Ausgabe 
30.5.1931
 
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Nr. M Erster Blatt

18s. Jahrgang

Samstag, 30. Mai Ml

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Diumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gieren.

Vertrauen.

Don Dr. Paul Rohrbach.

QBir sind jetzt wieder, zum ersten Male seit der Napoleonischen Zeit, an den Punkt gekommen, wo cs für die breiteren Schichten sinnfällig und mate­riell fühlbar wird, was es heißt, ein Volk hat keine ^Handlun gsfreiheit gegenüber Bedrückern, die ihm an Macht überlegen sind. 3ft man sich aber auch an den Stellen, wo unsere verantwortliche Außenpolitik gemacht wird, über den psychologischen Zu st and klar, der sich jetzt in Deutschland ausbreitet? Wir tragen: was wird kommen, wenn wir, nach einer bloß saisonmäßigen und vorübergehenden Besserung der Arbeitslosigkeit und allgemeinen Wirtschaftslage, in einen Winter hineingehen sollen mit sechs bis sieben Millionen Arbeitslosen, mit weiter verkürz­ten Gehältern, mit erhöhten Steuern, mit mehr oder weniger beschnittenen Sozialleistungen und es sind auch dann noch keine Er­folge in der auswärtigen Politik erzielt?

Es geht nicht, der Nation immer neue materielle und seelische Belastungen aufzuladen, wenn man nicht gleichzeitig nachdrückliche Aktionen unter­nimmt, um die auswärtige Lage moralisch und materiell zu erleichtern. Natürlich war dieZvll- union mit Oe st erreich auch in diesem Sinne gedacht, und als die Ankündigung erfolgte, hat sie eine Zeit lang, mehr vielleicht als der Oef- sentlichkeit bewußt war, zur Dämpfung der all­gemeinen Anzufriedenheit beiqetragen. Das Ge­fühl war da: Endlich einmal hat unsere auswär­tige Politik einen entschiedenen Schritt gewagt!

Dies Gefühl hat durch die Vorgänge in Genf einen gefährlichen Schlag erlitten. Zuge­geben, daß die Verweisung der juristischen Seite der Zollunion vor dem Haager Gerichtshof nicht verweigert werden konnte, so muhte doch angesichts der bedenkenlosen Einheitsfront, die sich im Vol- kerdundsrat gegen das Lebensrecht Deutschlands gebildet hatte, und angesichts des erneuten Hohns auf die Abrüstung, von deutscher Seite dem Rat in der allerernstesten und entschiedensten Tonart zu Gemüte geführt werden: Wir verlangen als eine souveräne Nation angesehen zu wer- den, und fällt jetzt noch ein Tropfen in den Becher, so läuft er über; dann sind wir Mitglied des Völkerbunds gewesen. Unter die­sem Eindruck hätte der Nat auseinander gehen sollen, und daß es nicht geschah, hat der Negierung ein Stück von dem Boden entzogen, den sie braucht.

3n den Tagebuchblättern Leovold von Nankes gibt es eine Stelle von tiefer politischer Weisheit. Sie lautet:

Sn der Welt befindet sich immer ein ide­aler Schwung der Mehrzahl, der Mittel- mähigkeit, wenn man will, der sich zuweilen literarisch, zuweilen politisch äußert. Für ben Staat kommt außerordentlich viel dar­aus an, daß diese Macht i h m angehöre, we­nigstens nicht wider ihn sei; die beschränkte Idealität der Mittelmäßigkeit. Sie hat zu­gleich häufig durch ihren moralischen Inhalt etwas Respektables."

