Nr. 26 Zweiter Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Montag, L Februar 1952
Aus der Provinzialbauptstavt
Sieben, den 1. Februar 1932.
Jn der Morgenfrühe ...
Ge ist nicht nett, so um sechs Uhr morgen- feine Reise -u beenden und durch die kaltdunklen, nebelnas^en Straßen nach Hause zu gehen. Die Fahrt war lang, daS stampsende Rumpeln der Räder dröhnt noch nachträglich in den Ohren, ich bin müde und friere ...
Recht- und link- prahlen zwei gewichtige Äoffcr nut ihrer Schwere, und meine Schritte hallen über da- Pflaster, in diefer stummen Einsamkeit klingt e- direkt arrogant. Aber e- nützt nicht-, sie zu dämpfen, zu grob ist da- Schweigen zwischen den Häusern Plötzlich ist mir, al- wachten all diese verschlafenen, leeräugigen Häuser aus vom Lärm meiner Tritte und sähen mir mürrisch nach Ich ginge gern schneller jetzt, aber die Ä off et lehnen mein Dorhaben ab.
Während sich meine Gedanken schon lange innig mit der Dorstellung eine- warmen Zimmers, eines hetsten Kaffees und den köstlichen Rauchwölkchen einer Zigarette abgeben, fallen meine 'Bilde auf ein Schaufenster, vor dem eine trübe Laterne den aussichtslosen Kamps mit der Dämmerung sladernd auSträgt. Ich bleibe sogar stehen, ich stelle meine Koffer ab. die beleidigt aus die Steine plumpsen, und hole meine Gedanken ouS dem warmen Zimmer und von der Kaffeetasse zurück. Die- Schaufenster hier ist an und für sich leer, und da- ist nicht lehr interessant. Interessant ist auch nicht der grohe, hellgelbe Dogen Packpapier aus dem Auslage- raum. WaS jedoch auf diesem Papier malerisch hingegossen liegt, ist höchster Anteilnahme wert. Soweit man jedenfalls den landläufigen Sinn eine- Schaufensters und die frühe Stunde der Handlung berücksichtigt. Ich könnte jetzt natürlich die Spannung auf den Siedepunkt treiben und erst am Schluß eröffnen, w a - nun eigentlich auf dem Papier lag. Aber ich will eS nur ruhig schon jetzt sagen: ein Wolfshund. Sin durchaus lebendiger Wolf-Hund, der, obschon er de- Publikum- entbehrt, sich der Würde und Originalität feiner Situation höchst bewußt ist.
Eine erponierte Stelle allein kann aber auch nicht amüsieren. Allo blickt Lu» — ich taufe ihn fo - schrecklich gelangweilt durch die Scheibe in da- Grau deS Morgens. Und ich bin daher nicht eingebildet, wenn ich behaupte, das, Vur sich freut, dast ich nun zu ihm komme und wir unS durch da- Glas ein wenig unterhalten können.
Ungefähr so: .Guten Morgen, lieber Lu»! Wie kommst du denn in diese- Schaufenster hier? Da- ist doch durchaus ungewöhnlich! Hast du hier geschlafen? Dann muh ich schon sagen, komische- Schlafzimmer ..." Lu» blickt belustigt. .DaS Salz des Witze« löst sich im Wasser der Erklärung. Rimm mich bitte al- Problem." — .Also ein moderner Wolfshund. Ra, ich denke, du wirst der Einbrecher wegen hier liegen ...“ Könnte Lu» philosophisch vielsagend mit den Achseln zucken, täte er es jetzt. Ich verstehe ihn aber auch so und eine Weile unterhalten wir uns noch stumm durch da- Gla«. Dann must ich gehen, denn ich friere, und ein scharfer Wind fegt durch die Straßen. .Dleib noch ein bihchen", bittet Lu», aber ich verabschiede mich trotzdem. Korrekt und wohlerzogen erbebt sich nunmehr mein Gegenüber, und die Unhöflichkeit liegt direkt auf meiner Seite, wenn ich jetzt den Hut nicht abnehme. Ich sehe mich nicht mehr um, aber ich weist, dast Lu» noch lange hinter mir hersieht...
