Ausgabe 
4.4.1932
 
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Nr. 78 Zweites Blatt Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Montag, 4. April 1932

Landnöten.

Es ist wirklich» so, als ob auf allen Seiten ein neuer Generalangriff auf das G re nz l and de u ts ch t um in Vorbcreitung wäre: Aus Prag hören wir von Deutschen- Verfolgungen, die sich zunächstnur gegen die Nationalsozialisten richten, aber doch die Tendenz zur Verallgemeinerung zeigen, und des­halb alle Deutschen angehen, in Warschau sind neue Tücken ausgeheckt worden gegen alles, was noch an Deutschen in den bis zum Kriege deutschen Gebieten sitzt. Das Dirschauer Gym­nasium wird rücksichtslos geschlossen, mehr als 30 000 deutsche Kinder werden gezwungen, in polnische Schulen zu gehen: der Knebel, der Danzig abdrosseln soll, wird wieder schärfer angezogen, und die Absicht, ganz Ostpreußen bei der ersten Gelegenheit zu überschwemmen, wird kaum noch verhehlt. Am schlimmsten aber sieht es im Augenblick in Litauen aus. das geradezu zu einem europäischen Staatsloboratorium gewor­den ist. um der Welt zu zeigen, was alles trotz verbriefter Verträge Deutsche sich heute gefallen lassen müssen.

Das Direktorium Simaitis scheint entschlossen zu sein, die kurze Frist, die ihm bis zur Neuwahl zur Verfügung gestellt ist. rücksichtslos auszu- nutzen, gewiß nicht in der Hoffnung, die deutsche Mehrheit im Landtag sprengen zu können, aber sicher in der Erwartung, daß diese störrischen Deutschen doch allmählich mürbe werden und die Zersehungsarbeiten größere Erfolge haben. Dazu soll die stärkste Memelpartei, die L a n d - wirtschaftsparlei, in die Luft gesprengt werden, dazu sollen die verkappten Litauerfreunde politisch möglichst gestützt werden, dazu sind jetzt wieder zwanzig reichsdeutsche Lehrer ausgewiescn. Die formelle Handhabe dazu ist gegeben, sachlich aber sind diese deutschen Lehrer nötig, weil deutscher Nachwuchs in Memel noch nicht vorhanden ist. ihr Verschwinden also sehr schädliche Folgen für die deutsche Schul­bildung haben muß. Aber das ist ja gerade der Zweck der ilcbung.

Inzwischen sitzen d i e Großmächte, die ja allmählich in ihrem Verhältnis zu Litauen eine lächerliche Figur machen, und sehen dieser Politik der Nadelstiche zu, obwohl sie noch vor wenigen Wochen in Kowno vor jeder weiteren Verschär­fung der Lage gewarnt haben. Aber die litauische Regierung weiß offenbar, was sie den Signatar­mächten bieten darf, sie geht über solche Rat­schläge im Vertrauen auf den mächtigen fran­zösischen Schutz zur Tagesordnung über, ilnt) Deutschland wieder kann sich unmittelbar nicht elvschalten, weil es nicht zu den Unter­zeichnern des Memelvertrags gehört, ilm so notwendiger aber ist doch, daß nun endlich ein­mal etwas geschieht. Kein Zweifel, daß die Litauer den Memelvertrag bewußt gebrochen hoben. Dazu braucht man eigentlich eine Vc- slätigung durch den Haager Gerichtshof nicht. Wenn sie aber diesen Vertrag gebrochen haben, dann ist auch die Voraussetzung hinfällig, unter der die Großmächte das Memelgebiet den Li­tauern überlieferten, dann mußte die logische Folge sein, daß Deutschland den Anspruch auf Rückgabe des Memellandes anmeldete. Denn schließlich muß es doch einmal ein Ende haben, daß die Deutschen nur die Rolle des europäischen Prügelknaben spielen dürfen.