Mit dem eigentümlichen AusdruckSdealität der Mittelmäßigen", meint Nanle, weit entfernt von aller Nichtachtung, das natürliche Verlangen des durchschnittlichen Dolksangehörigen. daß er auf seine Negierung als auf den Träger der morali­schen Kräfte in der Staatsführung vertrauen bürfe. Eben darum geht es bei uns heute, um nicht mehr und nicht weniger. Es geht nicht mehr um Parteien, nicht mehr um die doktrinäre Einstel­lung vonrechts" undlinks", sondern es geht darum, daß die Negierung in Gefahr ist, die Fühlung mit der Volks st immung ganz und gar zu Verlierern

Wenn, wie es jetzt der Fall ist, in Deutschland mit Notverordnungen über Notverordnungen re­giert werden soll, so muß dafür gesorgt werden, daß im politisch gebildeten und lebendigen Teil des Volks die Empfindung herrscht: es wird we­nigstens der energische Versuch zu einer Politik der auswärtigen E n t l a st u n g gemacht, die auch dem deutschen Selbstgefühl etwas gibt. Was wir jetzt erleben, ist nur das Sichtbarwerden eines Zustandes, den die Klügeren schon 1919 voraus­sahen und der latent immer bestanden hat. Dee neue und große politische Nealität aber ist, daß jetzt eine viel weitere Schicht diesen Zu­stand fühlt, ihn in seinem Zusammenhänge begreift unb darum von unseren Staatsmännern eine an­dere Politik verlangt.

Sn Cheguers wird von der Tributfrage ge­sprochen werden, und schon ist der Versuchsballon in die Höhe gegangen: Zwei Milliarden Mark lan^iristige Anleihe für Deutschland, wenn wir aushören, von Nevikion des Voung-Plans zu spre­chen. Mit Verlaub, das geht nicht. Wenn jetzt tr-.rber nichts anderes herauskommt als neue Schulden und vielleicht ein Versprechen,zur gegebenen Zeit" werde man weiter mit uns ver­bandeln. dann ist die völlige Dertrauenskata- stropße gegenüber der Negiercmg nicht mehr auf- ?ubglten und der Schaden davon wäre für Deutschland größer, als b' das Ende einer Negierung. Sebcrmann weiß, daß durch die all­gemeine Preissenkung auf dem Weltmarkt praktisch ist sie dasselbe, wie eine Steigerung des Goldwertes unsre Tributlast gänzlich unvorher­gesehener Weise in anderthalb Iahren um 30 Pro­zent g e st ie gen ist. Niemand aber versteht, war­um nicht schon längst gegen diesen Mehrdruck etwas unternommen wurde! Es hieß, erst müsse im Snnern saniert werden. Inzwischen ist aber längst evident, daß diese Sanierung gar nicht In unserer Macht liegt, weil ohne Dehe- *

Erst Brot, dann Reparationen!"

Mißtrauensvotum der Landvolkpartei gegen Minister Curtius.

Münster i. TI., 29. Mai. (CNB.) In Münster tagten am Donnerstag Parteivorstanb und Reichs­tagsfraktion des Deutschen Landvolkes. Im An- fchluß daran fand im Schützenhof eine von mehr als 2000 Personen besuchte Kundgebung der An­hänger der Partei aus ganz Westfalen statt, lieber die Sitzung des Parteivorstandes und der Reichs­tagsfraktion wurde ein Bericht ausgegeben, der besagt, daß die politische Lage besprochen und dabei der schweren Enttäuschung über den Ausgang der Genfer Beratungen und das Ausbleiben durchgreifender Maß­nahmen zugunsten der bäuerlichen Beredelungswirtschaft Ausdruck gegeben wurde. Weiter heißt es: Parteivorstanb und Frak­tion erwarten, daß aus den diplomatischen Mißerfolgen des Außenministers Dr. Curtius die entsprechenden Folge­rungen gezogen werden und in kürzester Frist die auf Grund des Zollermächtigungsgesetzes mög­lichen Maßnahmen zugunsten der bäuerlichen Ber- edelungswirtschaft in ausreichendem Maße getrof­fen werden. Sollte die Reichsregierung, etwa unter dem Druck der Sozialdemokratie, sich gegenüber den aus nationalen und wirtschaftlichen Gründen not­wendigen Forderungen ablehnend verhalten, so muß das zwangsläufig Rückwirkungen auf die Reichs­tagsfraktion' haben. Parteivorstand und Fraktion können sich auch von der kommenden Not­verordnung eine grundlegende Besserung der Verhältnisse nicht versprechen, wenn nicht beschleu­nigt die Reparationsfrage von der Reichs­regierung aufgegriffen und mit aller Deutlichkeit aus­gesprochen wird, daß das deutsche Volk die Tribut­lasten nicht zu tragen in der Läge ist. Das Wort muß endlich Geltung bekommen:Erst Brot, bann Reparatione n!"