Kleine- Abenteuer, wert davon zu sprechen. Und wenn ich nicht, zu Hause angelangt, fo müde gewesen wäre, hätte ich dem problematischen Lu»
Don Geld und Liebe.
Vornan von Grete von Gaß.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle Rachdruck verbotenI
Der Geheime Medizinalrat Professor IuliuS Tönnies konnte schon längst nicht mehr darüber klagen, dast er in seinen Sprechstunden überlaufen würde, aber eine so absolute Ruhe wie an diesem Tage hatte er in seinem Sprech- und Wartezimmer noch nie erlebt. Kein einziger Patient hatte sich bi- jetzt bei ihm gezeigt.
.Der-Laden geht nicht mehr, Tilli", sagte er zu seiner Frau, die zu ihm ins Sprechzimmer kam.
Gr lächelte. Ottilie sah ihn fragend an. Ihr Mann war noch bis vor wenigen Iahren ein gesuchter Arzt. Warum war daS nun nicht mehr so?
Sie wagte die Frage nicht auszusprechen: es erübrigte sich auch, denn Professor Tönnies erriet sie.
.Mein Kollege Fahrenkrug macht mir Konkurrenz. Tja, Tilli, daS ist nun mal so: die Alten werden von den Iungen verdrängt."
Gr wie- aus den tiefen Ledersessel, der eine Querseite seines Schreibtisches einnahm.
.Ditte, Tilli, fetz dich doch! Du fürchtest, mich zu stören? Aber durchaus nicht. Sollte wirllich noch ein Patient kommen, muht du allerdings fliehen."
.Selbstverständlich, Iulius."
Sie lieh sich in den Sessel nieder und sah ihren Mann an.
.Was du eben sagtest, dast die Alten von den Iungen verdrängt werden, das trifft im allgemeinen wohl zu: aber in deinem Fall..."
Sie schüttelte den Kopf. Ihr Dlick drückte Zweifel sei aus.
.Auch in meinem Fall, Tilli. Man wirst mich zum alten Eisen."
.Du bist noch nicht alt, Iulius, und Doktor Fahrenkrug ist nicht jung."
Er lachte hell aak.
.Du bist köstlich. Tilli! Behauptest, Fahrenkrug sei nicht jung — und ich wünsche ihn mir doch als Schwiegersohn."
.Pst, Iulius. nicht so laut — Gva könnte es hören. Sie ist im Rebenzimmer."
„Ru, wenn schon! Und nun sag mir noch einmal, Tilli, dast ich noch nicht alt bin."
Er beugte sich in feinem Sessel vor, sah in ihr Gesicht, daS noch immer schön war. Ihre groben blauen Augen flammten ihn an.
.Du bist noch nicht all, IuliuS."
Seine schmalen, bartlosen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.
sicherlich eine Tasse Kaffee hinter fein Schaufenster gebracht... v. M.
Unfer neuer Roman.
In der heutigen Ausgabe des ..Giestener Anzeigers" erscheint der Schluh de- erfolgreichen Roman- „Ich hab' dir verziehen!" von Elotilte v. Stegmann-Slein. Gleichzeitig beginnen wir mit der Deröffentlichung eines neuen Werke-, welches auf überaus feffelnde und anziehende Weife in der flüssigen Form eine- modernen Gesell - schasts- und LiebeSromanes die wechfelnden Schicksale dreier Familien in einem Hause behandelt Das Geld und die Liebe — das find die geheimnisvoll wirkenden SchickfalSmächte. welche den Gang der dramatisch bewegten und au packenden Höhenpunkten gesteigerten Handlung bestimmen: die alte Frage, ob man nur nach Geld heiraten und eine gute Partie machen oder ob man allein der Stimme des Herzens folgen soll, bildet eines der Hauptmotive unsere- neuen Romans
„23en Geld und Liebe" Don Grete von Gaß.
Die beliebte Autorin, von der schon eine ganze Reihe zündender Zeitungsromane mit stärkstem Ersolg den Weg zu einem grosten Publikum gefunden haben, versteht ihr Handwerk vorzüglich und weist genau, worauf eS bei einem Roman ankommt, der von Fortsetzung zu Fortsetzung mit zunehmender Spannung versolgt werden soll. Der Roman geht an den grosten Röten unserer Gegenwart nicht ahnungslos vorüber, aber der sichere Instinkt der Dersasserin versteht es, die rechte Mischung au« Wirklichkeit und Phantasie zu treffen, die — zumal bei der weiblichen Leserschaft — das groste Geheimnis deS Erfolges ausmacht.
