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2.7.1932 Erstes Blatt
 
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Rr. 155 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Merhesien)

Samstag, 2. Juli 1952

Der freiwillige Arbeitsdienst Aufgaben, Möglichkeiten, Grenzen.

Don * * *

Wir erhalten von einer Seite, die über die künftigen Arbeitsdienstpläne derReichs- rcgierung unmittelbar und auf das Ge­naueste unterrichtet ist. folgenden Aufsatz. (Sc wird den hohen ethischen und materiel­len Aufgaben des freiwilligen Arbeits- dienstes ebenso gerecht, wie er gleichzeitig die uferlosen Illusionen zerstört, die in Verbindung mit dem Gedanken einerall­gemeinen Arbeitsdienstpflicht" immer noch viel Verwirrung anrichten und unerfüllbare Hoffnungen erwecken.

I. Was plant die Regierung?

Die Arbeitslosigkeit lastet düster über dem Schicksal des deutschen Volkes. Sie stellt das Leben der Station und den Bestand des Staates in Frage, wenn es nicht gelingt, ihr Einhalt zu tun. Sie beraubt Deutschland seiner Jugend, die immer noch die letzte Hoffnung eines Volkes ist, indem sie diese Jugend der seelischen und mate­riellen Verkümmerung aussetzt. Fast 5 0 v . H. aller Jugendlichen, die mit frischem Le­bensmut die Schule verlassen, sind zum unfrei­willigen und zerrüttenden Müßiggang verurteilt. Cs gibt heute zehntausende von Zwanzigjährigen, die seit ihrer Schulentlassung noch nicht wieder planmäßig gearbeitet haben. Ist es ein Wunder, wenn sich angesichts dieser furchtbaren Slot der Arbeitsdienstgedanke, dessen Wert und Rotwendigkeit noch vor einem Jahrfünft bestritten und verlacht wurde, heute in allen Schichten der Bevölkerung durchgesetzt hat?

Selbst die freien Gewerkschaften, die jahrelang beiseitestanden und auch jetzt noch aus naheliegen­den Gründen einen Arbeitszwang, also eine Ar­beitsdienst Pflicht ablehnen, sind neuerdings be­strebt, an der Einrichtung vonArbeitslagern" mitzuarbeiten. Bon den Bünden der verschieden­sten Richtungen, angefangen vom Stahlhelm über den Jungdeutschen Orden und denVolksbund für Arbeitsdienst" des Generals Faupel bis zum Reichsbanner, sind in knapp einem Jahr eine große Anzahl von Lagern organisiert worden, in denen rund 60 000 jugendliche Ar­beitslose unter straffer Leitung zu nutzbrin­gender Arbeit eingesetzt wurden. 60 000 wieder in den Arbeitsprozeß Eingeschaltete und der dumpfen Verzweiflung Entrissene, das sind jedoch erst ein Prozent der Gesamtarbeitslosen- zisfer. Die bereits geschaffenen Arbeitslager be­deuten also nur einen Anfang, einen Anfang jedoch, der verheißend ist und zur äußersten Be­mühung anspornt, den bisherigen engen Rahmen zu sprengen und den Arbeitsdienst vom Reiche her großzügig als eine wirkliche Rettungsmah» nahme für Hunderttausende aufzuziehen.

In dem neuen Reichsetat, der soeben auf dem Wege der Rotverordnung verkündet wurde, sind nur wenig mehr als 40 Millionen für den weiteren Ausbau des freiwilligen Arbeitsdienstes enthalten. Diese geringe Summe wird alle die­jenigen enttäuschen, die mit der unvermittelten Durchführung derallgemeinen Ar­beit s d i e n st p f l i ch t" gerechnet hatten und die im Geist schon einige hunderttausend Mann allmorgendlich in geschlossenen Kolonnen zur Ar­beit ziehen sahen. Das Reich steht jedoch unter einem ungewöhnlichen Zwang und einer außer­ordentlichen Verantwortung.' die gefährdete Kassen- und Finanzlage zwingt nicht nur zur

Elisabeth

erobert sich das Glück DRoman von Margarete Ankelmann Copyright by M. Feuchtwanger. Halle.

25 Fortse' g. Rachdruck ocrbolenl

Das Fest fand in der großen, schlohartigen Villa des Grafen Ballwih statt. Alles, was in Dresden zur Gesellschaft zählte, nahm daran teil. Die Großindustrie, die Wissenschaft, die Kunst war durch ihre ersten Köpfe vertreten.

