Aus der provinzialhauptstadt.
Giehen, den 5. August 1932.
Dank des hessischen Innenministers an Polizei und Gendarmerie.
Der hessische Minister des Innern spricht in einem Rundschreiben den Beamten der staatlichen Polizei und der Landgendarmerie für ihre aufopfernde Tätigkeit, die sie im Interesse der Auf- rechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit dem Staat in den letzten Monaten geleistet haben, feinen besonderen Dank und Anerkennung aus. Gleichzeitig ermächtigt der Minister die zuständigen Stellen zur Erteilung eines Sonderurlaubs von drei Tagen an die Polizei- und Gendarmeriebeamten als Ausgleich für die durch die auher- ordentlich vermehrte Dienstleistung eingetretene Ikebecanstrengung. e
* Eine Neunzigjährige. Am morgigen Samstag kann Frau Henny Dock, wohnhaft Bahnhofstraße 34, ihren 90. Geburtstag feiern. Die Jubilarin, die in Zween an der Wasserkante geboren wurde und seit 23 Iahren in Gicßen wohnt, ist noch sehr rüstig.
•• Gießener Reichswehr zum Turnier in Siegen. Gestern abend wurden auf dem hiesigen Dahnhof 30 Mann der Maschinengewehrkompanie, drei schwere Maschinengewehre und die notwendige Anzahl Pferde nach Siegen verladen. Die Gießener Reichswehr wird mit diesen Mannschaften in Siegen an einem Reit- und Fahrtournier teilnehmen und dabei neben reitsportlichcn Wettkämpfen auch eine große Fahr- übung bestreiten.
** Der Ausbau der Damm st raße ist nahezu fertiggestellt. Die Straße hat nach der Herstellung eines festen Unterbaues bestes Klein
pflaster erhalten. Die schöne alte Scheune und das alte Haus, die vor einiger Zeit abgebrochen wurden, werden nun bald völlig in Vergessenheit geraten. Der Verkehr durch den Engpaß am Einhorn dürfte durch die Fertigstellung der Damrn- strahe eine wesentliche Erleichterung erfahren.
" Ein kleiner Motorrad - Unfall ereignete sich gestern gegen 19.45 Uhr an der Persiluhr in der Kaiserallee. Ein junges Mädchen stürzte in der Kurve vom Soziussitz eines Motorrades und erlitt bei dem Sturz einige Hautabschürfungen. Der Unfall lief glimpflich ab. Die Sanitäter, die bald zur Stelle waren, brauchten nicht in Anspruch genommen zu werden.
— Iugendarbeit im GdA. Die großen Angestelltenverbände haben es sich zur besonderen Aufgabe gemacht, auch die Jüngsten des Berufsstandes, die Lehrlinge aus den Kontoren und Büros, in ihren Reihen zu sammeln und sie für das Leben und ihren Derus zu ertüchtigen. Ueber den Umfang seiner Jugendarbeit berichtet bet Jugendbund im Gewerkschaftsbund der Angestellten wie folgt: Im Jahre 1931 wurden 3971 Vorträge von 51 480 Jungen und 49 562 Mädeln besucht. Das bedeutet gegenüber dem Vorjahre eine Steigerung um rund ein Viertel. An der Scheinfirmenarbeit und an Derufsarbeits- gemeinschaften nahmen an 20 551 Abenden 194 330 Jungen und Mädel teil, worin fast eine Verdreifachung innerhalb zweier Jahre zum Ausdruck kommt. An den Heimabenden beteiligten sich 407 424 Jungen und Mädel an 27191 Abenden. Recht lebendig ist aber auch die Kör» ^erarbeit im Jugendbund des GdA. Sport wurde in jeder Form getrieben, auf jeder Tagung traten fast alle Anwesenden zur Gymnastik an. Die Mädel hatten ihren eigenen Reichs-Mädel- Sport- und Spieltag. Zeltlager und Freizeitwochen finden statt, die gesundes Ferienleben mit ernster Arbeit verbinden.
Dünsbergturm renoviert und erhöht
Vor 33 Jahren wurde der Dünsbergturm errichtet; inzwischen war seine Erneuerung dringend nötia geworden. Wind und Wetter, Regen und Frost haben dein Herrn auf der Höhe arg zugesetzt. Die Bauart jener Zeit war wohl auch den Unbilden der Witterung da oben noch nicht gewachsen. So hatte besonders 'der Kopf des Turmes sehr gelitten.
