bewaffnete sich Maith mit einem langen, schweren, fast armbiefen Prügel, den er einem Holzhaufen an einem Haus entnahm, und ging mit Heck den beiden nach. Als diese merkten, daß sie verfolgt wurden, stellten sie sich an ein Haustor. Unglücklicherweise wurde Streum, der rauchte, an seiner aufglimmenden Zigarette erkannt. Maith warf seinen Knüppel, der ihm zu schwer war, weg, stürzte sich auf bie beiden zu, packte sie an ber Brust unb versuchte, sie mit ben Köpfen gegeneinanber zu stoßen. Der weitere Verlauf wirb von ben Beteiligten nicht ganz übereinstimmend geschildert, und es bleibt abzuwarten, wie das Gericht die Aussagen bewerten wird. Nach dem Geständnis Hecks hat er jedenfalls mit dem von Maith weggeworfenen Prügel, den er aufnahm, bem Streum auf ben Kopf geschlagen, baß dieser zu Boden sank unb liegen blieb. Maith schlug mit bem Prügel, ben er n'ach seiner ersten Angabe Kuhn entrissen hatte oder ben Kuhn nach seiner Angabe bei ber Plötzlichkeit bes Angriffs in ber Uederraschung hatte fallen lassen, auf ben am Boden liegenden Kuhn ein. Seiner Angabe nach ist Kuhn, noch während er mit ihm rang, von Heck niedergeschlagen worden. Auch Kuhn behauptet, von Heck geschlagen worden zu sein. Jedenfalls hat Maith auf bie am Boden liegenden Kuhn und Streum erbarmungslos eingeschlagen und sich auch durch die Ermahnungen des hinzukommenden Zeugen Kraft nicht abbringen lassen. Streum ist noch in der Nacht feinen schweren Schädelbrüchen, die nach bem gerichtsärztlichen Gutachten auf mehrere Schläge zurückzuführen sind, erlegen. Kuhn hat außer Kopfverletzungen einen schweren Beinbruch, der nach dem Gutachten bes behandelnden Arztes der chirurgischen Klinik zu Gießen auf besonders schwere Gewalt zurückzuführen ist. Er ist heute noch in der Klinik und geht mühsam am Stock.
Die Verhandlung wurde gegen Abend abgebrochen und wird morgen vormittag fortgesetzt.
Wechsel in der Leitung des hessischen Landeszuchthauses.
WSN. Butzbach, 5. Juli. In ben nächsten Wochen wirb, wie wir zuverlässig hören, ber seit über zehn Jahren als Leiter bes Hessischen Lanbeszuchthauses Marienschloß im benachbarten Rockenberg tätig gewesene Direktor Hainer bie Leitung ber Zellen st rafan- ft a 11 Butzbach an Stelle bes von dort versetzten
Künstliche Wasserstraßen im Weltverkehr.
Zum hundertjährigen Bestehen des Göta-KanalS.
Von Dr. Emil EarthauS.
Da früher, als die Hilfsmittel zur Personen» unb Güterbeförderung noch recht unvollkommen waren, die Vorzüge der Wasserwege viel stärker als heute hervortraten, kamen die ältesten Kulturvölker, die Babylonier, Assyrier und Chinesen dazu, künstliche Wasserstraßen im Zusammenhang mit den von der Natur gegebenen in der. Gestalt von Kanälen herzustellen. So wurde im alten Pharaonenland, ein wahres Riesenwerk für damalige Zeiten, das Mittelmeer mit dem Roten Meer durch einen schiffbaren Kanal verbunden, der als Vorläufer des heutigen Suezkanals anzusehen ist, jedoch in seinem Verlauf von diesem etwas abweicht. 3m alten Babylonien verband bereits vor mehr als dreitausend Jahren ein ganzes Kanalneh den Euphrat und Tigris. 3n China bestand, lange bevor Europäer feinen Boden betraten, eine künstliche Wasserstraße von der Länge des Rheins zwischen dem Hoangho und dem 3angtfefiang, der nun versandete Kaiserkanal. Daß auch im europäischen Mittelalter die Bodenbedeutung der künstlichen Wasserstraßen für den Handel und Verkehr nicht anerkannt wurde, zeigt u. a. eine Verhandlung der Republik Venedig mit dem Sultan über die Anlage eines Kanals durch die Landenge von Suez. So sind für die Binnenschiffahrt auch in Europa zahlreiche Wasserwege gebaut, die in Deutschland eine Länge von 2700 Kilometer erlangt und im Dortmund-Ems-Kanal allein «in« Länge von 283 Kilometer aufzuweisen haben. 3n Frankreich beläuft sich bie Gesamtlänge der künstlichen Schiffahrtsstraßen auf nicht weniger als 4882 Kilometer. Sogar Rußland hat durch Anlage von Kanälen und Schiffbarmachen natürlicher Wasserläufe zwei große Kanalnetze geschaffen, von denen das eine 23 000 Kilometer schiffbare Wasserstraßen umfaßt und von Astrachan bis nach Leningrad und zur Mündung der Dwina reicht.