Mehr wollen wir für heute vom neuen Roman nicht verraten: wir verlassen unS auf die reiche Erfahrung und die groste Deliebtheit einer weithin geschätzten Erzählerin. Wir wissen bestimmt, dast der neue Roman Ihren Geschmack treffen und Ihnen von Anfang bi- zum Ende gefallen wird. Wir freuen uns, unseren Leserinnen und Lesern wieder eine Lektüre zu bieten, die ihnen Tag für Tag eine Diertelstunde der Entspannung und Spannung zugleich, der reinen Unterhaltung und deS ungetrübten Genüsse- bescheren wird.
Helft der Mnteniothilfe!
Zur Linderung der ständig anwachsenden Rot in breiten Schichten unserer Dürgerschaft veranstaltet die Giestener Winternothilfe von heute ab eine zweite Geldsammlung in den Wohnungen aller Stadtteile. Die gewaltige Rot ist im Verlaufe der letzten Wochen nicht allein auf die minderbemittelten Kreise beschränkt geblieben, sie hat sich jetzt auch auf Mittelstandsschichten ausgedehnt, die unter einigermaßen erträglichen Derhältnissen nicht in die Lage gekommen wären, die Hilfe der Allgemeinheit in Anspruch nehmen zu müfsen. Um dem gesteigerten Elend wirksam entgegentreten zu können, bittet die Winternothilse um Geldspenden, die alle wirtschaftlich noch leistungsfähigen Mitbürger je nach Lage ihrer Derhältnisse reichlich bemessen wollen. Die Spenden werden wieder von Sammlern und Sammlerinnen abgeholt die mit einem Ausweis versehen sind und ein blaues Heftchen zum Einträgen der Spende vorweisen. Möchten die 'Beauftragten der Winternothilse überall verständnisvolle Hilssbereit- schast antrcsfen, die sich in reichlichen Gaben -um Besten der Rotleidenden äußert I
Pornotizen.
— Tage-kalender für Montag. Technischer Derein, Reichsverband Deutscher Baumeister, 20.15 Uhr, Kunstwissenschaftliches
Institut. Ludwigftraste. Dortrag über .Die älteste Ltadtanlage und der Stadtbauplan von Gießen" <2.Teil« — Marine-Derein, 20 Uhr, Gase Leib. Lichtbilder-Dortrag über .Die ISmonatige Fahr', des Hilfskreuzer- .Dolf" mit dem Flugzeug .Wölfchen". - Giestener Freiw. Feuerwehr. 20 Uhr bei Kamerad Müller. Bahnhof straste, Rio- nat-versommlung — Lichtspielhaus, Dahnho*- straste, .Der Zinker".
Aus dem S t a d t t b e a t e r b u r c a u wird unS geschrieben Morgen. Dienstag, 2. Februar. alS 17. Dorstellung im Dienstag-Abonnement Wiederholung der alleinigen deutschen Uraufführung des fpanischen Lustspiel- .Iulietta kauft sich ein Kind" von Maura und Sierra. Spielleitung Peter Fas s ot t. Beginn 20.15 Uhr. Ende 22 Uhr. — Am Mittwoch. 3. Februar. 19.45 Uhr. lum erstenmal in neuer Inszenierung der Schwank von Impekoven und Mathern. .Die drei Zwillinge". Spielleitung Peter Fas sott.