Im Versassungsausschuß des Oesterreichischen Nationalrates wurde kürzlich ein Antrag eingc- pracht, nach dem die Frau nicht mehr, wie bisher, automatisch die Staatsbürger­schaft des Mannes bei der Eheschließung erwirbt und sie auch nach der Scheidung nicht verliert, sondern Erwerb und Verlust der Staats­bürgerschaft bei Verehelichung und Scheidung von einer freien Willenserklärung der Frau abhängig gemacht werden soll, wie dies z. D. in Dänemark gilt.

Dieser Vorgang lenkt erneut die Aufmerksamkeit auf den Stand dieser Angelegenheit im allgemei­nen und besonders in Deutschland. Der Erwerb und Verlust der Staatsbürgerschaft der Frau muß

naturgemäß international geregelt werden. Zur­zeit besteht eine große Mannigfaltigkeit: wäh­rend vor dem Weltkriege das Prinzip der gleichen Staatsangehörigkeit der Eheleute fast allgemein galt, sind im Laufe der letzten Jahre verschiedene Länder andere Wege gegangen, die der freien Persönlichkeit der Frau und ihrem nationalen Empfinden Rechnung tragen. Das Prinzip der gleichen Staatsangehörigkeit von Mann und Frau vertritt neben Deutschland noch England: gar kei­nen Einfluß hot die Eheschließung in dieser Hin­sicht in Rußland. Andere Länder, wie die Ver­einigten Staaten, Frankreich und Belgien, auch Schweden und Finnland, tragen unter gewissen Einschränkungen den Wünschen der Frauen Rech­nung.

Die Haager Konferenz im Frühjahr 1930 hat kein wesentliches Ergebnis für diese Frage ge­bracht: sie hat sich darauf beschränkt, den Staa­ten das Studium der Frage zu empfehlen, ob es möglich wäre, den Grundsatz der Gleichheit der Geschlechter in Fragen der Rationalität zu­grunde zu legen, so daß die Nationalität der Ehe­frau ohne ihre Zustimmung weder von der Eheschließung noch von einem Wechsel der Nationalität des Ehemannes berührt wird. Dies entspricht der Forderung, die von den inter­nationalen Frauenorganisationen an die Kon­ferenz gerichtet wurde: der Bund Deutscher Frauenvereine vertritt denselben Standpunkt und hat letzthin erneut von der deutschen Reichsregie­rung einen Gesetzentwurf gefordert, nach dem jede Frau das Recht besitzt, unter gleichen Vor­aussetzungen wie der Mann ihre Staatsangehörig­keit zu bestimmen.

Ein Antrag der Deutschen Volkspartei im Reichstag fordert einen Gesetzentwurf, der den deutschen Frauen bei der Heirat mit einem Ausländer ihre Staatsange­hörigkeit sichert, falls sie durch diese Ehe­schließung staatenlos würden, und solange sie ihren Wohnsitz in Deutschland behalten: der fer­ner die deutschen Frauen davor schützen soll, daß Aenderungen in der Staatsangehörig­keit des Ehemannes nach der Eheschließung ge­gen ihren Willen auf die zurückwir- ken. Es wäre erwünscht, daß der Reichstag einmal die Zeit fände, sich mit dieser, durchaus nicht nebensächlichen Frage, die von national­politischer Bedeutung ist, zu beschäftigen.

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Auch in Frankreich machen sich jetzt die ersten Anzeichen der Arbeitslosigkeit bemerkbar, aber Frankreich ist reich. Es hat noch ungeheure Geld­mittel zur Verfügung, um ein Arbeitsbeschaffungs­programm größten Stils anzukurbeln. Die nötigen Vorbereitungen dazu find von der Regierung schon gemacht. Das wichtigste Projekt, das sich darunter befindet, ist derCanal des deux mers", der Ge- danke eines großen Schiffahrtsweges von Bordeaux nach Marseille quer durch Frankreich hindurch, der unmittelbaren Verbindung also des Atlantischen Ozeans mit dem Mittelmeer.