Für den Weltverkehr haben diese Binnenlandkanäle wegen ihrer geringen Wassertiefe und Breite wenig Bedeutung. Anders ist es mit den großartigen Wasserstraßen, di« getrennte Meere miteinander verbinden.
Die älteste Kanal-Anlage dieser Art ist der Göta-Kanal. auf dessen hundertjähriges Bestehen die Schweden jetzt mit großem Stolz Hinweisen.
Dieser Wasserweg verbindet die beiden größten Städte von Schweden, Gotenburg am Kattegat und Stockholm an der Ostsee miteinander, und dadurch auch die Straße von Calais und bie atlantische Küste mit den Ostseeländern und Rußland. Der 500 Kilometer lange Göta-Kanal führt durch den Wener- und Wettersee und besteht nur in einem Drittel aus einem von Menschenhand ausgehobenen Wasserlauf. Mit Recht sah man ihn lange Zeit als ein technisches Wunder an, weil sein Bett nicht wie das des Suezkanals und fast aller derartigen Schiffahrtsstraßen überall gleich hoch gelegen ist, sondern durch etwa siebzig großartige Schleusenanlagen bei den Trol- Hätta-Fällen und bei der Stadt Berg teilweise mehr als dreißig Meter erhöht wird. Heber 40 000 Soldaten sollen in den Jahren 1815 bis 1832 an dem Kanal gearbeitet haben, bei einem für damalige Zeit geradezu ungeheuren Kostenaufwand von 17 Millionen Kronen. Neuzeitlichen Verkehrsverhaltnissen scheint der Götakanal schon wegen seiner geringen Tiefe und Breite nicht angepaht und
dazu bietet seit 1895 der Kaiser-Wilhelm- Kanal bei einer Sohlenbreite von 44 unb einer Tiefe in bet Mitte von 11 Meter einen kürzeren unb bequemeren Weg von bet Nord- in bie Ostsee, ba er bie Fahrt um etwa 750 Kilometer ablürzt unb auch für sehr große Schisse ermöglicht.
Seit 1913 ist bann auch hier der Seeschisfver- kehr von 10 300 000 Registertonnen aus fast das Doppelte gestiegen. 3m Mittelmeer könnte der 1893 eröffnet« und schon von Nero begonnene Kanal durch die Landenge von Korinth viel größere Bedeutung erlangen, wenn er den Anforderungen der heutigen Schiffahrt, namentlich in seinen Ausmessungen mehr entspräche, stellt er doch die kürzeste Seeroute von den Küsten der Kulturländer West- und Südeuropas nach dem griechischen 3nselmeer, den Handelszentren von Klein-Asien und nach dem Schwarzen Meere dar. Wohl beschäftigt man sich schon Jahrzehnte lang mit dem Ausbau eines Wasserweges von der Nordsee nach dem Schwarzen Meer unter Zuhilfenahme der Fluhläufe des Rheins oder Mains und der Donau und eines anderen von den Ostseeländern nach diesem Meere unter Benutzung der Flußbetten der Düna und des Dnjepr. Der Dau dieser Wasserstraßen würde aber einen solch riesenhaften Geldaufwand erfordern, daß er in absehbarer Zeit nicht in Frage kommt.
Zur Ausführung kommt dagegen jetzt schon eine Schiffahrtsstrahe auch für sehr große Fahrzeuge zwischen bem Atlantischen Ozean unb bem Mittelländischen Meer auf französischem Boden, ein Projekt, bessen Verwirklichung schon Lubwig XIV. durch ben Dau bes Canals du Mibi in bie Wege zu leiten suchte.