Auf den Tenor biefer Mitteilung waren auch die beiden Referate der Reichstagabgeordneten Dr. Ge- reke und Hepp zugeschniten. Dr. Gereke führte

u. a. aus: Ohne eine gesunde Landwirtschaft gebe es keine Möglichkeit, aus der schweren Zeit heraus­zukommen. Eine gesunde Kaufkraft der Landwirt­schaft sei eine der wesentlichsten Voraussetzungen. Die Haushalte von Reich und Ländern würden durch die ungeheuren Wohlfahrts- l ast en über den Hausen geworfen. Die Bauern­schaft erhebe nachdrücklich die Forderung nach strengster Sparsamkeit und auf Aende - rung des Finanzausgleichs-Schlüs- f e I s. Der Zustand auf dem Gebiet der kommunalen Verwaltung laufe auf eine Bevorzugung verschwen­derischer Großstädte hinaus. Gegen die Landwirt­schaft seien Kräfte am Werke, die einen Druck auf die Reichsregierung ausübten, um das, was Schiele und das Landvolk mühsam aufgebaut hätten, zu zertrümmern und mit dem SchlagwortNieder mit dem Brotpreis" eine Bresche zu schlagen in das Z o l l s y st e m. Es werde auch der Versuch gemacht, den ungeheuren Mißerfolg Dr. Cur­tius' in Genf dem Ernährungsminister in die Schuhe zu schieben. Der Außenminister habe nicht mehr das Vertrauen des Landvolkes. Dr. Gereke streifte darauf die in Aussicht genommene Not­verordnung und betonte, daß dem deutschen Volke weder eine Anleihe noch Steuer- erhöhungen den Ausweg aus den Schwierig­keiten bringen könnten. Das Volk sei am Ende seiner Kraft.

Der stellvertretende Parteivvrsitzende, Reichstags- abgeorbneter Hepp, erklärte, die Frage der Sa­nierung der Landwirtschaft sei zu einem großen Teile eine Preisfrage, die gelöst werden müsse auch gegen gewisse Kreise der Verbraucher­schaft. Wenn Dr. Brüning den Forderungen Schie­les gefolgt wäre, befände sich die Landwirtschaft heute in einer wesentlich besseren Lage. Die Reichs­regierung müsse alles aufbieten, um die Landwirt­schaft durch geeignete zollpolitische Maßnahmen zu schützen.

Die Sanierung der Oesterreichischen Kreditanstalt

Oie BZZ. vermittelt einen Stühungskredit. Oesterreich Mittelpunkt der europäischen Wirtschastsdepression. - Oer Londoner Geldmarkt und die Reparationsfrage.

Wien, 29. Mai. (TA.) Nach einer Mitteilung der BIZ. haben sich zehn ber größten Zentralbanken bereiterklärt, der Oester- reichischen Nationalbank einen Devisenkre- b i t zur Verfügung zu stellen, der in Derbinbung mit den übrigen Maßnahmen ausreichen wirb, bie Stabilität ber österreichischen Währung aufrechtzuerhalten. Nach Mitteilung ber Oesterreichischen Nationalbank wirb als Vertreter ber auslänbischen Gläubiger Prof. N i st von der Bank von Frankreich bei ber Oesterreichischen Krebitanstalt als Auf- s i ch t s o r g a n fungieren.

