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kr. 102 Zweites Blatt

GietzenerAnzetger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, 2. Mai (952

Oie Grenze des Schreckens.

Am Dnjestr, dem Grenzfluß zwischen Rumänien und Rußland.

Don unserem H. IV-Bcrichtcrstatter.

' (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Bukarest, April 1932.

Seit geraumer Zeit ist kaum ein Tag vergangen, an dein der Draht nicht irgendeinen neuen blutigen Grenzzwischensall am Dnjeskr gemeldet hätte, Zwischenfalle, die in ihrer Gesamtheit blitz artig einen latenten Kleinkrieg in dieserbesfarabi- schcn Mandschurei" beleuchten, der ernstester Beach­tung wert ist. Denn aus den ost sehr wideriprcchcndcn Tagesmeldungcn auch wenn sie in ihren Ginzel- heilen übertrieben fein sollten lassen sich doch sehr wertvolle Rückschlüsse auf die derzeitige Lage in Sudruhland und auch aus die durch die gescheiterten Paktoerhandlungcn mit Ruhland recht gespannt Gewordenen Beziehungen zwischcnRuma. »ien und den Sowjets ziehen.

Doch zunächst ein kurzer militarpolitisch-geographi- scher Rückblick: Der Dnjestr, der sich nicht weit »on Odessa ins Schwarze Meer ergieht, war vor dem Zlriege der Hauptstrom des russischen Gouvernements Bessarabien, in dem sehr vieleMoldawaner", DH. rumänische Bauern, lebten, aus deren bloßer Existenz Rumänien im Jahre 1919 unter Zu­hilfenahme derSelbstbestimmungsklausel" die Be­rechtigung herleitete, sich einen Teil dieser russischen Provinz bis zum Dnjestr, der taktisch und strategisch günstigsten Grenze gegen Rußland, einzuver leiben. Seitdem läuft die russisch rumänische Grenze genau in der Mitte des Flusses entlang und kann als Musterbeispiel für eine in jeder Hinsicht falsche Grenzziehung angesprochen werden. Abgesehen davon, doh große Teile dieser Molda- waner weiterhin unter russischer Herrschaft geblieben sind lediglich, weil es weiter östlich vom Dnjestr keinenpassenden" Grenzfluß mehr gab, der den militärischen Notwendigkeiten gerecht geworden wäre ift heute die gesamte einst so blühende Dnjestr- Schiffahrt l a h m g e l e g t worden und jede Art von Handelsverkehr daraus unterbunden. Denn in der russischen Zeit bildete dieser Fluß die H a u p t o e r - kehrslinie in nord-südlicher Richtung, unb in Bessarabien find infolgedessen olle Straßen unb Wege in west östlicher Richtung angelegt wor- frm: Sie alle führen senkrechtauf ben F luß 3 u, wo bic herantransportierten Waren bann nach Suben ober Norden verschifft wurden. Durch die neue Grenzziehung sind diese wcstostlichen Verkehrswege aber samt und sonders zu Sackgassen gewor­den, die ganz unvermittelt auf beiden Ufern des Flusses oufhören. Denn dort, wo an ihren End­punkten f rüber Leichter, Schlepper und große Dampfer anlegten und beloben würben, stehen sich heute schwerbewaffnete P o st e n unb Pa- lrouillen gegenüber unb halten bie Wacht an einem loten Fluß ...

Diese hermetische, gegenseitige, seil Jahren an- bauernde Absperrung hat natürlich unerträg­liche Verhältnisse geschaffen, unb ein großer Teil der bessarabischen Wirtschaftsnöte bie Paral- leien mit Memel und dem Korridor sind von über- roschender Ähnlichkeit kommt in allererster Linie ouf das Konto dieser unmöglichen Grenzziehung, bie (ine organisch gewachsene Provinz mit bem Lineal in zwei Hälften geteilt hat. Denn ber naturgegebene Handelsweg nach Odessa ist versperrt und die da­durch entstandene Krise hat eine Unzufriedenheit und sine 'Not iin rumänischen Bessarabien hervorgerufen, die für kommunistische Agitatoren das denkbar beste Betätigungsfeld bietet. Nicht nur Ackerbau unb Vieh­zucht liegen infolge ber Erportunmöglichkeit bar­nieder, auch die 'gesamte Fischerei ift lahmgelegt worden, an deren Weiterbestand beide Länder, also Rußland und Rumänien, gleicherweise stark inter- effiert waren.