Etwas Aehnliches existiert schon in dem Canal du Midi, der aber jetzt schon 250 Jahre alt ist und nur für 200-TonnenSchiffe ausreicht. Was Frankreich ober jetzt bauen will, ist eine Wasser­straße, die für die größten Schiffe des Handels und der Marine ohne Schwierigkeiten befahrbar fein soll und in vierundzwanzig Stunden von Bordeaux ins Mittclmeer führt. Dos würde, in Zahlen aus­gesprochen, bedeuten, daß die Fahrstraße von Hamburg nach Marseille, die über Gibral­tar beinahe 4400 Kilometer beträgt, auf weniger als 2500 Kilometer schrumpft, mit einem Zeitge­winn von fast drei Tagen. Das ist bei den Kosten der Mammutschiffe, auch wenn man ziemlich hohe Kanolgebühren zugrundelegt, immerhin eine wesentliche Ersparnis. Es wäre also denkbar, daß die von den Ingenieuren aufgestellten Rentabili­tätsberechnungen, die mit einer Benutzung von etwa hundert Millionen Tonnen im Jahre rechnen gegen 400 000 im Canal du Midi annähernd zutreffend sind und daß deswegen eine Verzinsung des auf zwei Milliarden berechneten Baukapitals erreicht wird, wenn der Kanal nach der vorgesehenen Bauzeit von sieben Jahren fertig ist.

Aber diese unmittelbare Verzinsung ist für Frank­reich nicht einmal dos Ausschlaggebende, man darf

nicht übersehen, daß die Entwilklungsmöglichkeiten der Landwirtschaft im Süden durch die Verbesse­rung der Wasserverhältnisse wesentlich gesteigert werden und daß auch sonst der Kanal befruchtend auf eine bisher etwas stiefmütterlich bchandeUc Gegend einwirkt. Dazu die Hauptsache: Frankreich macht sich dadurch auch militärisch unab­hängig von der Straße von Gibral­tar. Es muß heute zwei Flotten unterhalten, die zusammenkommen können nur, wenn sic die Durch­fahrt unter den Kanonen von Gibraltar erzwin­gen. Ist der Kanal fertig, dann ist die Verschiebung der Schlachtschiffe eine rein innersranzösische Ange­

legenheit, also unter Umständen eine unmittel­bare Bedrohung Englands, das dann ge­zwungen wäre, feine Streitkräfte im Ozean wie im Mittelmeer zu erhöhen, weil es mit dem über­raschenden Einsatz der beiden französischen Flotten an einer Stelle rechnen muß Aehnüche Erwägun­gen also, wie sie für Deutschland bei dem Bau des Nords ft see - Kanals maßgebend waren. Und dieser militärische Gesichtspunkt wird wohl auch für die französische Regierung ausschlag­gebend sein, wenn sic dos ganze Projekt in Angriff nimmt, weil dadurch die Schlagkraft Frankreichs auch zur See mehr als verdoppelt wird.

Italiens vierte Küste.

Oie wirtschaftliche Entwicklung Tripolitaniens.

Don unserem römischen

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Tripolis, März 1932.

Don hohen Fahnenstangen wehen unter den Ad­lern der Legionen italienische Farben. Zum sech- ftenmal hat die Messe von Tripolis ihre Tore geöffnet. Durch farbenprächtiges Spalier lydischer Truppen vollzieht sich die Auffahrt der Gäste: ausländische Konsuln, Dcrtreter des italienischen Senats, der Kammer der Faschisti­schen Partei, dann der Gouverneur. Marschall Badoglio Marchese del Sabotino. Seine wuchtige Gestalt scheint sich unter dem hohen Fe- derbusch noch zu reden. An den Aermeln der Uniform heben sich sieben Abzeichen für 'Beför­derung im Kriege ab. auf dem braunen Kolvnial- rod liegt die Halskette des Ordens der Heiligen Annunziata, die den Träger zum Detter des Kö­nigs erhebt.

Salutschüsse künden dem Dolk, daß der Kor­porationsminister D o t t a i tm Namen Diktor Emanuels III. den Beginn der Messe erklärt. Cs herrscht das bunte Treiben amtlicher Eröffnun­gen, wie sie mit besonderem Glanz in den Kolo­nien gefeiert werden: dieses Gepränge soll in den Gemütern der Einheimischen die Macht der Be­herrscher Widerspiegeln. Aus den hellen Dara- kanen, dem allen Arabern, Berbern und Beduinen gemeinsam langen Umwurf, reden sich Hände aller Schattierungen von braun bis schwarz zum rö­mischen Gruß.