Auf ber Sitzung des Londoner Sonder- a u s s ch u s s e s. ber in Verbinbung mit ber An­gelegenheit der Oesterreichischen Krebitanstalt ein­gesetzt worben ist, erklärten sich die Londoner Banken damit einverstanden, ihre Depositen bei ber Kreditanstalt zu belassen, vorausgesetzt, daß die österreichische Negierung die Bürgschaft übernehme. Da diese Bürg­schaft inzwischen vom österreichischen Parlament genehmigt worden fei. bestehe kein Grund zur Beunruhigung. Es würde jedoch nicht fair fein, wenn man bie ganze Last auf den Londoner Schultern ruhen liehe. Paris und Neuhork sollten ebenfalls ihren Teil dazu beitragen, denn es liege im allgemeinen Interesse, ein finan­zielles Anheil zu vermeiden. Die Zusammenarbeit aller führenden Finanzzentren sei dringend not­wendig. Es sei eine kurzsichtige Politik, in schwierigen Zeiten die Kredite einzuschränken.

Auch dieFinancial Times" seht sich für inter­nationale Zusammenarbeit ein. Oesterreich, das

gleichzeitig schwierigen politischen und wirtschaft­lichen Problemen gegen überstehe, sei vorläufig der Mittelpunkt der Depression in Europa. Hierdurch werde auch das Schicksal Deutschlands unmittelbar berührt. Die Verhält­nisse seien dort keineswegs so, daß sie zu In­vestierungen durch Ausländer ermutigten. Die Nervosität in Frankreich sei in erster Linie schuld an der Zurückziehung der Kredite und dem Verkauf der deutschen Pa­piere. Wahrscheinlich seien die amerikanischen Verkäufe zum größten Teil auf die Eindrücke zu­rückzuführen, die bie hartnäckigen Erörterungen bes Neparations- und Schuldenproblems wäh­rend der Konferenz der Internationalen Han­delskammer in Amerika hervorgerufen hätten. ES sei bekannt, daß Amerika seine Haltung in der Schuldenfrage bisher nicht geän­dert habe. Deutschland werde seine Verpflich­tungen bis zum Letzten zu erfüllen suchen, aber es werde bie Grenze seiner Leistungs­fähigkeit im nächsten Iahre, wenn nicht schon in diesem Iahre. erreichen. Die Erklärung eines Moratoriums müßte in der ganzen Welt, allerdings nicht notwendigerweise auch in England, einen Rückschlag verursachen. Dennoch deuteten Anzeichen daraus hin, daß die Reichsregierung die Reparationsfrage aufwerfen werde. Die Lage der Zentralbanken in Deutsch­land und Oesterreich sei gesund, aber man müsse Geduld und Ausdauer haben, um sie durch die politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten hindurchzubringen, bis sie wieder vollstes Ver­trauen genössen.

bung der Weltwirtschaftskrise die deutsche Wirt­schaft gar nicht in Ordnung lommen kann, und weil, wenn zu der Krise noch die Tributlast bleibt, kein Gedanke an Ausgleichung des Etats ist. Er­sparnismaßnahmen auf der Ausgabenseite bedeu­ten praktisch zugleich Verminderung auf der Ein­kommenseite, denn die Steuerschraube ist bei uns schon überdreht, und jede ins Gewicht fallende Gehaltskürzung, zumal in den mittleren und un­teren Schichten, wo doch allein die Masse es bringt, schwächt die Kaufkraft.

Ohne dieIdealität ber Mittelmäßigen" kann keine Negierung auf die Dauer leben, und am allerwenigsten eine Negierung wie die jetzige deutsche. Wenn sie sich dies moralisch-politische Betriebskapital erhalten will, so muß sie jetzt zwei Dinge tun. Erstens muß sie das Ausland vor die Alternative stellen: entweder die im Voung- Plan gegebene Zulage der positiven Mitarbeit 21IIer für die Ab'eistung der deutschen Verpflich­tungen wird erfüllt, oder Deutschland verwei­gert weitere Mithilfe an feiner eigenen Erwür­gung. Zweitens aber muß die Negierung, statt der öffentlichen Meinung im eigenen Lande Vor­lesungen über Genfer politische Taktik zu halten, vielmehr eben diese öffentliche Meinung zum Dun- genossen aufrufen, um dem Ausland deutlich zu machen: Deutschland ist am Ende nicht nur der

Erfüllungs-Möglichkeiten, sondern auch des C r - füllungs « Willens! Was das Ausland bisher der deutschen Regierung nicht geglaubt hat, wird es sich dann wohl bequemen müssen, der deutschen Ration zu glauben.

