Ausgabe 
30.3.1931
 
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Kreuzweg der Liebe.

Roman von Paul Grabein

Urhebevrechtsschutz: RomandienstDigo", Berlin W 30.

13. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Vergnügt vor sich hinlachend, schenkte Drenck sich abermals ein. Gottlob, er hatte es doch noch nicht verlernt. Er stand noch seinen Mann, Wenns darauf ankam! Sn einem ihn wohlig durchströmenden Kraftgefühl reckte er seinen rechten Arm. 3a, er fühlte es: da war noch Mark drin! Seine Jugend und Elastizität waren doch nicht totzumachen.

Herr Gott, was war er glücklich heute, ec hätte Bäume ausreihen mögen, so kraftstrotzend fühlte er sich: es trieb ihn förmlich, irgendwie diesen Kraftüberschuh zu betätigen. Seine Rechte spannte sich um das Glas und in der Freude an diesem Kraftgefühl stürzte er abermals den Wein bis zum letzten Tropfen hinab . ..

Ursula war länger drauhen ausgehalten wor­den, als sie dachte. Rachdem in der Küche alles erledigt war und sie wieder nach vorn gehen wollte, kam gerade der Kaufmann aus der Stadt richtig, es war ja heute Freitag! und es galt, mit den Mädchen den Laufzettel für ihn fertigzustellen. Ein ziemlich zeitraubendes Werk. Endlich aber war es erledigt. Ml ihre Pflichten waren erfüllt, nun konnte sie wieder zu Freddy hinüber.

Mit leichten Schritten huschte Ursula in das Schlafzimmer zur Waschtoilette hin. 3hr war so froh zumute, dah sie eine Melodie vor sich hinsang. Wie dankbar war sie gegen das Schick­sal, das ihnen nach so viel Trübsal nun endlich einen solchen Sonnenblick gesandt! Was für «in prächtiger Mensch dieser Recknitz, und wie rei­zend konnte nun ihr Leben werden!

Freddy hatte ja nun endlich einen Freund, dec ihn aufhcitcrte, und wie wohltuend würde für sie beide diese Ablenkung durch geselligen Ver­kehr fein. Gott sei gelobt, das schreckliche Ge­spenst in ihrem Hause, vor dem sie sich insgeheim so geängstigt hatte, es war gebannt. Run konnte auch sie noch einmal sich ihres Lebens freuen. Ach wie kindisch freute sie sich auf dieses Kostüm­fest!

..Gnä' Frau? Gnä' Frau!"

Gellend scholl der Angstruf plötzlich in ihr Ohr, so dah sich ihr im ersten Erschrecken dos Herz zusammenkrampfte. Es war die Stimme des Hausmädchens, das sie suchend, türenwerfend durch die Zimmer flog.

Run kam sie hereingestürzt, kreidebleich mit allen Anzeichen tödlichen Entsetzens.

Um Himmels willen Life, was ist?"

3n ihrer Angst packte Ursula plötzlich das Mädchen mit krallendem Griff. Das stierte sie mit entsetzten Augen an und zitterte am ganzen Leibe.

Ach, gnä' Frau wie ich eben ins Eßzimmer komme, um den Tisch zu decken"

So reden Sie doch! Doch nicht der Herr?"

Das Mädchen nickte schlotternd.

Er liegt auf dem Sofa und"

Ursula horte nichts weiter. Wie eine Un­sinnige stürzte sie hinüber ins Chzimmer.

Aber der erste Blick, den sie auf den tod­blassen Mann dort warf, vernichtete die letzte Hoffnung, dah vielleicht nur eine äußere Ver­letzung nein! Das Furchtbare war eingetreten, vor bem die Aerzte immer so eindringlich ge­warnt hatten. Alles Schonen, olle die Opfer dieser trostlosen letzten drei Vierteljahre waren umsonst gewesen: Ein furchtbarer Blutsturz hatte Fred befallen!

