Ausgabe 
30.5.1931
 
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Nr. 124 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 50. Mai 1031

Beharrungsvermögen.

Don Or. Hermann Oreyhauö.

Die menschliche Matur ist geneigt, im Leben des einzelnen wie dem eines ganzen Dalles stets nur den Fortschritt als beachtlich zu verzeichnen. 3a, der Mensch berechnet seine Lebensabschnitte oder die Perioden in der Ge­schichte der Doller danach. Dicht mit Anrecht! Solche Auffassung ist ein Zeichen gesunden Den­kens und Lebens. Dur kommen Zeitabschnitte, wo diese Rechnung nicht p a h t, ja, wo sie ge­radezu als falsch erscheint. 3n einem solchen lebt gegenwärtig das deutsche Doll. Die Führer der Umwälzung von 1918 erleben die große Ent­täuschung, daß nicht nut weiteste Dollskreise, voran die Jugend, sich von ihnen abwenden, son­dern daß auch sozusagen alle von ihnen getroffe­nen Steuerungen erschüttert erscheinen, und daß sie selbst vor einem nackten Daseinskampf stehen. Wie kommt das? Wie ist es möglich, daß mehr als ein Jahrzehnt nach dem Ereignis die äußer­lich überwundenen Kräfte mit plötzlicher', elemen­tarer Gewalt von neuem ihr Hauvt erheben? Wir stehen hier vor einer Erscheinung, die nicht etwa dem deutschen Umsturz allein eigen­tümlich ist, sie tritt nach allen Erschütterungen auf.' Sic liberale Geschichtsschreibung hat dafür die Dezeichnung Reaktion geprägt, der Ge­schichtsphilosoph schürft tiefer und sieht darin den Ablauf eines Beharrungsver­mögens, das jedem Zeitabschnitt eigen ist.

Alle geschichtliche Entwicklung ist ein unaus­gesetzter Kampf zwischen Dergangenheit und Zu­kunft. Die eine muh sterben, um der anderen das Leben zu geben. Spannungen entstehen, wenn diese organische Entwicklung durch plötzliche Er­schütterungen d. h. Revolutionen, vorwärts» geschleudert wird. Da stellt die Geschichte sofort die Frage nach der inneren Berech­tigung der Revolution. Allerdings drängt sie nicht auf eine sofortige Antwort. Vielmehr läßt sie das eben genannte Beharrungsvermögen wir­ken. um der neuen Bewegung Zeit zur Ent­wicklung zu geben, durch die sie die Berech­tigung ihres Auftretens beweist. In diesem Sta­dium ist jetzt die deutsche Entwicklung nach 1918. Sie glaubte sich schon konsolidiert, weil der Liebergang, äußerlich betrachtet, geordneten Der- hältnissen wieder Platz zu machen schien. Lind weiter hegte sie den Glauben, 1918 eine ge­schichtliche Leistung zur Rettung des Daterlandes vollbracht zu haben. Aber was nach 1918 den Staat in erster Linie hielt, war das aus Öen überkommenen Verhältnissen stammende Behar­rungsvermögen, es war vor allem das pslichtgewohnte Beamtentum, das den Staat über die Staatsform und die Partei stellte und damit den Staat vor zu großen Erschütterungen be­wahrte und ihn endlich damit rettete. Inzwischen hat sich der revolutionäre (Staat äußerlich durch- gcseht. Dun drängt die Geschichte auf die Be­antwortung der Frage nach der Berechti­gung seines Tuns im Jahre 1918. Hat er sich bewährt, oder hat er gar Besseres geleistet als der alte Staat? Die Fragen werden täglich dringlicher. Wo bleibt die Antwort?