Als Weilands mit ihren Gästen eintrafen, war das lebhafte Treiben in vollem Gange, ileberall waren Zelte aufgeschlagen, in denen Blumen feilgeboten wurden, Süßigkeiten, kleine Kunstgegenstände, Sekt, so, wie man es bei solchen Festen gewohnt war.

Im großen Park der Villa hatte sich ein Or­chester etabliert, das den Promenierenden an­mutige Meisen aufspielte.

Traute Steiner-Weiland wurde enthusiastisch begrüßt. Die Stimmung steigerte sich, als man Elisabeth Pfilipp erkannte. Die meisten der Gäste kannten sie von der Bühne her und aus den illustrierten Zeitschriften! aber so in der Rähe hatte sie kaum jemand gesehen. Man war be­zaubert von ihrer Schönheit und von ihrer natür­lichen Grazie.

Elisabeth war immer umringt von Menschen. Don ihren Freunden war sie bald getrennt wor­den Sie muhte immer von neuem Huldigungen über sich ergehen lassen und hatte bald alle Herzen bezaubert.

Die jungen Mädchen ließen sich Autogramme geben, und die Männer, jung und alt, wett­eiferten, Elisabeth zum Tanz zu führen, der draußen auf der großen Parkfläche begonnen hatte.

Gegen Abend begann das Konzert. Die meisten Dresdener Berühmtheiten ließen sich hören, fan­den Bewunderung und Beifall. Dann, als Elisa­beth Pfilipp auf dem Podium stand, wurde es totenstill. Man wußte, daß man jetzt das Herr­lichste zu hören bekam, was menschliche Kunst zu bieten vermochte.

Elisabeths wundervoller Sopran erklang. Sie fang Mozart. Schubert. Schumann. Der Beifall steigerte sich nach jedem Lied! Elisabeth mußte Zugabe auf Zugabe fingen, die Zuhörer konnten sich nicht beruhigen. Endlich entschloß sie sich, noch Solveigs Lied'zu fingen.

Ein Blumen regen ergoß sich über die Künst­lerin, immer wieder muhte sie sich verneigen, bis Gras Dallwitz endlich kam und sie. unter dem brausenden Jubel der Gäste, wegführte.

An einem der Seitentische des Saales faß ein

äußersten Sparsamkeit, sondern sie macht es un­möglich, daß in absehbarer Zeit Experimente gewagt werden, die ungeheure Summen verschlin­gen und im Falle ihres Scheiterns zum völligen Zusammenbruch aller Staats- und Wirtschafts­grundlagen führen würden. So hat es unter dem Druck der Verhältnisse bei einer Erweite­rung des freiwilligen Arbeitsdien­stes und einem Ausbau der Arbeits­lager zu bleiben.

II. DieArbeitsfreiwilligen" und ihre Organisation.

Auch künftighin wird die Regierung in stärkstem Maße alle zur Mitarbeit bereiten Verbände heran­ziehen und sie teilweise mit der Durchführung des Arbeitsdienstes beauftragen. Es ist wahrscheinlich, daß noch im Laufe des Juli die näheren Aus- führungsbeftimmungen erlassen werden, und daß einReichskommissar für frei­willigen Arbeitsdien ft" berufen wird. Dem Reichskommissar beigeordnet wird derBeirat für Arbeitsdienst", dem Vertrauensmänner aller Parteien und Verbände angehören, die ent­schlossen sind, im Rahmen der vom Reich gezogenen Grenzen am Ausbau des Arbeitsdienstes mitzu­wirken. Diesem Beirat werden bereits auch die Vertrauensmänner der christlichen und freien Ge­werkschaften, der christlichen Jugendbünde, des Reichsbanners und der nationalen Parteien und Organisationen angehören. Grundsätzlich ablehnend haben sich bisher nur die Kommunisten verhalten, die in jedem Arbeitsdienst dieWiedereinführung der Sklaverei" sehen und sich damit selbst aus- schalten. Während die Nationalsozialisten bis vor kurzem ebenfalls den Arbeitslagern ferngeblieben find, weil sie eine staatlich aufgebaute Arbeitsdienst­pflicht forderten, hat sich der Beauftragte Hitlers, Oberst Hierl, jetzt zur Mitarbeit bereiterklärt. Seine viel besprochene Rundfunkrede über den Ar­beitsdienst gab die Meinung seiner Partei wieder.

