Ausgabe 
31.10.1931
 
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i. 255 Zweites Blatt

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politische Eindrücke von einer Weltreise. Don Or. Paul Nohrbach.

Nanking, Oktober 1931.

Ter Telegraph hat sicher lange nach Hause meldet, was für eine merkwürdige Sache wir C7 in diesen Tagen erlebt haben: Studenten berfallen den Außenminister in inem Amt und schlagen ihn blutig, weil er tun z u schlapp gegen Japan ist! Am ;a.je nach dem Vorfall hatte ich Gelegenheit, hier in Nanking mit einigen Europäern in >herer Stellung, mit einem chinesischen Uni- ?r'itätsprofessor und einigen chinesischen Re- enungsbeamten zu besprechen. Im Grunde war r Urteil dasselbe: daß dem Minister nur übrig pixlieben sei, zu demissionieren, und daß den lubcnten nichts geschehen werde, weil niemand :c faktische Autorität dazu besähe! Cs sei schon vlcs Mögliche, dah die chinesische Eisenbahn­er valtung in Schanghai den 1000 oder 2000 ch»mghaier Studenten, die auch noch zum De- onftrieren nach Nanking kommen wollten, keinen ug gegeben habe! (Die Fahrt dauert? Stunden.) Man denke sich: Eine studentische Masse stürmt n5 Ministerium des Auswärtigen, demoliert Emen und Fenster, schlägt Möbel kurz und klein, :rfiHneidet Teppiche, dringt ins Kabinett des liiüsters, mißhandelt ihn mit Stöcken, Fäusten tifo Tintenfässern, bis er blutend am Boden k$t, und zieht erhobenen Hauptes davon. Dncum? Wegen seines schwächlichen Verhaltens p:g müder den Japanern!

Mir fiel dabei ein, was der japanische General Hcxgi tat, als ihm während des russisch-japani- she n Krieges die Studenten vorwarfen, er sei n bedenklich, Port Arthur zu stürmen. Nogi pagte die jungen Leute: Wollt ihr stür- re n kommen? Tausende von Freiwilligen rcLbeten sich und erlitten im russischen Feuer |: furchtbare Verluste, dah nachher die Nede png, Nogi habe sein Harakiri nach dem Tode les Kaisers Meji Vertrauten gegenüber auch cis eine Sühne für sein grohes Studentenopfer kjvichnet. Ob das wahr sein kann, lasse ich ^Eingestellt. Jedenfalls leuchtet die Todes- krichtung des patriotischen Japaners Qud der krf chichte hervor. Die Studenten von Nanking

Schanghai hätten nicht daran gedacht, nc§ der Mandschurei zu gehen, wenn man sie pfcagt hätte, ob sie gegen die japanischen Ge- tchre wollten.

Mas aber wollten sie bann? Als ich kürzlich in Peking war und von der einstigen Palaststadt hif) unserer Gesandtschaft zurückfuhr, wurde ich c einer Straßenkreuzung eine halbe Stunde krch einen Demonstrationszug gegen Japan auf- pholten, in dem mehrere tausend Studenten und EchÄler marschierten. Ich fragte nachher einen yircsischen Professor, was auf den zahllosen r Iseführten Bannern und Spruchlappen ge- |::ixben hätte?Kauft keine japanischen Waren!", greifet alle Japaner aus!",Kriegserklärung fügen Japan!",Schlagt jeden Japaner tot! usw. Ulf» meist wahnsinniges Zeug. Das Verhalten btr chinesischen Generale in der Mandschurei

ja gezeigt, dah die Japaner dort mit keinem Jteeg, sondern nur mit einer militärischen Hasenjagd zu rechnen brauchten. Tschiangkaischeks ünmkingtruppen sind besser, aber viel zu ftDach. *

Oer Auhenminister C. T- Wang hätte den chinesischen Vertreter beim Völkerbund anweisen bei der Behandlung des Konflikts in flenf eine schärfere Haltung einzunehmen, wurde i: dem Nankinger Gespräch als ein Argument zu grünsten der Studenten vorgebracht. Als ich bittiuf erwiderte, dann hätte Alfred S z e (der chinesische Gesandte in London, Vertreter in Genf) ermächtigt sein müssen, unter Umständen mit Hrms Austritt aus dem Völkerbund zu drohen,

Zuspruch aus einem Brief.