Die Geschichte, insbesondere die deutsche, kennt genug Umstellungen im Dölkerleben, um das Problem des Beharrungsvermögens so gegen­ständlich zu machen, daß es zur Aufhellung der gegenwärtigen Krise im deutschen Volk dienen kann. Gehen wir langsam rückwärts! Der Sturz Bismarcks! Zwar kein äußerlicher Llmsturx, und doch welche Wendung der Dinge! Immerhin geschah zunächst nichts, was ernsthaft vom alten Kurs abwich. Die Reichskanzlerschaften Caprivis und Hohenlohes bemühten sich um die überkommene Linie. Scheinbar mit Erfolg! Dis ganz plötzlich um die Jahrhundertwende die so­genannte Cinkreisungspolitik Eduards VH. ein» setzte und g.eich die größten Erfolge zeitigte. Was war geschehen? Das Beharrungsvermögen aus der Dismarckzeit hatte allmählich nachgelassen, derneue Kurs" mußte seinen Berechtigungs­nachweis erbringen. Wie furchtbar er versagte, er­sehen wir schaudernd aus den Denkwürdigkeiten Bülows. Die Folgen kosteten wir in Weltkrieg und Revolution. Die Sünden am Erbe Bismarcks

Fritz ist mißzufrieden.

Don Harry Schreck.

Das Mittagsmahl verläuft wider alle Gewohnheit schweigsam.

Schlechter Laune ... he?", äußert der Vater heiter, indem er sich behaglich eine bräunlich-schwarze Zigarre aus der Kiste holt,das wäre schade! Da­gegen solltest du etwas tun, mein Junge. Wie wäre cs, wenn wir uns den Fußball holten und damit ein bißchen hinter dem Hause tummelten? Eine Viertelstunde Fußball würde uns beiden ganz gut tun. Man wird dabei so hübsch müde und jagt seine Stimmungen zum Teufel. Keine üble Sache, wie? Einverstanden?!"

Falls es dir Spaß macht", murmelt Fritz zö­gernd, während er seine zwölfjährigen Beine unent­schlossen umherbaumeln läßt,und wenn du meinst!"

Du kannst das ruhig deutlicher sagen" lächelt der Vater freundlich,mit dem Fußball war das doch nur so ein Vorschlag. Von mir aus könnten wir beide ebenso gut Schach spielen. Für einen alten Burschen wie mich ist das nach dem Mittagessen viel gemütlicher. Gestern hast du mir da übrigens eigent­lich beim Endspiel ganz gehörig zugesetzt. Du wachst dich, mein Sohn! Nur ... mit den Eröffnungszügen solltest du vorsichtiger sein. Wer hat diesmal Weiß?"

Beim letztenmal hast du absichtlich den Turm ver­loren", läßt Fritz nebenher einfließen,aber wenn du gern Schach mit mir spielen möchtest"

Also, kurz und gut", schließt der Vater lachend das Gespräch ab,du hast keine besondere Lust. Du willst^ wahrscheinlich lieber zu irgendeinem Freunde hinüberlaufen und mit dem etwas Besseres aushecken. Kann ich verstehen. Kann ist vollständig verstehen! Wenn man es recht bedenkt was ist das schon für ein Vergnügen, den Sonntagnachmit­tag mit seinem Vater totzuschlagen, wenn man ein junger Kerl ist wie du! Schluß und erledigt. Auf Wiedersehen also ..."

(Fritz verläßt mit nachdenklicher Miene das Speisezimmer.)

*

Am Abend hingegen zeigt Fritz sich zur Aussprache geneigt.

fZch. habe heute nachmittag eine Fensterscheibe Enlzwei geschlagen", teilt er nach einiger Ueberwin- öung kurz und trocken mit,es war eine ziemlich

hoben sich bitter gerächt. Mit dieser Erkenntnis ist Zukunft gewiesen.