Don den hohen Säulen der Ausstellungshalle Roms blickt die Wölfin auf das Getriebe, als wollte sie die Araber daran erinnern, daß sie hier alte Heimatrechte hat: da die Araber in den Jahren 643/44 aus Aegypten in Tripoli» tanien einfielen und die Berber unterwarfen, waren ihnen die Römer längst vorausgegangen. Rom trat das Erbe Karthagos an. das wiederum die Phönizier abgelöst hatte. Unter den Römern erreichte Tripolitanien die höchste Blüte, bis mit dem Derfall des Reiches die Van- bakn 455 auch an den afrikanischen Gestaden leichtes Spiel hatten. Aber ihre Herrschaft war von nicht langer Dauer, innere Aufstände leiteten zur Festsetzung der Byzantiner und zum Nieder­gang des Landes über, das den Arabern ohne erheblichen Widerstand zur Beute fiel. Die fol­genden zwölfeinhalb Jahrhunderte standen im Zeichen der Kämpfe zwischen den verschiedenen Araber- und Derberstämmen, in die sich zeitweise die Normannen und die Spanier und zum Schluß die Türken cinschalteten. Jetzt herrschen hier wieder die Söhne des alten Rom, dessen ein» drucksvolle Spuren sie in Sabratha und in Leptis Magna freigelegt haben zum Deweis einer über­nommenen Mission.

Nach dem ersten Versuch im Jahre 1927 erhielt die Fiera di Tripoli" 1928 feste Gestalt, und als sie das Ihre zur Festigung der gegenseitigen wirt- schaftlichen Beziehungen zwischen Italien und seinen Kolonien beigetragen hatte, wurde ihr internatio­naler, in der Zielrichtung interafrikanischer Cha­rakter gegeben. Zunächst hat Tripolis allerdings wenig Aussicht, eine Bedeutung als interafrikanifcher Markt zu erringen. Die Karte und die politische Lage Afrikas sprechen dagegen, im übrigen sind die wich-

v. O.-Derichterstatter.

tigstcn Karawanenstraßen aus dem Innern Afrikas noch zu türkischen Zeiten nach dem Sudan und den französischen Besitzungen abgeleitet worden. Nach Abschluß der militärischen Unterwerfung Lnbiens Marschall Badoglio sagte uns, eine militärische Frage gebe es nicht mehr zeigen sich zwar die ersten kleinen Karawanen auch in Tripolitanien, aber es wird lange dauern, bis sie ins Gewicht fallen.

Italien ist als letzte Macht in Afrika er­schienen, nachdem die anderen ihre Stellungen be­reits ausgebaut hatten. Eine tatsächliche wirtschaft­liche Bedeutung hat die Messe daher nur für die italienischen Kolonien, vornehmlich Lybien und das Mutterland. Für die übrigen afrikanischen Länder bleibt sie im wesentlichen eine Schau.

In dem kleinen Saal, in dem die Eröffnungs­ansprachen gehalten wurden, drangen sich die Ge­ladenen. 'Neben General Graf Siciliaui, dem Ober­befehlshaber der Truppen, und anderen Würdenträ­gern sieht man den greifen Hassuna Pascha, einen Abkömmling der Cararnanli Dynastie, die von 1711 bis 1835 in Tripolis geherrscht hat, bis die Türken sie absetzten. Hassuna Pascha hatte sich schon 1890 bereiterklärt, die Besitzergreifung Iripolitaniens durch die italienischen Truppen zu fordern, falls Ita­lien dort ebenso eine Herrschaft einfesten würde, wie die Franzosen in Tunis. Die Italiener ehren ihren alten Verbündeten jetzt vor allen anderen arabischen Größen.

