Ur. 180 Erstes Blati
182. Jahrgang
Mittwoch, 3. August (952
Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild • Die Scholle monats=Be$ng$pteis:
Mit 4 Beilagen RM. 1.95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr .. „ -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt.
Hernsprechanschlüffe unter Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnach» richten: Anzeiger Siehrn.
Postscheckkonto: Zrankfurt am Main 11686.
SietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Vrvck und Verlag: vrühl'sche Univer^läls Buch- tmö Zteindruckerel R. Lange in Giehen. Zchriftlettung und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7.
Annahme oon Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20°,n mehr.
Chefredakteur:
Dr. Friedr. Will). Gange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Giehen.
Die Veteranenarmee in Washington.
Von Dr. Otto H. F. Dollbehr.
(RachDruck, auch mit Quellenangabe, verbotenI)
ADR.: Die nach Absendung dieses Berichtes überraschend duvchgeführte rücksichtslose ZerstörungunDVerbren- nung des Veteranenlagers vor Washington erhöht nur noch die Bedeutung der in folgendem 2lufsah angekün- digten Gefahren. Die Schlacht, die Washingtoner Polizei und amerikanische DunDes- truppen den Veteranen geliefert haben, hat die amerikanischen Soldaten des Weltkrieges offenbar endgültig zu Märtyrern ihres umstrittenen Rechts gemacht. Die Deteranen- bcwegung ist durch die Erstürmung und Verbrennung des Deteranenlagers nicht beendet — sie scheint einen neuen Auftrieb bekommen zu haben.
Washington, Suli 1932.
Roch habe ich den rhythmischen Gleichklang genagelter Soldatenstiefel im Ohr wie er stundenlang die mitternächtige Stille um das Weihe Haus herum bedeutungsvoll unterbrach. Es war meine letzte Rächt in Washington und die unmittelbare Nachbarschaft meines Hotels gestattete mir, den geisterhaften „Todesmarsch" der zerlumpten Gestalten zu beobachten, die gewissermaßen aus dem Düster ihres Daseins auftauchten, um dann wiederum in das Düster ihrer unmittelbaren Zukunft unterzufinken. Diese „Bonus-Armee" ist vielleicht Das deutlich st e Zeichen der amerikanisch en Lage von heu te. Diese Veteranen Des Weltkrieges sehen sich durch die Rot getrieben, Hilfe da zu suchen, von wannen sie ihnen kommen soll, nämlich vom Kongreß, der allein über die Geldkatze Onkel Sams verfügt. Seit Wochen lagen sie vor den Toren der Bundeshauptstadt in einem Sumpfgelände unter notdürftigem Strohdach, um ein angebliches Recht zu erzwingen. Der Kongreß weigerte sich indessen beharrlich, die 2,4 Milliarden Dollar zu bewilligen, welche die Veteranen als ihren begründeten An- spruch erklärten. Da aber der Fälligkeitstermin Dieser Forderungen noch dreizehn Jahre in der Ferne liegt, und da der Kongreß alle Hände voll zu tun hat, um ein Defizit von drei Milliarden zu decken, so mußte der Bonus eben unbewilligt bleiben. Und als der Kongreß ollen Drohungen zum Trotz heute um Mitternacht auseinanderging, um erst im Dezember wieder zu erscheinen, da mußten die Veteranen ihren Sturm auf das Kapitol aufgeben, um ihn in der Form einer Belagerung des Weißen Hauses fortzusetzen. Aber Da der Park des Weißen Hauses noch mehr als verbotenes Gelände zu betrachten ist, als Der grüne Rasen vor dem Kapitol am anderen Ende der Pennsylvania Avenue, so mischte sich hemdsärmelige Polizei mit dem Gurnrni- künppel unter die lautlos Marschierenden und bewahrte sie vor Ausschreitungen, die ihnen in der Röhe des Kapitols wiederholt beinahe zum Verhängnis geworden wären. So vollzog sich die nächtliche Runde um das Weiße Haus in beängsti- gender Stille und machte dadurch einen noch tieferen Eindruck. Der ewige Gleichklang der Soldatenstiefel verriet einen unbeugsamen Willen, und die Fähnlein in den Landesfarben, die unaufhaltsam die Runde machten, zeigten Die Richtung an, in der die Bewegung vorerst noch verlaufen soll. Wird aber vielleicht früher oder später das Blau-weiß-rot mit den Sternen und Streifen durch ein eintöniges Rot mit Sichel und Hammer erseht werden? Wer weiß es! Das Verbandsorgan der Bonusleute, das in seinen drei ersten Ausgaben in unschuldigem Weiß erschien, war gestern zum erstenmal auf vielsagendem Rosa gedruckt, und wenn es eines Tages auf grellem Rot erscheinen sollte, brauchte man sich nicht sonderlich zu wundern. Die Leute haben Hunger und haben keine Arbeit, aber sie haben einen Willen. Und wer in Der Stille dieser Rächt den endlosen Gleichschritt und Gleichtritt dieser Geisterarmee im bleichen Dollmondlichte auf sich wirken lieh, der kann dem Eindruck nicht ausweichen, daß Amerika vor einer brennenden Frage steht. Was soll werden, wenn erst einmal wieder Eisblumen an den Fenstern blühen und der Dezemberwind durch die zerlöcherten und zerfransten Uniformüberreste bläst!