Ein gegenteiliges Bild liefert die Betrachtung der Revolution des Jahres 1 8 48. Aeußcrlich hat diese ihr Spiel verloren. In Berlin, in Frankfurt und in Wien siegte, um das liberale Schlagwort zu gebrauchen, die Reaktion. Tatsächlich aber, und das bezeigt ihre innere Berechtigung, hat sie sich doch durch - gesetzt, wenn auch erst mehr als zehn Jahre später. Auch revolutionäre Bewegungen haben ein inneres Beharrungsvermögen, das sie so­lange ausflackern läßt, bis die innewohnende Idee sich durehgeseht hat. Allerdings werden die Revolutionäre selbst selten den Lohn ihrer Arbeit davontragen, ja. nicht einmal die Apostel der Ideen kommen zu ihrem Rechte. Immer sind es einsichtige Gegner, die ihnen Wirklich­keit verleihen. Wenn es noch eines Beweises für die gestaltende Kraft des Beharrungsvermögens im Leben der Dölker bedürfte, dann tritt er hier deutlich zutage. Don Haus aus konservative Staatsmänner verknüpfen Dergangenheit und Zu­kunft einer organischen Einheit und gewährleisten so durch die ihnen eigene Datur die gesunde Ent­wicklung. Man vergegenwärtige sich nur ein­mal, wie der konservative Bismarck mit den liberalen Kräften das Deutsche.Reich von 1871 schuf, und wie er ihre Energie solange nutzte, wie es seinem Besten frommte. Oder man denke an den englischen Staatsmann Robert Peel, der, von Haus ein strenger Tory, dennoch 1845 sein Land zum Freihandel führte und es damit vor einer asozialen Erschütterung bewahrte.

Cs ist hiermit das Geheimnis geklärt, wie aus einer Revolution eine Reformation wer­den kann, d. h. wie eine nicht mehr zu hem­mende Entwicklung in ruhige und gesunde Dah­nen gelenkt werden muh. Denn das ist mit dem Begriff Beharrungsvermögen nicht gemeint, daß es einen starren, unelastischen Zustand darstellt,

vielmehr ist sein Wesen geradezu Bewegung, wenn auch nur Bewegung in gemäßigtem Tempo. Hier hat das sirmfälligste Beispiel der Frei­herr vom Stein durch seine Reformen ge­geben. Wenn er auch nur wenig mehr als ein einziges Jahr im Amte war. so haften seinen Reformen trotz ihrer tief einschneidenden Be­deutung keine Züge von Lieberstürzung oder un­nötiger Hast ein. Sie haben nach und nach mehr erreicht als die große französische Revolution von 1789. die durch ihre Gewaltmaßnahmen so gut wie nichts von den berechtigten politischen Forderungen durchsetzte, sondern nur den Weg zu einer schroffen Reaktion in der Militärdikta­tur Dapoelcons vorbereitete. Erst lange nach deren Lleberwindung und nach Riederringung der Restauration Ludwigs XVIII. und Karls X. konn­ten sich die Absichten von 1789 schrittweise durch­setzen, so sehr waren die reaktionären Kräfte durch die liberalistische LIeberfpannung des Ge­dankens der französischen Revolution wieder er­weckt worden, ja, sie feierten in Dapvleon III. so­gar eine Auferstehung und sind heute noch nicht ganz tot, wie Frankreich überhaupt in seiner Staatsgestaltung gegenüber den übrigen euro­päischen Mächten mit wenigen Ausnahmen außer­ordentlich im Rückstände ist. Hier offenbart sich ein Beharrungsvermögen rein negativer Art. Allein diese Feststellung dient nur zur Stützung und Klärung des Problems, wie alles auf den Entwicklungsgang ankommt, auf die innere Be­rechtigung der jeweiligen politischen Ziele.

Die Geschichte ist langmütig mit ihren Ur­teilen. sie gibt in ausreichendem Maße Be­währungsfrist. Hat aber die entscheidende Stunde geschlagen, dann ist sie mitleidslos, dann ver­langt sie d i e T a t. So steht das heutige System in Deutschland vor der Frage: hat es die auf seine Bewährungsfrist gesetzten Hoffnungen er­füllt, und besitzt es Kräfte genug, den Weg in eine deutsche Zukunft zu finden?

Wirtschastöfreiheit auch eine Forderung der Gegenwart. Don Dr.Hermann Fischer,Md^präsident desHansa-Äundes für GewerbeHandel undZndusirie.

