Ausgabe 
4.1.1932
 
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Nr. 2 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Montag, 4- Januar 1952

Oie Wett an der Jahreswende.

V.

Amenla-derGlaubigerderWell

Don unsereme.-Derichterstatter.

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Deuyork, Dezeinber 1931.

Der Kongreß hat das Hoover-Fe icr- j a h r , wie das vorauszusehen war, schließlich doch gebilligt, wenn auch nicht, ohne gleichzeitig eine Entschließung zu fassen, die allem Anschein nach die Türe vor allen weiteren Moratorien mit lautem Knall zuschlägt. Denn sowohl das Re­präsentantenhaus wie der Senat haben mit dem Moratorium eine Entschlichung angenommen, die weitere Moratorien untersagt und sich gegen jede Schuldenstreichung ausspricht und zwar in einer Form, die an dem Sinn dieser Cntschliehung auch nicht den mindesten Zweifel läßt. Amerika hat genug von Europa, es will nicht mehr auf Kosten seiner eigenen Steuerzahler Opfer bringen, um den Europäern aus der Patsche zu Helsen. Sollen sie Zusehen, wie sie ohne die USA. fertig werden, ohne den OnkelSanta Claus" (Rikolaus), das der Sena­tor Johnson so hübsch ausdrückte. Und der Prä­sident wird wohl nun nicht umhin können, sich diesem Dolkswillcn zu fügen. Mit weiteren3 n i- tiativen" ist es jedenfalls nichts. Hoover wird entgegen seiner besseren Einsicht die Dinge aus sich zukommen lassen müs­sen...

Wie ist es dazu gekommen? Da es von der Be­antwortung dieser Frage abhängt, wie man die weitere Haltung der USA. in den internationalen Fragen beurteilen soll, lohnt es sich wohl, aus die Ursachen dieser Entscheidung des Kongresses, die so sehr in Widerspruch mit der Haltung Hoo­vers im Sommer steht, hinzuweisen. Zunächst darf man in der Entscheidung der beiden Häuser auf keinen Fall etwa eine Demonstration ge­gen Hoover, oder auch nur irgend so etwas ähnliches wie ein Mihtrauensvotum sehen. Dah einige Unverantwortliche, wie z. B. Macfadden, Hoover maßlos beschimpft haben, ihm vorwarfen, er habe sich bestechen lassen und ähnlichen Un­sinn, ist völlig bedeutungslos. Denn, wenn ir­gendein Präsident in den USA. je eine reine Weste gehabt hat, so hat sie Hoover und das weiß auch der Mann aus der Straße, der, wenn nicht alles täuscht, Hoover im Herbst wohl auch ein zweites Mal zum Präsidenten wie- verwählen wird. Auch irgend so etwas wie eine Eifersüchtelei des Kongresses auf ein allzu selbständiges Dorgehen des Präsidenten darf man in den Dorgängen nicht erblicken: hatten doch die Führer beider Parteien Hoovers Dorschlag aus­drücklich gebilligt, als er im Sommer mit ihnen darüber sprach.

Warum, so wird man dann aber fragen, hat denn niemand von diesen Leuten im Kongreß das Wort ergriffen, um den Dorschlag zu verteidigen, und warum hat man denn so ausschließlich der Opposition das Wort überlassen?

Run, das ist sehr einfach: die Volks stim- mung in den USA. ist seit dem Sommer völ­lig um geschlagen, jeder, der cs gewagt hätte, sich für Schuldenstreichung einzusehen, hätte sich glatt unmöglich gemacht. Die amerikanische Politik wird ja überhaupt in einem Umfang von Schlagworten und blanker Demagoge beherrscht, der in Europa unvorstellbar wäre. Und wie im Sommer der Mann aus der Straße von der 3dec einer amerikanischen Hilse für Europa begeistert war -- weil er sich davon unmittelbare Dorteile für das Geschäft versprach, so ist er heute wie­der wie zu der Zeit, in der Wilson aus Europa zurückkehrtc, wildester Gegner interna- tionalerAbhängigkeitcn oder jeder Hin- einmischung Amerikas in europäische Angelegen­

heiten. Daß das so ist, hat wieder zwei Gründe, die zunächst vielleicht überraschend erscheinen mö­gen. für den Kenner der amerikanischen Politik nichts Reues sind.