Die Tragik der Lage besteht darin, daß die Veteranen kein geschriebenes Re ch t a u f ihrer Seite haben, und keinen begründeten Anspruch, denn ihre Forderung wird erst im Jahre 1945 fällig. Aber Hunger und Rot haben sich noch nie um juristische Zwirnsfäden gekümmert. Wollte man diese Veteranenfrage ins Weltweite projizieren, dann käme man auf die Frage Der amerikanischen Schulden st reich ung. Auch hier steht ein kalter Gesetzespora- graph einer lebensharten Rotwendigkeit entgegen, und auch hier kann Amerika mit dem nackten Paragraphen allein nicht zu einer Lösung mehr kommen. Das klare Gesetz muh letzten Endes einer vernünftigen Politik weichen. Amerika wird für seine Veteranen entweder einen Bonus oder eine Arbeitsgelegenheit finden müssen. Das Beste wäre die Arbeitsgelegenheit, aber diese wird nur gefunden werden können, wenn das industrielle Weltenrad wieder in Schwung gebracht wird, und diese Ankurbelung der Weltwirtschaft ist wiederum bedingt durch eine gründliche Mitarbeit Amerikas, vor allem durch eben die Schuldenstreichung, wenn auch in verkappter Form, wie z. B. durch Umwandlung der Schulden in eine einmalige Abfindungssumme, wie man das in Lausanne ebenfalls unternommen hat.
Ist der neue Reichstag arbeitsfähig?
Oie Möglichkeiten einer Koalition zwischen Zentrum und Nationalsozialisten werden in der presse erörtert.
2 erlin, 3. Aug. (ERD.) (verschiedene Blätter erörtern die Möglichkeit einer Koalition zwilchen Zentrum und Rational- s o z i a l i st e n. Die „Germania" hebt in einer Polemik gegen die Aeuherungen der Scherl- Presse die Rotwendigkeit hervor, den neuen Reichstag arbeitsfähig zu machen, und warnt vor einer Konfliktspolitik und verfassungsrechtlichen und machtpolitischen Experimenten. Es sei notwendig, so sagt das Blatt weiter, dah irgend eine Regierung dem neuen Reichstag in dem ernsten Willen begegne, mit ihm und in ihm eine sachliche Basis für die Erfüllung der Staatsnotwendigkeiten zu finden, die niemalsSache der Regierung allein seien. Alle Parteien, gleichgültig, ob sie opponieren oder die Regierung positiv unterstützen wollten, hätten die Pflicht, an der Erreichung dieses Zieles mitzuarbeiten. Der wirtschaftliche Tiefpunkt des kommenden Winters könne am allerwenigsten mit politischen Experimenten des Art. 48 überwunden werden. Behalte man ruhige Rerven, dann gäbe es immer noch Auswege in der Politik, ohne dah man zu solchen Experimenten greifen müsse.
Unter der Ueberschrift „Das schwarz-braune Gespenst" beschäftigt sich die demokratische „V o s- fische Zeitung" gleichfalls mit den Warnungen der deutschnationalen Presse vor einer Koalition zwischen Zentrum und Rationalsozialisten. Das Blatt meint, bis jetzt habe es n i ch t den Anschein, als ob Rationalsozialisten und Zentrum sich von heute auf morgen binden würden. Selbst wenn solche (Verhandlungen ein negatives Ergebnis hätten, so gäbe es zwischen der „Patentlösung" des Kabinetts Papen-Schleicher und einer „schwarz-braunen Koalition" noch eine ganze Anzahl von Zwischenlösungen vorübergehender oder dauernder Art. Zum Schluß warnt das Blatt davor, Den Rativnalsozialisten zwar einen beherrschenden Einfluß einzuräumen, sie aber nach außen hin der Verantwortung zu entheben.