Thüringen.

Weimar, 30. Mai. (TA.) Der Staats­haushalt des Landes Thüringen für 1931. öer in Einnahmen und Ausgaben mit 167,48 Millionen balanciert, wurde vom Thüringer Landtag nach außerordentlich stürmischer Aus­sprache mit 18 gegen 10 Stimmen angenom- m e n. Für den Etat stimmten die Regierungs­parteien (Deutsche Volkspartei, Wirtschaftspartei und Landvolkpartei), während die Nationalsozia­listen und Kommunisten dagegen stimmten. Die Sozialdemokraten, die Staatspartei und die Deutschnationalen enthielten sich mit insgesamt 21 Stimmen der Stimme. Ein sozialdemokratischer Antrag, den Vertrag mit Prof. Schulze, Naumburg, abzulehnen, wurde mit den Stimmen der Sozialdemokraten, der Kommunisten, der Staatspartei und der Deutschen Volkspartei gegen die Nationalsozialisten, Deutschnationalen und einen Abgeordneten der Wirtschaftspartei, bei Enthaltung der Landvollpariei und der übri­gen Wirtschaftsparteiler angenommen.

Randnoten.

Auf den Pfingsttagungen des Vereins für dasDeutschtum im Ausland wird in den zahlreichen Sitzungen und Veranstaltungen eine Fülle von Arbeit geleistet. Cs handelt sich nicht nur um die Berichterstattung über die Lage in den einzelnen Gebieten des Grenz- und Ausland- deutschturns, nicht nur um die inneren Organisa­tionsfragen, sondern auch um bie Vorbereitung und Durchführung der praktischen Kleinarbeit. Diesmal in Aachen standen die berufsständi­schen Fragen im Mittelpunkt der Sitzungen. Neben der Angestelltenschaft hat es sich vor allem um eine Arbeit er tagung und eine Dauerntagung gehandelt. Daß die christlichen Gewerkschaften ohne Vorbehalt an der Volksdeutschen Sache mitarbeiten können, ist selbstverständlich. Nach den Erklärungen des Duisburger Polizeipräsidenten Meyer, der als Vertreter der Freien Gewerkschaften sprach, scheint es aber doch, als ob auch die Sozialdemokratie auf t*m Wege wäre, in den großen nationalen Fragen des Gesamtdeutschtums zu einer der Lage des Deutschtums in der Welt angemessenen Hal­tung zu kommen.

Im Gegensatz dazu sind bei den Bauernfragen von vornherein alle politischen Gesichtspunkte aus­geschaltet. Hier handelt es sich darum, der Tat­sache Rechnung zu tragen, daß die volksdeutsche. Frage in Europa, insbesondere im Osten, in erster Linie eine Bauernfrage ist, so daß auch der innige Zusammenhang zwischen den deutschen Bauerngruppen drinnen und draußen hergestellt werden muh. Außerdem gilt es gerade in der heutigen Notzeit, die Gegensätze zwischen Stadt und Land auszugleichen, um die ge­samtdeutsche Entwicklung nicht daran scheitern zu lassen, daß die großen Volksschichten sich nach der Pfennigrechnung des Brotpreises spalten.