— Lichtbilder-Dortrag im Bla- rineverein Diesten. Der Marineverein Diesten veranstaltet heute einen Lichtdilder- Dortragsabend. Als Redner wurde Kapitän S ch m e h l gewonnen, der Führer des Hilfskreuzer- .Wolf", ein Seeoffizier von echtem Schrot und Korn, der fein Schiff wahrend des Weltkrieges durch unendliche Fährnisse hindurch über alle Meere führte. Da« Schiff blieb seinerzeit fünfzehn Monate unterweg- und legte eine für die damaligen und auch für die heutigen Derhältnifse kaum glaubliche Strecke Weges zurück. Kapitän S ch m e h l wird heute abend über seine Erlebnisse sprechen, über die mannigfachen Erfahrungen, die er auf dieser grosten Kaperfahrt machte. Der Redner versteht es. seine Erzählungen in humorvolle Form zu kleiden und seinen Zuhörern also nicht nur einige sehr lehrreiche, sondern auch unterhaltsame Stunden zu bereiten. Der Dortrag wird durch etwa 130 Lichtbilder bereichert. Die Beran- ftaltung findet im Safe Leib statt und beginnt um 20 Uhr. (Siehe Anzeige vom Samstag.)
Oie neuen portogebühren.
Zur Beseitigung von Zweifeln seien noch einmal die neuen Portosähe mitgeteilt. Gs kosten vom 15 Ianuar ab:
Einfache Postkarten im Ortsverkehr 5 Pf., im Fernverkehr 6 Pf.:
Briefe bis 20 Gramm im Ortsverkehr 8 Pf., im Fernverkehr 12 Pf:
Briefe von 20 bis 250 Gramm im Ortsverkehr 15 Pf., im Fernverkehr 25 Pf.:
Briefe von 250 bis 500 Gramm im Ortsverkehr 20 Pf., im Fernverkehr 40 Pf.
Abschied der Pferdepost.
Bisher wurden die Postpakete in unserer Stadt durch fünf Pferdewagen bestellt. Das ist nun anders geworden. Die Reichspost hat jetzt auch für Diesten Kraftwagen beschafft (Marke „Phänomen", das Erzeugnis einer Dresdener Firma), mit denen ab 1. Februar die Zustellung der Postpakete erfolgt. Am Samstagnachmittag bewegten sich ein Wagen der Pferdepost und die drei neuen Kraftwagen durch die Hauptstraßen unserer Stadt. Die Fahrt galt als Abschiedssahrt der Pferdepost und erregte viel Aufmerksamkeit. Die Giestener Pferdepost wurde bisher (und zwar seit dem l.Iuli 1901) durch die frühere Hofkutscherei Huhn, Ritter- gaffe 23, gefahren. Zwischen der Post und dem Posthalter herrschte stets ein gutes Verhältnis. Die Ausführung der Paketpostfahrten war nicht immer leicht zu bewerkstelligen. Hauptsächlich wahrend des Krieges ergaben sich viele Schwierigkeiten. Die Kutscher mußten aus der Genesungs-Kompanie gestellt werden, so daß die Posthaltung einem fielen Per- sonalwechscl unterworfen war. Auch die Pferdehal- tung machte erhebliche Schwierigkeiten, denn nicht weniger als 18 Pferde gingen während des Krieges infolge mangelnden Futters ein. Der alte inzwi-
.Hast du vergessen, dast ich bereits meinen fünfunbfünhigften Geburtstag gefeiert habe?"
»Rein. Aber muh man denn mit fünsundfünszig schon alt sein?"
»Man muh nicht, Tilli. Aber..."
.Kein Aber, Iulius! Du bist es noch nicht — muht noch lange jung fein. Für mich", fügte sie leise hinzu, und ihre schmale Weiße Hand kam der feinen entgegen, schmiegte sich in ihr ein. .Wir beide wollen doch noch etwas von unserem Leben haben."
Er nickte. Streichelte zärtlich ihre Hand und dachte daran, daß Ottilie berechtigten Anspruch auf Lebensgenuß hatte. Sie war fünfzehn Iahre jünger als er; eine Frau von vierzig Iahren ist noch jung.
Ottilie kam ihm viel jünger vor alS vor fünfzehn Iahren. da er fie geheiratet. Damals war sie Krankenschwester gewesen. Frauen in schweren Berufen find nie recht jung. Die Mühsal ihres Berufes prägt sich in ihrem Wesen aus. Diese Mühsal war für Ottilie ganz besonder- schwer gewesen, weil sie sich ihrem Beruf nicht aus Reigung gewidmet hatte. Er war ihr Broterwerb gewesen — mehr nicht. Wie eine Erlösung hatte sie es schließlich empfunden, ihn aufgeben zu können, um seine Frau zu werden. Ob sie ihn aus Liebe geheiratet? Er hatte nie danach gefragt.
