Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr.l Drittes Blatt
Samstag, 2, Zonuar M2
Nachdruck verboten.
6. Fortsetzung
rosiges Ohr, das mit einer kostbaren Perle geschmückt war: t
. dann wird unser Glück vollkommen seinl
eine glänzende Zukunst sicherte und dessen gewinnbringende Riesengeschäfte sie teilte.
Die drängende QEä ne st mme am anderen Ende der Leitung hatte geendet.
Mit ihrem bezauberndsten Schmelz in der Stimme antwortete nun Dolores:
„Verlasse dich ganz auf mich. Liebster. Ich werde bald genug «inen triftigen Grund finden, um diesen Grafen ganz beiseitezuschieben. Roch kann ich es nicht, weil sein Einfluh hier zu groß ist. Er könnte meiner Karriere hier schaden. Wie du weiht, brauche ich es für unsere süd- amerikanische Tournee, dah die mahgebenden Kreise, zu denen Hans Egon die besten Beziehungen hat, meine Kunst schätzen. Du bist ja klug genug, um Geschäftsinteressen über persönliche Ge'ühle zu stellen.
3m übrigen hast du mir noch gar nicht verraten. was für eine Summe du dem Kunsthändler Sriffarb für das Rauensteinsche Bild gegeben hast? Wir müssen uns darüber genau verständigen. denn Frissard ist ein geriebener Bursche: man muh ihm auf die Finger sehen. Ich denke, dah wir das Bild sicher nach Amerika weiterbringen. 3m übrigen ist ja nicht nur das Bild für uns wertvoll, sondern auch sein Rahmen mit den eigenartigen Vertiefungen erscheint mir besonders geeignet für unsere Zwecke, über die wir ja telephonisch nicht weiter sprechen wollen."
Ein rauher Vovembersturm fegte durch die öden, engen Gassen der Vorstadt, rüttelte an den losen Fe sterläden, w rb lle die l tzten verlorenen Blätter der alten Buchen vor das Kirchenportal der alten Katharinenkirche, die düster den Kreuzgang des alten Klosters überdunkelte.
Aermliche Gestalten huschten fröstelnd in die kleinen, muffigen Läden, die in die schiefen, baufälligen Häuser hineingebaut waren.
Ein dunstiger Geruch von Teer, Heringen, schalem Bier zog sich, schwadengleich. über die Gasse, in die jetzt eine Frauengestalt einbog. deren einfache, aber vornehme Kleidung durchaus nicht in dieses jämmerliche Viertel der Armut zu passen schien.
Es war Birgit S:bellus. Sre befand sich auf dem Wege zur Familie eines armen Schiffers, der bei dem letzten furchtbaren Sturm umgekommen, bei einem Sturm, dem viele Schiffe zum Opfer gefallen waren.
Eine kranke Frau und sechs Kinder hatte der Lin glückliche in Elend und Sorge zurückgelassen. Der Wohlfahttsverein der Stadt, in dessen Vorstand Konsul Sibelius Sitz und Stimme hatte, wollte sich dieser Familie in ganz besonderer Art annehmen.
Birgit, deren Herz jetzt tn Liebe und Gluck überquoll, hatte der Erzählung des geliebten Vaters über das LInglück der armen Verlassenen mit doppelter Bewegung gelauscht. Klar hatte
„Du btst nicht nur schön, Geliebte, du bist auch klug. Du bist die erste Frau, die in solchem Fall keine albernen Szenen macht, sondern die Harle Votwenüigkeit des Lebens einsieht. Was ich für dich tun konnte, habe ich bereits heute abend getan. Ich habe mich mit dem reichsten Mädchen des Kreises verlobt."
„Wer ist es?" fragte Dolores, und sah ihn forschend an.
..Birgit Sibelius."
Sie atmete erleichtert auf.
„Ach, dies blasse, unscheinbare Geschöpschen? Ich kenne sie. Die wird mir keine Konkurrenz machen! In sie wirst du dich nicht verlieben! Oder doch?"
Sie fahte ihn bei den Handgelenken und sah ihn aus flammenden Augen an.
