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Ur. 77 Erstes Matt

182. Jahrgang

Samstag, 2. April 1952

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Drud and Verlag: vrühl'fche Univerfitüls-Vuch- und Zteiudruckerei R. Lange in Siehe». Schriftlettung und Seschastrftelle: Zchulstratze 7.

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Dr. Friedr. Will). Lange. Verantwortlich fürPolitik Dr. Fr. Will). Gange; für Feuilleton Dr.H.TKyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.

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Oie Oonaukonserenz.

"Schor wir uns nach Ablauf des behördlich verordneten Ostersriedens in der kommenden Woche mit dem zweiten Wahlgang der 'Reichs­präsidentenwohl und den fast unmittelbar her­auf folgenden Landtagswahlen in Preußen. "Sayern, Württemberg und Anhalt Hals über Kopf in neue erbitterte innerpolitische Kämpfe stürzen, ist es zwingendes Gebot wohlverstandenen Selbsterhaltungstriebs, noch einmal mit leidlich kahlem Kopf nach unserer außenpolitischen Lage älmschou zu halten, die in den nächsten Monaten bis in den Spätsommer hinein durch die drei Probleme, Donauwirtschaftsraum, Tributrevision und Abrüstung, beherrscht werden wird. Die Frage einer wirtschaftlichen Sanierung der Donauländcr, besser gesagt Mittel- und Süd- Osteuropas, steht zunächst auf der Tagesordnung. Sie war durch die Ankündigung eines deutsch- österreichischen Zollbündnisses in Angriff genom­men worden. Frankreich hatte diese Aktion der Minister Curtius und Schober durch seine erfolg­reiche Offensive auf Schilling. Mark und Pfund tc pebiert und der französische Ministerpräsident hat sich dann die Initiative zu einem Gegenstoß auf der gleichen Ebene mit unleugbarem Geschick selber in die Hände gespielt. Der Augenblick schien günstig. Deutschland war in heftigste inner- politische Kämpfe um die Präsidentschaft ver­strickt, England vor schwierigen handelspolitischen Verhandlungen mit seinen Dominions nur mit einem Ohr bei der Sache, Italien sollte mit liebenswürdigen Worten und Versprechen für bie Zukunst geködert werden, und die Donau» staaten selber in finanziellen Schwierigkeiten schier versinkend, schienen nach jedem Strohhalm grei­fen zu wollen, von dem sie sich eine Rettung ans feste Ufer versprechen konnten. Aber das Ziel der französischen Politik, die AbschnürungDeutsch» lands vom Donauraum und die Sicherung der Vormachtstellung Frankreichs in Südostcuropa durch wirtschaftliche Dindungen der Donaulän­der untereinander unter dem französischen Pro­tektorat, war nicht auf den ersten Anhieb zu erreichen. 3m ersten Stadium des Kampfes um den Donauraum hat Tardieu zweifellos eine Schlappe erlitten. Seine Absicht, das französische Zollbündnisprojekt ohne Zuziehung der Groß­mächte unter Ausschaltung Deutschlands nur in Verhandlung mit den fünf Donaustaaten durch­zusetzen Bulgarien hatte man in Parisver­gessen", um in dem neuen Block das französische Uebergewicht von vornherein zu sichern diese "Absicht ist gescheitert. 3talien hat protestiert, Deutschland hat eine Konferenz der vier inter­essierten Großmächte angeregt und England hat bereits die Einladungen dazu nach London für Mitte der kommenden Woche ergehen lassen.