Er war Witwer gewesen und hatte zwei Kinder. Einen Sohn von zehn und eine Tochter von neun Iahren. Daß seine Kinder eine gute Mutter bekamen und sein verödetes Haus eine Repräsentantin, daran lag ihm damals vor allen Dingen. Dast Ottilie beides werden würde, hatte er von ihr erwartet, und sie hatte ihn nicht enttäuscht. Aber ob er nicht sie enttäuscht hatte? Glück hatte sie doch gewiß erwartet. 'Welche Frau erwartet das nicht, wenn sie eine Ehe eingeht? Ein überschwengliches Glück war es gewiß nicht, das sie an seiner Seite gehabt. Sein Beruf hatte sein Leben so ausgefüllt, dast alles andere dahinter zurückblieb.
Seit sein Beruf ihn nicht mehr ausschließlich in Anspruch nahm, er mehr Zeit für seine Frau hatte, war ihm zum Bewußtsein gekommen, daß sie viel in ihrer Ehe entbehrt hatte. Gr sah sie jetzt auch ganz anders — erkannte nun erst, daß sie Temperament hatte.
Und in ihm, dem alternden Manne, vollzog sich ein völliger Umschwung seiner Gefühle. Gr glühte für seine Frau, die er bisher nur gerade gern gehabt.
Boller Derzweiflung fragte er sich jetzt oft: WaS kann ich meiner Frau noch bieten, ich mit meinen fünfundfünfzig Iahren? Seine Gestalt war noch straff, seine Augen noch hell — aber wie lange noch? Er fragte eS sich auch eben. Sah sinnend in ihr zartes, feine- Gesicht
Er streichelte Ottilies Hand, die noch in der
feinen lag. Sann darüber nach, ob er ihr nicht eine Freude machen könnte.
.Was meinst du, Tilli — wir gönnten uns jetzt eine Reife? Abkömmlich wäre ich doch: es fragt ja keiner mehr nach mir! Warum sollten wir da nicht für ein paar 'Wochen von Berlin fortaehen?"
»Ich weih nicht, IuliuS? Ieht — im 'Winter?"
»Warum nicht? Wir gehen in den Schwarzwald. So ein paar Wochen im Winterwald verlebt, geben Frische. Ich sag' dir, um zehn Iahre verjüngt kommen wir zurück. Dann spur' ich vielleicht wirklich noch einmal das, was du mir suggerieren willst: dast ich noch nicht alt bin!"
Eine Helle Röte huschte über ihr Gesicht. Um ihren Mund war ein mühsam verhaltenes Beben. Und auf einmal hing fie an feinem Halse, preßte ihre warmen Lippen auf seinen Mund. ,
»Du — ja, einmal ein paar Wochen ganz allein sein mit dir!"
Das klang nach heißer Sehnsucht. Rach einer Sehnsucht, die ihn beglückte. Sie beschlossen, ihre Koffer zu packen.
»ilebermorgen können wir fahren, Tilli. Dann bin ich so weit."
Seine Stimme bebte. So mächtig tobte die Freude in seinem Innern.
»Ach, Tilli, wird das schön fein!"
Er nahm ihre Hände, preßte feine Lippen darauf.
Bei Tisch teilte er den Kindern mit:
»Mama und ich reifen übermorgen in den Schwarzwald."
Eva sah überrascht auf, und HanS-Achim war ein wenig betroffen.
»So plötzlich?" sagte Eva erstaunt.
»Ia, wozu soll man sich das noch lange überlegen? Wir sind durch nichts behindert. — Ich werde meinen Kollegen Fahrenkrug bitten, daß er mich in meinen Sprechstunden vertritt. Und du vertrittst Mama im Haushalt."
Bei Erwähnung Fahrenkrugs wurde fie rot. Daß gerade er des Batcr« Vertretung übernehmen sollte, war ihr nicht recht.