Es ging zum Abend. 3m Herrenzimmer, wo schon die Lampe auf Freds Schreibtisch stand, sah Ursula. 3m Schein des grünseidenen Licht­schirmes erschien ihr Antlitz noch fahler, als es war. Mit fest oufeinandergebissenen Lippen schrieb sie einen Brief an Herrn von Recknitz über das Furchtbare, das sich kurz nach seinem Abgang zugetragen hatte. Und was der Arzt gesagt, der einige Stunden später gekommen war: der Zustand Drencks sei zwar nicht hoff­nungslos, aber sehr, sehr ernst. Und wenn er auch, wie wohl zu erwarten fei, diese Attacke überstehen würde, so bestände doch immer die Gefahr einer Wiederkehr. Mso sei die pein­lichste Schonung des Patienten dauernd geboten.

Damit seien natürlich alle ihre heutigen Pläne von Grund aus zerstört. An ein geselliges Leben sei überharwt nicht mehr zu denken. Sie mühten froh sein, wenn es gelänge, Freds Dasein zu erhalten. Fürs erste müsse sie daher, im 3n- tereffc des Kranken, auch bitten, von einem Be­such absehen zu wollen.

Run war der Brief beendet. Auf Ursulas Klingeln erschien das Mädchen und erhielt An­weisung, das Schreiben dem Postboten heute abend noch mitzugeben.

Wieder allein, sank Ursula in den Stuhl zu­rück. Regungslos sah sie und starrte vor sich hin. 3n dieser grauen Stunde flog ihre Seele rück­wärts durch die ganze Zeit ihrer Ehe, so kurz erst, aber schon so überreich an Leid und Selbst­verleugnung. Wenn sie das hätte ahnen können, damals, als sie von Mitleid und Schuldgefühl getrieben, Fred ihre Hand gereicht hatte! Sie hatte ja freilich gewuht, dah sie einer ernsten, schweren Zukunft entgegengehen würde, aber doch nicht bar einer jeden Hoffnung. Damals durfte, sie noch die Erwartung hegen, dah die Zeit Freds Zustand bessern würde, und vor allem, wie es auch kommen würde, dah ihr Besitz ihn ent­

schädigen würde für das, was das Leben ihm versagen sollte. Aber nun?

Vorbei alles Hoffen! Der heutige Tag hatte Ursula ihr Los in seiner ganzen trostlosen Furcht­barkeit enthüllt: Fred war ein verlorener Mann, und 'sie konnte ihm nichts sein! Richt einmal dieser letzte Trost, der ihre Selbstaufopferung vielleicht noch erträglich gemacht hätte, war ihr geblieben. Und das war das Allerschrecklichste, daß dies Opfer nutzlos war!

Zum ersten Male stand ihr Schicksal in feiner entsetzlichen Wirklichkeit vor ihren Augen: an einen langsam Hinsterbenden gefesselt, lebendig begraben, sie, deren junges Blut nach dem sonnigen, bunten Leben so sehnsüchtig pulste.

Eine Totenangst schnürte Ursula die Brust zusammen. Cs ward plötzlich so schwarz, so eng um sie, als müsse sie ersticken, als würde sie in die dumpfe Gruft gezwängt.

10. Kapitel.

Laut hallten die lang schwingenden Klänge des Gong durch das Haus: Ein Uhr! Das Zeichen für die 3nsassen des Sanatoriums, sich in den Speisesaal zu begeben.

Drenck, der schon angezogen am Fenster ge­standen hatte, ging an die Tür zum Rebenzimmer und klopfte an:

Bist du fertig? Cs ist so weit."

Statt jeder Antwort öffnete sich die Tür, und Ursula trat zu ihm. Auch sie war bereits mit der Toilette fertig gewesen, aber drinnen für sich geblieben. Sie kannte des Gatten nörgelnde Stimmung, jedesmal in den ersten Tagen, wenn sie in ein neues Hotel oder Sanatorium gekom­men waren. Und sie waren hier, in der Heil­anstalt auf der Derghöhe, am Genfer See, ge­rade erst vor ein paar Stunden airgekommen. Da hatte Ursula sich den sie nur verstimmenden kritischen Anwandlungen des Gatten lieber ent­zogen: sie muhte ihre Kraft für ernstere Auf­gaben aufsparen.