Cs ist ein Irrtum, anzunehmen, daß der Ge­danke der W i r t s ch a f t s f r e i h e i t, der die Wirtschaftspolitik des 19. Jahrhunderts beherrscht hat, der Gegenwart keine Zielsetzungen mehr zu bieten vermag. Denn das Freiheitsideal der Wirtschaft ist keine ideelle Konstruktion, die einer vorübergehenden Geschichtsepoche als Parole diente und mit ihr erledigt ist. Es wurzelt viel­mehr tief in der Seele des modernen Menschen. Cs ist doch.kein Zufall, daß Freiheit und Selbst- Verantwortung der einzelnen Persönlichkeitgleich- zeitig auf dem Gebiete des geistigen Lebens, des wissenschaftlichen Denkens und der religiösen Lieberzeugung, des künstlerischen Schaffens, des wirtschaftlichen und politischen Wirkens als Pa­rolen entstanden sind. Das Zeitalter des Indi­vidualismus, das das Mittelalter überwunden hat, forben die Freiheit des Individuums auf allen Gebieten des Lebens und es ist wiederum' kein Zufall, daß diese Forderungen gerade im 15., 16. und 17. Jahrhundert zu mächtigen, die Zeit bewegenden, die Welt revolutionierenden Parolen wurden. Die geistige Entwicklung der Menschheit bedingte, daß gerade zu dieser Zeit das Freiheitsideal entstand, es ordnet sich orga­nisch in die geistige, gesellschaftliche Entwicklung des Menschentums ein, die wir überblicken können.

Die Forderung nach Freiheit und Selbstver- antwortung des Menschen in der Wirtschaft war deshalb nur eine Seite der Sache. Zugegeben, daß es eine sehr wichtige Seite war. Denn die gleichzeitige Entfesselung freien wirtschaftlichen Denkens und freier wirtschaftlicher Energien hat die größten zivilisatorischen Fortschritte gebracht, die die Menschheit jemals erlebt hat. Fort­schritte, nicht nur für einzelne begüterte Schich­ten, sondern für alle Schichten, die an der Wirt­schaft beteiligt sind! Die Lohnarbeiterschaft hat hieran ebenso teilgenommen wie die Bauern, die Handwerker und andere Schichten des Dolkes. Sie

Reallöhne sind im Laufe des vorigen Jahrhun­derts verdoppelt und verdreifacht worden, die Zahl der Bedürfnisse, die mit dem Lohn befrie­digt werden können, hat sich auch für den Lohn­arbeiter vervielfältigt. Sazu kommt die Fülle der aus der Kraft der Wirtschaft finanzierten Ein­richtungen des Staates und der Gemeinden für kulturelle und hygienische Zwecke, für Verwal­tung, Rechtsprechung, Schuh und Sicherheit usw. Es ist selbstverständlich, daß diese Feststellung nicht die Aufforderung an die Lohnarbeiterschaft einschlieht: Ihr habt genug, seid zufrieden! Sie dient nur dem Rachweis, daß alle Schichten des Volkes voranlommcn, wenn der Staat jedem, der nützliche Arbeit leisten will, dieses erlaubt. Lind hieran knüpft sich die Folgerung, daß wir hinsichtlich des weiteren Fortschrittes der wirt­schaftlichen Lage der Massen unseres Volkes und der Lieberwindung der gegenwärtigen Wirt- schaf tsnot sehr skeptisch sein müssen, wenn der Ge­setzgeber nicht einsieht, daß reglementie­rende Eingriffe, so gut sie auch immer ge­meint sein mögen, die wertvollsten Kräfte des wirtschaftlichen Fortschrittes unseres Volkes fes­seln. Wir können auf die großen Leistungen Hin­weisen, die die Entfesselung der persönlichen Kräfte in der Wirtschaft ermöglicht hat und wir sehen andererseits das unsägliche Elend jeden Tag vor Augen, das entstanden ist, nachdem die Staaten der Illusion unterlegen sind, daß sie be­rufen und fähig seien, auf wesentlichen Gebieten der Wirtschaft ihren Gang vorzuschreiben.

Es genügt natürlich nicht, festzustellen, daß die Staaten Fehler machen, denn insbesondere was Deutschland anlangt, müssen wir feststellen, daß die Fehler eines demokratisch regierten Staates untere eigenen Fehler sind. Vielleicht tonnen wir die Irrtümer, denen wir gegenwär­tig verfallen sind, überwinden, wenn wir nach dem Vorbild der Psychoanalyse uns klarmachen.

