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Römern von I. (Schneider-Foerfil.
Urheber-Rechtsschutz: Verlag v. Meister, Werdau.
16. Fortsetzung. Nachdruck verboten I
Suses Lachen wirkte jetzt wie eine Explosion. „Das ift_ nun schon das -weitemal, daß du dich so ausdrückst, Mama!" — Dann ein jähes Atmen, ein plötzliches Wechseln des Gesichtsausdruckes, ein Suchen in den Augen der Mutter und dann ein Losprusten, als ob es alles in ihr sprengen' wollte: „Was bin ich für ein Schaf! Mama, das ist ja direkt zum Kugeln!" Frau von Recklin- Hausen fühlte sich um den Hals genommen und bis zur Atemlosigkeit abgeküht. Dann sah ihre Jüngste auf dem Schoß und lachte und weinte durcheinander: „Ohne Schmeichelei, Mama, er ist wirklich famos, dein Jürgen Gradnih! Ein lieber Kerl! älnd gar nicht einmal so alt! Was Fesches noch! älnd auch kein Duckmäuser! Die Leute kann ich nämlich am allerwenigsten leiden, weißt du, Mama!"
„Kind!" Die Mutter fand endlich Worte. „Kind!"
„3a, Mama!--Flunkere mir nur jetzt nichts
vor. 3ch glaube es ja doch nicht! Mir gehen tausend Lichter auf! Eine gan^e Straßenbeleuchtung! Lauter Bogenlampen. Eme greller als die andere. 3ch finde, daß er vortrefflich zu dir paßt. Seit wann kennt ihr euch denn schon?"
Frau von Recklinhausen rang erneut nach Fassung. Daß die Tochter es so humorvoll und nicht, wie sie geglaubt, über die Maßen tragisch aufnahm, wenn sie sich wieder verheiratete, hätte sie nicht für möglich gehalten. Nun kam es ihr so überraschend, daß sie sich wie ein junges Mädchen verlegen und ratlos fühlte.
„3d) wollte — — ich glaubte — — ich habe es bis heute nicht fertig gebracht, mit euch darüber zu sprechen", bekannte sie ehrlich.
„Aber warum denn nicht, Mama! Das ist doch kein Verbrechen! Freilich, Margret wird schon den Schnabel ausreihen!"
„Suse!" verwies die Mutter und konnte doch ein Lachen nicht unterdrücken.
„Totficher tut sie das!" bekräftigte die Tochter. „Daraus mutzt du dir nur eben nichts machen. Lenore und ich, wir gönnen dir's. älnd der Papa — er hat sicher auch nichts dagegen! Du nimmst ihm ja nichts mehr!" Dabei wandte sie sich auf den Absätzen herum und fuhr rasch über ihre nassen Augen.
Frau von Recklinhausen zog sie mit liebevollen Armen zu sich herab. „3ch werde Gradnih mein
3awort natürlich nur dann geben, wenn ihr damit einverstanden seid. 3ch hätte dich und Lenore vorher noch so gerne versorgt gesehen"
„Wieso versorgt, Mama?"
„Verheiratet", verbesserte sich Frau von Recklinhausen.
„Ach!" — Die Geringschätzung, mit der es gesagt war, klang nicht ehrlich und Suses Wangen flammten verräterisch auf. „Wir finden schon jede so einen Hampelmann, der uns unter seine Fittiche nimmt. Lenore wartet möglicherweise auf ihren Swensen! älnd ich — — Gott, Mama, darüber laß dir nur keine grauen Haare wachsen. Es wird schon noch einer kommen. So ein ganz dummer, verliebter, der deine faule 3üngste nimmt."
„Suse!" mahnte Frau von Recklinhausen. „Suse!" Sie fand sich mit ihrer Tochter nicht mehr zurecht. Auch schien sie ihr plötzlich reichlich aufgeregt. Vielleicht ging ihr die Sache mit Gradnih doch tiefer, als sie zeigen wollte. Trotzdem war es ihr, als seien Dergeslastcn von ihrer Seele genommen.
Lenore und Suse, die beiden, würden ihrem Glück nichts in den Weg legen und freuten sich mit ihr. Mit Margret mutzte sie eben in einer guten Stunde darüber ins Reine zu kommen suchen. Außerdem: ihre Aelteste war ia versorgt. Sie war nicht darauf angewiesen, datz einer kam und sie zu sich heimholte. Wie beruhigend wäre es gewesen, wenn sie das gleiche auch von ihren beiden anderen Töchtern hätte sagen können.
Aber es würde sich schon alles zur Zufriedenheit der Kinder regeln lassen. „Das Gut bleibt dir und Lenore", sagte sie und strich dabei zärtlich über Suses Wangen.
„lind das Fräulein Doktor?"
„Kind, du hast doch nichts gegen deine Schwester?"
„Bewahre! — Was sollte ich gegen Margret haben! — Wenn sie auch ab und zu einmal die Dorsten streckt, wie ein Stachelschwein--"
„Mm Gottes willen, Suse!" entsetzte sich Frau von Recklinhausen.
„Greisere dich nicht unnütz, Mama! Es ist doch so!" beharrte die Tochter. „3ch spreche ihr natürlich auch ihre guten Seiten nicht ab. Warum soll sie denn eigentlich nichts bekommen von dem Gut und nur Lenore und ich uns darein teilen?"
„Sie hat eine grohe Summe für ihr Studium benötigt, und was noch von ihrem Vermögen verbleibt, für die Anschaffung einer Praxis erbeten. Nur deshalb, Suse. Keines meiner Kinder soll sagen können, ich hätte es benachteiligt, oder das eine dem anderen vorgezogen."