Die bestehenden Arbeitslager, in denen vorwiegend Bodenverbesserungsarbeiten geleistet werden, sollen bestehen bleiben und noch weiter aus- gebaut werden. Darüber hinaus plant das Reichs- arbeitsministerium jedoch auch in stärkstem Maße d i e unmittelbare Heranziehung der Gemeinden für die Leistung von Einzelarbeiten seitens der örtlichen Arbeitsfreiwilligen, die a u ß e r- halbderLager bleiben. Gerade in den Gemein­den hat sich in den letzten Monaten, verursacht durch mancherlei schlechte Erfahrungen mit denNotstands- arbeiten", eine gewisse Müdigkeit gegenüber dem Arbeitsdienstgedanken ausgebreitet. Gelingt es dem Reich, diese Möglichkeit zu überwinden und j e (Be­rn e t n b e nur fünf Arbeitsfreiwillige zu beschäftigen, so würden immerhin bei 60 000 vorhandenen Gemeinden rund 300 000 Ar­beit s l o s e u n t e r g e b r a ch t. Da es sich bei die­sen vorwiegend um Jugendliche handelt, kommt also der Hilfe durch die Gemeinden eine erhöhte Bedeutung zu.

Das Ziel der Regierung ist es, allen Jugend­lichen ohne Rücksicht auf Unterstützungsfähigkeit (Rotlage) Arbeit zu verschaffen, wenn sie zur freiwilligen ilebernabme von Arbeit bereit find. Wurde seither die Grenze von 21 Jahren teil­weise streng innegehalten, so werden sich in Zukunft die Arbeitlager auch älteren Erwerbs­losen öffnen. Es hat sich überdies herausgestellt, daß wirklich produktive Arbeit nur

regloser Mann: Hubert Heilmann. Das also war Elisabeth Pfilipp, diese große, wundervolle Künst­lerin, diese herrliche, einzige Frau! Hubert Heil­mann saß wie in einem Traum. Er klatschte nicht, er hörte und hörte und konnte sich kaum zurecht­finden, als Elisabeth Pfilipp endlich verschwun­den war.

Das war sein einstiges blondes Lieb, das kleine Mädchen, dessen Liebe ihm gehört hatte und mit dem er glücklich geworden wäre, wenn rauhe Hände sie nicht auseinandergerissen hätten. Ingrimmig preßte er die Zähne aufeinander.

Und warum das alles? Weil seine Familie nichts anderes gekannt hatte als Geld und aber­mals Geld. Weil es da keine Gefühle gab und keine Hingabe, nichts als Eigennutz und Großtun.

Ach. wenn er heute die Zeit zurückschrauben könnte I Dann wüßte er, was er zu tun hatte, dann würde er sich nicht wieder einfangen lassen.

Elisabeth, seine süße Elisabeth die er heute noch immer liebte, heiß und begehrlich. Wieder und wieder fühlte er ihre weichen Küsse, sah er sie beide in dem kleinen Garten am Wassergraben.

Riemand kümmerte sich um ihn. er konnte feinen Gedanken ungestört nachhängen. Sein Leben zog an ihm vorüber: die harmlosen Jugendjahre, die schöne Studentenzeit, die selige Liebe zu Elisa­beth und dann das jähe Ende. So bitter war dann das Leben geworden, nichts anderes gab es mehr als Arbeit und Pflichterfüllung, als ein trockenes Emporklettern und ein paar erstohlene, schale Liebesabenteuer. Leer, ganz leer war fein Leben gewesen, von dem Augenblick an, an dem er Elisabeth Pfilipp verloren hatte. Er hatte es eigentlich gar nicht gewußt, hatte stumpf und träge dahingelebt. Erst Elisabeths Anblick hatte ihn aus feiner Erstarrung geweckt.

Lärm und Jubel rissen ihn aus seinen Träu­men. Da da stand Elisabeth neben seinem Tisch. Er sah das süßliche Lächeln seiner Frau, mit dem sie Elisabeth und Traute Steiner entgegensah. Er setzte sich absichtlich zurück, so daß er von den herandrängenden Menschen verdeckt wurde. Das brachte er nicht über sich, jetzt mit Elisabeth zu sprechen, hier vor allen Menschen ihr banale Worte zu sagen.