warum wir ihnen verfallen sind. Wir erkennen dann, daß der Krieg ein sozialistischer Erziehungs- Prozeß war. Sic Verteidigung unseres Volkes verlangte eine Limstellung der Wirtschaft auf den Derteidigungszweck. Sicfe Limstellung wurde, so­weit die Herstellung von Kriegsmaterial in Frage tarn, mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit er­reicht. Das Mtttel hierzu, die Ingangsetzung der Rotenpresse, war allerdings bedenklich und die Versuche, durch Preisvorschriften und Rationie­rung peinliche soziale Auswirkungen der Arbeit der Rotenpresse zu unterdrücken, waren wenig er­folgreich. Der wirtschaftliche Egoismus, der nun einmal den Alltag beherrscht und nur in geho­bener Stimmung durch das Gemeinschaftsgefühl verdrängt wird, wurde dadurch nicht beseitigt, daß wir ihn bürokratisierten. Aber viele Men­schen wurden Nutznießer der staatlichen Ein­griffe, Persönlichkeiten, die vorher von der Wirt­schaft nichts wußten, gelangten zu einflußreichen Stellungen in dem Gebiet zwischen Staat und Wirtschaft. Unternehmer wurden vielfach durch den Staat verwöhnt. Als mit dem unglücklichen Ausgang des Krieges das alte System zusam- menbrad), fand die nunmehr in die staatliche Ver­antwortung getretene deutsche Sozialdemokratie weit über die Kreise der Arbeitnehmerschaft hin­aus eine Gesinnung vor, die, wenn auch nicht die offene Sozialisierung, so doch ein Liebermah staat­licher Eingriffe begünstigte. So haben wir, statt uns auf die Kräfte zu besinnen, die den wirtschaft­lichen Aufstieg schon einmal mit größtem Erfolg getragen haben, das System des Staats- interventionismus eingeführt. Das Er­gebnis ist traurig genug. Cs kommt alles daraus an, daß gegen dieses System mit aller Energie Front gemacht wird, weil wir sonst in wirtschaft­lichem und sozialem Elend verkommen und damit auch als Staat erledigt sind. Wir müssen endlich begreifen lernen, daß im Gegensatz zu der für je­den politischen Snob selbstverständlichen Meinung, daß die wirtschaftliche Freiheit eine vorüber­gehende Epoche sei, der Sozialismus eine vorübergehende Epoche ist. Alle kollek­tivistischen Einrichtungen haben ihre geistige Wur­zel und ihre organisatorische Rechtfertigung i m Kriege. Den Aufstieg und die Vermehrung des Wohlstandes der Menschheit in friedlichen Zeiten zu fördern, sind sie nicht in der Lage. Sie friedliche Aufbauarbeit, die Heilung der Wunden des Krieges und die Vermehrung des Wohlstandes aller Schichten sind Angelegenheiten der Einzelpersönlichkeit, auf deren Freiheit allein unsere wirtschaftliche Zukunft begründet werden kann, sowie die bewunderungswürdigen Leistun­gen der Vergangenheit für sie Zeugnis ablegen.

Großes Schadenfeuer in Gedern.

V Gedern, 30. Mai. (Eigener Drahtbericht des Gieß. Anz.). Auf bis jetzt noch nicht auf­geklärte Weise brach gestern kurz nach 23 Uhr in der Hofreite der Christine Rispel Witwe da­hier ein großes Schadenfeuer au>. In kürzester Zeit standen eine große Scheune, so­wie die Stallungen mit Heuschober in hellen Fl ammen, die sofort auf die Rehengebäude des Kaufmanns K l i g f ch e w s k i Übergriffen. Die Gebäude brannten b i 8 auf d i e Grund­mauern nieder. Das Vieh konnte noch in letzter Minute gerettet werden. Ser Schaden ist beträchtlich. Sie Feuerwehr war innerhalb weni­ger Minuten zur Stelle, mußte ihre Arbeit aber nur auf die Rettung der benachbarten Gebäude beschränken. Sa gerade an dieser Stelle mehrere Hofreiten aneinanbergren^en, war die Sachlage äußerst gefährlich.

Feuer in einer Möbelfabrik.