Dieser Wasserweg soll vom Atlantischen Ozean über Bordeaux durch das noch nicht kanalisierte Bett der Garonne verlaufen und dann in den alten Garonnekanal einmünden, der sich etwa 200 Kilometer von Nordwest nach Südost bin- zieht. Vom Mittelländischen Meer, von dem Städtchen Agde aus, führt ein zweiter Kanal, der ungefähr 250 Kilometer lange Canal du Midi nach Toulouse. Zwischen diesen beiden Kanälen wäre deshalb nur eine Verbindung von etwa 50 Kilometer Länge herzustellen, um kleinere Schiffe von der Mündung der Garonne ins Mittelmeer überführen zu können. Das dem französischen Parlament vorgelegte Projekt sieht nun aber «ine Wasserstraße vor, die selbst mit Schiffen von 30 000 Tonnen befahren werden kann. Die alten Kanäle müssen deshalb sehr erweitert und vertieft werden, und der so entstehende 500 Kilometer taug« Riesenkanal wird dann der größte der ganzen Welt sein. Die Baukosten sind zu 10 Milliarden Franken veranschlagt. Demgegenüber sind aber auch die wirtschaftlichen Vorteile außerordentlich groß, beläuft sich doch seine Länge nur auf ein Fünftel der des Soe- weges, dec um die Pyrenäische Halbinsel ins Mittelmeer führt. Mindestens ebenso groß ist die Zeitersparnis, obgleich in den Kanal nicht weniger als 12 Schleusen eingebaut werden müssen, Noch größer als die wirtschaftlich« erscheint aber die politische Bedeutung dieser jetzt mit aller Energie in Angriff genommenen Wasserstraße, denn mit ihrer Eröffnung geht die Vormachtstellung zur See, welche sich England durch die Besitzergreifung von Gibraltar in die Hände gespielt hatte, ohne Frage an Frankreich über. Es wird das schon sehr bad der Falll sein, weil die für den ganzen Mittelmeerverkehr so wichtige Kanalanlage schon in fünf Fahren fertig- gestellt fein soll.
Der Suezkanal, ber schon feit Jahrzehnten ben großen Durchgangsverkehr aller künstlichen Wasserstraßen zu verzeichnen hat, hat eine außerorbentlich große wirtschaftliche Beben tung.
Wichtige Zentren des Handels und der 3ndustrie im Orient ynb Okzident sind durch ihn einander bedeutend näher gerückt. So hat durch den Wegfall des Seeweges um die Südspitze Afrikas die Fahrt nach Bombay von Hamburg und London aus eine Abkürzung von 43 Prozent erfahren, von Marseille aus 59 Prozent und von Neu- York aus um 44 Prozent. Viel« Mittelmeerhäfen verdanken dem Suezkanal neues Leben, durch ihn ist dieses große Binnenmeer wieder, wie vor der Entdeckung des Seeweges nach Ostindien, zu einer so stark befahrenen Schifffahrtsstraße im Weltverkehr geworden, daß sich trotz der hohen Geldabgaben für die Durchfahrt die Zahl der Dampfer im vergangenen 3ahr auf 5366 mit 30 027 966 Nettotonnage und 1930 auf 5761 mit 31 668 966 Nettotonnage belief. 3m Güterverkehr bedeutet das eine Zunahme von einem Drittel seit dem Weltkrieg. Da der Suez- kanalgefellfchatt das Privileg für die Durchstechung der Landenge von Suez verbürgt ist, hat man als Konkurrenzunternehmen verschiedentlich die Anlage einer künstlichen Wasserstraße vom Mit- telmeer durch die ins Rote Meer führende große Senke des 3ordantales in Erwägung gezogen. Da dieses Hnternehmen aber Hunderte von Millionen verschlingen würde, dürfte feine Durchführung noch in weitem Felde liegen.
Eine künstliche Meeresstraße, deren künftige wirtschaftliche Bedeutung in ihrer ganzen Größe noch gar nicht abzusehen ist, ist der das Festland von Amerika fast in der Mitte feiner ganzen Längsausdehnung durchschneidende Panamakanal.