Elisabeth hatte, in der Fülle der Erscheinungen, nicht auf die einzelnen Bewunderer geachtet. Das Getöse ging an ihrem Ohr vorüber: sie hörte kaum, was die Leute sagten. Rur diese kleine, schwarze, hagere Frau fiel ihr auf, die gerade vor ihr stand, ihr Schmeichelworte sagte. Sie hatte ein hochmütiges, unsympathisches Gesicht: man sah es ihr an, daß sie hart und auf Stellung und Reichtum zu pochen gewohnt war.

Sie trug das dunkle Haar in Etonform ge­schnitten, das ausgeschnittene, auffallende Gesell­schaftskleid gab hagere Schultern frei. Mit kos­metischen Mitteln war nicht gespart, Lippen, Augenbrauen, Wangen waren stark gemalt

bann geleistet wird, wenn wenigstens 10 v. H gelernte Arbeiter innerhalb eines Lagers vorhanden sind. Die Finanzierung wird aus die Dauer nicht allein durch das Reich erfolgen kön­nen, es wird also notwendig werden, örtliche QIrbeitdfrebite aufzunehmen, für deren Abgeltung wertschaffende Arbeit geleistet wird. Eine besondere Fürsorge wird die Re- Rierung in Zukunft der Ausnutzung der Freizeit zuwenden. Es kommt ja nicht nur darauf an, mechanische Arbeit zu vermitteln, sondern es liegt in der ethischen u n d sittlichen Erziehung der jugend­lichen Arbeitsfreiwilligen eine viel­leicht noch höher einzuschähende Aufgabe. Sieben der sportlichen Durchbildung der Körper wird also eine vom Reich strengstens kontrollierte staats- und kulturpolitische Dil- dungsarbeit einzusetzen haben. Gerade hier wird das Reich auf die Hilfe der überparteilichen Verbände und Bünde angewiesen sein.

III. Nie Arbeitsdienstpslicht.

Die nationalsozialistischen Pläne, die Oberst Hier! kürzlich in einer Broschüre und auch im Rundfunk entwickelte, werden in absehbarer Zeit nicht verwirklicht werden können. Eine Reichsorga­nisation, die zwei volle Jahrgänge zur Ableistung der Arbeitsdienstpflicht einzuziehen hätte, der es ob­läge, 800 000 bis 900 000 Mann unterzubringen, zu bekleiden, zu verpflegen, in der Freizeit zu beschäf­tigen, eine solche Organisation würde Milliarden jährlich erfordern. Oberst Hierl ist selbst zur Auf­fassung gekommen, daß ein solcherArbeitsdienst- soldat" jährlich 2 0 0 0 Mark toften würde. Die Aufbringung solcher Summen ist innerhalb des heutigen Staats, Wirtschafts- und Währungssystems ledoch unmöglich. Der Durchführung des Arbeits­dienstes sind nun einmal Grenzen gesetzt. Grenzen sowohl in der Finanzierung als auch in der Ar­beitsbeschaffung. lieber diese Grenzen hinaus wird jeder noch so gut gemeinte Plan zur Illusion. Jnner-

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Das Verhör des Profestors der Zoologie an der Wiener Universität, Dr. Carl Camillo Schnei­der (X) der auf dem Wiener Zentral-Friedhof bei einer Denkmalweihe auf den Unioerfitätsrektor Prof. Abel ein Revolverattentat verübte. Schneider erklärte, er habe sich an dem Rektor rächen wollen, weil dieser seine Berufung auf den ordentlichen Lehrstuhl Hintertrieben habe.

halb der Grenzen und Möglichkeiten jedoch fein Bestes zu tun, um die furchtbare Gefahr dieser Zeit, den geistigen und körperlichen Zerfall unserer Ju­gend zu verhindern, die den Willen zur Arbeit hat, darin sollten Staat, Parteien, Verbände und alle Deutschen wetteifern.

Lernt schonen!

Mehr Rücksicht auf uns und unsere Llmgebung!

Von Prof. Or. med. Edgar Ahler, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Insiituis für Arbeitsphysiologie.