Der Gouverneur richtet in seiner Rede einen ausfallend herzlichen Willkommensgruß an bis Vertreter Frankreichs und spricht von Kameradschaft zwischen Tripolitanien, Tunis und Algier. In der Tat ist Frankreich der bequeme Nachbar: flüchten bewaffnete Ausständige dort über die Grenze, werden sie sofort entwaffnet. Darin arbeitet man stillschweigend Hand in Hand. Anders ist es beispielsweise in Aegypten, wo nicht nur die einheimische Presse bisher immer den Widersachern Italiens Rüdhalt bot. Zwischen den Spitzen der französischen und italienischen Kolonien bestehen gemeinsame Interessen in der Bezwingung des hin und her wandernden Geg­ners. Tripolitanien kann ferner an den kolonial- wirtschaftlichen Erfahrungen von Tunis und Al­gier teilhaben. Das ändert aber nichts daran, daß vor der Verständigung der Mutterländer noch die unerfüllten, auf dem Londoner Vertrag beruhenden kolonialen Forderungen Roms stehen, die Italien für den Eintritt in den Weltkrieg entlohnen sollten. Während Eng­land seinem ehemaligen Kriegsverbündeten ein Sluck des Iubalandes und einige Oasen an der Ostgrenze Lybiens abtrat, beschränkte sich Frank­reich 1919 auf eine bescheidene Grenzberichtigung im Südwesten von Tripolis, die eine unmittelbare Verbindung zwischen Gadamas und Gat gewähr­leistet. Die Grenzziehung im Süden bei Borku v.nb Tibesti blieb offen. Wenn jetzt verlautet. Frankreich habe als Verständigungsgabe eine Gebietserweiterung im Süden Tripolitaniens und ferner das Mandat über Togo oder Kamerun angeboten, so wird gegen den Wert dieses Kö­ders von italienischer Seite geltend gemacht wer­den. daß das in Aussicht gestellte Gebiet ohnehin 1 Italien als Rechtsnachfolgerin der Türkei gehört

Weindorf am Rhein.

Don Peter Bauer

Der kleine Bahnhof fitzt ziemlich einsam in der schmalen Hferebcnc, aus der die beiden Schienen- paare der Bahnlinie wie vier Messer einer riesigen Schneidemaschine in der Märzsonne blitzen. Ein Muster von Eintracht und An­passung aneinander scheint ihre gleichen Zweden dienende Schicksalsverbundenheit. Unb doch ist ihr Gleichlauf nur Schein. Aneinander vorbei geht ihr Weg. Gegensätzlich ist ihr Ziel. Sie sind extremste Antipoden. Feindlich funkeln sie sich gegenseitig an und werden nicht müde, sich die Menschen auf rasend rollenden Rädern einander abzujagen. Grollend und donnernd begegnen sich ihre Züge, in denen das eine Paar Menschen nach Norden, das andere Paar Menschen nach Süden bringt. Daneben läuft friedlich und nach beiden Richtungen offen die mit jungen Bäumen besteckte ilferftrafte einher, die aber von den Dörflern, außer Sonntags, selten begangen wird.

Ihre Interessengebiete liegen hinter dem Bahn­hof. wo die Gassen und Gäßchen in Kurven und Winkelzügen bergan klimmen. Die wenigsten ha­ben Bürgersteige und dann meist so schmale, daß sich Einzelgänger vor einem durchfahrenden Auto zwar hinaufretten oder auch noch, sich seitlich vorbeischiebend, einander ausweichen,_ aber feine zwei Menschen nebeneinandergehen können. Ein­mal führt zwischen einer Häuserlücke einer Gasse, die sich mühsam emporschlängelt, eine steile Stein­st iege aus der einen Kurve in die nächst höhere hinein, um das lange Hin und Her des Weges abzukürzen. Selten ragt eines der gleichmäßig breit und hoch gewachsenen Giebelhäuser über das zweite Stockwerk und damit über die Dächer­flucht seiner Nachbarn beiderseits der Gasse hin­aus. Auch die Holztore, die Haus an Haus schließen, unterscheiden sich kaum voneinander, wenn nicht gerade ihr frischer Anstrich sie wie ein neu eingefügtes Glied einer Kette heraus- leuchten läßt.