Tardieu hat diese Schlappe durch einen neuen Schachzug wieder auszuwehen versucht. Er ist auf eine früher einmal ergangene Einladung des englischen Premierministers zurückgekommen und hat sich nun schon für die ersten Tage der kommenden Woche mit seinem Finanzminister Flandin zu einer Sonderbesprechung mit den britischen Staatsmännern in London ange­sagt. Macdonald sieht dieser Begegnung mit seinem Pariser Kollegen mit recht sauer-süßer Miene entgegen, aber er konnte sie nicht gut vermeiden, ohne die Gesetze diplomatischer Gast- sreundschast zu verleben. Die robuste Art Tar- dieus läßt sich von der wenig schmeichelhaften Begleitmusik, die die britische Presse zu seinem Empfang anstimmt, keineswegs stören. Er nimmt es mit in Kauf, in London ein unwillkommener Gast zu sein, wenn er damit sein Ziel erreicht, das diesmal weit mehr auf innerpolitifchem Ge­biet liegt. Er braucht noch vor den Wahlen einen irgendwie in die Augen springenden außenpoli­tischen Erfolg. Da ein tatsächlicher, wie es die Durchsetzung feines Planes einer Donaukonfö- beration unter Ausschluß Dentschlonbs in den Augen der französischen Wähler gewesen wäre, nicht zu haben ist, muß er mindestens den pein­lichen Eindruck der Isolierung Frankreichs, dos Erbe der unfruchtbaren Politik der Halbheiten Lavals, dadurch wegzuwischen suchen, daß er den Franzosen mit seinem erzwungenen Besuch in London so etwas wie eine Erneuerung der Entente cordulc vortäuscht. Wir glauben kaum, daß ihm dieses Manöver gelingen wird. Regierung und öffentliche Meinung in England sind über die seltsame Art, sich zu Gaste zu laben, verstimmt unb machen kein Hehl daraus, daß sie alles zu vermeiden wünschen, was nach einem betont herzlichen tetc-ä-tcte mit den Fran­zosen oussehcn könnte. Macdonald hat deshalb auch die beiden anderen am Donauprojekt inter­essierten Großmächte schon für die nächsten Tage zur geplanten Viererkonferenz nach London eingcladen. auf die Gefahr hin. daß weder der deutsche Reichskanzler, noch der italie­nische Außenminister einer so kurz befristeten Einladung folgen können und daß bann also, da auch der französische Ministerpräsident schon am Dienstag Englands Hauptstadt wieder zu ver­lassen gedenkt, die Konferenz, nur mit Diplo­maten zweiter Garnitur beschickt, den Charakter einer ersten Fühlungnahme und unverbindlichen Vorbesprechung erhalten wird.

Cs ist sicher, daß Tardieu mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit in London alle Minen springen lassen wird, um eine Art französisch-englische Vorher st ändigung zu erreichen, ehe sich -auch die anderen Interessenten mit an den grünen Tisch setzen. Aber es ist fast ebenso sicher, daß ihm bie Herstellung dieser Front, deren Spitze sich nur gegen Deutschland unb wenn auch in geringerem Maße gegen Italien richten kann, Ficht glücken wirb. Denn die englische P o - itik geht im wohloerstcmdenen eigenen Inter-

Deutschlands wirtschastliche Zukunst.

GeheimratKastl vor den mitteldeutschen Industriellen.-Ablehnung einerWirtschastsautarkie. Eine Wiederbelebung der Privatwirtschast fetzt dringende Reformen in Gtaatsfinanzen und Verwaltung voraus.

Frankfurt a.M.. 1. April. Der Verband Mit. tclbeutfd)cr Industrieller hielt heute imFrankfurter Hof" feine Jahreshauptversammlung ab. Der Vor­sitzende Dr. Waldemar Braun, wies einleitend auf Fehler hin, die das deutsche Volk in dem begreiflichen Wunsch der Schaffung besserer Verhältnisse nach dem Krieg in Verkennung des wirtschaftlich M ö glichen begangen habe, auf das Verlassen des Wirtschaftsgesetzes von Angebot und Nachfrage durch politisch staatliche Eingriffe und vertrat die Einsicht, daß der wirtschaftliche Abstieg Deutschlands und Oesterreichs nicht in dem erschreckenden Umfang not­wendig gewesen wäre, wenn nicht in die Ordnung weltpolitischer Beziehungen der Völker wiederum machtpolitische Momente störend einbe­griffen hätten. Hinsichtlich derArbeitsbeschaffung" wies er daraus hin, daß berechtigterBedarf, dem nur. die Möglichkeit der Befriedigung fehle, h i n= reichend vorhanden sei, wenn es gelinge, die Produktiv ns st ötten wieder zu be­leben.