Friedber g, 29. Mai. (WSN.) Heute brach um 11 Uhr in dem Fabrikgebäude der M ö b e l f i r m a 9 o e d e l Feuer aus, dem das große Möbellager mit zahlreichen fertigen Zimmereinrichtungen zpm Opfer fiel. Die ge­samte Friedberger Feuerwehr hatte eine Stunde lang mit den Löscharbeiten zu tun. Ein Feuerwehr­mann, der in ein Glasdach gefallen war, zog sich Verletzungen zu und mußte ins Krankenhaus ge­schafft werden. Zum Glück blieben die dicht an­grenzenden Nachbarhäuser von dem Feuer ver­schont.

lange und breite Fensterscheibe. Peter und ich haben mit dem Bumerang geübt. Da kam das eben so. Der Mann, dem sie gehört, hak geschrien, daß das sicher nicht billig ist. Er will morgen früh zu dir kommen und es dir erzählen. Er meint, du wirst schön schimpfen, wenn du seine Rechnung für die Scheibe

Tja, Pech ist Pech!", bemerkt der Vater, indem er den Kopf wiegt,aber was denkst du wohl, wie­viel Scheiben ich damals als Junge zerschmissen habe?"

Eigentlich ist es gar nicht wahr, daß es nur eben so gekommen ist", gibt Fritz, eine dunkle und ernste Spannung im zwölfjährigen Knabengesicht zu ver­stehen,ich habe den Bumerang mit Absicht in das Fenster hineingehauen. Weil Peter nicht geglaubt hat, daß ich den Mut dazu hätte! Er würde sich hat er gesagt nach so was überhaupt nicht nach Hause trauen. Und dann habe ich den Bumerang eben ge­nommen und ihn losgeschmissen. So ist das ge­wesen ja!"

Wahrscheinlich hätte ich das an deiner Stelle genau so gemacht", äußert der Vater belustigt,aber nun soll dein armer Vater dafür aufkommen, he?"

Peter hat gesagt, daß er sich nach so was über­haupt gar nicht nach Hause trauen dürfte!", wieder­holt Fritz mit einem sonderbaren Unterton in seiner zwölfjährigen Stimme,und Peter hat noch dazu gesagt, daß sein Vater da aber einen ordentlichen Höllenkrach schlagen würde. Sogar dann, wenn die Sache mit dem Bumerang nur eben so aus Zufall gekommen wäre. Peter hätte da mindestens acht Wochen lang kein Taschengeld gekriegt, bis das Fenster bezahlt ist!"

3o, jo, solche Väter gibt es", sagt fein Gegen­über fröhlich.

*

Frist rutscht unentschlossen auf seinem Stuhl hin und her:

Manfred das ist doch der aus dem vierten Stock hat uns am Samstag erzählt, daß er zur Strafe ohne Abendbrot ins Bett mußte weil er mit feinem guten Anzug in den Schilfmodder hinein­gefallen ist. Und Gerhart hat ein paar mächtige Back­pfeifen von feinem Vater bekommen, weil er erst abends nach zehn Uhr heimgekommen wäre! Lange hat Gerhart gesagt wird er das sicher nicht meh- mitmachen. Am liebsten möchte er nach Bra­silien ausrücken ... jawohl!"

Das ist doch eigentlich schrecklich, wenn ein Junge ZU seinem Vater kein Vertrauen hat", meint der Vater bedauernd,was sind das bloß für Väter!"

Aber der Gerhart und der Manfred werden es ihnen schon mal zeigen!", beteuert Fritz, ohne seine verhaltene Erregung aufzugeben,wenn die nur erst in Brasilien sind! Die anderen Jungens finden das großartig. Was meinst du, wie denen die beiden Vor­kommen! Gerhart hat sich schon eine ungestempelte Briefmarke von Amazonas besorgt; damit will er von dort an seinen Vater schreiben, daß er ihm die Backpfeifen verzeiht. Das ist doch mal ein Einfall, wie?"

Da kann ich ja wirklich froh sein, daß du mir feine Backpfeifen zu verzeihen brauchst", schmunzelt der Vater,wir kommen ohne Brasilien aus ..."

Aber ... wenn mich die anderen Jungens nun fragen, was du getan hast, als du die Geschichte von der Fensterscheibe gehört hast?", stößt Fritz ver­zweifelt hervor,kannst du dir denn gar nicht denken, wie die mich angucken werden? Das glaubt mir doch keiner; das glaubt ja nicht einmal Peter! So einen Vater gibt es ja nicht, werden die sagen! Oder sie halten dich einfach für schlapp. Ganz einfach für schlapp, hörst du! Und ich muß mir das bann mit anhören!"