Infolgedessen sahen sich beide Parteien in der Folgezeit zu gewissen gegenseitigen Zuge- skä'nd n i fs en genötigt, um die finge der fisch

fangtreibenben Bevölkerung zu erleichtern. Diese Zu- geftanbniffe an bic mit Sonberpässen unb Sonder- erlaubnifjen ausgestattetensakrosankten" Fischer unb Schiffer machten sich nun in erster Linie natürlich bie berufsmäßigen Schmuggler zunutze, um unter einerFtfchermaske" ungestört ihr einträg­liches Gewerbehinüber" unbherüber" betreiben zu können. Aber nicht nur bic Schmuggler, (onbern auch zahlreiche anbere Elemente, wie Deserteure, Verbrecher, Agenten, Spione unb ähnliche katili- narische Existenzen, bic aus bestimmten Grünben einenUfcrwcchsel" vornehmen mußten ober wollten, schlüpften durch die Masche desDnjestr Abkom- mens" mit hindurch.

Wer bei solch einem Versuch von den Grenzwachen gestellt" wurde, büßte in der Regel dabei sein Leben ein. Denn beftimmungs- und vereinba­rungsgemäß mußten olle Verhafteten inihrHei - matland zurückgeschickt werden, was für Flüchtlinge aus Rußland in der Regel gleichbedeu­tend war mit dem sicheren Tode. Kein Wunder, wenn sie am rettenden rumänischen User ange­nommen sich um jeden Preis der Verfolgung der Grenzjäger zu entziehen versuchten, was aber meist nur sehr wenigen lebend zu gelingen pflegte. Denn für die rumänischen Posten war es natürlich sehr schwer, wenn nicht unmöglich,richtige" Flüchtlinge von jenenfalschen" zu unterscheiden, die Rußland mit geheimen Aufträgen nach Rumänien entsandte. Infolgedessen schossen die Posten lieber zehnmal zu viel als einmal zu wenig ...

Eine Wendung trat erst ein, als sich die Zahl der Rußland-Müden ausfallend zu mehren begann, eine Zahl, die von jeher das beste Barometer für die Hohe" oder dieTiefe" des jeweiligen russischen Lebensstandards war. Dieseechten" Flücht­linge, die nur das nackte Leben retten ober bic ber Deportierung entgehen wollten, nun auf Grunb eines toten Buchstabens roicbcr zuruckzuschicken in bie Hölle, ber sie eben erst mit knapper Mühe unb Not entronnen waren, wäre eine unnötige Grau­samkeit gewesen, bic sich nicht leicht einmal mit poli­tischen Grünben hätte rechtfertigen lassen. Infolge­dessen begann man es auf rumänischer Seite allmäh­lich mit dem Buchstaben ber Bestimmungen nicht mehr so genau zu nehmen, zumal sich eben auch bic Russen an bic getroffenen Vereinbarungen nicht hielten. Denn sie nahmen bas aus Rumänien befer- tierte Gefinbel, wie Deserteure, entsprungene Ver­brecher unb anbere negativen Elemente bereitwil­ligst als wertvollen Bevölkerungszuwachs bes Sowjet-Parabieses bei sich auf, schickten auch jene jungen, unbescholtenen Leute nicht zurück, bie sich burch eine Flucht nach Rußland der rumänischen Wehrpflicht zu entziehen versuchten.

Wie gesagt in den letzten Jahren ist die lieber- wachung der Dnjcftrgrenze von den rumänischen Po- fticrungen sehr großzügig gehandhabt worden, es war eine Entspannung eingetreten, und all­gemein nahm man an, daß die unterdessen in Riga eingeleiteten russisch-rumänischen Paktvetchanblungen auch denkleinen Grenzvcrkchr" in Bessarabien auf eine tragfähige Grundlage stellen und geordnete Verhältnisse an der Grenze schaffen würden. Diese Hoffnung hat leider getrogen, denn ausgerechnet mitten in die Rigaer Verhandlungen knallten wie aus heiterem Himmel bicSchüsse von So« rofa" hinein, bic bann in ber Folgezeit jenen Kleinkrieg entfesselt haben, ber bem mürber i = schcn Fluß seine beseitige traurige Berühmtheit verschafft hot.