Das ist einmal die Tatsache, daß Hoover selbst einer der schärfsten Dcrtreter amerikanischer Autarkie ist. Er vor allem hat immer wieder den Standpunkt vertre­ten, daß Amerika für sich leben könne, daß es kein Interesse am europäischen Geschäst habe, daß die amerikanische Wirtscha^tsdepression durch Stärkung des Binnenmarktes, Erhöhung der Zölle usw. behoben werden könne. Für ihn und die meisten Republikaner ist die Weltwirtschaftskrise eine amerikanische Krise und keine Re- parations- und Schuldenkrise, oder doch nur in ganz kleinem Umfange. Eine Ansicht, mit der er fast ganz Amerika auch heute noch hinter sich hat, da nur der schmale Streifen im Osten des Landes mit Reuyvrk an der Spitze anderer An­sicht ist. Don diesem Gesichtspunkt aus war cs von vornherein unlogisch, daß Hoover überhaupt ein Feierjahr anbot. Aber sein religiöses Ge­fühl Hoover ist bekanntlich Quäker und die Aussicht, daß sein großzügiger Plan der lei­denden Menschheit Helsen würde, gestatteten ihm ausnahmsweise einmal abzuweichcn - aber eben nur einmal, wobei also von vornherein klar war, daß ein zweitesmal keine Aussicht bestehen würde, das Experiment zu erneuern, wenn cs nicht sehr erfolgreich war.

Aber was haben nun die Franzosen aus dem Hooverplan gemacht! Aus einer großzügigen Hilfsaktion, die Opfer von allen forderte, haben die Franzosen ein Sondergeschäft für Frankreich gemacht, für das Frankreich, das mehr und mehr auch in Amerika als Hort der Rüstung und als Störer wirtschaftlicher Erholung gilt. Diesem Lande soll Amerika noch einmal helfen? Und dieses Land verlangt Rachlaß der Kriegsschulden wo Amerika doch, wie das Senator Howell ausführte, den Franzosen die eigentlichen Kriegs­schulden bereits erlassen hat und es sich bei den französischen Schulden nur um die Abzahlung von während des Krieges gewährten wirtschaftlichen Krediten handelt? Rein, man kann es verstehen, dah der Mann auf der Straße dafür kein Derständnis hat und daß man in dem allem nur einen Erprefsungsversuch des unersättlichen und böswilligen französischen Schuldners sehen will. Um dabei von England ganz zu schwei­gen, das sich zwar nach amerikanischer Ansicht färer betragen hat, aber dochso reich" ist. Und diese Ansicht ist eben nicht nur im Dolk verbrei­tet, sondern auch im Senat, wo z. B. Reed darauf hinwies, wie groß und mächtig das Britische Reich auch heute noch ist. Das größte Reich der Welt­geschichte soll nicht zahlen können? Run, das kann man in Amerika jedenfalls niemandem weißmachen!

Die Haltung des Kongresses richtet sich daher auch nicht gegen Deutschland. Selten wurden wohl in einem fremden Parlament so vj^le freundliche Worte über Deutschland ge­sprochen wie diesmal wenn auch nur von Außenseitern, nicht von maßgeblichen Parteileu­ten, was nicht übersehen werden darf. Daß ocr Kongreß so wenig freundlich zu den Bankiers war, die Deutschland Geld geliehen haben, steht auf einem anderen Blatt:Warum haben diese dummen Kerle denn den Deutschen Geld ge­borgt?" Und sind die Bankiers nicht am Ende in der ganzen Welt an der Krise Schuld? Richt nur in Deutschland schimpft man auf die man­gelnde Voraussicht der Banken!

Alles in allem Amerikawünschteben keine Opfer zu bringen, wenn es dafür nicht positive Dorteile eintauschen kann. Cs hat eben selbst eine Wirtschaftskrise im Lande und ganz andere Sorgen. Wenn die Euro­

päer etwas wollen, dann sollen sie sich selbst erst einmal einigen und dann an Amerika herantre- ten das dann nicht verfehlen wird, seine ent­sprechenden Forderungen zu stellen: z. D. auf dem Gebiete der Abrüstung!