2Rit einem trostlosen Achselzucken läuft er jählings hinaus.

*

Am nächsten Morgen erscheint dem Vater ein Bekenntnis ratsam:

Sieh mal, mein Sohn, wir wollen uns doch nicht falsch verstehen. Wenn ich dich richtig begriffen habe, bist bu mißzufrieben mit mir, weil bei uns zweien alles so glatt geht. Weil wir ohne Höllenkrach unb ohne Backpfeifen unser Auskommen finben. Und weil du nicht so recht weißt, weshalb bu nach Brasilien ausrüden solltest, um mir von ba eine Postkarte zu schreiben unb mir bies unb jenes zu verzeihen. Da liegt boch ber Hase im Pfeffer, nicht wahr?!"

Wenn ich aber boch ber einzige bin, ber so einen Dater hat!", wirft Fritz bloß zur Hälfte überzeugt ein,unb wenn sie dich für schlapp halten!"

"9a, sollen wir beide denn deshalb nun auch Unfug machen?", erkundigt sich der Vater ein bißchen be­kümmert,willst bu womöglich, baß ich bich verstoße, weil bu eine Scheibe eingeschmissen hast? 9ch kann mich boch schließlich nicht plötzlich in einen Menschen­fresser oerroanbeln. Aber falls es dir Spaß macht.

kannst bu ja ben anberen 9ungens erzählen, daß ich so wäre. Vielleicht reicht bas schon hin, baß bu bir nicht mehr so als Einspänner oorkommst."

So bumm finb bic nicht", äußert Fritz mit Be­stimmtheit,bie kriegen bas sicher heraus, wenn ich ihnen was vorschwinbele. Sogar Peter merkt bas"

Zum Teufel, und wenn sie es merken!", knurrt der Vater, indem er feinem Sohn ermunternd auf bie Schulter klopft,bann zeig ihnen boch, baß em richtiger Vater kein .schwarzer Mann' zu sein braucht, ber Angst unb Schrecken um sich verbreitet. Sag ihnen boch, baß ein vernünftiger Vater gar nichts Besseres tun kann, als ber Kamerab seines 9ungen zu sein unb sich so zu verhalten, wie er sich selbst als Kinb einmal seinen eigenen Vater ge­wünscht hat!"

(Dem Vater scheint es, baß bies ein Wort unter Männern ist.)

*

Als Fritz jeboch gegen Mittag von ber Schule nach Hause kommt scheint es ihm seinerseits billig, noch ein weiteres Wort unter Männern zu äußern:'

Du, barüber hab ich noch nachgebacht ... über bas mit bem .Kameraben'. Also ber Gerhart ist boch mein Kamerab. Unb ber Manfreb ebenso. Na ja unb ber Peter wohl'auch. Unb bann ist noch ber Heinz von gegenüber ba. Unb der Günther aus ber Wei. manschen Straße. Das finb boch alles Kameraden, nicht wahr? Wenn man bie alle zusammenzählt, finb bas ziemlich viel. Unb ba ... ja, unb ba ..."

Run ja", bemerkt ber Vater ein wenig unsicher, unb da meinst du nun, daß du mich als Kameraden eigentlich gar nicht brauchst. Nur so als Vater"

9q", sagt Fritz,als Vater, mit bem man was hermachen kann!"

Hochschulnachrichien.

Professor Dr. Hans Erich Feine in Rostod, bem, wie bereits gemelbet, ber in Kiel neüerrichtete Lehrstuhl für beutsches unb bürgerliches Recht an­geboten würbe, hat zugleich einen Ruf nach Tü­bingen erhalten.

Der orbentliche Professor Dr. Fritz Schulz in Bonn ist in gleicher Eigenschaft in bie juristische Fakultät ber Universität Berkin versetzt worben. Hier übernimmt er als Nachfolger bes Geheimen 9ustizrats Th. Kipp ben Lehrstuhl bes römischen unb bürgerlichen Rechts.