Der Zwischenfall von SoroTa, bei bem sechs junge Leute, herunter ein Mäbchen, bie ben Dnjestr heim­lich in Richtung Rußlanb überschreiten wollten, von ben Rumänen erschossen würben, ist bis heute noch nicht geklärt unb hat sogar eine Anfrage im englischen Unterhaus ausgelöst. Der Verbucht,

Gießener Siadttheater.

Woctljc:Faust" 1.

Wenn die Theaterleitung zur Nachfeier von Goethes 100. Todestage den vor fünf Jahren her zuletzt gegebenen ..Faust" in einer neuen Inszenierung in den Spielplan aufnahm, so war >es ein glücklicher unb naheliegender Gedanke Tfofern, als die Tragödie ja das eigentliche Lobenswert Goethes darstellt und als gefummel­ter Ausdruck und Sinnbild seines dichterischen Wesens gelten darf.

9erSauft hat. wie seinerzeit ausführlich dar- gelegt worden ist, und was gemeinhin als bc- kennt vorausgesetzt werden darf, von der ersten Ilüften 'Begegnung mit dem Stoff über die man­cherlei Entwicklungsstadien bis zur endlichen lollenbung den Dichter durch sein ganzes Leben hndurch begleitet,llrfauft", Fragment von 1790, i>er Tragödie erster Teil und das in sich ruhende Tefamtwerk sind die bedeutenden Stationen auf fcm Schaffensweg eines reichen und wahrhaft gesegneten Daseins.

Wie nun das Werk den Meister durch alle Lebensalter vom Knaben bis zum Greis be­gehet Hut. so ist auf diesem langwierigen, oft unterbrochenen Wege auch die menschliche und künstlerische Entwicklung Goethes in das Werk rngegangen und in ihm gespiegelt, so zwar, daß a le Stadien darin irgendwie enthalten sind, daß Jestultwundel und Stilwechsel sich darin aufweifen Ulen, ohne daß doch die Einheit des Ganzen btdurch gefährdet oder auch nur getrübt würde.

Allerdings muß man stets im Auge behalten, dch der ..Faust" in seiner mächtig ausladenden, .reellen Gesamtheit, wie ihn die Hand des greifen Sichters kurz vor dem Tode abschloß. als eine Sichtung zu fassen und zu bewerten ist, an Heren vollkommene Sichtbarmachung auf dem Theater Goethe selbst nie eigentlich geglaubt f>it; und die umfassende geistige Ausdeutung her Faustfabel im Goetheschen Sinne wird sich rit den Mitteln des Theaters wohl nie ohne Srdenrest befriedigend gestalten lassen.

Mit andern Worten: die beiden Teile der Tragödie gehören innerlich ko unlösbar zusam­men. daß jeder für sich notwendigerweise als Fragment wirken muß. Erst die von Schiller an- (^regte geistige Rahmung und Bindung der bei- ! den großen Teile läßt uns die Dichtung als ei ne­in sich geschlossene, untrennbare Einheit empfin­

den und begreifen; die Worte des Engelchores am Ende des zweiten Teils ..Wer immer strebend sich bemüht ..." kehren in einem weit­gespannten Gedankenbogen zum Prolog im Him­mel zurück, der den ..Faust" sub specie aeterni- tatis einleitet: zwilchen diesen beiden Polen ent­faltet sich dramatisch, dichterisch und ideenmäßig die ganze Fülle und Breite des Werkes. Die zu Beginn zwischen Gott und Teufel geschlossene Wette und die am Ende von seligen Geistern gesungene Verkündigung erscheinen als die äußer­sten tragenden Pfeiler eines weit gespannten inneren Bogens, der die Hälften zur Einheit zusammenfügt.

Diese Betrachtung führt unmittelbar zum Kar­dinalproblem jeder sinnfälligen Wiedergabe des Werkes auf der Bühne: es besteht in der inneren Verbundenheit und untrennbaren Zusammenge­hörigkeit beider Teile ... und der Unmöglichkeit, beide als Ganzes auf dem Theater darzustellen. Die Bemühungen um eine praktische Lösung sind ebenso zahlreich wie erfolglos gewesen. Es geht mit dem ., Faust" wie mit derWattenstein"- Trilogie Schillers; Versuche in dieser Richtung werden wohl auch bis auf weiteres nur zu mehr oder minder gewalttätigen Notlösungen oder un­befriedigenden Kompromissen führen.