„Wie kann eine Dolores del Fonza daran zweifeln, dah sie über alle Frauen siegt, nicht nur über solch ein kleines, bescheidenes Gänseblümchen? Glaube mir, dah es n ir reich'ih schwerfällt, diesem schwärmerischen Dacksischchen meine Liebe zu beteuern; aber es muh sein, alles kommt jetzt darauf an, ihr diesen Glauben an meine Liebe zu erhallen.
Wir werden uns da ein bestimmtes Programm ausdenken müssen."
„Ich verstehe", sagte Dolores. „W:r müssen bis zu deiner Heirat offiziell unsere Beziehungen lösen." .
Er rih sie mit erneuter Glut rn seine Arme.
„Du hast ja so recht, meine Dolores! Aber wie soll ich eine Trennung von dir ertragen? Wie hier in dieser Stadt umhergehen und wissen, dah wenige Minuten von mir entfernt du weilst, dah du meinen Küssen, meinen Zärtlichkeiten, meiner Liebe so nahe und doch unerreichbar b:st? Du bist klug; aber du bist auch grausam, meine Dolores."
Sie lächelle mit gespielter Wehmut.
„Glaube nicht, dah es mir leichter wird. Geliebter. Aber wir müssen uns vor dem Schicksal beugen. Es kommt uns insofern zu Hllfe, als ich für einige Wochen ein sehr vorteilhaftes Gastspielangebot nach Stockholm habe. Wahrscheinlich wird sich noch eine Tournee nach Paris an- schliehen, so dah ich einige Wochen fern von dieser Stadt sein werde. In diesen Wochen wirst du geheiratet haben, und wenn ich wiederkonnne, dann ..."
Er unterbrach sie und flüsterte heih in ihr
Beim Morgengrauen, noch ehe das Leben der Hafenstadt erwacht war. ging Hans Egon leise und vorsichtig aus dem Hause der schönen Tänzerin. Viemand sah ihn, als er schnellen Schrittes dem Hotel „Zu den drei Kränzen" zuschritt, in dem er ständig ein Zimmer belegt hatte.
Dolores aber schlief fest und traumlos bis in den späten, graudämmernden Vormittag hinein.
Als sie erwachte, griff sie nach dem Telephon an ihrem Bett und lieh sich verbinden.
Als sie die mihtönende Männerstimme des Bankiers Eriesen vom anderen Ende der Leitung hörte, wie sie entzückt und zärtlich ihren Vamen rief, verzog sich ihr schönes, cbenmähiges Gesicht zu einer Grimasse des Abscheus. Aber ihre Stimme Rang süh und schmelzend, als sie jetzt sagte:
„Zürnst du mir. Liebster, dah ich dich gestern abend so jäh hinaustreiben muhte, weil dieser fade Lasse. der mich mit seinen Anträgen verfolgt, plötzlich vor meinem Hause erschien? Ich konnte nicht anders handeln, wenn ich dich vor einer Attacke dieses eifersüchtigen Barren bewahren wollte. Aber es wird das letzte Mal gewesen sein. Wie dankbar bin ich dir. dah du mir das Engagement nach Steckholm vermittelt hast. Was für herrliche Stunden werden wir dort verleben, und ich werde dich für alle Hnb.ll, die du meinetwegen erlitten hast, reichlich entschädigen." , _, .
Dolores del Fonza lehnte sich mit befriedigtem Ausdruck in die spihenbesetzten Kissen zurück, kuschelte ihren schönen, dunklen Kopf tiefer in die weichen Daunen und hörte belustigt, was der Bankier ihr jetzt in glühenden Worten beteuerte welche Bilder von Luxus. Vergnügen, Reisen und Geschenken er vor chrem geistigen Auge entrollte.