Von Anton Schnack.

| habe einen Brief, der mich demütig und sanft naqt; denn es ist ein Brief meiner Mutter. Leicht ien ihm liegt eine Stimmung, die ich mit dem 'lorrte altertümliche Poesie bezeichnen möchte. Das lipier ist glatt, einfach und unaufdringlich liniert, choch das lange Liegen in einer immer abgeschlos­sen Kommodenschublade ist in das Papierweih ein vawer, gelber Elfenbeinschein gekommen. Das Blatt kg bei alten, vollgekritzelten und zerschlissenen Ball- s-ch.im, bei getrocknetem Lavendelkraut, bei ge- nrißten Perlmutterrosenkranzen, es hielt Nachbar- fqa 't mit quittierten Rechnungen, die schon längst e rfüllen sind, hübsche und drollige Medaillons lagen ml ihm zusammen bei geweihten Gewitterkerzen Lid« verblaßten Bildern aus den Anfängen der pho- tlgnrphischen Kunst. Von allem, von wohlriechenden $ü izelchen, gepreßten Blumen, abgelegten Seiden- lb:n dem, schwarzlackierten Knöpfen, dickem Bern- slinschmuck und anderem, hat sich ein Duft hinein- igbeangt, Hauch und Duft der Vergangenheit und iaelicr abgelaufener Leidens- und Freudenjahre, und ik geziemt sich, daß der Brief einer alten Mutter Hauch mit sich bringt. Die Tintensarbe hat ia;j dem vergilbten Blatt Blässe angenommen und nridt den Eindruck, als stünde sie schon viele Jahre iir Nlase und hätte ihre Leuchtkraft verloren.

18)n der kräftigen deutschen Schrift bin ich hin­

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Jiur 2 ilufführnn?. WWW Lin-Mel in 3 M (frei nach demLm iriel von Blunich lhalunüKadelburs! von Hans 2^j|Üei- SÖlunf von Rom Benavkn. Test oa Eesiingevon ziobest Gilbert.

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1931, abdL. 8 Uhi, löDälS-tamlöllJ bei Kamerad Könia ^tabtfiafiell.Uni. tonn: Tieniianzua, Mutze. 7555D Mitteilungen.

Tas Kommando, Hontag, den 2, Hot.

Odenwald;

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8 Uhr :,'d Hotel Köhler

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jari gen. Kein einziger lateinischer Buchstabe: wie die Uirne kleiner gotischer Kapellen gehen die langen, jfpjj.in s-Buchstaben in die Höhe, daneben fegt der fidnfe Schnitt des harten T durch die Wortzeilen', ,ulte - ib; kleine k ist derb, aber m.,t würdig und bewußt lun5f,rdmit^ne5 lhngesetzt. Seltsam: fünfundsiebzig Jahre ist diese :^-ü grau ist ihr Haar, verrunzelt das Gesicht, A leien in ihrer Schrift strebt eine Kraft, treibt sich ein :ku im herum, kämpft Härte mit Geschmeidigkeit und Ibhouptet sich ein lebensnaher Glaube, der uner- ||:tterlid) ist und der sich durch nichts vertreiben Il'h-Sie schreibt die herrliche Schrift der ßebens= l|eu:)e, nicht eingebogen durch Angst, Feigheit und !»d:ücktheit, Nervenschwäche und Kleinmut, obwohl iks Leben nicht immer rosig mit ihr umsprang. Die ! logen Buchstaben fangen alle mit schönen und cumberbaren Bogen an, immer noch bereit, das : lbin einzufangen und zu halten. Halte ich meine Islime, zerfaserte, winzige, auseinanderfallende, ner- infe., suchende und tupfende Schrift daneben, meine i6i)cift, die keinen Ruhepunkt hat, sondern gejagt ipd verzagt dahintreibt, von Unrast und Unruhe |Maltet ist, in der sich seelische und geistige Spal-