Was denFaust" angeht, so sollte man den dramaturgisch gesehen mehr als spröden zweiten Teil überhauvt nicht auf die Bühne bringen, die ihm doch nur sehr teilweise und lehr oberflächlich-opernhaft gerecht werden kann. Man sott sich vielmehr auf den ungleich volkstümliche­ren ersten Teil beschränken und sott sich nur_bar- über klar sein, daß jede Aufführung dieses Teils im Grunde ähnlich bruchstückhaft wirken muß wie die früheren Fassungen, die man als Fragment von 1790 und alsUrfaust" bezeichnet; und daß also die vornehmste Aufgabe und der wesentliche Sinn jeder Aufführung darin liegen sollte^ den Beschauer von der Bühne zum Buch, vom Thea­terspiel zur Dichtung zu führen, die sich erst dem eindringend Lesenden in der zeitlosen Mächtig­keit ihres geistigen Aufbaus erschließt.

Wir wissen, daß eine Aufführung her Tragödie personell, dramaturgisch und technisch außerordent­liche Anforderungen an unsere Bühne stellt, und wir glauben, daß die Neuinszenierung unter der Leitung des Intendanten Dr. P r a s ch alle Wünsche befrie­digte, deren Verwirklichung man im Sinne des oben Gesagten erwarten konnte.

Blick auf Öen Dnjestr. Im Vordergrund die im Jahre 1917 gesprengte Eisenbahnbrücke bei Ataki, die nicht wieder aufgebaut wurde.

daß dieser Zwischenfall von einer Seite heroorge- rufen worden ist, die Interesse daran hatte, die spater auch tatsächlich gescheiterten russisch-rumä­nischen Verhandlungen in Riga zu sabotieren, läßt sich leider nicht von der Hand weisen ... auf alle Fälle haben dieSchüsse von Soroka" auf der anderen Seite" in der Folgezeit ein hundert­faches blutiges Echo ausgelöst. Die rumä- nische These, daß die Sowjets sich für die Erschießung der sechs Russen durch die Abschlachtung der zehn­fachen Anzahl moldawanischer, d. h. rumänischer Bauern rachen wollten, ist wohl nur bedingt richtig. Tatsächlich scheint es sich um folgendes zu handeln: Die wenigen Geretteten, denen es in der letzten Zeit gelungen ift, unversehrt das rumänische Ufer über den zugefrorenen Fluß zu erreichen, sagen übereinstimmend aus, daß sich die Lcbensver- bältnisse in Südrußland immer fata- strophaler ge ft alten, und daß die Zwangs- kollektivierung immer rücksichtsloser durchgeführt wird. Darüber hinaus sollen sich die Sowjets mit Rücksicht auf die durchaus ungeklärten Beziehungen zu Rumänien mit der Absicht tragen, alleFremd­stämmigen", d. h. rumänischen Bauern aus der Dnjestrzone zu evakuieren und sie in anderen Gebieten Rußlands anzusiedeln, um auf diese Weise Platz für dieechtrusfischen Leute", die selbstverständ­lich überzeugte Kommunisten sein müssen, zu schaffen.

Um also der Kollektivierung, der Deportation und der Zwangsumsiedlung zu entgehen, haben Hunderte von rumänischen Bauern in den letzten lagen und Wochen den Versuch unternommen, sich über den Fluß in ihre alte Stamm Heimat zu ret­ten, Versuche die zumeist im Feuer der russischen Maschinengewehre blutig gescheitert und zusammengebrochen sind. Wie viele Frauen und Kinder dabei ihr Leben eingebüßt haben, läßt sich mit Bestimmtheit nicht sagen, rumä­nische Blätter wollen von förmlichenLeichenhügeln" wissen, die den gefrorenen Fluß bedecken ... Tatsache ift auf alle Fälle, daß bisher vielleicht 50 bis 60 verwundete Flüchtlinge aus Rußland in den rumänischen Lazaretten Aufnahme gefunden haben. Sie dürsten kaum ausRache für Soroka" beschoßen Aorben fein in erster Linie kam es ben Sowjets wohl barauf an, authentische Nachrichten über bie katastrophale Lage in Sübrußlanb zu unter­drücken unb zum andern was viel wichtiger ist auch äußerlich zum Ausdruck zu bringen, daß es zwischen Rußland und Rumänien nicht eher Frieden gibt, als bis die Entscheidung über Bessarabien end­

gültig zugunsten Rußlands gefallen ist. Dis dahin wird vorauslich dermörderische Fluß" seinen Na­men weiterhin zu Recht führen ...