(Sefreimraf Dr. h. c. Kastl,

Geschäftsführcndes Präsibialmitglieb des Reichs- verbanbes ber Deutschen Inbustrie, warf fobann bie Frage auf, ob Deutschlanb überhaupt in ber Lage sei, eine autarke Politik zu ver­folgen. Er verneinte biefe Frage entschieben unb betonte demgegenüber, baß Deutschland m i t der Weltwirtschaft verbunden blei­ben müsse. Man habe sich immer wieder vor Augen zu halten, daß die deutsche Industrie zu fast einem Drittel für den Welt­markt arbeite und daß Deutschland exportieren müsse, nicht etwa, um »sich den Weltmarkt zu er­obern, sondern um seine finanziellen Verpflichtungen, bie aus privaten Ver­trägen entftanben sind: erfüllen zu können. Ebenso sehr, wie sich bas beutsche Volk in seiner Ge­samtheit gegen irgendwelche politi­schen Zahlungen stemme, ebenso sehr sei Deutschland durchdrungen von der Rotwenbig- keit, seine privaten Verpflichtungen zu erfüllen. Allerdings müßten sich die Gläubigerländer Deutschlands darüber klar sein, daß sie Deutschland die Möglichkeit zur Innehaltung seiner Verpflichtungen geben müß­ten. b. h., baß sie bereit sinb, beutsche Waren überhaupt aufzunehmen. Leitmotiv für Deutschlands Kampf um feine wirtschaftliche Zu­kunft müsse sein, die Bedeutung der Privat­wirtschaft und der ihr immanenten Entwick­lungsgesetze wieder anzuerkennen. Die wesent­lichste Voraussetzung hierfür sei die Wieder- herstellung der Rechtssicherheit, die durch verschiedene Maßnahmen der letzten Zeit stark gefährdet wurde.

Die Regierung müsse endlich die B a h n frei machen für bieunternehmerischeIni- tiatihe, die ohne sichere Grundlage für eine Wiederherstellung ber Rentabilität nicht erweckt

werden könne. In erster Linie müsse eine gene­relle Senkung besAnkostcnfaktors der öffentlichen Hand cintretcn. Die Oe- Gestaltung unb bie aus bem Gebiet der Arbeits­bedingungen bestehenden Hemmungen müßten be­seitigt werden, wenn man erreichen wolle, daß wieder mehr Arbeitskräfte in den Wirtschafts- Prozeß eingeschaltet werden können. Aus dem Ge­biet der Finanzpolitik sei es unerläßlich, endlich zu einer Senkung der Belastung zu kom­men, bie völlig unerträglich geworben sei unb immer mehr Betriebe zum Erliegen bringe. Rot- wendig sei eine einheitliche Finanzord- n u n g , insbesondere für die Kommunen. Ebenso dringlich sei bie Umschuldung ber Gemeinden, so­wie eine durchgreifende Reform ber Ar­

beitslosenversicherung unb ber Ar­beitslosenfürsorge überhaupt mit dem Ziel einer Vereinheitlichung unb Ausgabenersparnis. Die von der Reichsregierung geplante V e r w a l tungsresorm sei allzulange verzögert wor­den. Endlich müsse auch gefordert werden, daß unsere Devisen- und Handelspolitik so gehandhabt wird, daß über den Kapitaldienst hinaus der R o h st o f f b e z u g ber beut scheu In­dustrie unb die Ernährungsgrund lagen des deutschen Volkes gesichert werden, und daß gleichzeitig ber inneren deutschen Wirtschaft ge­genüber den gefährlichen Maßnahmen des Aus­landes ein entsprechender Schutz gewährleistet werde.

Sein freundlicher MlkonmeiMuß für Tardieu.

