Ausgabe 
2.8.1932 Frühausgabe
 
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Aus der provinzialhauMadt.

Gießen, den 2. August 1932.

Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.

3n der jüngsten Sitzung der Oberhessischen Ge­sellschaft für Ratur- und Heilkunde sprach Pri­vatdozent Dr. W. E. Ankel zu dem Thema: Reue Forschungen über sexuelle Zwischenformen im Tierreich". An Hand von zahlreichen eindrucksvollen Lichtbildern erörterte der Redner das Problem des Z Wit­te r t u m s im Tierreich. Er konnte zeigen, daß wir heute über die Entstehung von zwittrigen Dienen, die als die sogenanntenEugsterschen Zwitterbienen" schon seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine gewisse Berühmtheit erlangt haben, im großen und ganzen im Klaren sind. Versuche des Münchener Zoologen Rösch haben die vorausschauende Erklärung B o v e r i s betä­tigt, daß solche Zwitterbienen einer verzögerten Befruchtung des Eies ihren Ursprung verdanken. Bei anderen Insekten, z. B. bei dem beliebten Objekt der Dererbungsforscher, der Taufliege Drosophila, liegen die Dinge etwas anders als bei der Honigbiene, aber auch hier haben, die Untersuchungen der Amerikanischen Derer- bungsforschung, Morgan und D r i d g e s , end­gültig Klarheit geschaffen.

In den beiden besprochenen Fällen von Zwitter- tum liegen räumliche Mosaiks aus männlichen und weiblichen Teilen vor: solche Zwitter nennt man Gynandromorphe. Im Gegensatz dazu stehen die sogenannten Intersexe, wie sie auch bei den In­sekten, z. D. bei Schmetterlingen, vorkommen oder im Experiment erzeugt werden können. Intersexe sind gekennzeichnet durch das Aufeinanderfolgen männlicher und weiblicher Bildungsvorgänge im Ablauf der Zeit. Ein Intersex ist also ein We­sen, das sich bis zu einem gewissen Zeitpunkt z. D. als Männchen entwickelt, dessen Entwicklung aber dann ins Weibliche umschlägt. Gelegentlich kann ein solcher Umschlag in der geschlechtlichen Ent­wicklungsrichtung nicht nur den Körper, sondern auch die Keimzellen selbst betreffen. Der Red­ner schilderte aus eigenen Untersuchungen den Fall, daß er bei einer Meeresschnecke Geschlechts» Sellen finden konnte, die sich zunächst wie Eier,

also weiblich entwickeln, um barm in eine männ­liche Entwicklung umzuschlagen: Es stellen sich Dil- dungsvorgänge ein, wie sie sonst nur aus der Samenbildung des Männchens bekannt geworden sind, und durch das Ineinandergreifen weiblicher und männlicher Entwicklungstendenzen entstehen sehr eigenartige, hochkomplizierte Gebilde von bis­her zweifelhafter Funktion.

Die Ausführungen des Redners, der seine Hörer anschaulich in das schwierige Gebiet eiiuufüfcren vermochte, wurden mit lebhaftem Beifall entge­gengenommen.

** Straßensperrungsnachricht, mit« geteilt vom Oberhessischen Automobil-Club E. L. (AvD.), Gießen. Wegen dek Ausführung dringender Gleisarbeiten wird der Bahnübergang bei G i s s e l b e r g in km 95,025 im Zuge der Straße GießenMarburg am 6. August in der Zeit von 7 bis 15 Uhr für jeglichen Verkehr gesperrt. Die Umleitung führt für den Verkehr aus Richtung Marburg über Niedcrweimar und endet auf der Frankfurter Straße am Straßenabzweig nach Nie­derweimar in km 96,507, für den Verkehr aus Richtung Gießen beginnt die Umleitung am Straßenabzweig nach Nicderweimar in km 96,507, führt über Niederweimar und endet an der Ein­mündung des Landweges FrohnhausenNieder­weimar in die Hauptstraße bei Gisselberg.