Oie Versetzung des Alsfelder Kreisbirektors.

WSN. Darmstadt, 1. Mai. Amtlich wird mit- geteilt: Der Staatspräsident empfing am «amstagoormittag eine Deputation aus Als­feld, bestehend aus den Herren Oekonomierat K o r c 11 Bürgermeister Dr. Bölling, Kommer­zienrat Ramspeck und Sparkassendirektor D o geley.

Die Herren erklärten, daß sie als Beauftragte einer großen Versammlung kamen, die am Sonntag in Alsfeld stottgefunden hätte, und daß sie auch im Namen der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Bevölkerung aller Schichten bes Kreises Alsfeld sprächen, wenn sie bas Ersuchen vorbrächten, ben Herrn Kreisbirektor Dr. Stammler nicht von Alsfelb abzuberufen. Die Bevölkerung empfinbe das als eine Ungerechtigkeit. Dr. Stamm- l e r habe es in den 15 Jahren seiner Tätigkeit ver­standen, sich das Vertrauen aller Kreiseingesessenen zu erwerben und zu erhalten.

Der Staatspräsident erklärte, daß die Regierung an sich sehr fhmpotftifch berührt sei durch die Vertrauenskundgebung für Herrn Kreis­direktor Dr. Stammler. Die Regierung anerkenne auch, daß sich die Kundgebung von Uebertreibun» gen femgeftalten und in würdigem Rahmen ge­führt worden fei. Das dürfe wohl im wesentlichen aus die Einwirkung der als Deputation erschie­nenen Herren zurückgeführt werden. Es ließe sich allerdings nicht verkennen, daß gewisse poli­tische Unterströmungen der Aktion einen starken Auftrieb gegeben hätten. Die Abberufung des Herrn Kreisdirektor Dr. Stammler fei an sich Angelegenheit des Innenministers, aber sie finde die Billigung des Gesamtmini st e- r i u m s. Es handle sich nicht umeineStraf- maßnahme. Das ergebe sich schon daraus, daß Dr. Stammler im Ministerium selbst verwen­det werde. Als Beförderung sei die Ver­setzung allerdings auch nicht auszufassen. Die Gründe seien kurz die folgenden: Als vor einiger Zeit ein Aufgebot der Landespolizei zur Durchführung der Auflösung derS 21- und SS. -Formationen nach Alsfeld kam, wurde

Man sah eine in jeher Hinsicht große unb groß- angelegte Ausführung (bie sich über mehr als fünf Stunben erstreckte) es war außer bem Vorspiel auf hem Theater unb ber Walpurgisnacht, bie beibe, mit Recht, fast immer fortgelaffen werben, nichts gestrichen worben; bic Regie war sichtlich bestrebt, bas Werk in seiner Totalität wirken zu lasten unb alle Elemente bes Schauspiels Pakt, akabemische Satire, Grctchcnlragöbic mit ihren heiteren unb tragischen Akzenten gleichmäßig zur Geltung zu bringen.

Dabei würbe bem Theater allenthalben gegeben, was bes Theaters ist, im Ganzen aber, wie es sich geziemt, her Nachbruck auf bie lebenbige Ausge­staltung bes Wortes gelegt, bie ja hier, mehr als irgcnbmo sonst, liebevoller Hingabe bebarf. (Vielleicht liehe sich in einzelnen Partien ber inbirekten Stim­men Prolog; Erbgeist noch eine bessere Ser» stänblichkeit erzielen.)