Bei seiner (Erneuerung wurde nun der Turm zugleich um 3,80 Bieter erhöht,
denn bei seiner Errichtung hatte man die Fichten unterschätzt, die im Wettbewerb mit dem Turm diesen allmählich geschlagen hatten und ihm über den Kopf zu wachsen begannen. Wenn auch die Forstbehörde dem Dünsbergoerein entgegenkommt und die höchsten Fichten fällt, wenn auch zu erwarten ist, daß in einiger Zeit der ganze Fichtenbestand da oben geschlagen wird, so mußten doch alle Besucher die Beeinträchtigung des Rundblicks bedauern. Run sind vor allem der Tatkraft des Turmerbauers, des Herrn Baurat H. Meyer, die (Erneuerung und die Erhöhung zu danken. Er schlug sie vor und führte sic aus. Und nun lobt das Werk den Meister. Der Dünsbergoerein aber ist stolz, daß er das Wagnis übernahm und jetzt allen Freunden unserer Heimat den Turm in seiner neuen erheblich verschönerten Oeftalt übergeben kann. Der Kopf ist jetzt ganz aus Eisenbeton hergestcllt und außerdem mit einem schönen w e i t a u s l a d e n - den Dach gedeckt. Das alte Blechgehäuse über der Treppe konnte verschwinden. Wer nun auf den Berg kommt, schaut verwundert und bewundernd hinauf zu der schönen, in kräftigen Farben gehaltenen Turmhaube. Wer dann durch den innen völlig erneuerten Turm hinaufsteigt, wird sich entzückt an dem plötzlich ganz anders gewordenen freieren Fernblick ringsum erfreuen.
Biel tiefer schauen wir In die Täler, viel freier schweift der Blick über den Wald weithin auf zahllose höhen.
Das Wagnis, das der Dünsbergoerein übernahm, war kein kleines. Durch sparsame Wirtschaft hatte er ein kleines Kapital zurückgelegt. Freundliche Spender aus Gießen und Wetzlar haben gern noch einige hundert Mark gestiftet. Wieder wie vor 33 Jahren hat Herr Baurat Mener eine Reihe von Firmen bewogen, daß sie nahezu alles benötigte Material schenkten, so vor allem die Firmen Gail, Pi stör und Rübsamen in Gießen, sowie die Firmen A b e n d st e r n und Buderus in Wetzlar. Die Gemeinde R o d h e i m ließ die Stangen zum Gerüst oben schlagen und im wesentlichen haben Fellingshäuser Männer an dem Werk geschasst. Run ist der Dau fertig, rings der Platz wieder hergerichtet. Und so mögen die Wanderfrohen wieder zu unserem Berg kommen über eine der erneuerten Markierungen ab Bieber, Fellingshausen, Krofdorf, Lollar oder Wetzlar, ober auf selbstgesuchten Pfaden, etwa über den Himberg oder durch den Krofdorser Forst, um sich zu erfrischen, den herrlichen Ausblick zu genießen und die Schönheit unserer Heimat zu preisen. Zum Glück findet ja der Wanderer in unseren Wäldern noch Frieden und Stille.
3u gleicher Zeil ist auch der ’THtenbergturm bei Hohensolms wieder hergestellt worden.
Er konnte vor kurzem der Oeffentlichkeit übergeben werden. Eine Tageswanderung ab Bieber über Altenberg, Hohensolms, Helfholz zum Dünsberg (gelbes, liegendes Kreuz, schivarzer Punkt, weißer Strich) gehört zu den schönsten Fahrten unserer Gegend und das zu jeder Jahreszeit.
Dank sei allen gesagt, die zum Gelingen des Werkes beitrugen. Run ist zu hoffen, daß der Verein neue Mitglieder gewinne, damit er seine Kasse wieder etwas auffüUe; denn noch harren notwendige und wünschenswerte Aufgaben der Erfüllung; die Unterhaltung des Baues, der Umgebung und der Wege erfordern stets Mittel. In Bälde hofft der Verein, zu einer einfachen Feier auf feinen Berg einzuladen, um allen Wanderern das gelungene Werk zu zeigen. Prof. Dr. M i 11 e r m e i e r.