Doch dieses Ringen um volksdeutsche Gemein­schaftsarbeit auch im täglichen Leben der Be­rufsstände war nicht das große Erlebnis von Aachen. Das war die Masse der Zehn­tausend frischer Iungen und Mä­del. die durch die Straßen flutete und mit ihrem Schwung auch den Erwachsenen den nötigen Auf­trieb gab. Das waren vor allem bie gemein­samen Massenfeiern, die Abendfeier im Wald- stadion mit dem anschließenden Fackelzug in die Stadt und der Festzug am Pfingstmontag, bei dem alle deutschen Stämme die historischen Ge­burtsstätten alter deutscher Kaiser- und Reichs- Herrlichkeit grüßten. Dieses Erlebnis der vorbe­haltlosen Verbundenheit im Geist volksdeutscher Arbeit möge weiterwirken draußen im Lande und insbesondere der Heranwachsenden Generation die Tatkraft zur Erfüllung einer besseren Zukunft ver­mitteln.

Wer die sudetendeutschen Bäder in der Tschechoslowakei aufsuchen muß, um den ramponierten Körper gehörig aufbügeln zu las­sen, der bekommt bei der Fahrkartenausgabe ein Formular in die Hand gedrückt, das bei minde­stens zehntägigigem Aufenthalt in den betreffen­den Badeorten für die Rückf ahrt zur Grenze eine Preisermäßigung von fünfzig Prozent verspricht. Das ist schon eine feine Sache. Aber sie wird noch weiter ver­bessert durch eine andere Zusahvergünstigung. Der Reisende darf sich die tollsten Amwege leisten, die Preisermäßigung bleibt ihm sicher. Damit wird denn auch erreicht, daß die Besucher der Bäder sich ein wenig das fremde Land ansehen und überall bleibt Geld hängen. So wird der Fremdenverkehr trotz der scheinbar weitgehen­den Ermäßigung eine lohnende Sache; was da wirklich an Fahrgeld erspart wird, schlägt der Reisende bei seinem Aufenthalt in der neuen Um­gebung auf den Kopf, und darüber hinaus noch einiges mehr!

In Paris machen sie in diesem Iahre einen großen Rummel mit der französischen Kolonial­ausstellung; auch die reiselustigen Deutschen sind als gute Gäste herzlich eingeladen. Damit sich aber der Fremdenstrom nicht nur auf die Metropole beschränkt, sondern seine Reisekasse auch über die französische Provinz verteilt, haben die Franzosen eine altbewährte Schweizer Einrichtung über­nommen und noch ausgebaut: Man kauft sich eine Netzkarte für die Eisenbahn und befahlt da­für den Betrag, der normalerweise für die Zurück­legung von 200 Kilometer ausreichte. Aber mit dieser Netzkarte darf der schaulustige Reisende bann ganz Frankreich abklappern, kreuz und quer, wie es ihm beliebt; das kostet keinen Pfennig mehr. Der also vom Wandertrieb befallene Fremde wird sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, wird dabei aber genötigt fein, hier und da und überall sein Geld auszugeben. Wieder ist mit einem sehr geschickten Trick eine große Wirkung erreicht.

Hierzulande aber überanstrengt man sich nicht. Da wird einegroßangelegte" Werbung für den Fremdenverkehr betrieben, viele Stellen tun das, die Reichsbahn, die Post, die Bäder, die Kur­orte und die Sommerfrischen und noch zahlreiche Organisationen. Doch die Sache hat keine Stoß­kraft. Es wird erbittert darum gerungen, den reiselustigen Fremden in unser Vaterland zu bringen, indem wir ihm soviel Hchönheit, auf­merksame Bedienung, fließend warmes und kaltes Wasser und andere angenehme Dinge versprechen. Aber dfe Hauptsache vergessen wir. Wohl wird von unserer Preiswürdigkeit erzählt, doch fehlt dabei der Anreiz, das Lockmittel. Geld ist auch im Auslande eine wichttge Angelegenheit, und wenn man dem Reiselustigen so und soviel Pro­zent Preisermäßigung auf die Fahr­karte verspricht, zieht das viel mehr als das verlockendste Plakat. Die Reichsbahn will gewiß rentabel arbeiten, aber sie hat auch ihre wichtige