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Eietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

wurde das von den chinesischen Herren an­scheinend als zu gefährlich empfunden. Was alle Chinesen im Grunde verlangen, ist, daß Europäer und Amerikaner chnen durch einen ge­meinsamen Druck auf Japan kostenfrei aus der japanischen Unannehmlichkeit heraushelfen sollen. Bei Deutschland speziell vermißt man Sympathiekundgebungen". Dabei ist die Nan­kinger Negierung in letzter Zeit gerade gegen Deutschland unhöflich und rücksichts- l o s gewesen. Die Einzelheiten mögen hier un­erörtert bleiben. Bei allen Mächten ohne Unterschied ist die bisherige liberale Bereitwillig­keit gegen China ausgesprochen abgekühlt, weil Nanking jede zu verletzen verstanden hat. Auch Amerika ist merkwürdig kühl geworden.

Nanking sucht jetzt einen neuen Außenminister, aber wer hat Lust, sich zwischen die Japaner und die prügelnden Studenten in Nanking zu stellen? C. T. Wang hat sich schleunigst mit seinen Wunden aus Nanking nach Schanghai in die internationale Niederlassung geflüchtet, wo die Polizei (Europäer und indische Sikhs) keine Stu­denten an ihn heranlassen würde. Der neue Außenminister kann aber doch kaum seinen Amts­sitz unter dem Schutz der Schanghaier inter­nationalen Polizisten nehmen! Alfred Sze hat abgesagt, natürlich; jetzt wird mit dem früheren Premierminister (aus der Bor-Kuomintang-Zeit) Wellington Koo verhandelt, der im Flugzeug nach Nanking gekommen ist, eine Stunde mit

Tschiangkaischek verhandelt hat und dann wieder nach Norden zurückgeflogen ist. Cs heißt, er habe Vorschläge zur Verständigung mit Japan gebracht aber was werden die Studenten dazu sagen?

Die ganz anormale Stellung der Studenten in China erklärt sich in der Hauptsache daraus, daß die junge Generation das neue China in der Hand hat. Die alten confucianischen Be­amten sind alle ins Dunkel gescheucht, die Leute, die heute die maßgebenden Stellen einnehmen, sind jung; sie waren gestern noch Studenten, und wer heute Student ist, rechnet darauf, dah er morgen schon ein großes Amt hat. Es ist Konjunktur für Jugend" in China; leider für eine vielfach sehr anmaßende, unerfahrene und nur oberflächlich geschulte Jugend.

Von allen diesen Dingen hält der Staats­präsident und Oberbefehlshaber Tschiangkai­schek sich geflissentlich fern. Er hat genug mit den militärischen Dingen und der inneren Politik zu tun. Neulich entdeckte er bei einer Revision, dah in der Artilleriestellung von Chen- fiang am Jangtse, eine Stunde unterhalb Nan­king, wo acht schwere Marinegeschütze stehen, die sämtlichen Verschlüsse fehlten unbekannten Aufenthalts! Alles, was innere Politik in China ist, kann nur in e inem Zeichen beurteilt werden: Kuomintang! Davon will ich einmal besonders sprechen.

WeliwirWastsknse uni* Kredilmechanismus.

Auf dem Wege über eine Währungs- und Kreditreform zu neuer Wirtschastskonjunktur.

Von Professor Or. Ernst Wagemann, Präsidenten des Statistischen Michsamis und Direktor des Instituts für Konjunkturforschung.

