Samstag, 3. September 1932
li tischen Kreisen will man von einer privaten Initiative des österreichischen Bundeskanzlers bei den Regierungen der Nachfolgestaaten in der Richtung eines einheitlichen Präseren-regimes im Donauraum wissen. Deutschland aber schweigt.
Das österreichische Lausanne bedeutet — daran ist kein Zweifel — eine schwere Schlappe der grohdeuischen Arbeit hüben und drüben. Wir können aber und wollen es nicht glauben, daß die Tatsache der Volksdeutschen Verbundenheit vor dem politischen und wirtschaftlichen Opportunismus der Wiener Regierungsstellen unö der unverständlichen Passivität der maßgebenden reichsdeutschcn Organe auch weiterhin kapitulieren wird. Mit Hilfe eines österreichischen Parlaments, dessen Zusammensetzung längst nicht mehr dem Dolkswillen entspricht, und mit Hilfe einer Partei, die sich von der katholischen Schwesterpartei im Reich den Verrat des volksdeutschen Gedankenguts vorwerfen lassen müßte und die mit den letzten verzweifelten Mitteln eine Machtkonstellation zu retten versucht, konnte der Schandvertrag von Lausanne Wirklichkeit werden. Run heißt es, die Front der Anschlußfreunde und der Streiter für den volks- deutschenGedanken stärker und fester denn je zusammenzufügen zum Kampfe für Freiheit und Recht des geeinten Deutschland.
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesseu)
Ur. 201 Zweites Blatt
Handschellen für Oesterreich.
Don Artur Kornhuber, Men.
An demselben Tage, an dem Altbundeskanzler Dr. Schober zur ewigen Ruhe geleitet wurde, hat der österreichische R a t i o n a l r a t das Lausanner Anlciheprotokoll gegen den Einspruch des Bundesrates mit Veharrungs- beschluh endgültig verabschiedet. Die an tragischen Momenten überreiche Geschichte des jungen deutschösterreichischen Staates scheint auch dies so gewollt zu haben: nach der Rettung des um die parlamentarische Mehrheit ringenden Bundes- kanzlers Dr. Dollfuß durch den Tod Seipels vor knapp drei Wochen nun die Aufrichtung der französischen Hegemonie in der deutschen O st m a r k an der Bahre desjenigen Mannes, der das glühende Bekenntnis zu Groß- deutschland zur Maxime seines politischen Han- deins gemocht hatte, wie kein österreichischer Staatsmann der letzten 12 Jahre vor ihm. Frankreichs Rache für die Zollunion, die jetzt mit dem neuerlichen Anschluh- verzicht Oesterreichs für weitere zwan- ?ig Jahre in der politischen Präambel des Lau- anner Vertrages ihre Verwirklichung gefunden hat, erfährt so unter der Regie eines unerbittlichen höheren Schicksals eine tragische Rote: Schober ist nicht mehr, und mit ihm werden auch die Hoffnungen begraben, für absehbare Zeit eine mitteleuropäische Wirtschaftslösung durchzuschen, die Deutschlands und Oesterreichs organischer Verbundenheit Rechnung
Wenn auch der Kampf um Lausanne noch nicht hundertprozentig für Dollfuß entschieden ist und als letzter Versuch von grohdeutscher Seite die Frage einer Volksabstimmung aufgeworfen werden dürfte, so ist doch schwerlich damit zu rechnen, daß sich an der gegenwärtigen Situation etwas ändert, und es erhebt sich daher die Frage nach dem: Was nun? für Oesterreich. Daß die Anleihe, wirtschaftlich gesehen, nur eineSchein- Hilfe bedeuten würde, daß nach Abzug des Hundert-Millionen-Kredits der Dank von England und des 90-Millionen-Borschusses der DIZ. der verbleibende Rest von 60 Millionen bestenfalls dazu hinreichen würde, für einige wenige Monate der Finanzschwierigkeiten Herr zu werden, und dies auch nur unter der im Lausanner Protokoll ausdrücklich ausgeschlossenen Voraussetzung, daß das bestehende Transsermoratorium weiter aufrechterhalten bleibt, ist bei früheren Gelegenheiten bereits zur Genüge dargelegt worden. Der Anleiheerlös würde nach der parlamentarischen Genehmigung der Beteiligung in denjenigen Staaten, deren Regierungen sich zur Uebernahme der einzelnen Tranchen entschlossen haben, frühestens im Oktober oder Rovember Oesterreich zur Verfügung gestellt werden können, und um die Jahreswende würde man in diesem Lande mit Sicherheit wieder vor der heutigen unhaltbaren Situation stehen.