Bilbmäßig hielt der Stil ber Inszenierung glück­lich bie Mitte zwischen srifcher Realistik unb einer anbeutenbenStilisierung; bicEntwürfc vonL ö s f l e r waren auf Geist unb Atmosphäre bes Dramas abge- ftimmt; befonbers ber Osterspaziergang, von bem wirklich ein Hauch ersten Frühlings ausging, bas Stabtbilb vor bem Dom, Brunnen; mater dolorosa, ferner Gretchens Kammer unb Mar­thes Garten bürfen als trefflich gelungen hervor­gehoben werben. Auch bic technischen Schwierig­keiten Beschwörung; Hexenküche waren burch- aus bewältigt; ber hier befonbers wichtige unb komplizierte Belcuchtungsapparat würbe von Herrn Keim verftänbnisvoll betreut. Walter M o e h l (Komposition unb Leitung her Bühnenmusik) unb (Surt Huber (Kostüm-Ausstattung) unterstützten bie Gefamtrcgic vortrefflich.

Als Faust sah man Herrn Hauer, her eine aus­geglichene unb vielseitig interessante Leistung vor- führte; er bewältigte bie, textlich unb intellektuell bebeutenbe Ansorberungen stellenbe Partie mit ruhiger Uedersicht, Glicbcrung unb Steigerung unb vermochte, was uns befonbers sympathisch berührte, ben sonst oft cmpfinblich fühlbar merbenben Abstand zwischen bem alten unb bem verjüngten Faust leicht unb unaufbringlid) zu überbrücken. Er würbe eigentlich allen Wcsensteilen her Gestalt gleichmäßig gerecht: bem humanistischen Grübler unb Zweifler, bem gcistcrbeschworcnbcn Magier unb bem wcltfahren- ben Sinnenmenschen unb Liebhaber.

Für ben in letzter Stunde erkrankten Herrn Heyser war als Mephisto Herr Ullrich von der

Trenck vom Badischen Landestheater in Karls­ruhe eingesprungen: ein sehr routinierter und darstellerisch kultivierter Schauspieler, der sich in der fremden Umgebung und im großen Ensemble überraschend geläufig und umsichtig zurechtfand. Sein Mephisto war auf einen einheitlichen Ton gestimmt: weniger elegant als kalt, weniger witzig als scharf satirisch, ohne aufdringlicheDämonie", um eine prägnante dialektische Durchbildung sei­nes Parts bemüht; am besten in der ausgezeichnet belebten Schülerszene und in den Auftritten mit Marthe Schwerdttein.

2tts Margarethe: Beatrice Doering; eine äußerlich zunächst überraschende, weil vom tra­ditionell blonden Grctchentyp abweichende Erschei­nung. Aber man gewohnte sich schnell daran, denn es kommt ja auf den Ton und die innere Durch­dringung an. Frl. Doering hatte begriffen, daß jeder fteroinenftafte Zug dieses Bild stören mußte; sie gab ihr Gretchen ganz schlicht, aus dem bür­gerlichen Umkreis heraus, anfangs herb und ver­halten im Ton, später weicher und wärmer, ge­fühlsmäßig ganz gelöst in ben unvergänglichen Liebesszenen im Garten (hie wir als Höhepunkt ihrer Darstellung empfanden); auch die oft pein­lich grelle Kerterszene wurde mit richtigem Ge­fühl für die Grenzen des hier Möglichen gespielt.

Hub war ein vortrefflicher Famulus: spießig, trocken und nicht ohne diskreten Humor; auch dirigierte er als Brander das herrlich versoffene, kannibalisch lärmende Quartett in Auerbachs Keller: Hub, Dolck, Wichel. Nieren. Eine prächtige, von draller Komik umgebene Marthe lieferte Frau Koch. Druck führte mit sprühendem Temperament den diabolischen Rei­gen in der Herenküche. Schelcher war ein bubenhaft schüchterner Schüler; Paetsch ein grimmig biederer Valentin: er starb .als ein Sol­dat und brav"; auch alle übrigen stellten im gro­ßen Ensemble wacker ihren Mann.

Es war ein starker und verdienter Erfolg. Mit den Darstellern konnte zuletzt der Intendant den Dank des Hauses entgegennehmen. hth.

Hochschulnacbrichten.

Der Privatbozent Dr. H. Backhaus von ber Universität Greifswald würbe zum Ordinarius für theoretische Elektrotechnik an ber Technischen Hochschule in Karlsruhe ernannt.