Cs ist also zwar noch nicht aller Tage Abend aber eben auch sicher, daß sobald die Dinge in Amerika nicht für eine Schuldenstreichung reif sein werden, und daß es daher noch sehr schwie­riger Derhandlungen und sehr vieler Geduld be­dürfen wird, bis der Engpaß beseitigt ist, in den die Franzosen die öffentliche Meinung Ameri­kas durch chr Verhalten während der Iulikrise hineinmanövriert haben. Es rächen sich eben alle Dinge auf Erden!

Und d i e Lehre für Deutschland? Run doch wohl sehr einfach: Don Amerika wird uns keine Hilfe kommen wir müssen schon sel­ber sehen, wie wir mit den Franzosen fertig werden! Also keine Illusionen!

Kündigung bei der Handwerkskammer.

WSR. D a r m ft a ö t, 2. Ian. Wie wir aus zu­verlässiger Quelle erfahren, ist dem Syndikus der , Handwerkskammer » Rebenstelle Darmstadt, Dr. |

Kollbach durch den Dorstand der H.ss. Hand­werkskammer mit Wirkung ab 31 März d. I. ge­kündigt worden. Der Dorstand der Hess. Hand­werkskammer beabsichtigte bereits vor einiger Zeit die Auflösung der Handwerkskammer-Rcbcnttelle Darmstadt. Begründet wurde diese Absicht mit der Rotwendigkeit von Sparmaßnahmen. Die Doll- Versammlung der Hessischen Handwerkskammer hat jedoch am 1. Dezember 1931 ausdrücklich die Aus­lösung dieser außerordentlich wichtigen Neben­stelle abgelehnt. Um so mehr ist die nun­mehr vollzogene Kündigung von Dr. Kollbach ver- wunderlich, die ohne vorherige Anhörung der an der Rebenstelle interessierten Bezirksverbände Bensheim - Heppenheim, Darmstadt und Groß- Gerau erfolgt ist, obwohl die Kammerfatzungcn bezüglich der Rebcnstellen und ihrer Leitung aus­drücklich ein M i t b e st i m m u n g s r e ch t dersel­ben vorschreiben Die Arbeitsgemeinschaft der Handwerkerbezirksverbände Bensheim-Heppen­heim, Darmstadt und Groß-Gerau hat gegen diese Kündigung sofort Einspruch erhoben, da sie der Ueberzeugung ist, daß Dr. Kollbach als einer der verdienstvollsten hessischen Handwerkcrführcr unbedingt gehalten und unterstützt werden muß.

Senkung der Personentarife.

Vorschläge des Hessischen Verkehrsverbandes und des Hessischen Industrie« und Handelskammertags.

Erfreulicherweise hat die Reichsbahn sofort nach Inkrafttreten der Vierten Notverordnung eine wesentliche Senkung der Gütertarife ein- treten lassen und hierdurch der Wirtschaft eine (£nb lastung auf der Seite der Selbstkosten gebracht. Leider ist indessen von einer zeitgemäßen Senkung der P e r s o n e n t a r i s e der Reichsbahn bis jetzt noch kaum die Rede gewesen. Um diese nicht minder wichtige Frage in Fluß zu bringen, haben der S) c f - fische Berkehrsverband und der Hessi­sche Industrie- und Handclskammcr- t a g in einer gemeinsamen Denkschrift Anregungen gegeben, die des allgemeinen Interesses sicher sein dürfen.