Ein folgenschwerer Siadiratsbeschlnh.
WSR. Friedberg. 4. Aug. Der hiesige Stadtrat hat in seiner letzten Sitzung erneut die Angleichung der Realsteuerfähe an Len Landesdurchschnittssah abgelehnt. Da diese Angleichung aber die Voraussetzung für die Reichshilfe in der Wohlfahrts» sürsorge bildet, wurde der Stadtverwaltung nunmehr vom Kreisamt mitgeteilt, daß die Reichs- Hilfe schon für den Monat Juli nicht mehr an die Stadt Friedberg ausgezahlt würde.
Oie künstige Mindeststrafe für Landsriedensbruch
WSN. Darmstadt, 4. August. Vor der Großen Strafkammer fand am Mittwoch eine größere Berufungsverhandlung statt, in der Urteile gegen Kommunisten abgeändert wurden. Don besonderem Interesse waren dabei die Ausführungen des Vorsitzenden in der Begründung des Urteils. Es wurde erklärt, daß es nun S chluß fei mit der Verhängung von Mindeststra- f e n für Landsriedensbruch. Unter einem Jahr Gefängnis komme fein Landfriedensbrecher mehr davon.
Erregung im Kreise Biedenkopf.
WSR. Dicdenkopf, 4. Aug. Die Absicht, den Kreis Diedenkops an den Dillkreis anzuglic- dern, hat hier starke Erregung hervorgcrufen. Man befürchtet durch diese Maßnahmen eine Bedrohung der Existenz der Stadt und ihrer verschiedenen Einrichtungen. Der Kreis hat sich in den vergangenen Jahren stark in Reubauten auf eigene Rechnung engagiert, die alle von Beamten bewohnt werden. Da man der Auffassung ist, daß dem Verlust des Landratsamts der des Finanzamts und anderer Behörden fol- ?en wird, sieht man keine Möglichkeit, diese Heu-
auten noch öermieten z u können. Man befürchtet weiter, dann auch das Gymnasium nicht mehr halten zu können. Die Aufregung über den Beschluß der Regierung ist verständlich. Ob die eingeleiteten Abwehrschritte allerdings Erfolg haben, ist fraglich.
Ungünstige Finanzlage des Obertaunuskreises.
WSR. Bad Homburg, 4. Aug. Hier fand heute die Sitzung des Kreistages statt. Bürgermeister Füller -Oberursel brachte den Haushaltsplan ein. Er führte dabei u. a. aus, daß die Finanzlage des Kreises sehr ungünstig sei. Die Hilfsmaßnahmen des
Reiches seien keineswegs ausreichend. Wie im Vorjahre zeige der Etat ein Defizit. Dazu würden sich die Reichssteuerüberweisungen und die Einnahmen aus den Kreisabgaben gegen das Vorjahr noch verringern. 6597 Arbeitslose seien zu betreuen; ihre Zahl sei gegen das Vorjahr noch erheblich angewachsen. Der Etat schließe ab in Vermögen und Schulden mit 2 803 473,26 Mark, Vermögen einschließlich der Hauszinssteuerhypotheken in Höhe von 2 039 492,38 Mark und 448 815,49 Mark Schulden, der Hauptetat mit 1 393 340 Mark in Einnahme und Ausgabe. Der Sonderetat des Kreiswohlfahrtsamtes zeige bei einer Einnahme von 1 368 800 Mark einen ungedeckten Fehlbetrag von 726300 Mark. Zur Deckung dieses Fehlbetrages soll eine Beihilfe des Staates in Anspruch genommen werden. Es wurde vorgeschlagen, eine Kreisabgabe von 50 Prozent gegenüber der vorjährigen von 40 Prozent zu beschließen. Diese Vorlage wurde von allen Parteien einmütig ab* gelehnt. Dadurch erhöht sich der Fehlbetrag noch um 114 718 Mark. Roch im Vorjahre hatte die Linke den Kreisetat angenommen.
Buntes Allerlei.
In Kreugerö Stahlkammer gefangen.