** R e n t e n m a r k s ch e i n e sind vollgül­tige Zahlungsmittel! Die Reichsbank Gie­ßen teilt uns mit, daß in jüngster Zeit in unserer Stadt Rentenmarkscheine wiederholt nicht in Zah­lung genommen worden seien. Die Ablehnung dieser Geldscheine ist, wie die Reichsbank betont, vollstän­dig unbegründet. Die Rentenmarkscheine sind nach wie vor vollgültige Zahlungsmittel, gegen Deren Annahme nicht die geringsten Bedenken bestehen können. Die Reichsbank empfiehlt, das völlig un­zutreffende Mißtrauen gegen diese Geldzeichen schwinden zu lassen.

** Die Neuauflage der Wegemarkie­rung s k ar t e Umgegend Gießen (1:100 000), herausgegeben vom Zweigverein Gießen des VHC., ist soeben erschienen. Die Karte enthält die vielen seit Der letzten Ausgabe singetretenen MenDerungen der Wegemarkierungen sowie Den Stud enten weg MarburgGießen und den Teil des Höhenweges, Der vom Thüringer Wald zum Rhein zieht.

Das neue Provinzial-Kmderpflegeheim.

Etwas abseits der Stadt und abseits der lauten Straße, wuchs, von der Stadt her gesehen ver» steckt hinter den Bäumen des Lucherberges, am alten Schiffenberger Weg auf dem Gelände der Provinzial.Pflegeanstalt, ein Gebäude empor, das demnächst (voraussichtlich in 14 Tagen) seiner Be­stimmung übergeben werden wird. Es handelt sich um einen Reubau des Provinzial-Kinderpflege- heimes, das bisher in kleinerem Rahmen bereits existierte und demnächst in das neue Gebäude über- siedeln soll. Das bisherige Heim der Kinder wird aber nicht leer stehen, sondern für die Männer» abteilung der Provinzialpflegeanstalt in An­spruch genommen werden. Für die Männerabtei­lung war eine Erweiterung dringend notwendig geworden, denn es liegen schon so viele Anmel­dungen vor, daß das freiwerdende Kinderheim sofort belegt sein wird.

Jur Die Kinder aber, für die kommende Gene­ration, wurde ein neues Haus gebaut ...

Bei der Betrachtung des neuen Provinzial- Kinderheimes kann man nicht umhin, zunächst dem Aeußeren des Gebäudes einige Aufmerksamkeit zu schenken. Iedermann wird angenehm Überrascht sein, von dem Eindruck, den das Gebäude macht. Der Architekt, Baurat G r a v e r t, hat das Haus in vollendeter Harmonie dem Gelände, der Land­schaft angepaßt. Plastisch hell, hebt es sich (betrach, tet man es von der Bahnschranke am alten Schif­fenberger Weg) von dem Dunkelgrün der Bäume des Lutherberges ab. Eine klare Gliederung, sehr glückliche Verhältnisse von Länge, Breite und Höhe, Harmonie in den Flächen von Fenstern und Mauer und eine sympathische Farbe geben dem Haus eine Überaus freundliche Rote und lassen es bedeutsam erscheinen. Es stellt dem Architek­ten das beste Zeugnis aus. Bei aller Sachlichkeit und zweckbetonter Gestaltung, läßt das neue Pro» Vinzial-Kinderpflegeheim die persönliche Rote nicht vermissen. Mit den schlichtesten Mitteln und in rein architektonischer Auswertung des gegebe­nen Materials wurden Front und Fassade belebt. In der Hauptsache sind es zwei kleine Veranden, die den hohen Reiz der Front heben. Backsteine, die die Mauerfläche etwas überragen, dienen als Denkbar einfachstes Ornament der Belebung der Mauerflächen. Das Haus ist in gelb-bräunlichen Klinkerbacksteinen erstellt.

Schönheit und Zweckmäßigkeit ergänzen sich in Der glücklichsten Meise.