Seit drei 3ahren reifte sie nun schon mit Drenck durch die Welt, den Winter stets im Süden oder Hochgebirge, die Sommermonate im deutschen Bergwald zubringend. Der Zustand des Gatten war seit der Erholung von jenem schweren Anfall immer derselbe geblieben. Er war und blieb ein hoher Schonung bedürftiger Patient und sie seine Trösterin, die ihn in Stunden der Verzweiflung wieder aufrichtete mit Worten der Zuversicht, an die sie selbst im 3nnersten nicht mehr glaubte. Sie hatte in diesen 3ahren die schwere Frauenkunst gelernt, mit blutendem Her­zen zu lächeln.

Drenck furchte die Stirn, als er sie so schnell heraustreten sah, die, wie er gewähnt hatte, noch mit ihrem Anzug beschäftigt war.

Warum läßt du mich denn so lange hier allein herumstehen?"

3ch war ja gerade eben erst fertig geworden",

beschwichtigte sie ihn, wie eine Mutter ihr krän­kelndes Sorgenkind gütig, aber mit einer überlegenen Bestimmtheit im Ton. So nahm sie auch seinen Arm und drängte ihn sanft zur Tür hin, der noch Lust zu einer längeren De­batte zu haben schien. Draußen verbot sich ja: von selbst jede Aussprache, unö wenn auch Drenck allein mit ihr nur allzu oft ben Ton schuldiger Rücksicht vergaß, vor den Leuten beherrschte etf sich doch wenigstens noch immer.

So schritten denn auch jetzt die Gatten schwei- genb nebeneinanber bem Speisesaal im Erdgeschoß zu. Als sie dort eintraten, fanden sie die Gäste schon an der Tafel versammelt vor. Drenck sah sich suchend nach seinem Platz um. Der das Service beaufsichtigende Direktor der Anstalt be­merkte es und trat zu ihm.

Bitte drüben, am oberen Tafelendek Die neu angekommenen Herrschaften sitzen immer neben dem Herrn Doktor."

Drencks nahmen die bezeichneten Plätze ein, nachdem sie der Direktor noch mit ihren Tisch­nachbarn bekannt gemacht hatte. Die üblichen ein­leitenden Gesprächsphrasen wurden gewechselt.

Der Herr Doktor ist noch nicht da", bemerkte Drenck zu der Dame neben ihm: es wurde mit dem Servieren anscheinend auf. ihn gewartet.

Rein, aber er wird jeden Augenblick kommen. Er ist sonst immer sehr pünktlich. »Lehen Sie, da kommt er ja schon!"

Mechanisch drehte Drenck den Kopf nach der großen Saaltür hin, im selben Augenblick fühlte er aber seine Rechte, die auf feinem Knie rufjtfc mit krampfhaftem Druck von Ursula gepreßt. Erstaunt sah er nach ihr hin, die mit dem Aus­druck tödlichen Erschreckens nach dem Eingang hinstarrte. Rasch folgte er ihrem Blick, und nun begriff er: Wigand, der einstige Verlobte seiner? Frau, kam da mit einem anderen Herrn heran- geschritten. Kein Zweifel, er mußte es sein, wenn auch sein Haar schon etwas grau meliert war und feine Züge etwas Fremdes. Donnerwetter das war allerdings eine unerwartete Begeg­nung. Wie mochte der gerade hierher kommen?

Aber, was war das? Run verabschiedete Wi­gand sich von dem fremden Herrn und kam schnel­leren Schritts direkt auf sie zu. Sollte er am Ende? Drenck hatte ja allerdings keine Ah­nung gehabt und bis jetzt nocf> gar nicht darnach gefragt, wer denn der dirigierende Arzt des SanatoriumsAu Chatelard" war: es schien ja wahrhaftig! Und nun sah auch jener hierher, da jetzt hatte er sie erkannt: Ein Zucken ün Gesicht, ein kaum bemerkbares Anhalten des Schrittes, doch bann sofort vollkommenste Selbst­beherrschung! 3m nächsten Augenblick Hat er auch schon ju ihnen an den Tisch. Das alles ging fo schnell, daß Ursula sich noch nicht zu fassen ver­mochte. 3hr Herz schlug ihr bis in den Hals hinauf._________________ (Fortsetzung folgt.)

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