Wenn es nicht eben, von einer Stallung her. nach Dung riecht und nach dem Dunst warmer Kuhleiber, wittert man die Nähe der Wein­keller. Der leichte Schwefelgeruch beizt die Lust vor den Kellerluken. An Gasthäusern ist. trotz­dem das Hausgetränk aus eigenem Wingert wohl selten fehlen mag. kein Mangel. Viele Wirt­

schaften behaupten die Edplätze der Gassen, da­mit sie nicht übersehen werden können. Oft stehen vor den Eingangstüren kleine, drei- bis fünf- stufige Steintreppen, die verladender einladen, als eine Leiter im trächtigen, fruchlreifen Obst- baum.

Die beiden Kirchen, die mit Kreuz und Wetter­fahne hinübergrüßen zum Strom und den stolz mit gelassener Kraft ziehenden Schleppzügen und Frachtdanipfern, standen wohl einmal am Ende des Dorfes und auf seinen höchsten Punkten. Heute sind neue Gassen hinter ihnen weiter berg­an geklettert und bis unmittelbar vor das hori­zontweite Rebengelände der Wingerte, das wie ein riesiger. terrassenförmig hinaufgestufter Weingarten die Höhe beherrscht. Er ist des Dorfes höchstes Gut und Kleinod, das die Dörf­ler darum mit dem Wall ihrer Häuser und den Gräben ihrer Gassen und Gäßchen gegen jede, die Ufer oft überschwemmende Hochflut geschützt und gefeit haben. Die braunen Pfähle, die in fast regelmäßiger Entfernung von einander aus einem Weinstück in der gleichen Weise aufragen wie in den Nachbarwingerten. sehen von weitem so kahl und leer aus. daß sie eher dem Tod als dein Leben errichtet scheinen. Selbst in der Nähe gleichen die noch laublosen Reben totem Ast­werk, das verkraust und verkrümmt an den Stä­ben hängt. Erstaunlich, daß in diesen niedrigen, unscheinbaren Gewächsen die Kraft braut und brodelt, die einen ganzen Dusch großer schöner Blätter treibt und ihn mit beerenschweren, hand­langen Trauben behängt.

Wenn der Abendstern rötlich über den Reben­terrassen zu funkeln beginnt, weckt er Hoffnungen und Wünsche, daß sein tröstliches und verheißen­des Licht Segen niederflute und holdes Behüten des Himmels.

OaS Flußpferd als Haustier.

Don einem jungen Flußpferd, das nach man­cherlei Abenteuern in den Berliner Zoologischen Garten kam und dort ein trauriges Ende fand, erzählt ein früherer Derwaltungsbeamter in Afrika in einem Londoner Blatt.Kommen Sie mal her, Fritz!" Diese deutschen Worte drangen durch die offene Tür meines Bureaus, ald ich Imit meinen gewöhnlichen Arbeiten beschäftigt war. Cs war mein Nachbar von jenseits der Grenze, der deutsche Derwaltungsbeamte Herr