Etwas anders ist Der Eindruck, den das Gebäude an seinem Jnnerey macht. Hier steht die Sachlichkeit im Vordergrund. Die Forderungen der Hygiene taten ein übriges, um Die Gestaltung Der Innen- räume maßgebend zu beeinflussen. Allenthalben Dominiert Die glatte ölgestrichene Fläche. Weiß unD helles Gelb finD Die Farben in Treppenhaus unD Fluren. Weiß in Den Sälen unD Räumen Des un­mittelbaren Gebrauchs. Im Erdgeschoß zieht ein geräumiger, durch keinerlei Stützpfeiler unterbroche­ner S p l e l s a a i die Aufmerksamkeit auf sich. Lino, leum bedeckt den Fußboden. Die Kinder haben viel Bewegungsfreiheit und keine Gelegenheit sich an harten Kanten wund zu stoßen. Um den Spielfaal gruppieren sich Besuchszimmer, Anrichte, Milchküche (es wird nur elektrisch gekocht!), Waschräume usw. Im Erdgeschoß sind auch Heizung und Warmwasserbereitungs­anlage untergebracht.

Im ersten Stockwerk sind 4Stationen", S ch l a s s ä l e für die Säuglinge und für die größeren Kinder angegliedert.

Drei dieser Säle find untereinander, nur durch Glaswände getrennt, so daß von einem Raum aus alle drei Säle zu über­sehen sind

und die Aufsicht dadurch erleichtert wird. Ueber- flüffig zu sagen, daß hier alles in reinem Weiß er­glänzt, alles in freundlicher Helle gehalten ist. Die Morgensonne hat ungehinderten Zutritt. Einige kleinere Räume alsIsolierstation" (für Kinder, die nicht eigentlich krank, sondern lediglich etwas un­päßlich, erkältet usw. finD), ein Zimmer für Den Arzt und für Die Höhensonne, BaDe - unD Waschraum, eine Anrichte, außerdem (Die mit einem Auszug mit Der Milchküche verbunDen ist) finD hier um Die Schlafsäle angeordnet. Von diesem Stockwerk aus tritt man auf ein« geräu­

mige, glasüberachte Veranda, auf der viele Kinder mitsamt ihren Betten in der frischen Luft untergebracht werden können. Der Veranda vorgelagert und unmittelbar zu erreichen, ist ein Kinderspielplatz mit einem Sandkasten, der noch anzulegen ist. Diese Veranda befindet sich auf der Rückseite des Mitteltrakts, nach den Bäumen und Büschen des Lutherberges zu. Bor dem neuen Heim befindet sich eine große Fläche, die mit Rasen angesät wird.

Im zweiten Stockwerk befinden sich lediglich die Räume der Schwestern und der Schülerinnen. Auch hier ist jede überflüssige Ausstattung vermieden. Die Wände sind mit schönen in matten Farben gehaltenen Tapeten bekleidet. Don den Zimmern aus, wie auch

von den beiden kleinen Veranden aus, bietet sich ein prächtiger Blick auf den breit vorge­lagerten Sdjiffenbcrg, auf die hochwart und das liebliche Schiffenberger Tal.

An frischer Luft, an Licht und Sonne- fehlt es auch hier nicht. Die Ausstattung wird zum Teil den Schwestern überlassen sein, die Räume der Schülerinnen, sowie die wenigen gemein­schaftlichen Räume werden Anschaffungen not­wendig machen. Für das Kinderheim selbst wird das Mobiliar nach vorheriger gründlicher Auf­arbeitung, aus Dem bisherigen Kinderheim über­nommen.

Den Kindern, die hier ausgenommen werden sollen, ist ein idealer Aufenthalt gewährleistet. Unter der verantwortungsbewußten Aufsicht der Oberschwester, unter den Händen der ebenso ver­antwortungsbewußten, geschulten Schwestern, unter der prüfenden Obhut des Anstaltsarztes Dr. Hoffmann, sind die Kinder in diesem neuen Heime zweifellos gut aufgehoben und den Eltern, die ihre Kinder hier zur Pflege geben, ist jene große Sorge abgenommen, die immer alle diejenigen erfüllen wird, die ihre Kinder aus irgendwelchen Gründen nicht selbst um sich haben können. Die Provinz Oberhessen hat mit diesem Kinderheim ein Werk geschaffen, dessen Segen nicht nur eine an die Stunde ge­bundene Wohltat sein wird, sondern ein Segen, der in die Zukunft weist und im Dienste der kommenden Generationen sich erfüllen wird.