Ein höchst unheimliches Abenteuer erlebten zwei Finanzsachverständige, die mit der Prüfung der Kreuger-Affaire beauftragt sind. Es handelt sich um den britischen Vertrauensmann 3. M. Leckie und einen schwedischen Kollegen Jacobson. Nachdem sie ihr Tagewerk beendet hatten, betraten die beiden in dem Stockholmer Kreu- ger-Gebäude eine große Stahlkammer, um dort einige wichtige Schriftstücke aufzubewahren. Ein Angestellter, der vorbeiging, während sie sich in dem Raum befanden, stieß zufällig an die Tür, so daß sie ins Schloß fiel. Zwar steckte ein Schlüssel, aber es sind zwei Schlüssel notwendig, um die Tür zu offnen, und der zweite war mit den beiden Finanzmännern eingeschloffen. Der Angestellte schlug sofort Alarm und aller bemächtigte sich eine große Aufregung, denn man fürchtete, die Luft in der Stahlkammer würde sich bald so verschlechtern, daß die beiden Gefangenen ersticken mühten. Einige Beruhigung trat ein, als man erfuhr, daß die Stahlkammer mit einer besonderen Lüftungsvorrichtung versehen ist. Man rief sofort einen Kunstschlosser herbei, der mit fieberhaftem Eifer daran arbeitete, das Schloß zu offnen. Aber über eine Stunde mühte er sich vergeblich und erklärte schließlich, daß die einzige Hoffnung für das Aus- brcchen der Tür in dec Anwendung eines elek
trischen Bohrers liege. Während man diesen besorgen wollte, besann sich jemand, daß ein Beamter noch andere Schlüssel zu der Stahlkammer besitze. Dieser wurde herbeigeholt, und die beiden Männer tonnten nun aus der peinlichen Gefangenschaft befreit werden, ohne daß sie außer der Angst Schaden erlitten hatten. Um derartige Vorkommnisse zu vermeiden, sind in den Vereinigten Staaten die neuesten Stahlkammern mit einer Telephon-Anlage versehen, durch die man bei einer etwaigen unfreiwilligen Einsperrung mit der Außenwelt in Verbindung treten kann.
Oer Schrei nach dem braunen Ei.
In den englischen Hühnerhöfen herrscht große Aufregung: die guten, braven Eierlegerinnen sollen von der gewohnten weihen Farbe der Schalen abgehen und sich zu einem ..Sonnenbraun" bekehren. Vor einigen Wochen teilten, wie ein Londoner Blatt berichtet, einige grohe Firmen des Eierhandels ihren Lieferanten mit, dah sie in Hinkunft weihe Eier nur zu 40. dagegen braune zu 60 Prozent aller gelieferten Ware abnehmen würden. Mit Mühe gelang es, einen Aufschub
dieser Maßnahme, die jetzt, mitten in der Brutzeit. gar nicht durchführbar ist. bis zum Herbst 1933 zu erwirken. Was ist aber der Grund sür diese plötzliche Forderung? Die Erfahrung wie wissenschaftliche Untersuchungen haben längst gezeigt. daß keinerlei Zusammenhang zwischen der äußeren Farbe und dem Nährwert oder dem Geschmack des Ei s besteht. Trotzdem kann man auf dem Markt wie auch in allen Geschäften immer wieder den Wunsch der Hausfrauen nach „farbigen“. d. h. braunen Eiern hören. Und diese ihuncr wiederholte, wenn auch unbegründete Forderung, hat eine Hausse in braunen Eiern hervor- gerufen. Sie ist aber für die englischen Eier- lieferanten um so unerwünschter, als gerade jene Hühnerart, das weiße Leghorn, das am besten den Anforderungen einer modernen Geflügelzucht im großen entspricht, weihe Eier legt. Daß die Vorliebe für braune Eier nicht überall geteilt wird, beweist das Beispiel Amerikas, wo weihe Eier besonders bevorzugt werden, die außerdem auch noch den Vorzug haben, daß beim Durchleuchten besser der Zustand ihres Inneren erkenntlich ist.
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Erstes Originalbild aus Los Angeles: Der feierliche Empfang der deutschen Olympiateilnehmer in dem reich geschmückten Stadthaus von Los Angeles.
Spaten in Ruh'!