Der größte Schwindel, der nun also unter der Führung der „Reichspost" dem deutschen Volke in Oesterreich vorgemacht wird, ist die Begründung dieser Anleihe mit nationalen Rotwendig- keiten. Rational im besten Sinne des Wortes wäre die seit Jahr und Tag von allen einsichtigen Persönlichkeiten als einzige Rettung des Staates vor der Versklavung erkannte wirtschaftliche Selb st Hilfe gewesen. Lausanne dagegen bedeutet die Schaffung aller Voraussetzungen auf dem Wege zur mitteleuropäischen Wirtschaftslösung von Frankreichs Gnaden und die Regierung wirtschaftsorganischerVerbun- denheiten mit dem deutschen Mutte r l a n d e. Denn daß das österreichische Problem in seinem ständigen wirtschaftlichen Aus- blutungsprozeß gesehen werden muß, daß man mit der These der Lebensfähigkeit dieses Zwangsstaates nicht weitertommt und daß es auf die Dauer nicht angeht, das jährliche Passivum der ö st erreich i f chen Zahlungsbilanz in der Höhe von
300 bis 500 Millionen Schilling aus Anleihen zu decken, das haben seit den Tcrgen des Kampfes um die deutsch-österreichische Zollunion auch die Franzosen zur Genüge crtannt. Oesterreich müsse finanziell geholfen werden, schrieb vor einigen Wochen der vom Quai d'Orsay inspirierte „Temps", damit es nicht zusammenbreche, ehe der französische Donau-Plan verwirklicht werden könne, und der in diesen Tagen in Wien weilende französische radikalsozialistische Deputierte Andre Fribourg dürfte als Berichterstatter des Auswärtigen Ausschusses der Pariser Kammer für die mitteleuropäischen Fragen in seinen Unterhaltungen mit dem österreichischen Bundeskanzler keinen Zweifel darüber gelassen haben, in welcher Richtung die Absichten Frankreichs hinzielen. Aber nicht nur die französisch« Presse führt die üble Dertuschungstaktik der Wiener christlichsozialen Parteipresse gehörig ad absurdum, auch in der Schweiz mehren sich nun die kritischen Stimmen, die gegen eine Finanzhilfe für Oesterreich ohne gleichzeitige entsprechende Lösung seines Wirtschaftsproblems und ohne radikale Sanierung seiner staatlichen Finanzgebarung auftreten. Die redaktionelle Stellungnahme der „Reuen Zürcher Zeitung" in den letzten Tagen zur Frage der Schweizer Beteiligung an der Anleihe für Oesterreich läßt deutlich erkennen, daß sich auch hier immer stärkere Bedenken dagegen geltend machen, zugunsten eines „an Schwindsucht leidenden Oesterreich" notleidend gewordenen Anleihen neue Gelder nachzu- werfcn, so lange das organische Hebel nicht beseitigt ist.