Siadtratssihung in Buhbach.

pb. Butzbach, 1. August. Als einziger Punkt stand auf der heutigen Tagesordnung die Ein­führung des neuen Bürgermeisters Dr. Schel­ler. Beigeordneter Dr. Schmidt eröffnete Die Sitzung und gab bekannt, daß der Einführung des Bürgermeisters feine gesetzlichen Hinderungs- aründe mehr entgegcnJtünDen. Kreisdirektor Rechthien ergriff nunmehr das Wort, begrüßte das neue Stadtoberbaupt, das nach monatelan­gem Kampf nunmehr eingeführt werden könnte, woraufhin er ihm den Dersassungseid abnahm. Beigeordneter Ioutz begrüßte Dann den neuen Stadtchef und rief ihm ein herzliches Willkom­men zu, indem er der Hoffnung auf ein gedeih­liches Zusammenarbeiten Ausdruck gab. Bürger­meister Dr. Scheller sprach in feiner Ansprache Den Dank für Die Begrüßung aus und betonte weiterhin, daß seine Arbeit lediglich Dem Ge­meinwohl Der Stadt und seiner Bevölkerung gel­ten unD Daß er Die Geschäfte unparteiisch führen werde. Zum Schluß Der Sitzung gab Dr. Schmidt bekannt, daß von Der Fraktion Der REDAP., Die zur Sitzung nicht erschienen war, ein Schreiben abgegeben tootDen sei, Das er bei Den Stadtratsmitgliedern in Umlauf sehen werde. Wie nachträglich in Erfahrung gebracht wurde, hat Stadtratsmitglied Prof. Dr. F. Werner sein Amt als Stadtrat niedergelegt.

Schweres Llnwetter im nördlichen Oberheffen.

WSN. Alsfeld, 1. August. Gestern abend ging über Den Kreis Alsfeld und die übrigen Teile des nördlichen Oberheffen ein schweres Unwet- t e r nieder, das bei außerordentlich heftigem Sturm und starken elektrischen Entladungen wolkenbruch- artigen Regen brachte. Die Wassermassen waren so groß, daß in manchen Ortschaften Die Dorfstraßen

Robinson mit Vorortskarte.

Abenteuer in der Lüneburger Heide.

Don Karl Ey.

IV.

Der Gegen kommt von oben.

Nach zweistündigem Marsch, zu Dem Der Magen Die Begleitmusik knurrte, machte ich Rast. Miß­mutig kaute ich den Zwiebackbrei hinunter, wäh­rend vor meinen Augen eine Fata Morgana Der guten Hamburger Küche gaukelte. Freilich ist die Gefahr des Verhungerns in der Lüneburger Heide nicht so groß wie in Der Wüste Sahara, aber es war Doch ganz gewiß kein ange­nehmes Gefühl, wenn ich daran dachte, daß ich mir nur den Fuß zu verknacken oder von einer Kreu z- otter gebissen zu werden brauchte, um in die fatalste Verlegenheit zu kommen. Jetzt konnte ich noch in einem vier- bis fünfstündigem Marsch die Randdörfer der Heide erreichen, aber als Halbinva- lide würde Der gefahrlose Abbruch Des Robinson- lebens seine Schwierigkeiten haben.

Aus Diesen Grübeleien schreckte mich ein Geräusch in Dem Buschwerk. Gleichzeitig ertönte ein zorniger Schrei eines großen Habichts, und der Vogel kam so weit auf Die ErDe herunter, daß ich Den Wind feines Flügelschlages in meinem Gesicht spürte. Er kreiste noch ein paarmal über meinem Kopfe herum und flog dann schreiend davon.

Mit einem entsetzlichen Juchzer sprang ich auf Die S, Denn in Dem Ginsterbusch hatte ich Das roilDe

äumen einer großen Schlange gesehen. Nun gibt es m Der Heide zwar eine Giftschlange, Die Kreuzotter, aber sie ist bedeutend kleiner als jener Wurm, Der sich vor meinen Füßen ringelte, und nicht einmal so gefährlich, wie sie gemacht wird, Denn sonst hätte sicher Der preußische Staat Die Belohnung für jede tote Kreuzotter eine bare Reichsmark nicht aufgehoben. Freilich soll für Diesen Widerruf aber auch Die Tatsache mitgespro­chen haben, daß strebsame Leute Kreuzottern in angenehm erwärmten Käfigen Winter und Som­mer züchteten, um Das Ergebnis Dieser Zucht Dann Dem preußischen Fiskus zu verkaufen ...