London, 1. April. sWTB.) Der französische Besuch findet keine warme Aufnahme in den englischen Wochenzeitschriften, die sich allgemein gegen die Auffassung der französischen Presse von einer Wiederbelebung der Entente wenden, aber mit Befriedigung die Wahl Lon­dons als Ort der Viermächtekonferenz begrüßen.

Weekly Review weist daraus hin. daß Frankreich und Großbritannien letzthin bei der Erörterung internationaler Fragen i n v c r s ch i e- benen Lagern geftanben hätten, da die fran­zösische Regierung in der Hauptsache einen po­litischen Standpunkt eingenommen habe, während die englische Regierung sich von finanzwirtschaftlichen Erwägungen habe leiten lassen und ihre Politik der Rücksicht auf die Erholung der Welt untergeordnet habe. Die von beiden Seiten gewünschte englisch-fran­zösische Entente könne nur auf Grund eines Pro­gramms wiederhergeftellt werden, das energisch eine Verwirklichung der drei Ziele der britischen Politik erstrebe, nämlich möglichst weitgehende Beseitigung dessen, was das Vertrauen er­schwere, einschließlich der Reparatio­nen. politischen Schulden und der durch einseitige G e w a 11 a u f r e ch t e r h a 11 e - non Verträge, zweitens Schaffung einer sta­bilen internationalen Währung, drittens Grün­dung von neuen, ber gegenwärtigen Weltwirt­schaft entsprechenden Wirtschaftseinhei­ten, drei Punkte, in denen bie französi - f ch e Regierung in der Vergangenheit s i ch als Haupthindernis erwiesen habe. Wenn auch für England eine Entente auf einer Basis, die zu oesteyen aufgehört habe, keinerlei An­ziehung biete, so würde eine Bemühung, im Ver­ein mit Frankreich, Deutschland und Italien die Donauländer in eine Wirtschaftseinheit zusammen­bringen, als erster Schritt zur Liquidierung von Haß und Mißtrauen begrüßt werden.

Rew States man and Ration schreibt, die französischen Vorschläge gingen dahin, unter Ausnutzung des wirtschaftlichen Zu­sammenbruchs Mitteleuropas mit Hilfe britischen Kapitals eine neue Einheit zu schaffen, die nicht so sehr als Bollwerk gegen Rußland dienen, sondern and) Deutschland von seinen Donau Nachbarn isolieren würde. Jeder Vorschlag, die Donanstaaten unter Ausschluß von Deutschland zu einigen, sei a 1 s Wirtschastsplan töricht, da Deutsch - lands Handel für ganz Mitteleuropa wesentlich sei. Macdonald habe eine große Gelegenheit, denn es würde für Frankreich nicht leicht sein, sich völlig von einem Plan zurückzuziehen, den es selbst vorgeschlagen habe. Großbritan­nien sei ebenso bereit wie Deutschland und Ita­lien, alles in feiner Macht' Stehende zu tun, um bem bankerotten Europa auf die Beine zu helfen, aber es müsse zum Ruhen Europas a I s G a nzes unb nicht einer neuen Kom­bination im Sinne französischer po­litischer Bestrebungen sein.

Die Tschechen und der Oonauplan.

Prag, 1. April. (WTB.) Im Abgeordnetenhaufe erklärte Außenminister Dr. Benejch, daß in de, mitteleuropäischen Frage van einem Diktat der Groß möchte keine Rede fein könne. Die mitteleuropäischen Staaten seien reif genug, um a l s gleiche mit gleichen diese Angelegenheit zu verhandeln. Um aber zu einem Svnderregime evtl, das Prä f e r e n 3 f i) ft e m schreiten zu können, müsse man vorher wissen, ob die wichtigsten Faktoren in der europäischen Politik in dieser Angelegenheit z u einer Konzession bereit sind. Die Tscheche slowakei würde einen großen internationalen poli