Diesem Ericsen war nichts zu teuer, nichts zu kostbar, wenn es galt, sie zu gewinnen. Das gleiche war auch der Fall bei Hans Egon. »Hbcr dieser konnte ihr, auher seiner glänzenden Per- sönlichkell. nicht diel bieten. Die Schätze, die er heimlich aus dem allen Echloh für sie entwendet hatte, muhten bald genug zu End« gehen Richt umsonst hatte sie ihre geheimen ^lfer die sie über alles unterrichteten, was im Schl oh Tannenaue vorging. Lind ob die Geldmittel, die Hans Egon durch die Heirat mit diesem blonden Gänschen zufallen mochten, wirklich immer unbeschrankt zu seiner und ihrer, Dolores. Verfügung sein würden, auch das war noch keineswegs sicher.
Es war also jedenfalls richtiger sich auher- dem noch an den allen, dicken, hählichen Encsen zu hallen, der skrupellos alles für sie heran- schafft«, was sie wünschte, dessen Vermögen ihr
Ich hab dir verzieh«!
Vornan von Elotilde von Etegniann« Stein.
Copyright by Martin Feuchtwange r. Halle.
aus dem bloßen Reflektieren über die Dinge etwaS wie ein Schauen werden zu lasien Oben, auf dem Dvrobudur, wollte ich an Asien denken.
Der Stein, an den ich lehnte — er war noch warm von der langen Tagesglut — war der Rand eines der gigantischen Lotusblätter, aus denen die Spitze des Dvrobudur in die Höhe steigt. „O du Kleinod im Lotus!" — ist der Gebets ruf der Buddhisten. Bleich standen im Mondsicht die Silhouetten der Vullane gegen den Himmel, und vom Gipfel des Merapi wies, einem dünnen Silbergespinst gleich, die Rauchfahne. Dort, wo der Rauch des Merapi hinzeigt, liegt China, siegt Iapan, und dort, nicht in Insu» linde, wird das Schicksal des Fernen Ostens gesponnen. In Batavia fragte ich einmal einen hochgebildeten Malaien, wie er sich die Zukunft von Indonesien wohl denke. »Batürlich als ein freies Indonesien" — und mit einer gewissen Besinnung fügte er hinzu: .Aber nicht durch Revolutton, sondern durch Evolution". 3n- sulinde ist nicht Indien, es gibt hier keinen Gandhi, und eS braucht hier keinen zu geben, weil es die Liebel hier nicht gibt, die in Dritisch- Jndien die Lage so verschärfen.
Auf dem steinernen Lotus im Herzen von 3nfu-
Deutsches Volk um die Jahreswende.
Don Or. Otto Geßler, ehem. Reichswehrminister, Dors. d. Deieins f. d. Deutschtum im Ausland.
sie aus seinem Bericht erkannt, dah hier Almosen allein das Elend nicht würden beseittgen können, dah daneben seelischer Zuspruch und Aufrichtung durch den Trost der Arbeit am Platze war.
So hatte sie sich ausgedacht, dah man vielleicht eine der gröheren Töchter zur Ausbildung zu sich ins Haus nehmen, der Mutter Bäharbeit und Aushilfsstellen besorgen könnte. Für das leiblich geistige Wohl der Kleinsten würde man durch Unterbringung in dem Kinderhort sorgen können, in dem sie, Birgit, selbst tätig war.
So ging sie, das Herz warm im Vorgefühl der Freude, die chr zu bringen vergönnt war, durch die schlecht erleuchteten ©traften. Sie überquerte gerade di« Seilergasse, als sich aus der kleinen Schifferkneipe an der Ecke eine taumelnde Gestalt auf Birgit zu bewegte. Widerlicher Schnapsdunst entströmte der torkelnden Figur eines Schiffers, der in grölenden Lauten ein unflätiges Lied in die dunkle Winternacht hinaus- brültte, während er mit ausgebreiteten Armen auf das entsetzt zurückweichende, junge Mädchen zutaumelte.
Birgit sah sich mit weit geöffneten, angstvollen Augen um. Well und breit war kein Mensch zu sehen. Sie wolle sich abwenden, aber schon war der Linhold dicht an ihrer Seite und streckte seine riesige Tatze verlangend nach der zarten Gestall aus.
Ein Schrei gellte von Birgits erblaftten Lippen, ein Schrei, der von dem Betrunkenen nur mit einem rohen Gelächter erwidert wurde.