Die Schlange schien sich in Dem HeidesanD äußerst unbehaglich zu sühlen. Und als ich genauer hin blickte, ließ ich Den tatbereiten Knüppel erstaunt fallen, Denn ich bin schließlich Hamburger genug, um einen Aal zu erkennen, wenn ich einen sehe, und wenn es auch inmitten der Dürren Heide ist.

Wie aber war der Aal hierher gekommen? Ich sand Die Lösung leicht unD glaube, Daß sie richtig ist. Denn wahrscheinlich hatte Der Habicht den langen Fisch in Die Elbe ober Der Ilmenau herausgefan- gen und Dann während seines Fluges fallen lassen.

Wenn ich aber etwas bedauere, so ist es das, daß nicht ein wandernder Zoologe diesen Fund machte. Wieviel prächtige Artikel hätte Die Erörterung des Problems abgegeben: W i e kommt ein Aal in die Lüneburger Heide?

Zehn Minuten später hatte ich aus einem Tümpel Wasser geschöpft, den Kessel auf Dem Feuer unD Den Aal im Topf. Es fehlten freilich Lorbeerblätter und Pfeffer, aber er schmeckte trotzdem delikat.

Angst vor dem Nichts.

Die Dämmerung senkte sich schon herab, finstere Schatten gespensterten über Die Heide, als ich er­schöpft nach einer langen aber erfolgreichen Jagd zu Boden sank. In Der Hand hielt ich Die Beute eines schweißtriefenden Dauerlaufes und einer stra­tegischen Kunst, die Der notgedrungen lernen muß, Der keine Schießwaffe bei sich hat. Es war ein großer, strammer Hase, den ich in dem stachen

Talkessel aufscheuchte und mit einem auf gut Glück geschleuderten Stein unter Die RubrikFerner lie­fen" gebracht hatte.

So weit so gut, aber jetzt mußte ich irgenDmo eine Tränke finden, wenn ich den Meister Lampe als dringend benötigte Nahrung verwenden wollte. Der Regen Der letzten Nacht hatte in Den wenigen ausgehöhlten Steinen zwar kleine Tümpel gebilDct, die aber von dem einen Tag ausgetroefnet waren. Ein nicht sehr weit entfernter Steinhaufen ließ in- dessen vermuten, daß sich dort vielleicht das Regen­wasser etwas länger gehalten hatte. Die Annahme erwies sich aber leider als irrig. Dagegen traf ich hier zum ersten Male in vier Tagen auf eine menschliche Spur. Nein, id) denke nicht an Die riesigen Steinblöde, Die sicherlich ein Hünen­grab waren und durch Die Jahrtausende hindurch Die Erinnerung Daran wachhielten, Daß hier ein Held Der Bronzezeit Die letzte Ruhestätte gefunDen hatte. Das Frappierende an meiner Entdeckung war eben Die Alltäglichkeit des Gegenstandes, Der aber hier in Der Heide ebenso überraschend wirkte wie ein Eichhörnchen mitten in der Großstadt. Es war ein Hut, ein brauner Derby, jedenfalls eine gute Marke, denn trotz aller Anzeichen, daß er Jahre lang hier im Sande gelegen haben mußte, war Die Farbe -echt" geblieben.

Ich weiß nidfl; was es war, Das mich beim An­blick dieses Hutes in einen jähen Schreck versetzte, so daß ich ihn unberührt auf der Erde liegen ließ. Diese ungewisse Furcht, für welche ich keine Er­klärung habe, verstärkte sich, als ich in einem nahen Wacholdergeblisch einen von Ameisen als Domizil ausersehenen Lackschuh sah. Instinktiv ging ich einige Schritte von Der Stätte Des FunDes zurück unD machte Dabei eine EntDeckung, Die genau 000- mal so bedeutungsvoll gewesen wäre, wenn sie 20 Jahre früher geschehen wäre.

Der Unterstand.