Was soll dies alles heißen? In der Rümmer 43 der klerikalen österreichischen Monatsschrift „Das neue Reich" hat ein bekannter Mann der österreichischen Christlichsozialen, der Chefredakteur des „Tiroler Anzeigers" Klotz, ganz offen ausgeführt, daß Oesterreich die neue Anleihe gegen die Verpflichtung zugesichert erhalten hat. seine Widerstände gegen den französischen Donauplan aufzug-ehen, und uns will scheinen, als wenn die deutsche Außenpolitik sich nun bald schwarz auf weiß die Bestätigung dafür wird holen können, daß in Lausanne und in Genf in der österreichischen Anleihefrage unverzeihliche Fehler begangen wurden. Man kennt den Artikel 9 des Lausanner Protokolls, der dem Völkerbundsrat das Recht gibt, in Zukunft mit Mehrheitsbeschluß, d. h. mit einer Mehrheit, die, wie die Dinge liegen, für lange Zeit immer eine französische Mehrheit sein wird, in der österreichischen Frage zu entscheiden, und man_ weiß, daß diese Bestimmung, wird sie nicht geändert, einzig und allein gegen De utschland oder gegen Italien gerichtet ist, gegen jene Staaten also, die aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ein einheitliches Präferenzsystem der Donaustaaten ohne ihre Einbeziehung ablehnen müssen. Man hat aber bisher nicht gewußt, daß nicht im Genfer Protokoll-von 1922, sondern im besonderen Anleihevertrag von 1923, der zwischen Oesterreich und den Signatarstaaten der ersten Dölkerbundsanleihe abgeschlossen wurde, folgender Artikel enthalten ist:
„Die österreichische Regierung ist mit Zustimmung der Treuhänder und des Kontrollkomitees berechtigt, jederzeit nach dem 1. Juni 1934 und dann wieder bei mindestens sechsmonatiger vorheriger Kündigung, wobei die Kündigungsfrist an einem Halbjahrstermin endigen muh, > an welchem die Zinsen fällig werden, die Gesamtheit der noch nicht eingelösten Anleiheabschnitte irgendwelcher Anleihetranchen, die in irgendeinem Lande begeben wurden, zurückzu- zahlen."
Dieser Artikel, der bezeichnenderweise weder im Kampfe um die deutsch-österreichische Zollunion, noch in den letzten Wochen zur Kenntnis der Oeffentlichkeit gelangte, besagt also nichts weniger, als daß Oe st erreich das Recht hatte, schon am 1. Juni denRest der Anleihe von 1 9 22 zurückzuzahlen und sich damit auch ein- für allemal der politischen Ver
pflichtungen des ominösen Genfer Protokolls zu entledigen, die bekanntlich nicht nur als Anlchlußverzicht, sondern auch als Verbot einer rein wirtschaftlichen Einigung mit dem Deutschen Reiche vom Haager Gerichtshöfe ausgelegt wurden und den Fall der deutsch- österreichischen Zollunion zur Folge hatten. Hm so verständlicher wird jetzt die Geheimniskrämerei und Augenauswischerei, mit der Herr Dollfuß und die Seinen die Lausanner Handschellen für Oesterreich vorbereiteten, um so größer wird aber auch dersranzösischeSieg. der eine immerhin mögliche Ausrottung der deutsch-österreichischen Zollunion nach dem 1. Juni 1934 zuschanden macht.
Am 5. September wird in Stresa unter dem Vorsitz des französischen Ministers a. D. George Donnet das von der Lausanner Konferenz eingesetzte Komitee für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Mittel- und Osteuropas zusammentreten. Man wird abwarten müssen, ob die Regierung Dollfuß nun auch den Vorhang vor dem letzten Akte des österreichischen Trauerspiels hochgehen lassen wird: dem Eintritt dieses deutschen Staates in eine Donau- f öderation unter französischer Patronanz und unter Ausschaltung Deutschlands. Anzeichen hierfür sind vor- Händen: denn in Budapester wohlinformierten po-
Die Jagd im September.
Blauen wolkenloser Himmel wölbt sich nach kalter, tauiger Nacht über dem Stoppelfeld. Im Kartoffel- oder Rübenfeld hudert das Hühnervolk. Die Ketten sind beflogen, die Hühnerjagd geht auf, die im Niederwildreoier dem Weidwerk im September ihren Stempel aufdrückt. Der langersehnte Augenblick kam heran, wo der brave Hund, der seither meist zum Nichtstun verurteilt war, wieder Arbeit findet. In flotter Suche nimmt er das Feld, sein Nachziehen und Borstehen schenken seinem Herrn Bilder, die das Weidmannsauge erfreuen, nach sauberem Schuß bringt er das Huhn. Bei keiner Iagdart ist die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Hund so ausgeprägt, wie gerade bei der Hühnerjagd, die dadurch für viele Jäger erst ihren besonderen Reiz bekommt. Wenn der Schein nicht trügt, dürsten die Aussichten für die Hühnerstrecken nicht schlecht sein. Leider lassen die Art und das Ausmaß des Abschusses in manchen Revieren sehr zu wünschen übrig. Es entspricht alter Erfahrung in gut gehegten und deswegen auch meist gut besetzten Hühnerrevieren, daß die einzelnen Ketten nicht stärker als bis auf sieben bis acht Stück abgeschossen werden sollen. Der Winter nimmt sowieso noch seine Opfer weg, und der Rest ist als Paarhühner für das Folgejahr nötig, wenn der Be- fatz gut bleiben soll.