„Tu doch nicht so zimperlich. Täubchen", lallte der Betrunkene. „Warum läufst du hier im Dunkeln herum, wenn du nicht auf einen Mann wartest? Din ich nicht vielleicht «in ebenso seiner Kerl wie dein Freund? Ich habe die Heuer für einen ganzen Monat in der Tasche? — Komm nur mit! Ich kann auch für ein so feines Täubchen, wie du eins bist, bezahlen."
Schon hatte er den Arm um die vor Schreck fast Ohnmächtige gelegt, als «in «iliger, fester Schritt hinter ihnen erklang.
„Weg da?" ertönte eine herrische, befehlsgewohnte Stimme.
Mit einem geübten Boxhieb ftieft eine nervige Hand den Trunkenbold zurück.
Dirgll fiel kraftlos in die Arm« eines hoch- gewachsenen Mannes, während sich der Betrunkene murrend und mit geducktem Kopf entfernte.
Das Licht der Gaslaterne siel auf DirgitS zartes, schneeweißes Gesicht, das mit geschlossenen Obigen an der breiten Brust ihres Retters ruhte. Aus dem dunllen Pelzkragen ihres Mantels schimmerte das helle Oval ihrer schmalen Zuge in rührender Kindlichkeit. Linker dem kleinen, schwarzen Hütchen drängte sich das weiche, siwer- blonde Haar hervor und umwob das zarte Antlitz mit einem Strahlenschein. (Forts, folgt.)
lind« dachte ich an die Stund« auf dem 5)immelA- altar in Peking, und an die andere, bei den Gräbern, der dreiundvierzig Ronin in Tokio. Iener Altar und diese Gräber sind mir Symbol und Wegweiser für China und für Iapan. Ich weist nicht, was mir das Ganges- und Indusland noch für Eindrücke bringen wird. Aber sollte es in Indien etwas Aehnliches zu erleben geben, wie das Gefühl so uralter, in der Tiefe schlummernder geistiger Kräfte, wie in China (die .moderne" Pfuscharbeit am Sun-Bat-sen-Mausoleum und der politische Iugendstil Rankings sind keine Argumente dagegen), und wie das Gefühl geballter nationaler Energie in Iapan?
Chinas wirkliche Kraft ist noch latent, ba8 chinesische Volkstum muß erst noch durch seine wirklich« Krise hindurch, und nichts ist sicherer, als daß es sie bestehen wird. Iapan ist ganz und gar aktive Gegenwart, und auf die Länge der Zeit gesehen fragt eS sich wohl, welches Voll seinen Atem wird mehr aus der Tiefe holen können. Chinesen oder Japaner. Aber auf diese Frage. — die Frage deS Osten« — gab mir auch die Mondnacht auf dem Borobudur keine Antwort. Und nun geht es in die andere Welt, westlich von Singapore!
Die Ereignisse des Krieges und der Bachkriegszeit haben die Schicksalseinheit des deutschen Cesamtvolkes wenigstens nach einer negativen Seite hin erwiesen: In der Gemeinsamkeit der Bedrohung sämtlicher Gruppen unterer Batton drinnen und draußen durch einen entschlossenen und starken Gegenwillen fast aller Völker, die überhaupt in räumlicher Fühlung mit dem deutschen Menschen stehen. Wenn trotzdem die anderen Döllem bewußt gewordene Einheit eines nationalen Gesamtwillens bei uns noch argen Hemmungen unterliegt, so dürfen wir doch erfreuliche Fortschritte buchen. Es ist als Ergebnis des Krieges und seiner Auswirkungen wirklich so etwas wie ein geläutertes Volksgefühl im Werden, das sein Denken und Fühlen über das deutsche Gesamtschicksal hin erweitert hat.