Ich sah in der fahlen Dämmerung einen regel­rechten Unter ft anD, den nicht ein Wolkenbruch, sondern Menschenhände in dem Abhang einer Heidedüne angelegt hatten. Mit Tannenbohlen war ein Eingang sturmfest gemacht worden, hinter Dem Die schwarze Hohle gähnte. Obwohl meine Streich­hölzer schon wieder trocken genug waren, um zu zünden, hielt mich eine merkwürdige Beklemmung davon ab, die Höhle zu beleuchten.

Es kostete mich sogar allerlei UeberroinDung, bis ich rufen konnte:Hallo, ist hier jemand?"

Nur Das verschwommene Echo antwortete mir. Der Mond war mittlerweile sichtbar geworden und strahlte seinen Geisterschein auf Die gottverlassene Gegend.

Merkwürdig, der nagende Appetit war mir plötz­lich vergangen. Wäre ich nicht so hinfällig müde ge­wesen, ich hätte mir ein entfernteres Lager gesucht. So aber legte ich mich in Der Lichtung mitten auf Den HeidesanD nieder. Nach Wasser zu suchen, hatte ich jetzt keine Lust mehr. Ich sageLust", Der Ber­liner würde es aber wahrscyeinlichTraute" nennen. Irgendwie spürte ich die ungewisse Hand Des Todes. Ich öffnete meine letzte Flasche Kognak und trank einen großen Schluck. Mein unbestimmtes Furchtgefühl nahm stets zu, wenn mein Blick das im Mondschein düster drohende Wacholdergebüsch sah. Schließlich verfiel ich in einen unruhigen Schlaf...

(Fortsetzung folgt.)

einige Zett unterspült waren. Auf den Feldern entstand teilweise sehr erheblicher Schaden.

politische Schlägereien nach der Wahl.

WSR. Limburg, 1. Aug. Am Sonntag­abend gerieten an einer Dekanntgabestette von Wahlresultaten Rationalsozialisten und Kommunisten in Streit. Es gab einen großen Menschenauflauf, den die Polizei mit dem Gummiknüppel auseinander trieb. Drei Leichtverletzte wurden festgestellt, mehrere auswärtige SA.-Leute zwangsgestettt.

WSR. Diez, 1. Aug. Dor einem Zeitungs­aushang kam es in der Rächt nach der Wahl zwischen politischen Gegnern zu Zusammenstößen. Die in einem Lokal versammelte SA. aus Diez und Umgebung eilte herbei, und in kurzer Zeit war eine wüste Schlägerei im Gang. Mit dem Gummiknüppel wurde schließlich die Polizei Herr der Lage. Auf dem Kampfplatz blieben drei Leicht- und ein Schwerverletzter. Bei letzterem handelt es sich um einen bei einem Landwirt in Altendiez beschäftigten Melker namens Riederacher, der Schweizer Staats­angehöriger sein soll. Er erhielt einen Stich in die Lunge. An seinem Aufkommen wird ge­zweifelt.

Buntes Allerlei.

Einträgliches Vallspiei im Aultionsrauin.

Im Pariser Hotel Drouot, dem großen Ver- steigerunashaus, herrschte dieser Tage anstatt des wimmelnden Lebens und der aufgeregten Gebote, die man hier sonst zu hören gewohnt ist. dumpfe Ruhe und eine bleierne Langweile. Die meisten Pariser sind auf dem Lande, große Dersteige- rungen finden infolgedessen nicht statt, und der Urväter Hausrat", der jetzt zur Versteigerung kommt, lohnt kaum das Gebot. In einem Raum, in dem aller möglicher Kram an den Mann ge­bracht werden sollte, ging das Geschäft so schlep­pend, daß ein paar Der wenigen anwesenden Käu. fer sich damit die Zeit vertrieben, daß sie mit einem alten Kissen, das ebenfalls versteigert wer­den sollte, Ball spielten. Das brüchige Stück hielt diese ungewohnte Beanspruchung nicht aus, der Bezug zerriß, und aus dem klaffenden Riß fielen Banknoten heraus. Im Ru war das Bild verändert. Aufgeregt stürzte man sich auf den überraschenden FurG, hastig wurde weiter nach­gesucht, und man fand, daß das alte Kissen Bank­noten und Wertpapiere im Gesamtwert von 100000 Francs enthielt. Das Kissen hatte zu der Einrichtung einer alten Dame gehört, die ohne Erben und ohne Testament gestorben war und deren Besitztümer nun zur Versteigerung gelang­ten. Der Vorfall ist wieder einmal ein Beweis für die Leidenschaft so vieler Franzosen, ihren Besitz in ihrem Heim zuhorten". Das Miß­trauen gegen die Banken und gegen die Benutzung von Schecks, das in Frankreich stets geherrscht, ist in den letzten Iahren sehr gestiegen, und die Dame,