Sie dachte daran, daß er dazu täglich zweimal in ihr Haus kommen müßte. Dabei waren Begegnungen mit ihm unvermeidlich
Sollten die Eltern am Ende gar daraus hoffen, daß diese sie dem Dvttor. der ihnen als Schwiegersohn erwünscht war. näherbrachten? Rein, gewiß nicht — daran dachten sie nicht. Spekulattv waren sie nicht. Sie beeilte sich, dem Batcr zu versichern:
„3a, selbstverständlich, so wird eS gehen? Ich werde Mama, so gut ich es vermag, vertreten."
Ottilie legte ihre Hand leicht auf die EvaS.
»Ich danke dir. Eva!"
Ihre Blicke trafen sich für einen Moment. Eva senkte schnell den ihren, dachte: Wie schön sie noch ist und wie glucllichl Ein leises Rerd-
fdjin verstorbene Herr Hutzn war mit seinen Pvitjahr zeugen eng verwachsen und hielt sie ständig in bestem Ausland
• • Anmahnung von Eteuerr ü tf ft ä n • den. In einer Bekanntmachung in der Samstag- ausgabe werden das vierte Ziel der Kanal , Straßen rrmigungs- und Müllabfubrgedühren. d>e erste Rate der Burgerfteuer, das Schulgeld für d>e Studien anstatt und die Wvdnungsmiele aus fiädtifchen Häusern angrmabnt. Interessenten feien besonder» daraus ausmerksarn gemacht.
• • PersonaIic d o in Hochbauamt. Bau- Inspektor Heinrich Philippi vorn Hess. Hochbauamt in Gießen tritt mit Wirkung vom 1. April ab auf seinen Antrag in den Ruhestand.
• • Der n a ch ft e Rindvieh- (Nutzvieh-) Markt findet morgen, Dienstag, 2. Febriwr, der nächste Schweinemarkt am Mittwoch. 3. Fedr, statt.
• * Geschästsjudiläum Der Raufmann Emil Karn, Inhaber der Zentraldrogerie in der Schulstraße, kann deute auf das 2ö>ädrige Bestehen seines Geschäftes Aurudbliden.
•e Städtische Btennholzverfteige- rung Bei der jüngsten Brenndolzversteigerung aus den Waldungen der Stadt Gießen, Försterei Rödgen, wurden bei großer Rachfrage im Durchschnitt folgende Preise erzielt: Buchenscheiter <1. Kl.) 11.60 Mk. (2. Kl ) 7.00. Eichenschettei (1. Kl.) 7,60. (2. Kl.) 6.00. Buchenknüvpel 8.50. Eichenknüppel 5.60. Buchenftöcke 6.60. Sichens!öcke 5,00 Mk pro Raummeter: Buchenreisig (3 Kl.) 16,00, Sichenreisig (2-Kl ) 14.00 Mk pro 100 Wellen: Fichtenderbstangen <1. Kl ) 1,20. <2. Kl > 1.00. (3. Kl.) 0,70, Fichtenreisstangen (4. Kl.) 0.40 Mk pro Stück.
" Die Rot der ©traf gefangenen. Man schreibt unS: Zeiten wirtschaftlicher Rot sind immer Zeiten sittlicher Gefährdung. Zumal viele junge Menschen kommen infolge der Arbeitslosigkeit in Konflikt mit dem Strafgesetzbuch, oder werden infolge großer Hoffnungslosigkeit zu Opfern politischer Extreme. Es kann einem Bolt nicht gleichgültig sein, wie den vielen Tau- senden von BolkSgenosfen, die vor dem Gesetz schuldig geworden sind, wieder der TDeg zu geordnetem Leben geebnet werden kann und wie für sie in den mannigfachen Gefährdungen des täglichen Lebens bewahrende Kräfte mobil gemacht werden können, lieber die Rot der Strafgefangenen und über wirksame Hilfe für sie wird am Dienstag. 2. Februar, 20 Uhr, im Gemeindehaus der Stadtkirche (Kirchstraße 9) ein Manu sprechen, der diese Rot auS Vielsachen Besuchen in Gefängnissen und Zuchthäusern kennt und schon mancherlei praktische Hilfe geleistet hat. Aus den Bortrag sei besonders hingewiesen. RähereS ist aus der Anzeige vom SamStag ersichtlich.