Von dem Erbauer des Suezkanals, dem französischen Ingenieur L e s s e p s, als sogenannter Niveaukanal geplant und 1881 mit französischem Kapital begonnen, wurde er später a l s Schleusenkanal mit amerikanischem Geld gebaut und erst 1916 endgültig eröffnet, da er durch Bergrutsche wiederholt verschüttet wurde. So stellten sich die Baukosten des Panamakanals bet einer Länge von 79 Kilometer weit höher als die des 161 Kilometer langen Suezkanals. Da sich aber die Durchfahrtszeit durch den Panamakanal nur auf sieben bis neun Stunden beläuft und er jetzt für die wichtigsten Schiffahrtsverbin- dungen von Europa und Amerika das Durchgangstor zum Großen Ozean und den daran gelegenen Kulturländern bildet, hat sich Hncle Sam mit politischem Scharfblick im Jahre 1900 auf beiden Seiten des Kanals von der Republik Panama einen Streifen Landes von acht Kilometer Breite in aller Form abtreten lassen. Schon 1927 überstieg der Schiffverkehr durch den Panamakanal mit 21 000 000 Registertonnen den durch den Suezkanal (mit rund 250 000 Registertonnen). Diel leichter als diesem könnte aber dem Panamakanal durch die Anlage eines künstlichen Wasserweges durch die mittelamerikanische Landenge in der Bodensenke des Staates Nicaragua unter Zuhilfenahme des gleichnamigen großen Sees Konkurrenz erwachsen, ein Projekt, an das wiederholt amerikanische Hnternehmer herantreten wollten.
Direktors Stumpf übernehmen. Als Nachfolger in Rockenberg wird der inzwischen einstweilen nach Butzbach versetzte frühere Amtsgerichtsrat Bausch aus Offenbach genannt.
Sieben Jahre Zuchthaus wegen politischen Totschlags.
WSN. Mainz, 5. Juli. Am 10. Dezember v. I. verurteilte bas hiesige Schwurgericht den 21jährigen Matrosen Ludwig K r a f f e r t, der in der Nacht zum 21. September 1931 den 27jährigen Arbeiter Regner am Bockshöfchen nach politischen Auseinandersetzungen durch einen Herzstich tödlich verletzt hatte, wegen Totschlags und Raufhandels zu 7 Jahren Zuchthaus unb 5 Jahren Ehrverlust. Die Revision bes Verteibigers hatte ben Erfolg, daß bas Reichsgericht bas Urteil aufhob, um durch bie Vorinstanz feststellen zu lassen, inwieweit Kraffert berart gereizt war, baß er im Affekt han- beite unb beshalb milbernbe Umftänbe zu beanspruchen habe. Gestern würbe bie Sache nochmals vor bem hiesigen Schwurgericht verhanbelt. Das Gericht konnte bem Angeklagten nicht bie Voraussetzungen bes §213 zubilligen unb erkannte roieberum auf 7 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust.
Tagung der hessischen Schuhmachermeister.
WSN. Lauterbach, 4. Juli. Am Sonntag begann hier der 17. Der bandstag des Hessischen Schuhmachermeister - 3 n - nungsverbandes. Am Vormittag fanb eine Vorstandssihung statt, an der die Obermeister der angeschlossenen Innungen teilnahmen. Eine öffentliche Kundgebung des hessischen Schuhmacher- Handwerks wurde am Nachmittag veranstaltet. Zunächst referierte der Reichsverbandsvorsitzende Ehrenobermeister S t o f f e r (Hannover) über be» rufsstandisch« Fragen. Handwerkskammersyndikus Röhr (Gießen) besprach in einem längeren Vortrag die derzeitige Wirtschaftslage des Handwerks unter Auswirkung der Notverordnungen. Heber die Gewerbeförderung im hessischen Handwerk und die Schuhmacher-Fachschule verbreitete sich in einem Referat Direktor Dr. B ü n n i n g s aus Gießen. Die Versammlung nahm am Schluffe der Kundgebung eine Entschließung an, die die auf der Tagung geäußerten Nöte und Forderungen des hessischen Schuhmacherhandwerks zum Ausdruck bringt. Der Monatg war mit den geschäftlichen Beratungen des Verbandes ausgefüll^