die ihr Kissen zu ihrem Geldschrank ersah, ist nur eine unter Hunderttausenden. Das J fällt dem Staate anheim. Aber der Vorfall, t:r sich wie ein Lauffeuer durch das Hotel Drouot verbreitete, hatte merkwürdige Folgen. Ungeheure Staubwol­ken verbreiteten sich nämlich bald durch die Säle und Gänge, denn alle vorhandenen Kissen, Polster­stühle usw. wurden ausgeklopft, um sie auf ihren Inhalt zu prüfen. Und auf den alten Sofas führ­ten eifrige Schatzsucher Indianertänze aus, um sie zur Hergabe der eventuell in ihnen begrabenen Schätze zu oeranlaffen.

Einfälle, die Reichtümer brachten.

Es ist merkwürdig, wieviel Reichtum man sich mit einem einzigen glücklichen Einfall erwerben kann. Aber wer sich am meisten das Gehirn nach einer solchen Idee zermartert, wird sie wohl am wenigsten finden. Denn auch hier spielt der Zu- sall eine Rolle, und der erleuchtende Gedanken­blitz kann bei irgendeiner alltäglichen Beschäfti­gung, in der Küche oder im Garten, im Bureau oder im Badezimmer plötzlich einschlagen. Einige solche Einfälle, die Reichtümer brachten, werden in einer englischen Zeitschrift zusammengestellt. Iener Tom Huston zu Columbus in dem Union* Staat Georgia hat sicherlich geflucht, als er sich beim Schälen einer Erdnuß den Finger aufritzte. Aber die Wut, die ihn dabei ergriff, brachte ihn auf den Gedanken, eine Maschine zum Schälen von Erdnüssen zu erfinden. Er stellte dann auch einen Apparat her, mit Dem man Die Erdnüsse rösten kann, und so wurde der Ritz im Finger der Anlaß, daß er nach vier Iahren zum Mil* Itonit geworden war. Gin Zufallsgedanke war auch der Anfang eines Welkgeschäfts, das ein Barbier aus dem Londoner Viertel Soho be* gründete. Er kam auf den Einfall, eine durch­sichtige Seife zu schaffen, und heut ist sein Rame in allen Teilen der Erde verbreitet. Er hieß Andrew Pears. Die Fabrikanten, die heute mit dem Glasieren von Töpferwaren Geld verdienen, verdanken ihren Wohlstand einer Hausangestell­ten, die auf einen Topf aufpassen sollte, in dem Salzlauge kochte. Sie schlief ein, und als sie auf* wachte, entdeckte sie, daß daS Salzwasser überge* laufen war und den Topf glasiert hatte. Ihr Herr wurde durch diese zufällige Unachtsamkeit reich. Viele Gegenstände, deren wir uns heute alltäglich bedienen, sind durch zufällige Einfälle entstanden. Ein Mann namens Palmer kam auf Die glückliche Idee, die Korken Der Bierflaschen durch Metallkappen zu ersetzen. Rachdem er einen Geldmann gefunden hatte, der Die Herstellung im Großen in die Wege leitete, hat er mit dieser Er­findung ein Vermögen verdient. Ebenso wurde ein gewisser H. L. Lipman zum reichen Manne, als er Bleistifte herstellte, die am Ende mit einem Radiergummi versehen waren. Die gewellte Haar­nadel, das Löschpapier, wasserdichte Stoffe und noch viele andere heut in Der ganzen Welt als praktisch erkannte Dinge sind durch solche Zu­falls-Einfälle entstanden unD haben Reichtümer gebracht.