Mit den ablehnenden Aeuherungen nationalsozialistischer Kreise über die Möglichkeit einer Koalition der RSDAP. mit dem Zentrum seht sich das „Berliner Tageblatt" auseinander, indem es die Frage aufwirft, inwieweit diese „Unfreundlichkeit" einer Ueberzeugung entspringe oder von taktischen Erwägungen diktiert sei. Wenn der Reichskanzler sich die Unterstützung der Rationalsozialisten und des Zentrums sichern wolle, so werde er jedenfalls noch viele Hindernisse auf seinem Wege vorfinden, vielleicht bei den Rationalsozialisten mehr als bei dem Zentrum.
Auch die „D. A. Z." besaht sich mit den erwähnten Koalitionsmöglichkeiten und weist darauf hin, dah die Lage Deutschlands eine Wiederholung dieses „Spiels der deutschen Demokratie" nicht zulasse. Reben dem Parlament gebe es heute wieder mächtige Faktoren des Staatslebens, die in der Lage sind und gewillt seien, den Lebensrechten des deutschen Volkes auch dann Geltung zu verschaffen, wenn eine Minderheit (oder auch eine Mehrheit) der Parteiklüngel unbegründeten Einspruch erhebe. Beim Zusammentritt des Reichstages werde sich zeigen, fo meint das Blatt abschließend, dah nur diejenigen Parteien noch ein Mitbestimmungsrecht beanspruchen dürften, die die Erfordernisse der nationalen Staatspolitik bejahten.
Ein Hitler-Interview der „Äewö Ehronicle".
London, 3. August. (OB. Funkspruch.) Der Münchener Korrespondent der „Tleros Lhronicle" meldet, er habe am Montag Hitler verschiedene Fragen vorgelegt, die dieser gestern nach reiflicher lleberlegung beantwortet habe. Die erste Frage habe gelautet, ob Hitler, wenn er zur Macht gelangen sollte, den Lausanner Vertrag ratifizieren würde.
Die Antwort Hitlers fei ein nachdrückliches „Niemals" gewesen. Hitler habe ferner erklärt, die Nationalsozialisten würden kommerzielle Schulden anerkennen, aber sie seien sehr erbittert über die Zinsknechtschaft.
Sie würden über eine Verminderung des Z i n s e n d i e n st e s für auswärtige Schulden Verhandlungen führen und die inneren Zinssätze herab- sehen, womöglich auf 3 Prozent.
ßemmfeine^ratfionberUlitte'ImneuenHeWfl?
Ein staatsparteilicher Vorschlag. — Aber wenig Gegenliebe bei der VolkSpartei
Berlin, 2. Aug. (TU.) Bei den letzten Reichstagswahlen sind insgesamt 2 1 Abgeordnete gewählt worden, die Parteien und Gruppen angehören, die wegen ihrer geringen Mandatsziffern keine Fraktionsrechte im Reichstage haben werden. Es handelt sich hierbei um sieben Mitglieder der Deutschen Volkspartei, je vier Christlich-Soziale und Staatsparteiler, je zwei Mitglieder des Württembergischen Bauern- und Weingärtnerbundes und des Bayrischen Bauernbundes, sowie um je ein Mitglied des Landvolks und der Wirtschaftspartei. Von staatsparteilicher Seite ist angeregt worden, einen Teil der fraktionslosen Abgeordneten zu einer „Fraktion der Mitte" zusammenzuschließen. Der staatsparteiliche Abgeordnete L e m m e r hält, wie wir erfahren, einen solchen rein technischen Zusammenschluß für sehr wünschenswert, damit diese Abgeordneten auch in den Ausschüssen vertreten sein können. Selbstverständlich müsse jede Gruppe in großen politischen Fragen ihre völlige Selbständigkeit behalten. Von der
Deutschen Volkspartei wird erklärt, daß man diesem Gedanken noch nicht nähergetreten sei, und daß man s i ch nicht viel davon verspreche. Die volksparteilichen Abgeordneten würden erst die weitere Entwicklung der Dinge im Reichstag abwarten. Von anderer Seite wird betont, dah auch die Möglichkeit bestehe, daß die volksparteilichen Reichstagsabgeordneten sich der deutschnationalen Fraktion als Hospitanten anschlös- s e n. Man nimmt in parlamentarischen Kreisen an, daß auch die beiden Abgeordneten des Württembergischen Weingärtnerbundes und der Landvolkabgeordnete zu den Deutschnationalen in ein Gastverhältnis treten werden. Ein Zusammenschluß der S t a a t s- parteiler, der Christlich-Sozialen, der Bayerischen Dauernbündler und desWirtschaftsparteilersallein hätte keinen Zweck, da diese Gruppe nur 11 Abgeordnete umfassen und keine Fraktionsrechte haben würde, da ja bekanntlich erst 15 Reichstagsabgeordnete eine Fraktion bilden können.