von ©lieber, der zu mir sprach:Wie geht's? Leider muß ich plötzlich abreisen, ich bin nach Berlin berufen. Aber, Herr Resident, ich habe eine große Bitte an Sie, seien Sie doch so gut, und nehmen Sie während der Zeit mein kleines Flußpferd aus.Fritz, kommen Sie mal her!", und herein watschelte in mein Bureau das selt­samste kleine Geschöpf und blidte forschend um sich. Fritz hatte etwa die Größe eines großen Schweines und sah auch ähnlich aus: fein Rüden war naß und glänzend. Wie mir Herr von ©lie­ber erklärte, kam er eben von einem Bad im Fluß, und eine der wichtigsten Anweisungen, die er mir gab, war die, daß Fritz wenigstens zwei­mal täglich schwimmen müsse. Der deutsche Be­amte, dessen Verwaltungsgebiet an das meine angrenzle, hoffte, in wenigen Monaten zurück- zukehren, und ich fehle alles daran, um ihm meinen Pflegling gesund und munter wieder überliefern zu können. Ein kleiner Tonnenreifen wurde in ein Halsband verwandelt, und mit Hilfe eines leichten Strides wurde Fritz alltäg­lich feierlich zum Flußufer geleitet. Im Waller lieh man ihm die Freiheit, soweit das möglich war, und nach einer bestimmten Zeil wurde er wieder an Land gezogen. Er war darüber nicht ungehalten und marschierte nachher wieder ver­gnügt in fein Heim, hungrig nach der nächsten Mahlzeit. Da er täglich wuchs und immer kräf­tiger wurde, so hielt ich es für praktisch, ihn zu einer Arbeit zu benutzen, und so wurde er dazu verwendet, das Gartenwasser zu tragen. Zwei gefüllte Kannen wurden an seinem fetten Rüden befestigt, und während sie an ihm her- untcrbaumelten, marschierte er mit festem Schritt daher. Der Gärtner wurde durch diesen eigen­artigen Gehilfen zum stolzesten Mann in ganz Afrika. Dann aber unterbrach ein trauriger Vor­fall dieses Idyll. Ich besaß damals einen Bull- Terrier, den ich sehr liebte und der kein schwä­cheres Wesen angriff, weder ein Kind noch ein Tier. Er behandelte Fritz als Baby und tat ihm nichts. Aber eines Tages mußte er wohl durch das Flußpferd gereizt sein, denn er sprang Fritz an die Kehle und suchte sich festzubeißen. Fritz, nicht imstande, den Angreifer abzuschüt- teln, begab sich in den von ihm so geliebten Fluß, den Hund mit sich schleppend: er tauchte ausgiebig, und als er wieder emporkam, war mein geliebter Hund ertrunken. Als von ©lieber zurückkehrte, erkannte ihn Fritz zweifellos und

kam nun wieder in die Obhut seines Herrn. Im August 1914 mußten von ©lieber und ich, die besten Freunde von der Welt, einander den Krieg erklären. Ich glaubte manchmal, daß eine ©treiffugel aus den Maschinengewehren, mit denen wir ©tiebers Festung beschossen, zufällig den armen Fritz treffen könnte, aber er entrann glücklich dieser Gefahr, wurde nach Europa ver­schifft und kam in den Berliner Zoo. Die Nahrung wurde in Deutschland knapper und knapper. Jede Maßnahme erschien notwendig, um die Hun­gernden von Berlin zu speisen. Fritz wurde getötet und gegessen."

Erdölsuche in Süddeutschland.

In Nord-Bayern ist jetzt ein wahresOel- fieber ausgebrochen, und zwar im Zusammen­hänge mit den Bestrebungen der amerikanischen Industrie, hier neue Petroleumlager zu finden. Wenngleich sich die Bohrungen bisher als er­gebnislos erwiesen haben, so dürfte die Hoffnung auf Erdölfunde in ©üddeutfchland doch nicht un­berechtigt fein. Wie Dr. Rudolf Wager in der Frankfurter WochenschriftDie Amschau" aus­führt. sind es in erster Linie zwei süddeutsche Landstriche, in denen Nachforschungen lohnend sein dürften: das Gebiet nördlich der Alpen und die Rheinebene zwischen Basel und Frank­furt a. M. In Oberschwaben und Oberbayern gibt es eine ganze Anzahl von Anzeichen für das Vorkommen von Petroleum. Schon im Mittelalter war das St- Quirinus - Oel von Tegernsee bekannt, das an der Erdoberfläche austritt, und wurde als Heilmittel verwendet. Auch sonst gibt es kleine Asphattlager. die aus Erdöl entstanden sind- 3m schweizerischen Teil diesessubalpinen Erdölgebietes" hat man bei Solothurn und Aarau Spuren gefunden. 3n der Rheinebene sind besonders die Erdöle bei Pecheibronn im Elsaß schon seit 1785 bekannt, und die Ausbeutung ist jetzt unter französischer Herrschaft so gesteigert, daß 1926 mehr als 60 000 Tonnen gewonnen wurden. 3n den Spal­ten der Gebirge auf beiden Seiten der Rhein- ebene deuten zahlreiche kleine Asphatt-Dorkommen auf Erdöl im Untergrunö. Freilich sind noch viele Fragen durch die Wissenschaft zu klären, bevor das süddeutsche Erdölgebiet neben die norb- und mitteldeutschen Gebiete als Petrvleum- lieferant wird treten können.