3n der Denkschrift wird betont, daß es gerade die überhöhten Fahrpreise sind, die sich zwangs­läufig im Sinne einer immer weiteren Ein­schrumpfung des Personenverkehrs auswirken müssen

in der Richtung, daß entweder Reisen, die sonst Dorgcnommcn würden, völlig unterbleiben, ober daß doch die Reiseentfernungen stark beschränkt werden. Mit Nachdruck wird daraus hingewicsen, daß keines­wegs etwa ein Beharren bei den derzeitigen Fahr­preisen, deren Höhe in einem Mißverhältnis zu der allgemeinen Preisentwicklung nach unten stehe, ein taugliches Mittel zur Erhöhung der Einnahmen dar- stelle. Vom Standpunkt einer bewußt gestaltenden Vcrkehrspolitik aus gesehen müsse vielmehr festge­stellt werden, daß nur durch zeitgemäße T7t - rifcrleichterungen dem Verkehr ein neuer Austrieb gegeben werden könne. Es wird die Forde­rung erhoben, dem leitenden Grundsatz der Notver­ordnung gemäß auch die Personentarife durch ent­sprechende Herabsetzung der Normalsätze allge­mein um 10 v. H. zu se n k e n.

Weiter werden im einzelnen Vorschläge geinacht hinsichtlich der Handhabung der A b r u n d u n g d e r Fahrpreise, sowie einer zeitgemäßen Anpas­sung der Schnell- und Eilzugzuschläge an die ver­änderten Verhältnisse. Was die Abrundung anlangt, so wird die bisherige, aus der Inflationszeit ent­standene Methode einer Kritik unterzogen: cs sei nicht mehr angängig, in einer Zeit wie der jetzigen die Fahrpreise auf volle 10 Pf., volle 20 Pf. oder sogar auf volle Mark nach oben aufzurunden,

wie es nach den derzeitigen Bestimmungen üblich sei. 1

Es wird vorgeschlagen, die Abrundung nach oben, besser Aufrundung genannt, durchweg nach 5 Pf. vorzunehmen. Die Denkschrift berechnet

die Mehreinnahmen aus dem Personenverkehr, die durch dieAb"rundung erzielt roeröcq, auf die gewaltige Summe von annähernd 20 Mil­lionen Reichsmark,

ein Beweis dafür, wie wichtig die auf den ersten Blick vielleicht als nicht sehr bedeutsam erscheinende Frage in Wahrheit ist. Anschließend wird empfohlen, die bisherigen M i n d c st f a h r p r e i f e der Reichsbahn herabzusetzen, und zwar von 20 Pf. auf 15 Pf. in der 3. Klaffe und von 30 Pf. auf 20 Pf. in der 2. Klasse. Hierbei wird auf die erziehliche Wirkung hingewicsen, die eine solche Maßnahme auf andere Vcrkehrsuntcrnehmen, wie S t r a ß c n b a h ncn, haben müsse. Ferner wird die Wiederherstel­lung eines Preises von 10 Pf. für die B a h n ft e l g. karte angeregt, ebenso eine Ermäßigung der Aus- bcwahrungsgebühren für Handgepäck: auch eine Herabsetzung der G e p ä ck f r a ch t e n empfiehlt fiel) nach der Darstellung der Denkschrift, wobei darauf hingewiesen wird, daß der konkurrierende Kraft­wagen in bequemster Weise, ohne daß der Reisende sich von seinem Gepäck zu trennen braucht und ohne besondere Kosten, das Gepäck mit sich führt.

Hinsichtlich der Schnell- und Eilzugs- Zuschläge empfiehlt die Denkfchrift, an der Er­hebung von Zuschlägen für schnellfahrende Züge grundsätzlich festzuhalten, im einzelnen aber werden weitgehende 'Abänderungsvorschläge gemacht. Der wesentlichste Gesichtspunkt ist der, daß die Dentschrist eine Vereinheitlichung der Zuschläge für sämtliche Klassen vorsieht, wahrend bis­her bekanntlich die Zuschläge für die Polsterklasse -i- doppelter Höhe derjenigen für die Holzklasje er­hoben werden. Gerade diese starke Ueberhöhung der Zuschläge habe zur Folge, daß eine lebhafte innere Abwanderung stattgesunden habe, einmal aus den schnellfahrenden Zügen in die lang­samer fahrenden, dann aber auch aus den Polster­klassen in die Holzklasse.

Durch die Vereinheitlichung der Zuschläge und durch die Anpassung an die Grundsätze der Vor­kriegszeit (damals höchster Schnellzugszufchlag

Kampf auf dem Schreibtisch.