esse unb belehrt von bcn trüben Erfahrungen des vergangenen Sommers im Gegensatz zu den französischen Absichten auf eine wirkliche Sa­nierung der Donaustaaten aus. England muß, wenn es feine dort feftgelegten beträchtlichen Kapitalien nicht verlieren unb damit seine eigenen Finanzen einer neuen schweren Erschütterung aussetzen will, den wirtschaftlichen Zusammen­bruch, bcn totalen Bankrott, ber in Oesterreich, Ungarn unb Rumänien vor der Tür steht, unter allen ilinftänben zu verhindern suchen. Es kennt die Gefahr des Umsichgreifens wirtschaftlicher Katastrophen und kann ein wirtschaftliches Trüm­merfeld in Mittel- und Südostcuropa in diesem Augenblick um so weniger gebrauchen, als es sich anschickt, auf der Britischen Rcichskau­fe r c n z in Ottawa den neuen von Revillc Chamberlain, dem Schahkanzlcr der nationalen Regierung, (ungeschlagenen Schutzzoll-Kurs mit den Dominions zu besprechen und diese womög­lich für Vorzugszölle innerhalb des Britischen Reiches ober gar für eine Zollunion aller bri­tischen Eliebstaatcn zu gewinnen. Englanb wirb sich also kaum Tardieu zuliebe zu handelspoli- tischen Experimenten drängen lassen, die ihm später Schwierigkeiten bereiten könnten. Dabei spricht natürlich mit, daß bie Aufwärtsbewegung des Sterlingkurses in den letzten Wochen bas englische Selbstvertrauen gestärkt hat unb bas den Stolz ber Briten schwer verletzende Gefühl finanzieller Abhängigkeit von Paris im Schwin- den begriffen ist.

. Für Frankreich heißt das Schreckgespenst nach wie vorMitteleuropa". In dem Plan einer deutsch-österreichischen Zollunion sah es schon den Anschluß" marschieren. Deshalb will Tardieus Plan die fünf Donanstaaten womöglich unter spä­terer Einbeziehung des getreuen Polen, aber unter Ausschluß des italienfreundlichen Bulgarien zu einem Wirtschaftskörper zusaminenschlicßen, um auf diese Weise gegen die Gefahr einer Ansteckung durch den pangermanischen Bazillus für alle Zeiten immun zu machen. Ein geschlossener Wirtschaftsraum von der Adria bis zum Schwar­zen Meer, von Alpen, Böhmerwald unb Sudeten bis hinunter an die Grenzen Griechenlands unb ber Türkei - unb Deutschland vor der geschlos­senen Tür gerade zu bem Gebiet, baS seiner Wirt­

schaft in hohem Maße Ergänzung unb Ausgleich zu bieten vermag. Tarbieu hat natürlich auch noch ein handgreiflicheres Interesse an einer Sanie­rung des Donauraumes, die er sich irrtümlicher­weise von der Durchführung seines Plans ver­spricht. Frankreich hat im letzten Jahrzehnt un­gezählte Millionen in seine Vasallenstaaten auf bem Balkan hincingepurnpt, jedoch mit ber Zwangsauflagc, sich eine militärische Rüstung zu- zulcgcn unb ausrcchtzuerhaltcn. die den größten Teil der Staatseinnahmen verschlang und nun im Zeichen der großen Wirtschaftskrisis eine unge­heure Verschuldung zur Folge gehabt hat. Frank­reich will also nun seine Vasallen unb Schulbner wieder zahlungsfähig machen, indem es ihnen durch Beseitigung ber Zollschranken ober zumin­dest durch Vorzugszölle untereinander einen großen geschlossenen Wirtschastsraum schasst. Da­bei geht es von ber Voraussetzung aus, daß die nationalenWirtfchaftcn der cinbezogenen 5 Donau- ftaaten sich hinlänglich ergänzen und einen großen Markt bilden, ber sich selbst genügt. Daß bies ein grunblcgcnbcv Irrtum ist, haben wir an biefer Stelle schon bei früherer Gelegenheit ausführlich nachgewicsen. Die drei reinen Agrarländer Ru­mänien. Ungarn unb Sübslawien erzeugen weit mehr Getreide, als die beiden einbezogenen vor­wiegend industriell orientierten Länder Oesterrei ch und die Tschechoslowakei aufzunchmen vermögen. Beide, Oesterreich sowohl wie die Tschechoslowa­kei. haben aber überdies eine eigene Landwirt­schaft entwickelt, die den Eigenbedarf an Agrar- probukten nahezu deckt unb durch bie ilcberflutung mit den Erzeugnissen der südöstlichen Agrarstaaten nach dein Fallen der Zollschranken ber gänzlichen Vernichtung anheimsallen müßte. Auch die In­bustrie Oesterreichs würde kaum auf ihre Rechnung kommen, da sie in der Hauptsache Qualitätsware erzeugt, für die der Absatz bei ber kulturell un­entwickelten, bedürfnislosen Bevölkerung ber brei in Frage kommenden Agrarstaaten sehr gering sein wird.