Die territoriale Verengung des deutschen Kern- ftaates hat die Bewohner gezwungen, den Blick über d i e neuen Grenzen hinüber zu richten. Dort sehen wir zunächst Deutsche, die durch künstliche und ungerechte Grenzwände vom Reiche abgetrennt sind, dann aber auch im weiteren Felde alle die Deutschen, die zum Teil niemals irgendwie in einem deutschen Staatsgebiete gelebt haben und niemals daran denken können, in ein deutsches Staatswesen einbezogen zu werden. Und so mußte sich besonders in der für neue Betrachtungsweisen empfänglichen Jugend das Bewußtsein nicht nur einer gemeinsamen Bedrohung, sondern auch einer gemeinsamen Berufung in Abwehr und gegenseitiger tätiger Verbundenheit durchsetzen.
Es bedürfte heute gar nicht mehr der in den Apparat der amtlichen Politik eingefügten Minderheitenbestimmungen und ihrer in regelmäßigen Abständen umtämpften Anwendung bzw. Nichtanwendung, um unserem Volke wieder in Erinnerung zu rufen, daß deutsches Schicksal sich nicht nur in Berlin, München ober Köln oder Königsberg entscheidet, sondern ebenso in Eupen und Memel, in Tandem und Bozen, in Straßburg, Hermannstadt oder Windhuk und Blumenau.
Es ist heute nicht mehr so, daß „das Ausland- d e u t s ch t u m" nun etwa «in Ding an sich ist, das man irgendwie „betreut", gar nicht davon zu reden,
Insulinde.
politische Eindrücke von einer Weltreise. Don Dr. Paul Rohrbach.
Bin taug, tat Dezember 1931.
Acht Seemeilen die Stund« ist wenig, aber S u m a t r a ist auch ein langes Ende! Vorgestern bei Singapore hatten wir schon bald die Hälfte, und bis heute abend ist immer noch ein Stück übrig. Iava würde von München bis Königs- berg reichen, aber Sumatra beinahe von München bis Moskau. Lind dann kommen noch Borneo, Celebes, Dali, Lombok, die Molukken, und danach halb Neuguinea, und das alles erst ist daS holländische Insel-Indien, Insul in de". Das H«z von Insulinde ist
Iava, mit über 40 Millionen Einwohnern. Schon der antue Geograph Ptolemäus kannte es als
Iabadin", d. h. die Gersteninsel. Gemeint war damit sicher der Reis, dessen reise Aehren denen der Gerste sehr ähnlich sehen. Ptolemäus verdankte sein Wisien arabischen Kaufleuten, und die Araber kannten zunächst keinen Reis. Hm jene Zeit — bald nach Beginn unserer Aerä — geschah eine große Erweiterung des geographischen Wissens nach Osten, bis nach dem südlichen China, denn durch die arabischen Seefahrer wurde das grafte meteorologische Gesetz des Monsun- wechsriS über dem Indischen Ozean bekannt. Im Sommer führt der Südwestmonsun die Segler vom Roten Meer nach Indien und noch weiter nach Osten; im Winter führt der Bordostmonsun sie wieder zurück. Das eine Mal steigt über dem Festland von Asien die erhitzte Lust in die Höhe, und ein feuchter Luststrom weht vom Indischen Ozean gegen das Land; das andere Mal fließt die schwere kalte Winterluft vom Kontinent gegen das Meer ab. Dieser Wechsel ermöglicht eine regelmäßige Schiffahrt. Man lieft in den chinesischen Annalen im 2. Iahrhundert n. Ehr., es sei eine Gesandtschast deS römischen Kaisers An-Tun nach China gekommen. An-Tun ist natürlich Antoninus Pius: die Gesandten werden Kaufleute aus Alexandrien oder dem römischen Arabien gewesen sein, die mit dem Monsun zu segeln wagten. Ietzt kränkt der Südwestmonsun mit seinem hohen rauhen Seegang zwischen Aden und Bombay oder Colombo höchstens den seekranken Kabinenpassagier in einem unserer schwimmenden Hotels. ~ „
Schon Ptolemäus nennt Iava »die aller- fruchtbarste Insel". Sie trägt heute über 300 Menschen auf dem Quadrallilometer, soviel wie das industrielle Sachsen. Alles' lebt vom Reis. Davon habe ich einen Begriff bekommen, als ich vor einer Woche von Batavia nach Dandoeng flog. Soweit landeinwärts das Flachland sich ausdehnt, war alles weit und breit Reisland, leicht erkennbar an den niedrigen Wällen, die jede noch so kleine, im Biveau von ihrer Bach- barschaft unterschiedene Parzelle einfassen. Reis muß während eines großen Teils seines Wachstums im Wasser stehen, und auf jedem Stückchen Reisland muß das Wasser gestaut werden können. So reiche Ernten gut bewässerter ReiS auch gibt, so zwingt doch die große Menschenzahl, außerhalb der Ebenen mit den Reisterrassen hoch an den Talhängen im Gebirge hinaufzugehen. Oft ist solch eine Terrasse kaum so breit wie ein Gartenbeet und gewunden wie eine Schlange. Unmittelbar über ihr folgt die nächste, immer eine von der anderen durch einen kleinen Wall geschieden.