Konnten früher mit den Hühnern zusammen ge- legentlich auch die eine ober andere Wachtel geschossen werden, so sei besonders darauf hingewiesen, daß die Wachtel jetzt in Hessen nicht mehr zu den jagdbaren Vögeln gehört und das ganze Jahr geschützt ist. Die veränderten Kulturformen der Landwirtschaft haben ihren Bestand derart dezimiert, daß es fast eine Seltenheit ist, wenn man am Sommermorgen noch einen Wachtelhahn schlagen hört, oder wenn im Herbst der Hund vor einer Wachtel steht.
Die Jagd auf den Fasan geht in Preußen Ende September auf. Maßgebend sind dabei die Beschlüsse der einzelnen Bezirksausschüsse. In Hessen dagegen hat dieses schöne Wild noch während des ganzen Monats und währ?nd der ersten Hälfte des Oktobers Schonzeit. Es sei darauf besonders hingewiesen, da früher Hühner und Fasanen gleichzeitig gejagt werden konnten.
Die Wildtauben treten in starken Flügen auf und dürfen geschossen werden.
Auch Waldschnepfe und Bekassine tonnen vor dem Hund erlegt werden.
Die Entenjagd bildet auf Seen und Flüssen eine besondere Weidmannsfreude.
Während sich so im Niederwildrevier das Jagd
jahr immer mehr der „Erntezeit" zuneigt, beginnt im Waldrevier die hohe Zeit des Königs der Wälder. „Zu Aegide (1. September) tritt der Hirsch in die Brunft", sagt ein alter Jägerspruch. Zwar ist diese noch nicht wirklich im Gange, aber schon rudctt sich das Wild zusammen und wandert allmählich den altgewohnten Brunftplätzen zu. Auch der starke Hirsch, der in der Feiste sprichwörtlich heimlich war und nur allein stand oder mit wenigen seinesgleichen seine Fährte zog, tritt zum Rudel. Wenn dann der Monat sich seinem Ende zuneigt, pflegen auch bei uns nach kalter Nacht die Hirsche schon zu melden, wenn auch die Brunst meist erst Anfang Oktober ihren Höhepunkt erreicht. Wem es vergönnt ist, als hirschgerechter Jäger noch auf den edlen Hirsch in der Brunftzeit in deutschen Wäldern zu weidwerken, dem winkt die Krone der deutschen Jagd.
Im Damwildrevier stehen die Schaufler noch in der Feiste. Die Pürsch auf den starken Schaufler, in ihren Schwierigkeiten meist verkannt, stellt hohe Anforderungen an jagdliches Können und schafft deswegen auch besondere Jagdfreude.
Das Schwarzwild sucht mit Vorliebe die Kar- toffelfelber auf. In vielen Feldrevieren wird ihm ohne nächtlichen Ansitz an den Feldern, wo es zu Schaden ging, nicht beizukommen fein.
Die Brunft des R e h w i l d e s ging zu Ende. Der in dieser Zeit stark abgekommene Bock ist meist sehr heimlich und geht wenig um sich, um bann aber im September gewöhnlich Wechsel unb Zeit bes Austretens so regelmäßig einzuhalten, wie im Mai. Allerbings wirb ber Abschuß in ben meisten Re- vieren beenbigt fein. Gegen Gude des Monats verfärbt das Wild und legt feine graue Winterbecke an.