Wirtschaftlich der Hauptnuhnießcr des Tardieu- Plans wäre zweifelws bie tschechische Industrie, die stark auf billige Wafscnfabrikatton abgestellt ist und damit auf dem Balkan einen großen Markt fände. Dank ber ifjr gewährten Vorzugs - LÄK WÜ5Ü8 es chr pcher lchnell LLllWeg, ins

heute noch starke deutsche Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen Sv ist sic denn auch neben bcn politischen Drahtziehern in Prag der eifrigste Wortführer für das Tarbieuschc Donauprojekt, während die tschechischen Agrarier, die stärkste Partei im Parlament, sich vorerst noch ablehnend verhalten und auch die Rationaldeinokraten des alten Panslawisten Dr. Kramarsch vor dieser Kombination warnen aus Haß gegen die Ma­gyaren und die Deutschen, die innerhalb ber ge­planten Donaukonföderation einen Block von ins­gesamt rund zwanzig Millionen gegen ebensoviel Millionen Slawen unb rund 13 Millionen Ru­mänen bilden würden. Doch wird es dem viel- gewandten Bencsch schon gelingen, diele Wider­stände zu überwinden, denn die infolge ber Wirtfchaftskrisis in bcn vier übrigen Rachsolgc- ftaaten Oesterreich. Ungarn. Rumänien unb Süd- slawien eingefrorenen Außenstände der tschechi­schen Wirtschaft befragen rund 1.3 Milliarden Tschechcn-Kroncn ( 160 Millionen Reichsmark,

unb. die tschechische Ausfuhr nach den genannten Ländern ist beträchtlich gpfunfen, vielfach zu- gunften der deutschen Konkurrenz So wird die Tschechoslowakei trotz heute noch sich wider­sprechender Meinungen in Prag doch vermutlich der stärkste Bundesgenosse ber französischen Donaupläne werden Diese können aber nur dann verwirklicht werden, wenn Deutschland fo- wohl wie Italien auf ihr Mcistbegünstigungsrecht verzichten. Ferner hofft man wohl, um den sub­östlichen Agrarstaaten die Donaukonföderation schmackhaft zu machen, daß Deutschland gegen unwesentliche Zugeständnisse ihrer Getreideaus' fuhr, bie, wie oben schon gesagt, in Oesterreich unb ber Tscheche! keinen ausreichenden Absatz­markt gewinnt. Vorzugszölle gewähren wirb Dazu bat Deutschland natürlich nicht die geringste Veranlassung, wenn es im übrigen ausgeschaltet werden soll. Es kann seine Ausfuhr nach bem Südosten nicht den französischen Machtgelüsten opfern unb wird schon in den Vorbesprechungen in London mit allem Emst auf die wirtschaft lichen Llnmöglichkciten des von rein politischen Interessen diktierten Tarbieu-Plans Hinweisen müssen. Rur mit Deutschland 'st eine wirtschaftliche Sanierung im Donau raum, bie Ltkteg 2ameg Derineni,