Abend im Lager der Arbeitsfreiwilligen.
Von Friedrich Sattler.
Die Sonne, die es fast zu gut gemeint hat an diesem langen Julitag, wirst die Schatten schon Ichräg. Vor der Baracke, die dem Trupp als Kaserne dient, lagern im Schatten der spärlichen Bäume die achtzig Stahlhelmer des sreiw : lI > - e n Arbeitsdienstes. Vor einer Stunde find ie, das Arbeitsgerät geschultert, in Gruppenordnung eingerückt, wieder einen Schatten brauner, wieder die Muskeln stählerner die Augen blitzender. Was dann kam, war jeden Tag dasselbe: Spaten und Beilpicken im Schuppen verstaut, hinein in die Baracke, herunter die schweißnassen Kleider, die Badehose übergezogen und dann Antreten zum Baden. Langsam, damit das heiße Blut den Uebergang zum kühlen Naß gefahrlos fand, ging es zum Ufer des nahen kleinen Flüßchens. Im Wasser aber zeigte sich, daß der arbeitsschwere und sonnenheiße Tag die Kräfte der Jungens noch nicht aufzubrauchen vermocht hatte.
Das gab die richtige Resonanz für das nach ihrer Rückkehr wartende Kommando „Antreten zum Essen hol en!" Der Feldkessel dampfte und bro- beltfc. Es war genug da und trotzdem blieb nichts übrig, wenn es auch noch zu einem zweiten Schlag für Hans Jmmerran, Peter Haurein und noch einige andere gereicht hatte.
Inzwischen suchten sich schon ein paar Unverwüstliche zu verkrümeln. Das Städtchen war nahe und seine Mädchen mochten schon warten. Aber leider stellte sich heraus, daß der Weg dorthin vorerst noch nicht gangbar war. „Zufällig", natürlich, was sonst, „zufällig" tauchte plötzlich die Gestalt des Kommandoführers auf. „Naaaa?" Sonst sagte sein lächelnder Mund nichts. Verlegenes Hüsteln, Schlucken, unsicher irrende Augen. Da war die gefürchtete Frage: „Kochgeschirre schon sauber? Stiefel gefettet? Drillich in Ordnung? Kommen Sie, meine Herrschaften, ich mochte Sie gern loben, wenn es stimmt". — Es ist nicht zu leugnen, manchmal erweist sich, daß alles in Ordnung ist.
Endlich ist auch das alles geschafft. Nun wird erst richtiger Feierabend. Einige wenige machen von Ehrern Recht des Ausgangs bis zum Zapfenstreich um 22 Uhr Gebrauch. Die Mehrzahl jedoch findet sich vor der Baracke in größeren und kleineren Kreisen zusammen. Da ist schon die Harmonika, viele, fast alle fallen in das Lied ein. Der Abendwind nimmt es auf feine Schwingen und trägt es hinaus über Feld und Heide, über Deutschland, das immer noch in Ketten liegt und neben vieler Arbeit so nötig ein Lied gebrauchen kann. Da und dort knallen Karten auf das Brett, auf dem Schach-Schlachtfeld stürmen Fußvolk und Reiterei, einer versucht sich sogar noch mit dem Baumstamm, bei dem es „nur auf den letzten Druck, nur auf einen Kniff ankommt", die er aber bisher noch nicht herausgebracht hat. Ein Dutzend Sachverständiger steht um ihn herum und erteilt die unfehlbarsten Ratschläge. Plötzlich knallt es, als ob ein Autoreifen geplatzt wäre. Ein Jndianergeheul antwortet Was denn? Nur Ruhe, es ist ja nur ein „kleines" Schinkenklopfen In diesem Trubel sitzen einige ungerührt und schreiben ihre Briefe.