Der Hase hat noch überall Schonzeit. Bei Ausübung ber Hühnerjagd werben in Rüben- ober Kar- toffelfetbern Junghäschen gefunben werben, deren Eltern oft schon dem ersten Satz dieses Jahres an- gehören.
Der Dachs ist feist und lohnt nun schon die Jagd. Wenn er heute auch meist weitgehende Scho- nu'ng genießt, so dürfte sich in Niederjagdrevieren doch empfehlen, seine Zahl in gewissen Grenzen zu, halten. Dies gilt vor allem für Reviere, in denen man Fafanen hvchbringen will.
Jrn Septenzber setzt in verstärktem Maße der Vogelzug ein. Es dürste sich empfehlen, daß sich die hessischen Jäger darüber klar sind, daß alle Raubvögel außer Habicht und Sperber den Schuh des Gesetzes genießen, das den Erleger mit empfindlichen Strafe bedroht. Hubertus.
0er Onyx.
Don Lina Siaab.
Ich muß von Kind an der Magie des Wortes verfallen gewesen fein. Erinnere ich mich doch einer fast krankhaften Liebe unb Abneigung, die mich beim Klang bestimmter Worte beglückte unb quälte schon aus jener Zeit, ba man nur die alltäglichsten Worte versteht unb nur wenig schöne und seltsame selbst zu eigen hat. Damals bildete ich mir unverständliche, mir aber wunderbare Silbenklänge, 'später waren es 'Blumennamen, die mich sonderbar gefangen nahmen unb ich erinnere mich, baß ich einige Blüten nur um ihres Namens willen liebte. Da war bie Clivia: das war eine schöne und sehr stolze Prinzessin. Rhododendron: das war ein König, der zaubern konnte. .. ■
Später waren es Namen von Städten, Fluffcn, Bergen, deren Klang mich glücklich machte und entrückte, auch Namen von Sternen und Sternbildern — wie merkwürdig waren mir bie Worte Arkturus, Kassiopeia — beschäftigten mich sehr.
Als ich lesen konnte unb meine Ferien verlas und verträumte, verstärkte sich diese Leidenschaft noch. Jetzt begann ich auch das Wortbild zu lieben, besonders jene Worte mit seltenen Buchstaben. Am meisten Netzte ich das X unb P.
Einmal las ich in einem Märchen von einem König, ber trug einen Zauberring mit einem Onyx. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen, aber das Wort bewegte mich seltsam. Man konnte es rasch sprechen, dann war es eine lässig hingeworsene Gabe. Wenn man es langsam b-chute, war es eine dunkle Beschwörung. Es setzte sich in mir fest, ich muhte es zuletzt immer sprechen, wie von einer unbekannten Macht dazu aufgefordert, ich litt darunter, wie unter manchen Träumen, bie lange Zeil hin- burd) jebe Nacht wiedcrkamen. Bis ich die unver- ftanbenen Träume xunb bie innen gesprochenen Worte unter Lauterem, wenn auch Unwichtigerem verlor. Den Onyx sand ich nach langen, langen Jahren wieber, ober er fand mich. Das ist nie so ganz sicher.
Ich fuhr zu einer Heinen Operation in eine anbere Stadt, die Gewißheit einiger Tage Schmerzen, aber auch Freiheit, Entflohenfein aus quälendem Gebundenfein an Uhr und Pflicht mit mir tragend. Das entschied meine Stimmung, bie gelöst und horchend und bereit war. Am Abend vor ber Operation ging ich selig und beschwingt auf ber Anhöhe über bem Fluß hin. Bäume blühten zart und silbern, die Luft war Streicheln und Liebkosung. Mit ben ersten Schatten stieg ich in die alte Stadt
hinab, bejah, ohne eigentlich zu sehen, Schaufenster und tarn so zu einer Antiquitätenhandlung.