Als ich im Flugzeug sah und auf diese zahllosen Stücke und Stückchen Reisland wie auf ein Meßtischblatt herabsah, als ich mir ins Bewußtsein rief, dah so ganz Iava aussieht, wo die Dodengestalt es nur irgend erlaubt, so Siam.
so Birma, so Südchina, so Luzon, so das südliche Iapan, als ich an die Arbeit dachte, diese Mil- siarden von Parzellen zu planieren, zu umgrenzen, daS Wasser über sie zu leiten, und dah jedes einzelne Reispflänzchen mit der Hand aus einem Saatstück herauSgezogen und in das Land um» gepflanzt werden muh, wo es reifen soll. — 5a kam mir eine Frage, die beängstigender war, alS geleg entlieft in einer Kurve die Seitenlage des Flugzeugs, oder der Ruck beim Absacken in ein Luftloch. Der Mann am Steuer war sicher und hatte seine Maschine in der Gewalt — aber wer hat das rasende Tempo derDolks- vermehrung in der Gewalt, das tn den regen- getränften Monsunländern Asiens eingesetzt hat, seit sie dem europäischen Einfluß unterliegen?
Ich habe in Iava einmal mit einem Arzt und einer Aerztin eine Fahrt auf die Dörfer gemacht und habe mir zeigen lassen, welch ein Maß gewissenhafter Gesundheitspflege von der holländischen Verwaltung für das javanische Volk aufgewendet wird. Ich habe mich überzeugt, dah ein braunes javanjsches Dvrfschulkind mehr und erfolgreicher gesundheitlichen Hnterricht bekommt, als die Insassen eines deutschen Gymnasiums. Ich habe mir von dem Doktor die Gesundheitskarte seines Bezirks zeigen lassen, wo nach den wöchentlichen (!) Rapporten der eingeborenen Dorfvorsteher die Malariaziffer, die Influenzaziffer, die Dysenteriezisfer mit einem bestimmten Farbenton eingetragen wird. Dunkelt der Ton auffallend, so steigt der Doktor in fein Auto und sieht nach dem Rechten. Dies ist nicht das einzige Glanz- stück der holländischen Verwaltung in Insulinde. Ich denke, sie ist die beste K o l o n i a l Verwaltung. die es heute (unsere eigenen kolonialen Leistungen sind mir wohl im Gedächtnis, ich habe selbst mitgearbeitet in unseren Kolonien) auf der Welt gibt. Ihre Wirkung aber ist, daß sie die Menschenzahl in einem Tempo wachsen läßt, das diese Länder nie, nie vorher gekannt ftaben.
Meine letzte Tour auf Iava war von Semarang, einem Hafen an der Bordküste, ins Innere, in das Gebiet der abhängigen eingeborenen Fürstentümer von Mitteljava. Hier steigt die Volksdichte bis zu 500 Seelen auf den Quadratkilometer. Ich interessierte mich nicht für die Basare und nicht für die Kratons, hinter deren Mauern diese Schattensultane Hof halten, wohl aber für die 100 Kilometer lückenlos bebautes, bewohntes, grp'legtes Land, voll von Dörfern, jedes w i m- m e l n 0 von Kindern, wie ich es in Iapan auf der Fahrt von Tokio nach Bikko, in China in den Dörfern von Schantung, auf Luzon während der Fährt durch das Tiefland binnenwärts von Manila gesehen hatte. Diese Kinder sind d a S kommende Asien!