Der sensationelle parlamentarische Um» schwung i n England gehört zu den selt­samen politischen Blüten, die die Weltwirtschafts­krise überall in der Welt treibt. Darüber hinaus bedeutet aber dieser überwältigende Erfolg des Protektionismus eine schwere Nieder­lage der wirtschaftspolitischen Ideale, die vor hundert Jahren gerade in England von einer fortschrittsgläubigen und er­kenntnistrunkenen Wissenschaft zum Siege geführt wurden. Wir müssen uns darüber klar sein, dah der Lehre wie der Politik des laissez faire fast auf allen wirtschaftlichen Gebieten durch tief­greifende Strukturumbildungen die Voraus­setzungen entzogen sind, unter denen sie erwachsen war. Das Kernstück der Freihandels­lehre, die Vorstellung von den natürlich harmo­nierenden Interessen aller auf sich selbst gestellten wirtschaftlichen Kräfte, hat zwar niemals der Wirklichkeit völlig entsprochen; denn die freie Ertrags- und Konkurrenzwirtschaft, die gemein­hin als Kapitalismus bezeichnet wird, hat zu keiner Zeit und in keinem Lande den Produk­tionsprozeß vor den Störungen zu bewahren ver­mocht, die periodisch in der Form von Wirtschafts­krisen auftreten. 11 nb doch hat sie dabei Grohes geleistet; sie verstand es nämlich, immer wieder aus eigener Kraft den Gesundungs­prozeh zu entwickeln, der aus einer Krise von selbst wieder zum Aufschwung führt. Ein außerordentlich verwickeltes Reaktionsspiel, der sogenannteWirtschaftsautomatismus", verwan­delte allemal in verhältnismäßig kurzer Zeit eine in ihren Funktionen gelähmte Volkswirtschaft in einen gesund und kräftig pulsierenden Wirt­schaftskörper. Dieser die Störungen immer wieder überwindende Mechanismus scheint jetzt aber selbst gestört zu sein.

Die gegenwärtige Krise ist nicht unerwartet hereingebrochen; seit 1928 war sie sozusagen überfällig. Denn seit weit mehr als einem Jahrhundert sind in Abständen von durchschnitt­

lich acht Jahren weltwirtschaftliche Erschütterun­gen aufgetreten, von denen die letzte die von 1920 gewesen war. Freilich hat die Krise diesmal eine Schärfe und Ausbreitung gewonnen, wie sie nie zuvor auch nur annähernd beobachtet werden konnte. Ungeheuerlich ist der Rückgang der Produktion, deren Index um über 30 v. H. gesunken ist. Noch erschreckender ist der Rück­gang der Preise, deren Großhandelsindex um annähernd 50 v. H. gefallen ist. Jedoch gibt dieser schließlich nur graduelle Unterschied gegen­über früheren Krisen noch lange nicht der Viel­zahl der Propheten recht, die darin Vorboten eines wirtschaftlichen Weltunterganges sehen wollen.

Diel ernster ist ein Symptom, das von den Wirtschaftspolitikern aller Länder wohl kaum übersehen werden kann, das ihnen aber bisher noch nicht Veranlassung gegeben hat, praktische Konsequenzen daraus zu ziehen: Das ist die Tat­sache, daß nach einer Krisendauer von zwei Jahren noch keine Tendenzen wahrzu­nehmen sind, die auf eine Erholung der schwer ringenden Wirtschaft hindeuten. Die Ge­nesungskräfte scheinen gelähmt zu sein. Insbe­sondere ist ein Automatismus weitgehend außer Kraft gesetzt, der über dasGeld- undKre* ditsystem hinweg bisher immer wirksam ge­wesen ist. Jede Krise ist durch schrumpfende Warenumsätze und sinkende Produktion gekenn­zeichnet. Diese Einschränkung des Güterkreislaufs ist die Folge eines Liquidationsprozesses, durch den Geldkapitalien frei gesetzt werden; sie werden teilweise aus der Produktionswirt­schaft herausgezogen, ohne gleich wieder Anlage zu finden. Das Geldkapital staut sich gleichsam an. Sein Ueberfluß in den Banken drängt zu neuer Verwertung, und so entsteht eine entscheidende Voraussetzung für einen neuen Konjunkturan stieg.

Der Kreditapparat, der bei Beginn einer Krise jedesmal erschüttert zu werden pflegt, schien

tungen und Widerstrebungen in der willkürlichen Anwendung von deutschen und lateinischen Buch­staben bemerkbar machen, meine Schrift, die Zer- brochenheit des Wesens widerspiegelt, die dünn ist wie ein Gespinst und sich vom kleinsten Stim­mungswandel beeinflussen läßt, so erschrecke ich für mich; denn in der Schrift der alten Mutter hält sich mehr Kraft als in der Schrift des jungen Sohnes.