* • Frauenverein vom Roten Kreuz für Deutsche über See. Die hiesig« Abteilung deS FtauenvereinS vom Roten Kreuz für Deutsche über See hielt am vorigen Mittwoch ihre Mitgliederversammlung im Hotel Hindenburg ab. Die 1. Borsihende. Frau Prof. Zwick, begrüßte die zahlreich Erschienenen und gab einen Bericht über das vergangene ArbeitSjahr. Den Wohltätigkeitstee. der im vorigen Sommer stattgefunden hatte und reichen Erfolg brachte, hob sie besonder- hervor. Ferner machte Frau Zwick die Mitteilung. daß Frau Provinzialdirektor Graes unter Anerkennung ihrer langjährigen, verdienstvollen Arbeit alS Borsihende zum Ehrenmitglied des BereinS ernannt worden ist. Herr Bankdirektor Mattern, als Schatzmeister, erstattete sodann den günstig lautenden Kassenbericht. Gr teilte mit, daß die Abteilung einen monatlichen Beitrag an die Frauenhilfe leistet. Im Mittel- puntt der Beranftaltung stand der Bortrag von Frau v. Lekow. der 2. Borsitzenden deS Hauptvorstandes in Berlin. Die Rednerin, die auS eigenem Erleben schöpfte, schilderte an Hand von
gefühl wallte In ihr aus, das aber schnell unterdrückt wurde.
Man erhob sich vom Tisch. HanS-Achirn bat den Bater um eine Unterredung unter vier Augen. Der Bater ahnte nicht- Gute-. Sah ihn mit durchdringenden Blicken an. Ha ns-Ach im war blaß: der Blick seiner braunen, stets lachenden Augen war jetzt ernst. BJad mochte der Bengel haben? Daß der ihm nur nicht die selige Stimmung verdarb, in der er sich befand!
»Du, sag einmal, hat diese Unterredung nicht Zeit, bis ich wiederkomme?^
Hans-Achim schüttelte den Kops.
„Bee, Papa — unmöglich."
»Ra, also dann los!"
Sie gingen in sein Arbeitszimmer Der Professor ließ sich in seinen Schreibtischsessel fallen, wies dann auf den andern.
»Setz dich!"
.Dante, Papa. 'Denn du erlaubst, bleib' ich stehen."
»Mir ist's gleich. Da, nimm 'ne Zigarette."
Er hielt ihm fein geöffnetes Etui hin. HanS- Achim nahm eine heraus. Seine Hand zitterte leicht. Sein Bater bemerkte es. ES beunruhigte ihn. Ihm ward bange vor dem, was jetzt kommen würde. Rach den ersten paar tiefen Zügen forderte er:
»So, nun heraus mit der Sprache!"
Hans-Achims gestraffte Schultern sackten merklich zusammen. Er legte seine Zigarette in die Aschenschale, wandte sich dann zu seinem Batcr hin, sah ihn an. In seinem Blick war Hilflosigkeit. Als et stumm blieb, beugte sich fein Bäte vor, fraate:
„Ra. wird s nun bald?"
Hans-Achims Gesicht wurde um einen Schatten fahler. Mit unsicherer Stimme kam endlich daS Geständnis:
»Papa, ich habe gespielt, und zwar mit großem Berluft dabei"
Der Bater sprang aus seinem Sessel auf. Seine Rechte ballte sich zur Faust. Fiel krachend auf die Schreibtischplatte nieder.
„Bersluchte Schweinerei!" stieß er hervor. „Wie bist du dazu gekommen?"
„ Feli» Burda lud mich gestern ein, mit ihm in seinen Klub zu kommen. Wir trafen dort Willrich und Krane mit einigen anderen Herren beim Ecarte. Man forderte mich auf, mitzumachen: ich hatte erst keine große Lust. Du weißt, Papa, ich bin kein Spieler. Schließlich reizte mich dies Spiel aber doch — ich machte mit. Born Starte ging man auf Baccarat über. Anfangs ging es um geringe Einsätze, die sich dann mächtig erhöhten. Ich spielte mit Glück. DaS stachelte mich so an, daß ich wüst drauflos setzte. — Ich verlor. Beriet nicht nur, WaS ich gewonnen. Ich lieh von Fell» Burda."
(Fortsetzung folgt.)