Von Walther Harich.

Der bekannte Literarhistoriker und Dichter Walther Harich ist kürzlich gestorben.

Wenn du denkst: Jetzt geht es nicht mehr länger, dann wird in vier Wochen unerbittlich der Zeit­punkt herannahen, wo es wirklich nicht mehr geht, und dann in vierzehn Tagen bist du ernsthaft vor die Notwendigkeit gestellt, deinen Schreibtisch nunmehr aufzuräumen.

Wir sind keine Kinder auf diesem Gebiet. Daß weder Frau noch Stubenmädchen auch nur in die Nähe dieses Palladiums deiner Persönlichkeit kom­men dürfen, versteht sich längst von selbst. Wir wissen auch, daß strenge Ordnung dort noch herrscht, wo der Unerfahrene bereits das Ehaos vermutet. Eigentlich handelt es sich nicht um eine Ordnung, sondern um deren zwei. Nach doppeltem Gesetz häufen sich die Dinge auf der Platte: nach einem genetisch histori­schen. das die zeitliche Ablagerung der verschiedenen Schichten bestimmt und nach einem systematischen, das eine Art zweckmäßiger Anordnung erstrebt. Beide Gesetze arbeiten teils mit-, teils gegenein­ander. Damit mußt du dich abfinden. Es ist im Leben auch so.

Der wahrhaft gebildete und sich bildende Mensch lieft nicht ein einziges Buch, sondern drei bis zehn. Sie sämtlich aufgeschlagen auf dem Schreibtisch liegen zu haben, empfiehlt sich. Man legt sie zweck­mäßig mit dem Buchdeckel nach oben. So können sie sich am wenigsten bewegen. Ein Buch, das auf dem Bauch liegt, ist hilflos wie eine Schildkröte auf dem Rücken. Drei bis zehn solcher gehandicapter Bücher bilden auf dem Schreibtisch bereits einen artigen Grundstock von Ordnung. Sollten sie dich in allzu aufdringlicher Form zur Lektüre mahnen, warte ge­duldig einige Tage. Dann werden sie in neuen, sich darüber lagernden Schichten versinken, und du siehst sie so bald nicht wieder.

Briefe vom Schreibtisch zu tun, ehe sie beant­wortet sind, widerspricht deiner Höflichkeit. Zwar wirst du sie vorläufig nicht beantworten, aber sie liegen wenigstens, ordentlich übereinander geschichtet, dir immerdar vor Augen und mahnen, ein kleiner Turmbau. Warte nur einige Wochen, und er wird umstürzen, und sich in die übrige Flut ergießen, die mit der Langsamkeit neptunischer Erdbewegungen über den Schreibtisch hinspült. Es gibt da Verände­rungen, die nur in langen Zeiträumen zu beobachten sind. Ein Haufen Briefumschläge z. B., die du dir wegen der darauf befindlichen Adressen aufbewahren mußt, lag vor kurzem noch am Nordufer der Platte. Jetzt ist er um 30 cm ins Innere gewandert. Denke

an Ravenna, das auch einst am Meer lag und nun I eine richtige Landstadt ist.

Du siehst es kommen, und es kommt: daß zwei ängstlich getrennt gehaltene Reiche sich ineinander­schieben: die Rechnungen und die Reklamebroschüren. Sie scheinen dem Wesen nach zusammenzugehören, und wollen sich vereinigen, wie Oesterreich und das Deutsche Reich. Wundervolle Drei-Farben-Prospekte über Mittelmeerreisen, Havanna-Zigarren, Rotweine und Automobile. Du weißt: Einst wirst du ffe doch samt und sonders in den Papierkorb werfen müssen, aber es wäre eine Barbarei, dies sofort zu tun. Du willst es dir noch einige Wochen überlegen, welchen hundertpfcrdigen Wagen du dir kaufen, auf welche Zeitschrift du abonnieren, welchen besonders prels- roerten echten Lindenblütenhonig du dir kommen lassen willst. Leider verkriechen sich die angebrochenen Zigarcttcnfprtons mit Vorliebe zwischen die Preis­listen, und unter die Zigaretten mit it sich tückisch das Futteral der Lesebrille, und der Zigarrenab­schneider und die Tube mit dem Klcbcstoff, und der Radiergummi und der kleine Tischkalendcr, ohne welchen du schon sowieso aufgeschmissen bist. Und nun verkriecht sich das Postgebührenverzeichnis, ohne das du beim besten Willen keine Drucksache und kein Päckchen und keine Zahlkarte mehr ab- schickeii kannst. Sie treiben etwa noch unausgefüllte Schluchten in der Hochgebirgslandschaft deines Schreibtischs nunmehr zu zackigen Gipfeln auf.