Es ist eine meiner Leidenschaften, diese Läden zu durchstöbern, wo Wert und Unwert bunt sich stapelt und an jedem Stück doch etwas wie Schicksal haftet, weil jedes schon einmal in Beziehung stand zu einem Leben, das ins Dunkel glitt oder noch weiter im Tag steht. Ich besah mir alles im Fenster, in der Dämmerung war jedes Stück schön und geheim, nisvoll. Die alten Dinge wurden noch älter. Eine wunderschöne Brosche betrachtete ich immer wieder: ein ganz schmaler Goldreif, in ben ein feines Ornament graviert war. faßte einen großen schwarzen Stein, ber bunfel blitzte. In feiner Mitte saß, wieber rounberbar zierlich gefaßt, eine winzige Perle, beren Zartheit ben Stein noch schwärzer, magischer machte.
Ich fragte in bem Laden nach der Brosche. Noch erinnere ich mich des wunderlichen, langanhaltenden Geläutes ber Labenglocke, das mir den Eintritt fast feierlich machte. Ich ließ mir die Brosche zeigen und als ich beim Preis etwas zögerte, sagte die Verkäuferin: „Ja, es ist auch ein echter Onyx."
„Was ist es?" fragte ich erregt, weil mit einem Male das Wort mir verkörpert entgegentrat, als hätte es in der Stille und Vergessenheit in mir langsam Form gewonnen wie ein Kristall.
„Ein Onyx."
,^Jch nehme die Brosche."
Was tat es schon, daß sie viel zu teuer für mich war... Ich bezahlte ja gar keine Brosche, ich opferte dafür, daß ich einen Kindertraum wiedergefunden hatte. .
In dem freundlich-unperfonlichen Zimmer Der Klinik legte ich meinen Onyx auf den Nachttisch wie einen Talisman. Der Morgen war wüst unb voll Schmerzen unb Quälereien, — aber als mich die Schwester bann in mein Zimmer trug, ba sah mich vom Nachttisch mein Onyx an wie ein fester, guter Blick Unb ehe ich mich ausstreckte, um meine Betäubung auszuschlafen, steckte ich mir den Onyx an das Nachthemd.
Ich trug ihn in jeder Stunde dieser Tage in der Klinik bie ich zu den reichsten und schönsten meines Lebens zählen muß, die weit und voller Ereignisse waren wie ein langes Jahr. Ich wußte und weiß es noch heute, wenn auch viele lächeln mögen, daß dies alles kein Zufall war: daß, noch ehe ich mich von bem ersten, erlöfenben Schlaf in die Arme nehmen ließ, jemand, den ich sehr ersehnt hatte, mir roi'a Rosen auf die Decke legte, Rchen, deren sanfte Kühle ich immer noch in ben Händen fühle, wenn ich müde und elend bin, — daß ich m diesen Tagen von fernen Menschen Briese bekam, die ich unter den wenigen, bie ich des Aufhebens für wert halte,
verwahre, — daß mir Bücher in die Hände gerieten, die zu meinen schönsten Bucherlebnissen wurden —, daß mir Verse gelangen und daß ich von einer langen inneren Bedrückung frei wurde.
Nein, das alles war kein Zufall. Es war der Stein aus dem Zauberring des Königs, es war mein Onyx, der alle Versprechungen aus der Kindheit erfüllt hatte.
Ich trug ihn auch, als ich das erstemal in der fremden Stabt wieber hinaus durfte in den Frühling, dessen Bäume nicht mehr ganz so zart und silbern waren unb besten Vögel schon lauter unb erweckter sangen. Am Abenb war ich sehr müde unb sah nicht mehr nach der Brosche. Als ich sie am nächsten Tag an meinem Kleid suchte, war sie nicht mehr ba. Ich hatte meinen Onyx verloren.
Zuerst war ich sehr traurig darüber. Dann aber begann es dunkel und geheimnisvoll in mir zu glänzen wie jener schöne geschliffene Stein. Ich belaß wieder wie in meiner Kindheit nur das Wort, die rasch und lässig hingeworfene Gabe, die dunkle Beschwörung. Sie gehörte mir dort, wo einzig jeder Besitz sicher ist unb aus jebem Zufall und jeder Bedrohung gerettet. Ich besaß unverlierbar die reichen Tage im Zeichen meines Onyx.
Ich habe vieles so erträumt, besessen und wieder verloren. Und wenn es erlitten war und in jenes einzig sichere Bereich gerettet, dann habe ich lächelnd an meinen Onyx gedacht.