Im rechten Winkel zur Baracke liegt ein kleinerer Anbau, in dem sich die Schreibstube, die Wohnräume der Führer und die „Kammer" befinden. Hier sitzen am langen Tisch der Kommando-„Häupt- üng", die Rottenführer und der Lagerfeldwebel, der auch Kammerunteroffizier ist. Die fünf Führer, von denen bei dem kleinen Kommando die Rottenführer selber mit Hacken und Spaten Mitarbeiten, sind sich der Große ihrer Verantwortung wohl be
wußt. Ihre erste Sorge gilt der Arbeitsleistung, di sie auch heute wieder durchberechnen. Die Einte' lung für den nächsten Tag wird beraten. Nu kommt der Lagerfeldwebel an die Reihe, der m sorgenzerfurchter Stirne einen pessimistischen Voi trag hält über die Bestände der „Kammer". (E gibt keinen Feldwebel ohne sorgenzcrfurchte Stirn Endlich rechnen sie mit heißen Köpfen, ob und wo sich an harmlosen Vergnügungen, etwa einer ei zieherischen und doch fröhlichen Sonntagsradfen fahrt, aus der schmalen Kolonnenkasse, die auch all Anschaffungen für Sportzwecke tragen muß, heram schinden läßt.
Als sie damit fertig sind und zur Verzweiflun des Feldwebels (es gibt bei Anschaffungen nur ve zweifelte Feldwebel!) eine kleine Summe für de nächsten Sonntag ausgeworfen haben, kommt do Gespräch auf die Einzelnen in der Kolonne. Ma möchte es kaum glauben, die Abteilung hat mel verschiedenartige Veranlagungen als Köpfe. D Fünf, von denen der Kolonnenführer und der Lage feldwebel noch alte Frontkämpfer aus de Weltkrieg sind, verstehen sich auf Führung. S wißen, daß Führung „Vorleben" bedeutet. Kam, radschaft in höchster Vollendung. Sie tauschen ihi Ansichten über jeden Einzelnen ihrer „Jungs" au legen sich Richtlinien fest für ihre Bclxandlung, hn eine Bremse, da ein Ansporn, dort auch einmal d Kandare. Aber Angst haben sie im Ernst um keine einzigen, sondern nur Liebe, oft zu den Widerspei stigsten die heftigste.
Eben roden sie von einem, von Meyer III, bi ihnen wie sonst keine Sorgen macht. Einer, d« sich aus Kraftüberschuß kaum zu Helsen weiß. S reden alle durcheinander, der Feldwebel ist roüter auf ihn, und hätte ihn am liebsten weiß Gott n gesehen (Feldwebel sind immer wütend!), nur d Kommandoführer sitzt schweigend und nachdenklii da. Plötzlich sagt er: „Kamerad Braun, lassen S bitte das Kommando antreten. Natürlich nur sowe die Jungs da sind. Ich denke, es ist die Mehrzahl Der jüngste Rottenführer steht sofort auf. Er tri vor die Tür. Seine Signalpfeife schrillt über b( Platz. Der Kommandofuhrer tritt vor die Leut läßt rühren und in zwanglosem Halbkreis um fi lagern. Dann beginnt er zu reden:
„Jungkameraden! Ich habe Euch heute ganz 6 sonders beobachtet, um zu sehen, wie Ihr über di sen außergewöhnlich heißen Tag hinwegkommt. 0 freut mich sehr. Euch meine uneingeschränkte Ai erfennung aussprechen zu können. Als Dank mach ich Euch eine Zusatzleistung anoertrauen und i hoffe, daß ich damit Euren Beifall finde. Wir rid ten eine Nachtwache ein, sechs Mann und el Wachthabender für jede Nacht. Die Aufgaben bi fer Nachtwache, den Dienst, die Ablösung arbeit jeder selbst, sowie er sich denkt, im Laufe der näd ften zwei Tage aus. Der beste Vorschlag oder eil Zusammenfassung dieser Vorschläge wird als Wach bienftorbnung von mir bestätigt werden. De Nachtdienst, d. h. seine Organisation, die Ablösung die Kontrolle usw. übergebe ich dem Kamerade Meyer III. der hierfür als Vorgesetzter gilt. Traue Sie es sich zu, Jungkamerad Meyer III, den neue Dienst einwandfrei zu versehen?" Ueberrascht, ab( doch gestrafft in der Haltung, tritt der Angeredet vor: „ „Jawohl, Herr Kommandoführer!" — „Dan ist es gut. Ich beauftrage Sie hiermit. Fronthei Kameraden. Stillgestanden! Tretet — weg!" ...
Keiner im Konrmando, der nicht versteht und fu nicht freut.
Bald bläst bas Horn zum Zapfenstreich