Suse würgte die Tränen hinab, nahm das Gesicht der Mutter zwischen die Hände und küßte es ehrfurchtsvoll. Dann nickte sie ihr mit Augen, die überzulausen drohten, zu und war gleich daraus aus dem Zimmer verschwunden.
Kurze Zeit nachher knirschte unten im Garten der Kies. Das Pförtchen, welches zum Gut-Hof hinüberführte, schlug leise zu. Frau von Recklinhausen sah ihrer 3üngsten nach und gewahrte Malnow, der eben den Hut vor ihr zog. Dann gingen sie zusammen dem Geräteschuppen zu.
Wenn Suse einen Mann wie Malnow fände, dann wäre sie geborgen! Dann könnte sie ohne Sorge Gradnih' Frau werden, dann---
Das Telepin auf dem Schreibtisch schrillte. Sie setzte den Hörer ans Ohr und vernahm Hans 3üraens tiefe Stimme. „Wer dort?"
„Gut Recklinhausen!"
„Du selbst, geliebte Frau?"
,3a!"
„3ch möchte mir Antwort auf meinen Brief holen!"
„Wir kommen! — Wann sind wir dir angenehm?"
Sie vernahm einen Ruf überschwenglicher Freude. — „3ch lasse sofort ankurbeln. 3n vier Stunden bin ich bei euch!"
„Nicht. 3ürgcn! Wir müssen erst packen!"
„Dann bleibe ich zur Nacht bei euch und fahre morgen früh. Grüße mir dein blondes Kind! Auf Wiedersehen, geliebte Frau!"
Sie wollte noch etwas in den Apparat rufen, aber die Verbindung war bereits unterbrochen. Mit zitternden Fingern und einem hilflosen Lächeln hängte sie den Hörer ein.
Mit leichtem Schritte ging das Glück durchs Haus und mit diesem Hand in Hand seine Schwester, die Sorge. Aber niemand sah die letztere. Lieber Recklinhausen lag eitel Sonnenschein.
Die Welt war trotz der fallenden Blätter draußen ein einziger Mai.
3m Park zu Nymphenburg verglühte die Symphonie der Farben. Die Dlutbuchen lohten noch einmal auf und in den Rondellen brannten die Dahlien in nicht endender Fülle. Schneeig neigten die Chrysanthemen ihre Köpfe über den Rasen, und die Astern standen als leuchtende Fächer über die Rabatten verstreut.
Swensen kam aus dem Atelier, wo er seit dem Morgen gefilmt hatte und fröstelte. Nach der Hitze, die zwischen den Glaswänden ausstrahlte, verspürte man die rauhe Luft des Oktobers nur um so mehr. Zusammenschauernd schlug er den Mantelkragen hoch, daß der schwarze Pelz wie eine schützende Mauer um fein Gesicht lag.
Seit 3negard nicht mehr Bet der gleichen Gesellschaft filmte, war ihre Ehe erträglicher geworden, beinahe friedlich, dachte er. Man sah sich selten. Die Angriffspunkte verringerten sich. Wenn man nur zum Abendtisch zusammensatz, fand man keine Zeit, mit Worten zu plänkeln. Man war müde und abgespannt, zufrieden, wenn der andere Teil nicht zu Gefechten hcrausforderte, und vermied cs tunlichst, Situationen zu schaffen, die Streit auslösten.
Swensen dachte an Lenore, und wie schön cs sein würde, wenn sie jetzt zu Hause auf ihn wartete. So war cs immer nur das Dienstpersonal, welches zugegen war, wenn er den Fuß in sein Heim setzte. Seine Frau kam immer erst gegen zehn Llhr, lieh sich nachservieren, trank eine Tasse Mokka und zog sich dann in ihre Räume zurück. Seit Tagen verschloß sie auch die Türe, die in sein Schlafzimmer mündete.
Beinahe wäre er gegen den Herrn gerannt, der ihm auf dem bekicsten Weg entgcgenkam. „Gut, daß ich dich treffe", sagte Doktor Wander und hielt Swensen am Mantel fest. „Deine Frau hat jedenfalls schon davon gesprochen."
„Wovon gesprochen?" Swensen wartete, die Hände in die Taschen vergraben, auf Antwort.
Wander war sichtlich verlegen. „Zu dumm, wenn ich da etwas angedeutet habe, was ihr noch nicht miteinander beredet habt. Schließlich bist du doch der erste, der eigentlich darum wissen muß. 3ch befand mich im Glauben, es sei alles wieder in Ordnung zwischen euch. Lind wenn nicht, dann wird daS Kind das wohl endlich zuwege bringen!"
„Welches Kind?" Swenscns Blick stand weil geöffnet und bohrte sich in den des Doktors.
„Das deine! Als Freund kann ich dir nur raten, daß du jetzt alle Rücksicht auf deine Frau nimmst. Es hat gestern Lränenströme gegeben, als ich ihr Gewißheit verschaffte."
Swensen ging in halbem Taumel neben dem Freund her und achtete gar nicht, daß er einen ganz anderen Weg cinschlug, als den, welchen er gehen wollte. „Wie lange kann meine Frau noch weiterfilmen?" fragte er tonlos.
„Ach! — Immer noch Monate. Du bist wohl auch nicht sonderlich erfreut? Wie? — Herrgott, seid ihr denn noch Menschen? Gar nicht wert seid ihrs, daß so ein neu« Leben euch überhaupt nur anlacht, wenn es die Augen auftut."
„Hans!" mahnte Swensen. Auf seinem Gesicht gingen und kamen die Farben in ununterbrochenem Wechsel. Mit scheuem Blick streifte er die Spaziergänger, die an ihnen vorübereilten und bog in einen Seitenweg ein.
lFortsetzung folgt.)
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