Das Kabinett Popen und her Reichstag.
Das Kanzlerinterview. — Oie plane zur Verfaffungsreform.
Von unserer Berliner Redaktion.
Es wäre vielleicht zweckmäßiger gewesen, wenn der Reichskanzler v. P a p e n sich mit den Gedanken, die er am Montag gegenüber einem amerikanischen Journalisten geäußert hat, direkt an die größere deutsche Oeffentlichkeit gewandt hätte. Solche Ausführungen, die unser Schicksal aufs tiefste berühren, möchten wir nicht gern auf dem Hmtoeg über das Ausland erfahren.
Es ist doch gewiß eine bedeutungsvolle Sache — und bedeutungsvoll in erster Linie für uns Deutsche —, wenn in den Erwägungen unserer Reichsregierung gewisse Aenderungen der Verfassung eine Rolle spielen. Rein gefühlsmäßig weist es schon auf eine Derfassungs- reform hin, wenn der Amerikaner aus feiner Unterhaltung den Eindruck ableitet, daß den Kanzler die Möglichkeit eines Mißtrauensvotums vollkommen unberührt lasse. Rach dem entscheidenden Art. 54 der Reichsverfassung soll ja gerade ein solches Mißtrauensvotum durch ausdrücklichen Beschluß des Reichstags dem Leben einer Regierung ein Ende setzen. An Diesem Punkte ist das parlamentarische Regierungssystem in Deutschland verankert. Zum erstenmal spricht ein Kanzler des Deutschen Reiches — wenn man auch die Auffassung seiner Regierung zu dieser Frage längst erfühlt und erkannt hat — es vor aller Oeffentlichkeit deutlich aus, daß er dieses System als unzweckmäßig ablehnt.
Herr von Papen mag recht darin haben, dah eine Aenderung des Regierungssystems nicht mit einer Aenderung der Staatsform gleichzusetzen ist. Diese Staatsform ist in dem einleitenden Artikel der Verfassung festgestellt: „Das Deutsche Reich ist eine Republik. Die Staatsgewalt geht vom Volke aus." Dieser Grundcharakter der demokratischen Republik bleibt durchaus gewahrt, wenn das Volk das Staatsoberhaupt in freier Wahl
bestimmt und wenn dann dieses Staatsoberhaupt von sich aus die QRänner der Regierung beruft. Es steht also nur die Systems rage zur Debatte: Demokratie über den Präsidenten oder Demokratie über das Parlament.
Der Kanzler hat auch bereits angedeutet, wie er sich die Verwirklichung feiner Gedanken in großen Zügen vorstellt. (Stenn Der Reichstag des bestimmenden Einflusses auf die Bildung der Regierung beraubt werden soll, so braucht die Regierung für Die Zusammenarbeit in allen gesetzgeberischen Fragen eine beratende und mitbestimmende Körperschaft, die nicht auf den gleichen Grundlagen des Verhältniswahlrechts wie das Staatsoberhaupt ruht. Es ist die Rot Wendigkeit eines Oberhauses mit verstärkten Machtbefugnissen jetzt auch von Regierungsseite herausgestellt worden. Es scheint, dah sich die Männer des neuen Kurses mit dem Gedanken tragen, ein solches Oberhaus auf korporativer Grundlage, ausgehend von der be- rufsständifchen Selbstverwaltung, den Gewerkschaften ufw. zu bilden. Die Frage bleibt nur, ob die Regierung rechtzeitig Vorbereitungen trifft, um das Parlament durch eine so geartete Körperschaft für die gesetzgeberischen Funktionen zu ersetzen, wenn das Parlament wirklich ein Mißtrauensvotum aussprechen und sich in Kampfstellung gegen diese Regierung setzen sollte. Denn dah die Regierung in ihren entscheidenden Persönlichkeiten nicht daran denkt, in einem solchen Fall dem Parlament den Platz wieder zu räumen, das hat ja inzwischen jeder gemerkt.