Dampfend und keuchend müht sich ein Pferd unter den Schlägen eines Kutschers ab, die allzu schwere Last zu bewältigen: Jeder Zeuge eines solchen widerlichen Schauspiels empfindet Mitleid mit dem armen Tier. Tierschutzvereine haben sich gebildet, solche Quälereien zu verhindern und ihre Parole:Schont das Tier" findet in allen Herzen ein Echo. Und doch möchte man die Pa­role auch auf den Menschen ausdeh­nen. Gerade in unserer heutigen Zeit der Tech­nisierung gilt mehr denn je das Wort: Lernt schonen I Der moderne Mensch muh schnell und zweckmäßig reagieren; er muß seinen Willen und seine Aufmerksamkeit so stark anspannen können, daß er sich rasch und erfolgreich auf die immer neu an ihn herantretenden Aufgaben umstellen kann. Und in diesem aufreibenden Existenzkampf betrügen sich viele um den Lohn ihres ernsten Strebens, weil sie sich selbst nicht schonen: uner­müdlich schaffen sie vom frühen SRorgen bis zum späten Abend. Jede Chance versuchen sie auszu- nuhen. Immer nur denken sie an die Zukunft, nie leben sie dem Genuß des Augenblicks. Eine innere Stimme ruft ihnen zu: Weiter voran, wei­ter voran! - Und wenn sie dann schließlich ihr heitzersehntes Ziel erreicht haben, dann haben sie sich durch die dauernde Ueberan streu - g u n g innerlich und äußerlich so zermürbt, daß

Die Dame wandte sich jetzt an Traute Steiner- Weiland:

Liebe, gnädige Frau, unser berühmter Gast ist ja Ihre Freundin. Vielleicht legen Sie ein gutes Wort bei Fräulein Pfilipp ein, daß Sie bei mir an meinem nächsten Gesellschaftsabend singt. Es wäre mir und meinem Manne die größte Ehre! Wenn Sie mich vorstellen würden, Frau Weiland..."

Traute wandte sich zu Elisabeth.

Erlaube, Elisabeth, daß ich dir Frau Land­gerichtsrat Heilmann vorstelle ..

Elisabeth neigte den Kopf und sah die kleine Frau aufmerksam an. Das war also Sibylle Rautenstein, um derentwillen Hubert Heilmann sie damals verlassen, an die er sich verkauft hatteI

Ich danke Ihnen sehr, gnädige Frau, für Ihre liebenswürdige Einladung. Aber ich bin zu meiner Erholung hier, nach einem sehr an­strengenden Winter. Ich muh Ihnen leider eine Absage geben. Ich habe heute nur gesungen, weil es der Wohltätigkeit galt.

Oh, Fräulein Pfilipp, Sie dürfen mir das nicht antun, Sie müssen kommen."

Dabei wollte Sibylle Heilmann ihren Arm ver­trauensvoll um Elisabeths Schulter legen. Die Sängerin trat einen Schritt zurück.

Ich werde es mir noch einmal überlegen, gnädige Frau. Ich möchte Ihnen heute noch keinen endgültigen Bescheid geben. Ich bin sehr abgespannt und möchte mich jetzt zurückziehen. Entschuldigen Sie mich, bitte ...

Elisabeth neigte den Kops, wandte sich um. Die Menge teilte sich, sie durchzulassen.

Sie ging gerade durch ein menschenleeres Rebenzimmer, als sie leise angerufen wurde. Jäh drehte sie den Kopf, sah Lothar von Eckerts- bürg auf sich zukommen.

Ich sah Sie hierhergehen, Elisabeth, und bin Ihnen gefolgt. Ich habe auf den Augenblick ge­wartet, um Ihnen zu sagen, dah Sie sich heute selbst übertroffen haben. Und daß Sie gerade das Lied der Solveig fangen dafür danke ich Ihnen ganz besonders."

Er hatte ihre Hand ergriffen, sie geküßt, sah ihr dabei fest in die Augen. Elisabeths Herz stand still, reglos schaute sie den Mann an.

Gnädiges Fräulein, daß ich Sie endlich finde."

Mit diesen Worten unterbrach der junge Graf Dallwitz die köstliche Stille, nicht ahnend, daß er da etwas zerrissen hatte, was sich endlich knüpfen sollte.

Ich bitte um die Ehre, Sie zur Tafel führen zu dürfen, gnädiges Fräulein. Seit Vater mir die Erlaubnis dazu gegeben hat, suche ich Sie wie eine Stecknadel. Wenn es Ihnen recht ist..."

Clisadeth sah Eckertsburg einen Augenblick an. Er war zurückgetreten, tat, als ob ihn dies alles nichts anginge. Sie unterdrückte einen Seufzer, wandte sich zu dem jungen Grafen, nickte leicht mit dem Kopf.

sie außerstande sind, sich des Erreichten zu freuen. Umsonst" das ist die Bilanz ihres Strebens.