Mitten in Zentraljava steht ein mehr als tausend Iahre alles Bauwerk, eine buddhistische Sttipa von gigantischem Ausmaß: der Borobudur. Unten ist er ein Quadrat von 150 Meter Seitenlänge. Darauf erheben sich drei polygonale und noch höher hinauf drei runde Terrassen mit einem spitzen Aufsatz, einer Dagoba, in der wahrscheinlich eine Duddhareliquie verborgen liegt; man weiß es nicht mehr, denn seit über 400 Iähren herrscht hier der Islam. Bur die alten Tempelbauten zeugen davon, daß Iava, bevor arabische Eroberer es islamisierten, ein Jahrtausend lang Schiwa und Buddha gedient hat. Auf den Terassenwänden des Borobudur ist Buddhas Leben in einem Reliefband von mehr als tausend Figuren geschildert. Ich stieg in einer Mondnacht — zu enwahrscheinsich, zu phantastisch, um sie zu schildern, — mit Freunden durch alle Tore, über die Treppen und Umgänge, bis zur Spitze. Don Iugend auf habe ich mir die Plätze gesucht, wo das Werk von Menschenhand mit der Geschichte und der Landschaft in Eins wirkten, um
daß es überhaupt nicht vorhanden wäre für den Großteil des Volles, wie es in der Vorkriegszeit der Fall war. Wir schleppen zwar im Sprachgebrauch des Tages, der Presse, ja der Gesetzesbestimmungen und leider auch unserem staatlichen Grur ogesetze, der Verfassung („Das deutsche Voll aeeinigt in seinen Stämmen gibt sich diese Verfassung"!!), die Ueberbleibsel einer staatsmäßig verengten Anschauungsweise mit uns herum, wir geben uns auch keiner Täuschung darüber hin, daß die „Volksdeutsche" Gesinnung in den breiteren Schichten das Trägheitsmoment der Gewöhnung längst noch nicht überwunden hat, aber trotzdem empfinden wir deutlich, daß dieser Wellumsturz der vergangenen achtzehn Jahre für uns Deutsche auch darin seinen Sinn gefunden hat, daß wir als Volk zu erwachen beginnen, indem wir uns nicht nur unserer vollen räumlichen und zahlenmäßigen, sondern auch unserer schicksalsbedingten Ausdehnung und Gemeinsamkeit bewußt werden.
Wie die napoleonische Zeitspanne die letzten Heberreste des zersetzten alten Reichsgedankens beseitigte und im deutschen Volke den neuen nationalen Reichstraum als tieferes Ziel der Befreiung vom fremden Ioch erstehen lieft, wie ein Freiherr vom Stein die gedanllichen und staats- vrganisatorischen Grundlagen für diese Entwicklung legte, die heute ihrer letzten Verwirklichung harren, so bringt uns unsere Zeit die Forderung von einem nicht nur staatlich zusammengefaßten, sondern über Staatsgrenzen hinweg in gleicher Gesinnung der Abstimmung, Kultur und des Willens geeinten Volkes.
Cs ist heute schon so, daß nicht nur die Aus- landdeutschen mit brennender Anteilnahme alle Vorgänge im Reiche verfolgen und den Gang der großen Politik ebenso wie ihr eigenes örtliches Leid im Spiegel der Lage des Kemvolkes sehen, sondern daß auch das Binnenvolk in Berlin oder Wien sich selbst getroffen fühlt; wenn in Eger oder Riga oder Meran deutsche Würde getreten wird. Große Kundgebungen wie DDA- Tagungen, Turnerseste, Säimerfeste sind heute selbstverständlich Volksdeutsche Kundgebungen. Cs ist gar nicht mehr darüber zu reden, daß z. B. dieGoethe - Ehrung des Iahres