6ocfrfd)ulnad)rid)fen.
Der Literarhistoriker an der Hniversität Breslau, Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. Theodor Siebs, beging kürzlich seinen 7 0. Geburtstag. Geheimrat Siebs hat sich in weiten Kreisen Deutschlands und des Auslarrdes dadurch bekannt gemacht, daß er seit dem Jahre 1897 Verhandlungen aller deutschen Bühnen (des Deutschen Bühnenvereins und der Genossenschaft deutscher Dühnenangehöriger) mit hervorragenden Vertretern der deutschen Sprachwissenschaft anregte und eine einheitliche deutsche Aussprache festlegte. Im Übrigen hat Geheimrat Siebs eine ganze Reihe fachwrssenschaf^ licher Arbeiten aus dem Gebiet der Sprach- und Literaturgeschichte veröffentlicht.
Professor Dr. Hans K a r 1 i n g e r m A a $ e n hat den Ruf auf den Lehrstuhl der Kunstgeschichte an der Technischen Hochschule m München als Rachfolger von Professor Popp angenommen
Profofsor Dr. Willy T heil er in Kiel hat den Ruf auf den Lehrstuhl der klassischen Philologie in Königsberg als Rachsolger von Professor Harald Fuchs angenommen.
Zeiischnften.
— Mit dem Septemberheft wird wieder ein Jahrgang der bekannten Münchner Monatsschrift „Die Kunst" (Verlag F. Bruckrnann AG., München) vollständig. „Die Kunst" ist ihrer Aufgabe, das gute Reue zu fördern, aber auch das anerkannte Alte zu hüten, durchaus gerecht geworden. 3n dem neuen Heft, das mit einem farbigen Kunstblatt eröffnet wird, kommt die Aquarettmalerei zu ihrem Recht. Aquarelle Max Hnolds geben den bildlichen Rahmen. Dann werden die Werke des jungen Künstlers Eugen Ber- man besprochen. Dem Gedächtnis Hans Leinbergers, des niederbayerischen Meisters der spätgotischen Bildschnitzerei, ist ein illustrierter Aufsatz gewidmet Es folgt ein Gang durch die Münchner Kunstausstellung 1932 im Deutschen Museum, ebenfalls mit vielen Bildern erläutert. Die Werlbund-Ausstellung in Wien zeigt kleine Einfamilienhäuser und Siedlungsbauten, die sich durch vorbildliche Aufteilung der Wohnräume auszeichnen: auch die Inneneinrichtung dieser Häuser wird gezeigt. Der zeitgemäße Garten, neue Beleuchtungskörper, Lichtpsychologie der neuen Wohnung, Gebrauchsporzellan, Schmuckarbeiten usw. runden ben Eindruck des reichhaltigen Heftes.
— Immer weiter dehnt bie Photographie ihren Wirkungsbereich aus. Was noch vor wenigen Jahren in bas Gebiet bes Hnmöglichen verwiesen worden wäre, ist heute schon fast selbstverstäiw- lich« Wirklichkeit geworden. Jetzt macht sich du- Photographie auch die infraroten Strahlen (Wärmestrahlen) zunutze, welche Fähigkeit besitzen, den Luftraum besser zu durchdringen Was diese Photographie mit Wärmestrahlen leistet, zeigt ein Beitrag „Aus der Photographie des Hittichtbaren" von G. v. Kujawa im neuesten Heft ber Leipziger „I11 u st r i r ten Zeitung" (Verlag I. I. Weber). — Den Sportler wird in diesem Heft besonders bie „Olympia-Bilanz von Los Angeles" interessieren. Außerdem findet der Leser neben einer ausführlichen tagesgeschichtlichen Berichterstattung und einer reichhaltigen Unter- haltungebeilage illustrierte Artikel wie „Die neue Glockner-Hochstrahe", „Tetuan und seine weiße Stadt", ferner einen Bericht von der internationalen Kunstausstellung in Venedig mit vielen Reproduktionen: schließlich einen lesenswerten Aufsatz „Masse Mensch unb seine Reigung zum Unfall".