In dem Brief stehen Worte, die ich in anderen Briefen, in kategorischen Geschäftsbriefen, in den eilfertig hingeschriebenen Briefen von Freunden, in den hingeschluderten von Freundinnen, die im­mer wieder von ihren neuen Kleidern und von ihrer letzten Ballbekanntschaft erzählen, feit vielen Jahren nicht gelesen habe. Groß und erhaben wölbt sich das WortGott" heraus, ein Wort, das für viele Brieffchreiber verschollen und dunkel ist wie eine Sage; dieses Wort steht da wie die gütige, uner­schütterliche Weisheit, wie ein Berg mit großer, ferner und unerreichbarer Linie. Es steht da, breit, aufgereckt und alle anderen Worte überschattend. Die Ewigkeit bricht mit diesem Wort in den ver­gänglichen Brief. Und dann steht noch ein selt­sames Wort, dasAufrichtigkeit" heißt und es klingt mir in den Ohren, wenn ich es spreche, wie ein Klang, den ich seit geraumer Zeit nicht mehr gehört habe. Wer kennt das noch? Wer hält noch etwas von ihm? Wer will es noch hören? Wer wagt es noch zu sprechen? Alle gehen darum herum, denn Stacheln und Dornen fitzen auf diesem Wort, eine ruppige Haut, die kratzt und sticht, ein klares, un­bestechliches Auge blitzt aus diesem Wort, Sauber­keit steckt in ihm, Reinlichkeit, Helle und Feindschaft gegen Schmeichelei.

Doch diese alte, in der Lebensdämmerung stehende Frau, hat Lust und Freude am Schmücken, am Ausmalen, am Verzieren, am Farbigen:frischer Vollmond" schreibt sie. Sie schreibt:Wenn ich von meinem Bette gegen das Fenster schaue, sehe ich den frischen Vollmond im obersten Glas hängen." Wie herrlich: ich sehe ihn mit ihr! Er steht ganz hoch und rundum. Er leuchtet tief und stark, grün­lich schimmernd und überirdisch und zeigt sein from­mes Licht aller Welt. Das hat die alte Frau ge- sthen und sie hält es für wert, dieses Bild, dieses altdeutsche malerische Bild, ihrem Sohne mitzuteilen. Ich erinnere mich an dte ganze schwelgerische, süd­deutsche Landschaft; ich sehe die Hügelflanken, an denen der Wald herunterstürzt, ich sehe die im Mondlicht liegende Brücke, auf der der heilige Ne­pomuk und die Madonna von Ach sich schmunzelnd und lächelnd über einen Bauern aus Oesterreich unterhalten, der, ein bißchen selig vom Bier aus

der Klosterbrauerei von Raitenhaßlach an der Salzach, seinen grünen Bauernhut vor ihnen zog und gesagt hat:Vielmals um Entschuldigung, gütigste Frau von der Brücke zu Ach", und3u Ehren Heiliger Nepomuk, ich bin ein fideler Bauer". Das schenkt mir meine Mutter mit ihren Worten, mit ihrer kleinen singenden und klingenden Zeile, sie schenkt mir eine ganze lichtgefüllte Nachtlandschaft unten im Süddeutschen ...

Autos toben Straßen auf und ab als hätten sie das ewige Glück einzuholen, Zeitungsausrufer prei­sen die letzten Morde und Katastrophen an, Maschi­nen hauen mit schwerem Takt die Stunden in den Strudel der Vergänglichkeit, Telephone rasseln und verlangen entschlossen Auskunft, gequälte und sor­genvolle Männer zermartern sich das Gehirn um die Aufbringung der nächsten Miete, aber im Brief meiner Mutter hängt der volle runde Mond im Fenster und wandert seinen ewigen Bogen. Und unter ihm lebt eine alte Frau, die noch Zeit hat, dies zu sehen und noch Lust hat, dies zu sehen und noch Freude hat, dies zu sehen und es für wichtig hält, ihrem Sohne davon zu erzählen. Ich aber liebe diesen Brief.

Hauhreitep und Filmdiven.