Wenn man mehr von der Statur erzwingt, als sie uns freiwillig gibt, so ist das immer e i n gefährliches Unternehmen. Der Mensch soll Maß halten im Vergnügen undinder Arbeit. Die Ermüdung ist das War­nungssignal, das uns vor Ueberanstrengung und Erschöpfung schützen soll. Man kann zwar die Ermüdung unterdrücken durch starke Wil­lensanspannung oder durch Reizstoffe, wie Kai- fee, Tee: tut man dies nur gelegentlich, so wird sich wohl kaum ein Schaden nachweisen lassen, wohl aber dann, wenn man zu oft zu diesen Mit­teln greift. Und diese systematische Un­terdrückung der Ermüdung ist gerade deshalb von so verhängnisvollen Fol­gen begleitet, weil die Erholung um so zö­gernder erfolgt, je weiter die Ermüdung fortge­schritten war.

Aber nicht nur sich selbst, auch andere soll man schonen. Um wieviel schöner wäre das Leben, wenn alle das beherzigen würden. Hier wollen wir besonders der Frauen gedenken, die wahr­lich oft genug der Schonung bedürfen.

Was lastet heute nicht alles auf der deutschen Hausfrau! Der schmale Verdienst des Hausva­ters reicht nicht hin und nicht her: so muß auch

Glückstrahlend führte der Graf sie in den Speisesaal. Bald darauf saß sie mitten unter fröhlicher Jugend, die der schönen Künstlerin eifrig huldigte. Heiter ging Elisabeth auf die Scherze der jungen Leute ein; sie fühlte sich ganz jung mit einem Male, froh und glücklich, sie wußte selbst nicht, warum.

Durch ein großes Blumenarrangement hindurch konnte sie Eckertsburg sehen, der an der gegen­überliegenden Tafel saß. Sie beobachtete fein Ge­sicht, das finster war und jenen Zug zeigte, vor dem sie sich früher so gefürchtet hatte. Heute fürchtete sie ihn nicht mehr.

Sie liebte diesen Mann mit einer reifen, tiefen Frauenliebe. Es zog sie zu ihm mit allen Fasern ihres Herzens. Leidenschaftlich durchdrang sie der Wunsch: Rur einmal diese schmalen Lippen küssen zu dürfen, die jetzt fo fest und trotzig auseinander lagen.

Er konnte ganz anders sein, das wußte sie jetzt. In diesen letzten Wochen wieder, bei Weilands, hatte sie gesehen, welch prächtiger Mensch hinter der hochmütigen Maske versteckt war.

Und vorhin, in dem abgelegenen Zimmer da wäre vielleicht etwas geschehen, wenn der Störenfried nicht gekommen wäre. Unendliches Sehnen durchzog ihr Inneres nach diesem Manne, der ihr Gedanke bei Tag und bei Rächt war, zu dem sie nie gelangen konnte.

Riemand hätte es dem starren, verschlossenen Gesicht Lothar von Eckertsburg angesehen, von welch heißen Gefühlen er beherrscht wurde, wäh­rend er an der großen Tafel saß und sich kärglich mit seiner Tischdame unterhielt.

Er, der kühle Derstandsmensch, der Meister der Beherrschung, der Länder und Meere zwischen sich und seine Liebe gelegt hatte, der glaubte, vergessen zu können und sich immer mehr in diese Liebe verstrickte, er durchkostete jetzt zum ersten Male alle Qualen der Eifersucht. Wie haßte er alle diese jungen Männer, die da um Elisabeth herumsaßen, sie anschmachteten, ihr Komplimente sagten, die sie so fröhlich zu machen verstanden, daß sie ganz verwandelt erschien!

Zum ersten Male in seinem Leben hatte Lothar von Eckertsburg die große Liebe fennengelemt, die sich vor Enttäuschung fürchtet und vor Zurück­weisung. Zum ersten Male fühlte er sich nicht als Herr gegenüber einer begehrten Frau, zum ersten Male stand er nicht über der Situation.

Er ertrug es nicht mehr, stumm dazusitzen und zuzusehen, wie Elisabeth sich anschmachten ließ. Hastig stürzte er ein Glas Wein hinunter.

In diesem Augenblick traf er auf Elisabeth- Augen, die zu ihm herüberschauten. Ihre lachen­den Sterne, die voller Freude waren und die sich jetzt dem jungen Grasen zuwandten, mit dem sie gerade ein Vielliebchen teilte.

(Fortsetzung folgt.)