Wenn deine Frau finnig und poetisch ist, wird sie dir in diesem Augenblick eine möglichst große Vase mit herrlichen Blumen auf den Schreibtisch stellen. Damit versinkt bann ins Unermeßliche deine Nagel­schere, der letzte Bleistift, die Zigarettenspitze, das Lineal und das Löschblatt. Die vor drei Tagen be­sorgten Theaterkarten zu heute abend, die unbedingt gesunden werden müssen, bringen deinen häuslichen Frieden ins Wanken. Beim Suchen nach ihnen ver­schwindet die ganz oben aufgelegte Einladung zur Hochzeit deiner Kusine, so daß niemals mehr fest- gestellt werden kann, wann die kirchliche Trauung und wann das Essen stattfindet. Die Zeugenvor­ladung zum morgigen Prozeß mit Angabe der Zeit, des Gerichts, des Zimmers siehst du noch einen Augenblick aüfschimmern, ehe sie unwiederbringlich entgleitet. Wie du auch wühlen magst, obenauf liegt immer der Steuerbescheid mit seinen unsympathischen Zahlen, und aus dem tiefen Grunde sprudelt stahl­blitzend eine vergessene Nagelfeile empor, und em altes Notizbuch und dein Reisepaß und ein Fläschchen mit Augentropfen und der Schlittschuhschlüssel und der Korkenzieher, und ein adressierter und frankierter Brief, der vor zwei Wochen abgehen sollte.

Du weißt, was dir bevorsteht! Es ist ja nicht so, I daß du Stück für Stück abtragen und erledigen könn- I test, sondern du wirst dich jetzt im Zickzack durch alle

Schichten hindurchfressen müssen. Alles ist miteinan­der verflochten, greift in das Gebiet der Briefe über, und in das der Bankabrechnungen und der Quittun­gen, und der Skontoberechnungen (siehe oben!) und der geschäftlichen Notizen. Und man braucht nun wirklich einmal den seit der Steinzeit oerschwundegen Bleistift, und die beigelegte Zahlkarte, und den Post- tarif, und die Briefwaage und die Zehnpfennigmarke, und den Umschlag mit der Adresse und den Klebstoff und die Nagelschere und den Radiergummi. Und die zehn aufgeschlagenen Bücher müssen zu Ende gelesen werden, wozu wiederum der Rotstift nötig ist, und der Zettel mit den' Notizen und die Lesebrille und der Platz.

Magd", sagst du zum Stubenmädchen,Sie können eigentlich einmal meinen Schreibtisch ein bißchen ausräumen!" Am nächsten Morgen findest du die Schreibmappe frei, Briefpapier, Postkarten, Marken, zu einem zierlichen Gebinde geordnet, die Bücher'eingestellt, Briefe und Rechnungen reinlich geschichtet. Bleistift, Nagelfeile, Schere, Siegellack, in der Glasschale, die Zigarren im Zigarrenschrank, und die weite Fläche deines Schreibtisches ist durch­aus geeignet, dir Platzfurcht einzuflößen

Wie vor anderthalb Jahren beginnt das neue Geben, und du hast nur noch nötig, den Frauen ein­zuschärfen, daß dein Schreibtisch unter allen Um­ständen zu respektieren ist.

Zeitschriften.