Der bekannte amerikanische Deutschenfreund Ed­win E m e.r s/> n plaudert im Novemberheft von Delhagen & Klasings Monatsheften über jenes heut versunkene Wild-West, das er noch als Rauhreiter in Wirklichkeit erlebt hat. Die urwüchsigen Gesellen konnten weder lesen noch schreiben. Aber Feldhühner schossen sie im Fluge, das Lasso schwangen sie unfehlbar und ritten die wildesten Gäule. Rur daß diese Pferde nicht so unermüdlich waren wie die der glück­lichen Wildwest-Roman- und Filmheldew die alle ihre anstrengenden Ritte, vom Anfang der Hand­lung bis zu ihrem Ende, immer nur auf einem einzigen Reittier zu bestehen scheinen, ohne je umsatteln zu müssen.Da der wilde West", fährt Emerson fort,damals ein Land für rauhe Män­ner war, nicht für berittene Schauspielerinnen mit zierlich gewelltem Haar und zinnoberrotem Mündchen, konnten wir uns auch nie wie diese Dämchen daran erfreuen, in Fällen schwerer Gefahr immer wieder durch brave Cowboys in roten Hemden gerettet zu werden. Gar so rasend schnell wie die schöngestriegelten Rassepferde im Film rannten unsere Broncos damals allerdings nicht, auch waren unsere Gäule kaum so klug wie die witzigen Theaterpferde der heutigen Film­bühne. Nein, einige unserer Vierfüßler auf der

Samstag, 3s. Moder 193(

diesmal davon zunächst ziemlich unberührt zu bleiben. Die Dörsenkatastrophe in den Ver­einigten Staaten im Herbst 1929 ergab sich in­mitten einer Finanzkraft und einer Stärke der Danken, die den schwersten Wirtschaftsstürmen gewachsen schien. Wer hätte es daher für möglich gehalten, daß das Kreditwesen ins Schwanken kommen könnte, nachdem der Liquidationsprozeß der Wirtschaft weit fortgeschritten ist. Das lln- mögliche ist aber geschehen. Die Kreditkrise, die sonst eine Hochkonjunktur beendet, tritt diesmal nach zwei Jahren stärkster Preissen­kungen auf, und die Folgen sind kaum ausdenk- tar, wenn gerade infolge von Kreditschwierig­keiten eine erneute Daissewelle ausgelöst werden sollte. In diesem Punkte gilt es daher, noch rechtzeitig in letzter Stunde anzufasfen. Wenn das Bankwesen, früher der vorsichtigste und weitblickendste Zweig der Wirtschaftsfüh­rung, in so verhängnisvoller Weise überall ver­sagt hat, so hängt dies wohl hauptsächlich mit der internationalen Kreditverflechtung zusammen, die nach dem Weltkriege teilweise als Folge der politischen Derschuldung, aber auch aus vielen anderen Gründen außerordentlich rasch zugenommen hat. Hier zeigt sich mit ganz be­sonderer Deutlichkeit, daß Widersprüche zwischen der nationalen und öer in­ternationalen Wirtschaftsbetäti­gung in höchstem Maße krisenerregend wirken können. Inländische und ausländische Kreditpolitik wurden nämlich irrigerweise zum Teil ganz verschiedenen Methoden unterworfen, wobei die G o l d d e v i s e n w ä h r u n g, wie sie sich nach dem Kriege als Streckungsmittel des Goldes allgemein verbreitete, eine verhängnis­volle Rolle gespielt hat. Für die nationale Wirt­schaft nämlich bedeutet die Devise, die Anweisung auf ausländische Zahlungsmittel, ein volkswirt­schaftliches Aktivum, das man dem Golde gleichsetzen zu können vermeinte. Darüber aber vergaß man, daß die Devise nichts weiter ist als eine S ch u l d f o r d e r u n g gegenüber der ausländischenWirtschaft. Auch für sie gilt daher diegoldene Bankregel", d. h. die Forderung, daß Aktiv- und Passivseite der Ban­ken nicht nur nach der Größe, sondern auch nach der Verfallfrist einander entspre­chen müssen genau so wie im inländischen Kreditverkehr. Dieser Grundsatz ist aber bekannt­lich weitgehend durchbrochen worden. Das Ergebnis ist eine Vertrauenserschütterung, durch die das Geldkapital der Produktionswirtschaft ferngehalten wird.