Waffensuche in Hofgeismar.
Kassel, 3. Aug. (WTD. Funkspruch.) Die Do- lizei nahm gestern abend in Hofgeismar bei Angehörigen rechtsradikaler Gruppen Durchsuchungen nach Waffen vor, weil dort ein kompletter Panzerwagen sowie Maschinengewehre versteckt sein sollten. Tat-
Jn der Stille dieser Nacht mußte man hellhörig und hellsichtig werden, und man muhte in dem Stück Pennsylvania Avenue, hinter dem das Weiße Haus liegt, die große Heerstraße erkennen, die in die unmittelbare Zukunft der Welt führt. Der Mann hinter dem hohen Parkgitter weiß zweifellos, was die Stunde von ihm heischt, aber er hat eine stark verworrene und verwirrte öffentliche Meinung gegen sich, und einen Kongreß, der die Volksmeinung zu vertreten glaubt, wenn er auf Schuldenzahlung beharrt. Einsichtigere Geister freilich stehen auf der Seite Hoovers, und von diesen geistigen Mittelpunkten aus mag die öffentliche Meinung schließlich dach noch herumgeworfen werden, besonders, wenn eine steigende Landesnot diese Entwicklung beschleunigen hilft. Leider ist in den letzten Tagen jeglicher Ansatz zu einer besseren Einsicht und zu einem Entgegenkommen jäh im Keime erstickt worden, als zunächst, nach dem Riesenerfolge von Lausanne, das hinterhältige ©entfernen- Agreement der Oeffentlichkeit preisgegeben wurde, und als ferner die selig verblichene E n - te n te Cordiale zwischen Frankreich und England wieder ins Leben gerufen wurde. Amerika
stand diesen beiden unerwarteten Rückfällen in die übelste Politik Europas nicht nur verblüfft sondern aufs h ö ch st e e n t r ü ft e t gegenüber. Man fühlt hier instinktiv, daß diese Geheimabmachungen gegen Amerika gerichtet sind und man zieht sich wiederum in das Schneckenhaus zurück, aus dem man sich in der letzten Zeit einigermaßen hervorgewagt hat. Amerika läßt sich nicht durch Drohungen bestimmen, sondern nur durch einen Appell an sein besseres Selbst, seine Großherzigkeit und Großmut. Zu allem lleberfluß schlugen die Franzosen noch mit den gröbsten Keulen auf die amerikanische Empfindlichkeit ein, indem sie zum Beispiel schrieben, das amerikanische Volk sei das einzige in der Weltgeschichte, daß unmittelbar aus der Barbarei zur Dekadenz geschritten sei, ohne die Zivilisation kennen gelernt zu haben. Daß man’s vor Tische etwas anders las, weiß der Amerikaner natürlich nur zu genau, und er legt sich mehr und mehr die Frage vor, wer denn den Krieg eigentlich gewönne n h a b e? Daß er ihn jetzt auch noch bezahlen soll, dazu unter solchen Bekundungen nicht nur des krassesten Undanks, sondern der übelsten Anpöbelung, macht ihm die jetzige Lage besonders uner
quicklich. Trotzdem bin ich der Ueberzeugung, daß Amerika sich in das Unvermeidliche fügen und das tun wird, was es tun muß, nicht der Schulden wegen, sondern seinetwegen. Wir selber können nichts Besseres tun, als auf der Linie weiterzumarschieren, die Papen in Lausanne eingeschlagen hat, sich jeder Einbeziehung Deutschlands in eine antiamerikanische Front kraftvoll zu widersetzen. Amerika hat heute den Eindruck, daß es auf der ganzen Welt keinen Freund mehr hat als Deutschland, und dieser Eindruck darf unter keinen Umständen verwischt oder auch nur geschwächt werden.
Oas Arbeitslosenproblem in LlSA.
Washington, 2. Aug. (WTB.) Im Weißen H a u s e hat man sich in überaus langen Diskussionen erneut mit den Arbeitslosenproblemen befaßt. Wie man hört, trägt sich Hoover mit dem Gedanken, eine KonferenzvonWirtschaftsführern zur Erörterung dieser Frage einzuberufen. Des weiteren soll sich Hoover mit dem Plan befassen, die Beschäftigtenziffer durch Einführung eines günfftunöentages zu erhöhen.