Don der politischen Begabung der Deutschen spricht A. O. Meyer lebendig und eindringlich im Januarheft derZ e i t w e n d e" (C H. Decksche Verlagsbuchhandlung). Mit allem Rachi ruck w ist er die heute oft gehörte Behauptung zurück, wir seien ein politisch unbegabtes Dolk. Zum Beweis erinnert er nicht nur an die hervorragenden Staatsmänner, die unter Dolk hervorgebracht und zum Teil auch anderen Völkern geschenkt hat, son­dern auch an eine gewaltige Leistung des ge­samten Dolkes: die deutsche Ostkolonisation im Mittelalter. Wenn dieses Dolk gleichwohl in der jüngsten Dergangenhcit politisch versagt hat, so liegt das nicht an einer angeborenen politischen Unfähigkeit, sondern än seinem besonderen ge­schichtlichen Schicksal: In der entscheidenden Zeit seiner Entwicklung ist cs nicht wie die anderen europäischen Dölker durch Druck von außen zur Ausbildung seiner politischen Fähigkeiten und zum geschlossen nationalen Willen erzogen worden. Es ist zu hoffen, daß die ungeheure Rot der Gegen­wart nachholt, was frühere Jahrhunderte ver­säumten, und daß dann niemand mehr von unserer politischen Unfähigkeit zu reden wagt.

Das Bnefmarkenjahr 1931.

Das vergangene Jahr hat dem Briefmarken­sammler alles gegeben, was sein Herz begehrte: genug neue Ausgaben, darunter einige sehr schöne und allerlei Seltenheiten, die zu erringen sein Ehrgeiz nicht müde wird. Rach einer vorläufigen Zählung sind in diesen zwölf Monaten 1617 neue Marken ausgegeben worden, von denen ein Drit­tel auf die europäischen Länder entfällt. Einige dieser Marken sind von hervorragender Schön­heit und stellen Höchstleistungen des künstleri­schen Entwurfs und der Reproduktionstechnik dar. Reue Länder treten in den Alben auf, so z. B. Südweftafrika, das sich bisher mit einem Uebcr- druck der Marken der Kap-Kolonie begnügt hatte, nun aber seine erste eigne Serie veröffentlicht hat. Ein ganz neues Markenland ist der kleine indische Staat Morvi, der vier eigene Marken herausbrachte. DerGraf Zeppelin" hat Ge­dächtnismarken an seine erfolgreichen Fahrten in diesem Jahre in den verschiedensten Ländern ge­schaffen, und russische wie ägyptische, südameri­kanische wie isländische Postwertzeichen erzählen von seinen Flügen. Besonders zahlreich sind die Ausgaben Frankreichs, das in mehr als hundert Marken der Welt von seinen Kolonien und feiner großen Kolonial-Ausstellung in Paris Kunde gab. Bei so manchen dieser Marken-Ausgaben hat mehr das Geschäst als das Bedürfnis Pate ge­standen. Am originellsten ging Finnland vor. Die Regierung wünschte eine Markensammlung zu kaufen und brachte eine eigene Marke heraus, um die Briefmarkensammler der Welt zum Kaufen zu veranlassen und dadurch die Mittel für ihre philatelistischcn Pläne aufzubringen. Die großen geschichtlichen Ereignisse des Jahres spiegeln sich in der Markenwelt. Die spanische Republik hat zunächst die Marken, die das Bildnis des Kö­nigs Alfons tragen, durch Ueberdruck für ihre Zwecke benutzt und ist jetzt eifrig dabei, eigene Ausgaben zu schaffen. Brasilien und Argentinien feierten Revolutionen durch Marken, während Abessinien die Krönung seines Kaisers zunächst durch den vorläufigen Ueberdruck der umlaufen­den Postwertzeichen, dann durch eine eigene Krö­nungs-Serie und schließlich durch eine dritte Aus­gabe für den gewöhnlichen Gebrauch dem Ge­dächtnis des Sammlers cinprägte. Wenn Abes­sinien in diesem Tempo mit der Schöpfung neuer Marken fortfährt, dann wird es den Sammlern noch sehr lästig werden. Auch Italien liefert eine reiche Briesmarkenernte 1931, versöhnt aber den Sammler mit der Fülle seiner Gaben durch künstlerische und technische Dortrefslichkeit seiner neuen Marken.