Wenn es wirtschaftspolitische Möglichkeiten gibt, die die Gefahr einer immer tiefer greifenden Krise zu bannen vermöchten, so liegen sie in einer internationalen Kooperation mit dem Ziel der Neugestaltung eines gänzlich ver­alteten Kreditapparates. Die Einfüh­rung der Golddevisenu)ährung stellte zwar den Versuch dar, ihn zu modernisieren. Dies ist aber in gänzlich verfehlter Weise geschehen. Sv wird erst eine grundlegende Währungs­und Kreditref orm den Weg zum Wieder­aufstieg freilegen.

50 Jahre Feuerversicherungsverband der evangelischen Geistlichen.

wg. Frankfurt a. M., 30. Oft. Der am 14. August gegründete Feuerversicherun gä­bet b anb der cöange l. Geistlichen in Hessen hielt in diesen Tagen seine 5 0. H a u p t- öerfammlung in Frankfurt a. M. ab, die unter der Leitung des Aufsichtsratsvorsihenden, Dekan Brill (Groß-Steinheim), stand. Der von dem Verbandsvorsihenden, Direktor Pfarrer i. R. Weimar (Darmstadt), verfaßte Jahresbericht für 1930 wies eine günstige Entwicklung aus. Der Jubiläumsbericht, der einen sehr interessanten Rückblick auf 50 Jahre erfolgreicher Verbands­arbeit darstellte, wurde von Dekan R o e s ch e n erstattet. Die Verbandsrechnung für 1930 wurde von dem Verbandsrechner Pfarrer A n t h e s

Ranch erschienen mir damals sogar etwas be­schränkt besonders die Ochsen, aber so horn- dumm waren unsere Stiere doch nie, daß sie theatralische Cowboys und Cowgirls in Gari­baldi-Hemden und knallroten Halstüchern un­gestraft an sich vorbeigelassen hätten, wie wir das heute im Film zu sehen bekommen. Und man findet derlei Mummenschanz heute nicht nur im Film, sondern auch auf den sogenannten Dude- Ranches. Das sind großzügig angelegte Sport- und Kuranstalten im fernen Westen der USA., wo reitluftigen Kurgästen für teures Geld Ge­legenheit geboten wird, mit abenteuerlichen Klei­dern in bequemen Docksätteln sitzend, auf zahmen Pferden innerhalb weitgezogener Stacheldraht­umfriedungen sich Wildwestromantik vorzu­täuschen."

Rekord im Anzugmachen.

Der australische Autorennfahrer Smith beteiligte sich vor einiger Zeit bei der Aufstellung eines neuen Rekords für die schnellste Anfertigung eines An­zugs. Das Scheren der Schafe und die Verwand­lung der Wolle in Tuch nahm 1 Stunde 32 Minuten in Anspruch. Dann brachte Smith in feinem Kraft­wagen den Stoff von der Tuchfabrik zu Mascot in 4X Minuten zu einer großen Schneiderfirma in Sydney, wobei er die Strecke von 6 Stilometer in 4! Minuten zurücklegte. 13 Minuten genügten für das Zuschneiden, Nähen und Bügeln des Anzugs, so daß der Rekordvom Schaf zum Träger" sich auf genau 1 Stunde 52 Minuten 18! Sekunden belief. Der frühere Rekord, der vor kurzem in dem englischen Ort Huddersfield aufgestellt wurde, hatte 2 Stunden 9 Minuten 46 Sekunden betragen.

Sochschulnackrichten.

Der durch das Ableben von Prof. W. Sibelius an der Universität Berlin erledigte Lehrstuhl der englischen Philologie ist dem Ordinarius Dr. Walter Schirmer in Tübingen angeboten worden.

Zum Nachsolaer von Prof. A. Ungnad auf dem Lehrstuhl der Asfyriologie an der Universität Bres­lau ist Prof. Dr. Hans Ehelolf von der Uni­versität Berlin ausersehen.

Amtlich wird die Ernennung des Ministerialdirek­tors i. e. R. Prof. Dr. Karl Rauch in Ober- Weimar zum ordentlichen Professor für Deutsches, Bürgerliches und Handelsrecht an der Universität Kiel bestätigt. Prof. Rauch übernimmt fein Kieler Lehramt Ostern 1932 als 'Nachfolger von Professor K. A. Eckardt.